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Gebrauchsanweisung für Mailand

Gebrauchsanweisung Mailand

Zwei tolle Jahre für Mailand: 2015 die Expo, 2016 das Champions League Finale in San Siro. Klar, dass da so mancher auf die Idee kommt der lombardischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten. Die Stadt, in der Shopping-Event und Kultur-Overkill zusammen gehören wie Pizza und Vino. Das ist nicht alles? Echt? Henning Klüver hat da noch ein paar andere Tipps parat. Er weiß wie man die Stadt für sich einnimmt. Denn er lebt hier, seit über zwanzig Jahren.

Henning Klüver hat auch gleich das Einzigartige an Mailand ausgemacht, ohne das die Stadt ihr Antlitz verlieren würde: Den Dom. Ohne Inter und ohne den AC Milan wäre Mailand noch zu verkraften. Aber ohne den Dom wäre Mailand … nichts. Der Dom ist aber nicht einfach nur ein Gotteshaus mit einer mehr als sehenswerten Architektur. Man kann ihn sogar besteigen. Dann fühlt man sich wie im Panoptikum. Dutzende und Aberdutzende Figuren weisen den Weg über die Dächer der Stadt. Siehe Titelbild.

Den Vergleich mit Rom muss Mailand nicht scheuen. Es ist ein bisschen enger als in der Hauptstadt. Rom ist vielleicht schöner, reicher an Geschichte. Doch – und da sind sich alle Mailänder einig – zum Arbeiten zieht es die meisten nach Mailand. Aber als Tourist will man von Maloche nichts hören und so schiebt Henning Klüver den Leser sanft weiter durch die Stadt.

Da Mailand flächenmäßig eine kleine Stadt ist, kann man vieles schnell erreichen. Eine Fahrt mit der Straßenbahn bietet sich da an. Und schon ist man im nächsten Klischee. Mailand, die Elegante. In der Linie Eins sind die Türen aus Teak gefertigt. Seit sechzig Jahren rattert sie durch die Stadt und quietscht vergnügt im die Ecken. Teak! Ja, Teak in der Tram. Das nennt man dann wohl Lebensqualität. Doch auch Bausünden finden sich hier. Doch die Mailänder haben sich daran gewöhnt und machen sich einen Spaß daraus den Gebäuden passende Namen zu verpassen. Da gibt es das Haus mit Hosenträgern, die Krumme, die Bucklige und die Gerade.

Dieses Buch hetzt den Leser nicht durch die Stadt a Olona und Lambro. Vielmehr ist es über zweihundert Seiten langer Spaziergang durch Mailand, der einem stetig fließenden Wissensfluss ähnelt. So umfassend und detailreich wurden bisher nur wenige Städte vorgestellt.

Henning Klüvers Gebrauchsanweisung für Mailand ist ein doppelter Gewinn für den Leser. Nicht nur, weil auch die umliegende Region vorgestellt wird, sondern, weil es Wegweiser und Reiseführer in Einem ist. Der Autor stellt Orte vor, die man gesehen haben muss, bringt sie aber immer in Verbindung mit den Menschen, die diese Orte geprägt haben. Leonardo da Vinci und Guiseppe Verdi sind ebenso präsent wie hierzulande unbekannte Publizisten und Blogger, die ihrer Stadt wortgewaltig ein Denkmal setzen. Es empfiehlt sich dieses Buch in Milano immer dabei zu haben. Bei einer kurzen Rast lohnt es sich immer wieder einen kurzen Blick ins Buch zu werfen.

CityTrip Mailand und Bergamo

Mailand CityTrip

Mailand, Milano, gehört zu den Städten, von denen man selbst ohne einen einzigen Besuch meint, sie zu kennen. Doch geht es an die Reiseplanung stellt man schnell fest, dass nur Bruchstücke bereits bekannt sind. 2015 war das große Jahr der Lombardei-Metropole. Eins Komma Drei Millionen Menschen leben hier und selbst sie wissen nicht alles über ihre Heimat. Den Dom, die Scala und die Einkaufswelt der Galleria Vittorio Emanuele II sind auch Besuchern, die noch nie hier waren ein Begriff.

Doch Mailand nur auf diese drei Hotspots zu beschränken, wäre frevelhaft und würde selbst dem kürzesten Kurztrip nicht gerecht werden. Jens Sobisch stellt in seinem Reisebuch CityTrip Mailand und das nahegelegene Bergamo vor, so dass jeder Besuch zu einem Erlebnis wird.

