Schwarzlicht

Das Leben von Künstlern ist oft bemerkenswerter als ihre Werke. Und dabei ist es einerlei, ob sie nun erfolgreich waren oder am sprichwörtlichen Hungertuch nagten. Vincent van Gogh verbindet man in erster Linie mit seinem Ohr, das er sich abgeschnitten hat. Dann kommen seine Werke … gefolgt von seinem kargen Leben. Das Interesse an Kunst und Künstlern zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten.

María ist so eine, die sich für Kunst und ihre Erschaffer interessiert. Bei Enriqueta Macedo geht sie in die „Schule“ – sie ist die unumstrittene Kennerin der Szene. Sie weiß, was gut ist. Das betrifft die Kunst, aber auch sie selbst und die sie umgebenden Menschen. Schroff und direkt – das weiß sie, damit eckt sie an. Doch María ist das gerade recht. Sie lernt viel von Enriqueta. Auch wie man Kunst von Fälschung unterscheidet. Und dass auch Fälschungen Kunst sind. Oder es zumindest sein können.

Durch Enriqueta lernt sie eine illustre Runde kennen. Allesamt Fälscher, Gauner, Schieber, Künstler.

Als Enriqueta stirbt, ist es an María ihr Erbe fortzuführen. Doch es geht dabei nicht darum Künstler in den Himmel zu loben oder ihnen die Höllenfahrt vorzubereiten. Sie will in die Szene tiefer eintauchen als es jemals jemand zuvor tat. Sie weiß, dass Enriqueta jahrelang Fälschungen zu Originalen erklärt hat. Warum? Spaß an der Freude, Zurechtrücken der Verhältnisse, Geld? Letzteres wohl kaum, kommt María in den Sinn als sie die Wohnung ihrer ehemaligen Gönnerin sieht.

Der Kreis der Fälscher, die sich regelmäßig im Hotel Meláncolico – welch passender Name – trifft, fördert eine weitere Person hervor, die María unbedingt kennenlernen muss. La Negra. Eine Künstlerin/Fälscherin ohne Gesicht, ohne Vita, ohne Vermächtnis. Für María der Beginn einer Jagd, de im Dunklen beginnt, und mit deren Erhellung nichts als Nacht ans Tageslicht tritt…

María Gainza macht aus der Jagd nach der Unbekannten eine Reise in die Zwischenwelt. Hier existieren Schwarz und Weiß lediglich als Kontrast, deren Mischung ein waberndes Grau ergibt, das keinerlei Zugeständnisse macht. Als Leser taucht man in die Kunstwelt ein, wie wenn man an der Hand geführt zum ersten Mal ein Museum betritt. Alles neu, alles leuchtet, aber zugleich schaut man auch neugierig in die dunklen Ecken und sieht dort meist mehr als das, was einem so glanzvoll vorgesetzt wird.

Amerigone

Zimmer 1503 des Hilton in New York. Hier wartet der Manager Parker Saturn auf Iwan Rubleski vom Westküstenbüro seiner Firma. Er kennt ihn nicht, hat nie von ihm gehört. Was auch nicht verwunderlich ist. Namen kommen und gehen. Sie sind alle austauschbar. Die Maschinerie läuft auch ohne Namen. Dessen ist sich Parker Saturn – was eine Name! – bewusst. Erspielt das Spiel mit. Hat ein riesiges Haus, zwei entzückende Kinder – one of a kind – und eine umwerfende Ehefrau. Die perfekte Managervita. Und nun sitzt er in Zimmer 1503, das er für zwei Tage mieten musste, und wartet auf einen Mann, der in etwa dasselbe macht wie er. Nur halt am anderen Ende der Staaten. Parker Saturn ist bestens vorbereitet. Hoffentlich ist das Iwan Rubleski auch.

