Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Mord im Piemont

Ein paar Tage Piemont. Trüffel einkaufen für die Münchner Food Anarchist, die Firma, die Sinistra Cassotto, Sina für alle, die sie kennen, damit beauftragt hat, das Beste vom Besten zu besorgen. Sina ist Halbitalienerin und somit bestens geeignet direkt vom Produzenten einzukaufen. Blöd nur, dass im Piemont, wo die kulinarischen Verlockungen hinter jeder Straßenecke lauern, gerade eher Saure-Gurken-Zeit ist als Trüffel-Zeit. Der zu heiße Sommer hat die Knollen sich ins Dickicht zurückziehen lassen. Naja, wenigstens ein paar ruhige Tage bei Michael, bzw. in seinem Haus, irgendwo in nirgendwo. Wenn sie das Haus doch nur finden könnte. Ja, der Plan war gut, die Aussichten eher mittelprächtig. Real ist jedoch der Pistolenlauf, in den Sina nun schaut. Eingekerkert. Die Polizei im Anmarsch. Irgendwas ist hier gewaltig schiefgelaufen. Statt seltenen weiße Trüffeln aus Alba gibt es, wenn nicht bald was passiert, blaue Bohnen – als Henkersmahlzeit?

Ganz schön viel los auf den ersten Seiten von Gabriele Kunkels kulinarischem Krimi. Ein paar Seiten zuvor lässt sie den Leser schon mit der Vorstellung von Gnocchi in Käsesauce einen Gruß aus der piemontesischen Küche schicken. Ganz zu schweigen von den allgegenwärtigen Trüffeln…

Kurze Zusammenfassung: Sina will trüffel im Piemont kaufen. Sie will bei Michael wohnen. Den Schlüssel zu seinem Haus hat. Dort lässt sie auch das Geld, das sie für den trüffelkauf braucht. Barzahlung ist in diesem Fall üblich. Auf dem Weg zu Michaels Haus, erschrickt sie sich, begegnet einem Monster. Nun sitzt ihr Commissario Andrea (der Vorname sorgt allerorten für Erheiterung) Falcone. Ihr Geld ist bei einer Hausdurchsuchung in Michaels Haus sichergestellt worden. Auf dessen Grundstück wurde Cannabis-Pflanzen entdeckt, eine Plantage. Michael spricht von nur zwei Pflanzen. Und zu allem Übel wird ihr Trüffellieferant tot aufgefunden. Nicht der einzige Tote, den Sina kennt. Die Suche geht nun erst richtig los. Allerdings stehen nicht Trüffel auf dem Plan, sondern ein Mörder. Commissario Falcone weiß, wo er mit der Suche beginnen will…

Gabriele Kunkel gelingt es mit Leichtigkeit den Leser in einen Krimi hineinzuziehen, der ganz dem Klischee eines Italien-Krimis entspricht. Gutes Essen und ein vertrackter Fall – basta. Sina ist jedoch dem Commissario immer ein bisschen voraus. Und der Commissario kann Sina nicht recht einschätzen. Vielleicht hat sie ja doch was mit den Morden zu tun? Zwanzigtausend Euro in cash, nur um Pilze zu kaufen? Und das in einer offensichtlichen Drogenhöhle! Sinistra Cassotto ist allerdings nicht allein auf sich gestellt. Sie hat Helfer, die ihr tatkräftig zur Seite stehen. Das muss doch auch den Commissario überzeugen!

