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Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Location Tour – Die schönsten Drehorte Europas

Das sieht ja aus wie im Film! Hat jeder schon mal erlebt. Ein Gebäude, einen Park, eine Szene. Hier muss es gewesen sein. Man lässt im Kopf einen Film ablaufen und sucht nach den Orten, wo der Hauptdarsteller diese eine entscheidende Szene zum Besten gab. Man will wissen, wo die Kamera stand. Viele Orte aus Filmen, die den Zuschauer in ihren Bann zogen sind verschwunden. Wie das zerstörte Wien aus „Der dritte Mann“ – zum Glück. Denn die Trümmer sind einer grandiosen Kulisse gewichen, die bis heute als Filmlocation dienen. Und wer genau hinsieht, erkennt die Tricks der Filmbranche. Denn die Stiftsgasse aus dem Film befindet sich gegenüber der Österreichischen Nationalbibliothek. Und das Haus in der Stiftsgasse ist einem Parkhaus gewichen.

Oft werden Locations, also Drehorte mehrmals benutzt. Das Schloss aus „Highlander“, Schloss Eilaen Donan Castle, diente später als MI-6-Hauptsitz und schon Jahre zuvor in „Der Freibeuter“ als Kulisse.

Schloss Moritzburg erlebt besonders als verschneite Winterlandschaft als Traumziel für alle, die von „Aschenbrödel“ nicht genug bekommen können. Und wer kann schon Schloss Sanssouci in Potsdam besuchen, ohne sich nicht umzusehen, wo Romy Schneider ihren (echten) Tränen freien Lauf ließ?

Wer Rom besucht und sich im Fontana-di-Trevi-Trubel durchaus wohl fühlt, sieht Anita Ekberg im Brunnen herumtollen. Auf der Spanischen Treppe – nur zehn Minuten zu Fuß entfernt – ein Eis essen ist in etwa so unterhaltsam wie „Ein Herz und eine Krone“ mit der unvergessenen Audrey Hepburn, die hier der Welt entrückt genüsslich ihr gelato schleckte. Sie kommt im Buch ein weiteres Mal vor, an ihrem Wohnort am Genfer See erinnert eine Büste an eine der zahlreichen Prominenten, die sich hier niederließen, Chaplin’s World ist nicht minder sehenswert.

Dieser ungewöhnliche Reiseband begeistert, da er zwar Bekanntes zeigt, durch die Fülle jedoch immer neue Reiseideen kreiert. Man kann in dem Buch nach Filmen suchen und die Drehorte finden. Oder man plant für die bereits gebuchte Reise einzelne Ausflüge an Orte, die man von der Leinwand oder aus dem Fernsehen kennt. Es sind Reisebände wie dieser, die eine Reise zu einem echten Erlebnis machen können. Einmal in diesem Buch geblättert und schon lodert die Flamme der Neugier. Von Malta bis Spanien, von Irland bis Kreta erlebt man so manches filmische Highlight noch einmal.

Die schönsten Landschaften unserer Erde

Um es gleich vorwegzunehmen: Bei so mancher Abbildung kommt man ins Zweifeln. Ist das echt? Gibt es das wirklich? Das kann doch nicht wahr sein, oder? Und die Antwort lautet stets: Ja, doch es ist so. Alles echt!

Wenn man aus dem Fenster schaut und das Grau des Alltags sieht, und dann ein wenig in diesem Prachtband herumblättert, kehrt im Handumdrehen die Hoffnung zurück. Mitten in der Namib-Wüste steht ein Kameldornbaum. Auf den ersten Blick denkt man an die letzten Stunden dieses Baumes. Die Wurzeln treten aus dem kargen Boden hervor, so als ob der Baum jeden Moment abzuheben droht. Keine Chance auf Wasser. Über ihm der sternenklare Himmel. Das, was wir so sorglos Zivilisation nennen, ist Lichtjahre entfernt. Und dennoch verströmt diese Ödnis eine Schönheit, die den Betrachter gefangen nimmt.

Wenn das Laub im Indian Summer das Auge vor die Herausforderung stellt, die Farben einzuordnen, sind kleine Details oft von Belang. Vor den Stämmen eines durch und durch grauen Waldes scheinen die roten Blätter eines Laubbaumes wie eine Verhöhnung der Tristesse.

