Was war denn da los?!

Geschichtsinteresse wird durch besondere Taten, herausragende Persönlichkeiten und ihre Geschichten geweckt. Zuerst die Tat, dann das Marketing – so war es einmal. Wer erinnert sich noch an den Namen des Pferdes, das beim Modernen Fünfkampf bei den Olympischen Spielen von Annika Scheu, jetzt Zillekens, und auch unter Anfeuerung ihrer Trainerin derart mit der Gerte malträtiert wurde? Das Ereignis selbst führt dazu, dass ab 2028 der Wettkampf ohne Pferde stattfindet.

Und so ist es auch schon in der Antike gewesen. Wer, wann, wen geschlagen hat, vergisst man. Steht jedoch eine besondere List (und das Trojanische Pferd ist nicht das einzige Ereignis mit einem unique selling point) im Raume, wird man hellhörig. Felix Melching und David Neuhäuser holen in ihrem Podcast „Damals und heute“ derartige Besonderheiten von damals ans Tageslicht. Die dreißig besten, hervorragendsten, außergewöhnlichsten sind in diesem Buch versammelt.

Schon mal von den Amazonen gehört? Na klar. Die haben sogar einen eigenen Wald. Waren bestimmt militante Gärtnerinnen. Genug des verbalen Irrsinns – die Amazonen haben genauso wenig mit dem Amazonas-Regenwald zu tun wie die Legenden um ihre ambutierte Brust. Alles Mythos, wenn nicht sogar alles Lüge. Mit fast hundertprozentiger Sicherheit stammen sie aus der Region vom Schwarzen Meer bis nach China. Hier lebten die skythischen Völker. Und Mann und Frau waren – nicht immer, nicht überall – gleichgestellt. Das heißt, dass auch Frauen bewaffnet mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken der Pferde (nein, nein, nein, nicht noch ein Klischee bedienen) in den Krieg zogen. Das passte den Männern, die in ihrer Hemisphäre den Ton angaben überhaupt nicht in den Kram. Und so entstand die Legende von den fuchsteufelswilden Weibern, die sich eine Brust amputierten, um besser mit dem Bogen schießen zu können.

Die Kapitel sind – wie es sich für ein ordentliches Wer zur Geschichte gehört – nach Zeitaltern geordnet. Antike, Mittelalter, Neuzeit, 19. und 20. Jahrhundert. Von den machtgierigen Frauen und planlosen Sklavenaufständen, über den dritten Papst, perfides royales Gehabe, verlorener Eigenständigkeit bis hin zu ehrgeizigen Forschern und aufkommender Idole von der Karibik über Mitteleuropa bis in den Nahen Osten – die Autoren lassen keinen Landstrich und keinen Handstreich aus, um das Geschichtsinteresse immer wieder zu entfachen. Klug, klar und knackig rauschen die Jahrhunderte seitenweise vor dem geistigen Auge durch einen hindurch. Mal kurios, mal erschreckend berechnend (der Falklandkrieg matchte so offensichtlich nicht mit der Realität, dass es bis heute verwundert, dass er tatsächlich stattfinden musste). Das sind die Appetithäppchen mit tiefer gehender Geschmackexplosion, die jeden Geschichtsfälscher das Handwerk legen.

Berühmte Frauen der 50er und 60er Jahre

Liselotte Pulver – das Ambiente kann noch so trist sein, es dauert nicht lange bis die Stimmung ins knallbunte kippt.

Francoise Sagan – ikonischer Freigeist, der der eigenen Unnachgiebigkeit erlegen ist.

Niki de Saint Phalle – ihre Nanas werden alle Zeiten überleben und ihren Namen bekannt halten.

Brigitte Bardot – ewige Verlockung mit dramatischen Wendungen, die sich selbst nur schwer akzeptieren kann.

Maria Callas – von Ängsten geplagtes Einmal-Talent, deren Stimme nachfolgende Generationen ins Zittern geraten lässt.

Nur vier – durchaus die berühmtesten dieses Buches – Namen, Ikonen, Frauen einer Zeit, die nur auf dem Papier vergessen scheint. Stilistisch prägen die 50er und 60er Jahre noch heute das Erscheinungsbild von Städten und Menschen – Stil vergeht nicht.

