Havel

Die Havel ist wohl der lebendigste Fluss, den es gibt. Es ist eine sanfte Geburt im Herzen Mecklenburgs. Dann schlängelt sich der Fluss wie ein lebhaftes Kind durch die Landschaft. Immer wieder stoppt es, bleibt stehen, schaut sich neugierig um. Dann staut es sich. Kleine Seen sind kaum noch als Havelfluss erkennbar. Dann wird es etwas stürmischer, die Havel kommt in die Pubertät. Steuert unvermeidlich auf die Partyhochburg Berlin zu. Tanzt und tobt sich aus. Doch niemals über die Stränge schlagend. Bis ihr irgendwann alles mal zu viel wird und sie trotzig gen Westen abdreht um dann gedankenverloren in der Elbe aufzugehen. Das nennt man dann wohl Lebenslauf…

Auf den 325 Kilometer Lebensweg erlebt man das, was manche nicht in tausend Jahren erleben werden. Niemals darf man außeracht lassen, dass dieser Fluss vielen bekannt ist. Das bedeutet, so ganz allein hat man besonders in den Sonnenmonaten niemals. Aber das bedeutet auch, dass Reisebücher wie dieses – immer auch schon die vierte Auflage – immer mehr an Bedeutung gewinnen. Denn nichts ist schlimmer als den wohl verdienten Urlaub mit anderen genießen zu müssen, die unter Erholung und Genuss etwas anderes verstehen als man selbst. Hat man Sinnesgenossen getroffen, ist es ein Leichtes bei der gemeinsamen Lektüre dieses Buches den nächsten Tage, den nächsten Trip auszukundschaften.

Dreihundert Seiten – also cirka eine Seite pro Kilometer Flusslauf – sind ausreichend, um der Havel die gebührende Ehre entgegenzubringen. Avus, Wannsee, Pfaueninsel – drei Namen, dreimal Sehnsuchtsorte. Unbestritten. Doch selbst in ihrer nächsten Umgebung gibt es Orte, die man suchen muss, die sich aber auch gern finden lassen. Wie der Friedhof der Namenlosen. Hier liegen Leute, deren Ende sich jäh vollzog, um die aber niemand trauern kann, weil sie keinen Namen tragen.

Die alte Industriestadt Brandenburg wird sicher jeden, der sie noch nie oder zum letzten Mal vor Jahren besuchte, in Erstaunen versetzen. Die rauchenden Schlote sind Vergangenheit. Heute regiert das Grün, liebliche Straßenzüge, romantische Uferpromenaden sind die Zierde dieser Stadt, die vor dreißig Jahren noch in einen Rauchkokon getaucht war. Der weitere Verlauf gen Westen wird wieder von einer unendlichen Weite geprägt. Obstwiesen, ertragreiche Felder, endlose Alleen und dicht bewachsene Ufer – das ist es, was man zu sehen bekommt, auch wenn man nicht direkt danach sucht.

Mit diesem Havel-Reiseband wird eine Kulturlandschaft erlebbar, die noch immer entdeckt werden kann. Man muss nicht mal so tief suchen. Eigentlich muss man nur in diesem Buch blättern…

Feldberger Seenlandschaft

Auch erfahrene Reisende überlegen erstmal ein bisschen. Feldberg – okay, Freiburg im Breisgau oder Taunus. Aber Seenlandschaft – gibt’s weder hier noch da. Wo soll das denn nun wieder sein? Kürzen wir es ab: Die Feldberger Seenlandschaft ist eine Region nördlich von Berlin, südlich von Neubrandenburg, im Westen begrenzt durch Neustrelitz, das östliche Ende markiert Prenzlau.

Das Besondere an dieser Region ist nicht nur ihre Verschwiegenheit, sondern das Paradoxon, dass man selbst ohne störende Hügel nicht immer weit schauen kann. Das liegt daran, dass man hier eine Landschaft vorfindet, die das Prädikat „ursprünglich“ wie selbstverständlich sich selbst umhängt. Urwald gibt es also nicht nur in fernen Ländern, sondern auch um die Ecke – je nachdem woher man kommt (die Freiburger Feldberger werden sicher nicht von „um die Ecke“ sprechen…). Doch egal wie lange die Anfahrt ist, jede Minute der sehnsuchtsvollen ist kostbar und nicht verschwendet.