Eine Luftaufnahme aus dem Muddus National Park in Schweden führt erst einmal in die Irre. Wolken, Wald, karges Gebirge. Bei genauerem Hinsehen realisiert man, dass der Berg vom Wasser umgeben ist, auf dessen glatter Oberfläche sich die Wolken am Himmel spiegeln.

Nur drei Beispiele für die Vielfalt der ausgewählten Bilder in diesem Buch. Jedes Bild, jede Seite, oft Doppelseite, ist eine Reise in die Schönheit der Natur. Nicht oft, sondern immer wird man daran erinnert, was es damit auf sich hat, wenn von der Schönheit von Mutter Natur die Rede ist. Und warum wir sie beschützen müssen.

Die Fotografen, die ihre best shots für dieses National Geographic Buch zur Verfügung gestellt haben, tragen immer noch ein Lächeln im Gesicht. Sie haben etwas gesehen, das viele nur aus diesem Buch kennen werden. Es sind nicht einfach nur Momente, die zum richtigen Zeitpunkt festgehalten wurden. Es sind Abbildungen vom oberen Ende der Einzigartigkeit in der Natur. Man fühlt sich privilegiert sich in diese Bilder hineinziehen zu lassen. Einmal um den Erdball und dabei nur das Beste vor die Augen zu bekommen. Oscar Wilde wäre es gerade gut genug gewesen. Man möchte nicht aufhören in diesem Buch zu blättern!

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Taba-taba

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie kam man an einem Buch von Patrick Deville nicht vorbei: „Pest und Cholera“. Darin begab sich Deville auf biographische Spurensuche der beiden Forscher Alexandre Yersin, Pesterfroscher und Pestbekämpfer, und seines Assistenten Louis Pasteur, dem Vater der Bakteriologie.

In „Taba-Taba“, was, wenn man Devilles Neigung zum Reisen kennt, wie ein unbekanntes Land klingt, begibt er sich auf seine wohl persönlichste Fahrt. Es ist die Geschichte seiner Familie, und unweigerlich zieht er Parallelen zur Geschichte Frankreichs. Hierbei unterlässt er es mit Jahreszahlen zu jonglieren wie ein Wissenschaftsjournalist, der vorgibt als Einziger in den Vorlesungen an der Uni aufgepasst zu haben.

Nein, einem Patrick Deville kann man nichts vormachen. Er kennt die Geschichte Frankreichs wie kein Zweiter. Nur die seiner eigenen Familie kennt er nicht. Also nicht so gut. Deswegen, auf in den Norden!

Ein kleiner Junge wächst acht Jahre lang – eine Ewigkeit in diesem Lebensabschnitt! – in einem Lazarett auf. Er hat ein verkürztes Bein. Die Bewohner des kleinen Ortes, vor allem die Kinder, sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht sich das Maul über den Jungen zu zerreißen. Dem Jungen wächst mit der Zeit ein dickes Fell, so dass er das Tuscheln nicht mehr hört.

Auf der Treppe des Lazaretts sitzt zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk ein Mann. Offensichtlich zu Recht, denn er bewegt unablässig seinen Körper vor und zurück. Taba hin, taba her. Mit jeder Bewegung formt sein Mund die mantraartige Taba – Taba – Taba. Dieser Mann und die Bücher der Bibliothek haben mehr Einfluss auf ihn als so mancher Hieb, so mancher Hinweis, so mancher Rückschlag.

Der Junge muss – nicht an die frische Luft – raus! Raus in die Welt. Das wird er eines Tages auch. Doch zuerst will er wissen woher er kommt. Wer er ist. Patrick Deville verwebt in „Taba-Taba“ sein eigenes Schicksal mit dem einer Sehnsucht und des Landes, dessen Bewohner er ist. In Anekdoten kratzt er nicht nur an der Oberfläche der Geschehnisse – vom Algerienkrieg bis hin zur Gelbwesten-Bewegung – er taucht tief zu ihren Wurzeln hinab. Die liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts als seine Urgroßmutter als Kleinkind aus Ägypten kommend französischen Boden betrat. Dass ein Land durch seine Bewohner fortwährend Geschichte schreibt, leuchtet jedem ein. Patrick Deville gelingt es dieser Erkenntnis mit seiner Sprachvielfalt die Kirsche aufzusetzen.

