Schlösser der Loire

Es ist schon ein besonderes Erlebnis in der Nacht an der Loire entlang zu fahren. Ringsum nur die ungetrübte Dunkelheit. In der Ferne sind kleine Lichtpunkte zu sehen. Das sind sie – die Schlösser der Loire. Funkelnd wie Edelsteine in der Nacht.

Des Tags sind sie nicht minder beeindruckend. Doch wo anfangen zwischen Tours und Angers? Wie kommt man da hin? Was darf man unter gar keinen Umständen verpassen? Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen sie alle. Darüber wird nicht diskutiert! Heike Bentheimer hat den einen, ultimativen Reiseband zu diesem einzigartigen Ensemble royaler Pracht geschrieben. Über 450 Seiten lang. Und jede Seite ein Märchen, das Wirklichkeit werden kann. Eine Tour der Impressionen, die sich tief ins Gedächtnis einbrennen werden. Und wer auf die motorisierten vier Räder gern verzichten möchte … kein Problem: Die Loire ist Radwanderland. Berge sucht man hier vergebens, was die Alterspanne der Pedalisten sehr breit fassen lässt. Und wer will, kann sich sogar das Gepäck von A nach B, von B nach C etc. transportieren lassen. Hier ist wirklich alles möglich.

Ob nun zu Fuß, auf zwei schmalen oder vier fetten Rädern oder gar in der Luft – die Reise an den Ufern der Loire wird zum Sinnesrausch erster Klasse. An dieser Stelle wird nicht auf ein einzelnes Schloss eingegangen. Die Auswahl erschlägt den Leser schlichtweg. Denn nicht nur die großen Hallen einstiger Macht, sondern auch die kleineren, teils Lustschlösser genannten, „Behausungen“ sind mehr als nur eine Einkehr wert.

Architektonisch ist jedes ein Juwel. Mal muss man näher herantreten, mal erschließt sich die Pracht erst bei der Beschau der Details. Wer will kann ja mal die Türme und Türmchen oder die Anzahl der Fenster zählen – ein dicker Block ist ratsam.

Dieser Reiseband steht den Schlössern in nichts nach. Eine Schatztruhe voller Reichtümer, die man vielleicht so erwartet hat. Aber wenn man sie vor sich sieht, ist man trotzdem bafferstaunt. So soll es ja auch sein. Beeindruckend ist im Buch die nicht minder aufsehenerregende Fülle an Tipps rundherum und zwischen den Perlen der Loire. Fakt ist, dass eine Reise entlang der Loire mit zahlreichen Abstechern zu den Schlössern, den Gartenanlagen, den Parks, inklusive Abbiegen nach Links und Rechts, den lukullischen Ereignissen, den phänomenalen Eindrücken mehr als nur ein Fotoalbum füllen kann. Es wird eine Reise sein, die man nie mehr vergisst. Auch dank dieses Reisebandes.

Di Bernardo

Wenn man ein paar Fakten weglässt, ist der Fall sonnenklar: Der Komponist Alessandro Ferro richtet die Waffe auf die junge Livia. Tot. Und das vor der Basilica di San Giovanni in Laterno, Rom. Die entscheidenden Fakten sind jedoch, dass auch er tot vor der Basilica liegt und die Waffe irgendwie platziert scheint. Commissario Dionisio Di Bernardo kommt die Szenerie irgendwie verdächtig vor. Auch die Zeugen. Gabriella Guselli, die Organistin hatte zuvor ein Stück von Bach gespielt, „Erbarme Dich!“ – wie passend. Sie spielte an dem nicht gerade leisen Instrument. War jedoch ziemlich am Tatort, und sie erfasste die Situation ebenso schnell. Da war nichts mehr zu machen. Die Frau war tot. So ihre Einschätzung.

Des Weiteren befragt Di Bernardo Pietro Bonolis. Bei ihm hatte sich Livia vor Kurzem um eine Lehre zur Bogenbauerin (Geige, Cello etc.) beworben. So wie Jahre zuvor ihr Vater. Der allerdings zurück nach Rumänien musste, um sich ums Geschäft wiederum seines Vaters zu kümmern. Livia war geschickt und wissbegierig, gibt Bonolis an. Doch das ständige mit dem Tuch über die schwitzige Stirn Wischen, macht Di Bernardo und seinen Kollegen Del Pino nachdenklich.