Wie im Rausch blättert man durch dieses Buch und erfährt selbst über die, die man zu kennen glaubte, noch Neues und wundert sich, dass es einem als neu erscheint. Denn alles ist bekannt. Prinzessin Soraya, die erste Frau des letzten Schahs von Persien, war die Getriebene nach ihrer Scheidung von Mohammad Reza Pahlevi. Ruhe Stunden, Minuten, gar Sekunden kannte sie nicht. Irgendwo lauert immer eine Kamera. Und wenn nicht physisch, dann zumindest in den Gedanken der traurigen Prinzessin. Erst Jahrzehnte später wurden gesetzliche Vorlagen geschaffen, die die Privatsphäre derartig berühmter Menschen ein wenig besser schützen sollen. Ihr Verdienst.

Charlotte Ueckert hat sich Symbolfiguren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg herausgepickt und ihre ikonische Stellung und deren bis heute anhaltende Wirkung, herausgearbeitet. Herausgekommen ist mehr als nur eine bunter Blätterwald für all diejenigen, die „ach ja, die kenne ich noch … von damals“ mehr als nur eine Erinnerungslücke ansehen. Die Werke von Doris Lessing werden ihren Namen nie verblassen lassen. Ebenso das Werk von Niki de Saint Phalle. Die Aufführungen der Callas laufen in digitalisierter Aufbereitung noch heute in Kinos. Und die Bardot ist und bleibt das Sex-Symbol – ob sie es nun will oder nicht – ihrer Zeit. Sie alle sind auf irgendeine Art und Weise haltbar gewordene Erinnerungen. Doch meist sieht man nur ihre Hülle. Je mehr man in dieses Buch eintaucht, desto mehr gräbt man sich in das Leben der vorgestellten Frauen, die mehr waren als Beiwerk oder zweidimensionaler Augenschmaus für Jung und Alt, Mann und Frau. Ihr Tun hat mal mehr, mal weniger merklich Spuren hinterlassen, die niemand mehr verwischen kann. Dieses Buch hilft eindrucksvoll dabei diese Spuren zu erkennen.

Herz der Finsternis

Afrika, mittendrin, ganz tief drin … im Herz der Finsternis. Ein Traum. Auch für Jósef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Joseph Conrad hat er sich später genannt, und unter diesem Namen wurde er weltberühmt. Auch und besonders für „Herz der Finsternis“. Und wie seine Crew im Buch, der Erzähler und der Kapitän Marlow – unverkennbar Conrad selbst – reiste er. Doch nicht mit der Kamera in der Hand – nicht nur, weil Kameras im 19. Jahrhundert vielmehr Platzfresser als nützliches Erinnerungswerkzeug waren – sondern mit dem Herzen. Conrad bereiste, was möglich war.

Afrika war seine große Liebe. Auch wenn es im Buch manchmal nun wirklich nicht so aussieht. Auf dem Kongo ist was los! Waren werden von A nach B geschippert. Menschenhandel allenthalben. Die belgischen Kolonialisten überziehen brutal das Land.

Unvermittelt soll der Agent Kurtz aus dem Dschungel geholt werden. Er hat sich ein kleines reich geschaffen, das er mit harter Hand regiert. Und das ist den Machthabern ein Dorn im Auge. Auch und vor allem, weil die Gefolgsleute von Kurtz ihm blind folgen. Der Agent wird aufgetan, folgt brav und …

Bei dem Namen Kurtz, der Dschungel-Location klingeln bei allen Cineasten die Ohren. Na klar, das ist doch die Geschichte aus „Apocalypse Now“. Es ist natürlich umgekehrt, denn die Geschichte erschien bereits 1899, der Film erst acht Jahrzehnte später. Und mit diesem Wissen im Hinterkopf baut sich vor dem Leser eine Kulisse auf, die an Gigantismus nicht zu überbieten ist. Man spürt die drückende Hitze. Die Enge des Spielraums, der den Handelnden zur Verfügung steht ist beklemmend. Und immer wieder die feine, schneidende Humor, der bin in die kleinste Räume vordringt. Happy life an exotischen Orten ist anders. Hier herrschen andere Regeln, und man hat Zeit sich um die existenziellen Fragen des Lebens zu kümmern.

Jede Passage der Geschichte ist es wert mehrmals gelesen zu werden. Die eindrücklichen Beschreibungen von Natur, dem Leben in der Ferne, dem Elend und der ungezügelten Wut kleben den Leser an dieses Buch. Das praktische Format lässt keine Ausreden zu – von wegen, kein Platz für Literatur im Koffer. Dieses Buch passt in jede Gesäßtasche. Aber das buch gehört in die Hand, vor die Augen, in den Sinn. Für Immer! Zeitloser Klassiker, der in finsterster Nacht strahlt!

