Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Künstler und Entdecker in der Südsee

Da hat man doch im Laufe der Pandemie fast den Blick für die wahren Sehnsüchte verloren. Alle wollen nur noch ihre Freiheit wieder. Wie das aussieht, kann kaum einer richtig in Worte fassen. Der Strandkorb an der Ostsee ist das Nonplusultra. Und dann kommt Charlotte Ueckert mit ihren Reiseerinnerungen um die Ecke und gibt die wahre Sehnsucht dem Leser und wahrhaft reiselustigen Freiheitssuchenden das zurück, was fast vergessen schien. Südsee. Die See und dann auch noch der Süden. Mehr Sehnsucht geht nicht!

Charlotte Ueckert wusste nur das über die Südsee, was man ohne viel Anstrengung als Allgemeinwissen bezeichnet. Cook, Robinson Crusoe, Thor Heyerdahl, die Bounty, endlose Strände und die Gemälde von Gauguin, Emil Nolde und Max Pechstein. Doch das ist es, was die Sehnsucht befeuert. Ist das Licht wirklich so wie bei den Malern der Moderne? Ist der Entdeckerlust inzwischen ein globalisierter Riegel vorgeschoben worden? Schmeckt das Meer hier anders?

Unerschrocken nähert sie sich den Atollen, die nach den Eroberern den Künstlern überlassen wurden. Gauguin war nach Cook und Bougainville ein Vertreter der neuen Sehnsuchtschürer. Seine Bilder wurden ob ihrer Obszönität vom Fachpublikum abgelehnt, dennoch ständig begafft. Diese Ungezwungenheit und Offenheit waren die Triebfeder für eigene Träume.

Charlotte Ueckert erlebt wie zwei Staaten, die eigentlich zusammengehören – West Samoa und Amerikanisch Samoa – so unterschiedlich sein können. Sie erkundet mit ihrer Herbergsmutter deren weitläufiges Grundstück. Die angelesenen Biographien reichert sie vor Ort mit persönlichen Eindrücken an, so dass die ursprüngliche Neugier Platz für Neues machen muss.

Beim Lesen hört man das Rauschen der Wellen, spürt wie sie sanft gegen den Strand schlagen ohne dabei bedrohlich zu wirken. Wohlwollend nimmt man zur Kenntnis, dass glücksbehaftete Wunscherfüllung an entlegenen ort auch ohne die kitschig erzeugten Bilder von sich sanft im Wind wiegenden Palmen auskommen.

Charlotte Ueckert reist mit dem Schiff von Insel zu Insel. Sie vermeidet sich über die strengen Zeitrahmen an Bord – gegessen wird pünktlich, aber vielleicht war das Schiff auch zu klein, um die gesamte Passagierliste in Schichten essen lassen zu müssen – den letzten Nerv rauben zu lassen. Ihr ging es ganz allein darum sich den Traum von der Südsee zu erfüllen. Und das auch gleich zweimal. Bei ihrer zweiten Reise sind ihre Gedanken intensiver. Sie muss nicht auf Teufel komm raus ihre Gedanken niederschreiben und postwendend den üblichen Erinnerungstinnef an sich reißen. Beim zweiten Mal ist die Autorin abgeklärter, doch nicht minder neugierig und beseelt davon ihren Traum noch eindrücklicher nachwirken zu lassen.

Der kunstfertige Fälscher

Sizilien in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In den Straßen ist ein unruhig. Eine Beerdigung. Das Klappern eines Blindenstocks lässt so manchen den Blick heben. Sie sehen … einen alten Bekannten. Können es kaum glauben. Sie sind doch … Paolo Ciulla. Sì! Er ist es. Immer mehr Menschen erkennen den gebrochenen Mann. Sie erinnern sich gut an ihn. Vor allem an seine Taten. Er war lange weg. Wie schon so oft zuvor. Er saß doch mal auf der Anklagebank. Damals vor vielen Jahren. Ist er wieder draußen? Scheint so.

Ja, Paolo Ciulla war mal eine echte Berühmtheit. Ein Künstler. Allerdings ohne den entscheidenden Durchbruch. Mit Stipendium gen Neapel entsandt. Zum Kunststudium. War sogar in Paris. Bei Pablo und Amadeo (Picasso und Modigliani). Das kann man alles nachlesen. Nur ein paar Jahre sind nicht nachweisbar. Da war er in Südamerika. Auch wenig erfolgversprechend.

