Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bio

Auschwitz Häftling Nr. 2

Im Zuge der mittlerweile über Hand nehmenden True-Crime-Welle passiert es immer wieder, dass man für den einen oder anderen Verbrecher eine gewisse Art Sympathie entwickelt. So wie in den späten Achtzigern/Beginn der Neunziger der Kaufhaus-Erpresser Dagobert zum kleinen Helden aufstieg, der die Polizei ums andere mal foppte. Ein zweifelhafter Ruhm.

Im Falle des Berufsverbrechers (den Titel bekam er in den 30er Jahren, also Achtung! nazideutsch) Otto Küsel ist die Wandlung zum Helden allerdings nachvollziehbar. Drei Jahre saß er bereits im Konzentrationslager Sachsenhausen ein als er im mai 1940 nach Auschwitz deportiert wurde. Mit einem grünen Dreieck gekennzeichnet, das ihn als Berufsverbrecher kennzeichnete. Er war die Nummer Zwei. Was nicht auf seine Stellung hinwies, sondern lediglich die Reihenfolge der Erfassung betitelt. Er war ein so genannter Kapo. Er teilte Gefangene zum „Dienst“ ein. Er entschied, wer welche Arbeiten zu verrichten hatte. Gefangene, die über Gefangene entscheiden, wer zur Arbeit noch taugt und wer … naja, man weiß um die „Alternative“…

Doch Otto Küsel war schon immer ein widerspenstiger Zeitgenosse. Politik interessierte ihn nicht besonders. Der eigene Vorteil war ihm näher. Das und die realistische Einschätzung der allgemeinen Lage war für viele seiner Mithäftlinge ein Segen. Denn Otto Küsel durfte entscheiden, wer arbeitet, und wer davon verschont wurde. Ja, verschont, denn Arbeit in Auschwitz waren mit Qualen, Pein, Prügel und dem sicheren Tod durch ein weithin sichtbares Band verbunden.

Otto Küsel gelang so gar die Flucht aus dem Massenvernichtungslager. Durch Verrat kamen ihm die Häscher jedoch wieder auf die Spur und abermals lautete die Adresse Auschwitz. Block Elf. Der berüchtigte Todesblock. Durch Amnestie des neuen Lagerleiters entging er dem sicheren Tod. Letzte Station seiner körperlichen Leidensgeschichte war Flossenbürg in der Oberpfalz. Auf dem Todesmarsch kamen die Alliierten noch rechtzeitig, um ihn vor dem geplanten Tod zu retten. Er blieb in der Gegend, nach heimatliche Berlin hatte für ihn jeglichen Reiz verloren, heiratete und gründete eine Familie. Mit denjenigen, die ihm ihr Leben verdankten, stand er bis ins hohe Alter in Kontakt. Er wurde von ihnen nicht vergessen. Dennoch ist seine Geschichte in Deutschland kaum bis gar nicht bekannt.

Sebastian Christ folgte jahrelang den Spuren des hierzulande unbekannten Helden von Auschwitz. Diese Biographie ist ein Mahnmal gegen das Vergessen. Immer wieder wurde angeregt sein Leben und das von vielen Anderen nicht auf dem noch zu erledigenden Aktenberg abzulegen. Der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski erwähnte ihn in seinen Erinnerungen an seine Zeit in Auschwitz. Von deutscher Seite kam nichts. Nur wer intensiv recherchiert, stößt irgendwann unweigerlich auf seinen Namen. Ab sofort ist Otto Küsel nicht mehr nur Auschwitz Häftling Nr. 2!

Der Zauber des Berges

Der Titel ist zweifellos keine weitere Schnulze, die mit zweitklassigen Schauspielerin vor romantischer Kulisse irgendwann einmal verfilmt wird. Wobei die Romantik die Triebfeder dieses Buches, dieser Geschichte ist. Es ist die Geschichte von Willem Jan Holsboer. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war er Kaufmann in London. Erfolgreicher Banker. Mit einem ausgeprägten Sinn für Problemlösungen. Seine Frau Margaret wurde zur Kur in die Schweiz geschickt. Die Reisestrapazen waren derart anstrengend, dass Willem stündlich mit einer Verschlechterung ihrer Situation rechnen musste. Dieser verdammte Berg. Da, in Davos. Mit der Kutsche hier her zu fahren – das ist doch nicht normal! Wie sollen die Patienten so gesunden?! Irgendwann würde er eine Eisenbahnlinie hier bauen lassen – das Geld hatte er ja. Nun … es blieb nicht bei der Eisenbahn. Es kam noch ein Sanatorium hinzu. Und so wie damals, wenige Jahre zuvor, er das Textilgeschäft ankurbeln wollte, indem er Schauspieler eines renommierten Londoner Theaters mit seinen – feinsten – Stoffen ausstaffieren wollte, sollte ein weiteres Stück Kultur seinen Ruhm mehren.

