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Venexia

Venedig und Klischees – gehört irgendwie zusammen. Hoffnungslos überlaufene cale und Brücken, Überschwemmungen und der Karneval. Aber auch Romantik, zauberhafte Aussichten und ein Füllhorn an einzigartigen Eindrücken. Doch all das ist ein Stück harte Arbeit. Mit dieser Einsicht kommt man diesem Prachtband schon ein gewaltiges Stück näher. Denn Venedig ist eben nicht nur Romantik in bella italia und ein Espresso zu exorbitanten Preisen. Hier leben Menschen, echte Venezianer, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.

Stefan Hilden hat immer die Kamera im Anschlag. Was so martialisch klingt, war es anfangs auch. Er war auf Bilderjagd. Doch er merkt schon bald, dass er so nicht sehr weit kommt. Denn als Venezianer will man nicht auf Schritt und Tritt für die Ewigkeit eingefangen werden. So kam er ins Gespräch mit den Einwohnern der Serenissima. Und bald schon kamen diese einzigartigen Bilder zustande. Hochglanz, ja. Prospektmaterial, bedingt. Denn Venedig öffnet sich nur dem Aufgeschlossenen.

So darf Stefan Hilden den Palazzo Mora besuchen. Nicht einfach nur mal reinschauen, so wie viele andere auch. Nein, er durfte Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Immer schön am Rand bleiben, wurde ihm gesagt. Da weiß man schon, dass das Knarzen im Boden nicht einfach nur Nostalgie ist, sondern eine echte Warnung. Und ab jetzt verschlägt es dem Leser den Atem! Man riecht förmlich den Verfall, atmet Geschichte, sieht, was die Zeit mit dem Gebäude gemacht hat. Aber vor allem, was immer noch zu sehen ist! Lichtpunkte, die durch die brüchigen Fensterläden ihren Weg finden. Patina an kunstvoll geschmiedeten Geländern und Beschlägen. Aussichten, die so selten sind, dass man vor Neid erblassen könnte.

Manche Gebäude werden heutzutage als Ateliers genutzt. Mal expressionistisch wie im Cabinett des Dr. Caligari, mal verwunschen wie in einem Märchenschloss. Immer voller Leben, das sich auf den Straßen abspielt.

Aber auch Orte der Ruhe findet Stefan Hilden bei seinen Fotostreifzügen, die keine Jagd mehr sind. Keine auf Hochglanz polierte Gondeln findet den Weg vor die Linse, sondern genutzte Wasserfahrzeuge, die ihre Pflicht vor langer Zeit getan haben. Pures Mauerwerk kündet von dem, was mal war. Und immer mit im Bild: Die Sehnsucht, die Grandezza der Stadt, die einmal die Meere beherrschte. Deren Ruhm seit Jahrhunderten an- und die Besucher in Atem hält.

„Venexia – Hinter den Kulissen von Venedig“ spiegelt dem Betrachter nichts vor, wie es so manch Unerfahrenen in der Lagunenstadt ergeht. Die Stadt ziert sich etwas ihre nicht ganz so prächtigen Seiten zu offenbaren. Stefan Hilden leistet exzellente Überzeugungsarbeit und lässt sie bei aller fehlender oberflächlicher Eleganz erstrahlen. Venedig mal anders – dieser zu oft missbrauchte Satz trifft bei diesem Buch auf jeder der 180 Seiten zu.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.

Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume

Bei historischen Romanen muss man sich immer in Acht nehmen, dass man die Fiktion nicht der Realität gleichsetzt. Daten und Fakten sind heutzutage so leicht recherchierbar, dass der kleinste Fehler schon den Ruf des gesamten Werkes ruinieren kann. Armin Strohmeyr wird sich diesem Vorwurf nicht aussetzen müssen. Das liegt zum Einen an den exakt aufgearbeiteten Fakten, zum Anderen an der Geschichte selbst. Schon mal auf Ferdinandea gewesen? Wer jetzt ja sagt, braucht ganz schnell eine Ausrede. Wie zum Beispiel, „Ja, mit dem Finger auf der Landkarte.“. Zu mehr wird es nicht reichen. Denn Ferdinandea gibt es nicht! Nicht mehr.