Luzin – dieses fremd klingende Wort wird jedem in Erinnerung bleiben, der sich hier einmal – und sei es nur für Minuten – niedergelassen hat. Schmaler Luzin, um genau zu sein. Ein kleiner See, der durch den Bäk mit dem Carwitzer See verbunden ist. Wer gern paddelt, hat vielleicht schon davon gehört. Wer’s noch nicht kennt, will unbedingt dorthin. Und vielleicht auch paddeln. Für sie und alle anderen hat sich Mutter Natur eine Besonderheit ausgedacht. Auf kleinstem Raum kann man ungestört herumstromern, eine flügellahme Mühle besichtigen, bei Hans Fallada in die Küche schauen, auf Findlingen herumklettern, eine über 300 Jahre alte Kirche besuchen und himmlische Ruhe genießen. Wer es schneller mag, schafft das alles in ein paar Stunden – doch dann wäre der letzte Punkt, die Ruhe, futsch. Sich Zeit nehmen, alle Sinne öffnen – so erlebt man die Feldberger Seenlandschaft!

Immer wieder staunt man beim Lesen über die Fülle an Highlights, die man in dieser – für die meisten unbekannten – Gegend erleben kann. Immer wieder stolpert man auch schon beim Blättern über Anekdoten, frische Hintergrundinformationen und detailreiche Karten. Schlossgeschichten und Gartenlatein geben sich die Klinke in die Hand. Kulinarische Wegweiser und Gedenkorte sind hier so selbstverständlich wie der Drang dem Umblättern das Herumtreiben anzufügen.

Sternbilder der Welt

„Ich seh’ den Sternenhimmel, Sternenhimmel…“ aber nur, wenn man nicht mitten in einer Großstadt wohnt. Denn, wenn es um einen herum 24 Stunden taghell ist, ist die Chance das komplette Himmelszelt mit den unendlich vielen Lichtern auch wirklich zu sehen. Da muss man schon ein bisschen reisen. In die Höhenalgen. Raus aus der Stadt. Und man braucht natürlich auch ein wenig Glück – schließlich sind auch Wolken der natürliche Feind für Sternengucker.

Stefan Liebermann ist gereist. Und wie! Mit im Gepäck seine Fotoausrüstung und der Drang den Sternenhimmel ihm gerecht werdend in Szene zu setzen. Doch wer nun meint in diesem Prachtband „einfach nur schöne Bilder“ zu sehen, wird überrascht sein, wie lehrreich so eine Umblätter-Foto-Safari noch sein kann. Stefan Liebermann zeigt nicht einfach nur die Schönheit des strahlenden Nachthimmels, er erzählt auch wie er es schaffte diese gigantische Leinwand derart eindrucksvoll abzubilden.

Hat man sich erst einmal an die überbordende Fülle an Eindrücken gewöhnt, ist man auch bereit nachzulesen, warum diese Bilder beeindrucken. Lichtquelle richtig setzen, Belichtungszeit auswählen, Bildausschnitt wählen sind nur einige Parameter, die man beachten muss, um auch nur annähernd diese Bilder mit der Kamera einfangen zu können.

„Sternbilder der Welt“ ist das rund um gelungene Sternenspektakel, das kein Animationsprogramm der Welt so exakt wiedergeben kann. Alles echt. Alles so nah und doch so fern. Wenn einem schon die Sterne vom Himmel geholt werden, dann sollte man sich in Ruhe zurücklehnen und jeden Moment genießen.

Es ist immer wieder erstaunlich wie vielfältig der Sternenhimmel abgebildet werden kann. Auch, wenn man nur ein knappes Zwanzigstel der theoretisch sichtbaren Sterne, Planeten, Galaxien sehen kann.

Den Abschluss bildet ein Exkurs in die Astrofotografie. Kleines Beispiel: Den Nachthimmel am besten bei Neumond fotografieren. Und Nacht ist nicht gleich Nacht.

Wer es partout nicht lassen kann … der blättert einfach noch mal durchs Buch, und noch einmal … der Sucht dieses Buch immer wieder anzuschauen muss man einfach nachgeben.

Carapax

Eine Reise nach Rom soll es sein. Ganz allein. Ohne Pierre, ihren Gatten. Und ohne die Kinder. Auch ohne Nina, ihre Schwester. Maddalena fühlt es in jeder Faser ihres Körpers. Sie muss nach Rom. Was für viele Reisewütige ein „ganz normaler Vorgang“ ist, ist für Maddi eine Notwendigkeit ungeahnten Ausmaßes.