Es klopft. Rubleski ist endlich da. Groß wie Parker, aber bedeutend wuchtiger in den Ausmaßen zu den Seiten hin. Extrem blond, extrem blauäugig, was die Farbe der Augen betrifft. Und er legt gleich los. Wie toll doch alles sei. Der Markt ist willig, bereit, um abgeerntet zu werden. Wie wäre es, wenn Parker ihm nach dem Meeting die Stadt zeigt? Er kennt New York noch nicht. Erstmal Frühstück. Parker ist ob der Rasanz in Rubleskis Entscheidungen ganz baff. Das Frühstück kommt. Sieht gut und reichhaltig aus. Iwan Rubleski unterhält sich ein bisschen mit dem Jungen, der das Frühstück brachte, fragt ihn nach seinen Zielen, wo er herkommt etc. Smalltalk und ein bisschen oberlehrerhaft. Und Dominic, der Zimmerkellner, antwortet pflichtbewusst – es ist das letzte, was er sagen wird. Denn ohne Vorwarnung stürzt sich Rubleski auf den ahnungslosen Burschen und sticht ihn ab. Sein Puls bleibt dabei offensichtlich im grünen Bereich. Ganz im Gegenteil zum Puls von Parker Saturn! Der ist nun derjenige, dessen Körper komplett in Erregung und Starre zugleich verfällt.

Kurze Zeit später erklärt Iwan Rubleski ihm, warum … nein, nicht warum er den Kellner erstochen hat … sein Idee vom Raubtierkapitalismus. Wobei in seinen Augen das Raubtier den Ton angibt. Rubleski gefällt die Verkommenheit und Bigotterie der amerikanischen Gesellschaft. Und er genießt sie in vollen Zügen…

Dem Gesetz der Dramatik folgend müsste hier eigentlich Schluss sein. Das Drama hat seinen Höhepunkt erreicht. Der Tod als Höhepunkt einer sich langsam anbahnenden Katastrophe, der keiner entkommen kann. Bei Mark SaFranko ist es der Beginn einer Odyssee, die mit dem Mord an dem Zimmerkellner nur einen ersten Anstieg erfährt. Die Klimax ist noch mehrere hundert Seiten entfernt. Da kommt was auf den Leser zu! Die Selbstverständlichkeit mit der der irre Iwan seine Ideen umsetzt – ob nun lange im Voraus geplant oder spontan – erschrickt und fasziniert zu gleichen Teilen. Und nach jedem Umblättern fragt man sich unwillkürlich, was sich der Autor als nächstes einfallen lässt. Nur so viel sei verraten – langweilig wird’s nicht!

Die Erfindung des Lächelns

Das war schon ein Ding, damals 1911, da hing die Mona Lisa einfach nicht mehr da, wo sie nach Meinung aller zu hängen hat. Im Louvre in Paris. Sie war gut versteckt, aber eigentlich greifbar. Vincenzo Peruggia, Glaser, der kurz zuvor die Scheibe, die das wertvollste Gemälde der Welt schützen soll, ausgetauscht hatte. Er kannte sich bestens aus. Drei Jahre später hat man ihn gefasst, das Gemälde zurückgebracht und alle waren zufrieden. Eine Legende war geboren. Doch warum Peruggia da Vincis Werk klaute, ist bis heute ein Rätsel. So ist die Geschichte. Ist hinlänglich bekannt. Kann man in mehr oder weniger langen Versionen nachlesen.

„Die Erfindung des Lächelns“ ist der historische Roman zu dieser Geschichte. Tom Hillenbrand ist der Autor, und er vermeidet es kunstvoll dieser dramatischen Geschichte sinnfreie Fakten oder gedankenlose Spinnereien hinzuzufügen.

Juhel Lenoir ist der Ermittler in diesem Fall. Er bekommt Druck von allen Seiten. Das berühmteste Gemälde der Welt – einfach gestohlen. Da erwartet jeder(!) schnelle Resultate. Doch wie soll das gehen? Einfach mal bei Picasso nachfragen, „na, was gesehen oder gehört?“. Das kann man doch nicht machen! Warum eigentlich nicht?! Auch Guillaume Apollinaire, der Dichterfürst ist mehr als nur verdächtig. Die Verbindungen zu einem ähnlichen Vorfall ein paar Jahre zuvor sind nun einmal da.