Ariane – Liebe am Nachmittag

Ariane Nikolajewna Kuznetzowa kann einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen. Sie ist ein Charmebolzen, eine Intelligenzbestie und Wildfang in einem. Und sie wie das auch! Bei ihrer Abschlussprüfung lässt sie ihre Lehrer nicht zu Wort kommen und brilliert mit einem Vortrag, der alle verstummen lässt. Dass ihr Lehrer mehr als offensichtlich in sie verknallt ist, gerät darüber hinaus zu Nebensache. Die Schule ist vorbei, sie wird studieren. Was ihrem Herrn Papa – wie er ihr in einem Abrief mitteilt – gar nicht gefällt. Ihre Intelligenz und ihre Empathie wären am Herd zu Hause besser angelegt als in einem lotterhaften Leben an der Uni. Ob er weiß, dass er damit bei Ariane auf Granit beißt?

Die Zeit bei Tante Warwara neigt sich dem Ende zu. Schule vorbei, es wartet das Leben. Vorbei auch die Zeiten, in denen Ariane die Männer um den Finger wickeln konnte wie keine Andere. Selbst der aktuelle Freund von Tante Warwara – auch sie ein Freigeist der besonderen Art – schafft es nicht Ariane zu überzeugen, dass sie bei ihm das Paradies auf Erden hätte. Ariane ist viel zu schlau, um die – besser: Den – Hintergedanken zu erfassen. Wer sie will, ist auf ihren Willen angewiesen. Das kann man Emanzipation nennen, oder Frechheit oder Freiheitsdrang. Das Ergebnis bleibt dasselbe.

Nach Moskau zieht es das Mädchen, dem bisher alles und alle (Herzen) zugeflogen sind. Auch in Moskau scheint alles so weiterzugehen wie bisher. Nicht ganz so einfach, aber dennoch zu einer großen Zufriedenheit Arianes. In der Oper lernt sie Konstantin kennen. Wohl erzogen, vorschnell, gewitzt, forsch. So erobert er ihr Herz. Doch an Liebe denken werde er noch sie. Konstantin ist das männliche Gegenstück zu Ariane. Ob das gut geht?

Die selbstauferlegte Liebesabstinenz muss bald schon echten Gefühlen weichen. Ja, Ariane und Konstantin sind ein Paar. Das erstaunt niemand mehr als die beiden selbst. So war das nicht geplant. Das Drehbuch des Lebens sah vielleicht eine Affäre vor, aber doch keine endgültige Beziehung. Und schon bilden sich Risse im harmonischen Geflecht der Irrungen und Wirrungen der Liebe. Und finde sie auch nur am Nachmittag statt…

Ein Skandal war dieser Roman als er 1920 erschien. Die Leser liebten ihn. Die Kritiker auch, weil sie endlich genug Pulver für ihre Moralkanonen bekamen. Eine Frau, die sich die Männer aussucht wie der Züchter das Vieh. Eine Frau, die mit den Männern spielt. Und es auch noch zugibt. Eine Frau, die einfach nur eine Frau sein will. Mit den Rechten wie ein Mann. Doch dazu gehören eben nun auch einmal die Pflichten. Und da gerät der Motor ins Stottern. Wenn kein Mechaniker zur Hand ist, muss man selbst Hand anlegen. Ohne Werkzeug und ohne Lehrmeister kein leichtes Unterfangen. Und Konstantin? Er war begeistert von den Stunden im Hotel. Von der Routine der Treffen, die ihn (und in seinen Augen auch Ariane) glücklich machten. Jetzt wir die Routine von Grenzen und Enge bestimmt. Das freie Leben ist auch für ihn vorbei. Was beide nicht wissen, was auch Claude Anet nicht zu Papier brachte, ist die Zukunft der beiden. Werden sie jemals wieder so glücklich werden wie im Hotel National? Wird die Liebe den Nachmittag überstehen?

Das Buch von der Riviera

Klaus und Erika Mann sind die wohl berühmtesten Kinder ihre noch berühmteren Vaters Thomas Mann. Bewusst oder unbewusst versuchten sie stetig aus dem Schatten ihres (Über-)Vaters zu treten. Der junge schon recht erfolgreiche Autor und die nicht minder begabte und anerkannte Schauspielerin unternahmen 1931 eine Reise an die Côte d’Azur. Ihre Eindrücke sind in diesem Buch festgehalten.