Schon immer war sie die Beherrschte, die große Schwester, die, die alles gesagt bekommt, die sich alles anhören muss. Jetzt ist sie einmal an der Reihe. Doch den genauen Grund ihrer Reise wird sie sich noch erarbeiten müssen. Sie weiß nur: Sie muss nach Rom.

Stets ist sie für alle da. Ihren Mann, einen Diplomaten. Das hübsche Anhängsel. Gute Miene zu jedwedem Spiel. Für die Kinder, klar, kein Zweifel. Und für Nina. Die sie pausenlos mit Nachrichten bombardiert, ungeachtet von Zeitverschiebung und Plänen der Schwester in Europa. Nina, das sprunghafte, nur ein paar Monate jüngere Pendant zur überlegten Maddi. Nina ist es auch, die ihre Beziehung zu Brian, ihrem Partner beenden will. Es ist wie ein Fanal für Maddalena. Sie erinnert sich zurück in ihre Kindheit. Als die Mutter sich mit einem Kuss verabschiedete und für immer weg war. Spontane Besuche inklusive. Damals als Papa die Wohnung in Rom kaufte, jemanden einstellen wollte, als Betreuerin für die Mädchen. Als Mama nicht da war. Schon damals war klar: Maddalena und Nina sind so verschieden, dass man es kaum fassen konnte, dass sie tatsächlich Schwestern sind. Maddis Erinnerungen haben scharfe Konturen. Ninas Leben hingegen ist verschwommen wahrnehmbar. Maddis zögert noch sich selbst anzuerkennen. Nina ist sich ihres Tuns bewusst. Und dennoch trägt die jeweils Andere die Konsequenzen der Entscheidungen der Schwester.

Der Name Ginzburg wiegt in Italien, in Europa schwer. Sie ist die Tochter des Historiker Carlo Ginzburg und Enkelin von Natalia Ginzburg, der intellektuellen Stimme der Frauen Italiens nach dem Krieg. Ein Erbe, das schwer wiegen kann. Mit scheinbarer Leichtigkeit erlaubt sie dem Leser Einblick zu nehmen in die Gefühlswelt einer Frau, die Pflichtbewusstsein als eben dieses begriff, darin jedoch nie einen Nachteil sah. Schritt für Schritt emanzipiert sie sich von dieser Rolle, ohne auch nur einmal die schmerzhaften Erinnerungen außer Acht zu lassen als ihre Mutter sie alle verließ. Zwei Schwestern, die sich erst jetzt richtig vereinen werden. Oder ist alles ganz anders?

Tod im Cabaret Voltaire

Josephine hat noch nicht einmal die dreißig erreicht, und schon ist sie Witwe. Ein Autounfall hat ihren Gatten Fred aus dem gemeinsamen Leben gerissen. Auf der Beerdigung sieht sie nach zehn Jahren zum ersten Mal ihre Eltern wieder. Kein leichter Schritt auf sie zu. Ihre Freundin Klara und Freds Eltern sind ihr in dieser schweren Zeit mehr Stütze als ihre zu wohl gesitteten Eltern. Während ihr Vater zaghaft versucht ihr nahe zu stehen, kann ihre Mutter nicht anders als standesgemäß die Nase zu rümpfen wegen der ihrer Meinung nach nicht würdigen Zeremonie.

Josephine hat dafür keinen Nerv. Der Krieg ist vorbei. Die Schweiz ist isoliert, selbsterwählt. Das Geschäft ihres Mannes steht vor dem Ende. Fred hatte mit viel Engagement eine Auskunftsstelle für vermisste Personen eröffnet. Nach dem Krieg eine lohnende Sache. Doch nun? Das Mobiliar wird sie sicher verkaufen, den Mietvertrag auflösen. Und dann? Als Frau? In einem Land, das erst 1971 formell Frauen zur Wahl zuließ. So schwarz ihr Trauerflor, so düster die Zukunft.

Es ist Freitagabend, fast alle Geschäfte haben schon geschlossen. Da klopft es an der Tür. Die Agentur ist eigentlich schon nicht mehr existent. Wer will um diese Zeit noch etwas von ihr, fragt sich Josephine. Jetzt in diesem ersten Moment des Gedankensortierens, des ersten Moments der Ruhe – wer stört um alles in der Welt diesen Moment?

