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Alles ist nichts gegen Rom

Alles ist nichts gegen Rom

Bücher über Rom gibt es wie Sand am Meer. Man meint fast, es wäre alles gesagt und geschrieben worden über die Ewige Stadt. Doch dann kommt so ein kleines unscheinbares Buch daher und belehrt einem eines Besseren. Der nüchterne Untertitel „Ein Fotobuch“ verschleiert die wahre Identität.

Evelyn Fertl fotografiert nicht einfach fürs Familienalbum. Ihr Motive sind für jeden sichtbar, oft nur aus dem Augenwinkel doch da. Sie rückt sie in den Mittelpunkt. Flüchtige Momentaufnahmen und festverwurzelte Monumente im Ringelreih Großstadt. Sie die jetzt (2007 bis 2014) vor Ort ist, in der Hand ihre Kamera. Analog. Schwarz-weiß-Film eingelegt. Dadurch gewinnen die Aufnahmen an Schärfe und Intensität. Farbig kann jeder. So kontrastreich die Stadt, so auch Ihre Eindrücke.

Wie als Bestätigung setzt sie neben ihre mehr als sehenswerten Abbildungen Texte, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Und das obwohl sie schon bis zu über zweihundert Jahre auf dem Buckel haben. Wie einst Udo Struutz im Trabi mit Goethe Italienreise im Gepäck durchschreitet Evelyn Fertl die Metropole am Tiber. Sie fliegt hochmodern mit einer Drohne – sie bleibt auf dem Boden. Sie verfälscht nicht ihre Eindrücke, um selbige zu schinden – Ihre Bilder sind echt.

Alltagsszenen, Touristenmagnete, Panorama- und Detailaufnahmen – alles ganz speziell und einzigartig. Museen, öffentliche Plätze, Geschäfte, Ruinen: Rom wie man es kennt und doch wieder nicht.

Dieses Buch nimmt man mehrmals in die Hand. Immer wieder schlägt man es auf, schlägt nach, schaut, was man selbst gesehen hat oder noch unbedingt sehen muss. Ein kurzweiliger Bildertrip durch eine der spannendsten Städte der Welt. Attenzione impressione, um es mit den Worten von Gianna Nannini zu sagen. Achtung Eindruck. Und das auf jeder der über einhundert Seiten.

 

Puntarelle & Pomodori

Puntarelle und Pomodori

Puntarelle e Pomodori – klingt nach Lausbubengeschichten aus Italien. Der kleine Puntarelle und sein Freund Pomodori machen es den Händlern in der Straße um die Piazza del Popolo nicht leicht sie zu mögen. Laut lärmend machen sie ihr Viertel unsicher, immer irgendeinen Schabernack ausheckend fallen sie über Gemüsestände, prall gefüllte Obstauslagen und die Süßigkeiten her.

So weit gefehlt, ist es dann doch nicht. Puntarelle ist auch als Vulkanspargel bekannt und Pomodori sind Tomaten. Und um die geht es bei Luciano Valabrega. Vor allem um deren Zubereitung. Ein Kochbuch also?! – Auch! Vor allem aber ein Buch zum Schwelgen, lesen, Lippen lecken und nachkochen. Luciano Valabrega beschreibt sein Leben, vor allem aus kulinarischer Sicht. Als Kind jüdischer Eltern gab es auch für ihn eine Zeit, in der Schweigen mehrzählte als ein gefüllter Magen. Die Händler des Viertels in Rom, in dem die Familie lebte versorgten ihn und seine Familie mit allerlei Lebensmitteln. Nachdem die Faschisten mit eingekniffenem Schwanz die Regierungsbank und die Straßen räumten, begann für sie alle ein neues Leben. Doch die Verbindungen von einst hielten und halten bis heute.

Die Obstlerin Trieste hatte immer die besten Früchte, Arnaldo das feinste Fleisch und Feinkosthändler Ruggero sorgt für den Rest des gedeckten Tisches.