Ein mäßig erfolgreicher Komponist, eine junge Frau – schwanger, zweiundzwanzigste Woche – aus Rumänien, beide ermordet, gar nicht weit entfernt von einer Bogenbauerwerkstatt, vor einer Kirche … und rund herum nur unbefriedigende Antworten auf so viele Fragen. Hier liegt was im Argen – das weiß Di Bernardo ganz genau.

Wie in einer Sinfonie sind die einzelnen Noten für sich stehend nur Gekrakel. Erst im Zusammenspiel ergeben sie eine Melodie, die zum Schwelgen anregt und den Hörer in ihren Bann zieht. Und Di Bernardo ist der Dirigent. Er verleiht dem Stück die richtige Würze, bestimmt Tempo und bringt seine eigenen Ideen klangvoll zum Ausdruck. Da können noch so viele Misstöne auftauchen, Di Bernardo wischt sie hinweg. Und am Ende gibt es stehende Ovationen…

Natasha Korsakova schickt Commissario Dionisio Di Bernardo ordentlich auf den Holzweg. Und das nicht nur sinnbildlich, sondern wortwörtlich. Denn die Morde haben mit einer kriminellen Bande zu tun, die erfahrenen Krimilesern nur selten begegnet… Als Zwischenspiel wird jedes Kapitel mit einem kleinen Musikstück – als QR-Code jederzeit abrufbar – untermalt. Wer die Kurzbiographie im Buchumschlag liest, wird schnell erraten, dass es sich bei den Musikstücken um die Autorin selbst handelt, die „so ganz nebenbei“ auch Violinistin ist.

Grazie a voi

Schon die Andeutung des Begriffes Migration bringt eine gewisse Schwere ins Gespräch. Mit Bedacht wählt man seine Worte, nickt zustimmend oder … im schlimmsten Fall … tut unumwunden seine Abneigung kund. Ob man es nun hören will oder nicht: Migration war schon immer ein Thema. Die Landbevölkerung zog es in die Städte – Migration. Und wer es sich leisten will und kann, den zieht es in die ländliche Idylle. Auch das ist Migration.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts zog es tausendfach Italiener in die Schweiz. Hier wurden Arbeitskräfte gesucht, besonders in der aufstrebenden Textilindustrie und im nachfolgenden Gewerbe. Rund ein Jahrhundert später zog es abermals Italiener in die Schweiz. Die Heimat lag am Boden, mühsam errichtete man wieder eine Demokratie, gab sich eine neue Verfassung. In der Schweiz „war die Welt noch in Ordnung“ – kein bis kaum Kriegsschäden, überdurchschnittliche Löhne. Nur das Frauenwahlrecht war noch nicht installiert. Doch der wirtschaftliche Druck überwog so manches, was man niemandem wünscht. Willkommenskultur war sporadisch vorhanden.

So entwickelte sich eine Migrationskultur, die in diesem Buch eindrucksvoll, ungeschönt, ungefiltert „das Leben der Fremden“ für die Ewigkeit festgehalten hat. Nix grandezza und bella vita. Vielmehr harte Arbeit, fremde Sprache, neue Lebensbedingungen. Aber auch ein Lächeln auf den Lippen sich selbst ein Leben aufbauen zu können. Und die Lieben daheim – in Italien – daran teilhaben zu lassen. Auch ohne täglichen Kontakt – das Handy und Telefonflatrates gab es noch nicht!

Es ist die Schlichtheit, das Normale der Fotos, das so beeindruckt. Näherinnen in St. Gallen, Vereinsleben, aufm Bau, beim Pflastersteineverlegen in sengender Hitze oder in Schale geworfen, um dem Alltag einmal die elegante Schulter zu zeigen – jede Seite, jedes Bild ein untrügliches Abbild des ganz normalen Lebens der Italiener in der Schweiz.

„Grazie a voi“ – wer sagt das? Die Neuen oder die Eingesessenen? Wer bedankt sich bei wem? Sicher ist, dass ein grazie nicht nötig, aber gern gehört ist. Und wenn man zwischen den Erinnerungen herumstöbert, ist es sowieso egal, wer wem ein grazie schuldet. Immer wieder blättert man ein paar Seiten zurück, sich noch einmal zu vergewissern, was man gerade gesehen hat oder meint übersehen zu haben. Ob nun in nostalgischem Schwarz-Weiß oder typischen überfärbten Colorfoto-Charme – man erliegt im Handumdrehen diesen Bildern. Grazie!