Eine seltsame Gestalt steht erst vor, dann in der Tür. Turban, weitfließendes Gewand, stark parfümiert und geschminkt. Sie müsse unbedingt zu Fred Wyss. Nur er könne ihr helfen ihre seit einer Woche verschwundene Freundin zu finden. Josephine ist irritiert ob des Aufzugs. Reißt sich aber zusammen und gibt die traurige Kunde vom Tod ihres Mannes bekannt. Jetzt stehen sich zwei geschockte Frauen gegenüber. Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Edda Kurz, so die abendliche Besucherin gibt Josephine ihre Nummer aus dem Cabaret Voltaire. Dort sei sie immer zu erreichen. Josephine hat vom dem ungewöhnlichen Ort gehört. Hier wird alles, was bisher in der Kunst Bestand hatte auf den Kopf gestellt. Auch der Stern des Cabarets schon wieder langsam zu sinken droht.

Von nun an wird auch Josephines Leben gehörig auf den Kopf gestellt. Der ziemlich barsche Besuch ihrer Mutter, Klaras Zuspruch und ein Besuch im Cabaret Voltaire lassen Josephines Lebensmut zurückkehren. Und sie nimmt den Auftrag Eddas Freundin zu finden an. Doch wer wird sie bezahlen? Denn Edda wird auf offener Bühne erschlagen…

Miriam Veya zeichnet einen ungewöhnlichen Lebensweg einer Frau nach, die in schwierigen Zeiten eine Wende nach der anderen vollziehen muss. Steine aus dem Weg zu räumen, das schafft sie. Aber dass ihr auch noch Menschen nach dem Leben trachten … damit hatte sie nicht rechnen können. Ein spannender Krimi, der den Leser mehr als hundert Jahre zurückführt, in eine Zeit, in der nichts mehr ist wie es mal war. Mehr davon!

Der Schrecken

Während auf dem Kontinent sich die gegenüberSTEHENDEN Armeen gegenseitig die Köpfe einschlagen, geschehen in Wales seltsame Dinge. Im Moor versinken Menschen, sie stürzen Klippen hinab, hinter Hecken leuchtet es unerklärlich und ein Schiff versinkt. Einfach so. Neben all den Schreckensnachrichten über den Krieg – eine Bezifferung ist zu dieser Zeit noch nicht nötig – beschäftigen diese unerklärlichen Fälle menschlicher Tragödien die Menschen um ein Vielfaches. Und sie regen die Phantasie an.

Denn wie sonst als mit dem unguten Trieben einer höheren Macht, eines perfiden Planes fremder Mächte, seltsamer Gestalten oder doch handfester Fieslinge sind diese Ereignisse zu erklären. Mit Z-Strahlen vielleicht, wie es der Doktor meint? Ist zumindest eine Theorie. Doch das hochgestochener Gebrabbel, seine nicht jedermann verständlichen und nicht enden wollenden Ausführungen lassen das alles schnell als Spinnerei abtun. Dennoch bleiben die Theorien haften. Vielleicht ist ja doch was dran?! Und außerdem wartet der Geschichtenonkel immer wieder mit neuen „Fakten“ auf.

Als Leser wird man von einem Sog erfasst, der einfach kein Entkommen zulässt. Ohne auch nur einen Gedanken an stumpfsinnige Spinnerei zu verschwenden, befindet man sich im Nu in einer wahrlich phantastischen Geschichte. Und zwar eine Geschichte aus einer Zeit, in der das viel geschundene und missbrauchte Genre Fantasy nun wirklich noch nicht einmal in der Wiege lag.

Arthur Machen (ausgesprochen Mecken, er war Waliser) lässt seinen Theorienaufsteller nicht verzweifeln an der Missachtung seine Theorien. Vielmehr treibt sie ihn an. Immer wieder ergeht er sich in historischen Ausflügen, die seine Gedanken stützen. Auch wenn es ab und an groteske Züge annimmt, wenn also beispielsweise deutsche Soldaten im Untergrund (im wahrsten Sinne des Wortes) agieren.