Mit wunderbar leichter Feder streift Hillenbrand die Vorhänge des Vergessenen zurück und führt den Leser auf die Weltbühne der Kunst vor reichlich einhundert Jahren. Isadora Duncan, die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit und ihres reichlich durchgeknallten Gurus Aleister Crowley, bis heute gleichermaßen vergötterter wie verteufelter Satanist, treten ebenso auf wie die Herren, die die musikalische Untermalung aus dem manschettierten Handgelenk schütteln, Claude Debussy und Igor Strawinsky.

Die Haute Volée der Pariser Kunstszene versammelt sich in diesem Buch und prahlt leuchtend mit ihrer Reputation. Dass es nicht in Kitsch abgleitet und als belanglose „Noch so’n Buch über ein fast vergessenes Ereignis“-Persiflage auf dem Ramschtisch landet, dafür sorgt allein schon das Fachwissen des Autors. Penibel hat er sich in den Fall und vor allem in die Zeit eingearbeitet. Kleinste Details werden hier nicht aufgeplustert, sondern behalten ihren Status bei.

Ein Kriminalroman, der so echt ist wie das Lächeln der Mona Lisa. Hintergründig und fundiert. Immer wieder setzt man das Buch ab und lässt die Gedanken schweifen. Und sei es nur, um sich die Szenerie, die Straßencafés, die Ateliers vor Augen zu führen. Tom Hillenbrand ist ein Verführer, der die Romantik des Verbrechens – dieses Verbrechens – als Druckmittel zum Weiterlesen einsetzt.

 

Dringliche Angelegenheiten

Fast schon möchte man Hugo in den Arm nehmen, auch wenn es ihn unfassbar schmerzen sollte. Der arme Tropf hat aber auch das Pech am Fuß wie die sprichwörtliche Sch… Wo anfangen? Also, am Ende des „Treffens“ mit Carlos David steht der Tod. Carlos David ist tot. Erschossen, die Beine gebrochen, die Überreste in einen Sack gestopft und anschließend selbigen in einem Bach „versenkt“. Flucht. Also, Hugo ist geflüchtet. Verständlich. Gerade, wenn man ihm Glauben schenken will, dass er unschuldig ist.

Unterwegs entgleist der Zug, mit dem Hugo in scheinbar sichere Gefilde fliehen will. Eine gigantische Katastrophe mit Dutzenden Toten. Hugo überlebt. Im Leichenberg krallt er sich an das Heiligenbild, das ihm Glück bringen soll. Er reagiert noch auf Nachrichten von Marta, seiner Freundin. Sporadisch. Sie schnappt sich ihre Tochter und bricht auf zu ihrer Schwester. Alles überhastet, scheinbar ohne Plan.

Währenddessen sucht die Polizei in Person von Ermittler Dominguez nach dem Mörder eines jungen Paraguayers namens Carlos David. Und ziemlich schnell stehen sie auch vor der Tür von Marta. Dort ist allerdings nur ihre Mutter Olga anzutreffen. Und die ist ein echtes Goldstück. Gegenüber dem Bullen erzählt sie nur das, was er ohnehin schon weiß. Sie macht sich ihren eigenen Reim auf die Geschehnisse. Auch weiß sie, dass Hugo in dem verunglückten Zug war. Das weiß bald jeder im Land, denn so eine Katastrophe ruft natürlich auf die sensationsgierige Presse auf den Plan.

Und Hugo? Der hängt wie ein verletzter Vogel in den Fängen sämtlicher Leute, die ihm aus unterschiedlichen Gründen auf den Fersen sind. Wie in einem Film von Hitchcock sucht er verzweifelt nach einem Ausweg. Doch die richtigen Entscheidungen zu treffen, war noch nie sein Ding. Der große Wurf ist immer nur anderen gelungen. Hugos „Dingliche Angelegenheiten“ sind nur für ihn von immenser Bedeutung. Genauso wie er eine dringliche Angelegenheit für viel andere ist. Für seine Freundin, seinen Kompagnon, die Polizei, die Hilfskräfte, die Medien…

Paula Rodríguez spinnt ein enges Geflecht aus Hoffnung, Verzweiflung und düsteren Wolken am Horizont. Alles ist vorbei jetzt muss jeder zusehen wie er sich aus seiner Situation befreit. Immer weiter spinnt sie das Netz, in dem die Beteiligten fast bis zur Regungslosigkeit gefangen sind. Ihre Schilderungen sind so eindringlich, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Kopfschüttelnd leidet man mit dem vermeintlich unschuldigen Hugo. Lacht über die Bigotterie der Schwester von Marta. Und fühlt mit Evelyn, Martas Tochter, die Entdeckungen macht, die ihr mindestens genauso peinlich sind wie ihrer Mutter und Tante. Zwischendrin ertappt man sich dabei der Hoffnung Nahrung zu geben, dass das alles ganz schnell vorbei ist. Doch dann wäre das Lesevergnügen ebenso schnell beendet.