Das klappte nicht ganz. Der Berg, um den es geht, liegt schon wegen des Titels auf der Hand: Der Zauberberg. Es ist sozusagen das Prequel, die Vorgeschichte zu einem der berühmtesten Romane. Thomas Mann kurbelte unbewusst den Kurtourismus in dem kleinen Bergdorf Davos, auf der Schatzalp, in den Bergen an. Und Willem Jan Holsboer bereitete ihm wahrhaft den Weg. Ob Thomas Mann den geschäftstüchtigen Finanzier kannte?

Daniela Holboer – ihr Mann ist der Urenkel eben dieses Visionärs – ist Literaturwissenschaftlerin. Als sie die Geschichte von Willem Jan Holsboer hörte, wusste sie zwei Dinge. Der Mann, der ihr diese Geschichte erzählt, ist ihr Mann. Und Zweitens muss sie die Geschichte von Willem erzählen. „Der Zauber des Berges“ ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen.

Im Jahr 2024 feiert man auch mit zahlreichen Büchern das hundertste Jubiläum des „Zauberberges“ von Thomas Mann. Neue Erkenntnisse, Dachbodenfunde, neue Sichtweisen und –achsen sollen neue Schlaglichter auf den Jahrhundertroman werfen. Und meistens gelingt das auch. Daniela Holsboer gelingt es den Startschuss des Zauberberg-Universums um einige Jahre, Jahrzehnte auf der Zeitachse nach vor zu verlegen. Weniger nachdenklich, weniger überbordend, weniger Kommas als bei Thomas Mann. Doch mit akribischer Detailversessenheit schafft sie einen neuen Anfang des echten Zauberbergs.

Die Nacht der Physiker

Wenn im Herbst eines jeden Jahres die Nobelpreise vergeben werden, sorgt das immer (noch) für Aufsehen. Und das obwohl kaum jemand die Preisträger und ihre Verdienste kennt, geschweige denn versteht.

Man könnte sich diesem Buch auch mit der Diskussion um die Erbschaftssteuer in Deutschland nähern. Ein zähes Ringen um Deutungshoheit und Schutz der eigenen Wählerschaft machen es unmöglich etwas Substanzielles zu erkennen. Doch diese Diskussion tritt im Zusammenhang mit diesem Buch in den Hintergrund.

Die Namen von Weizsäcker, Hahn, Heisenberg sind vielen sicher geläufig. Auch dass sie mit der schrecklichsten Waffe, die man Menschen in die Hand geben kann in einem Atemzug genannt werden, ist hinlänglich bekannt. Ebenso die Tatsache, dass diese Namen sich der Tragweite ihrer Entdeckungen ab einem gewissen Zeitpunkt durchaus bewusst waren.

Richard von Schirach – und hier kommt unterbewusst die Erbschaftssteuer im übertragenen Sinne ins Spiel – ist die Zerrissenheit zwischen Tun und Verantwortung wohl bekannt. Sein Vater war Reichsjugendführer.

Die alliierten Amerikaner nehmen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die Elite der deutschen Atomphysiker fest und verhören sie präzise dokumentiert auf einem englischen Landsitz. Das dauert nicht nur ein paar Stunden oder Tage. Es dauert Wochen, Monate.

Die Angeklagten – auch wenn es rechtlich zuerst einmal Zeugen und wissenschaftlich und kriegsbedeutend vor allem wichtige Informationsbringer sind – stehen vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Es sind schlaue Leute. Sie sind wissbegierig. Die meisten erfolgreich. Sie sitzen auf dem Thron der Wissenschaft, weil man ihren Ideen Glauben schenkte. Und ein perfides System nutzte diese wissenschaftliche Energie aus, und staffierte sie mit Privilegien aus, von denen sie nie zu träumen wagten. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Für die einen nicht schnell und effektiv genug – Diktatoren und ihre Handlanger sind niemals geduldig. Für die Anderen, die Mahner ist das Tempo immer noch zu hoch. Was, wenn Nazideutschland tatsächlich zuerst der Bau einer Atombombe gelänge? Nicht auszudenken welch unermessliches Leid hereinbrechen würde.

