Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

Salzburg Salzkammergut

Das ist mal gutes Tourismusmarketing: Salzburg an der Salzach, zu Füßen des Salzkammerguts. Klingt nach einem würzigen Erlebnis. Und als Highlight eine der süßesten Verführungen.

Bleiben wir doch gleich bei den süßen Verführungen. Noch bevor man Festspiele sagen kann oder die eine oder andere Sonate von Mozart gehört hat, bringt jeder von klein auf Salzburg mit den Mozartkugeln in Verbindung. Doch Vorsicht! Es gibt tonnenweise Fälschungen! Die Echten Mozartkugeln sind in Silberfolie mit blauem Aufdruck versehen. Da der Markenname nicht geschützt ist, darf jeder ein bisschen Marzipan mit Schokolade überziehen und diese Kugeln dann Mozartkugeln nennen. Original sind selbst in Salzburg nur wenige. Wo es sie gibt, das wissen natürlich die Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba.

Hat man dieses Must Have hinter bzw. in sich, kann man sich auf die Socken machen und Salzburg genauer unter die Lupe zu nehmen. Gestärkt ist man schließlich. Und wer meint, dass mit Mozart, dem Schloss Mirabell und der Burg da oben auf dem Berg (Festung Hohensalzburg) der Stadt Genüge getan ist, irrt sich mächtig. Salzburg hat mehr zu bieten als nur einen Tag in dieser Stadt gehaltvoll zu verbringen. Es dauert allein schon ein paar Stunden, um alles zu erlesen, was man staunend erlaufen und laufend bestaunen kann. Das reicht von den Katakomben, vermutlich Gebetsräume, die in den Fels gehauen wurden, mehr als anderthalb Jahrtausende alt. Und es zieht sich durch ganz Salzburg wie der Almkanal, der wenn er das Tageslicht erreicht architektonisch ein Hingucker ist. Den Brückenschlag in die Moderne vollendet dann das gleichnamige Museum auf dem Mönchsberg. Der Glanz vergangener Tage scheint in Salzburg immer noch taghell, selbst wenn einmal Wolken den Blick nach Oben verschleiern sollten. Und wer das Wasser scheut, also das von Oben, für den haben die Autoren mindestens genauso viel Tipps die Zeit sinnvoll herumzubekommen, wie für alle, denen ein paar Regentropfen nichts ausmachen.

Das Salzkammergut erstreckt sich östlich bis südöstlich von Salzburg. Attersee und Wolfgangsee (der mit dem Weißen Rössl) sind sicherlich die bekanntesten Orte. Dachstein und Totes Gebirge sind für Wanderer und Bergsteiger ein Begriff. In Bad Ischl muss man am Traunufer flanieren wie einst die Habsburger. In Obertraun, genauer um die Koppenbrüllerhöhle herum, laufen einem die Augen über. Reißende Gewässer, wie gemalte Brücken, saftige Natur – was braucht man mehr? Darauf gibt es nur eine Antwort: Diese Reiseband. Mit viel Liebe zum Detail, einem enormen Erfahrungsschatz und dem Willen dem Leser eine Region schmackhaft zu machen, die allzu oft hinter anderen Regionen Österreichs zurückstecken muss. Salzburg als Ausgangspunkt ins Salzkammergut ist kein schlechter Anfang, um diese Region zu erkunden. Und alles ist so einfach, wenn man sich die Zeit nimmt dieses Buch als vollwertigen Reiseguide anzunehmen.

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Kalabrien Basilikata

Wenn man den Ball mit besonders viel Pfiff spielen will, muss man ihn am Spann nehmen. Dort entwickelt er dann die meiste Energie. Alte Fußballerweisheit.

Nimmt man Italien am Spann, trifft einen auch gleich die gesamte Wucht des Stiefels. Und genau dort ist Kalabrien. Dummerweise in der jüngsten Vergangenheit von vielen Medien als Ausgangsort der Kriminalität verteufelt. Sicher spielt die ’Ndrangheta hier eine gewichtige Rolle. Doch deshalb auf einen der schönsten Flecke der Erde verzichten? Keine Angst – als Besucher der Region, der seine Nase nur in den Wind steckt, muss man nichts und niemanden fürchten.

Peter Amann hat die südlichsten Zipfel Italiens – Kalabrien und Basilikata – genau erkundet und auf fast sechshundert Seiten das zusammengefasst, was sehenswert ist, was man unbedingt sehen muss und an welchen Stellen man besonders die Augen offenhalten sollte. Sechshundert Seiten, das liest man nicht mal eben schnell durch, reist und kehrt zufrieden zurück. Solch einen Reiseband liest man mit Bedacht. Oder man nutzt ihn als Wegweiser, um die Reiseroute so genau wie möglich zu erstellen. Hat man diese erste Hürde genommen, hält man einen spannenden Reiseband in den Händen, der einem in ruhigem Fahrwasser die schönste Zeit des Jahres genießen lässt. Selbst wenn man einfach nur so die Seiten durch die Finger rinnen lässt und zufällig auf einer Seite stoppt, gerät man in Erklärungszwang, warum man so geistesabwesend vor sich hingrinst. Beispiel gefällig? Cosenza. Keine Stadt, die man auf dem Plan hat, wenn man nicht schon einmal intensiver eine Karte von Süditalien inspiziert hat. Gotenkönig Alarich soll hier seinen sagenumwobenen Schatz verloren haben. Wir reden hier von Tonnen von Gold! Bisher wurde der Schatz noch nicht gefunden. Aber so ein bisschen Legende schürt die Abenteuerlust enorm. Ein Dutzend Seiten widmet der Autor der scheinbar unbekannten Stadt, und schon bekommt man das Gefühl, dass man mehrere Tage hier verbringen kann, ohne auch nur eine Sekunde der Langeweile anheim zu fallen. Allein die Kirchengemäuer können stundenlang aus ihrem ereignisreichen Leben berichten. Die Stadt ist immerhin fast zweieinhalb Jahrtausende alt.

Karten, Skizzen, unendlich viele Abbildungen und eine Unmenge an Informationen dazwischen machen es einem leicht Kalabrien und Basilikata in vollen Zügen – ohne selbst in selbigen zu sitzen – genießen zu können. Immer wieder wird der Informationsaustausch zwischen Autor und Leser durch kleine Infokästen mit Anekdoten und Hintergrundwissen unterbrochen. Die Lese-Aha-Balance ist immer in der Waage.