Zu dieser Zeit begann Luciano Valabrega die Ereignisse zu Tisch niederzuschreiben. Nun lässt er den Leser an der gedeckten Tafel platznehmen. Das Aufgetischte ist so typisch italienisch, dass es einem schon beim bloßen Lesen der Gerichte das acqua im bocca zusammenlaufen lässt.

Er belässt es aber nicht bei einer schnöden Essenseinladung. Schwungvoll – wir sind schließlich in Italien! – gibt er noch die eine oder andere Anekdote zum Besten. Und gibt Ratschläge, wo in Rom man am besten welche Zutat einkauft. Rogen zum Beispiel für die Bottarga: In den Feinkostläden im Zentrum, beim Sarden, in der Nähe der Synagoge. Beim nächsten Rom-Besuch sollte man mal schauen, ob das stimmt.

Was wäre Italien, Rom ohne Pasta? Wie Hamburg ohne Fischbrötchen, London ohne Fish ‘n Chips, Wien ohne Schnitzel – nur die Hälfte, wenn überhaupt. Die Hingabe, mit der Luciano Valabrega Puttanesca, Amatriciana, Carbonara und Arrabiata bzw. deren Zubereitung beschreibt, macht die Menüwahl für die kommenden Tage zu einer leichten Aufgabe. „Puntarelle & Pomodori“ ist ein Appetitmacher. Ein Appetitmacher auf leckeres Essen, auf Italienurlaub, auf einen Rom-Trip, den man so wahrscheinlich nie machen würde.

Gebrauchsanweisung für Rom

Gebrauchsanweisung Rom

Gleich zu Beginn fühlt die Autorin Birgit Schönau den Leser auf dem Zahn. Das Buch ist gar keine Gebrauchsanweisung! Wie soll man denn eine Stadt gebrauchen? Schon kurze Zeit später wird klar, dass sie den Römer Humor schon ganz und gar verinnerlicht hat. Ja, den gibt es wirklich, den Römer Humor. Erzählen wird sie ihn das gesamte Buch hindurch und darüber hinaus. Wer meint Rom zu kennen scheint, es immer wieder mit seiner Anwesenheit beehrt hat, die unzähligen, kleinen, versteckten Geheimtipps kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Denn Birgit Schönau ist Römerin, zugereist, aber dennoch Römerin. Sie kennt Rom so, wie nur die paar Millionen, die darin wohnen. Doch selbst unter ihnen sticht die Autorin noch heraus. Eine Wanderung durch die Stadt mit den vielen Beinamen führt mit ihr zu einem echten Wissensrausch.

Sie beginnt ihre Rundgänge an Orten, die man erstmal auf sich wirken lassen muss. Auf den Piazze wie der Piazza Navona, Piazza San Pietro oder Piazza Venezia. Vor dem geistigen Auge lässt man sie Revue passieren, verharrt in Erinnerungen. Dann beginnt das, was sich viele nicht trauen: Hinter die Kulissen zu schauen. Hinein in die guten Stuben, die Hinterhöfe betreten, die Geschichte(n) aus der Versenkung holen.

Birgit Schönau ist keine Reiseleiterin, die zum Zeichen des Erkennens einen Schirm hochhält, damit die tumbe Traube von Menschen ihr folgen kann und sie ihren Lehrstoff stumpf herunterbetet. Birgit Schönau ist die Geschichtenerzählerin, die zufällig auch Wissen vermittelt. Nur Wenige hatten das Glück so einen Lehrer zu haben. Mit grandezza und passione weht die Autorin durch die Gassen und Jahrtausende und lässt keinen Besucher / Leser zurück. Jedes Kapitel ist ein Füllhorn an Kurzweil und brisanten Histörchen. Päpste und arbeitsunwillige Nachbarn erhalten die gleiche Aufmerksamkeit wie die Trattoria um die Ecke oder der Messerschleifer.