Die drei Häscher

Mr. Phillipps und Mr. Dyson – vom literarischen Gott per Zufall zusammengeführt, verbindet die Liebe zu Büchern. Man trifft sich, man streitet ohne jemals Groll aufkommen zu lassen, man steigt in die Tiefen der Phantasie hinab.

Eines Tages klopft Dyson an der Tür von Phillipps. Zu wohlerzogen um mit wahrhaften Gefühle herauszuplatzen, erzählt er ihm, was geschah. Er trödelte – ein Gentleman seines Schlages trödelt nicht, er genießt die Ruhe der Dämmerung der Nacht – also beim Genuss der dämmerigen Abendstimmung vernahm Mr. Dyson ein Geräusch. Er konnte es erst nicht einordnen. Dann bemerkte er wie ein Goldstück an ihm vorbeirollte und dann (fast) von der Kanalisation verschluckt wurde. Fast! Er beugte sich hinunter, um den vermeintlichen Penny an sich zu nehmen. Hier nun bemerkt er den wahren Schatz, den er zwischen den Fingern hält. Eine, ach was, DIE römische Münze. Ein goldener Tiberius. Selten, wenn nicht sogar einzigartig. Was die Geschichte so gruselig macht – es handelt sich um ein Buch von Arthur Machen! – ist die Tatsache, dass Dyson nur durch seine eigene Vorsicht auf den Fund aufmerksam wurde.

Hinter sich hörte er Schritte. Er ging in Deckung, suchte Zuflucht in einer dunklen Ecke, so dass ihn der Schritterzeuger nicht entdeckte. Der Plan ging auf. Ein zweiter Mann folgte. Folgte dem Ersten. Bewaffnet. So viel steht fest. Und Dyson in der dunklen Ecke. Phillipps erfreut sich an dem Abenteuer seines Freundes. Doch mehr auch nicht. Auch weil er die Geschichte um die Goldmünze kennt. Und sein Wissen bereitwillig mit Dyson teilt.

Dyson hat kurz darauf eine wirklich befremdende Begegnung, mit Mr. Wilkins. Ziemlich komischer Kauz, dem Dyson irgendwie helfen muss, meint er. Als Dank erzählt ihm Wilkins eine Geschichte, die so ungeheuerlich ist, dass Dyson fast das Blut in den Adern gefriert. Sie handelt von einer Reise, fast ohne Wiederkehr. Von blutrünstiger Lynchjustiz. Dyson ist erschüttert, aber vor allem fragt er sich, warum der fremde Wilkins ihm so bereitwillig diese Schauergeschichte erzählt hat.

Arthur Machen lässt den Leser ordentlich zappeln bis er endlich ein wenig Licht in seine Geschichte der „Drei Häscher“ bringt. Das sind üble Gesellen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Und sie sind verschwiegen, fast unsichtbar. Erkennt man sie, ist es eigentlich schon zu spät. Das muss auch Dyson erfahren. Und Phillipps ist auch nicht ganz ausgenommen von der Gefahr seinem geordneten Leben den Rücken zu kehren…

Baise moi – Fick mich

Zwei junge Frauen. Der Verzweiflung schon lange nicht mehr nah – dafür haben sie beide schon zu viel in ihrem jungen Leben erlebt. Sie wissen ganz genau, dass man nicht um Hilfe rufen braucht, wenn man selbige braucht. Es kommt eh keiner zu Hilfe. Alk und Dope sind ihre einzigen Freunde, die sie vergessen lassen, was ist. Ach ja, sie haben beide getötet. Unabhängig voneinander. Die Gründe sind unterschiedlich. Die Folgen sind die gleichen: Flucht. Das Schicksal, das verdammte Schicksal, hat sie zu Weggefährtinnen gemacht. Und nun? Wäre der Roman heute geschrieben worden, wäre ihre Allianz von gegenseitiger Heilung bestimmt. Doch „Baise moi“ – der Titel hat so gar nichts von sozialarbeiterischer Seelenversorgung an sich, übersetzt heißt es „Fick mich“ – ist ein knappes Vierteljahrhundert alt und noch immer jung und ergreifend wie Ende der 90er.