Als Fotokünstler hat er sich hervorgetan. Verkaufte Haus und Grund der Eltern, baute sich eine eigene Existenz auf. War politisch aktiv. Schon immer einer mit eigenem Kopf. Als Kind kaum zu bändigen.

Ach ja. Und Fälscher war er. Produzierte Geld, das besser war als das Original. Bis man ihm auf die Schliche kam. Mit internationaler Unterstützung aus den USA. Denn auch dort wurden die Blüten in Umlauf gebracht. Dass der Staat selber – später, nach Ciulla – einmal sich selbst mit den eigenen Lira eigentlich hätte anzeigen müssen… das ist eine andere Geschichte.

Maria Attanasio wurde gebeten einen Beitrag zu schreiben als die Lira dem Euro Platz machen sollte. Erst nach langer Denkpause kam ihr die wahre  Geschichte von Paolo Ciulla wieder in den Sinn. Ein Mann, der seine Fähigkeit als Maler und Zeichner nutzte, um denen unter die Arme zu greifen, denen sonst ein Bein gestellt wurde. Er verteilte Blüten wie ein agiler Händler Kostproben. Doch er tat es nicht zum Selbstzweck, sondern um zu helfen.

Die Behörden kannten das Problem. Konnten aber niemanden habhaft machen. Erst ein Verrat in den eigenen Reihen ließ das sozialistische Projekt auffliegen. Er gesteht reumütig. Seine Kumpane leugnen jede Mitwisser- und Mittäterschaft. Er scheut nicht seiner Sache persönliche Größe hinzuzufügen. Letztendlich ist er ein kranker Mann, der nie den Ruhm suchte, ihn im Kleinen jedoch fand.

Das Sizilien zu Ciullas Zeit war der vergessene Ort des Fortschritts. Analphabetentum, Großgrundbesitzer und der Machtaufbau der Mafia werfen ihre Schatten voraus. In zwischendrin das faschistische Wurzelwerk. Kein Nährboden für große Träume. Maria Attanasio öffnet ein Kapitel sizilianischer Geschichte, das lange geschlossen war. Unermüdlich recherchierte sie über das Leben eines wahrhaften Helden.

Auf die Dame kommt es an

Schachspielen – ach wie öde. Zweiunddreißig Figuren laufen wir irre durcheinander bis irgendwann der Chef zu Fall gebracht wird. Ach wie öde. Für Unkundige mag das zutreffen. Für Fans, Spieler, Taktikfans eine Offenbarung. Schach ist die älteste Sportart, in der heute noch Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wenn auch fernab jeglichen Publikumsinteresses. Schach faszinierte seit jeher – Alexander der Große soll es schon gespielt haben, mit Bravour.

Für ein breiteres Publikum sind wohl eher die Geschichten rund um das Spiel der Könige interessant. Und so mancher ließ sich von Friedrich Dürrenmatt, Vladimir Nabokov oder Agatha Christie zum Spielen verleiten. Wenn nicht, dann wird es Zeit. Denn dieses Büchlein bietet Schachuninteressierten die Möglichkeit in die verzwickten Strukturen dieses traditionsreichen Spieles hineinzuschauen.

Die Herausgeber Ulla Steffan und Richard Forster sind nicht die Autoren, sie sind Sammler. Sammler von guten Geschichten. Richard Forster ist außerdem Schachmeister und Schach-Kolumnist (ja, so was gibt es wirklich) der Neuen Züricher Zeitung.

Gleich in der ersten Geschichte geht es richtig zur Sache. Mord und Machtspiel sind die Zutaten, die Friedrich Dürrenmatt mit Schach gleichsetzt. Ein Richter und ein Staatsanwalt kommen beim Schach ins Plaudern. Der Richter gesteht dabei einen Mord. Denn er, der Richter, und der Vorgänger des Staatsanwaltes spielten eine perfide Art des Schachs. Krimifans werden diese Seiten lieben.

Schach muss für viele Analogien in den Geschichten herhalten. Und auch für Anekdoten. Wie diese als Richard Nixon Bobby Fischer nach seinem fulminanten Sieg über Boris Spasski – damals mehr als „nur eine Schach-Weltmeisterschaft“ – ins Weiße Haus einladen wollte. Der amerikanische Held, der sich nie als solcher fühlte, stellte derart viele und teils unverschämte Forderungen, dass Nixon (scherzhaft) die Losung ausgab den Flieger, der Fischer nach Washington bringen sollte, nach Kuba entführen zu lassen.