USA Südwesten und Kalifornien

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, Grenzen im flirrenden Licht des Horizonts verschwimmen lassen, das Auge einen wahren Sinnesrausch erfahren lassen – auf eigene Faust durch den Südwesten der USA zu reisen nimmt man gern als Synonym für echte Freiheit. Individuelles Reisen auf dem höchsten Niveau und Entspannung mit dem allerhöchsten Lerngehalt. Das mag stimmen, wenn man nicht gerade Reisebuchautor ist. Autor Volker Feser lag die Planung und die Umsetzung dieses Buches sehr am Herzen. Jahrelang (!) ist von San Francisco nach Phoenix, von San Jose nach Las Vegas, von El Paso ach Fresno, von … immer wieder kreuz und quer durch Nevada, die Sierra Nevada, Südutah, New Mexico, Arizona und Südkalifornien gereist, um die Plätze zu finden, die den amerikanischen Südwesten zum Abenteuerspielplatz für alle Altersklassen machen.

Neunhundertzwölf Seiten sind das Extrakt von zahllosen Reisen. Und die stehen nun endlich den Pionieren der Neuzeit zur Verfügung.

Steht also fest, dass der Südwesten das Ziel der Sehnsucht nach Erholung und Sinnesrausch (im positiven Sinne) ist, gibt es nur noch eine Suche: Die nach dem richtigen Reiseband. Die Suche hat ein Ende, hat man diesen hier gefunden. Nun muss man sich nur noch durch neunhundert Seiten durcharbeiten und schon kann’s losgehen! Ja, neunhundert Seiten liest man nicht eben mal schnell durch, um den Werbeblock des Abendkrimis zu überbrücken. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen. Nicht allein wegen des Umfanges. Sondern wegen der jederzeit brauchbaren Tipps, die Volker Feser übersichtlich und nachvollziehbar dem Reisenden präsentiert. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie dem Yosemite-Nationalspark (kennt jemand ein Impressum, in dem mehr als ein Schlagwort mit einem Y steht?, hier sind es gleich sechs) stehen Aktivitäten wie Radfahren im Sand Flats Recreation Area, einem der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten Kurse weltweit auf dem Plan. Oder doch lieber Hollywood? Oder die Route 66 entlang? Oder im Hualapai Indian Reservation der Diamond Creek Road folgen die Augen funkeln lassen? Oder dann doch lieber Walter White (der „Koch“ aus der Serie „Breaking Bad“) noch einmal auferstehen lassen?

Zur Einstimmung sollte man das Buch am Ende beginnen. Auf rund einhundertfünfzig Seiten wird diese sonnenverwöhnte Gegend umfassend von Volker Feser vorgestellt. Da er nachweislich nicht nur Internetdatenbanken durchforstet hat, sondern tatsächlich vor Ort recherchierte, um die Routen zusammenzustellen und – als Entspannung beim Lesen unerlässlich – die farbigen Kästen mit Hintergrundinformationen, die in keinem anderen Buch stehen, zu füllen.

Das komplette Buch „zu bereisen“, bedarf eines wirklichen langen Urlaubs. Wer sich abseits der Massenströme unter dem blauen Himmel des Südens die schönste Zeit des Jahres bescheren will, hat nur eine Wahl: Dieses Buch als gefährlich gutes Reisegepäck im Handgepäck mitzuführen und schon auf dem Hinflug erste Reisefieberattacken über sich ergehen zu lassen.

Große Fürstinnen und ihre Gärten

So mancher Kleingärtner hat sich mit seinem Garten ein kleines Reich geschaffen, in dem er schalten und walten kann. Innerhalb der Regeln der Kleingartenordnung, selbstverständlich. Fürsten haben den ersten Schritt zum kleinen reich schon getan. Ihnen fehlt nur noch der Garten. Zugegeben, eine Rechnung, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht. Dennoch gab es in der Geschichte nicht wenige, die einen Garten als Ort der Ruhe durchaus zu schätzen wussten. Und dass man damit auch ordentlich Staat machen kann, wussten die gekrönten Häupter. Ein Glück für uns, die wir diese Parkanlagen bis heute – kostenlos! – genießen dürfen!

