Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Sarab

Das hätte sich Raphael nie träumen lassen. Ein einziger Tritt ins Zentrum des Lebens und zum ersten Mal spürt er die Marter des Krieges. Hochdekoriert, nie verwundet, keine Waffe der Welt hinterließ je auch nur einen Kratzer. Und nun? Ein Tritt und sein Mut färbt sich dunkelblau.

Es ist zwei Jahre nach dem deutschen Herbst. Und noch ein Vierteljahrhundert bis zum arabischen Frühling. November 1979. Die Große Moschee in Mekka wird Tatort einer bis heute nachhallenden Katastrophe. Terroristen besetzen das Heiligste aller Heiligtümer des Islam, nehmen Hunderte von Geiseln. Das saudische Herrscherhaus holt sich Hilfe aus Frankreich. Eine militärische Aktion beginnt, an deren Ende eine viel zu hohe Zahl von Toten und Verletzten steht.

Inmitten der Trümmer, des Blut- und Fäkaliengestankes sucht Raphael sein Heil in der Flucht. Doch sein Verfolger ist schneller, fesselt ihn und gibt ihm den wachrüttelnden Tritt. Um sie herum zischt, brennt es, stinkt es. Das Wasser steht unter Strom. Gasgeruch liegt in der Luft. Es sollen überraschende Stunden werden. Für Raphael auf alle Fälle.

Da auch Terroristen irgendwann mal schlafen müssen, nutzt Raphael die Gunst der Stunde, um sich von seinen Fesseln zu befreien. Und seinen Bewacher zu überrumpeln. Der schaut ziemlich verdutzt. Doch auch Raphael geht die Kinnlade ziemlich weit runter. Denn Saifallah – den Namen kennt Raphael vom Ausweis, der er ihm abgenommen hat – ist dessen Schwester Sarab. Eine Frau ihn übertölpelt, als Gesteinsbrocken in den unterirdischen Gängen der Moschee auf ihn niederprasselten.

Beide sind in einer vertrackten Situation. Beide konnten ihren Auftrag nicht pflichtgemäß zu Ende führen. Beide müssen ihn aber zu Ende führen.

Kurze Zeit später quittiert Raphael seinen Dienst. Das Töten als bezahlter Soldat einer französischen Eliteeinheit widert ihn an. Der Sinn seines Lebens ist nicht nur ins Wanken gekommen, er ist gestürzt. Doch an seiner Seite weiß er Sarab. Die eigentliche Aufarbeitung ihrer beider Leben beginnt erst jetzt…

Raja Alem gibt dem, was von Experten der Beginn des islamistischen Terrors genannt wird, eine Handlung, die dem Leser den Atem verschlägt. Der Kampf für … ja wofür eigentlich? … rückt in den Hintergrund, wenn es darum geht die eigene Haut zu retten und irgendwann einmal ein Leben führen zu können, dass frei von Angst, Hass und Gewalt ist. Kein leichter Weg dorthin. Mit nicht enden wollender Hingabe bereitet sie Sarab und Raphael einen steinigen Weg, den sie selbst verlegt haben und nun beschreiten müssen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beziehung sorgt für Erstaunen. So unterschiedlich ihr bisheriges Leben war, so viele Gemeinsamkeiten weisen die beiden Leben immer wieder auf. Zweifel? Ja! Aufgeben? Niemals! So schillernd wie der Einband – übrigens ein Teilausschnitt aus einer Installation von Shadia Alem, der großen Schwester Raja Alems, das zu Biennale in Venedig 2011 ausgestellt wurde – so farbenfroh schildert sie das Leben nach dem grässlichen Terrorakt im November 1979. Die Intensität, mit der das Buch beginnt, lässt erst mit dem letzten Zeichen auf der letzten Seite nach.

500 hidden secrets Lissabon

Wo Licht und Schatten aufeinanderprallen, bleibt so manches im Verborgenen. Die Hauptstadt Portugals ist in der vorteilhaften Lage dem Besucher das volle Programm bieten zu können: Meer und Berge, Sonne und Schatten, heiße Temperaturen, ein Kulturangebot, das auf Jahrhunderten fußt. Und trotzdem wird man es als Tourist niemals schaffen, alles – wirklich alles – bei einem Besuch sich anschauen zu können.