Spatriati

Zieht man eine Übersetzungs-App zu Rate, was Spatriati bedeutet, kommt man dem Kern nur sehr zögerlich nahe. Auswanderer, im Ausland lebende. In Apulien, wo Claudia und Francesco leben, nennt man so diejenigen, die nicht so recht ins Bild passen. Und Claudia und Francesco sind die idealen Aushängeschilder für diesen Begriff. Ist es bei Claudia vordergründig ihre äußere Erscheinung – allein ihr Teint und ihre Haarfarbe passen so gar nicht ins vorgefertigte Bild vom Süden – so ist es bei Francesco seine – ebenso wenig mit Süditalien in Verbindung gebrachte – Verschlossenheit.

Er ist verliebt in Claudia. Es ihr zu sagen, käme ihm aber nicht in den Sinn. Das ausgeflippte Mädchen mit den roten Haaren und der Mozzarella-Haut (farblich) sieht in ihm eigentlich nur einen Leidensgenossen. Zum ersten Mal kommen die beiden n Kontakt als Claudia Francesco eröffnet, dass seine Muter ihren Vater liebt. Und sie zusammenwohnen. Francesco hat das nicht mitbekommen. Aber so richtig wundern kann er sich nicht darüber. Er war und ist ein Einzelgänger mit eigenen Gedanken. Aber so kommt er wenigstens mit Claudia in Kontakt…

Doch die Freude währt nur kurz. Claudia hat ihren eigenen Kopf. Und ihre eigenen Ideen. Und Wünsche und Pläne. Da passt niemand mehr dazu. Schon gar nicht Francesco! Sie will raus! Raus aus Apulien, der sie erstickenden Enge. Weg, weit weg. London, vermutet Francesco. Doch bis zum Abschied dauert es noch. Claudia nimmt jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Flucht in Gedanken. Jeden (An-)reiz zum Fliehen präsentiert sie sich selbst auf dem Silbertablett. Und Francesco zerreißt es jedes Mal das Herz, wenn Claudia sich in neue Abenteuer stürzt. Doch Treue ist ihm wichtiger als eigenes Glück.

Doch der Tag der wahren Flucht wird kommen. Und er kommt. Mit einem Mal. Statt London wird es Berlin. Claudia ist nun ca. zweieinhalb Flugstunden entfernt. Die Provinzenge ergreift auch von Francesco mit einem Mal Besitz. Die vertraute Beschränktheit der apulischen Provinz erdrückt auch ihn. Oder ist es die Sehnsucht nach Claudia? Beides. Und Berlino soll ihn nun befreien. Er folgt ihr in die gigantische Weltstadt und erfährt, was es heißt Freiheit selbst erhalten und gestalten zu müssen. Claudia ist ihm da keine große Hilfe. Aus den Aussetzigen sind Auswanderer geworden. Spatriati bleiben sie.

Auswandern als geographische Veränderung ist das Eine. Im Kopf diese Veränderung als Zugewinn zu betrachten etwas Anderes. Erwartungshaltung und Realität klaffen oft weiter auseinander als man es sich vorstellen kann – so manche Auswanderer-Soap beweist das seit Jahren. Mario Desiati blickt tief in die Seele derer, die von Träumen überfordert das Glück vor der Haustür nicht erkennen können.

Die Gärten des Alkinoos

Reisen bildet, auch wenn das ab und zu mit einem oberlehrerhaften Fingerzeig verbunden ist. Doch was ist schlimmer? Sich von einem erfahrenen Reisenden einen wirklich exponierten Aussichtspunkt zeigen zu lassen oder sich im Nachhinein eingestehen zu müssen, dass die hundert Meter und das zweimalige Abbiegen – das man abgelehnt hat – vielleicht doch besser gewesen wären als die Cola in der schäbigen Bar an der befahrenen Hauptstraße?

Odysseus war einer der ersten, der die Welt bereiste. Und dessen Abenteuer aufgeschrieben wurden. Seitdem hangeln sich Autoren aus aller Herren Länder an diesem Beispiel entlang und führen ihren Zeigefinger über die Landkarten der Erde. Wolfgang Geisthövel verbindet die Antike mit der modernen Zeit. Er folgt historischen Routen in der Gegenwart. Ja, sie sind noch da, die Hinweise. Und wenn man die Texte von Vergil und Homer intensiv liest, findet man die Orte fast so genau wie ein modernes Navi.