Einfach mal kurz durchblättern und das ganze Ausmaß des kommenden Urlaubs wird sichtbar: Kurze Verhaltensregeln (Stichwort bella figura), Tipps für Herz und Magen sowie ein farbig untermaltes Textfeld mit der unerwarteten Überschrift „Mailand preiswert“. Ja, auch das ist möglich. Wenn das überteuerte Image der Stadt bisher einige abgehalten hat Mailand zu besuchen, wird hier nun auch diesem Vorurteil ein knackiges Ende gesetzt. Wer zum Beispiel ein 24-Stunden-Ticket erwirbt, spart schon mal – je nachdem wie häufig er die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt – ab der vierten Fahrt bares Geld. Denn es kostet nur dreimal so viel wie ein „normales Ticket“. Und wer sich vor Reisebeginn die Mühe macht das Internet zu durchforsten, wird feststellen, dass zahlreiche Museen und weitere Sehenswürdigkeiten an bestimmten Tagen einen kostenlosen Eintritt offerieren. Das Gesparte kann man dann getrost in primo und secondo anlegen. Denn wie der Autor zu berichten weiß, ist es üblich in den (besseren) ristorantes zwei Gänge zu bestellen. Und wo am besten? Das gibt er auch gleich noch bereitwillig preis.

Wer seinen Erstbesuch am Dom beginnen will – den findet man sicher am ehesten in der gewaltigen Stadt – wird es zu schätzen wissen, dass sich die Tipps nicht nur auf das Areal direkt herum beschränken. Links, rechts und hindurch erkundet man mit dem kleinen praktischen CityTrip Mailand die Stadt und fühlt sich wie ein sanfter Eroberer. Und so gelangt man von einem Highlight zum Anderen. Der dem Ende des Buches beigefügte Stadtplan zeichnet einem als Besucher aus und führt sicher ans Ziel. Auf der Rückseite ist die Innenstadt noch einmal detaillierter kartographiert.

Der „CityTrip Mailand und Bergamo“ ist der allzeit bereite und willige Helfer in einer der aufregendsten Städte Italiens und Europas. Bei so viel Information muss man allerdings achtgeben, dass man nicht vergisst den Kopf zu heben und die Stadt Eins zu Eins aufzusaugen. Denn nur sie kann mehr erzählen als das Buch…

smart Italienisch

smart italienisch

Kommt Ihnen das bekannt vor? „Ich, äh, bondschorno, hätte gern drei Brötchen … äh Brötchinos“, prego“. „Schatz, das heißt Panini!“. „Quatsch, das sind die Alben, die ich seit der WM 74 sammle. Panini, also weißt Du?!“. Tja, hätte er mal lieber jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Nein, nicht die Übersetzungs-App auf dem Handy – die liefert nur einzelne Wörter. Wer Italien als Urlausbland erwählt hat, sollte zumindest ein paar Brocken Italienisch beherrschen. Leider sind Sprachführer immer etwas zu groß geraten oder zu unübersichtlich oder nur nicht gebrauchter Ballast auf Reisen. Und die ganz kleinen Sprachführer, kommen über „Ciao“ und „Ti amo“ nicht hinaus. Es kann schon ziemlich nervenaufreibend sein, den richtigen Sprachführer zu finden.

Dabei ist es so einfach: Klein, so klein, dass die Ausrede „Der passt nicht in meine Hosentasche“ nicht mehr zieht. Rot, Rot mit einem roten Fiat vorn drauf. Und wer’s gern original haben will, mit mp3-Download aller Audiotracks. Gratis! Das ist sozusagen das Vorspiel.

Zur Einstimmung auf die für viele melodischste Sprache der Welt gibt es ein paar einführende Worte inkl. Aussprache und Handhabung des Buches. Und dann geht’s schon los: „Non La capisco.“ Ein Satz, den man anfangs öfter benutzen wird. „Ich kann Sie nicht verstehen.“ Wenn man diesen Satz fehlerfrei aussprechen kann, hat man schon mal gewonnen. Denn dann ist das Eis gebrochen. Apropos Eis. Nach de colazione und der obligatorischen Pasta zur Mittagsstunde erfrischt ein gelato ungeheuer. Vielleicht fragola? Oder doch lieber limone?