Und manchmal passiert es, dass man historischem Ort seine Fußstapfen hinterlässt. So wie im Tierfurter Park. Weimar, das in diesem Jahr das hundertste Jubiläum der ersten deutschen demokratischen Verfassung begeht, hat mehr als nur ein historisch bedeutsames Bauwerk zu verzeichnen. Goethe und Schiller sind seit ihrer Zeit in der Weimarer Stadt in aller Munde. Auch wenn gerade Goethes Ruf in letzter Zeit ein wenig an Glanz verliert. Herzogin Anna Amalia war zu ihrer Zeit eine Gönnerin der beiden Dichter. Ihr Schlossgarten lud schon vor zweihundert Jahren nicht nur ihre Günstlinge ein hier zu flanieren, nein, wie ein Bild aus dem Jahre 1860 (da waren Schiller und Goethe schon tot) von Theobald von Oer zeigt, Schiller deklamierte hier. Was er vortrug, ist nicht überliefert. Ein Gedicht? Eine flammend Rede? Ein Liedchen? Unter den Zuhörern waren unter anderem auch Goethe und Herder. Die Szene ist mindestens übertrieben dargestellt. Aber es könnte so gewesen sein. Und was macht einen Spaziergang an solche einem Ort noch schöner als das Gedankenspiel, was hier einmal passiert sein könnte? Der Musenhof im Grünen wie Autorin Editha Weber dieses Kapitel im Buch überschreibt, wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Doch die Ausstrahlung, die damals wie heute von hier ausgeht, hat die Zeit überdauert.

Nur ein paar Autostunden nördlich liegt der nächste Park blauen Blutes. In der Nähe eine weitere Bauhausstadt, Dessau. Der Wörlitzer Park ist einer der größten überhaupt. Das Schloss und die weitläufige Anlage keine Saure-Gurken-Zeit. Schon immer hüpften, lustwandelten, spazierten hier die Massen und der Adel unter dem Laubdach der Bäume und erholten sich. Fürstin Louise von Anhalt-Dessau füllte hier nicht nur ihre Lungen mit frischer Luft. Für sie war der Park Zufluchtsort vor ihrer komplizierten Ehe. Romantisch verklärt, einen Hauch Zeitfraß, Spielwiese – die Attribute, die man diesem Park geben kann, gehen einem nie aus.

Auch Editha Weber gehen die Argumente nicht aus ihrer Leidenschaft für die grünen Oasen die Werbetrommel zu rühren. Mit Stilsicherheit und Eleganz führt sie den lesenden Spaziergänger (oder ist es der spazierende Leser?) durch eine Welt, die man durch dieses Buch erst richtig wahrnehmen kann. Historische Fakten führen wie ein roter Faden von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, von saftigem Grün zu herrschaftlichen Häusern. Ob nun Herrenhausen in Hannover, das Charlottenburger Schloss, Bayreuth mit seiner Eremitage oder der Felsengarten Sanspareil – sie alle sind adeligen Geblüts. So nah wie in den Gärten der Fürstinnen kann man den großen Namen der Geschichte kaum kommen.

Das endlose Leben

Theo Mannlicher wurde 1899 geboren und starb … ja, wann eigentlich? Da geht es schon los! Andreas Kollender will einen biographischen Roman über den Schriftsteller Theo Mannlicher schreiben und kennt nicht mal seinen Todestag. Den kennt aber niemand, außer dem Betroffenen selbst. Dieser Fakt – das fehlende „lebte bis zum …“ – ist die einzige Lücke in dieser mehr als spannenden Biographie. Doch zurück zum Anfang.