Was waren das noch für Zeiten als man den Zedernduft noch allerorts wahrnehmen konnte. Keine Rauchschwaden mit überzogenem Apfel-Zimt-und-was-weiß-ich-sonst-noch-Duft. Hügellandschaften, deren Bewohner den Reisenden im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verdrehten. Orte, die dem Reisenden mehr als ein „krass“ entlockten.

Apulien, Kalabrien, Kampanien, Sizilien, Korsika, Sardinien, Griechenland – nicht nur Sonnenanbeter werden bei der bloßen Erwähnung dieser Ziele unruhig und packen in Gedanken schon mal ihr Reisegepäck. In dieses Reisegepäck gehört so ganz nebenbei auch dieses Buch.

Denn wer sich nicht gern durch die oft rätselhaften Texte der alten Meister durchwühlen und durch die allzu lockeren Interpretationen ohne Ortsangaben sich nicht stressen lassen will, wird mit diesem Buch in der Hand – und da gehört es hin – eine Odyssee mit happy end erleben.

Es ist ein Erlebnis zu lesen, dass man in Taormina, Giardini-Naxos nicht zwangsläufig in Badeschlappen, schon am frühen morgen völlig erschöpft auf dem Bordstein sitzend auf den nächsten Bus warten muss. Und dass Palermo nicht nur aus lärmenden Märkten besteht, sondern auch Ruheoasen hatte, die man heutzutage zwar suchen muss, die aber schon Goethe kannte. Und vor allem seine Wegweiser bis heute weisend sind…

Es sind Bücher wie dieses, die Reisen in eine besondere Zeit verwandeln. Dort, wo schon viele waren, müssen nicht immer noch viele sein. Und wenn doch, hält man inne, blättert ein wenig durch die Seiten und lässt den Lärm der Moderne um sich herum im Rausch und Rauch der Worte aufsteigen.

Braunes Erbe

Was kann man nicht alles über Geschichte sagen?! Sie wiederholt sich, die dauert fortwährend an, sie ist unvergänglich. Auch wenn so manches in Vergessenheit geraten scheint, so ist es immer noch da. Es gibt also mehr als genug Fakten daraus seine Lehren zu ziehen.

David de Jong hebt in seinem Buch die stete Aufarbeitung der Nazizeit in Deutschland hervor – wie aktuell das Buch immer noch ist zeigen unter anderem Videos vom teils gebildeten, gut verdienenden Mob, der vor einem Club mit Hasstiraden viral gegangen ist, bei dem die Fakten sicherlich im Hirn verankert sind, jedoch die Lehren daraus in den Weiten der hirnlosen Leere verloren gegangen sind.

„Braunes Erbe“ nimmt große deutsche Konzerne, die seit gefühlten Ewigkeiten existieren und jede Wende mit Bravour gemeistert haben. Dazu gehören die Familien Quandt, Flick, von Finck, Oetker, Porsche und Piëch. Oder anders gesagt, BMW, Allianz, VW, Dr. Oetker und Krupp. Namen, die der deutschen Industrie Weltglanz vermachen. Doch unter der polierten Oberfläche müffelt der braune Rost. Nun aber die moralische Keule zu schwingen, wäre zu plakativ. Was wäre denn, wenn jeder Angestellte dieser Firmen aus moralischen Gründen kündigen würde? Nein, so einfach ist die Sache leider nicht. Als Leser muss man sich seine eigene Meinung bilden und entsprechend handeln. Dabei aber niemals das große Ganze aus dem Blick verlieren. Auch wenn’s schwer fällt.

David de Jong arbeitete als Wirtschaftjournalist und sollte für seinen Arbeitgeber europäische Firmen, besonders deutsche Firmen im Auge behalten und ihre Geschichte beleuchten. Dass die bereits genannten Firmen eine innige Beziehung zu den Machthabern in Deutschland der Jahre 1933 bis 45 hatten, ist kein Geheimnis. Der Schockmoment hält sich in Grenzen. Wer, wann, wie mit wem seine Macht erhielt, sie ausbaute, und vor allem mit welchen Mitteln, ist bzw. war bisher nur in Teilen bekannt.