Nadine und Manu sind nun also Bonnie und Clyde, Thelma und Louise, ach all die ganzen verzweifelten Paare der Geschichte, die ihr Ende einte. Doch Nadine und Manu sind mit einer schonungslosen Chuzpe ausgestattet, die es eigentlich verbietet verfilmt, veröffentlicht zu werden. Klingt drastisch, aber man stelle sich vor, dass jemand vorhat dieses Buch heutzutage noch einmal originalgetreu zu verfilmen… unmöglich. Die moralisierte Moderne hinkt sich selbst um mehr als zwanzig Jahre hinterher. Der Film, von der Autorin selbst auf die Leinwand gebracht, durfte nur in Pornokinos gezeigt werden. Höchste Jugendschutzeinstufung!

Da sind sie nun – die Täterinnen. Abenteuergierig, lebenshungrig, perspektivlos. Sie haben nur eine Wahl: Rache nehmen. An all dem, was sie zu dem werden ließ, was sie sind. Für die einen Monster, marodierende Gören, die nicht arbeiten wollen, und nur Zerstörung im Kopf haben. Für die Anderen Opfer der Gesellschaft, denen man helfen muss, weil es noch nicht zu spät ist.

Über dieser Diskrepanz schwebt der Vorwurf des Tötungsdeliktes. Die Gründe, die Hintergründe gilt es an anderer Stelle aufzuklären. All das interessiert Nadine und Manu nicht im Geringsten. Sie sind bereit ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dass sie auf ihrem Weg Spuren hinterlassen, die Blinde nicht übersehen können, ist ihnen teils bewusst. Es interessiert sie aber nicht! Auch eine Form von Emanzipation!

„Baise Moi“ wird sicher niemals Schullektüre werden. Die expliziten Szenen von Gewalt (jeglicher Gewalt!) sind nichts für zarte Gemüter. Den Film haben sicher mehr Menschen gesehen als es eine Statistik vermag wiederzugeben. Das Buch sollten diejenigen, die den Film gesehen haben, auch unbedingt lesen. Denn es geht hier nicht um detaillierte Darstellung von Sexualität in ihrer ungeschminktesten Form (obwohl das garantiert dazu beitrug den Film so populär zu machen), es geht darum zu zeigen was Menschen in perfiden Situationen zu machen imstande sind. Die Schonungslose Sprache von Virginie Despentes ist anfangs erschreckend. Aber keines der „verbotenen“ Wörter ist eines zu viel. Nur so funktioniert dieses Buch!

Filmriss

Ein Trucker fährt noch einmal los, obwohl er eigentlich seinen freien Tag hat. Doch die Angst den Job zu verlieren, die nörgelnde Kinderbande daheim samt Ehefrau lassen ihn nicht los. Und so fährt er die Strecke von San Francisco nach Los Angeles und zurück, die er tagein tagaus hinter sich bringt doch noch einmal. Eine kurze Pause, ein kurzer Flirt mit der Kellnerin, und weiter geht’s. Das kleine Mädchen, das Blumen pflückt, sieht er zu spät. Er überfährt sie. Von Panik erfasst, flüchtet er. Im Radio hört er von der Suche nach dem rücksichtslosen Trucker. Er wird gestellt. Ein wütender Mob setzt ihm heftig zu – ein Mann will ihm helfen und wird zu Tode geprügelt. „Der Mann, der davonkam“ – so sollte der Film zu diesem Plot lauten. So sieht es zumindest Richard Hudson.