Das Fest

Das Pendizack an Cornwalls Küste ist ein Prachtstück von einem Hotel. Die Gästeliste ist es auch – nur Prachtstücke. So wie Mrs. Gifford. Sie kündigt postalisch ihre Ankunft nebst Gatten per Automobil an. Die Kinder reisen im Zug. Sofern sich die Anreise der Giffords verzögern sollte, bittet sie darum die Kinder schon mal zu Bett zu schicken. Und gibt sogleich noch eine Liste mit auf den Weg mit Dingen, die sie essen darf (sehr erlesen) und Dingen, die ihr auf den Magen schlagen (eher das „gewöhnliche Essen“). Ansonsten schmeichelt sie den Besitzern noch ein wenig und hofft sich im Hotel von einer Krankheit schnellstmöglich zu erholen. Wenn die wüsste … meint man, wenn man den Klappentext gelesen hat. Denn der August 1947 hält für die anwesenden Bewohner des Pendizack eine krachende Überraschung parat. Ein paar Monate zuvor wurde eine Mine angeschwemmt. Sie explodierte, richtete aber weniger Schaden als es im ersten Moment aussah. Im zweiten Moment sind die Beschädigungen so gravierend, dass die Klippe, aus dem das Hotel steht, abbricht und das Hotel mit sich reißt. Samt aller Anwesenden, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Gebäude aufhielten. Angestellte und Gäste gleichermaßen. Da macht das Schicksal keinen Unterschied!

Und dennoch gibt es Gäste, die „nur“ den Verlust ihres Gepäcks zu beklagen haben. Denn sie waren zu eben dieser Zeit bei einem Fest. Während man sich berauschte, rauschte in geringer Entfernung das Hotel in die Tiefe und begrub alles Lebendige unter seinen Trümmern.

Kann das Zufall sein? Wenn ja, warum haben dann so viele skurrile Persönlichkeiten im Hotel eingecheckt, das bis vor Kurzem noch zu viele freie Zimmer hatte? Anne Lechene, eine Schriftstellerin, die sich ihres Rufes durchaus bewusst ist, samt Chauffeur. Mr. Waxton, ein Geistlicher, der eher der dunklen Seite der kirchlichen Macht angehört – so scheint es – samt Tochter Evangeline. Die Pendizacks nicht zu vergessen. Das alte Herrenhaus haben sie vor nicht allzu langer Zeit zum Hotel umgebaut. So wollten sie das Studium ihrer Zöglinge finanzieren.

Hotels – besonders die mit einer besonderen Klientel – haben einen besonderen Charme. Hier herrschen andere Regeln als im Bed & Breakfast. Man will unter sich sein. Mrs. Gifford bevorzugt beispielsweise das Essen im eigenen Gemach einzunehmen, um die anderen Gäste nicht mit ihrem besonderen Geschmack zu belästigen.

Das Haus an den Klippen ist speziell, so wie seine Gäste. Und nun ist es noch spezieller, weil es zertrümmert die Klippen von Cornwall verschandelt. Und zahlreiche Gäste unter sich begrub. Und vielleicht sogar so manches Geheimnis…

Margaret Kennedy schlägt klangvoll die ganz große Pauke der Andeutungen und Verdächtigungen. Sie sind weithin hörbar, nur die Melodie ist schwer zu greifen. Welches Lied singt diese Tragödie in den Meereswinden? Diese Buch ist nicht mehr und nicht weniger als das, was es vorgibt zu sein: Ein Fest!

Guatemala leuchtet

Guatemala ist sicher nicht das Reiseland Nummer Eins, in das man einfach mal so reist. Ab in die Öffis zum Flughafen und mit einem Last-Minute-Ticket – nein, wenn man Guatemala bereist breitet man sich vor. Lässt sich aber noch genug geistigen Spielraum, um den zu erwartenden Eindrücke- Flash genug Raum einzuräumen.