Und – liebe Männer, aufgepasst! – sie spricht über Fußball. Nicht weil, sieSchulball von Fußball unterscheiden kann und deswegen meint Sportjournalistin zu sein, sondern weil sie sich wirklich auskennt. Mehr als so mancher, der bei AS Roma wie in Trance die Spieler anfeuert. Sie kennt das ganze Drumherum wie nur Wenige. Zum Beispiel weiß sie, wann das pane e porchetta am besten schmeckt…

Wer Rom besucht, braucht Hilfe. Die Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen sonst. Kurze Momente der Ruhe werden mit diesem Buch mit Lokalkolorit aus erster Hand bereichert. Erst wer die Menschen der Stadt versteht, ihre Macken kennt, den Rhythmus verinnerlicht hat, wird Rom wirklich kennen. Birgit Schönau ist die Art von Reiseleiterin, der man am liebsten nicht von der Seite weichen möchte. Voller Elan führt sie den Leser durch die Ewige Stadt ohne hektisch zu werden.

Magnetlesezeichen Rom

Magnetlesezeichen Rom

Kolosseum ständig im Blick, eine leckere Pizza Margherita und ein köstlicher Chianti ständig greifbar und die Vespa nur wenige Schritte entfernt: So ist Italien. Doch leider sind die schönsten Tage des Jahres zähl- und absehbar, so dass einem nur die Erinnerungen bleiben. Die verblassen oft im Grau des Alltags und man erinnert sich nur noch manchmal und bruchstückhaft an Bella Italia. Man kann sich Souvenirs mitbringen, sie exakt ausgerichtet drapieren und ab und zu abstauben. Aber im Laufe der Zeit gehen sie im Farbenrausch unter. Wer liest, braucht Lesezeichen – ab und zu muss man, ob man will oder nicht, mal kurz innehalten. Diese Lesezeichen sind der Spannungsbogen zwischen Hirnreisen und Urlaub von Zuhause. Eine Ecke ragt immer über den Bücherrand hinaus und zeigt, wo man war, und man erinnert sich wie es war. Sie verleiten zum Träumen und Planen. Am besten passen sie natürlich zu einem Buch über Rom, wie etwas „Himmelfahrt“ von Michael Dibdin, einem echten Rom-Krimi.

Dolomiten

Dolomiten

Wer mit Geheimtipps von Urlaubsregionen hausieren geht, benutzt oft die Floskel, dass „man hier noch unberührte Natur (vor-)findet“. Alles ganz echt, naturbelassen, roh, rauh, schroff, die menschliche Hand ganz fern. Dolare nannten das die alten Römer, zurechthauen. Wer das erste Mal die Dolomiten bereist, bekommt leicht den Eindruck, dass hier Mutter Natur etwas grobschlächtig gearbeitet hat. Um vorschnellen Kritikern Einhalt zu gebieten, sei hier angemerkt, dass dieses Attribut durchaus liebevoll und wohlwollend gemeint ist. Steht man in einem der zahllosen Täler, fühlt man sich klein und willenlos. Erklimmt man einen der teils über dreitausend Meter hohen Gipfel, machen sich Erhabenheit und Glücksgefühle breit. Man hat die Rohheit bezwungen!

Die beiden Autoren Dietrich Höllhuber und Florian Fritz prügeln (auch das kann dolare bedeuten) den Leser nicht durch die beeindruckende Landschaft, sie nehmen ihn an die Hand und zeigen ihm die Wege, die man beschreiten muss, um dieses einzigartige Gebirge gebührend zu durchstreifen.

Brixen, Grödner Tal, Trentino, Belluno-Dolomiten und das Pustertal – kennt man alles, hat man schon mal gehört. Das Gebiet der Dolomiten wurde vor nicht einmal zwei Jahrzehnten auch als Marke zu einem hochentwickelten Produkt. Die Infrastruktur ist einwandfrei ausgebildet, dennoch hat man hier die eigenen Wurzeln nicht vergessen und besinnt sich fortwährend auf den so genannten unique selling piont, das Alleinstellungsmerkmal: Ruhe, Erholung, Natur ohne glatt gebügelte Eingriffe von außen. Wer die Dolomiten bereist, tut dies nicht aus Zwang, sondern aus bestimmten Gründen.