Das Geschwisterpaar kannte „die eleganteste Küste der Welt“ bereits. So waren sie keine Entdecker im herkömmlichen Sinne. Vielmehr konnten sie Eigenheiten der Bewohner, die Schönheiten der Landschaft und die regionale Küche eingehender betrachten. Fast schon geblendet von ihren eigenen Erfahrungen hasten die beiden zeitweise durch die Gassen Marseilles, über die Boulevards von Nizza, durch die Restaurants zwischen Toulon und Cannes. Wie Reiseredakteure erfassen sie jede auch noch so nützlich erscheinende Information und bauen sie in ihre Aufzeichnungen ein. Im MTV-Stil hetzen sie den Leser von Highlight zu Highlight, schupsen den Leser in Boutiquen, um ihn gleich wieder hinaus zu zerren, weil eine Straße weiter das nächste Abenteuer wartet. Trotzdem überkommt einen nie das Gefühl, dass Klaus und Erika Mann nur an der Oberfläche kratzen. Detaillierte Tipps welches Hotel für welchen Geldbeutel ideal ist, wo die Bouillabaisse am besten schmeckt, wo Jean Cocteau sich verewigte … unzählige Anekdoten bereichern diesen Reiseband.

Den beiden gelingt es spielerisch Emotionen und Fakten zu verbinden. Schon nach wenigen Seiten brennt im Leser das Fernweh. Voll jugendlichem Elan reisen sie von Marseille über Toulon, Cannes, Nizza und Monte Carlo bis Menton. Das sind die Orte, die den meisten Ohren Eleganz, Savoir-vivre und auch ein bisschen Snobismus verheißen. Das war vor knapp 80 Jahren noch nicht ganz so verbreitet, aber die Ansätze waren schon klar zu entdecken. Auch die kleinen malerischen Orte zwischen diesen Touristenhochburgen wie Sanary, Beaulieu, Villefranche, Hyères oder auch Cassis bleiben nicht unerwähnt.

In präzise formulierten Sätzen verleihen die Manns der Riviera die Goldmedaille für Anmut, Grazie und Lebensstil. Frech und ohne Vorurteile begegnen sie einer Welt, die doch so weit weg ist, von dem, was Deutschland in dieser Zeit darstellte. Exakte Wegbeschreibungen erlauben es heute noch teilweise die Wege der beiden zu kreuzen. „Das Buch von der Riviera“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das man vor dem Riviera-Urlaub gelesen haben muss.

Du hast das Leben vor Dir

Dieses ehrenwerte Haus! Madame Rosa ist die gute Seele für ihre Kinderschar. Es sind nicht ihre Kinder, und doch sind es ihre Kinder. Eigene Kinder hat sie nicht, doch sie schon so manchen Sprössling bei sich aufgenommen. Als Tagesmutter oder „in Vollzeit“, so wie Momo. Keiner weiß so recht wie alt er jetzt ist. So um die zehn Jahre müsste er alt sein. Und Madame Rosa – die er zwar nicht Mama nennt, die aber mehr als eine Mutterersatz ist – hat alle Hände voll mit ihm und den anderen zu tun. Quengelt einer, quengeln alle. Und meist ist es Momo, der anfängt und die Anderen mit sich zieht. Sie alle – fünf, sechs, sieben sind es – haben im Madame Rosa die Richtschnur, an der sie sich langziehen, um später einmal das Leben zu meistern.

Momo ist die Ausnahme unter der Rasselbande. Er ist zum Einen der Älteste. Zum Anderen ist er der einzige, für den Madame Rosa Geld vom Jugendamt bekommt. Das reicht hinten und vorn nicht. Ihrer Liebe zu den Bengeln tut das keinen Abbruch. Auch für Momo ist es egal, ob Madame Rosa Geld für ihn erhält oder nicht. Ebenso unerheblich ist es für den Araberjungen, dass Madame Rosa Jüdin ist. Dass sie Auschwitz überlebt hat, kann er in so jungen Jahren noch nicht verarbeiten. Er weiß aber darum.