Es ist Juli im Jahr 1831. Ein paar Meilen südlich von Sizilien. Da erhebt sich – tosend, grollend, leise, fast unmerklich … wie auch immer – eine Insel aus dem Meer. Ferdinandea wird sie genannt werden. Und damit beginnt auch schon das Unheil!

Ein neues Stück Land weckt Begehrlichkeiten. Das war so, das ist immer noch so, und so wird es wahrscheinlich auch bleiben. In Sichtweite liegt die Stadt Sciacca. Dort ist das Leben kein Zuckerschlecken. Weder für Fischer, für alleinerziehende Frauen, auch nicht für Vermieter von Ferienunterkünften. Was man da alles machen könnte?!

Doch den Einheimischen, was sie ja eigentlich noch nicht sind, denn die Insel ist ja gerade erst entstanden, stehen ganz andere Mächte entgegen. Das British Empire bringt auch schon seine Flotte in Stellung. Ein Stück Land mitten im Mittelmeer, mitten auf den Handelsrouten für Maschinen, Weihrauch, Oliven, Wein und Gewürze – da lecken sich die Strippenzieher der Geldvermehrung die Finger.

Überall auf der Welt staunt man nicht schlecht über dieses Naturereignis. Mitten im schönsten Sommer taucht da plötzlich ein neues Eiland auf. Träume könnten wahr werden. Hoffnung keimt auf. Die Gelehrten von Weimar bis Neapel, von London bis sonst wohin sind baff ob dieser Sensation. Auch sie spekulieren, was alles hier erstehen kann.

Doch der Spuk ist bald vorbei. An Weihnachten sieht man am Horizont wieder das, was bis Juni 1831 zu sehen war: Horizont und Wasser. Nicht mehr und nicht weniger. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schafft es Ferdinandea noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings zensiert. Als ein amerikanischer Bomberpilot sich gen Tripolis auf den Weg macht, um befehlsgetreu Gaddafi für den feigen Anschlag auf die Berliner Discothek „La Belle“ den Hintern zu versohlen, macht er ein U-Boot ausfindig. Er bombardiert es. Und erntet schallendes Gelächter für den Angriff auf einen Felsen, der rund einhundertfünfzig Jahr zuvor keck seine Nase aus dem Meer erhob. Heute liegt Ferdinandea rund acht Meter unter der Wasseroberfläche. Anfang des Jahrhunderts wurde eine Marmortafel angebracht, um an die Ereignisse im Juli 1831 zu erinnern – und um darauf hinzuweisen, wem die Insel gehört, Sizilien und den Sizilianern – doch auch die wurde mittlerweile zerstört. Was vor 190 Jahren begann, ist also immer noch nicht zu Ende…

Im Wald der Metropolen

Es gibt nicht viele Menschen, die man überall auf der Welt absetzen kann, und die überall auf der Welt zuhause sind. Sie stellen im Handumdrehen Assoziationen her. Ihnen kommen in Windeseile Geschichten in den Sinn, die nur sie und genauso erlebt haben. Karl-Markus Gauß ist einer dieser Auserwählten.

In dem einen Moment rauscht das Koffein von zu vielen Espressi durch seine Adern. Mit dem nächsten Atemzug schwärmt er von einer slowakischen Kleinstadt. Und wenn wir schon mal da sind: In Wien, in der Ungargasse, da war doch was! Hier wurde der Grundstein für den jugoslawischen Staat gelegt.