Nochmal zurück zum Mittagstisch. Die Sonne prasselt erbarmungslos hernieder. Das acqua läuft in Strömen über den Körper. Und das Essen? È freddo! Das möchte man dann doch lieber mandarlo indietro, zurückgehen lassen. So ganz banale Dinge wie die Nahrungsaufnahme, und schon kann man sich im gediegenen Italienisch ausdrücken. Nur einmal das Buch aufschlagen! Tutto molto semplice. Ganz einfach.

Dieses Buch immer dabei zu haben, erleichtert sich das Zurechtfinden und nimmt ein wenig die Angst vor dem Fremden. Es vor lauter Aufregung in der Hand zu kneten, bringt nichts. Man muss schon reinschauen, um stets ein freundliches Ciao, per favore, prego, grazie zu ernten. In einer Erholungspause bietet es sich regelrecht an etwas Italienisch zu büffeln. Allerdings mit Spaß! Und wer immer noch nicht überzeugt ist, der sollte den Preis mal umrechnen, also in Lire. Das waren mal 12.000 Lire. Jetzt nur knapp sechs Euro. Wenn das kein Argument ist…

Und in Zukunft heißt es dann „Vorrei tre panini, per favore“. Es ganz einfach, wenn man den richtigen Sprachführer hat. Dann gibt es auch kein mitleidiges Schulterklopfen mit einem „Hier, nehmen Sie meinen Hueber!“.

Rom

Rom MM City

Auch wer im Geschichtsunterricht sein müdes Haupt auf dem Pult niederlegte weiß: Hier tobte seit jeher das Leben! Rom, Roma, die Ewige Stadt. Reiseanbieter locken mit Angeboten, die nie und nimmer stimmen können. Drei Tage Rom und keine Sehenswürdigkeit verpassen. Von wegen! Das klappt nur, wenn man drei Tage in diesem Buch blättert!

Drei Tage braucht man schon, um die knapp dreihundert Seiten zu durchforsten. Um dann alles zu sehen, braucht man ein Leben lang. Wer nicht so viel Zeit aufwenden kann, braucht – und das ist die logische Konsequenz – einen umfassenden, kompakten, detaillierten, klar gegliederten Reiseband, der alle Sinne anspricht. Das leise Knistern, wenn man das Buch zum ersten Mal öffnet. Der Geruch des frischen Buches steigt in die Nase. Man kann es fühlen, fast schon schmecken und bereits der Einband lässt es erahnen: Hier scheint die Sonne nur für den Besucher.

Sabine Becht hat sich die einfachste und die schwerste Aufgabe gesucht, denn sie hat einen Reiseband über Rom geschrieben, den man benutzen kann. Einfach deshalb, weil Rom voller Geschichte steckt, die erzählt werden muss. Und genau deshalb ist es auch die schwerste Aufgabe. Was ist wichtig, was weniger wichtig. Wichtig und interessant ist hier eh alles! Kaum ein Meter via, der nicht vom Hauch der Vergangenheit gestreift wurde. Kaum eine piazza, über die nicht ein Weltenbeweger geschritten ist. Kaum eine regione, die nicht den Anfang einer noch nicht beendeten Geschichte ist.

Wo also anfangen? Wie weiter? Wo aufhören? Wer Rom besucht, sollte sich einen Plan zurechtlegen. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Und deswegen dauert die Planung eben auch ein bisschen. Drei Tage mindestens…

Der Giro d’Italia 2016 führt an achtzehn Wettkampftagen durch Italien. Und spart Rom aus. Sabine Becht schickt den Leser auf zehn Spaziergängen durch die Stadt am Tiber und spart die Rundfahrt aus. Auch wer Rom schon kennt,  oder zumindest meint es zu kennen, entdeckt hier und da, wenn auch nur andeutungsweise, Neues. Ganz wichtig in Rom: Die Fortbewegung. Alles erlaufen, ist eine ordentliche Aufgabe. Nicht für jedermann zu bewältigen. Angst etwas zu verpassen, wenn man sich motorisiert fortbewegt, muss man nicht haben. Sabine Becht gibt rechtzeitig Bescheid, wenn man an einer Sehenswürdigkeit vorbei zu schlendern droht. Keine Inschrift, kein Denkmal, kein bedeutendes Objekt bleibt unbemerkt. Als lesender Besucher der Stadt muss man immer damit rechnen etwas zu entdecken. Jeder Rundgang ist mit einer exakten Karte ausgestattet, so dass Verlaufen unmöglich wird. Und wenn man doch einmal falsch abgebogen sein sollte, na und. Auch hier gibt’s was zu sehen. Wieder zurück auf die (richtige) Piste, und schon übernimmt Sabine Becht wieder die gedruckte Reiseleitung. Wenn der Magen knurrt, die Füße schmerzen, das Auge sich erholen muss, auch hier weiß der Reiseband wohltuenden Rat. Bei einem gediegenen Glas vino bianco, einer schmackhaften Pizza oder der besten Pasta der Stadt (damit wirbt eh jeder, doch die Autorin weiß, wo es auch wirklich zutrifft), blättert man noch ein wenig im Buch und bekommt sofort einen Eindruck von dem, was noch auf einen zukommt bzw. worauf man zugeht.