Susanne Hartmann studierte Ethnologie, Volkskunde und Indologie. Und die Maya, ihre Kultur, ihre Geschichte und vor allem ihre Gegenwart sind mehr als nur ein Steckenpferd. In ihren Reiseerzählungen „Guatemala leuchtet“ berichtet sie von ihren zahlreichen Reisen. Und dabei ertappt man sich – als Leser – selbst dabei dem eigenen Forscherdrang schnellstmöglich nachgeben zu wollen. Die Hingabe, mit der sie von ihren Abenteuern erzählt, ist mitreißend. Das beginnt bei einem Einbruch in der Nacht, um auf einem archäologischen Feld, einer Tempelanlage den Sonnenuntergang und den Mondschein so zu erleben wie es die Mayas sicher schon vor Jahrhunderten selbst taten. Und es endet noch lange nicht, wenn blutrünstiges Flattergetier die Unterkunft mit Leben erfüllt.

Auf ihren Reisen hat sie viele dieser Tempelanlagen gesehen. Sie hat sich intensiv mit den Inschriften beschäftigt und sie entschlüsselt. Sie wohnte bei Menschen, die die Tradition der Mayas als selbstverständlich in ihrem Alltag lebten. Der Begriff Studienzweck spielte dabei eine bedeutende Rolle. Die Leidenschaft diesem Studienzweck zu folgen, ist jedoch die Grundlage all ihrer Reisen nach Guatemala.

Susanne Hartmann hat aber auch die aktuellen Probleme im Auge. Wo beispielsweise einst zahllose Generationen im Fluss badeten, der Fluss Lebensgrundlage war, ist heute mehr nur noch ein giftiges Gewässer anzutreffen. Giftig-Gelbe brühe, die auch schon so manche Leiche mit sich trug. Ebenso spielt die Gewalt in dem lateinamerikanischen Land eine nicht zu unterschätzende Rolle. Entführungen und Erpressungen und Mord sind allgegenwärtig. Auch das muss sie in ihre Beobachtungen/Forschungen einfließen lassen.

„Guatemala leuchtet“ nicht nur nach Susanne Hartmanns Einschätzungen immer noch. Das ist der Hoffnungsschimmer am Horizont ihrer Reiseimpressionen. Man muss nur die Augen offen halten, um ein Land zu erkennen, das derart reichhaltige Kulturgüter wie selbstverständlich erhält. Doch die Selbstverständlichkeit bekommt immer mehr Risse. Auch darüber berichtet die Autorin mit derselben Kraft und Hingabe wie zuvor von den „schönen Dingen des Lebens“. Dieses Buch ist mehr als nur eine Reisebeschreibung eines fernen Landes. Es ist das Abbild eines Landes, einer Kultur, die schon immer im Wandel war. Doch immer schneller rücken die dunklen Wolken der Zerstörung dieser Kultur auf die Pelle.

Altmühltal

 

Ein bisschen Verwirrung spürt man schon. Da liest man vollmundig von Stränden, archäologischen Stätten und entspannten Spaziergängen. Klingt auf den ersten Blick wie ein Reiseband über ferne Länder, eine Region irgendwo am Mittelmeer … jedenfalls weit weg. Und dann liegt all das quasi vor der Haustür. Das Altmühltal hat nichts mit Mühlen zu tun. Also, nicht in einer Dichte wie man es in Holland beispielsweise vermutet. Es ist der Fluss Altmühl, der der Region seinen Namen gab. Und hier kann man das eingangs Erwähnte tatsächlich erleben. Dass er in seinem Einzugsgebiet auch noch das Fränkische Seenland beinhaltet, kann kein Zufall sein.

Autor Andreas Haller kennt die Gegend wie seine Westentasche. Das ist so und das spürt man auf jeder Seite. Zwischen Rothenburg ob der Tauber, wo die Altmühl sich ein ruhiges Gebärflussbett gesucht hat, durch künstlich angelegte Seen (immerhin sieben an der Zahl), durch den Main-Donau-Kanal, der sich des Flusses ein Stück weit annimmt bis hin zum Loslassen in die weite Welt (der Donau) in Kelheim, erlebt man schon beim Lesen ein Abenteuer, das man umgehend in real sehen möchte.

Um bestens auf dieses Abenteuer vorbereitet zu sein, ist es mehr als empfehlenswert mehr als nur einen Blick in dieses Reisebuch zu werfen. Denn so besucht man Absberg nicht nur, um sich zu freuen, dass an den Badestellen ausreichend Parkplätze zur Verfügung stehen – was durchaus für eine gewisse Grundfreude sorgen kann – nein, neben Wakeboarding und Surfing kann man sich im Biohofladen Müßighof die versportete Energie wieder zurückholen.