Dieses Buch und die dazugehörige Werksausgabe als Grundstein für Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen, würde weit über das Ziel hinausschießen, es nicht einmal ins Visier nehmen können. Arthur Machen verbreite mit „Der Schrecken“ keinen Schrecken. Dieses Buch ist ein anregendes Stück Literatur, das einen sofort gefangen nimmt. Ein ziviler Arrest, den man mit Freuden annimmt, wenn man sich der Wortgewalt einmal bewusst ist.

Rocha Monte

Was ist das wichtigste bei einer Immobilie? Lage, Lage, Lage! Da können die Armaturen noch so golden glänzen, wenn das Haus nicht am rechten Fleck steht, ist alles für die Katz.

Das Monte Rocha Palace kann mit einer exquisiten Lage protzen. Hoch oben auf dem Berg dieser einsamen Insel irgendwo im Meer vor der iberischen Halbinsel. Hier finden alle eine Arbeit, die vorher nicht wussten wie sie ihre Taschen füllen sollen. Auch Aurélio Fuentes als Haustechniker, Chef der Haustechnik, wie seine Frau spöttisch später zu Protokoll gibt. Und auch José Dante Barosa als Chauffeur. Das Problem an der auf den ersten Blick so grandiosen Lage ist: Hier oben sieht man an 200 Tagen im Jahr die Hand vor Augen nicht. Dichter Nebel und Dauerregen vergraulen die Gäste. Gerade und weil nur ein paar Kurven weiter unten, permanent die Sonne schient. Von da schaut man zwar immer nach Oben, wundert sich gleichzeitig jedoch, warum man ausgerechnet da ein Hotel baut. Auch im Ort selbst weiß man, dass dieses Unterfangen – Touristen in und auf den Berg zu locken – zum Scheitern verurteilt sein muss.

Es kommt wie s kommen muss. Mit viel Tamtam – der Chef weiß, was sich gehört – wird der Abgesang eingeläutet. Alles werden zum nächsten Ersten entlassen. Das Monte Rocha Palace ist nach einer Saison Geschichte. Doch es kommen sicherlich bald schon wieder gute Zeiten. Nämlich dann, wenn der neue Besitzer hier einzieht. Dann geht es wieder aufwärts – wenn man schon oben ist, wie soll es da noch weiter aufwärts gehen?, fragt man sich da verwundert. Und damit der Verkauf so lukrativ wie möglich wird, der Besitzerwechsel so schnell wie möglich vonstatten gehen kann, werden Aurélio und José als Wächter das Objekt bewachen, es warten und in Schuss halten.

Lucia, Aurélios Frau ist davon wenig begeistert. Sie weiß, dass hier nichts mehr blühen und gedeihen wird. Und ihren Mann wird sie nun noch seltener sehen. Denn Aurélio stürzt sich voller Elan in die Arbeit. José hingegen sieht diesen Job als willkommene Gelegenheit zum bezahlten Nichtstun an. Was zu Zwistigkeiten mit Aurélio führt. Bald schon ist hier nichts mehr wie s war. Das Hotel verkommt nach und nach. Verwüstungen, eine Fliegenplage, tropfende Wasserleitungen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Bis eines Tages Aurélio verschwindet … und nie mehr auftaucht. Ein Publizist bekommt Wind von der Sache, ihm werden Papiere des Hotels zugespielt. Er beginnt zu recherchieren. Das Bild, das man bisher sich gemalt hat, bekommt Risse, neue Schattierungen werden sichtbar, der Fokus wechselt…

Peter Höner schreibt keinen klassischen Roman, in dem es ein wirkliches Ende gibt. Der Weg ist das Ziel – er trägt Puzzleteile zusammen, die aber nur schwerlich eine echte Schönheit ergeben. Vielmehr dominieren dunkle Farben wie wenn beispielsweise die eigenen Kinder Aurélios nicht wirklich etwas zur Lösung beitragen können – die kannten schlicht und ergreifend ihren Vater nicht. Warum er verschwand, und wohin? Die Frage bleibt offen. Die kann nur einer beantworten – und der ist verschwunden. Vielleicht ist er auf Drachenflügeln ins Nichts geflogen…

Die Befreiung

Frei nach Casablanca: „Von all den miesen Kaschemmen dieser Welt kommt sie ausgerechnet in meine“ – so ähnlich könnte man den Beginn der Verwandlung von Clara Altwasser zusammenfassen. Eine Bar in Kambodscha. Clara Altwasser sitzt wie jeden Abend hier und schaut sich das Werben ums Treiben der Touristen regungslos an. Auch der Typ da drüben ist schon seit tagen hier. Immer Whisky. Pur. Doch der macht sich nicht an die willigen Mädchen ran, die für ein paar Dollar sich anbieten und für ein paar Dollar mehr noch weiter gehen werden.