Er ist der Top-Gebrauchtwagenverkäufer von Hal Honests Gebrauchtwagenimperium. Im Handumdrehen hat er einem erfolglosen Verkäufer in Los Angeles dessen Firma abgeknöpft. Er stellt einen fähigen Geschäftsführer ein. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurze Ansage, die keine Zweifel zulässt und schon hat er, was er will. Und das nicht nur im Geschäftlichen. Und doch ist Richard Hudson gelangweilt. Es läuft einfach zu gut für ihn. Immer was auf der hohen Kante – man weiß ja nie. Immer einen Spruch und genügend Argumente auf der Zunge – man weiß ja nie. Und immer das Glück auf seiner Seite – man weiß ja nie wie lange noch.

Er kehrt sogar zu seiner Familie zurück. Die lebt immer noch in Los Angeles. Der erfolglose Vater Leo war einst ein erfolgreicher Regisseur. Seine Mutter macht im Ballettraum immer noch eine fabelhafte Figur. Und die Stiefschwester ist auch nicht zu verachten. Richard Hudson hat’s drauf!

Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen seinen Traum zu verwirklichen. Den Film machen, den er immer machen wollte. Dumm ist er nicht. Ein Drehbuch schreiben kann er auch. Pop Leo kann das beurteilen. Gesagt – getan.

Dass beim Film nicht alles wie am Schnürchen läuft, ist auch Richard nicht neu. Doch ein ausgefuchster Typ wie er, lässt sich davon nichts ins Bockshorn jagen. Schlussendlich steht der Film. Zwar keine neunzig Minuten wie der Big Boss es verlangte. Aber immerhin dreiundsechzig Minuten lang. Voller Spannung, voller Dramatik. Exzellenter Schnitt. Und dennoch … kommt alles ganz anders. Und das nicht nur wegen der Übermenge an Alkohol, die für den titelgebenden Filmriss sorgen wird.

Charles Willeford lässt einen echten Goldjungen erstehen. Ihm gelingt alles. Schnodderschauze und eine bis ins Mark reichende Gewieftheit sind die Erfolgsgaranten für den American Way of Life. Doch der ist steinig. Und es gibt immer einen, der noch gewiefter ist, und vor allem am ganz lange Ende des Hebels sitzt. Da kann man schon mal verzweifeln. Und verzweifelte Dinge tun.

Der Schlafwagendiener

Was war er froh als er den Job als Schlafwagendiener ergattert hat. Nun konnte Baxter endlich anfangen zu sparen. Auf das ersehnte Zahnmedizinstudium. Ein liegengelassenes Buch brachte ihn auf die Idee diesem Ziel so einiges über sich ergehen zu lassen. Doch das Studium kostet Geld. Viel Geld. Ihm fehlen noch einhundertundein Dollar. Doch ihm fehlen mittlerweile auch nur noch zehn Strafpunkte – dann ist er den lukrativen Job auch wieder los. Und Strafpunkte werden verteilt wie der Sandmann den Schlafsand verteilt. Vor allem aber werden sie willkürlich verteilt.

Baxter wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Kaum dreißig Jahre später hat er nicht mehr als ein Ziel vor Augen. Das Zahnmedizinstudium. Doch als junger, schwuler Schwarzer ist das Ziel – momentan – nicht mehr als eben dieses. Er ist den Launen der Passagiere auf den langen Zugstrecken durch die Wildnis Kanadas komplett ausgeliefert. Und wenn einmal jemand mit einem Scheinchen wedelt, ist es meist eben nur ein Wedeln. Die Verheißung ist der ständige Begleiter.

So wie die ewigen Nörgeleien der Fahrgäste. Es ist zu kalt, obwohl allen anderen schon die Schweißperlen über die erhabene Stirn läuft. Trunkenbolde müssen in ihre Kojen verfrachtet werden. Unzufriedenheit allenthalben. Und Baxter bleibt ruhig. Lässt alles über sich ergehen. Nur noch einhundertundein Dollar – und zehn Strafpunkte. Die beiden Zahlen gehen eine unheilige Allianz ein, die Baxter rund um die Uhr durch den Kopf geht.