Wenn es ihn reizt, geht er zu Monsieur Hamil, den Teppichhändler. Mit ihm kann er sich über die Liebe unterhalten. Ob man ohne Liebe leben kann? Hamil und Rosa sind schon im fortgeschrittenen Alter. Da Rosa im sechsten Stock wohnt und es nicht allzu gut um Hamils Kräfte steht, müssen die Kinder immer kräftig mit anpacken, wenn es heißt, Rosa und / oder Hamil in der Wohnung zusammenzubringen. Momo weiß ganz genau, wenn jemand einen Aufzug verdient hätte, dann Madame Rosa. Ein bisschen Eigennutz spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Momos Leben beginnt sich schneller zu drehen als es mit Madame Rosas Gesundheit rapide bergab geht. Sie hat ihm jahrelang so viel beigebracht, dass er nicht in Panik geraten muss. Und er ist erwachsen genug, um ihr einen letzten Wunsch erfüllen zu können…

Die Poesie dieser außergewöhnlichen Beziehung blüht in den Worten von Romain Gary aber der ersten Seite wie eine Blumenwiese im Hochsommer. Die kindliche Naivität des Jungen Momo, dessen Mutter ermordet wurde, dessen Vater keine Rolle spielt, und die zärtliche Strenge der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa verströmt den Duft des ungebremsten Liebreizes. Liest man dieses Buch in einer ruhigen Ecke und hört jemanden herzhaft schmunzeln, ist es höchstwahrscheinlich jemand, der ebenfalls dieses Buch liest. Momos Schlitzohrigkeit, Rosas Chuzpe, das Pariser Viertel Belleville und seine skurrilen Bewohner laden jeden herzlich ein mit ihnen zu lachen und zu leben.

Romain Gary veröffentlichte dieses Buch bereits 1975. Und er bekam den renommierten Prix Goncourt dafür. Schon zum zweiten Mal, was nicht den Regularien entsprach. Das Pseudonym Émile Ajar ermöglichte ihm dieses Kunststück. Die Parallelen seines eigenen Lebens mit denen seiner beiden Hauptfiguren bis zum Ende des Romans sind sichtbar.

Atlas der verlorenen Sprachen

Im Urlaub steht man oft auf verlorenem Posten, wenn man mit einer Sprache konfrontiert wird, die rein gar nichts mit der eigenen Muttersprache zu tun hat. Wenn dann auch die Schriftzeichen an Kinderkritzeleien erinnern als an das in der Schule erlernte ABC, ist der Ofen aus. Nun gibt es aber auch Sprachen, die selbst den Einheimischen ein Fragezeichen über den Kopf malen. Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie nur noch von ein paar hundert Auserwählten verstanden und gesprochen wird. Archäologen und Historiker sehen darin eine Herausforderung. Für den Normalsterblichen sind das dann im besten Fall Bücher mit sieben Siegeln.

Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ vom Duden-Verlag – von wem sonst – gibt diesen Sprachen eine Stimme. Rund um den Globus gibt es tatsächlich noch Sprachen, für die es bei der UNO keinen einzigen Übersetzer gibt. Die Völker stehen nicht nur im Abseits, sie sind gezwungen eine allgemeinverständliche Sprache zu sprechen, die jedermann versteht, und die eigene Sprache als Relikt von anno dazumal als folkloristisches Schmankerl hinter dem Ofen zu verstecken.

Der Atlas zählt nicht nur Sprachen auf, die nur noch von ganz wenigen gesprochen werden oder gänzlich verschwunden sind. Es ist erstaunlich wie viel trotz aller Widrigkeiten noch über diese Sprachen bekannt ist. Welche Besonderheiten besaßen diese Sprachen? Welche Struktur wiesen sie auf? Und es gibt Wortbeispiele, die man im Bedarfsfall sogar anwenden kann. Beispielsweise, wenn man in Litauen unterwegs ist, und man einen der noch rund achtzig SprecherInnen antrifft, die Karaimisch sprechen. Die sprechen natürlich auch litauisch, doch wer spricht schon litauisch? Ein paar Brocken zieht man sich aus dem Reiseband. Aber ein richtiges Gespräch kann man damit immer noch nicht führen. Karaimisch ist eine so genannte Turksprache, eine Sprachgruppe, die man gemeinhin südlicher erwartet. Der Atlas gibt nicht nur ein paar Wörter preis, die auf alle Fälle als Start in ein Gespräch nutzbar sind, sondern gibt nachvollziehbar preis, wie die Sprache aufgebaut ist.

