Das Gesetz schweigt, der Richter spricht

Es war einmal ein Richter, der scheinbar über seinem einfachsten Fall grübelte. Es war die Zeit, in der man bei offenen Türen schlafen konnte, weil man selbst in Palermo jederzeit und an jedem Ort sicher war. So die Propaganda der Machtinhaber. Er hat sein Büro in einem Palast, in dem Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor im Namen Gottes endgültige Urteile gesprochen wurden. Die Spuren der Inquisition waren und sind immer noch sichtbar und vor allem spürbar. Und nun soll die Endgültigkeit eines Urteils wieder eingeführt werden. Jahrelanges Schmoren im Gefängnis soll nicht länger die härteste Strafe für die schlimmsten Vergehen sein. Der absolute Schlusspunkt stehe über allem.

Es beginnt mit einem intellektuellen Austausch mit dem Staatsanwalt, dem Vertreter der Anklage und der Machthaber. Auch der kleine Richter ist ihnen unterstellt. Sein Werkzeug ist das Gesetz. Es ist eindeutig. Oder doch nicht?! Denn letztendlich sind es seine Interpretation und Schlussfolgerung, die qua Unterschrift bald schon über Leben oder Tod entscheiden werden.

Der kleine Richter erkennt sehr wohl das Messerschwingen des Staatsanwaltes. Ein kleines Wort – für die Übersetzerin Monika Lustig die fordernde Aufgabe dem italienischen Original im Deutschen gerecht zu werden – ein exakt (und) kalkuliertes „La“ bringt die Stimmung zum Schwingen.

Der Täter ist geständig. Die Tat restlos aufgeklärt. Und doch ist das Ja/Nein-Spiel (schuldig ja oder nein – Höchststrafe oder Milde walten lassen etc.) ein verzwicktes Unterfangen. Dann könnte ja jeder richten! Ob das das immer Recht wäre…

Leonardo Sciascia sieht sich in einer ähnlichen Zwickmühle. Er möchte mit dem Mittel der Literatur – er selbst war niemals Richter, er war Lehrer und wurde nach dann Schriftsteller – Recht sprechen oder zumindest diese Zwickmühle der Rechtssprechung darstellen. Nun kann man „Das Gesetz schweigt, der Richter spricht“ ganz „normal“ wie einen Roman lesen und nach dem Lesen zuklappen und zu den anderen Büchern stellen. Es wird nicht klappen! Das Zuklappen gelingt noch einigermaßen. Doch die Geschichte lässt einen nicht mehr los. Zum Einen ist da die Sache mit der Todesstrafe. Auch hier gibt es kein klares Ja oder Nein. Denn ohne Emotionen geht es einfach nicht. Der Kopf sagt ganz klar Nein, je länger man sich mit einem Fall beschäftigt (und dazu gehört auch sich mit den Angehörigen beider Seiten – Opfer und Täter – zu befassen) desto näher gehen einem auch die Schicksale der „Anderen“. Noch lange kein Grund für ein klares Ja.

In einer Zeit, in der mit der Entscheidungsschablone Richtungen vorgegeben werden (wenn Ja, dann gibt es nur diese eine Entscheidung, wenn Nein, dann eben das Gegenteil, ohne Rücksicht auf eventuelle Grauzonen), ist es umso wichtiger nicht generell in Schwarz-Weiß zu denken. Das Cover gibt es vor! Grau ist noch lange nicht der einzig denkbare Kompromiss…