1899 ist das Geburtsjahr von Alfred Hitchcock, dem Master of suspense und Theo Mannlicher. Beide wissen nichts weder von einander, noch von ihrem Lebensweg. Doch Theo wird schon bald merken, dass Worte und Taten einig Hand in Hand gehen. Beim Eintritt ins Teenageralter, ein Begriff, den Theo sicherlich noch nicht kennt, sitzen seine Mutter und sein Onkel bei ihm zuhause. Onkel Paul hat schon einen sitzen und Theo neben sich hocken. Theos Großvater hat sich umgebracht, nun auch sein Vater. Ein Ass als Arzt, meint der Onkel. Theo solle nun ein Ass als Mensch werden. Das sitzt! Die Frage was nun mit der dritten Generation Mannlichers wird – eine zynische Anspielung auf das Ableben der Ahnen männlichen Geschlechts – wird durch die Adelung als Ass weggewischt. Sie Sonne scheint über den Köpfen der Trauergemeinde in Hamburg, in den Köpfen jedoch herrscht echtes Schietwetter.

Noch zu Lebzeiten hatte der Vater alles für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Amerika sollte der Familie neues Glück bringen. Doch nun ist es eine Flucht vor der Erinnerung. Mutter, Onkel, Tante und der kleine Theo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Theo wächst heran, will (und wird) Schriftsteller werden. Doch der Krieg zieht ihn zurück in die alte Welt. In Mailand wird er in einem Krankenhaus gepflegt. Er, Theo Mannlicher, dessen Großvater und Vater eigenhändig aus dem Leben schieden, dreht Gevatter Tod eine lange Nase. Glückskind? Schicksalswink?

Beides, denn er lernt Mary kennen. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Doch die Freude währt nicht lang. Die Ehe zerbricht, der Sohn fällt im nächsten Krieg, der die Welt noch nachhaltiger berührt als dessen Vorgänger. Charlotte ist Frau Nummer Zwei. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft Theo Mannlicher an der Seite von Hemingway. Ein erfülltes Leben liegt hinter beiden. Für einen ist der Tod näher als dem Anderen.

Den letzten Abschnitt – sofern Mannlichers Leben wirklich schon zu Ende sein sollte – verbringt Mannlicher auf Bali. Am Strand. Umsorgt von einem Chinesen, der von Weisheit umflutet ist und dennoch nicht verhindern kann, dass das Werk Mannlichers, das maßgeblich vom Tod bestimmt ist, sich immer weiter in das Leben des Autors drängt.

Andreas Kollender gelingt es mit Leichtigkeit dem auf dem Papier so düsteren Leben eines vergessenen Autors Licht und Glanz einzuhauchen. Theo Mannlicher hatte dem Tod abgeschworen, gab ihm immer wieder jedoch Futter und verschwand vor den Augen der Lebenden in ein Reich, auf das der Sensenmann keinen Zugriff zu haben scheint. Alles richtig gemacht! Sowohl der Held des Buches, sein Autor und nicht zuletzt der Leser, der sich diesem Buch nicht entziehen kann.

Der Schmerz

Thérèse Delombre ist verwitwet. Sie lebt mit ihrem Sohn Georges in einem kleinen Dorf in der Provence. Die junge Frau ist einsam. Das ist sie schon lange. Ihr Mann, Hauptmann im Krieg gefallen, kann als Grundübel ihrer Einsamkeit angesehen werden. Sie lernt früh das Paradoxon des Lebens kennen. Seit dem Krieg ist das Gras dichter, die Flüsse bevölkern mehr Fische, in den Bäumen nisten mehr Vögel, die vor dem Kanonendonner des Stellungskrieges im Norden geflohen sind. Thérèse ist die Frau eines Offiziers, man neidet ihr ihre Sonderstellung. Schließlich fallen im Kampf mehr einfache Soldaten als Offiziere. Das ändert sich als auch der Hauptmann nicht mehr nach Hause kommen wird. Die arme Witwe mit dem kleinen Jungen, die so zurückgezogen lebt. Das arme Ding. Doch Thérèse und Georges haben es sich zurechtgemacht in ihrem Exil im Süden Frankreichs. Dorftratsch interessiert sie nicht. Sie haben einander. Dennoch fehlt Thérèse etwas. Etwas Essentielles. Etwas, was ihr Georges nicht geben kann. Sie kann es sich nur nicht eingestehen.