Andere machen das Spiel und erbringen schlussendlich den Beweis wie verheerend ein Atombombenabwurf sein kann. Und welche lang sichtbaren Folgen das hat. Hier kommt ein weiteres Mal das Erbe ins Spiel. „Die Nacht der Physiker“ ist im Regal der Sachbücher das Thriller-Non-Plus-Ultra. Von Schirach muss keine Biographien kunstvoll miteinander verweben. Sie sind es bereits. Aber es geling ihm Zerrissenheit, taktisches Kalkül, Forscherdrang, Menschlichkeit und Reue in Einklang zu bringen, so dass man sich wünscht, dass dieses Buch niemals enden würde.

Sonny Boy

Seit über einem halben Jahrhundert rätselt die Filmwelt wer, wenn nicht dieser eine Al Pacino könnte diese Rolle sonst noch formatfüllend spielen. Und seitdem lautet die Antwort: Niemand!

Kaum vorzustellen, dass dieser Leinwandgigant einmal die Hosen voll hatte und daran zweifelte, dass der eingeschlagene Weg Schauspieler zu werden eine Sackgasse sei. Marlon Brando, James Dean und Montgomery Clift – deren Talent konnte er einordnen. Aber als Dustin Hofmann in „Die Reifeprüfung“ ins Kino kam, war der junge Al Pacino eingeschüchtert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Revolution in Hollywood im vollen Gange. Der Umbruch ist state of the art. Und Al Pacino aus der South Bronx, den seine Mutter von im Alter von drei Jahren mit ins Kino nahm, quält sich durch den Schauspielunterricht. Sein Lehrer ist schockiert wegen seiner Darstellungen im Unterricht. Kommilitonen sind begeistert. Wem soll er mehr Beachtung schenken?

Die Geschichte lehrt den Zuschauer, Regisseure und Produzenten, dass das Gelernte nur einen Teil des Schauspielers ausmacht. Als Schauspieler muss man selbst seinen Weg finden. Und sich finden lassen. Wer die Probeaufnahmen zu „Der Pate“ mit Diane Keaton gesehen hat, ist verblüfft. Dieses Milchgesicht soll einmal der rigoroseste Gangster der Filmgeschichte werden? Ja! Und niemand sonst hätte es so darstellen können.

Kurze Zeit später ist dieses Milchgesicht ein desillusionierter Cop mit Rauschebart, der der Korruption in den eigenen Reihen bedingungslos den Kampf ansagt. Dann ist er ein Bankräuber, der seinem Freund mit der erhofften Beute eine Geschlechtsumwandlung bezahlen will. Alles von nur einem Menschen verkörpert. Und wiederum die niederschmetternde Erkenntnis: Das kann nur einer spielen – Al Pacino!

Den Namen Sonny Boy bekam der kleine Al von seiner Mutter. Angelehnt an einen Schlager der Zeit. „Sonny Boy“ ist (s)eine Reminiszenz an (s)ein Leben, dass mit stotterndem Motor begann, doch mit Rasanz eine Fortsetzung fand, die niemand erahnen konnte. Er setzte sich gegen scheinbar unbesiegbare Heroen der Leinwand durch, stieg binnen weniger Jahre zu einem gottgleichen Titanen auf und verschwand immer wieder mal gern in der Versenkung, um seine eigenen Projekte in die Tat umzusetzen.

Ohne großartig Schlaglichter zu setzen blickt in diesem Buch ein Mann auf sein Leben zurück, dass einzigartig ist. Ruhig und besonnen, mit der Milde und der Weisheit des Alters, reist Al Pacino mit dem Leser durch mehr als ein halbes Jahrhundert Lebens- und Filmgeschichte. Anekdotenreich und mit dem Willen alles zu erzählen. Für Fans das lang ersehnte Glück, für Biographieleser eine Offenbarung.

Cellini – Ein Leben im Furor

Wäre Benvenuto Cellini heute ein Superstar? Ein über alle Maßen erfolgreicher content creator, der mit allerlei Krimskrams auf sich aufmerksam machen würde? Er müsste es nicht! Denn er war ein begnadeter Goldschmied und Bildhauer. Seine Werke stehen im Louvre, in den Uffizien. Und sein Leben bietet Stoff gleich für mehrere Staffeln einer Serie. Nun war es die Gnade der frühen Geburt, dass er vom Social-Media-Hype verschont blieb – er wurde am 3. November 1500 geboren #cellini1500. Wäre auch ein guter Name für seine eigene Duftmarke.