Ein Reiseband tut Not. Und wenn er so kompakt in der Hand liegt wie dieser, ist er ein willkommener Stichwortgeber in der Stadt am Tejo. Moderne Architektur wie der Pavilhão de Portugal trifft auf Baukunst des 16. Jahrhunderts wie den Torre de Belém. Lissabon lässt sich gern zu Fuß erkunden – das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist sowieso eher was für Nerds.

Und während man so vor sich hinschlendert, ist man in einer Zwickmühle. Zum Einen muss man die Augen offenhalten. Es gibt so viel zu sehen. Der Titel des Buches verrät es schon: Hier sind fünfhundert Geheimnisse versteckt. Das heißt, dass man sie suchen muss. Zumindest aber die Augen nicht schließen darf. Zum Anderen will man aber auch nichts verpassen. Innehalten, ein wenig im Buch blättern und weiter geht’s.

Pastéis de Nata, diese leckeren Teilchen, die einen jedwedes Heimweh runterschlucken lassen, gibt es hier und da im Stadtgebiet. Die leckersten fünf Anlaufstellen findet man in diesem Buch. Wem immer dann immer noch der Sinn nach lukullischen Einkaufserlebnissen steht, muss ein paar Seiten weiterblättern. Mercados soweit das Auge reicht. Auch hier wieder: Die Top Five der Märkte.

Einhundert Kapitel á fünf Tipps zum Einkaufen, sich typisch portugiesisch verköstigen lassen, Tipps zum Sporttreiben, Dingen, die man mit Kindern unternehmen kann und vieles andere mehr, geben einen Überblick über eine Stadt, die eben mehr ist als „nur die Hauptstadt Portugals“. Ob man sie nun als Hotspot oder Place to be bezeichnen will, die Tipps sind kleine Appetithappen, die man ohne Reue genießen kann. Kurz und knackig, ohne viel Schnickschnack wird man verführt Lissabon auf eigene Faust zu erkunden. Das richtige Faustpfand hält man bereits in den Händen.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Süße Zitronen und bittere Lieder

Was war das einfach, vor ein paar Jahren. Der EU ging‘s schlecht und Griechenland war schuld. Die Griechen! Und so überschlugen sich die Schlagzeilen-Schreiber auf beiden Seiten mit perfiden Vergleichen, die die ohnehin aufgeheizte Stimmung noch weiter befeuerten. Und die Banken in Griechenland – wem auch immer die gehören – wurden mit Krediten überhäuft. Da sollte helfen. Das ist in etwa so wie es in Filmen oft abläuft: Erst die Sonnenbrille aufsetzen, bevor man sich auf die scheinbar hoffnungslose Verfolgungsjagd macht. Sieht nett aus, ist aber ohne Wirkung.

Mittlerweile ist die wirtschaftliche Lage nicht minder angespannt, dennoch ist das Bild Griechenlands nicht mehr so präsent. Stamm- und Pausentische diskutieren immer noch unter der Gürtellinie, aber die Touristen kehren wieder zurück an die Sonnenplätze des Mittelmeeres.

Caroline Wenzel hat sich – und das liest man eindeutig aus ihren Zeilen heraus – nie am allgemeinen Griechenland-Bashing beteiligt. Sie sieht Griechenland im Allgemeinen, und die Insel Chios im Speziellen mit anderen Augen. Sie interessiert sich für die Menschen, die nicht davon haben, dass die Banken Milliarden um die Ohren bekommen haben. Sie leben ihr Leben, mit all den Unwegbarkeiten, die das Leben für sie parat hält.

Wie Despina. Sie betreibt eine Taverne. Kochen wie bei Muttern. Sie hängt dieses Attribut allerdings nicht so hoch an, wie manch anderer Landgasthof in finanziell scheinbar sichereren Gefilden. Sie macht es einfach. Obwohl es ihr nicht einfach gemacht wurde. Als sie – eine Frau! – sich anschickt die Taverne zu erwerben, treten sich die Kontrolleure der Behörden gegenseitig auf die Füße. Doch statt Despina von selbigen zu holen, stolpern sie alle. Ja, die Frauen von Mestá sind stärker als der Ruf Griechenlands.

