Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

Der Engel des Patriarchen

Das Leben könnte so schön sein. Emmanuela hat eigentlich alles, was man sich wünscht. Vielmehr als die meisten auf Haïti. Sie hat eine Familie, eine Arbeit, die ihr das gewünschte Leben ermöglicht. Cousine Paula, von allen nur Couz genannt, ist eigentlich die Einzige, die ab und zu mit ihren Geschichten nervt.

Doch seit einiger Zeit umschlingt Emmanuela eine nicht greifbare Unruhe. Sind es die Geschichten von Couz, die ihr Angst machen? Die behauptet, dass ein Geist Besitz von der gesamten Familie ergriffen hat. Und Beweise, wenn man sie so nennen kann, hat sie auch parat. Die Todesdaten von Familienangehörigen sind allesamt äußerst kurios. Oder ist es doch nur die beginnende Menopause, die Emmanuela einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Eine rituelle Kopfwaschung soll dabei Abhilfe schaffen.

Serge, der Mann an Emmauelas Seite ist wenig erfreut über das Ritual, das sie über sich ergehen ließ. Doch ist er Manns genug ihr keinerlei Vorschriften zu machen. Als er bei sich zuhause ankommt, ist auf einmal alles anders. Das Knurren seiner Hund ist beunruhigend… Und Emmanuela weiß nun ganz genau, dass Yvo, der Geist, den einst ihr Großvater „ins Haus schleppte“ erneut sein Unwesen treibt…

Haïti und Voodoo gehören zusammen wie Eiffelturm und Paris. Dessen muss man sich gewiss sein, wenn man Kettly Mars‘ neuen Roman „Der Engel des Patriarchen“ lesen will. Keine Spinnerei wie im Film, in denen sich Besessene ins Feuer stürzen, in denen die Macht des Voodoo missbraucht wird, um die Macht zu stützen. Voodoo ist eine Religion, die man genauso ernst nehmen soll wie jede andere Religion. Mit dieser Einstellung wird dieser Roman zu einem Leseerlebnis der besonderen Art.

Die Sätze umschmeicheln den Leser wie Seide. Langsam bedecken sie die Phantasie und hinterlassen eine Welt, die so fremd erscheint, dass man sie gar nicht als real empfindet. Es sind keine Märchen, die Kettly Mars dem Leser vorsetzt. Echte Geschichten, wahre Empfindungen.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Kling Glöckchen, klingelingeling

Immer in den Jahren zwischen Olympischen Spielen (Sommer wie Winter) hält der Leseherbst eine ganz besondere Spannungsüberraschung parat. Denn dann werden die besten und einfallsreichsten Krimis des KaroKrimiPreises in einem Sonderband veröffentlicht. Dieses Jahr wurde in München gemordet.

In der Weltstadt mit Herz steht ein Herz nun endgültig still. Das von einem Engel. Zusammen mit dem Schwiegervater in spe reist Rahul nach München. Klaas ist ihm unheimlich, Rahul fühlt sich immer wie in einem Verhör. Klaas war schließlich Polizist, bis ihm eine schleichende Erblindung den vorzeitigen Ruhestand bescherte. Kaum angekommen, findet Rahul auch schon eine Leiche. Mit viel Lokalkolorit versehen und mit spitzfindigen Ermittlungen kommt das ungleiche Duo dem Mörder schnell auf sie Spur.

Schon ein Kapitel später wird der Leser ins München des beginnenden 20. Jahrhunderts verführt. Im Simplicissimus deklamiert Erich Mühsam, davor bringt sich die Polizei in Stellung, und aus sicherer Entfernung wacht ein scheinbar Unbeteiligter über dieser Szenerie. Seine Freundin schläft derweil den Schlaf der Gerechten.

Giftige Pilze sind die Hauptzutaten der dritten Geschichte. Eine liebende Mutter, ihr neuer Partner, Missmut und mehr als nur eine rasche Wendung sind die Hauptzutaten für dieses kriminell gute Gericht.

Drei Krimis zu Beginn des Buches, die allein die gesamte Vielfalt der Einsendungen für den KaroKrimiPreis exzellent darlegen. München als Tatort€ zu wählen ist ein Glücksgriff. Die nördlichste Stadt Italiens, sonnenverwöhnte Landeshauptstadt, Schickeria usw. – hier lässt es sich als Autor vortrefflich ermitteln. Den Tätern bleibt nur eine Ausweg: Gestehen oder am besten gleich gar nicht erst vom rechten Pfad abkommen. Doch wie langweilig wären dann die Krimis? Frei von jedem Verdacht auf einen Krimipreis.

Sechzehn Türchen hat dieser blutige Adventskalender, der nicht nur zur Weihnachtszeit Früchte trägt. Sechzehn Mal fragt man sich, wer warum was getan hat. Und sechzehn Mal fiebert man mit den Ermittlern bis sich das gnadenlose Metall um die Handgelenke schließt.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.