Von Alaska bis in die Anden, vom südlichen Afrika über die Savannen bis in den hohen Norden Europas und die entlegensten Insel der Südsee spricht oder sprach man Sprachen, die schon in Vergessenheit geraten sind, bevor die Worte Gentrifizierung und Globalisierung aufs Tapet gelangten. Sprache als Kulturmerkmal Nummer Eins einmal anders. Das Faszinosum des Verschwundenen und des Verschwindens beflügelt unsere Phantasie (wobei auch hier sicher bald das Ph verschwindet, um dem F Platz machen muss – so viel zum Verschwinden von Sprache und wie es geschieht).

An Liebe stirbst Du nicht

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“… oh, du süßliche, profane, Schlagerwelt! Man zerbricht an ihr, wächst an und mit ihr. Man verteufelt sie im gleichen Maße wie man sie zu umklammern versucht. Die Suche ist verzweifelnd. Wenn man sie findet, ist sie allgegenwärtig. Sie erhöht, und zieht einen in die tiefsten Abgründe. Doch an ihr streben? Non, das geht nun wirklich nicht!

Das werden alsbald auch schon Sie und Er merken. Beide sind im gleichen Alter. Wohnen in Paris. Sie sind erfolgreich, in ihren Berufen. Er ist sogar verheiratet. Hat eine kleine Tochter. Nur zu selten hält er sie im Arm. Ebenso seine Frau. Denn die Liebe ist von einem Ort zu anderen gezogen. Soll heißen: Von einer, seiner, Frau zu einer anderen Frau.

Die ist voller Glück endlich das gefunden zu haben, was sie vielleicht nicht zu suchen wagte, aber nun doch gefunden hat. Und da beginnt das Drama! Wie können sie zusammenkommen? Er ist verheiratet, sie nicht. Dennoch stürzen sich beide in eine amour fou. Denn das Leben hat eigentlich andere Pläne für sie vorgesehen. Er soll erfolgreich im Beruf sein und treu für seine Familie sorgen. Sie ist noch ein bisschen freier. Voller Sehnsüchte kann sie das Leben genießen. Doch die Bande zwischen Ihr und Ihm sind bereits geknüpft. Zarte Bande, die bald schon in einen Gordischen Knoten fest miteinander verwoben sein werden. Große Pläne werden gemacht.

Wenn man sich sieht, treffen sich die Blicke, das Herz rast. Das Begehren ist unermesslich. Die Lösung ist umso befriedigender, wenn sie unentdeckt bleibt. Was nicht immer gelingt. Was bisher im Verborgenen lag, drückt mit Vehemenz an die Oberfläche. Die Zeitachse ist die einzige Konstante in ihrem Verliebtsein.

Es stehen Entscheidungen an. Und da wendet sich das Blatt. So sehr er beruflich diese Entscheidungen trifft, so gehemmt ist er im Privaten. Die Geradlinigkeit im Büro weicht bei ihr einem Zickzacklauf eines Geländeläufers. Immer öfter weicht er aus. Ihr und der unvermeidlichen Zukunft. Bis, ja bis er eine Entscheidung treffen muss…

Géraldine Dalban-Moreynas lässt in ihrem Debüt zwei Menschen aufeinandertreffen wie zwei Feuersteine. Es funkt bei der kleinsten Berührung. Zu Beginn sind es Funken der Liebe. Sie erleuchten das kleine Universum Zweier, die sich unverhofft getroffen haben. Doch je mehr Funken sprühen, desto mehr brennt ein unheilvolles Feuer um sie herum. Diesen Feuerkreis zu durchbrechen, ist die größte Herausforderung ihres Lebens. Alles, was sie bisher erlebten und was sie zu dem machte, was sie sind, ist auf einmal null und nichtig. Noch einmal von der Startlinie in ein neues Leben starten oder versuchen den Staffelstab zu greifen und weiterzulaufen? Diese Entscheidung nimmt ihnen keiner ab.