Und von denen hatte er einige gesetzt. Mit 13 begann er eine Lehre zum Goldschmied. Die meisten seiner Follower versuchen heutzutage ihre mangelnde Hygiene mit angesagten Mittelchen zu kaschieren. Im Alter von 23 wird er wegen Sodomie verurteilt, also Sex mit etwas anderem, was keine Frau ist. So war das damals. Und außerdem hat er sich ganz ordentlich mit einem Mitglied einer anderen Goldschmiedefamilie geprügelt. Er flieht. Nach Rom. Dort spielt er auch im Orchester von Papst Clemens VII. die Flöte. Und bekommt erste Aufträge vom Stellvertreter Gottes auf Erden. Im Alter von 30 wird er zum Mörder – der Papst vergibt ihm.

Na, ist das genug Stoff für eine spannungsgeladene Biographie? Oh ja. Und es bleibt nicht dabei. Immer wieder muss Cellini fliehen. Roma, Mantua, Florenz, Pisa, Siena, Neapel, Frankreich. Immer wieder findet er sofort Anschluss. Erhält Aufträge der Machthaber. Viele seiner Arbeiten gehen verloren, werden vermutlich eingeschmolzen. Doch das, was erhalten bleibt, „Perseus“, „Nymphe von Fontainbleu“ und die „Saliera“, lässt noch heute jeden Besucher innehalten. Die Detailversessenheit ist wegweisend, prachtvoll, atemberaubend.

Andreas Beyer nimmt sich die erhaltenen Seiten der Vita von Cellini – er diktierte fleißig seine Leben einem Gehilfen – und bringt sie in eine moderne Form. Oberflächlich wird die Renaissance von einer Handvoll Künstlern bestimmt, wie Michelangelo und da Vinci. Cellini ist fast in Vergessenheit geraten. Wer will schon einem Mörder frönen?! Einem mehrfachen Mörder.

Was ist er nun, dieser Cellini? Genie, Wahnsinniger, Getriebener, Unbelehrbarer, Freigeist? Wohl eine zum großen Teil ungesunde Mischung aus allem. Von ganz oben protegiert, vom Leben ausgespuckt, von der Muse verschlungen. Dieses Buch ist ein Höllenbrand, der sich in Hirn brennt, und niemals gelöscht werden kann.

Alles Sisi

Dieses Buch kommt eindeutig zu spät! Dutzende, nein, hunderte, wenn nicht so gar tausende Bücher wurden über Elisabeth geschrieben. Ihr Tod ist legendär, ihr Leben noch heute Vorbild für Generationen von Frauen. Und dennoch wird dieses Buch Beachtung finden. Es ist vielleicht sogar das Buch, das jeder zuerst in die Hand nehmen sollte, interessiert man sich ernsthaft mit der sagenhaften Kaiserin.

Wenn es Ende Februar wieder heißt „Alles Walzer“, wird so mancher auch der Sisi gedenken. Also „Alles Sisi“. Jeder Biographie der Kaiserin ist eine Zeittafel angehängt. Unzählige Bilder zieren die unfassbare Menge an gedruckten Seiten. Doch das sind nicht mehr als Daten und Fakten, die man beim Vor- und Zurückblättern einatmet – und meist auch gleich wieder vergisst. Es sei denn, man bereitet sich auf eine Quizshow vor.

Verena Edinger bringt endlich Ordnung in den Wust an Lebensdaten der Kaiserin. Die Farbgestaltung ist sicher auch kein Zufall. Alles in zarten Lila- und Rosatönen gehalten. Oder besser gesagt in Veilchenblau. Eine, wenn nicht sogar die Lieblingsfarbe der Kaiserin. In Neapel, wo Sisi eine gewisse Zeit verbrachte, kann man noch an originaler Stelle, unweit des Teatro San Carlo, genau dieses Eis nach Originalrezept genießen. Fensterplatz inklusive, das verstärkt den Sisi-Effekt. Das Rezept dazu gibt’s im Buch. Ebenso die genaue Aufschlüsselung des Energiegehalts anderer Leibspeisen der figurbewussten Kaiserin.