Wer Rom besucht, bekommt zwei im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Städte zu sehen: Rom und den Vatikan. Auch hier weiß die Autorin so Manches zu berichten und spornt zu Entdeckungsreisen an.

Lesereise Vatikan

Lesereise Vatikan

Er ist das letzte Relikt einer vergangenen Zeit. Auf dem Papier ist der Vatikanstaat das rückschrittlichste Land der Erde. Bei näherem Betrachten ist das kleinste Land aber auch sehr fortschrittlich. Ein absolutistischer Herrscher, die bunteste Armee der Welt, aber auch die niedrigste Scheidungsrate. Der Regierungschef hat einen Migrationshintergrund, so wie eigentlich alle Bewohner. Und obwohl die Nähe zu Italien dagegen sprechen sollte, spielt die Fußball-Nationalmannschaft keine Rolle im Elf-Gegen-Elf-Weltgeschehen. Und noch was: Die Verwaltung des Landes ist der größte Immobilienbesitzer der Welt. Und zum Einkaufen allein fährt man auch nicht an den Petersplatz. Endlose Schlangen vor den Museen sind kein Argument hier ein paar geruhsame Tage zu verbringen. Warum also ist der Vatikan so beliebt bei Touristen, dass beispielsweise in den Heiligen Jahren – 2016 steht übrigens wieder eines ins Haus – mehr als die zwanzigtausendfache Menge der Einwohnerzahl an Touristen verkraftet werden muss.

Christine Höfferers Lesereise erklärt in ihren Reportagen warum es sich hier aushalten lässt und ein Abstecher ins Zentrum Roms mehr als nur lohnenswert ist. Noch einmal zurück zu den Warteschlangen. Wer unvorbereitet die Vatikanischen Museen besuchen will, braucht Stehfleisch. Besser anmelden. Dann klappt’s auch mit dem Reinkommen und man hat sogar Zeit und ein wie auch immer geartetes Lächeln für die Wartenden übrig. Zeitgemäß modern wie die christlich-sozialen Freunde in Bayern meint auch der Chef der Museen, dass hier Kontingente von Nöten seien, zumindest aber hilfreich sein könnten.

Die Schweizer Garde ist die wohl am wenigsten Schaden anrichtende Söldnerarmee der Welt. Wer mitmachen will, muss sich einer strengen Prüfung unterziehen. Wenn Alter, Größe, Herkunft, Konfession, Familienstand stimmen, gibt’s eine schicke Uniform. Und die schneidert Ety Ciccioni. Rund 150 Uniformen schneidert er pro Jahr. Die Farben setzen sich aus den Familienfarben früherer Päpste zusammen, das Blau von den Medicis und das Gelb-Rot aus dem Geschlecht der della Rovere. Wegen des Gehalts nimmt keiner der Gardisten diesen Job an. Tausendvorhundert Euro gibt’s jeden Monat vom Chef.

Die Lesereise Vatikan besticht durch die sorgfältige Auswahl der Themen und die lesenswerte Umsetzung selbiger. Christine Höfferer ist eine echte Kennerin der Geheimnisse des Vatikans. Als Tourist wird man dieses Buch verschlingen. Und immer wieder lesen. Und immer dabei haben. Sei es als Zeitvertreib in der Warteschlange, oder als Nachschlagewerk, wenn man vor Ort ist. Denn hier lauert nicht an jeder Ecke ein Histörchen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes in Schrittlänge.

Das Format ist außergewöhnlich: Passt in jede Tasche, beult nicht aus und der Inhalt der Serie im Allgemeinen und dieses Buches im Speziellen trägt dazu bei den Urlaubsort eingehend zu begreifen.