Nun endlich fast sie sich ein Herz, spricht ihn an. Er erkennt sie. Clara Altwasser. Die Dirigentin. Die, die ihre Karriere so skandalös aufgab. Und er der Journalist, der Autor im pränatalen Stadium, der ihr – die Idee kommt ihr fast spontan – vielleicht ihr Weg aus ihrer Misere sein könnte. Ja, sie ist es. Ja, er ist es auch. Und so plappert sie ohne Reue, ohne darüber nachzudenken drauf los.

Wie sie als Wunderkind vor Professoren Klavier spielte. Wie ihr eine große Zukunft prophezeit wurde. Wie ihr der unsägliche Autounfall den Vater und die musikalische Ziehmutter nahm. Wie ihr neuerlich eine gloriose Zukunft als Dirigentin vorhergesagt wurde. Wie ihr eine Affäre mit ihrem Lehrer angedichtet wurde – die Anfeindungen. Wie sie nach Salzburg berufen wurde – berufen vom großen Maestro Miesbach. Wie er sie behandelte … wie er sie misshandelte … wie er sie brach. Und sie erzählt vom Bruch mit ihrer Mutter. Die sie bis vor Kurzem noch pflegte. In einem Land, das so weit weg ist von allem, was Clara Altwasser als Heimat bezeichnete. Vielleicht ist dieses Lebensbeichte, die in einer Bar in Kambodscha beginnt der Schlag, zu dem sie schon vor langer Zeit ausholen hätte müssen.

Roland Freisitzer ist selbst Dirigent. Er kennt das Geschäft, wie man so schön sagt. Dieses tiefgehende Wissen trägt einerseits dazu bei, dass die Umgebung dieses Romans so lebensecht wirkt, dass einem keine Zweifel daran kommen, dass das Geschäft wirklich so läuft. Darin liegt die Stärke dieser Lebensbeichte in Romanform. Andererseits verblüfft er auf über zweihundertfünfzig Seiten den Leser immer wieder aufs Neue mit der ungeschönten Brutalität der Täter und der schamhaften Stille des Opfers. Ein Thriller, der auch anders enden kann. Doch Roland Freisitzer lässt seine Protagonistin einen Weg wählen, der in erster Linie ihr eine Befreiung bietet.

Frey

Der Tag hätte auch anders verlaufen können. Nach dem Termin beim Therapeuten wäre Daniel Frey nach Hause gekommen. Ausnahmsweise hätte seine bessere Hälfte Sarah die Glotze mal ausgeschaltet gelassen. Man wäre vielleicht was essen gegangen. Und nicht allein durch Wien geschlichen. Dann würde er jetzt auch nicht in einem Flieger nach Tokio sitzen und sich mit Daniel Bernhaugen unterhalten. Und schon gar nicht würde das Reiseziel in Nagasaki umgewandelt werden, wo Bernhaugen und seine Frau Naoko eine Buchhandlung betreiben. Ach ja, und von dem Flugzeugabsturz hätte er nur in den Nachrichten gehört.

So beginnt „Frey“ von Roland Freisitzer. Kurios-famos. Aber der Autor hat noch mehr auf Lager. Denn Frey ist tot. Und Bernhaugen lebt. Kann sich aber partout an nichts erinnern. Dr. Miyamoto beantwortet ruhig und gelassen die Fragen des Patienten, der sich überhaupt nichts mehr sicher sein kann. Ja, er ist Daniel Bernhaugen. Seine Frau Naoko kommt auch gleich. Er ist nur einer von sieben Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Und er ist in Nagasaki. Auch Naoko bestätigt Daniel, dass er Daniel sei. Daniel Bernhaugen. Er selbst erkennt sie nicht. Aber er kann sich an Dinge erinnern, die er mit ihr unternommen hat. Schemenhaft, dennoch vernehmbar.