Marianthí ist um einiges älter als Despina. Sie hat mehr gesehen als es für sie gut war. Doch den Blick für das Wesentliche konnten weder Diktaturen noch Behörden verschleiern. Bis ins hohe Alter singt sie immer noch inbrünstig auf dem Markt. Bitter sind die Lieder. Das waren sie schon immer. Doch der süße Geschmack der Zitronen – ja, Zitronen schmecken süß – schlägt so manche Bitterkeit in die Flucht.

„Süße Zitronen und bittere Lieder“ ist das Reisebuch, das einen ereignisreichen Abend in einer Taverne, bei Despina vielleicht?, gedankenverloren ausklingen lassen kann. Die Weinblätter sollen ja außergewöhnlich sein. Caroline Wenzel widmet dieses Buch den Frauen des Dorfes im Südwesten der Insel. Ihr erlaubten die, die immer schon hier lebten, die die Insel formten und prägten den Einblick, der nicht durch eine Sonnenbrille verdunkelt ist.

Das verlorene Kopftuch

Bei vielen Reiseberichten über und aus dem Iran bekommt man immer wieder das Gefühl als ob ein Redaktionspraktikant oder Volontär sich auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen machen musste. Der Iran ist zweigeteilt. Zum Einen der Iran aus den Nachrichten mit brennenden Stars and Stripes und lautstarkem Wehklagen. Zum Anderen der Iran, in dem Menschen ihre Kultur offen ausleben. Zwiespältig. Verschleiernd. Widersprüchlich.

Nadine Pungs weiß auch nicht genau, was sie erwarten wird, was sie erwarten soll, als sie auf dem Flughafen von Teheran landet. Das Schlimmste bringt sie allerdings gleich hinter sich. Auf der Taxifahrt versucht der Fahrer sie mit deutschem Pop von Modern Talking herzlich zu begrüßen. Folter auf höchstem Niveau. Doch nichts anderes als eine Geste der Gastfreundschaft, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Auch, dass sie – durch Beziehungen – absolut kostenfrei und so lange sie möchte eine Privatunterkunft in der Millionenmetropole gefunden hat, lässt sie am Nachrichtenbild des Irans zweifeln.

Nadine Pungs hat sich akribisch vorbereitet. Sie hat Unmengen an Büchern gelesen. Stundenlang Fernsehbeiträge geschaut. Sie weiß viel über den Iran. Doch als es an der Tür klingelt, ihre „Vermieter“ haben sich angekündigt, weiß sie nicht, ob sie nun ein Kopftuch tragen soll oder nicht. Schließlich sind sie sich alle fremd. Muss sie nicht, wird sie beruhigt. Und schon das nächste Fettnäpfchen. Es wird sich bei der Begrüßung dreimal auf die Wange geküsst.

Kaum zehn Prozent des Buches gelesen und schon weiß man mehr über den Iran als man vorher auch nur zu wissen glaubte. Punktlandung.

Vier Wochen wird sie dieses Land bereisen. Ein Land, in dem strenge Sittenwächter bestimmt darauf hinweisen, dass das Kopftuch eine Locke hervorblitzen lässt, aber Haschisch so alltäglich ist wie andernorts auf der Welt das Feierabendbier. Ein Land, das vor ehrlicher Gastfreundlichkeit strotzt, die Ehe auf Zeit genauso erlaubt wie chirurgische Nasenkorrekturen.

Nadine Pungs ist nicht die Volontärin, die dem Chefredakteur die ungewöhnlichsten Geschichten auf den Tisch wirft. Der Iran hat ihr Herz wahrlich berührt, und das nicht nur, um einen schmissige Unterzeile für ihren Titel zu erhalten. Alltag und Wahnsinn gehen im Iran genauso Hand in Hand wie anderswo. Doch hier – fernab von permanenter Leuchtreklame der so genannten Global Player, westlicher Sittendekadenz – fällt es eher auf. Auch im Iran ist das Leben normal. Nur eben anders. Doch die Ausschläge nach oben in der Fremdlichkeitsskala sind extremer. Die Freundlichkeit in Gastfreundlichkeit wiegt hier mehr als der Gast.