Wölfe in Genua

Bruno Morchio - Wölfe in Genua

Das ist nicht fair! Montagmorgen. Die Woche beginnt träge. Über den Dächern der Stadt weht leise der Schirokko, dieser unaufhörliche, nicht starke, dennoch immer spürbare Hauch von Nichts. Und Privatdetektiv Bacci Pagano wird von seinem Schöpfer Bruno Morchio schon wieder in die Spur geschickt. Ein alter Mann liegt zerfleischt im Park. Ein Jogger hat ihn entdeckt. Die Versicherungsgesellschaft CarPol in Person von Dott. Gianluca Boero will die genaue Todesursache wissen. Denn Mino Terenzi hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Seine um einiges jüngere Frau hat schon zu Lebzeiten dem Leben die guten Seiten abgerungen. Soll heißen, dass die beiden wohl gehörig über ihre Verhältnisse lebten. Julia Rodriguez Amanzar kam als Illegale aus Panama nach Genua. Eine „Karriere auf dem Strich“ galt wahrscheinlicher als ein bequemes Leben an der Seite eines reichen Sugardaddys. Davon geht die Polizei aus. Trips nach Monte Carlo, ein teures Cabrio waren ihr beschieden. Und nun liegt ihr Gatte mit durchbissener Kehle am Wegesrand. Mehr als nur eine Randnotiz: Genau in der Gegend wurde ein Wolf gesichtet bzw. wurde er gehört. Ein elendes Heulen jede Nacht.

Und Julia Amanzar hatte einen Lover, Manuel, Chilene, Besitzer einer Hundezucht. Doch das weiß nur Bacci Pagano. Julia hatte Angst diese Information an die Behörden weiterzugeben. Klar! Eine hohe Lebensversicherung, eine (lebenslustige) junge Witwe, ein Hunde züchtender Lover und die Wolfshaarspuren unter den Fingernägeln des Opfers. Da kommt man schnell auf den Gedanken, dass Manuel und Julia gemeinsame Sache gemacht hätten. Doch Julia überzeugt die Spürnase Pagano, dass ihr Gatte Manuel kannte und von der Liaison wusste. Geliebt hatte Julia nur ihren Mino.

Mino ist allerdings auch nicht der trottelige Alte, der sich von einer heißblütigen Latina das Leben aussaugen ließ. Er ist bzw. war ein gewiefter (und vor allem zäher) Kredithai, der im Dunkeln seinen Geschäften nachging. Und er hatte eine Tochter, die auf Julia überhaupt nicht gut zu sprechen ist. Was so fade, so tröge begonnen hat, entwickelt sich zu einem verzweigten und verzwickten Fall für Bacci Pagano.

Bruno Morchio gewährt einen weiteren Blick tief in die Seele der ligurischen Metropole Genua. Auch Pagano bekommt in seinem zweiten Fall mehr Profil. Ein Treffen mit seiner Ex-Frau, die Beziehung zu seiner Tochter Aglaja thematisiert der Schriftsteller. Leider sind die folgenden drei Romane über den Mozart liebenden Ermittler bisher nur auf Italienisch erschienen. Ende offen.

Kalter Wind in Genua

Kalter Wind in Genua

Bacci Pagano ist Privatdetektiv in Genua, einer Stadt, die in Krimidingen in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle spielt. Noch! Denn der nüchtern kalkulierende und sich durch nichts aus der Ruhe bzw. seinem Denkschema bringen lassende Ermittler ist eine literarische Wohltat.

Denn Bacci Pagano ist ein echter Kerl – wer ihm dumm kommt, bekommt es auch mit ihm zu tun. Eigentlich arbeitet Pagano im Moment für eine Industriedynastie. Ein einfacher Job. Dabei entdeckt er, dass der Erbe, der bald heiraten soll, von seiner Verlobten ziemlich hinters Licht geführt wird. Sie ist ein ganz schön durchtriebenes Luder.

Mitten in den Ermittlungen wird Pagano von einem Freund um Hilfe gebeten. Dessen Radiosender ist Vielen ein Dorn im Auge. Zu links. Zu offen. Zu gefährlich. Genua rückte 2001 in den Fokus der Öffentlichkeit, als es hier zum ersten Mal in der Geschichte der G8-Gipfel zu immensen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam. Aktionen, die heute zum Alltag bei den Gipfeltreffen gehören. Radio Baba Yaga berichtet immer wieder kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen von Missständen und Schiebereien.

In die Büroräume des Senders wurde eingebrochen. Nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht ein Gewehr gestohlen worden wäre. Die Polizei und Pagano nehmen, teils unabhängig voneinander, die Spur auf. Mal liegt die Mordkommission vorn, meist jedoch Pagano.