Beim Schach gibt es nur Schwarz und Weiß, kein Grau. Es gibt nur Gewinnen oder Verlieren. Selbst ein Unentschieden ist eine Niederlage, weil es keinen Sieger gibt. Dieses Buch hat mehrere Sieger: Den Leser. Und das Schach. Noch nie wurde Schach in seinem ganzen Facettenreichtum dargestellt. Den beiden Herausgebern gebührt der Verdienst Schach auf eine neue Ebene gehoben zu haben. Schach der Langeweile, Schach der Öde.

Zwei Fremde im Zug

Guy Haines sitzt im Zug von New York nach Texas. Er könnte ein zufriedener Mensch sein. Als Architekt mit Ambitionen wird er als der kommende Frank Lloyd Wright gesehen. Doch das Schicksal und die Gedankenflut in seinem Inneren hindern ihn die Welt durch eine rosarote Brille sehen zu können. Denn er ist auf dem Weg nach Metcalf, um sich mit Miriam zu treffen. Seiner Frau. Die will die Scheidung nicht mehr, die sie erst so sehr forciert hat. Er will die Scheidung, weil er mittlerweile in Anne die Frau fürs Leben gefunden hat. Der Gedanke an Miriam lässt seine Lebenskraft gefrieren.

Da setzt sich unaufgefordert ein Mann auf den gegenüberliegenden Platz. Nicht viel zu lesen in seinem Gesicht, denkt sich Guy. Und schon plappert der Neuankömmling im Abteil fröhlich drauf los. Hat wohl einen über den Durst getrunken. Die Plauderei nimmt Fahrt auf und plötzlich – keiner weiß so richtig wie es passieren konnte – wird der perfekte Mord geplant. Denn Charles Anthony Bruno hat das Gefühl, dass Guy viel besser dran wäre, wenn jemand Miriam dran bekommt. Sie ermordet. Und er selbst, also Bruno. Wäre doch auch viel besser dran, wenn es seinen verhassten Vater nicht mehr gäbe. Das Mittel der Wahl ist der Mord über Kreuz. Guy solle Samuel Bruno, Brunos Vater, den Garaus machen. Im Gegenzug würde Bruno Miriam ins Jenseits befördern. So einfach ist das. Wer solle die beiden verdächtigen? Sie haben doch kein Motiv. Und wer soll schon herausbekommen, dass die beiden sich im Zug kennengelernt haben und im Handumdrehen Morde planen? Das Risiko ist doch sehr überschaubar.

Guy lehnt natürlich ab. Obwohl ihm die Idee, dass Miriam in seinem Leben keine Rolle mehr spiele, eine gewisse Zufriedenheit bescheren würde. Aber mit dem Typen da? Ein Tunichtgut, ein Schmarotzer, der Mutti noch auf der Tasche liegt, der dem Vater nicht ein gutes Haar abgewinnen kann. Nee, dann lieber ein Leben mit Miriam. Das ist ja eh bald passé.

Guy trifft sich mit Miriam, Bruno in die hinterste Ecke des Kopfes verbannt. Sie ist so lieblich, voller Tatendrang, zielstrebig. Das ist zu viel für Guy. Er ist des Streitens müde. Okay, wenn sie will, dann nimmt er sie mit nach Florida zu seinem nächsten Projekt. Miriam ist schwanger – nicht von Guy. Sobald das Kind da ist, wird die Scheidung vollzogen, und alle gehen zufrieden ihrer Wege.

Für Bruno hingegen ist die Plauderei mehr als nur Spinnerei. Er nimmt das heft des Handelns in die Hand. Als Guy hört, dass Miriam erdrosselt wurde, schwant ihm Böses. Muss er jetzt seinen Teil der nicht getroffenen Abmachung einhalten? Was soll er Anne erzählen? Was den Polizisten, die alsbald bei ihm auf der Matte stehen? Und wird er Charly Bruno noch einmal begegnen?

Patricia Highsmith gelang es mit ihrem Debütroman mehr als nur eine Duftmarke zu setzen. Alfred Hitchcock kaufte aus dem Stand die Rechte an dem Stoff und verfilmte ihn kurz darauf, wenn auch in stark abgewandelter Form. Highsmith rückt nicht das Verbrechen an sich in den Vordergrund, sondern das, was es mit den Tätern macht. Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Nur für Außenstehende und Träumer.