So makaber es klingt, aber je schlechter es Thérèse Delombre geht, desto mehr findet sie Zugang zur Dorfgemeinschaft. Der Krieg schweißt zusammen, auch wenn statt Pulverdampf nur der Mistral durch die Gegend zieht. Der Krieg ist weit weg. Bis die Deutschen kommen. Nicht in Gestalt von uniformiertem Stiefelgleichschritt, sondern als büßende Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen. Ihre Aufpasser schauen genau hin, ob sie auch korrekt arbeiten. Im Laufe der Zeit dürfen sich die Gefangenen immer öfter und freier im Dorf bewegen. Sie gehören zum alltäglichen Bild so wie all die Alteingesessenen. Unter ihnen ist auch Otto Rülf. Wie alle zugeben müssen der ansehnlichste Mann unter den Boches, wie die Deutschen verächtlich genannt werden.

Doch seine Zeit im Dorf ist endlich. Er wird bald nicht mehr hier sein. Doch er wird nie ganz verschwinden. Georges‘ kindliche Sinne spüren den kalten Hauch, den Otto hinter sich herzieht. Thérèse hingegen sieht in Otto die Erlösung ihrer Sehnsüchte. Und wieder schlägt das Paradoxon des leben erbarmungslos zu. Als Offiziersgattin Witwe mit Kind war sie ausgestoßen. Als Witwe geachtet. Als erfüllte Frau wird sie keinen Frieden finden…

„Der Schmerz“ ist der erste Roman von André de Richaud, der in deutscher Sprache erschien ist. Ein Wiederentdeckung, die für Furore sorgen wird. Denn woran erkennt man ein gutes Buch? An wohlwollender Kritik (Albert Camus verleitete es zum Schreiben)? Am schicken Einband? An fesselnden ersten Seiten? Am verheißungsvollen Nachwort? Wenn ja, wie nennt man dann ein Buch, auf das all das zutrifft? „Der Schmerz“ tut nicht weh, man leidet nur unter der Tatsache, dass auch dieses Buch einmal ein (viel zu frühes) Ende findet.

Trauer und Licht

Sizilien – Sehnsuchtsort! In jeder Hinsicht. Ein bisschen Italien, ein bisschen Abenteuer, der Süden, rustikale Küche. Doch – und vor allem – ein literarisches Paradies. Neueren Datums sind da vor allem die Werke von Andrea Camilleri zu nennen, dessen Commissario Montalbano mit winkligen Fällen und einem ausgeprägten Hang zu vorzüglichen Speisen den Leser in seinen Bann zieht. Doch die Tradition sizilianischer Autoren reicht weiter zurück. Luigi Priandello, 1934 immerhin Literatur- Nobelpreisträger, Leonardo Sciascia, mit dessen Namen man sich oft schwertut oder auch Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit dem Leoparden wohl erstmalig die Geschichte der Insel in den weltweiten Fokus rückte.

Maike Albath rückt alle Akteure in den Vordergrund ihres Buches über Sizilien. Ihre Biographien und ihre Werke sind eng miteinander verknüpft. Wer von hier kam, kehrte entweder zurück oder siedelte die Handlungsorte hier an. So kommt man Sizilien auf die Spur! Denn Sizilien ist nicht einfach nur eine Insel, auf der man baden geht (wortwörtlich, bitte!) und dann meint Land und Leute verstanden zu haben. Hier ticken die Uhren ein wenig anders.

Selbst für Italiener hat Sizilien sich den Charme des Exotischen bewahrt. Und das ohne touristische Konzepte, um jeden auch noch so Reiseunwilligen hinterm Ofen hervorzulocken. Nein, die Bewohner sind es, die Sizilien so nachhaltig prägen.

