Ist doch ein Traum?! Da hat man sich akademisch gebildet, ist auch sonst im Leben nicht unbedingt ein Fehlgriff, arbeitet in einem schicken Gebäude mit unzähligen Kollegen, die alle ihrem Traumjob nachgehen. Doch wie alles im Leben hat auch diese Medaille eine Kehrseite. Denn als Empfangsdame sieht sich die Protagonistin nun wirklich nicht.
Jeder sieht sie, doch keiner kennt sie. Sie kennt jeden, sie schaut teils sogar hinter die Fassaden – doch sie ist und bleibt eben doch „nur“ die Empfangsdame. Frustrierend. Ihr geht wie so manchem, der irgendwie die Abfahrt Richtung Zufriedenheit verpasst hat. Was nun? Kopf in den Sand stecken. Sand ins Getriebe schütten. Resignieren. Sich arrangieren. Das Beste aus der Situation machen. Die Augen offen halten. Über einen Mangel an Optionen kann sie sich nun wirklich nicht beschweren.
Sie ist es, die jeden sieht. Sie kennt ihre Marotten, von einigen sogar Geheimnisse. Sie hat Einblick in so manchen Vorgang, den sie eigentlich gar nicht haben dürfte. Ihre Menschenkenntnis ist erstaunlich, nur in bare Münze diese zu verwandeln, ist unmöglich.
Wünsche hat sie mehr als genug. Auch die Voraussetzungen sich diese zu erfüllen. Doch allein der Weg dorthin ist zu steinig und war in der Vergangenheit sehr unübersichtlich. Nun sitzt sie hier am Tresen, weist den Weg, nimmt Anrufe entgegen, nimmt die Post entgegen. Eigentlich müsste sie die entgegengenommene Post entgegennehmen. Es ist schon ein tristes Leben … könnte man meinen.
Riccarda Gleichauf dringt in ein Leben ein, das von vielen (wenn überhaupt) nur im Vorübergehen wahrgenommen wird. Die Empfangsdame ist austauschbar. Fehlt sie den einen Tag, merkt man das erst … meistens gar nicht. Sie fällt nicht auf. Sie ist da, aber auch wieder nicht. Sich in dieser Welt zurechtzufinden, (s)einen Platz einzunehmen ist nicht weniger aufwändig als der Posten eines der Unternehmen in dem schicken Gebäude. Denn hier geht es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute darum nicht komplett die Fassung zu verlieren und weiter Verantwortung für sich zu übernehmen.
Die Autorin hätte es sich einfach machen können und aus der niedergeschlagenen Heldin eine rachlüsterne Furie zu machen, die einer Miniserie gleich ihrem vermaledeiten Leben einen krachenden Rachefeldzug entgegenstellt. Es sind die leisen Gedanken, die Einsichten in die Leben der Anderen, die dieses äußerlich unscheinbare Buch zu einem echten Juwel machen. Einsichten und Aussichten, die vielleicht mehr mit der Realität zu tun haben als man meint.