Andreas Haller kennt seine Pappenheimer. Apropos woher kommt eigentlich dieser Begriff? Aus Pappenheim? Den Ort gibt es tatsächlich, hier thront die Burg der Pappenheimer über der Stadt im Altmühltal. Und hier gibt es eine juristische Kuriosität zu berichten. Welche? Das liest man am besten in diesem Buch, wenn man kurz innehält während man auf dem Weg vom Bahnhof zum Zentrum (oder in umgekehrter Richtung) unterwegs ist. Es lohnt sich.

Genauso lohnt es sich dieses Buch permanent in Griffweite zu haben, wenn man das Altmühltal als Erholungsgebiet im nächsten Urlaub erwählt hat. Oder wählt die Region ihre Besucher selbst?! Diese Frage muss nicht zwingend beantwortet werden, weil man eh ab dem Zeitpunkt, in dem man sich hier auf alles einlässt, keine Fragen mehr offen bleiben. Für die Vollständigkeit des Reiseglücks sorgt dieser Reiseband.

Im Peloton

Das Peloton – für viel vielleicht das erste Fremdwort, das sie fehler- und akzentfrei aussprechen. Wie ein Wurm, der sich, um voranzukommen, zusammen- und auseinander zieht. Tempostöße, Erholungsphasen, der Inbegriff der Synchronität – mittendrin der harte Kampf ums Überleben.

Da rollen die Stars, ackern die Drohnen, schleppen die Wasserträger in ihren bunten Polyesteranzügen. Nur um am Ende des Tages völlig erschöpft sich den geschundenen Körper wieder in Form massieren zu lassen. Das muss man mögen. Und man muss es beherrschen im Pulk der Fahrer mitzufahren. Die kleinste Unaufmerksamkeit – und mit einem Knall ist alles vorbei.

Paul Fournel beschreibt in fünfundvierzig Kurzgeschichten von der Sucht im Peloton diese Sucht zu besiegen. Aus unterschiedlichen Perspektiven. Wenn der Wasserträger sich gerade beladen hat, geht vorn die Post ab. Was nun? Beutel in die Botanik und hinterherstiefeln. Am Kreisverkehr abbremsen, nicht zu stark, aber auch nicht zu wenig – Gefahren lauern überall.

Als Frau im Radrennsport ist man nicht die graue Maus, auch nicht die graue Eminenz – man (!) ist unterbezahlt. Daraus kann eine Wut erwachsen, die Siegergene ziemlich blass aussehen lassen kann.

Immer nah am Fahrer, am Protagonisten schleicht man sich als Leser in die fahrende Höhle des Löwen. Man rollt, man spurtet mit, wenn der Energieriegel zwischen den Zähnen klebt. Man erfrischt sich auf dem Gipfel eines schier endlosen Anstiegs zusammen mit seinen Leidensgenossen im Sattel, hat jedoch nichts als das Buch in der Hand. Den Lenker steuern andere. Das ist wohl die angenehmste Art des Radrennsports. Der Popo schmerzt nicht, vielmehr lacht das Herz über die erfrischenden Geschichten. Die kommen einem manchmal vor wie eine Abrechnung mit der eigenen Leidenschaft – man hätte ja auch Schach spielen können…

Trotz all der beschriebenen Strapazen – und es wird wirklich jeder Aspekt der Sucht, des Schmerzes, der Leidenschaft beleuchtet – kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich sofort nach dem Zuklappen des Buches auf den Drahtesel schwingen möchte. Und sei es nur, um den Zeilen ein zustimmendes Nicken zuzuwerfen.

Denk an mich, auch in guten Zeiten

Welke Blicke, ausstillen, zwiebulieren, eine Falle, die eigentlich ein Knäuel sein soll – man kommt sich ein bisschen wie bei Hercule Poirot vor, wenn er den neugiereigen Fragen der Anwesenden aus dem Weg gehen will, in dem er ihnen Faktenbrocken zum Fraß vorwirft. Doch die kraftvollen Wortschöpfungen sind Grundlage und Salz ein- und derselben Suppe. Die Beziehung einer Frau zu ihrem Vater. Den sie kaum kannte. Und als sie sich darauf einlassen konnte, sich ihm zu nähern, sich ihm zu stellen, machte er sich ein für allemal davon. Trauern? Ja, aber wie?