Ein verzwicktes Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge. Mal hat Pagano den Täter schon am Schlafittchen, schon ist er ihm wiederentwischt. Die Hintermänner tauchen vor den Schleier des Vergessens und schon sind sie wieder verschwunden. Zwei Fälle muss Pagano lösen. Zweimal Lug und Trug, zweimal Heuchelei und Prügelei. Und zweimal hat die Lösung zwei Seiten.

Was diesen Krimi so besonders macht, ist die liebevolle Huldigung an Genua. Jede Ecke, jede Gasse, jede Bar wird mit so viel Detail beschrieben, dass man fast keinen Stadtführer mehr braucht. Anders als Brunetti in Venedig oder Guarnaccia in Florenz ist Bacci Pagano ein handfester Kerl, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Obwohl er lieber mit Worten als mit Fäusten kämpft. Aber, wenn’s gar nicht anders geht…

Mit seiner amaranten Vespa jagt er Verbrecher durch die Carruggi, die engen Gassen Genuas. Wer aufmerksam liest, kann in der ligurischen Metropole selbst auf Verbrecherjagd gehen.

Spaziergänge in Verona

Spaziergänge in Verona

Städtereisen haben ihren eigenen Reiz. In relativ kurzer Zeit so viel wie möglich erleben. Auf engstem Raum, relativ gesehen. In New York ist man als Fashion-Victim bestens aufgehoben. London ist ob der schieren Vielfalt fast gar nicht mehr zu fassen. Und durch Verona schlendert man beschwingt wie zu einer Mozart-Melodie. Auch dieser Stadt machte das Wunderkind einst seine Aufwartung.

Ulrike Rauh umgeht das Vorurteil, das, wer Verona besucht, nur auf den Spuren von Romeo und Julia, der Montagues und der Capulets wandern will. Wer die Stadt nur auf die beiden – fiktiven – Figuren beschränkt, wird den größten Teil der Stadt verpassen. Auch wenn sich die Stadt scheinbar nur auf ihre beiden – fiktiven – Helden zu verlassen scheint.

Ulrike Rauh genießt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in der Stadt an der Etsch. Mit wachem Auge, offenem Geist und gezücktem Stift streift sie durch das Verona der Vergangenheit und betrachtet es aus der Gegenwart. Nur ein wenig größer als Nürnberg, aber nur halb so viele Einwohner (was durch den Besucheransturm aber wieder ausgeglichen wird). Verona erläuft man sich, atmet die Atmosphäre der über zweieinthalbtausend Jahre alten Stadt ein.

Ulrike Rauh setzt sich nieder, wenn es ihr sinnvoll erscheint, genießt einen Cappuccino und lässt ihren Blick schweifen. Als Leser wird dabei ebenso der Wissensdurst gestillt wie der  der Autorin sich in die Stadt zu vertiefen. Immer wieder glänzt sie mit Fachwissen, das dem hastigen Reisenden verborgen bleibt.

Wer Verona bereist, sollte die „Spaziergänge in Verona“ stets zur Hand haben. Sich niederlassen, einen kleinen Snack zu sich nehmen und wenig im Buch blättern. Wer geschickt plant, hat mit diesem Buch einen idealen Reiseguide, der die Steine zum Sprechen bringt.

Und sie trifft sogar einen Nachfahren eines der berühmtesten Söhne der Stadt: Dante. Seit zwanzig Generationen gehört die Familie Alighieri zu Verona wie die Etsch und Romeo und Julia. Er staunt über das Programm, das die Autorin noch vor sich hat und gibt Ihr Ratschläge, was sie noch sehen muss. Dem Leser soll’s recht sein: Echte Tipps von einem, der’s wissen muss.

Auch Ulrike Rauh kann sich der Anziehungskraft des Romeo-Und-Julia-Kultes nicht verschließen. Trotz all des Kommerzes ist und bleibt die Stadt ewig mit den sich innig Liebenden verbunden. Sie machte einen großen Bogen um die Touristentrauben, die mehr oder weniger versierten Guides an den Lippen hängen und verführt den Leser dazu der wahren Geschichte der beiden, sofern es sie gibt, zu folgen.