Puh, was ein Tempo! Und die Geschwindigkeit reißt nicht ab. Immer weiter treibt es den Autor, treibt er den Leser durch die Geschichte Europas. Wie schon in seiner „Abenteuerlichen Reise durch mein Wohnzimmer“ macht er vor keinem Ereignis unseres Kontinents halt. Es sind die kleinen Anekdoten, die den großen Ereignissen vorauseilen, damit diese sich entfalten können. Das steht so in keinem Geschichtsbuch der Welt! Und das ist auch gut so! Denn Karl-Markus Gauß auf seinen Expeditionen begleiten zu dürfen, ist nicht nur ein Privileg, es ist ein Erlebnis. Nur allzu oft übersieht man die wirklich historischen Stätten beim Durchstreifen von Märkten, Boulevards und Gassen. Man ergötzt sich an der Schönheit der Architektur, besucht manchmal die Heimstätte eines großen Namens, oder lässt sich einfach nur treiben. Gedenktafeln nimmt man als Appetithäppchen wahr. Doch die Geschichte hinter der Geschichte bleibt im Dunkeln wie ein Ölfleck in der nächtlichen Wüste.

Der Mann, der Licht ins Dunkel bringt heißt Karl-Markus Gauß. Bukarest, Opole, Arnstadt haben für ihn den gleichen Stellenwert wie Siena, Belgrad und Brüssel. Die Geschichten scheinen ihm förmlich zuzufliegen, er muss kaum suchen. Das ist nur eine Vermutung, die einen überkommt, wenn die Selbstverständlichkeit seiner Zeilen oberflächlich betrachtet. Sie sind jedoch das Ergebnis intensiver Recherchen, die man nur durchführen kann, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Im Wald der Metropolen“ ist kein Lehrbuch, in dem es darum geht noch einmal Jahreszahlen abzufragen oder sich wieder in Erinnerung zu holen. Hier trifft ein Wortkünstler auf Geschichte, die wirklich passiert ist. Und jedes Wort sticht jeden Zweifel darüber aus!

Der Name seiner Mutter

Pietro wächst mit der Gewissheit auf, dass seine Mutter ihn niemals in den Arm nehmen wird. Sie ist nicht tot, oder vielleicht doch. Das spielt keine Rolle im Leben von Pietro. Er und sein Vater Ettore Leben irgendwo in der Provinz im Norden Italiens. Das Leben ist trist, aber nicht hoffnungslos. Die Beziehung der Beiden ist nüchtern betrachtet als eben solches zu betrachten. Zuneigung ist nur im herkömmlichen Sinne als solche zu erkennen. Man lebt so vor sich hin. Nebeneinander her. Mehr ist nicht drin. Die Mutter steht zwischen den beiden ohne dass sie körperlich anwesend ist.

Livio und Ester, Pietros nonna und nonno, stehen den beiden fast ebenso emotionslos gegenüber. Auch sie wissen nicht, wo Pietros Mutter ist. Warum sie gegangen ist, so kurz nach der Geburt des bambino – keiner weiß es. Die Mutter ist kein Thema, und doch ist sie immer da. Wie ein Damokles Schwert, dass jeden Moment zu fallen drohnt, lebt sie in ihrer Abwesenheit dauerhaft zwischen Piazza, leeren Gesprächen und der lähmenden Ungewissheit unter ihnen.

Für Pietro ist es wie eine Erlösung als er die elterlichen Gefilde verlassen kann. Zum ersten Mal im Leben ist er frei. Die erdrückende Stille im Herzen löst sich allmählich als er selbst eine Partnerschaft eingeht. Doch auch seine Freundin kann die Leere in ihm nicht vollends füllen. Sie versucht es ohne dabei auf ihr Drängen hinzuweisen. Sie spürt instinktiv, dass Pietro mit einer Last sein Leben bestreitet.

Bald schon ist es soweit, dass Pietro die Geschichte sich wiederholen sieht: Er wird selbst bald Vater! Er kehrt zurück zu Ettore. Mit Frau und Kind. Doch noch immer ist diese Distanz zwischen den beiden erwachsenen Männern. Was wenn, …? Nein, Pietro will sich diesen Fragen momentan nicht stellen. Doch schon bald muss er sich eingestehen, dass Wegsehen, Weglaufen keine echte Option sein kann…