Nebensächlichkeiten halten sie nicht ab dem Fortgang der Geschichte, ihrer Geschichte, zu folgen. Als Leser sind das die Momente, in denen er hoffnungslos in darin versinkt. Die Stimmung, die Umgebung werden so nahbar, dass man sich nicht mehr entziehen kann.

Maja Gal Štromars Buch „Denk an mich, auch in guten Zeiten“ lässt viel Raum für Interpretationen. Und gleichermaßen ist dafür kein Raum mehr. Denn die Sprachgewalt der Autorin bedarf keines Eingriffs von Außen. Immer wieder versinkt sie in Melancholie, bricht entschlossen auf zu neuen Ufern, verzweifelt, richtet sich auf. Und mittendrin der Leser, der sich nach und nach bewusst wird, dass hier nicht mit einem schnellen Ende zu rechnen ist. Geduldig muss man die Seiten an sich vorbeiziehen lassen, um schlussendlich festzustellen, dass klassischer Aufbau und Leseerlebnis nicht das einzige Paar sind, das zum Ziel führt.

Der Wow-Effekt von „Denk an mich, auch in guten Zeiten“ liegt nicht in der Geschichte selbst. Wie Maja Gal Štromar zugibt ist die Geschichte gar keine Geschichte, im klassischen Sinne, mit Anfang und Ende etc. Es sind die Bruchstücke, Versatzstücke, Puzzleteile, die sich wie selbstverständlich ineinanderfügen und einen Raum schaffen, den man so noch nie betreten hat. Gänzlich uneitel entblößt sich hier eine Frau, ohne Scheu vor den Konsequenzen. Poetisch kraftvoll wie es nur selten vorkommt.

Grenzland – Borderlands

Wenn ein Märchen mit „Es war einmal …“ beginnt, wähnt man sich in sicheren Gefilden, freut sich auf eine phantastische Reise … mit happy end. Die Geschichte eines Volkes mit „Es war einmal …“ in Verbindung zu bringen, ist mit Vorsicht zu genießen. Denn dieses „war“ ist mit Schmerzen, Leid und Respektlosigkeit eng verwoben. Die Grenzen verschwimmen hier nicht, sie sind klar ersichtlich und mit keiner Silbe unumkehrbar.

Die kleinen Städte – jiddisch Schtetl – im Osten Europas waren einmal Zentren jüdischen Lebens. Hier lebte man fernab der eigentlichen Heimat, baute sich über Generationen eine neue Heimat auf. Behielt die Traditionen bei, pflegte sie, hegte sie, bildete sie weiter aus. Man fügte sich ein, passte sich an, ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verleugnen. Bis man es musste. Bis man vertrieben wurde. Bis man … gejagt, verjagt, gefangen, deportiert, ermordet wurde. Und das nur, weil man an einen Gott glaubte, den die Täter nicht folgen konnten. Weil man einer jahrtausende alten Hetzjagd ausgesetzt war, die für viele Grund genug war, selbige fortzusetzen. „Einfach so“, weil man es konnte, weil es von Oben erlaubt, ja sogar befeuert wurde.

Der Fotograf Christian Herrmann reist zu diesen Orten in der Ukraine, in Belarus, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Er sucht diese Orte, findet sie und dokumentiert – künstlerisch auf höchstem Niveau und in bestechender Klarheit – was nicht mehr eindeutig zu erkennen ist. Nur wer genau hinsieht, erkennt die teils kläglichen Reste einer Kultur, die präsenter ist als manch verklärter Irrgänger es sich eingestehen will. Es sind kleine Kuppeln, Häuserfassaden, ganze Straßenzüge und plattgemachte Orte, die er mit seinen Bildern in die erste Reihe zieht.

Ab und an sind noch Schriftzeichen zu erkennen. Mahnend von der Restaurierung der Gegenwart unberührt gelassen. Manchmal sogar erneuert und in die Moderne transferiert. Detailaufnahmen decken für den Betrachter explizite Details auf, die der so niemals erkennen könnte.

