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Wir, Mädchen in Auschwitz

Zwei alles überstrahlende Mädchen. Leicht vergilbt, das Foto. Doch die unschuldige Freude ist fühlbar. Und dann dieses unheilvolle Wort: Auschwitz! So allgegenwärtig das Lächeln im Gesicht des Betrachters eben noch war, so schnell verfliegt es wieder. Diese beiden Mädchen, die noch nichts von der Welt wussten, gerade begannen das Leben zu erforschen und dieser Höllenort – wie geht das zusammen? In Zahlen: Zweihundertdreißigtausend Kinder waren im deutschen Konzentrationslager Auschwitz in eigens für errichteten Baracken untergebracht. Fünfzig überlebten die schlimmste Widerwärtigkeit, die „Menschen“ Menschen antun können. Das sind Null Komma Null zwei Prozent. Unvorstellbar! Wenn man durch die eigenen vier Wände streift und grob überschlägt wie viel 0,02% von dem sind, was da steht, hat man nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von dem, was Auschwitz bedeutete.

Für Tati und Andra ist es das Ende ihrer Kindheit als Ende März 1944 die Stiefel knallen, die Waggontüren ins Schloss fallen und Fiume, das heutige Rijeka – dort wo zwanzig Jahre zuvor die erste faschistische Republik unter der Führung des Phantasten Gabriel D’Annunzio gegründet wurde – ein letztes Mal als Ort der Kindheit zu sehen war. Zusammen mit der Oma, der Mutter, zwei Tanten, einem Onkel und ihrem geliebten Cousin Sergio werden sie nach Auschwitz gebracht. Dort stehen sie unter der Fuchtel, aber auch dem Schutz der so genannten Blockwärtin. Die hat sich angepasst und sucht ihren Vorteil, ist aber zu den beiden Mädchen immer zuvorkommend, soweit es die Situation zulässt. Sie ist es auch, die ihnen den Rat gibt sich niemals zu melden, wenn gefragt wird, wer die Eltern wieder sehen will. Denn das ist ein fieser Trick der Wachen Kinder zu selektieren. Sergio hält sich nicht an den Ratschlag – er meldet sich. Wird abgeführt. Später erfahren die Mädchen und die ganze Welt, was mit ihm geschah – nichts, was man auch nur annähernd seinem ärgsten Feind wünscht.

Tati und Andra überleben das reichliche Jahr Auschwitz. Was sie nichts wissen, die Mutter hatte sie immer im Blick. Wie? Dieses Geheimnis nimmt die Mutter mit ins Grab, das glücklicherweise nicht in Auschwitz liegt. Als die Befreier kommen, ist Prag die neue Heimstatt für die beiden Mädchen. Ein Heim, in dem sie wieder eine Nummer sind. Aber dieses Mal mangelt es nicht an Hoffnung. So richtig Kinder dürfen sie erst wieder sein als sie in England in Lingfield House landen. Hier werden Kinder aus den KZs wieder aufs Leben eingeschworen. Psychologische Betreuung und die Vermittlung von Werten und der eigenen Kultur stehen auf dem Tagesplan. Mittlerweile sprechen Tati und Andra kaum noch italienisch, sondern nur noch tschechisch und deutsch, ihre jüdische Kultur ist nur noch bruchstückhaft vorhanden. Sie überlebten, so wie auch ihre Mutter und Tante Gisella. Die anderen mussten der Mehrheit in den Tod folgen.

Wenn an Jahrestagen staatstragend über das Grauen berichtet wird, ist das oft nicht mehr als ein Symbol. Dem Erinnern hilft das nur bedingt. Die Aufzeichnungen der beiden Mädchen, die bei ihrer Deportation vier und sechs Jahre alt waren, geben mit nicht versiegender Wucht das eigentliche Leid wieder. Denn die Auswirkungen sind bis heute spürbar, beispielsweise, wenn Andra einen Güterzug über die Gleise rattern hört. Diese Gefühle kann niemand nachvollziehen. Es dauert Jahrzehnte bis die beiden Mädchen von damals – heute selbst Mütter und Omas – über das berichten konnten, was ihre Kindheit zerstörte. Sie reden auch und vor allem öffentlich darüber. Ihre Zeugnisse sind mehr wert als Trauerkränze und bedeutsame Reden. Selten zuvor wurden die Erlebnisse in Auschwitz so eindrücklich, so nah und so gefühlvoll dargebracht.