Vorsicht muss hier immer walten lassen. Doch man gewöhnt sich daran zu allem und jedem seine Meinung laut kundzutun. So wie man es generell im Ausland halten sollte. So was nennt man kulturelle Unterschiede. Nadine Pungs gelingt es mit federleichter Vehemenz ihr Erstaunen in nuancierte Worte zu fassen. Die umwerfenden Paläste sind sichtbare Zeichen einer bemerkenswerten Kultur. Nadine Pungs bringt diese Hinterlassenschaften in Einklang mit den Menschen, deren Vorfahren diese errichtet haben. Darin liegt die Besonderheit dieses Buches.

Lissabon und Costa de Lisboa

Lissabon ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aussteigermetropole am südwestlichen Rand Europas. Auch diese Zeiten sind vorbei. Doch Lissabon hat sich den Charme des Andersseins bewahrt. Ein kleiner Likör um die Ecke ist immer noch drin. Eine Fahrstuhlfahrt von Unterstadt zur Oberstadt ebenso. Macht man automatisch, wenn man in Lissabon ein, zwei Tage oder länger verbringt.

Apropos ein bisschen länger in Lissabon verweilen. Im Gegensatz zu den wuchtigen Hauptstädten Europas wie Paris, London oder Rom ist Portugal Capitole doch recht übersichtlich. Oberflächlich betrachtet tut man sich schwer mehr als eine Woche in der Stadt am Tejo zu verplanen. Wie gesagt, oberflächlich betrachtet. Doch Johannes Beck nimmt sich über fünfhundert Seiten Zeit diese These informativ und detailgenau zu widerlegen. Denn Lissabon ist nicht nur Lissabon, sondern auch der genüssliche Speckgürtel bestehend aus Cascais, Estoril, Sintra, Ericeira, Sesimbra und Setúbal. Noch nie gehört? Dann wird es Zeit diese Orte zu bereisen, zumindest aber in diesem Buch zu blättern, zu planen und vorab schon mal ein wenig zu träumen.

Schnell die Fakten: Zwölf Touren, vierzehn Wanderungen, sechzig Karten und Pläne. Und schon kann man eintauchen in die Welt von Lissabon und der sie umgebenden Costa de Lisboa. Am besten beginnt man am Ende des Buches. Ein kleiner Einführungskurs ins Portugiesische. Denn die Sprache erstmal gewöhnungsbedürftig. Wer ein paar kleine Grundlagen beherrscht, liest das Buch mit ganz anderen Augen. Der Klang der Vokale und Konsonanten wirkt Wunder bei Unentschlossenen.

Ein Vierteljahrhundert Erfahrung und Zuneigung fasst Johannes Beck in diesem Reiseband zusammen. Die achte Auflage wirkt wie eine Frischzellenkur. Jedes Kapitel wurde noch einmal überarbeitet und um nützliche Tipps ergänzt, bzw. wurden diese aktualisiert. Jede Tour wird mit einem Appetizer angekündigt, der das Verlangen nach den folgenden Seiten steigert. So weiß man gleich, was einen erwartet. Die kurzen Abschnitte erlauben dem Leser sich einen Überblick zu verschaffen und mindern nicht im Geringsten die Lust das Gelesene selbst zu erforschen. Auch wenn es mal komplizierter werden sollte. Wer die Halbinsel Setúbal im Süden besuchen will, muss sich erstmal durch den Tarifdschungel der öffentlichen Verkehrsmittel kämpfen. Johannes Beck schlägt schon mal die ersten Schneisen ins Dickicht der weißen und grünen Karten, mal wiederaufladbar, mehrmals aktivierbar oder nicht. Solche Tipps sind die wahren Fundgruben eines Reisebandes wie diesem. Denn dann kann man sich auf das konzentrieren, was wirklich sehenswert ist. Alcochete, ein Paradies, um Vögel zu beobachten. Oder Almada mit der weithin sichtbaren Christusstaute. Oder einem erholsamen Strandtag an der Costa da Caparica, wo ca. dreißig saubere Sandstrände auf Erholungssuchende warten. Oder im Westen Lissabons das kleine Örtchen Caxais (wie das ausgesprochen wird, weiß man ja schon, wenn man das Buch am Ende begonnen hat), das mit zahlreichen hübschen Gärten verzaubern wird.