Hier hält man ein hochaktuelles Buch in den Händen, das wie ein Flakschienwerfer den braunen Himmel in leuchtendes Feuer taucht. Alle Fakten sind unantastbar. Stellungnahmen der beschriebenen (nicht angeklagten) Familien gab es nur sporadisch bzw. oft gar nicht. Eigene Studien – von den Familien beauftragt – sollten als Antwort, weil allgemein zugängig (was nur zum Teil stimmt), genügen. Dennoch hat David de Jong ein Buch geschrieben, das vor unumstößlichen Tatsachen nur so strotzt. Schonungslos und mit der nötigen journalistischen Distanz entlockt er dem Leser mehr als nur ein fassungsloses Staunen. Wer sich nach der Lektüre genötigt fühlt sein Leben daraufhin zu untersuchen, welche Verbindungen er zu den Familien hat – ein Blick in die Garage, in die Versicherungsverträge, in den Kleiderschrank genügen schon – wird feststellen, dass eine Aufarbeitung der Nazizeit zwar im mündlichen und schriftlichen Diskurs stattfindet, die wirtschaftlichen Verzweigungen und Abhängigkeiten davon aber fast unberührt erscheinen.

Mit dem Wissen um die Auseinandersetzungen und Kriege von Guatemala bis Birma, von Nigeria bis Papua-Neuguinea, von der Ukraine bis ins östliche Mittelmeer, ist dieses Buch die Grundlage von noch vielen Büchern, die ihm folgen werden müssen. Und auch da werden vermutlich stellenweise die gleichen Namen stehen…

Dante Alighieri „Die Göttliche Komödie“ Horbuch

In Italien werden Schulkinder mit jedem Satz der „Göttlichen Komödie“ schon früh bekannt gemacht. Weltweit ist dieses Werk sicherlich eines der bekanntesten. Zumindest dem Namen nach. Kaum ein Werk wurde so oft in andere Sprachen übersetzt. Und noch immer seziert man die Lieder, die Abschnitte, die Sätze, ja, sogar die Zeichensetzung und analysiert Dantes Meisterwerk. Selbst in Sitcoms („How I met Your mother“) wird sie mit Respekt zitiert.

Dabei hat der Maestro selbst Anleihen bei Kollegen genommen. Und fast erscheint es als ob die Diskussionen über Dante Alighieri und „Die Göttliche Komödie“ den Hörer mehr in den Bann ziehen als das Werk selbst. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner und der Dramaturg John von Düffel stellen sich auf ihrer Bühne dem Werk. Voller Ehrfurcht und mit einem Übergepäck an Deutungen, Impressionen und einer schier unendlichen Gedankenflut lassen sie den Zuhörer Teil ihrer Welt werden.

Den Auftakt bildet eine eigenwillige Verlinkung von „Der Göttlichen Komödie“ und der von Computerspielen, Avataren und Vernetzung geprägten Gegenwart. Der Bühnenpoet Timo Brunke überspannt sieben Jahrhunderte mit einer hochmodernen Sprache. So wie es Dantes Zeitgenossen vor 700 Jahren ergangen sein musste. Bis dato wurde der eigene Intellekt in Latein verbreitet. Dante hingegen lässt das Italienische den Vorrang. Der Graus des christlichen Glaubens – wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt den Zorn Gottes um ein Vielfaches zu spüren – wird mit einem Mal einem gigantischen Publikum zugängig.

Man muss das Werk nicht zwingend gelesen haben. Es reicht vor erst einmal die pure Kenntnis dessen Existenz’. Ohne viel vorweg zu nehmen, macht die Diskussion über das Werk Appetit auf ein Meisterwerk, das man nun vielleicht doch einmal in die Hand nehmen sollte.

Auch der Autor selbst wird zum Objekt der Begierde der Verbalduellanten. 1321 ist er in Ravenna gestorben. Und seitdem lebt er in den Gedanken weiter. Seine Gedankenspiele beispielsweise zum Übermenschen, zu Schuld und Sühne, der Suche nach Vollendung wird niemals an der Sinnsuche scheitern. Vielleicht sollte man diese Doppel-CD im Hintergrund im Pause-Modus parat halten. Und wenn einem beim Lesen die Schwere des Textes zu erdrücken droht, drückt man PLAY. Es wird wie ein Licht in dunkler Nacht sein. Vielleicht sind es aber auch die züngelnden Flammen des Höllenfeuers…

Dieses Salzburg!