Auch wer, „Il Gattopardo“, „Der Leopard“ nicht kennt, hat schon einmal von der einmaligen Verfilmung mit dem eisernen Burt Lancaster, dem blutjungen Alain Delon und der bezaubernden Claudia Cardinale gehört. Die Zeiten des Umbruchs Italiens machen auch vor der eingesessenen Adelsfamilie Salina nicht halt. Bezeichnenderweise sind Autor, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebte, und Regisseur sich auf einer anderen Ebene sehr nahe. Giuseppe Tomaso di Lampedusa und Luchino Visconti stammen aus alten Adelshäusern. Wer in der Lombardei unterwegs ist, begegnet auf Schritt und Tritt den Viscontis, wer in Sizilien die Augen offenhält, kommt am Namen der die Lampedusas nicht vorbei. Doch das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit enormem Detailwissen und einer geduldigen Sprache zieht Maike Albath den Leser auf ihre Seite und teilt mit ihm die Zuneigung für Sizilien.

Da fällt es einem dann und wann schon schwer zu glauben, dass man diese Insel nicht leiden mag. Leonardo Sciascia teilt die Liebe zu seiner Insel zweifelsohne, doch sieht er auch die schienbare Hoffnungslosigkeit, die in Teilen auch dem literarischen Mafiaboss Michele Corleone das Herz schwer machen. Dessen „Erfinder“ Mario Puzo war jedoch kein Sizilianer, er war durch und durch New Yorker. Dennoch prägte er das Ansehen Siziliens in der Welt wie nur wenige zuvor.

Die in diesem Buch versammelten Autoren stammen aus Sizilien. Ihr Herz schlug und schlägt sizilianisch. Ihre Gedanken kreisen in ihren Werken ständig um diese Insel. Und der Leser? Er kennt das eine oder andere Werk, hat sich an ihnen erfreut, wurde vielleicht animiert Vigata zu besuchen (es jedoch nie fand, weil es Andrea Camilleri selbst erfunden hat) oder wollte einfach nur für eine abgesteckte Zeit Teilzeitsizilianer werden. Maike Albath zeigt mit diesem Buch, das Sizilien eben mehr ist als 25000 bewohnte Quadratkilometer – und dies ist der Atlas in diese ferne Welt.

Dein Schatten ist ein Montag

Delete – gelöscht – nicht mehr da. Nur ein Tastendruck genügt, um eine Datei, ein Bild, einen Text, ein Video zu löschen. Dongchi Gu kann von sich behaupten mit einem Tastendruck ein ganzes Leben zu löschen. Und er verdient damit sein Geld. Er ist Deleter. Ein digitaler Leben-Auslöscher. Es soll kein Weg mehr zu den Menschen führen können. Zumindest auf digitaler Ebene. Doch wenn etwas, das man anfassen kann, verschwinden soll, ist Gu der richtige Mann. Ab und zu behält er aber auch ein paar Stücke für sich, in seinem Aktenschrank.

Als er eines Tages in sein Büro im Crocodile Building kommt, hat sich jemand am Schloss zu schaffen gemacht. Die Tür lässt sich zu einfach öffnen. Und es war jemand an seinem Aktenschrank. Es scheint aber nichts zu fehlen. Ob das mit seinem neuen Fall zusammenhängt? Donghun Bae weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er bat Gu noch zu Lebzeiten alles zu vernichten, was seinem (Nach-) Ruf schaden könnte. Ein Tablet muss unbedingt unbrauchbar gemacht werden. Blöd nur, dass Gu alles Mögliche löschen kann. Nur dieses Tablet ist nicht aufzufinden.

Sein Ex-Kollege Inspektor Kim – Gu war mal Polizist, bis man ihm einen exklusiven, sehr gut bezahlten Job anbot – arbeitet auch an dem Fall Donghun Bae. Selbstmord oder Mord – das muss der Inspektor klären. Das alte Gespann wieder vereint bei der Suche nach der Wahrheit. Für Gu auch die Suche nach dem Tablet.