Italienische Weihnachten

Weihnachten und Wunder – das Passt. Eine wundervolle Zeit, in der man garn an Wunder glaubt. Überall auf der Welt! Und wenn dann auch noch Wunder in Erfüllung gehen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

So wie bei Luigi Malerba. Gaspare wird von einem Propheten dazu verleitet nach Massa Martana zu fahren. Dort stünde nämlich demnächst ein Wunder ins Haus, bzw. in den Stall. Seine Frau hat nur ein müdes Lächeln für die Hirngespinste ihres Gatten übrig. Lässt ihn aber gewähren. Sie vertreibt währenddessen die Zeit im Kino. Gaspare fährt also aufs Geratewohl los, um dem Wunder beizuwohnen. Ein Goldkettchen hat aus dem heimischen Schrank noch schnell stibitzt. Denn schließlich soll man niemandem ohne Geschenk die Aufwartung machen. Und er selbst sieht sich in seiner Rolle auch als etwas ganz Besonderes. Allerdings muss er bald feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf die Reise in den entfernten Ort macht. Zwei weitere Männer haben das gleiche Ziel. Auch sie mit Geschenken im Gepäck. Der Eine hat sogar was ganz Praktisches dabei: Etwas gegen den Gestank am Ort des Geschehens, hier riecht es doch penetrant nach Stall…

Andrea Camilleri nimmt eine Zeitungsmeldung zum Anlass sich ein paar Gedanken über Weihnachten zu machen. In South Dakota wohnt ein Mann für den Weihnachten an 365 Tagen im Jahr stattfindet. Er zelebriert das nicht, in dem er einfach die üppige Weihnachtsdeko am Haus nicht abnimmt, sondern in dem er seiner tiefsten Überzeugung Leben einhaucht: Er ist der Weihnachtsmann. Drei rentiere hat er auch, zwei Weibchen und einen Bock. Als letztem jedoch im Laufe des Jahres nach ein bisschen Zweisamkeit zumute ist, und er mit ansehen muss, wie der Weihnachtsmann mit einer der Auserwählten schmust – ohne dabei jedoch die Regeln des Anstands zu verletzen, damit das mal klar ist – ist es mit der Illusion schnell vorbei. Er nimmt den Rauschebart ins Visier und anschließend aufs Geweih.

Luciano de Crescendzo lässt Baum- und Krippenliebhaber – in Neapel mehr als nur eine Frage des Geschmacks – aufeinander losgehen. Leonardo Sciascia lässt Kinderstimmen zum Leben erwachen. Kurzum: „Italienische Weihnachten“ kommt 2019 in der zweiten Auflage in die Läden. Mehr als nur eine hübsche Idee, um anderen eine Freude zu machen. Wenn der Weihnachtskonsumwahnsinn überhandnimmt, sind diese Geschichten das Wunder, das Weihnachten innewohnen sollte.

Ein Dilemma

Ein gutes Essen, Likör, Tabak – der Abend ist gut verlaufen. Der Notar Monsieur Le Ponsart und sein Mandant Monsieur Lambois sind zufrieden. Nicht wegen des guten Essens, sondern weil sie eine Lösung für ein kniffliges Problem gefunden haben. So scheint es.

Jules, der Sohn von Lambois ist verstorben. Aufopferungsvoll hat sich Sophie, die dem Vater als Hausmädchen vorgestellt wurde, um den Dahinsiechenden gekümmert. Doch ihre Opferbereitschaft war nicht von Pflichtbewusstsein gegenüber dem Herr des Hauses geschuldet, sondern geschah einzigallein aus Liebe. Denn unter ihrem Herzen trug sie die Frucht ihrer Liebe.

Jules sollte es einmal zu etwas bringen. Inder Politik. Das haben Le Ponsart und Lambois schon vor langer Zeit beschlossen. Die Jahre vergingen und Jules entwickelt sich in die richtige Richtung, zumindest in den Augen der Männer, die nun Probleme sehen, die gar keine sind. Das allerdings wissen sie nicht und preschen voreilig aus ihrer sicheren Deckung hervor.

Sophie hat unvorsichtigerweise um etwas Geld gebeten. Schließlich ist sie schwanger, allein und ohne die Aussicht, dass sich jemand ihrer annehmen wird. Eine junge Frau im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein Hausmädchen – das bindet sich niemand freiwillig ans Bein.

Le Ponsart und Lambois vermuten hinter der naiven Anfrage ein Komplott, den Anfang einer langanhaltenden Erpressung. Die Beziehung von Jules und Sophie war nicht standesgemäß, und die Karriere, die Lambois und Le Ponsart für Jules vorschwebte, könnte sich nur allzu schnell in Rauch auflösen. Le Ponsart macht Sophie ein Angebot, dass sie nicht ausschlagen kann. Tut sie aber! Also doch ein Problem?!

Auftritt Madame Champagne. Klatschbase, Zeitungshändlerin, Ladenbesitzerin eines Papiergeschäftes, das mehr schlecht als recht zum Überleben taugt. Aber auch eine Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt. Ein Engel für gefallene Engel. Engagiert, gewieft und abgezockt. Dass auch sie ein Problem darstellen kann, übersehen Le Ponsart und Lambois in ihrer Engstirnigkeit und Überheblichkeit geflissentlich. Als aber auch Sophie das zeitliche segnet, wird das Spiel der beiden Männer auf eine harte Probe gestellt…

Joris-Karl Huysmans lässt in der vielsagenden Geschichte „Ein Dilemma“ zwei Welten aufeinanderprallen. Zwei eitle Faun, die in ihrem elitären Gehabe so sehr verankert sind, dass ihnen nicht in den Sinn kommt, dass außerhalb ihrer eigenen Welt andere Regeln herrschen. Spät merken sie, dass ihr Spiel von beiden Parteien, manchmal sogar von der dritten, gespielt werden kann.