Viel Zahlenwerk. Aber auch eine ansprechende Aufbereitung. Es reicht nicht einfach nur zu sagen, wann Sisi wo war. Das sind Fakten, die man beim Kaffeekränzchen zum Besten geben kann. Das Verhältnis der Verweildauer zur Lebenszeit sprengt manchmal den Rahmen der Vorstellungskraft. Der arme Gatte. Nur ein paar Prozent ihres Lebens durfte er mit ihr verbringen. Bei ihr war es wohl reziprok…

Es ist ein Fest sich durch das Leben in Zahlen der Kaiserin von Österreich Ungarn zu wühlen. Vor, zurück, eine Seite zwischen den Finger einklemmen, um noch mehr Sisi aufnehmen zu können. Dieses Buch liest man nicht wie einen Krimi – Seite für Seite. Hier blättert man herum, nicht gedankenverloren, sondern hochkonzentriert und wissbegierig. Und neugierig, was auf der nächsten Seite lauert.

Es ist das Eine zu erfahren, wer was wann getan hat. Doch die Grafiken in diesem Buch stellen prompt Zusammenhänge her und dar, die man nur als eingefleischter Profi ermitteln kann. Nun wird jeder Nostalgie-Royalist zum Experten. Wenn er es möchte. Von der Bahre bis zum Mythos, von der Reise-Süchtigen bis hin zum Musical-Star, von der Getriebenen zum Opfer eines Anarchisten – Alles Sisi, alles in einem Buch, alles auf einen Blick!

Furchtlose Wahrheiten

Die meisten Menschen sehen Elend. Viele erkennen es. Ein paar weniger beschreiben es, und widerum noch weniger erheben ihre Stimme. Es ist nur ganz Wenigen vorbehalten wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Und die, die Erfolg zu haben versprechen, werden unter Druck gesetzt. Eine ganz kleine Elite lässt sich davon nicht beeindrucken und nicht vom Weg abbringen.

Dick Marty war so einer. Ein Name wie aus einem Superhelden-Comic. Doch im realen Leben hat er das Elend in den illegalen Gefängnissen der CIA in Europa und die unfassbaren Greueltaten während des Balkankrieges aufgedeckt, die Schuldigen angeprangert und so letztendlich zu einer (leider nicht voll umfassenden) Lösung beigetragen. Staatsanwalt, Ständerat in der Schweiz, Mitglied der OSZE-Kommission für Menschenrechte, Europaratabgeordneter – die Liste seiner Funktionen, die auf seinen Visitenkarten stand, ist unendlich. Das organisierte Verbrechen war sein Spezialgebiet.

Als er mit Mitte Siebzig beschließt den mehr als verdienten Ruhestand zu genießen, nach einem Leben unter Dauerbeschuss seiner Widersacher, kann er den Grund des Anrufes sofort einordnen: „Balkan?“. Ja, neue Bedrohung aus dem altbekannten Tätigkeitsfeld. Und eine ernste Bedrohung. Lebensbedrohlich. Von nun an ist nichts mehr wie es war. Sichtbar umkreisen ihn Personenschützer. Ein unbeschwerter Spaziergang mit den Hunden im Wald – unmöglich. Immer ist einer da, der einen und die Umgebung beobachtet. Und das, weil „die Anderen“ mindestens das Gleiche tun.

Es sind die alten Seilschaften, die nach dem Zerfall Jugoslawiens ihre milliardenschweren Schäfchen ins Trockene brachten, und das sogar mit in dem sie Staaten schufen, die unter dem Schutz der USA in Teilschritten demokratische Strukturen. Diese Länder werden diktatorisch geführt, sind aber ein Bollwerk gegen den Machtbereich Russlands. Deswegen der geheime bis offene Schutz durch den großen Bruder von „überm Teich“.

Dick Marty ringt aber auch dieser Situation etwas Positivs ab. Er kann schreiben, seine Erinnerungen für die Nachwelt festhalten, seine Betrachtungen zu Papier bringen. Für „Furchtlose Wahrheiten“ muss man den potentiellen Angreifern nicht dankbar sein. Dick Marty hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, sich mit Leuten angelegt, deren Existenz nur allzu gern verschwiegen wird. Dick Marty bekam so die Möglichkeit vielleicht noch intensiver in seinen Gedanken und Papieren zu kramen und mit diesem Buch einen Beleg für die Widerwärtigkeit der dunklen Seite der Politik vorzulegen. Spannend wie ein Krimi, mit Zitaten beispielsweise von Albert Camus verfeinert und mit der Akribie eines unerschrockenen Anklägers zur Höchstform gereift. Ein Muss für alle, die nach den Nachrichten noch weiter denken.