Gu beginnt vor der eigenen Haustür. Das Crocodile Building ist seine Arbeitsstätte. Der üble Geruch, der durch die Gänge zieht mutet wie ein unheilvolles Signal an. Im dritten Stockwerk, da wo Gu arbeitet, ist der Gestank noch halbwegs erträglich. Beim Italiener von Chan’il Park ist es nur auszuhalten, wenn der gerade frische Kräuter verwendet. Und ganz gewaltig scheint es bei Noble Entertainment zu stinken. Die Produktionsgesellschaft, vor allem ihr Chef Ilsu Chon, scheinen genug Dreck am Stecken zu haben, dass es sich lohnen könnte, hier mal richtig auszumisten und das Loch auszuräuchern. Doch bis dahin hat Gu, haben er und Kim noch einen Menge Arbeit vor sich…

Jung-Hyuk Kim macht keine Gefangenen! Sein Gu ist ein Trüffelschwein, der seine einzigartigen Fähigkeiten nicht im Bauchladen spazieren trägt. Schnodderschnauze und untrübliches Gespür für Menschen machen aus ihm einen Ermittler, von dem man sich wünscht noch viele weitere Fälle lesen zu können. Ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, wäre fatal.

Unit 8200

„Lassen Sie sich nicht hinters Licht führen!“ Zahlreiche Flyer zieren die Aushänge in Häuserfluren, um vor Betrügern zu warnen, die sich als Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma oder eines Kabelanbieters ausgeben, um ihr Treiben zu legitimieren. In der Welt der Geheimdienste ruft dieser Warnhinweis sicher nur ein müdes Lächeln hervor, doch Vorsicht ist auch hier geboten.

Einen Tag vor seiner Ernennung zum neuen Chef der Unit 8200 (acht zweihundert) wird Oberst Zeev Abadi in die Ermittlungen am Flughafen Paris-Charles-De-Gaulle hineingezogen. Seine Stellvertreterin Lieutenant Orianna Talmor nimmt derweil in Tel Aviv an einer Sitzung teil, an der sie zum ersten Mal mit den Hierarchien der einzelnen Abteilungen des israelischen Geheimdienstes in Berührung kommt. Abadi und Talmor sind keine ausgemachten Profis, doch sie werden noch viel Zeit haben, um ihre Erfahrungen machen zu können…

Ein junger Israeli, Marketingleiter einer IT-Firma ist also in Paris entführt worden. Auf den Überwachungsaufnahmen sieht man ihn heftig mit einer Blondine flirten. Sie besteigen einen Fahrstuhl und … verlassen ihn nicht wieder. Dass hier was nicht stimmt, ist offensichtlich. Doch die wahren Hintergründe und die Tragweite dieses Vorfalls, vom dem beschlossen wird, dass er nicht an die große Glocke gehangen werden soll, sind lange Zeit hinter einen dichten Nebelwand verschwunden.

Die Schwierigkeiten beginnen schon bevor sich die beiden, die zunächst gezwungenermaßen miteinander im Geheimen arbeiten müssen, kennenlernen. Denn die Ernennung Zeev Abadis zum Chef der geheimsten Geheimorganisation der Geheimdienste der Welt stößt nicht auf uneingeschränkten Beifall. Der Nachrichtendienst schlägt Talmor vor diesen Job anzunehmen und eine Neuwahl zu befürworten. Die Argumente sind unschlagbar. Doch Orianna ist reinen Herzens und mit selbigen beider Sache. Sie lässt die Drahtzieher abblitzen.

Die Entführung kann nicht lange unter Verschluss gehalten werden. Sie eignet sich schließlich vorzüglich um eine andere Katastrophenmeldung zu vertuschen. Und auch andere Geheimdienste aus aller Herren Länder die ihren Dienstherren loyal zur Seite stehen, lassen die Unit 8200, die nicht zum ersten Mal unter Beschuss steht an ihre Grenzen kommen.