Lourdes

Das Besondere an Vorurteilen, an Mythen und denen, die daran glauben, ist die Tatsache, dass man über sie herziehen kann. Gleichfalls ist es aber so, dass jedem Mythos auch ein Funken Wahrheit anhängig ist. Joris-Karl Huysmans geht es sicherlich wie so vielen vor und nach ihm: Um seine Gesundheit steht es nicht besonders gut. Ärzte und Fachleute sind überfordert und können im besten Fall Linderung verschaffen. Heilung – aussichtslos. Zehn Jahre nach seiner Geburt, erschien der vierzehnjährigen Bernadette mehrmals die Heilige Jungfrau – ein Wunder. Und schon war eine regelrechte Wunderindustrie geboren. Fünfzig Jahre später, kurz nachdem Huysmans hier logierte, zählte man schon eine Million Besucher, Pilger, Ratsuchende. Die spendeten ihr hart verdientes, kauften billige Kerzen zu überhöhten Preisen, ließen sich auf Bahren und in Rollstühlen in die berühmte Grotte fahren, badeten im heilenden Wasser, tranken es, rieben sich damit ein. Vereinzelt half es – Lahme konnten wieder gehen etc.

Joris-Karl Huysmans, der Mann aus der Weltstadt Paris, ließ sich von Freunden überreden auch nach Lourdes in die Pyrenäen zu kommen. Doch er wollte vorrangig ein Buch schreiben. So wie einst sein literarisches Vorbild Zola. Doch Spöttereien sind nicht Huysmans Geschäft. Er nähert sich dem Ort, der Grotte, dem Mythos mit Bedacht. Es könnte ja doch was dran sein. Die Frömmigkeit Einzelner jedoch lässt ihn zweifeln. Mit Sprachgewalt  – er spricht vom „Heizraum der Frömmigkeit“ – begegnet er dem treiben vor Ort. Hinweggefegt sind die eventuell zuvor geschmiedeten Pläne sich selbst der Heilung des eigenen Leidens hingeben zu wollen.

Nach Lourdes kommt man seit über anderthalb Jahrhunderten, um entweder Geld zu verdienen oder es auszugeben. Nur wenige kommen aus tiefstem Herzen, um ernsthaft eine Heilung zu erwarten. Auch wenn die Außendarstellung oft anders aussieht. Huysmans lässt sich von der permanenten Präsenz des Wunders anstecken. Fast tappt er in die Fallen der Bauernfänger, lässt jedoch rechtzeitig los, um sachlich und nüchtern dem Ort den Raum zu geben, den er verdient: Ein Ort der Hoffnung. Zweifel ringen ständig mit dem Anschein.

Als außenstehender Leser kommt man je nach Gesinnung und Vorbildung zu keinem endgültigen Schluss. Es gab Heilung hier. Durch das Wasser in der Grotte? Der Beweis fehlt letztendlich, um ernsthaft daran zu glauben. Wenn dem so wäre, dann gäbe es 2020 nur ein Reiseziel: Das Pyrenäendorf Lourdes mit dem Wunderwasser, das Viren verzehrt wie ein Durstiger in der Wüste.

Huysmans Reisebericht ist ein Füllhorn an Anekdoten. Präzise fängt er eine Stimmung ein, die sich seit seinem Besuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat. Nicht nur deshalb immer noch mehr als lesenswert.