Man kann das Buch drehen und wenden wie man will, es wird immer ein brauchbarer Tipp herauspurzeln. Kleine Anekdoten oder fundiertes Hintergrundwissen auf gelbem Grund weist den Besucher der Region um Lissabon bald schon als Kenner aus. Die beiliegende Karte der Region inkl. Stadtplan Lissabons sind dann noch die einzigen Erkennungsmerkmale, die den Leser als Besucher kenntlich machen.

Das Zimmermädchen

Lynn ist ein kleiner Putzteufel! In dem Hotel, in dem sie arbeitet, sind sogar die nicht benutzten Zimmer nicht vor ihr sicher. Sie kann sich hier so richtig austoben. Allein sein, nichts tun – das ist für sie der Horror. Sie fürchtet sich auch nur eine Minute nichts tun zu müssen. Denn dann … dann würde was Schreckliches passieren. Sie würde in alte Muster zurückfallen. Und das wäre nicht gut. Das weiß sie auch. Und das nicht nur, weil ihr Therapeut das sagte.

Und so ist sie glücklich endlich im Hotel eine Anstellung gefunden zu haben. Doch Glück, was ist das? Sie kann es nicht fühlen. Nicht einfangen. Nicht bewahren.

Die Tage und Wochen plätschern so dahin. Spiegel putzen, Staub wischen, selbst unter den Betten die Lattenroste vom Staub befreien. Zwanghaft? Sicherlich, doch stellt es keine Belastung für die junge Frau dar. Sie ist allein. Geht in ihrer Abreit auf. Alles geregelt. Jeder Tag hat eine Farbe, ein festes Ritual. Die Schemata zu durchbrechen, kommt ihr nicht in den Sinn.

Doch aus dem Zwang wird Neugier. Immer öfter steigt in ihr die Neugier auf. Sie will, sie muss wissen, wer sich da im Hotel eingenistet hat. Sie schnuppert an den Sachen der Gäste, stellt sich vor, wer in sie hineinschlüpft. Bis … eines Tages, das Pyjama-Oberteil des Gastes noch über der Uniform tragend, der Zimmerschlüssel im Schloss rumgedreht wird. Der Gast kommt unverhofft in sein Zimmer. Doch er wird Lynn nicht entdecken. Gedankenschnell gleitet sie unters Bett. Was ein Kick!

Allmählich wird Lynns Routine immer häufiger unterbrochen. Die Auszeit unter den Betten wird zur liebgewordenen Angewohnheit. Lynn wird zum Familienmitglied der Hotelgäste. Bis eines Tages Chiara in ihr Leben tritt. Ein Gast hat Chiara zu sich gerufen. Chiara ist charmant, aufmerksam, folgsam, herrisch, devot – ganz wie der Gast es von ihr verlangt.

Lynn, ganz im Wahn ihres neuen Lebens, notiert sich Chiaras Nummer von der Karte, die Chiara für den Gast hinterließ. Das ist die Chance auf ein neues Leben. Fernab von wöchentlichen Anrufen bei der Mutter, Therapiegesprächen, freien Tagen. Sie ruft Chiara an, bucht sie. Will sie in ihrer Nähe haben.

Markus Orths gibt Lynn die Freiheit sich ihrer Fesseln zu entledigen. Doch diese Fesseln sind das einzige, was Lynn noch antreibt. Die Zeit unter den Hotelbetten, das Hineinkriechen in das Leben fremder Personen, die Zweisamkeit mit dem Callgirl Chiara sind nichts anderes als weitere Fesseln, die Lynn verharren lassen. Der Name des Hotels, Eden, klingt wie ein Hohn. Lynn ist vom Paradies weit entfernt. Wer auf ein happy end hofft, muss seine Phantasie anstrengen. Auf den ersten Blick ist Lynn eine Gefangene, aber eine Gefangene, die sich selbst die Fesseln anlegt, sie aber lockern kann, wann immer sie will.