Schon in Salzburg verliebt? Schon dieses Buch gelesen? Oder noch nie in Salzburg gewesen und dieses Buch auch noch nicht gelesen? Salzburg und dieses Buch gehören zusammen wie Nockerln und Mozart – es geht nicht ohne!

Fast neunzig Jahre sind vergangen als dieses Buch zum ersten Mal erschien. Auf Englisch! Von einem Österreicher geschrieben. Ferdinand Czernin. Er musste Österreich verlassen – seine Einstellung zum Nationalsozialismus ließ ihm keine andere Wahl. Seit 1934 lebte er in London, später in den USA.

Über die Jahre hat dieses Buch seine Einzigartigkeit und Allgemeingültigkeit bewahrt. Das liegt zum Einen an dem einprägsamen Stil. Czernin nimmt sich selbst nicht so ernst, und zum Anderen ist es eine Wohltat zu lesen wie sehr doch der allgemeine Wandlungswahn nicht bis in jede kleinste Ritze vordringen kann. Zu der Zeit als dieses Buch erstmals erschien, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, war Salzburg einfach nur die Stadt mit dem weltberühmten Festival. Max Reinhardt inszenierte den Jedermann. Aus aller Herren Länder pflegte man den situierten Ausflug in die Alpen, um dem kulturellen Hochgenuss frönen zu können. Von gekrönten Häuptern bis hin zur Bohème traf man sich an der Salzach.

Ach und Mozart war für viele auch noch ein Grund hierher zu kommen. Um das Musikgenie kommt man eben nicht herum – auch wenn seine Lebensgeschichte auch eine Leidensgeschichte ist. Ein Genuss zu lesen wie Ferdinand Czernin die Ehehölle Mozarts als Triebfeder für seinen Komponierwahn heranzieht.

Aus heutiger Sicht ist diese – von Gabriele Liechtenstein kommentierte – Ausgabe ein echtes Fundstück. Als Zuckerli zum herkömmlichen Reiseband ist es fast schon unerlässlich. Czernin weist niemanden den Weg zum nächsten Highlight der Stadt. Er ist der gut informierte und eloquente Reisebegleiter, der neben einem herstiefelt und jede Anekdote kennt. Und vor allem nicht für sich behält!

Die elegante Aufmachung des Buches ist nicht mehr als die logische Konsequenz aus der Wiederentdeckung dieses Klassikers. Knallbunt und langlebig praktische Aufmachung wären nur fehl am Platze. Hier zählt der Inhalt, und der soll gefälligst in einem passenden Outfit seinen Dienst antreten. Und das tut er. Unermüdlich. Wissbegierig. Informativ. Und unterhaltsam. Der nächste Salzburg-Aufenthalt wird garantiert ein anderer sein.

Wage es nur!

Man muss ja nicht immer gleich das Schlimmste annehmen. Doch wenn die eigene kleine Welt ins Wanken gerät – und sei es nur im eigenen kleinen Hirn – muss man vorsichtshalber schon mal die Messer wetzen.

So sieht es zumindest Beth Cassidy. Sie ist die Top-Cheerleader an der Sutton Grove High. Auf der Pyramide aus eingefrorenem Lächeln, bunten glitzernden Pailletten und befreiendem Whooo-Rufen steht sie ganz oben. In jeder Hinsicht. Beth sagt, alle (!) Anderen kuschen. Besonders Addy, Addy Faddy. Sie ist Beth fast schon verfallen. Sie gibt ihr Halt – beim Cheerleading ist es umgekehrt…

Eine Tages steht Colette French auf der Matte. Die neue Trainerin der Cheerleader. Trillerpfeife und – das sieht man schon, das sehen alle – eine ausgebuffte Ex-Cheeleaderin. Und sie ist streng. Strenger als ihre Vorgängerin, die nun ihre Rolle als fürsorgliche Mutter ihrer Teenager-Tochter mit Mutterrolle wahrnimmt. Es geht richtig zur Sache. Militärischer Drill ist angesagt. Trödeleien gibt es nicht mehr. Und siehe da: Das Team wird besser, stärker, selbstbewusster. Nur Beth ist irgendwie so gar nicht begeistert von der Neuen. Beths Hauptrolle als unbestrittene number one wackelt gehörig.

Und dabei ist Colette French eigentlich gar nicht das alles fressende Monster. Sie ist professionell und liebenswert. Wer ihr die Harke vor die Füße wirft, dem tut sie nicht den Gefallen drauf zu treten und sich das Gesicht zu ruinieren. Doch Beth sieht das anders. Ganz anders. Sie muss was tun. Sie wird was tun.