Dieses Reisebuch ist sicherlich einer der Gründe diese Gegend erkunden zu wollen. Gelb unterlegte Infokästen sind das Salz in der Wandersuppe der Urlauber. Denn hier gibt’s das, was andere nur versprechen: Echte Geheimtipps. Und erst die Bilder! Kleiner Tipp: Beginnen Sie beim Durchblättern auf Seite 72. Danach gibt’s kein Halten mehr. Koffer packen und ab in die Dolomiten. Ins Pustertal. In den Naturpark Sextener Dolomiten. Dort gibt es ein grandioses Farbenspiel an den Hängen der Gipfel. Garantiert!

Fünfzehn Wanderungen und Touren haben die beiden Autoren auf knapp dreihundert Seiten zusammengetragen. Nicht nur „Hier geht’s lang.“ „Dort gibt’s was zu futtern.“ Und „Das dürfen Sie nicht verpassen.“ Exakt durchdacht und mit jeder Zeile authentisch – man merkt sofort: Hier sind Experten bei der Arbeit. Von Aufbruchszeit, Einkehrmöglichkeiten, über Ruhestätten und Aussichtpunkten, bis hin zu nützlichen Tipps für Profis und Anfänger. Eigentlich wie immer: Ein Michael-Müller-Buch zum Schmökern, Schwelgen, Träumen, Reisen.

Der Wahldresdener Dietrich Höllhuber hat die fünfte Auflage seines Reisebuches leider nicht mehr miterleben können. Er verstarb nur kurze Zeit vor der Veröffentlichung. Auch als Neusachse hatte er die wichtigste Eigenschaft der Saggsen schon verinnerlicht. Dr Saggse liebt das Reisen sehr. Seine Reisebücher umfassten Neuseeland, Mallorca, Sächsische Schweiz, Südtirol, Meran und natürlich seine neue Heimat Dresden.

Tod zwischen den Zeilen

23 Tod zwischen den Zeilen

Rausgerissen aus dem Leben, verstümmelte Reste, Raub und Diebstahl: Brunetti hat es dieses Mal nicht mit einem bestialischen Mord zu tun – anfangs – sondern mit einem Diebstahl. In der Biblioteca Merula wurden wertvolle Bücher gestohlen und zerstört. Brunetti kennt die Bibliothek aus Studientagen, doch scheint sie dem Ermittler inzwischen fremd. Kaum eine Erinnerung kann die Gegenwart erhellen.

Bücher wurden gestohlen, einzelne Seiten wurden aus den wertvollen Niederschriften herausgetrennt. Direktorin Dottoressa Fabbiani ist verzweifelt. Wer tut so was nur? Brunettis erste Spur führt ihn zu Tertulian, einem Priester, der immer wieder in den Werken Tertullians liest und deswegen von den Angestellten so genannt wird. Eigentlich heißt er Aldo Franchini, und er war mal Priester. Beim Gespräch mit der Dottoressa über eben diesen Tertullian fällt Brunetti was auf: Tertullian war nur Besucher, interessiert, aber eben nur ein Besucher. Die Dottoressa kenne ihn gar nicht, doch kann dem Commissario sofort Antworten geben, auf Frage, wie nur jemand, dem Tertullian ziemlich vertraut ist.

Die Bücher sind zu einem Großteil Schenkungen einer der angesehensten Familien der Lagunenstadt, deren Oberhaupt die Contessa Morossini-Albani ist. Brunetti kennt die resolute Dame. Sie ist eine Freundin seiner Schwiegermutter. Aber eigentlich ist Brunetti hier gar nicht zuständig, er ist Mordermittler und nicht Schnüffler für Buchverstümmelung.

Seit einigen Fällen lässt Donna Leon ihrem Commissario Brunetti einen gewissen Hauch von Büchervernarrtheit offen angedeihen. War es zu Beginn der Reihe eher seine Frau Paola, die sich an Büchern und Geschichte nicht genug ergötzen konnte, so kristallisierte sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr sein Interesse für das Gewesene heraus. Wohl auch deswegen bleibt Brunetti am Ball.