Das Leben der Surrealisten

Vielen kommt die Lage im Frühjahr 2020 ein bisschen surreal vor. Doch das ist nicht ganz richtig. Irreal wäre wohl der passende Ausdruck. Surreal kommt mehr aus der Intuition heraus. Klare Formen verschwimmen absichtlich oder bekommen im neuen Kontext eine ganz andere Bedeutung. Salvador Dali kommt einem immer als erstes in den Sinn, sobald die Sprache auf Surrealismus und die Surrealisten kommt. Doch er stand nicht allein als Ikone im Kunstmarkt. Desmond Morris – er selbst hatte Ausstellungen als Surrealist – porträtiert einunddreißig weitere Weggefährten in diesem Buch.

Schon in der Einführung und dem Vorwort erfährt man, was es heißt ein Surrealist zu sein. Der Zeit geschuldet, wandten sich Künstler gegen das, was da im Namen der Ehre vorging: Krieg. Krieg in den Schützengräben, Krieg in den Städten, den Dörfern. Die widerwärtige Fratze des Bösen!

Ihr wollten sie ins Gesicht lachen und dem Greifbaren das Geheimnisvolle entgegensetzen, den Betrachter in ihre – bessere – Welt hineinziehen. Doch schon die Fortsetzung des Bösen – noch widerwärtiger und menschenverachtender als jemals zuvor – ließ die organisierte Gruppe der Surrealisten zerbrechen. Morris konzentriert sich in seinen Schilderungen und Kurzportraits auf bildende Künstler, die von André Breton geduldet wurden, die der gruppe wohlgesonnen waren. Denn Breton war es, der zusammen mit Philippe Souppault das Surrealistische Manifest verfasste und mit fortschreitendem Alter immer verbohrter auf die Einhaltung der Regeln und Prinzipien pochte und sie überwachte. Wer nicht mehr surrealistisch war, flog. Auf Schriftsteller und Musiker verzichtet Desmond Morris, denn dann wäre dieses Buch schwerer und größer als so manches sakrale Bauwerk … Breton hätte das sicherlich gefallen.

Viele der Künstler hat Desmond Morris besucht und interviewt. Teils unverblümt berichten sie aus ihrem Leben und schaffen so ein Bild, das es dem Leser erlaubt sich ein selbiges über ihr Werden zu machen. Eine derartig geballte Ladung Surrealismus können bisher nur eine Handvoll Museen aufbieten: Hans Arp, Francis Bacon, Max Ernst, Marcel Duchamp, René Magritte, Salvador Dali, Joan Miró, Henry Moore und Pablo Picasso bilden einmal mehr die Speerspitze der Bewegung. In der Hinterhand treten Eileen Agar, Leonor Fini, Arshille Gorky, Roberto Matta oder auch Meret Oppenheim ins Rampenlicht, das weniger Kunstfans schon einmal gesehen haben. Jedes Kapitel hat Morris bewusst mit einem Portrait aus der Hochzeit des jeweiligen Künstlers und einem epochemachenden, charakteristischen Werk angereichert. Herausgekommen ist ein elegantes Werk, das oberflächlich für Aufsehen und im Inneren für Erstaunen sorgt. Wer beim nächsten Besuch einer Surrealisten-Ausstellung mehrere Menschen tuscheln sieht, kann davon ausgehen, dass sie in diesem Buch über die Künstler gelesen haben. Denn die Texte sind eingängig und bleiben dank des Autors lange im Gedächtnis.

Kurt Wolff – Ein Literat und Gentleman

Mit dem Namen Kurt Wolff verbinden nur sehr wenige einen der größten Namen der deutschen Verlegergeschichte. Bei Besuchen von Buchmessen fällt einem mancherorts die Kurt-Wolff-Stiftung auf, die kleinere Verlage unterstützt. Es sind die Autoren, die dem Leser in Erinnerung bleiben. Doch ohne Verleger, keine Autoren. Und so wurde es Zeit, dass auch die Macher im Hintergrund einmal ein bisschen ins Rampenlicht treten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Verlag Ernst Rowohlt auf dem aufsteigenden Ast. Kompagnon war ein gewisser Kurt Wolff. Er war mit seiner Frau Helen nach Leipzig gezogen, um Bücher zu verlegen. Aus diesem Verlag erwuchs der Kurt-Wolff-Verlag. Ihm verdankten damals die Leser unter anderem die Werke von Franz Kafka und Fran Werfel. Der Krieg ließ die Geschäfte schlecht laufen. Doch die Anzahl der veröffentlichten Titel ließ erahnen, dass da ein neuer Platzhirsch das Terrain betrat.