Doch was soll schon groß passieren? Der Zug ist voll auf dem Weg gen Westen, einmal quer durchs und übers Land. Das bedeutet gutes Trinkgeld. Nicht so viel, dass er am Ende der Reise das Studium beginnen kann. Wohl aber lang genug, um genug Strafpunkte zu sammeln … Jemand könnte ihn dabei ertappen, dass er sein größtes Geheimnis – seine Homosexualität – offenbart. Der Zug könnte stehenbleiben. Es könnte zu Tumulten kommen. Die Ungewissheit der Weiterreise könnte dazu führen, dass Baxter sein Strafpunktekonto bis zum Bersten auffüllt. Turbulenzen in jedweder Hinsicht könnten ihm alles verbauen, was er sich erträumt und schon aufgebaut hat. Andererseits ist er es gewöhnt stillschweigend alles über wich ergehen zu lassen. Zu schwiegen. Zu lächeln. Nicht zu viel zu verraten. Doch dann passiert es: Der Zug bleibt stehen…

Suzette Mayr macht aus einer ganz normalen Zugfahrt des Jahrs 1929 einen Roadtrip ins Ungewisse. Ein junger Mann, der gegenüber Anderen ein komplett anderer Mensch sein muss, gerät rund um die Uhr in Situationen, die ihm Kopf und Kragen kosten können. Er könnte sogar wegen seiner Homosexualität ins Gefängnis kommen. Soweit denkt er aber nicht. Er denkt nur an sein Studium und daran diesem Ziel alles unterzuordnen. Kurz vor dem Ziel muss er jedoch feststellen, dass Glück und persönliche Ziele oft auf unterschiedlichen Gleisen unterwegs sind.

Tot oder lebendig

Wenn der Dreißigste ansteht, kann man ihn ganz normal feiern, so wie die neunundzwanzig vorangegangenen Geburtstage. Oder man verzieht sich in eine Pension in den Bergen und hofft, dass das Netz ausfällt und man sich in grüblerischem Selbstmitleid ergießen kann. Oder man stopft sich am Tag zuvor Pommes in die Kauleiste und beschließt sich umzubringen.

Anna Thurow entschließt sich Tor Drei zu wählen. Doch dann kommt der Zweifel. Wie soll sie es denn nun anstellen?  Mit ’nem Strick? Wo bekommt man den? Wo soll ES stattfinden? Viel zu viele Entscheidungen für die finale Entscheidung. Springen! Von ganz oben. Erfolgschancen unberechenbar. Gift! Gift ist immer gut.

Am nächsten Morgen steht nun also die große Dreinull an. Die Gedanken den Vortags sind nicht ganz weggeblasen, aber die Party, der Absturz und deren Folgen sind einfach präsenter. Sonntag – the day after – ist Ruhetag für Körper und Geist. Montag – och nee – Arbeit, Frust und die Gewissheit, dass sie morgen zu dieser Hypnotiseurin gehen wird … okay, es wird doch erst der Mittwoch sein, der sie dorthin führen wird, wohin sie nie wollte.

So schlimm wird es schon nicht werden. Die Hausärztin hat Anna erstmal krankgeschrieben. Drei Monate! Depression mit ausgeprägtem Hang zum Suizid. Klingt erstmal nicht wie der Stoff aus dem Leseträume sind. Doch die Autorin Ariana Zustra spricht … ihr Mut zu. Denn Anna wird bewusst – die Hypnotiseurin hat es ihr eingetrichtert – dass in ihr der Geist eines kroatischen Juden namens Andri aus Dubrovnik schlummert. Immer noch nicht überzeugt „Tot oder lebendig“ lesen zu müssen?

Anna reist nach Dubrovnik. Eine uralte Stadt an der Adria. Im Sommer ein Hort für Kreuzfahrer mit eingebildetem Bildungsdrang, außerhalb der Anlegezeiten ein wahrhaftiger Ort zum Träumen. Und die Heimat von Andri. Dem Juden, dessen Geist in Annas Körper herumgeistert. Was so lapidar dahingeschrieben scheint, ist ein Seelenstriptease der wortwitzigen Art. Denn Anna ist nun dreißig. Also erwachsen, ohne Ausreden für kindisches Verhalten. Sie findet sogar eine Person, die Andri gekannt hat. Der hatte aufgrund seiner Religion kein erfülltes Leben. Genauso wie die vorletzte Generation in Dubrovnik. Die Narben des Balkankrieges eitern immer noch. Die Nachfolgegeneration kennt das Bombengeheul nur noch aus verschwommenen Erinnerungen und Erzählungen der Väter und Mütter. Andri hingegen – Anans Geist – ist ein Füllhorn an Schauergeschichten. Leider sind die alle wahr. Und Anna trägt sie mit sich herum.