Auf eigene Faust recherchiert Daniel im Internet. Er sucht seinen Namen. Es dreht sich alles um den Flugzeugabsturz – klar, so berühmt ist der Buchhändler aus Nagasaki nicht als dass ihm tausende Seiten zu seinem Namen zufliegen würden. Und als er sich fast schon am Ende seiner Recherchen sieht, fällt ihm ein Artikel auf. Einer der Toten soll Daniel Frey sein. Österreicher wie er. Vermeintlich auf der flucht, weil er seine Frau ermordet haben soll! Na, das ist doch mal eine Sensation!

Das doppelte Lottchen in einer Neufassung. Könnte man meinen. Auch kann man nachvollziehen, wenn man nach dem Aufstehen feststellen muss, dass man sich unbewusst in der Nacht die Haut aufgekratzt hat. Aber aufzuwachen und nur noch durch Worte von scheinbar Fremden die eigene Identität zu vernehmen mag, dann ist man in einer echten Zwickmühle. Aber vielleicht ist genau das der Ausweg, den man eine sehr lange zeit suchte…

Deutscher Herbst

Ernest Hemingway besoff sich tagelang mit den Siegern im Paris des Jahres 1945. Der schwedische Journalist Stig Dagerman reiste mehr als ein Jahr später durch das Land, aus dem seine Ehefrau kam. Nicht zusammen mit anderen Berichterstattern, deren Höhepunkt die Nürnberger Prozesse waren, sondern als Nachwuchsreporter der Zeitung Expressen. Sie entschieden sich gegen einen alten Haudegen, der wohl behütet zwischen Kollegen durch das zerstörte Land geführt wurde. Sondern für einen Frischling, der dank seiner familiären Verbindungen relativ frei durch die Trümmerwüste reisen konnte. Der Schrecken, den die Deutschen einst verursachten, war teils einer Häme über das nun hereingebrochene Land gewichen. Andererseits gab es eben auch Reporter wie Stig Dagerman, die die Situation mit dem gebührenden Abstand und Respekt einzuschätzen konnten.

Nicht selten muss sich der Autor im Herbst 1946 zwingen nicht alles Deutsche mit dem braunen Sumpf in Einklang zu bringen. Er weiß, dass die, die nun tage-, wochen- monate- ja, sogar jahrelang in nassen Kellern (der bevorstehende harte Winter steht ihnen noch bevor) Abstand genommen haben von der braunen Ideologie, sofern sie ihr zuvor verfallen gewesen sind. Knöchelhoch das Wasser, orchesterartiges Magenknurren, Egoismus allenthalben. Früher war alles besser. Dieser erschreckende Satz erschrickt ihn nicht. Denn er weiß, dass diese Worte aus einer Unzufriedenheit und Desillusioniertheit stammen, die man zwar in Worte fassen kann, sie zu verstehen aber fast unmöglich ist.

Mit einer entwaffnenden Klarheit sieht er dem Elend in den Schlund. Er sieht blasse Leiber, hochrote Köpfe und farblose Augen. Die Zukunft ist hier kein Thema. Das Hier und Jetzt sind für ihn der Fang seines Lebens. Doch Stig Dagerman ist nicht der sensationshungrige Schreiber, der die Auflage vor die Geschichte setzt. Er weiß, dass er privilegiert ist, er zeigt es nicht und gibt den Beobachteten und Interviewten die Luft zum Atmen. Auch wenn sich so mancher daran verschluckt.

Ein Urteil wird er niemals fällen. Das machen andere. Stig Dagerman ist Beobachter, Schreiber und Außenstehender. Deswegen ist „Deutscher Herbst“ sicherlich eines der bedeutendsten Bücher über die direkte Nachkriegszeit in Deutschland. Der leicht irreführende Titel – mit Deutscher Herbst bringt man doch eher die Zeit der RAF Ende 1977 in Verbindung – birgt einen Schatz in sich, der gehoben werden will. Flüssig im Text, klar in der Argumentation, ohne jegliche verbrämte Rachegedanken. Stig Dagerman hätte allen Grund sich in den Reigen des Freudentaumels über die besiegten Deutschen einzureihen – seine Frau musste aus ihrer Heimat fliehen – er ist der Chronist einer zeit, die man nie erleben möchte. Und dennoch wird es solche Bücher immer wieder geben: In Afrika, in Lateinamerika, in Asien, in der Ukraine, im ehemaligen Jugoslawien… Hoffentlich auch mit Dagermans Erben!