Als nur kurze Zeit später die Zeiger wieder auf Widerstand, Repressalien und Terror standen, musste das Ehepaar Wolff in die USA flüchten. Dort entstand der Pantheon-Verlag. Günter Grass‘ „Blechtrommel“ wurde so auch jenseits des Atlantiks bekannt. Nur ein Beispiel für die Weitsicht des Verlegers Kurt Wolff. Das Kennenlernen von Kurt und Helen Merck wird übrigens so wunderbar wildromantisch in dem Buch „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff beschrieben. Sie führte den Verlag nach dem Tod Kurt Wolffs 1963 weiter.

Nun ist es sicherlich nicht jedermanns Geschmack eine Biographie von jemandem zu lesen, der „nur im Hintergrund wirkte“. Die Rampensäue liefern oft die gefälligeren Stories. Doch deren Geschichten versiegen nur allzu oft im Sande des Vergessens, wenn der Hype schnell vorüber ist. Die Nachhaltigkeit von Kurt Wolffs Wirken ist bis heute spürbar. Und das nicht nur wegen der eingangs erwähnten Stiftung, ohne die viele kleinere Verlage ihrem Tatendrang nicht Folge leisten könnten.

Wer Bücher mag, wer sich Neuem nicht verschließen kann, trifft auf seinem Weg immer wieder den Einen oder Anderen, der den Namen Kurt Wolff in den Mund nimmt. Denn auch wenn das Geschäft die Basis allen Handelns ist, ohne den Mut und die Hingabe sich in dieses Geschäft stürzen zu wollen und zu können, wäre jeder Geschäftsakt sinnlos. Autoren und Verleger bildeten in Kurt Wolffs Fall immer ein Gespann, das nur ein Ziel kannte: Den Leser erreichen.

Der Titel „Ein Literat und Gentleman“ ist eine Verbeugung vor einem Verleger, der eine ganze Branche bis heute beeinflusst. Buchreihen sind an sein Schaffen angelehnt. Geschäftskonzepte folgen seinem Beispiel. Im Graphischen Viertel in Leipzig erinnert eine Plakette an ihn. Ein Buchladen trägt seinen Namen. Aber eine Straße wurde bisher noch nicht nach ihm benannt, um an ihn zu erinnern. Zum Glück gibt es dieses Buch, das einen unermesslichen Fundus über das Leben eines der ungewöhnlichsten deutschen Verleger darstellt.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

Das Pferd würde von der falschen Seite aufgezäumt werden, wenn man behauptet, dass Egon Schieles Charakter seinen Werken entsprechen würde. Die kantigen Konturen erinnern stark an die Wirkung der Bilder, mit denen er Zeit seines kurzen Lebens aneckte. Die explizite Darstellung des Körpers, meist des weiblichen, sorgt bis heute – also über hundert Jahre später – immer noch für zumindest große Augen.

Immer wieder wurde Egon Schiele angefeindet. Doch hinter vorgehaltener Hand fragten sich die meisten Kritiker doch, woher der dünne Schlacks seine Modelle bekam. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass Prostituierte bei ihm ein und ausgingen. Auf Edith und Adele, Schwestern, kennen das Gerücht. Sie wohnen direkt bei ihm gegenüber. Können alles ganz genau sehen. Alles! Wirklich alles! Und Schiele selbst? Auch er hat die Blonde und die Dinkelhaarige schon entdeckt. Er weiß nur nicht wer Edda und wer Adda ist. Eine kleine Notiz ins Haus gegenüber soll Abhilfe schaffen. Der Rest ist verbürgte Geschichte. Aus Edith Harms wird Edith Schiele. Sie und Modell stehen? Niemals! Diese Posen, diese Freizügigkeit – niemals! Adda, Adele ist da ganz anders gestrickt. Ein bisschen älter als Edith ist sie der neuen Kunst nicht unaufgeschlossen. Auch Egon ist nicht ohne Reiz. Doch Egon entscheidet sich für Edith. Sie wird seine Frau. Und Adele seine Muse und Geliebte.