In jeder Zeile, in jedem Wort, jeder Silbe spürt der Leser die Zuneigung der Autorin zu Verona. Fast meint man, dass ein Besuch nicht lohnt, weil man alles hautnah im Buch schon erlebt hat. Das ist ein Kompliment für die Ulrike Rauh, doch würde man Verona keinen Gefallen tun und sich selbst betrügen. Die im Buch abgebildeten Bilder stammen wie die Zeilen von Ulrike Rauh. Um Souvenirs muss man sich also schon mal nicht kümmern, wenn Verona auf dem Reiseplan steht…

Aussetzer

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Die Krise mal anders. Mauro ist CEO eines großen italienischen Unternehmens. Einer seiner Stellvertreter ist der Sohn des Chefs und hat auch genau nur aus diesem Grund diese Position inne. Eine große Übernahme steht an. So weit so gut. Doch die Zeit will es, dass sich die Übernahme nicht als das größte Übel im Leben Mauros herausstellt. Denn seine Frau ist weg. Alles klar, Andrea Camilleri hat wieder einen großen Krimi über das organisierte Verbrechen geschrieben. Mit der Entführung soll der Chef zum Einlenken gezwungen werden. Weit gefehlt!

Das Verschwinden von Marisa hat auch was mit Guido zu tun. Der wiederum ist der zweite Stellvertreter von Mauro, Personalchef. Marisa und Guido sind ein Paar, oder zumindest haben sie eine Affäre. Doch das Kräfteverhältnis in dieser Beziehung schlägt stärker zu Marisas Seite aus. Sie ist gelangweilt von ihrem Gatten und ihrem Leben. Ob Guido der Richtige ist?

Mauro der Gehörnte? Mitnichten! Denn auch er hat seine Angel bereits ausgeworfen. Einen Blick riskiert. Licia heißt das Objekt seiner Begierde. Und die ist ausgerechnet die Enkelin des Chefs von dem Unternehmen, das Mauro schlucken will.

Doch es heißt auch die Übersicht zu bewahren. Bei der Jonglage mit dreistelligen Millionenbeträgen Vorsicht das oberste Gebot. Da darf man sich keinen Aussetzer erlauben. Zu viele, die einem ans Leder wollen. Zu viele, die den kleinsten Ausrutscher für sich zu nutzen wissen. Wohl dosierte Informationspolitik nach innen und nach außen.

Nicht jeder, der die Fäden in der Hand hält, ist ein Strippenzieher. Das müssen alle Handelnden mehr oder weniger schmerzvoll erfahren. Das Bällezuspielen bleibt bis zur letzten Zeile spannend. Aus einem Wirtschaftskrimi wird eine Liebesgeschichte wird ein Wirtschaftskrimi wird eine menschliche Tragödie.

Andrea Camilleri macht es einen Riesenspaß den Leser mit den zahlreichen Beteiligten an seinem „Aussetzer“ zu beteiligen. Immer tiefer dringt man in die Seilschaften der Macht ein. Wer mit wem? Wer gegen wen? Und warum? – ein köstliches Vergnügen den Zeilen des Großmeisters des stilvollen Wortes zu folgen. Jede Zeile ein Gedicht – übrigens lässt sich Marisa gern mit ebensolchen Gedichten von Guido verführen. Jede Zeile eine Warnung. Übrigens soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, denn die Bekanntgabe „zu vieler Teile aus dem Buch könnte den Leser um den Genuss bringen“.

City impressions Rom

City Impressions Rom

Wer Rom verschläft, hat die Welt nicht gesehen. Jahrein, jahraus reisen, ja pilgern Millionen von augendurstigen Touristen in die Ewige Stadt. Und alle sind mit Kameras – teils – bewaffnet. Und alle machen das Bild ihres Lebens! Doch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz kann seine gepixelten Ergebnisse hinterher auch wirklich vorzeigen. Und noch weniger als Buch drucken lassen. Und zu denen gehört Bernd Rücker.

Selbst in einer Reihe wie City impressions von vagabond books sticht der Band über Rom nicht durch Quantität, sondern durch Qualität heraus. Sicher hätte Bernd Rücker auch ein Werk mit eintausend Seiten machen können. Doch er entschied sich für die „schmale Variante“ von dreihundert. Wie immer darf der Leser schon auf Anhieb einen Schlüssellochblick durch den Einband werfen. Die Silhouette der Stadt gibt den Blick frei auf ein Abenteuer.