„Tot oder lebendig“ führt den Leser mal beschwingt heiter, mal rotzig frech, doch immer liebevoll durch eine bittere Zeit. Eine Zeit des Krieges, der einst vor der Haustür stattfand, und von dem immer noch zu wenig bekannt ist. Die Leidfigur ist selbst eine Frau, die nicht recht weiß, wer sie ist, wer sie sein will. Unzufriedenheit in sicheren Zeiten ist mehr als nur eine Modeerscheinung. Das alles ist real. Es passiert tausendfach um uns herum. Anna bekommt einen ordentlichen Tritt in ihr Hinterteil. Von nun an muss sie allein voranschreiten. Und mit einem Mal sind die Depressionen, der Unwille und die Antriebslosigkeit einer Neugier gewichen, die man als Dreißigjährige nur noch schemenhaft als Kindererinnerung wahrnehmen sollte.

Schnell leben

Ein Unfall ist unvorhersehbar und nur unter Berücksichtigung aller Eventualitäten zu vermeiden. Alle Eventualitäten? Berücksichtigen? Wie soll das denn gehen? Und schon sind wir beim Kern des Buches. Brigitte Giraud verliert ihren Mann Claude durch einen Verkehrsunfall. Just an dem Tag, an dem die beiden ihren Altersitz in Besitz nehmen wollten. Ihr Traumhaus. Tage später zieht sie ein. Mit den Kindern. Zwanzig Jahre später sind noch immer nicht alle Fragen geklärt. Doch Fragen helfen ihr nicht weiter, auch nicht nach so langer Zeit. Der Konjunktiv, Nebensatzeinführungen – WENN – sind ihr Mittel Frau der Lage zu werden. Und schon sind wir wieder bei ALLEN EVENTUALTITÄTEN. Die kann man beim besten Willen nicht ausschließen! Das beweist Brigitte Giraud mit „schnell leben“.

Jedes Kapitel beginnt mit einer These. Wenn dies nicht eingetreten wäre, dann wäre der Unfall nicht passiert. Und relativ schnell kommt der Verzweiflung der Autorin auf die Spur. Denn diese Eventualitäten sind so vielschichtig, dass man immer schneller und vor allem lauter durchschnaufen muss. Denn die oberflächlich betrachteten Thesen ergeben erst in Summe ein klares Bild. Das beginnt bei der Songauswahl, die Claude sich zusammenstellte und hört bei der Wahl des Fahrzeugs, eine Höllenmaschine aus Fernost, die im Erzeugerland keine Straßenzulassung erhalten hatte (und in Europa nur modifiziert auf den Markt kam) noch lange nicht auf.

Brigitte Giraud zerbricht sich den Kopf, was alles hätte nicht eintreten dürfen, damit das Traumhaus zu einem echten Traumleben dazugehören muss. Es sind Gedankenspiele, die letztendlich mehr Fragen beantworten als man sich stellen darf. Und was passiert, wenn diese Fragen alle gestellt sind? Alle Antworten gegeben sind? Zufriedenheit ist sicher das falsche Wort. Beruhigung geben die Zeilen, die die Thesen stützen allemal. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass das Schicksal wie die Bank im Casino immer gewinnen wird. Fest steht, dass keine Seite, keine Zeile, kein Wort den Schmerz im Geringsten umkehren kann. Aber lose Gedanken in strukturierte Sätze zu formen, kann ein Beginn sein, um mit der Vergangenheit, dem Schicksal einen Deal zu machen. Einen Deal, bei dem es keine Verlierer gibt.

Ein Gewinner steht schon mal fest: Die Autorin selbst. Sie gewann für „schnell leben“ den Prix Congourt“, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs. Und mit ihr freuen sich die zahllosen Leser, die in „schnell leben“ vielleicht sogar einen Weg finden Ähnliches verarbeiten zu können.