Der Einfachheit halber recherchiert zur Familie Morossini-Albani. Gianni, der Spross der Familie, die einst vier Dogen stellte, ist ein ganz besonderes Früchtchen. Drogen, Partie mit Minderjährigen Mädchen, Diebstahl – er lässt nichts aus und … kommt ungeschoren immer wieder aus dem Schlamassel raus. Solche Leute liebt Guido Brunetti besonders! Die Contessa hingegen ist von anderem Schrot und Korn. Sie liebt und hasst gleichermaßen leidenschaftlich. Und sie weiß, was sich als ehrenwerte Tochter der Stadt gehört: Sie fördert die Kultur. Sie ist spitzzüngig und generös.

Und dann gibt es für Commissario Guido Brunetti endlich einen Mord! Endlich darf er offiziell ermitteln! Und schlussendlich – so viel darf verraten werden – findet er den Schuldigen Papierraubtiger!

Im dreiundzwanzigsten Fall lässt Donna Leon ihre zweite große Leidenschaft, nach der barocken Musik, Bücher und das darin versammelte Wissen in einen ihrer Krimis einfließen. Verstaubte Gewölbe, verstaubte Bibliothekare sind nicht das Terrain, auf dem Brunetti sich bewegen muss. Vielmehr sind es Lebenslust und die Kunst Venedig trotz der Spuren der Vergangenheit im Glanze erstrahlen zu lassen. Und ein Mörder kümmert sich erfahrungsgemäß nur oberflächlich um die Vergangenheit. Um zu entkommen, muss sein Fokus auf die Zukunft gerichtet sein. Und heißt erst einmal Commissario Brunetti!

Wer Donna Leons gelegten Fährten ihres Commissarios durch Venedig folgt, lernt die Lagunenstadt besser kennen als ein Pauschaltourist, der brav dem hochgehaltenen Regenschirm der Reiseleitung hinterher trabt. Die Dramen hinter den teils maroden Fassaden, die einstigen Bewohner der Paläste links und rechts der Kanäle sind zu engen Vertrauten geworden. Wer noch tiefer in die Stadt eintauchen will, muss entweder nach Venedig reisen oder steckt seine Nase in den prächtigen Bildband „Venedig – City Impressions“ von Bernd Rückert – ebenfalls vorgestellt auf dieser Seite. Stimmungsvolle Bilder stellen eine Parallele zu den Ermittlungen von Commissario Brunetti dar. Langsam lichtet sich der Nebel des Unbekannten, um dann mit voller Wucht vor die Augen des Betrachters zu treten. Ein bildgewaltiger Krimi ohne Opfer, es gibt nur Gewinner. Die Leser.

City Impressions – Venedig

City impressions Venedig

Das Verhältnis von Einwohner zu Besuchern beträgt in Venedig Eins zu Hundert. Null Komma Eins zu Eins beträgt das Preis-Seiten-Verhältnis dieses Bildbandes. Klarer Sieg für das Buch! Doch so kann man weder Venedig noch dieses Buch betrachten. Venedig sehen (und nicht gleich danach sterben!) gehört einfach in die Lebensplanung eines Touristen.

Venedig ist mathematisch nicht zu erklären. Venedig genießt man mit all seinen Sinnen. Die Augen laufen über beim Anblick der üppigen Architektur. Das Plätschern des Wassers in den Kanälen lässt den Alltagslärm fast vergessen. Der Duft, der aus den zahlreichen Restaurants strömt verbreitet Urlaubsstimmung. Ein morbider Charme zeichnet Venedig aus. Darin sind sich alle einig. Eine Zerbrechlichkeit, die im Sonnenlicht hervorbricht, bei Nacht sich dem Betrachter in ihrer ganzen Schönheit zeigt.