Ein Bildband über Rom ist eine Herzensangelegenheit. Jede Sparte der Buchkunst kann mit einem Bildband aufwarten. Von der Archäologie über die Kunst bis hin zu Reiseführern – Rombücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Und ab und zu finden sich auch wahre Kleinode unter den Neuerscheinungen. Dieses Buch gehört nicht dazu, es ist ein Großod – wenn es denn dieses Wort überhaupt gibt. Mächtig die Ausmaße (325 mal 300 mm), beeindruckendes Gewicht (ca. drei Kilo) – doch das sind nur die oberflächlichen Merkmale. Wie in einer guten Beziehung geht es um die inneren Werte. Hier gibt es kein Gut oder Böse, kein Schwarz oder Weiß. Dieses Buch ist einzigartig (gut) in all seinen Schattierungen. Der Hell-Dunkel-Kontrast als Symbol des Unverfälschten. Keine Bonbonfarben, die den Blick trüben und die Konturen verwischen lassen. Licht und Schatten als Denkschrift des Details.

Und Details findet man bei jedem Durchblättern immer wieder aufs Neue. Ein Kinderlachen, graziler Alltag, pures Leben, eine Mauerspalte. Und auf jeder Seite die Aufforderung die kleinen grauen Zellen anzustrengen und sich selbst eine Geschichte auszudenken. Bernd Rücker tut dies auch und liefert wie beiläufig eine Geschichte gleich mit.

Zwei Männer – der Eine hätte sich nie zu träumen gewagt diese Stadt, Rom, je besuchen zu können. Der Andere will eigentlich weg, aus familiären Gründen, doch kann sich nicht lösen. Ihre Geschichten bilden den Rahmen um die oft doppelseitigen Bilder. Keine Stadtrundfahrt mit „Schauen Sie links, rechts sehen Sie …“ – nein es sind Spaziergänge, die den Alltag bestimmen und erst bei genauerem Hinsehen diesen zu einem Höhepunkt machen. So wie einst Tom Ripley als er in Rom den Halt suchte, den er brauchte, um sich seinen Häschern stellen zu können. Er durchstreifte schon nach wenigen Tagen die Stadt wie ein alter Hase. So ergeht es auch dem Betrachter dieses Buches.

Wer zum ersten Mal Rom besucht, findet kaum die Zeit den Alltag der Metropole einzufangen. Zu groß das Angebot an Geschichte – jede Ecke erzählt vom einstigen Ruhm des allmächtigen Römischen Reiches. Wer zum zweiten Mal nach Rom reist, holt nach, was er beim ersten Mal verpasst hat. Die ersten Eindrücke Roms bekommen langsam Konturen. Die City impressions Rom vermitteln sofort den Eindruck als kenne man die Stadt am Tiber schon seit Ewigkeiten. Gelato in historischer Kulisse. Espresso vorm Palazzo. Siesta dort, wo es sich einst der Adel gutgehen ließ. Grandezza auf höchstem Niveau für nicht minder höchste Ansprüche.

Bleibt noch die Frage offen, für wen dieses Buch gemacht ist. Für alle, denen Formensprache und Ästhetik nicht einerlei sind. Für alle, die Rom ins Herz geschlossen haben. Für alle, die Rom noch einmal – auch anders – erleben wollen. Für alle, die feststellen mussten, dass Rom doch mehr als Pantheon, Colosseum und Petersplatz ist. Für alle, die Rom nicht nur als Reiseziel betrachten, sondern als Fest für alle Sinne. Die City impressions Rom sind Augenschmaus und Herzschmerz zugleich. Das Auge erfreut sich aufregenden Perspektiven, expressionistischen Einstellungen und grandiosen Bildkompositionen. Das Herz blutet, weil der nächste Flieger gen Roma ohne es abhebt. Wenn es heißt, dass in Rom Licht und Schatten oft eng beieinanderliegen, so hat sich Bernd Rücker dies zu Herzen genommen. Er passt genau den Augenblick ab, in dem das Gut-Und-Böse-Spiel von Hell und Dunkel zur vollen Entfaltung kommt. Das ist der Augenblick, in dem er abdrückt und das Drama seinen Lauf nimmt… Der Leser darf dieses Drama beobachten. Ein Auf und Ab der Gefühle gibt es bei ihm nicht. Es dominiert das Auf.

Dieses Buch einfach nur anzuschauen, ist ein Fest. Doch es reicht nicht. Man muss Rom nun endlich selbst sehen, es schmecken, es in sich aufsaugen. Als Urlaubslektüre empfiehlt sich „Der talentierte Mr. Ripley“. Wer genau liest, erkennt den einen oder anderen Ort aus den City impressions wieder…

Wie immer sind die Bücher in zwei Sprachausgaben erhältlich – deutsch/englisch und französisch/spanisch. Auf der Suche nach dem besonderen Geschenk kommt man nur schwer an diesem Bildband vorbei.