Hotel Grand Babylon

Vier Unikate treffen im Londoner Hotel Grand Babylon aufeinander. Zum Einen der stinkreiche Theodor Racksole. Als er einen Angel Kiss bestellt, weist ihn Jules, der Oberkellner – Original Nummer Zwei – darauf hin, dass amerikanische Drinks hier nicht serviert werden. Racksole diktiert ihm das Rezept und weist wiederum darauf hin, dass er gewillt sei, ihn – so lange das Wetter so bleibt wie es ist – er vor habe diesen Drink nun jeden Abend zu sich nehmen zu wollen. Kurze Zeit später berichtet er Miss Spencer – die Dritte im Bunde – der Empfangschefin. An vierter Stelle rangiert Mr. Rocco, der Küchenchef des exklusiven Hotels.

Racksole ist mit seiner Tochter Nella ist London, um sich von seinen ertragreichen Eisenbahngeschäften zu erholen. Wenn man ihn – wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – googeln könnte, würde man ihn auf der Forbes-Liste der drei reichsten Männer der Welt ungefähr in den Sphären von Bill Gates finden können. Nella hat am nächsten Tag Geburtstag und wünscht sich nichts sehnlicher als ein ordinäres Steak mit Bier. Hier kommt wieder Jules ins Spiel, der mit überaus gewohnter Oberkellnerart dem überaus reichen Gast erneut mitteilen muss, dass Steak und Bier nicht auf der Karte stehen. Doch Mr. Rocco wird sich des Wunsches annehmen. Racksole ist angefressen. Dieses Zurechtweisen missfällt ihm. Ein Gespräch mit Felix Babylon, Gründer, Erbauer und immer noch Chef des Hauses, soll da Abhilfe schaffen. Um es kurz zu machen: Racksole kauft das Hotel, Babs – wie ihn hinter vorgehaltener Hand nur Jules, Mr. Rocco und Miss Spencer nennen – verweist auf die Risiken des Kaufes. Racksole, ganz Amerikaner, wischt diese wohlgemeinten Ratschläge beiseite. Nella bekommt ihr Steak und ihr Bier. Und Racksole macht die Bekanntschaft von Reginald Dimmock, den Nella eingeladen hat. Er ist ein Freund von Prinz Aribert von Posen, einem der vielen adeligen Gäste des Hauses, die das Grand Babylon zum Grand Babylon machen.

Doch kaum, dass die Tinte auf dem Kaufvertrag trocken ist, zeigen sich erste Anzeichen des Niedergangs des Grand Babylon. Miss Spencer ist fort. Einfach so. Keiner weiß, wohin sie geflüchtet sein könnte. Und Racksole sieht nun die Chance gekommen, dem blassierten Jules die Leviten zu lesen und ihn mit einem Lächeln vor die Tür zu setzen. Doch der nimmt die fristlose Entlassung regungslos hin. Er habe, was er zum Leben als Privatier brauche bereits zusammen. Mr. Rocco ist es egal wer ihn bezahlt. Dass Racksole sein Gehalt aufstockt, juckt ihn nicht besonders. Er würde immer und überall eine Anstellung finden.

Racksole ist nun Hotelbesitzer. Und mit dem Prinzen Aribert von Posen steht auch schon der erste Adelige auf der Matte. Reginald Dimmock hat als rechte Hand schon alles vorbereitet. Der Prinz weilt in London, um seine bevorstehende Hochzeit „vorzubereiten“. Geschäfte und so. Wie man das halt macht, so als Prinz…

Doch dann ist Reginald Dimmock tot. Hatte Theodore Racksole bisher noch nie den Anflug von Scheitern zu Gesicht bekommen, so gibt es die Situation nun einmal vor, dass er etwas Neues zu lernen bereit sein sollte. Pistole raus und einfach drauf losfeuern, is nich. Vertraute hat er nicht, außer Nella. Doch die ist mittlerweile von der Idee beseelt eine zweite Miss Spencer zu werden.

Das Grand Babylon gab es nur in der Phantasie von Arnold Bennett. Doch die Parallelen zum Savoy in London, zu einem Skandal im gleichen Haus sind nicht von der Hand zu weisen. Hundertprozentig real ist hingegen der Wortwitz, der aus jedem Wort, jeder Silbe, jedem Buchstaben quillt. Ein Luxushotel wird eben doch nur von Menschen geleitet. Und die sind so verschieden, dass weder Pracht noch Exklusivität etwas daran ändern können.