Egon Schiele war als er Edda und Adda kennenlernte, wie umwarb mit Wally zusammen. Auch sie war seine Muse. Und als Gouvernante beim Date mit Adda fast schon so was wie unverzichtbar. Ebenso Moa Nahuimir. Und Gerti. Sie alle waren Egon Schiele zu Diensten. Standen Modell. Waren da, wenn er rief. So expressionistisch seine Arbeiten, so exzessiv war auch sein Leben. Als Künstler trennt man nicht zwischen Leben und Arbeit.

Dem lange verkannten, oft verfemten, angeklagten Egon Schiele war der verdiente Ruhm niemals zugesprochen worden. Erst viele Jahre nach seinem Tod im Alter von 28 Jahren besann man sich seiner. Heute hängen seine Bilder im Museum Leopold und der Albertina in Wien. Der Stadtteil Hietzing, wo er, aber auch Gustav Klimt lebte und arbeitete, Johann Strauss „Die Fledermaus“ komponierte, Franz Schubert starb, Maria Lassing ihr Atelier hatte, Hans Moser herrschaftlich residierte, ist für Kunstliebhaber ein wahres El Dorado. Nur einen Steinwurf von Schloss Schönbrunn entfernt, entfaltet sich hier das künstlerische Wien der vergangenen anderthalb Jahrhunderte.

Egon Schiele und die Frauen ist ein Kapitel für sich. In diesem Fall sogar ein ganzes Buch. Hilde Berger, die auch am Drehbuch zum gleichnamigen Film mitwirkte, lässt einen Exzentriker auferstehen und gibt dem Leser die Aufgabe mit, ob er die Frauen nur ausnutzte oder ob sie selbstbestimmt in den Abgrund rauschten. Denn jede Frau in Egon Schieles Leben wurde auf die eine oder andere Art durch ihn gezeichnet. Wien ohne Schiele ist wie Barcelona ohne Gaudí. Nur schwer vorstellbar und um einiges ärmer. Und Schiele ohne Frauen – das will man sich gar nicht erst vorstellen. Es ist unvorstellbar nach dem Genuss dieses Buches.

Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.

Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Die Erinnerung spielt einem gern und oft mal einen Streich. Ab diesem Jahr kommt man nicht umhin die 20er Jahre, die Goldenen Zwanziger, the roaring twenties, die des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen und zu feiern. Berlin zum Beispiel kommt einem dann vor wie eine gigantische nicht enden wollende Party, bei die Frauen Perlenketten behangen und die Herren im feinen Zwirn zugange waren, und beiderlei Geschlechter immer einen dicken Kopf vom übermäßig genossenen Champagner mit und auf sich trugen. Dabei vergisst man oft das Elend, das nicht minder vorhanden und vor allem sichtbar war. Die Männer im Hintergrund sind kaum noch bekannt.

So wie die Brüder Rotter, eigentlich Schaiche, Söhne eines jüdischen Kaufmanns aus Leipzig, die schon während des Weltkrieges ihr Imperium zum Strahlen brachten. In den Zwanzigerjahren waren sie von Breslau bis Hannover die Könige der leichten Unterhaltung. Feinde hatten sie manchmal mehr als Publikum im Saal. Obwohl die meist rappelvoll waren. Die Wirtschaftskrise überstanden sie, wie auch immer. Der aufziehende braune Terror brachte sie schlussendlich zur Strecke. Doch nicht nur der allein.