Wer bisher Agententhriller mied, wird mit „Unit 8200“ zu einem Fan dieses Genres. Allerdings gibt ist die Auswahl derartiger Thriller nicht besonders groß. Das liegt zum Einen an der gefälligen Schreibweis, zum Anderen am enormen Fachwissen des Autors. Dov Alfon weiß wovon er schreibt, denn er gehörte selbst einmal zu dieser Unit 8200. In Israel hielt sich dieser komplexe Thriller wochenlang in den Bestsellerlisten.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Alte Bande

Es gibt Schöneres, was man bei nieseligem Wetter machen kann als Wasserleichen anzusehen. Grau und aufgedunsen – kein schöner Anblick. Doch Jette Haben hat Dienst und muss nun die Leiche von Frieda, die einmal ein Friedrich war, mehr oder weniger in Empfang nehmen. Ihr Chef und Kollege Hauptkommissar Walle Troller zieht es vor erst später zu erscheinen. Das funktioniert ganz gut zwischen den beiden, hier im süddeutschen Jedastedt. Ihr Erfolg rechtfertigt so manche Eigenheit. Denn Erfolge heimsen sie ein wie andere atmen, Misserfolge überlassen sie anderen Abteilungen. Friedas Ableben sieht ganz nach Selbstmord aus. Sofern Eisfach-Gerda aus der medizinischen Abteilung das jetzt schon sagen kann. Und Friedas Leben ist eines mit sieben Siegeln. Sie übernahm die Rote Laterne als der Puff seine Pforten schloss und seitdem eine stadtbekannte Kneipe ist. Das Umfeld, die Einkünfte, die Herkunft von Frieda / Friedrich sind nebulös. Ihre Polizeiakten sind dick, doch inhaltslos. Das weiß auch Wolfgang Markowitsch von der Sitte. Ein alter Hase, der ausgiebig Geschichten „von damals“ erzählen kann. Troller ist, was Eigenbrödlerei betrifft, sein legitimer Nachfolger, wenn Markowitsch in absehbarer Zeit in Rente gehen wird. Spaziergänge sind seine Leidenschaft, um die Synapsen zum Klingen zu bringen. Doch dieses Mal ist zunächst nur ein dumpfes Grummeln zu vernehmen.

Erste Erkenntnisse sollen die Hintermänner der Roten Laterne bringen. Friedrich zuerst: Der hat eigentlich gar nicht die Absicht sich zur Frieda zu machen. Ein Immobilienmakler, erfolgreich, niemals allein handelnd. Und Joachim. Auswanderer, ausgefuchster Geschäftsmann mit dem richtigen Näschen für Erfolg und … der sieben Minuten ältere Zwillingsbruder von Walle Troller! Doch damit nicht genug – Jo ist der Hauptverdächtige Nummer Eins in diesem Spiel, das mehrVerdächtige hat als jeder andere Mord auf der Welt. Ein Spiel, das einen erfahrenen Spielführer braucht. Ein Spiel, bei dem der Gewinner viel zu gewinnen, aber noch mehr zu verlieren hat.

Troller wird fürs Erste aus der Schusslinie gebracht. Denn als Bruder eines Verurteilten – Jo muss diese bittere Pille schlucken, da alle Beweise nur einen Schluss zulassen: Er ist der Mörder von Frieda – kann er nicht mehr an alter Wirkungsstätte arbeiten. Schließlich gilt es weitere aufzuklären…

Markus Bundi präsentiert dem Leser ein dichtes Geflecht aus massivem Wortwitz, einem perfiden Mordfall und gewieften Ermittlern. Sie alle sitzen in einem Boot, das je mehr Opfer das Deck betreten, immer mehr ins Schlingern gerät. Vom Kurs lassen sie sich dabei nicht abbringen. Walle Troller ist ein Mann mit Prinzipien, der seine Eigenarten nicht allzu sehr heraushängen lässt, sondern sie geschickt einsetzt.