Bis es soweit ist, wirft Autorin Megan Abbott ist ihr ganzes Können ihr die Waagschale, um dem Leser auf rund dreihundert Seiten die ganze Kunst der schleierhaften Spannung durch die Adern rauschen zu lassen. Man weiß, dass etwas passiert. Sogar was passiert ist klar – steht ja schließlich auf den ersten beiden Seiten. Wie es dazu kam, und was dieses ETWAS nun genau ist, das baut sich Kapitel für Kapitel, Seite für Seite, Absatz für Absatz langsam auf.

Der Ort ist so typisch Highschool-Amerika, dass es fast schon weh tut. Chocolate-Chip-Cookies, Wodka, Einkaufen am Honeycutt Drive, lässig über die Schulter hängende Collegejacken, Schmollmund – eine Setting wie in einem Teenagerfilm, der am Sonntagnachmittag die Sonne da draußen vergessen lässt. Doch hier brodelt es gewaltig im Kessel der Eitelkeiten. Das Blut spritzt erstmal nur als Galle, die die Zunge tröpfchenweise verlässt. Der bittere Geschmack bleibt jedoch haften. Und irgendwann … es bedarf nur eines kleinen Funken … wage es bloß nicht! Allein schon der Gedanke an Megan Abbotts nächsten Streich lässt die Hände zittern, die diesen noir in den Händen halten. By the way: Männer sind hier nur Staffage.

Wir könnten Dschungel sein

Gibt es wirklich eine endgültige Flucht? Ella versucht zu fliehen. Sie schon weit weg vorn dem, as sie einst umgab. Jetzt ist sie mitten im kolumbianischen Dschungel. Weit weg von allem, was sie einmal verstörte. Doch die Ferne ist nur eine geographische Ferne. Emotional sind ihr die Erinnerungen näher als sie es möchte.

Wie eine tödliche Umarmung ergreift der Dschungel ihre Gedanken. Dringt in sie ein. Und lässt sie nicht mehr los. In Wien ist sie aufgewachsen. Mit einer Mutter, die nicht für sie da sein konnte. Ohne einen Vater. Ihre erste Flucht war organisiert. Paris. Doch auch hier griff eine unsichtbare, dennoch greifbare Macht, nach ihr. An freies Durchatmen war nicht zu denken.

Der Kontinentwechsel – Ella ist inzwischen erwachsen – soll die Befreiung bringen. So wie dem Land. Kolumbien erwacht, die Bevölkerung erhebt sich. Doch das ist noch weit weg. Der Dschungel ist eine Barriere des Fortgangs. In jeglicher Beziehung. Farne peitschen ihr ins Gesicht. Und reißen alte Narben auf. Denn die Vergangenheit ist kein Narbengewebe, sie sitzt tiefer im Fleisch als alles andere. Narben heilen. Erinnerungen verblassen. Doch wie verblassen sie? Verschwinden sie hinter einem Vorhang?

Jedes Kapitel beginnt mit einer Rückblende. Auf den leicht abgedunkelten Seiten wird bruchstückhaft das ganze Ausmaß Ellas Vergangenheit sichtbar. Der Schleier hebt sich Stück für Stück. Die erdrückenden Erinnerungen verharren nicht hinter dem Dickicht der Vergangenheit, sie scheinen hindurch. Die folgenden Seiten ergeben erst im Zusammenspiel mit dem Grau der Erinnerungen ein komplettes Bild. Kein schönes Bild. Aber ein eindrückliches Bild, das Ella ein Leben lang verfolgt hat und noch lange verfolgen wird.

Der Dschungel um sie herum wird zum Freund. Denn er lockt die düstersten Momente ihres Lebens heraus. Die Schmach, die Pein, die Verletzungen liegen nun offen da. Sie wegzuwischen ist allerdings kein einfaches Unterfangen.

Isabella Feimer fügt der lähmenden Atmosphäre eine poetische Note hinzu. Sie macht sich angreifbar mit den „schönen Worten“ des Grauens. Ella kennt bisher nur Schmerz und Unfreiheit. Jede Zeile in diesem Buch ist jedoch ein Ausbruch aus diesem Gefängnis. Das ist die wahre Pracht dieses kleinen Buches, das dem Leser noch lange in Erinnerung bleiben wird.