Offensichtliches, wie jüdische Friedhöfe, die wegen ihrer dichten Fülle immer noch als solche zu erkennen sind, stehen kleinen versteckten Schätzen gegenüber, so dass man sicherlich beim nächsten Rundgang, auch durch die eigene Stadt einmal genauer hinschauen wird. Wenn Grabinschriften erst und gerade durch hervorbrechende Flora zu neuem Leben erwachen, ist das mehr als nur ein Bild. Hier steckt eine Symbolkraft im Objekt, die noch lange anhalten wird.

Der Kunstgriff dieses Buches liegt in der Erläuterung der Bilder. Kein bedeutungsschwangerer Text stört den Bildrundgang. Ein am hinteren Buchrücken eingehangener Appendix setzt die Abbildungen in den passenden Kontext. So wird der Eindruck der Bilder durch nichts abgelenkt. Dieses Nichts ist derart nachhallend, dass man sich ihm nicht verschließen kann. So soll es sein!

Rot, sagte er

Bei einem Museumsbesuch kann es einem schon mal passieren, dass man sich in ein Bild hineinziehen lässt. Irgendeine Faszination geht vom Farbenspiel aus, die Komposition erregt einen, das Motiv fesselt den Betrachter, die Ausmaße, die Ausleuchtung haben etwas an sich, das einen nicht loslässt. Jetzt möchte man noch tiefer in dieses Bild eintauchen. Will wissen, woher es kommt, was den Maler dazu bewegte. Wie sind die Verbindungen zwischen Maler und Objekt? Wer sich diese Fragen schon einmal gestellt hat, findet in diesem Buch einen wahren Freund.

Volterra, die alte etruskische Stadt, die in ihrer Geschichte so manche herbe Niederlage einstecken musste, ist der geographische Mittelpunkt dieser Geschichte. Hier lebt Angel Mariani. Künstlerin und Katermutter. In der Zeitung liest sie vom tragischen Ende von Eremo. Kein besonders geselliger Einwohner der Stadt. Eigentlich gar kein Mensch, der die Gesellschaft anderer suchte. Aber immer freundlich. Ein guter Zuhörer. So richtig kannte ihn niemand. Woher er kam, was ihn hierher verschlug, was er machte – keiner kann eine rundum zufrieden stellende Antwort geben. Und doch wer er immer da. Einem Glas Wein war er nicht abgeneigt. Immer nur eines. Und immer vom Feinsten. Das erfährt Angel aber erst nach einer Erfahrung, die ihr noch lange im Kopf herumschwirren wird.

Sie hat also vom Tod Eremos gelesen. In der Zeitung waren dank der eines Filmteams (sie drehen eine Serie über die Medici, der Familie, die Volterra den Garaus machen wollte) exzellente Fotos zu sehen. Da liegt er in der Schlucht. Der Mann, den jeder erkannte, den aber niemand wirklich kannte. Angel geht dieses Bild nahe.

In der Pinakothek sucht sie Ablenkung. Rosso Fiorentinos Deposizione, die Kreuzabnahme lässt sie tief in die Szenerie einsteigen. Der Meister hat sich selbst darin verewigt. Ein Fingerzeig. Tragische Szenen. Die flammenden Farben. Angel ist tiefer bewegt als sie es sich anfangs eingestehen kann. Tränen kullern über ihre Wangen. Das ist neu für sie. Ja, sie ist Künstlerin. Sie ist besonders sensibilisiert für derartige Empfindungen. Aber so stark hat sie sich noch nie wahrgenommen. Kann es sein, dass Eremo in diesem Bild ihr erschienen ist? Gar nicht mal mystisch oder gar esoterisch, nein echt, wahr, real. Angel beginnt zu erst in ihrem Kopf zu kramen, um herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Nach und nach sieht sie einen Zusammenhang in dem Dreieck Volterra – Fiorentino – Eremo…

Klaudia Ruschkowski könnte den Leser durch ein Museum führen und ihm die Geschichte einiger Bilder erklären. Sie könnte auch aus dem Seelenleben einer Künstlerin erzählen. Oder die Geschichte eines rätselhaften Mannes. Oder eine kleine Kulturgeschichte der Toskana. Sie entscheidet sich für alles! Alles in einem Roman. Ganz sanft lässt sie ihrer Heldin Platz, um sich zu schütteln und der Situation Frau zu werden. Was dann geschieht, haut nicht nur sie, sondern die gesamte Leserschaft um. Ein Feuerwerk, das dem geforderten Rot des Künstlers in Nichts nachsteht!