Auf pechschwarzem Grund präsentiert Bernd Rücker seine Eindrücke. Das Wasser und die Besucher hinterlassen ihre Spuren. Doch auch die Großen ihrer Zeit haben sich in Venedig verewigt. Heutzutage ist es Commissario Brunetti, dessen 23. Fall in diesen Tagen erscheint. Einst waren es Giacomo Casanova und Antonio Vivaldi. Amouröser Provokateur, melodischer Musiker und berechnender Polizist: Venedig ist für jeden da!

Das Buch beginnt mit einer für Venedig so typischen Szene: Ein Anlegesteg für Gondeln. Der Tau (wieder Wasser) tropft leise vom Geländer, das fade Licht der Straßenlaternen taucht die Stadt in einen mystischen Nebel. Der Dogenpalast ist nur schemenhaft als kolossale Silhouette zu erkennen. Der Markusplatz glänzt im zarten Nass der Nacht. Passend zu der Geschichte um Robert, der immer noch im Alltag gefangen ist. Die Stadt wird ihn verschlingen und ihn aufsaugen. So wie es jedem in Venedig geht.

In Einzelbildern wird sein Schicksal zu dem eines jeden Bildbetrachters. Wie im Museum, nur mit dem Unterschied, dass hier offensichtlich eine Geschichte erzählt wird. Einzelne Spots erhellen die Nacht. Lang geöffnete Blenden erzeugen eine stimmungsvolle Atmosphäre. Mit nicht ganz geöffneten Augen – ein wenig verschwommen taucht die Rialto-Brücke aus dem Nichts der Nacht auf. Leichte Wellen lassen die Nacht nicht gänzlich vorüber sein. Das Schwarz-Weiß wird gekonnt durch Farbakzente in beruhigenden Farben ersetzt.

Bernd Rücker verzaubert mit seinen Bildern den zweidimensionalen Spaziergänger durch die Lagunenstadt. Das turbulente Ringelreih der Tauben – die Touristen nur zu gern füttern und dann bitterlich dafür bestraft werden – gehört zum Alltag genauso dazu wie Souvenirkitsch rund um die bekannten Hotspots der Stadt. Es sind die kleinen Details, die diesen Band der Bildbandreihe City Impressions von Vagabond books. Kleine Risse in Mauerwerken, verwittertes Holz an den Gondeln, entspannte Gondoliere, spielende Kinder … Venedig ist so reich an Lebensfreude und Verfall wie keine andere Metropole der Welt.

Oft wird gesagt, dass abseits der Touristenpfade eine Stadt am ehrlichsten ist. Nur will da keiner hin. Keine Postkartenidylle – kein Besuch. Dass es sich lohnt Venedig weit weg von maßlos überteuerten Cappuccini und überlaufenen Sandalenpfaden zu erkunden, wird spätestens ab der Mitte des Buches klar. Hier sieht Venedig nicht mehr so geleckt aus. Hier erholt man sich vom Stress des babylonischen Sprachenwirrwarrs. Hier ist der Himmel blau, weil er blau ist und nicht weil Photoshop es so will.

In der Zwischenzeit ist Robert weiter in die Stadt eingetaucht. Und er ist nicht mehr allein. Emilio und Sarah haben sich zu ihm gesellt. Sie sind die Abwechslung für Robert während seiner Venedigtour. Bei so vielen Eindrücken muss ab und zu eine Pause drin sein. Schließlich wartet noch der Tag noch auf einen krönenden Abschluss.

Der durchbrochene Buchdeckel in Form des Umrisses von Venedig gibt ein wenig die Richtung des Buches vor. Düster und kolossal zu gleichen Teilen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Vorbereitung auf eine unvergessliche Zeit und nach der Rückkehr immer wieder als qualitativ (in jeder Hinsicht) hochwertiges Fotoalbum.

Die komplette Buchreihe City impressions umfasst außerdem die Metropolen Marrakesch, Rom, Paris, Lissabon, Barcelona und Istanbul und ist generell in zwei Sprachen erhältlich, deutsch / englisch und französisch / spanisch.