101 Kopenhagen

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kopenhagen schickt sich an ein Reise-Hot-Spot erster Klasse zu werden. Immer mehr Artikel in Magazinen, Fernsehbeiträge und Reisebücher beschäftigen sich mit der dänischen Hauptstadt. Und dass immer noch, immer wieder die Filme der Olsenbande gezeigt werden, trägt sicherlich auch dazu bei die Stadt am Øresund begehrenswerter zu machen. Schon seit Jahren gelten die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Welt. Wie man das exakt messen will, bleibt schleierhaft. Doch zufrieden sind die Dänen. Und diese entspannte Atmosphäre, die nur jemand ausstrahlen kann, der wirklich zufrieden ist, spürt man in der ganzen Stadt.

Zufrieden wird auch der Leser dieses Buches sein. Einhundertundeins Sehenswürdigkeiten, Plätze zum Entspannen und Staunen … es sind weitaus mehr als die angeführten einhundertundeins. Es sind einhundertundeins Ausgangspunkte, um Kopenhagen tiefgreifend zu erkunden. Beginnt man das Buch von hinten, schwelgt man schon beim Stichwortverzeichnis in Erinnerungen, die man nach der Reise pflegen wird. Cafés und die Carlsberg-Brauerei, Roskilde, das bei Festivalfans besondere Erinnerungen hervorrufen wird, und Rundetårn, Smørrebrød und Den Blå Planet lassen einen ganz „hyggelig“ werden. Hyggelig bezeichnet dieses spezielle Zufriedenheitsgefühl der Dänen, das sich so schwer übersetzen lässt. Einfach hinfahren, es sich anschauen und einen großen Teil mit nach Hause nehmen.

Kopenhagen ist von Deutschland aus nun wirklich sehr leicht und vor allem schnell zu erreichen. Für einen Kurztrip wie gemacht. Hat man sich das Buch schon vorher einmal durchgelesen, wird man aber rasch zu der Erkenntnis kommen, dass ein Kurztrip genau das Falsche ist, um Kopenhagen zu entdecken. Die Zeit ist einfach zu kurz! Also mehrmals hierher kommen!

Ulrich Quack und Dirk Kruse-Etzbach haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, sinnbildlich, um dem Leser eine Stadt näherzubringen, die bisher in einem Dornröschenschlaf verfallen schien. Ja, die Meerjungfrau kennt jeder – sollte man auch mindestens einmal im Leben gesehen haben. Aber dann geht es auch schon los, das andere, vielleicht noch unbekannte Kopenhagen unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Rad ein besonderes Erlebnis. Besonders fahrradfreundlich, besonders aber fahrradfahrerfreundlich ist die Stadt. Seit über einem halben Jahrhundert gehören Radwege zum Verkehrskonzept der Stadtplaner. Die Massen an Pedalrittern fallen schon gar nicht mehr auf. Kødbyen ist ein Stadtteil, der erst in der jüngeren Vergangenheit sich zu einem lebenswerten Flecken aufgeschwungen hat. Restaurants locken heute mit moderner Küche wo einst das Vieh seinem jähen Ende entgegensehen musste. Und wer im Sommer in der Stadt weilt, wird auf dem Streetfoodmarket auf dem Flæsketorvet erleben können, was Fingerfood im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet. Auch einen kleinen Stadtrundgang auf den Spuren skandinavischen Designs halten die beiden Autoren parat. Nach so vielen Eindrücken und leckerem Essen, empfiehlt sich eine ruhigere Alternative. Vielleicht mit einem Besuch bei Hans Christian Andersen oder Asta Nielsen? Die Friedhöfe der Stadt sind eine willkommene Abwechslung.

Quirlig und zurückgenommen zeigt sich die dänische Hauptstadt. Großstädtisch, ohne großspurig zu sein ist sie das ideale Reiseziel für ein paar Tage oder einen kompletten Urlaub mit Familie oder allein. Auf alle Fälle bietet dieses Buch den kompletten Service, den man braucht, um Kopenhagen erkunden zu können.