Roberto Camurri legt den Mantel des Schweigens über eine Familie, die die Frau im Hause nur von Anderen kennt. Eine Frau, deren Aufgabe es sein sollte Mutter zu sein. Doch sie zog es vor andere Pfade zu beschreiten. Da niemand Fragen stellt, gibt es wohl auch niemals Antworten. Erst auf der letzten Zeile des Buches leuchtet das Licht am Ende des Tunnels wie ein Stern in dunkler Nacht. Der Leser bleibt zurück mit seinen eigenen Gedanken. Soll Pietro endlich beginnen zu suchen? Doch warum? Er ist selbst Papa. Sein Kind wird all die Liebe erfahren, die er selbst nie bekam. Alte Wunden aufreißen? Auch hier kann die Antwort nur Nein lauten. Als Leser auf eine Fortsetzung hoffen? Nein. Dieser Roman steht allein für sich da. Jedes Wort mehr, wäre eines zu viel. Die Kraft der Worte, auch der, die nicht gesagt werden, haut einen um. So sehen große Romane aus!

Giganten der Gelehrsamkeit

Da ist man schnell dabei, wenn es darum geht Leonardo da Vinci als Universalgenie zu bezeichnen. Er war Maler, Bildhauer, Brückenbauer im herkömmlichen Sinn (ein beliebtes Spielchen bei Assessment-Centern) und und und. Dass er Zeit seines Lebens Schwierigkeiten hatte Latein zu schreiben, übersieht man dabei gern einmal. Doch es geht hier und in diesem Buch nicht darum die Götter des Wissenschaftsolymps vom Sockel zu stürzen, sondern darum einmal genau aufzuzeigen, dass eben nicht nur der Gelehrte aus dem toskanischen Vinci ein solcher Universalgelehrter war.

Peter Burke geht mit dem ganz feinen Kamm durch die Archive der Welt und durchkämmt sie mit Akribie und Hingabe. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass er seine Kapitel nicht nach Namen, sondern nach der Zeit aufbaut. So umgeht er den Stallgeruch des neuerlichen Versuches einmal „alle Universalgenies noch einmal aufzuzählen“, so dass jeder mit Zahlen und Daten um sich schmeißen kann, der eigentlich gar nichts von der Materie versteht. Wer also meint nach dieser Lektüre ALLE Genies aufzählen zu können, muss sich schon die Mühe machen auch zwischen den Zeilen zu lesen. Vielmehr bedarf es einer gewissen Vorbildung. Denn Burke verkneift es sich noch einmal kurze Abrisse der Biographien zum Besten zu geben. Er ordnet die Arbeit der Giganten der Gelehrsamkeit ein. Auch wenn man im Physikunterricht zum Beispiel mehr mit der Stirn auf dem Pult lag als den Blick gen Tafel zu richten, liest man sich schnell in einen Rausch. Denn wer sein Handwerk versteht, kann als Experte bezeichnet werden. Wer darüber hinaus sein Wissen auch noch einem breiten Publikum zugängig machen kann, rückt zweifelsfrei in die Nähe eines Genies. Somit haben wir es hier mit einem Genie zu tun, das über Genies schreibt!

Peter Burke versteht es scheinbar mühelos seine in jahrzehntelangen Forschungen erbrachten Kenntnisse dem Leser näherzubringen. Seine Ausführungen gehen dabei über die pure Aufzählung und Einordnung der Genies und ihres Werkes hinaus. Peter Burke zieht Bilanz und wagt im Nachgang einen Ausblick auf das, was wir noch zu erwarten haben. Denn mit dem Ende der Renaissance, der Hochzeit der Universalgelehrten – das kann man unumwunden schon so behaupten – ist diese außergewöhnliche Spezies nicht ausgestorben.

Es ist sicherlich nicht einfach heutzutage Universalgelehrte von Blendern zu unterscheiden. Die immense Flut von Informationen kann gar nicht so schnell verarbeitet werden. Wer in vergangenen Zeiten lesen konnte, hatte schon mal die unumstrittene Grundlage sich viel Wissen aneignen zu können. Dass wir heute noch von Pythagoras und da Vinci reden, ist kein Zufall. Sie waren oft die Ersten, die ihre Erfindungen anpriesen. Man kann an ihrem Ruf kratzen, aber der Lack wird deswegen noch lange nicht abfallen. Peter Burke legt der Schickt Glanz noch eine mehr als dicke Unterschicht Wissen bei. So scheint alles in einem noch helleren Licht.