Südtirol

Südtirol

Südtirol – das lässt die Augen bei allen Urlaubern glänzen. Auf einmal sich steil aufrichtende Bergketten, glasklare Bergseen, exzellente Wanderwege, hübsch hergerichtete Dörfer und eine Bergluft, die chemische Zusatzstoffe vergessen lässt. Einmal tief einatmen und schon ist man im Urlaub.

Die drei Bs, die Besuchern Südtirols wechselnde Gefühle bescheren: Bozen und Brixen als wunderschöne Orte, die so perfekt scheinen, dass man meint im Paradies zu sein. Und als drittes B der Brenner, der bei Autofahrern so gefürchtete Pass – wer hier einmal im Stau stand (und wer tat das noch nicht?) verflucht das Land zwischen Olympianostalgie in Cortina d’Ampezzo und Zillertal.

Dietrich Höllhuber und Florian Fritz ziehen es vor die schönen Seiten zu erhellen. Denn es gibt noch so einiges zu entdecken, was für viel noch im Dunkeln liegt. Auch wenn die Dolomiten weithin sichtbar und ein einmaliges Kennzeichen Südtirols sind, so weiß doch kaum einer woher sie ihren Namen haben. Kein Witz, sie stammen von einem Forscher, der Deodat de Dolomieu hieß. Der erforschte Ende des 18. Jahrhunderts das Gebirge und wies nach, dass es hier früher mal ein Meer gab. Badeurlaub in den Bergen, sozusagen. Das geht auch heute noch. Man kann aber auch einfach mal „nur die Füße in die Waale halten“. Waale? Das sind im Vinschgau die natürlich erscheinenden Bewässerungssysteme der Gegend. Und wieder was gelernt!

Die beiden Autoren durchkämmen eine Landschaft, die eine halbe Million Tiroler ihre Heimat nennen. Ein halbe Million glückliche Menschen, denn schon beim einfachen Durchblättern des Buches kommt es zum unkontrollierten Endorphinausstoß. Die für die Bücher des Michael-Müller-Verlages typischen gelb unterlegten Infokästen sind in diesem Buch nicht nur Zusatzinfos, sie stehen gleichberechtigt (in der Anzahl) mit den eindrucksvollen Bildern und den informativen Texten. So erfährt man, dass in Südtirol die erste Schreibmaschine erfunden wurde. Leider ohne lohnenden Erfolg für den Erfinder.

Leckermäuler sind in Südtirol bestens aufgehoben. Die gesunde Bergluft macht hungrig, und vor allem durstig. Köstlicher Wein in allen Schattierungen bis hin zu erlesenen Gerichten aus Topf und Pfanne bringen die Gastwirte auf den Tisch. Das war sicher der schönste Part bei den Recherchen zu diesem Buch. Dem Leser wird der Reisespaß ab der ersten Seite vermittelt. In Zahlen bedeutet das fünfundvierzig Wanderungen und Touren auf über sechshundert Seiten. Das reicht allemal, um Südtirol eingehend unter die Lupe zu nehmen.

Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt

Ostia

Wo einst Luxusgüter umgeschlagen wurden, sonnen sich heute Luxuskörper. Wo einst sich Menschen aus aller Herren Länder trafen, treffen sich auch heute noch Menschen aus aller Herren Länder. Wo einst neidisch und ehrfurchtsvoll nach Rom geschaut wurde, reist man heute am Abend gen Rom. Die Rede ist von Ostia. Eine kleine Stadt vor den Toren Roms am Tyrrhenischen Meer, genauer gesagt Ostia Antica. Eine kleine Stadt, die schon seit über zweitausend Jahren existiert. Ostia Antica ist eine Ausgrabungsstätte, die als Sinnbild für eine römische Stadt dient. Die hier gemachten Forschungsergebnisse erlauben heute einen detaillierten Einblick ins Rom der Antike.

Wer Rom kennt, kehrt immer wieder gern an die Orte zurück, die man seit Schulzeiten kennt: Forum Romanum, Colosseum, Augustusmausoleum etc. Als Zugabe schlendert man gern durch bisher unbekannte Straßen und Gassen. Rom ist eine Stadt, die Geschichte atmet. Und so nach und nach wird man mit dem Historienvirus angesteckt. Man will wissen, wer hier oder da hauste, was die Inschriften bedeuten. Und irgendwann kommt man unweigerlich nach Ostia. An der Mündung des Tibers ist Rom noch so wie es einmal war.