Das Handwerk des Lebens

Immer wenn man in einem Tagebuch blättert, wird die Zeit ein wenig zurückgedreht. Man erinnert sich an das, was war und wie man damals empfunden hat. Liest man in den Memoiren eines Fremden, kommt die wangenrote Exotik und eine Brise was Verbotenes zu tun hinzu. Manchmal sogar noch eine Nachschlag Erkenntnis.

Cesare Pavese zu den Mitbegründern des Neorealismo in Italien. Er war Übersetzer, Autor und Verlagsleiter. Fünfzehn Jahre wurden zu seinen Lebzeiten seine Werke verlegt und verkauft. Es sind die Jahre, in denen er Tagebuch führte. Von der Verbannung in den Süden – den Faschisten war er ein Dorn im Auge – bis hin zu seinem viel zu frühen und selbst erwählten Tod im Spätsommer 1950.

Auch wenn man das Werk Paveses nicht komplett kennt, rückt man ihm (und seinem Werk) ziemlich nah auf die Pelle. Ein Künstler, der hadert. Ein Künstler, der streikt. Ein Künstler, der vor Kreativität zu explodieren scheint. Pavese bedient die ganze Palette der Emotionen, die es braucht, um künstlerisch tätig sein zu können.

Die Selbstverständlichkeit in seinen Romanen wird erst durch den erklärenden Schaffensprozess zu einem Meisterwerk. Denn bei Pavese war nichts selbstverständlich! Seien Werke saugte er sich unter Qualen aus den Fingern – nicht immer. Aber schmerzhaft genug, um sich in seinem Tagebuch zu beschweren und die Qualen mit den Lesern zu teilen. Denn für vorbehaltlose Liebe zahlt man, zahlt man, zahlt man. Wie er sich selbst eingestehen muss. Aber er weiß auch, dass der Neid der folgenden Generationen dem Dichter gewiss sein wird.

Wie liest man nun solch ein Tagebuch? Brav von Seite Eins an, immer weiter blätternd bis man ans bittere Ende gelangt oder doch wild durcheinander? Zuerst die Daten, zu denen man selbst eine Beziehung hat – wie Geburtstage von Verwandten, wichtige Familieneckpunkte etc. Es ist einerlei. Und das im positiven Sinne! Pavese geht immer – und die Reihenfolge seiner Gedanken ist nicht an Daten gebunden. „Das Handwerk des Lebens“ ist ein starker Titel, dem man gerecht werden muss, will man nicht als Hochstapler dastehen. Cesare Pavese entgeht dem Vorurteil, indem er mit Wortgewalt dem inneren Widerstreben die Schönheit der Worte eine unüberwindbare Mauer in den Weg stellt.

Leo Daly & James Joyce – Eine literarische Irlandreise

Überall auf der Welt gibt es Orte, die etwas Magisches in sich tragen. Schnell hat man dann den Begriff „Lieblingsort“ zur Hand. Immer wieder zieht es einen an diesen Ort. Es sind Häuserschluchten, weite Ausblicke, architektonische Blitzlichter oder im besten Fall Menschen, die eine Sehnsucht kreieren, die einen selbst fest im Klammergriff halten. Doch irgendwann hat man alles mindestens einmal gesehen. Bei den meisten verschwimmt der „Lieblingsort“ hinter dem Vorhang der Sättigung. Und dann?

Chris Inken Soppa zieht diesen Vorhang weit zurück und wandert durch Dublin. Im Handgepäck James Joyce und Leo Daly, an ihrer Hand Ralf Staiger. Der ist Illustrator und die beiden Erstgenannten literarische Ikone Irlands und einer seiner größten Fans.

In Erinnerungshappen schlendert Chris Inken Soppa durch Dublin, das sie kannte und kennt. Sie erkennt die Veränderungen. Leo Daly schlenderte auch durch Dublin, auf den Spuren seines Vorbildes James Joyce. Er forschte zu dem irischen Überliteraten. Und James Joyce selbst? Er war Dublin. Wo heute die Billigflieger-Globetrotter den Euro dreimal umdrehen, um typisch irisches Flair zu erleben – oder zumindest das, was ihnen suggeriert wird – war einmal wirklich irisches Flair, das nicht durch einen Algorithmus kreiert wurde. Tief traurig, überbordend lebensfroh. Hart und liebevoll zugleich. Rustikal verspielt. Musikalisch weltoffen.