Für die Shows von Alfred und Fritz Rotter zogen sich jährlich Dutzende Vorhänge auf. Lehár und Holländer spielten sie, Hans Albers formten sie zum gefeierten Bühnenstar. In der gegnerischen Ecke standen (und lauerten) die Theaterbesitzer, die den Rotters ihre Bretter, die die Welt bedeuten, vermieteten. Kritiker warfen den Rotter-Shows Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit vor. Das Erfolgsgeheimnis war, dass ein großer Name die Show tragen sollte. So warben sie mit den Stars, auch wenn die dann am Abend gar nicht auftraten. Die Kasse klingelte, doch voll war sie niemals. Pleiten, Pech und Pannen waren die Leibgarde der Rotters. Viel eine Aufführung durch, kam die nächste. Wieder mit einem Namen, der für Qualität stand, verbunden. Ging es bergauf, konnte man die Uhr danach stellen, wann es wieder bergab ging.

Die deutschnationale Presse, im Laufe auch die faschistische Presse setzte dem jüdischen Erfolgsmodell herabsetzende Propaganda entgegen. Als auf dem Ku’damm die SA wahllos auf Passanten einprügelte, nahmen Alfred und Fritz zusätzlich die liechtensteinische Staatsbürgerschaft an. Das ging damals offensichtlich ganz einfach. Ob und wie viel Geld dabei eine Rolle spielt, ist bis heute nicht zu eruieren. Ein paar Tage vor der endgültigen Machtergreifung der Nazis flohen die Rotters. Wohin, das wusste keiner. Den Häschern waren sie erstmal entkommen. Doch der Verrat lauert überall. Und so war die Flucht nur eine Sackgasse mit bitterem Ende.

Peter Kamber wirft noch einmal die Suchscheinwerfer an und leuchtet die Rotter-Bühnen bis in die letzte Ecke aus. Auch er kann nicht jedes kleinste Detail belegen. Doch das, was er recherchiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Alfred und Fritz Rotter die größten ihre Metiers waren, einflussreiche Feinde hatten, denen ihre kreative bis kriminelle Buchhaltung ein Dorn im Auge war, und die ein Berlin schufen, das über alle Grenzen hinweg Weltruhm erlangen sollte. Ob Gauner oder gewiefte Geschäftsleute – keiner verdient ein Ende wie diese beiden schillernden Gestalten des Bühnen-Berlins.

Spaziergänge durch das musikalische Leipzig

Bach, Schumann, Wagner und Mendelssohn-Bartholdy (immer noch beliebter Versprecher im Radio: “Es werden Werke gespielt von Mendelssohn und Bartholdy“, ein Klassiker – wobei wir auch schon bei einem Teil der Zielgruppe dieses Büchleins sind…) sie alle gehören zu Leipzig wie der Zoo, die Messe und der Sport. Doch selbst Leipziger, die mehr oder weniger regelmäßig ins Gewandhaus pilgern und / oder mit mehr oder weniger offenen Augen durch die Stadt schlendern, werden mit diesem Buch öfter in Erstaunen versetz werden. Auf sechs Spaziergängen erlebt man Leipzig wie man es noch nie erlebt, gar erhört hat.

Während man in der Stadt (jeder echte Leipziger bezeichnet die City oder auch downtown immer noch als Stadt) gar nicht umhin kommt an Größen wie Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Wagner ungemerkt vorbeizukommen, so ist der Spaziergang Nummer Sechs für viele eine echte Offenbarung. Im Stadtteil Schönefeld steht eine Kirche. Sie überragt alles in dieser Gegend. Dass sich hier Clara Wieck und Robert Schumann am 12. September 1840 das Jawort gaben, ist vielen der umliegenden Bewohner unbekannt. Übrigens lohnt es sich das Areal außerhalb der Kirche zu erkunden. Ein Geheimnis, das von außen nicht sichtbar ist, wartet auf jeden Neugierigen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gelangt man in die Clara-Wieck-Straße, in der sie allerdings nie wohnte. Verbürgt ist allerdings, dass sie und ihr Gatte im nicht allzu weit entfernten Abtnaundorfer Park oft spazieren gingen. Ein Park, vor allem der Parkteich, der schon seit Ewigkeiten, sofern es das Wetter zulässt, Kinderscharen das Eislaufenlernen ermöglicht. Heute ist es ein Ort der Ruhe mit teils wild wuchernden Sträuchern, der Flora und Fauna Platz zur Entfaltung gibt.