Doch was bedeuten die einzelnen Ruinen, halbzerfallenen Bauwerke, deren einstige Pracht dem Zahn der Zeit teils zum Opfer fiel. Klaus Stefan Freyberger führt kenntnisreich nicht nur durch eine Ruinenstätte, sondern gleichzeitig auch ins römische Leben vor einer gefühlten Ewigkeit. Und es ist erstaunlich wie viel Wissen aus den Überresten der Stadt noch abzulesen ist. Beispielsweise die Bäckerei des Eurysaces. Vom Getreidemahlen über das Teigkneten bis hin zum Backen des Brotes lässt sich der gesamte Schaffensprozess nachvollziehen. Mit offenen Augen und teils auch mit offenem Mund liest man sich durch dieses anerkannte Gewerbe. Die Bilder von Heide Behrens unterstreichen diese Leseerfahrungen eindrucksvoll.

Nun ist Ostia Antica keine Touristenmetropole, die täglich Zigtausende von Touristen animieren muss. Eine Wohltat für alle, die sich für Geschichte interessieren und eine gewisse Vorbildung haben. Denn die braucht man! „Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt“ ist kein Reisebuch, das man Seite für Seite „abarbeitet“. Es ist vielmehr ein umfangreiches und gut strukturiertes Lexikon einer römischen Stadt mit dem Anspruch das Leben vor Jahrtausenden nachvollziehbar zu erklären. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt.

Lume Lume

Lume Lume

Ein Ohrwurm geht dem Erzähler nicht mehr aus dem Kopf. Es beschäftigt ihn so sehr, dass er unbedingt wissen muss, was die Zeilen bedeuten. Und so macht er sich auf die Suche nach der Bedeutung des Liedes. Er streift durch das multikulturelle Palermo. Woher stammt es? Vom Balkan? Aus Rumänien?

Unterwegs trifft er Rumänen – die kennen das Lied aber nicht. Zu jung. Die, die im richtigen Alter sind, und Rumänen zu sein scheinen, sind keine Rumänen. Die Suche nach dem Sinn des Liedes wird zur Suche nach der Identität der Stadt.

Der Erzähler trifft auf Moslems, Christen. Die buddhistische Floskel vom Weg, der das Ziel ist, wird unweigerlich sein Leitfaden. Er begegnet jungen Mädchen, die mit Stolz die Burka tragen. Jetzt sind sie erwachsen. In die Schule stolzieren sie allerdings in Jeans. Ihr Vater will nur, dass sie glücklich sind. Egal in welcher Kleidung.

Lume bedeutet Leute oder Welt. Die Doppelung des Wortes verleitet zum Spielen: Welt-Welt, Leute-Leute, Leute der Welt etc. Doch was es nun genau bedeutet, kann ihm immer noch keiner sagen.

Dem Erzähler gefällt das Lied so sehr, dass er es als Sinnbild Palermos ansieht. Hier trifft sich die Welt. Ob es nun Europa ist oder nicht – eine köstliche Erklärung warum Palermo nicht Europa ist: Lesen! – das Lied wird zum Sehnsuchtsziel einer spannenden Reise in die Herzen der Palermitani.

Nino Vetri ist auch Musiker. Der Erzähler ist er selbst. Eine Melodie, ein Lied, das einem nicht aus dem Sinn geht, das kennen viele. Dass man bei der Suche nach dem Text die eigene Umgebung unter die Lupe nimmt, so was gelingt nur Nino Vetri. Den Text zu finden, ist ein Leichtes, den Sinn zu erfassen wird schon schwieriger. Für Nino Vetri ist die Suche nach dem Text von Lume Lume nur der Anfang. Er findet Freunde, die ihm ihre Sicht auf die Welt näherbringen. Und Palermo ist die Sonne, um die sich alles dreht…