Zwei Neugierige auf den Spuren eines Mannes, der auf den Spuren einer Legende Dublin immer wieder neu entdeckte. In Dublin gibt es unzählige Guides, die Wissbegierige und solche, die sich dafür halten, auf den Spuren von Leopold Bloom, James Joyce’ legendärem Wanderer durch die Stadt, an Orte führen, die man leicht selbst herausfinden kann, wenn man intensiv liest.

Chris Inken Soppa und Ralf Staiger entdecken Dublin für sich immer wieder neu. Ihre sehr persönlichen Eindrücke sind aber nicht nur Tagebucheinträge, die man zukünftig als Erinnerungsstütze gebraucht. Nein, selbst wer Dublin kennt, wird hier Neues entdecken. Joyce-Jünger werden mit Kopfnicken einer erneuten Stippvisite dieser entgegenfiebern. Und wer bisher zögerte Dublin auf Joyce’ Spuren zu erkunden, bekommt hier den entscheidenden Kick. Irland, Dublin, Joyce und Daly – von nun an eine vierfältige Symbiose, die fest im Reiseplan steht.

Berühmte Frauen der 50er und 60er Jahre

Liselotte Pulver – das Ambiente kann noch so trist sein, es dauert nicht lange bis die Stimmung ins knallbunte kippt.

Francoise Sagan – ikonischer Freigeist, der der eigenen Unnachgiebigkeit erlegen ist.

Niki de Saint Phalle – ihre Nanas werden alle Zeiten überleben und ihren Namen bekannt halten.

Brigitte Bardot – ewige Verlockung mit dramatischen Wendungen, die sich selbst nur schwer akzeptieren kann.

Maria Callas – von Ängsten geplagtes Einmal-Talent, deren Stimme nachfolgende Generationen ins Zittern geraten lässt.

Nur vier – durchaus die berühmtesten dieses Buches – Namen, Ikonen, Frauen einer Zeit, die nur auf dem Papier vergessen scheint. Stilistisch prägen die 50er und 60er Jahre noch heute das Erscheinungsbild von Städten und Menschen – Stil vergeht nicht.

Wie im Rausch blättert man durch dieses Buch und erfährt selbst über die, die man zu kennen glaubte, noch Neues und wundert sich, dass es einem als neu erscheint. Denn alles ist bekannt. Prinzessin Soraya, die erste Frau des letzten Schahs von Persien, war die Getriebene nach ihrer Scheidung von Mohammad Reza Pahlevi. Ruhe Stunden, Minuten, gar Sekunden kannte sie nicht. Irgendwo lauert immer eine Kamera. Und wenn nicht physisch, dann zumindest in den Gedanken der traurigen Prinzessin. Erst Jahrzehnte später wurden gesetzliche Vorlagen geschaffen, die die Privatsphäre derartig berühmter Menschen ein wenig besser schützen sollen. Ihr Verdienst.

Charlotte Ueckert hat sich Symbolfiguren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg herausgepickt und ihre ikonische Stellung und deren bis heute anhaltende Wirkung, herausgearbeitet. Herausgekommen ist mehr als nur eine bunter Blätterwald für all diejenigen, die „ach ja, die kenne ich noch … von damals“ mehr als nur eine Erinnerungslücke ansehen. Die Werke von Doris Lessing werden ihren Namen nie verblassen lassen. Ebenso das Werk von Niki de Saint Phalle. Die Aufführungen der Callas laufen in digitalisierter Aufbereitung noch heute in Kinos. Und die Bardot ist und bleibt das Sex-Symbol – ob sie es nun will oder nicht – ihrer Zeit. Sie alle sind auf irgendeine Art und Weise haltbar gewordene Erinnerungen. Doch meist sieht man nur ihre Hülle. Je mehr man in dieses Buch eintaucht, desto mehr gräbt man sich in das Leben der vorgestellten Frauen, die mehr waren als Beiwerk oder zweidimensionaler Augenschmaus für Jung und Alt, Mann und Frau. Ihr Tun hat mal mehr, mal weniger merklich Spuren hinterlassen, die niemand mehr verwischen kann. Dieses Buch hilft eindrucksvoll dabei diese Spuren zu erkennen.