Ob nun Mendelssohn oder Schumann-Haus, ob Büsten, oder Konzertbesuche: Leipzig ohne Musik und Musiker ist einfach undenkbar. Vom Weltruf des Gewandhauses profitieren unter anderem auch die Nachwuchskünstler des Akademischen Orchesters, das mit seinen sechs Konzerten pro Jahr im Gewandhaus (fast immer komplett ausverkauft) für musikalische Abwechslung im Kulturprogramm Leipzigs sorgt. Leipzig lässt sich gern erobern. Die Wege sind kurz, meist fußläufig zu erreichende Hingucker und eine rege Kulturszene machen es jedem Besucher leicht sich in die Stadt trotz aller sichtbaren Bausünden der Vergangenheit und Gegenwart zu verlieben. Dieses kleine Büchlein passt in jede Tasche. Obwohl man es eh nicht verstauen wird, da es ein Füllhorn an Geschichte und Geschichten in sich birgt. Obwohl viel Gebäude wie das alte Gewandhaus nicht mehr mit eigenen Augen zu bestaunen sind, so leben sie mit diesem Buch wieder auf.

Perla

Perla – kein Kosename für die Angebetete. Sondern ein Name für eine Frau, deren Schicksal gar nicht glänzend war. Sie ist die Mutter des Autors Frédéric Brun. Erst nach dem Tod der Mutter traut sich Brun sich ihr und ihrem Schicksal zu nähern. Perla war in Auschwitz! Und sie überlebte! Was sie nie vollends überwinden konnte!

Für Frédéric Brun ist es immer noch schwer zu verstehen, dass in einem Land, aus dem so viele von ihm verehrte Dichter kamen so viele Henker hervorbringen kann. Er schafft Parallelen und bringt sie im gleichen Moment zum Einsturz. Er lässt Caspar David Friedrich auferstehen und schüttelt den Kopf, wenn er schreibt, dass Hölderlin von Auschwitz-Insassen wie Erbauern gleichermaßen geliebt wurde.

Ein besonders nachhallender Vergleich ist der von Josef Mengele, dem KZ-Arzt in Auschwitz, der im Exil im Meer ertrank und seinem noch ungeborenen Sohn Julien, den er in einem wohligen Meer im Bauch der Mutter heranwachsen lässt. Ein Vergleich, der nur Phantasievollen naheliegt, und den Leser ins Herz trifft. Und den Leser im Mark erschüttert. Perversion und Unschuld in einem Kapitel – das prägt das Bild dieses Buches. Denn dieser Josef Mengele war es, der mit einer Handbewegung Perla das Leben rettete. Eine perfide Vorstellung, denn ein Leben in Auschwitz war nicht mit menschlichen Maßstäben messbar.

Frédéric Brun kleidet Gedankenblitze und Erinnerungen an seiner Mutter unaufgeregt mit wohl platzierten Worten aus. Die Wucht der Bedeutung der Worte fegt jeden um, die Poesie der Sprache hebt jeden sanft an. Nun kann man sich wie in einem spannenden Krimi durch dieses Buch lesen. Man kann aber auch Zeile für Zeile aufsaugen. Letzteres ist auf alle Fälle empfehlenswert. Es lohnt sich dem Wohlklang der Worte hinzugeben. Ein weiteres Leben wird diesen Worten durch Christine Cavalli, die Übersetzerin, eingehaucht. Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe, da jedes Wort sehr persönlich ist und von Erinnerungen geformt wurde. „Perla“ ist eine echte Perle. Und der Auftakt einer Trilogie.

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.