 

Pasta mia

Spielt der Mann da oben links auf dem Cover etwa mit dem Essen? Das darf man doch nicht! Gennaro Contaldo darf das! Wer ihn noch nicht kennt … er war der Lehrer von Tim Mälzer und Jamie Oliver. Das reicht, um in Kochkreisen als Legende zu gelten. Doch dieser Ruf gründet nicht allein auf dieser Tatsache, sondern darauf, dass dieser sympathische Koch sein Können nicht alle Nase im Fernsehen unter Beweis stellen muss, sondern, dass er dies gar nicht nötig hat. Und in seinem neuen Kochbuch geht es um Pasta, basta!, sein Lieblingsessen. Und mit dieser Einstellung steht er nicht alleine.

So ein einfaches Gericht, mögen einige nun vorschnell behaupten. Wasser kochen, Pasta in den Topf, fertig. Und da liegt schon der erste Fehler. Wo ist die Zeit? Wie lange kocht man welche Pasta? Schließlich gibt es nicht nur Spaghetti und Penne. Die Lösung ist dann doch einfacher als man denkt, meint Gennaro Contaldo. Ein großer Topf mit reichlich Wasser, denn die Pasta zappelt gern im Wasser herum. Das ist die Basis des guten Geschmacks. Und lässt den Genießer schon vor Aufregung wild auf seinem Stuhl herumzappeln. Das Salz gibt man hinzu kurz bevor das Wasser kocht. Anderthalb bis zwei Teelöffel pro Liter Wasser. Und das Geheimnis um al dente lüftet der Meister auch gleich noch mit.

Ist die Pasta fertig, stellt sich nur noch die Frage der richtigen Sauce. Wie aus dem Handgelenk schüttelt Contaldo die Antwort(en). Ob Rigatoni, Orecchiette oder Conchiglioni – zu jeder Pastaart passt eine Sauce und/oder eine Zubereitungsart.

Liest man sich schon nur die einführenden Kapitel, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Doch wie bei jedem leckeren Essen, liegt auch hier das Erfolgsrezept in der Ruhe. Schließlich liegen noch über 150 Seiten feinsten Gustos vor dem schmachtenden Leser. Wie zum Beispiel Pastacini, Pastakroketten. Ja, da muss man zweimal hinschauen, um sicher zu gehen, dass man sich nicht verlesen hat. Meersalz, Tagliatelle, Butter, Parmesan Kochschinken, Mozzarella, Eier, Semmelbrösel und Pflanzenöl. Mehr braucht man nicht. Kein Wort zu viel, aber – und das ist bei der Fülle an Kochbüchern nicht immer gegeben – auch kein Wort zu wenig. Gennaro Contaldos Rezepte sind Anleitungen zum Glücklichsein. Da ist es fast schon egal, ob man sich beim Kosten einmal die Zuckerschnute verbrennt. Es schmeckt, dass man alles um sich herum vergisst. Garantiert.

Es ist doch nicht so leicht Pasta so zuzubereiten, dass aus den einfachen Zutaten ein wirklich außergewöhnliches Mahl entsteht. Doch einmal dem Rezept gefolgt, wird man schnell zum Sprengmeister der Geschmacksexplosion. Schon allein die Namen der Gerichte laden zu vacanza in italia ein ohne die eigenen vier Wände zu verlassen: Pisarei e Faso‘, Nocken aus Pasta ohne Ei mit Bohnen. Linguine con tonno fresco e briciole, Linguine mit frischem Thunfisch und Semmelbröseltopping. Mezzelune con zucca e taleggio, Mezzelune mit Butternusskürbis und Taleggio. Da kann man nicht anders: Nachkochen und sich wie in bella italia fühlen. Wenn es Kochbuch gegen die Folgen des Lockdowns gibt, dann dieses!