Porto

Es gibt keine zweite Stadt in Europa, die in den vergangenen Jahren einen derartigen Aufschwung erlebt hat wie Porto. War es vor rund zwanzig Jahren noch eine Stadt, die man dank ihres Namens recht gut verorten konnte (Porto – Portugal, wo sonst sollte die Stadt liegen, wenn nicht dort), so zaubert sie heute ein Leuchten in die Augen einer ganzen reise- und leider vor allem auch partyfreudigen Generation. Mittlerweile rollte die zweite Welle von Besuchern auf die Stadt zu, so dass die Mietpreise im idyllischen Stadtkern den meisten nun die Tränen in die Augen schießen lassen.

Der Attraktivität der Stadt hat das allerdings kaum einen Abbruch getan. Autor und Verleger Michael Müller hat sich hier niedergelassen, um der Stadt näherzukommen und (endlich, wie auch er zugeben muss) einen echten Michael-Müller-Stadtreiseband zu schenken.

Porto kann süchtig machen. Die bunten Häuschen, der unvergleichliche Blick über den Douro, den Fluss, der die Stadt teilt und sie durch kolossale Brücken wiedervereint, sind hier offensichtlichen Höhepunkte, die jedem in den Sinn kommen, wenn die Rede auf Porto kommt. Dass es dabei nicht bleibt, wird jedem schon vor der Abreise klar, wenn er auch nur ein bisschen in diesem handlichen Reiseband blättert.

Das historische Zentrum lädt nicht ab und zu, sondern Auf und Ab zum Bummeln, Staunen und Verweilen ein. Am besten die Stadt erkunden mit einer der historischen eléctricos, die nicht umsonst ein bisschen San-Francisco-Flair verbreiten, die Linien 1, 18 und 22 sind jede für sich es wert benutzt zu werden. Den Sonntagvormittag sollte man sich für den Vogelmarkt Feira dos Passarinhos freihalten. Lecker Fisch und Stranderholung gibt’s in Matosinhos im Norden der Stadt.

Porto ist eine kompakte Stadt, in der man sich gern treiben lässt. Um nichts zu verpassen, sollte man jedoch ein wenig vorplanen. Nicht, dass man dann doch die besten Fischgerichte der Stadt oder einzigartige Aussichtspunkte oder Shoppingverstecke verpasst oder oder oder … Abhilfe schafft hier nur einer: Der Autor dieses Buches.

Die mehr als bedienerfreundliche Aufmachung erlaubt es mit einem Fingerschnippen bzw. Umblättern sich sofort zurechtzufinden. Was, wann, wo? Nur kurze Fragen, die in ausreichender Länge prägnant beantwortet werden. Auch mit der dazugehörigen App ist man in Porto nicht mehr so leicht als verlorener Touri zu erkennen. Man könnte fast schon als Guide die eine oder andere Frage umfassend beantworten. Porto, eine Stadt im Aufschwung brauchte bisher nicht viel, um sich zu präsentieren. Jetzt ist sie mit diesem Buch um eine Attraktion reicher.

Lüneburg & Lüneburger Heide

Auf den ersten Blick wohl eher ein Landstrich, der eigens für das Familienidyll in der schönsten Zeit des Jahres ersonnen wurde. Autor Sven Bremer ging es eine Zeitlang genau so. Lüneburger Heide hat nicht viel für individuelles Erforschen zu bieten. Doch er wurde eines Besseren belehrt. Von Kunst rund um die Uhr bis zu hochintelligenter Technik, von Radwandern bis Architektur von Ikonen ihr Zunft erschaffen, von Geschichten aus der Vergangenheit und ihren namhaften Protagonisten findet man alles hier, in der Lüneburger Heide.

Da ist zum Beispiel Celle. Der Knast erlangte Ende der Siebziger Jahre Berühmtheit als ein Loch in die Außenwand gesprengt wurde. Vermeintlich um einen RAF-Insassen die Freiheit zu schenken. Doch der verpennte (vermeintlich) seinen „Freigang“. Jahre später kam heraus, dass alles inszeniert wurde. Die beteiligten Politiker kamen mit einem blauen Auge davon.

Lüneburg glänzt nicht nur im Sonnenlicht durch das Hauptgebäude der Uni, das von Daniel Libeskind entworfen wurde und seit der Eröffnung 2017 als Vorzeigeobjekt für Nachhaltigkeit und Futurismus bekannt ist, sondern auch durch die Zähigkeit der Macher, denen anfangs ein scharfer Wind entgegen blies. Wie immer wurde der Bau teurer als anfangs berechnet, doch in diesem Fall, hat sich der Mehraufwand gelohnt. Für Studenten, die fleißig mitplanten und für Besucher, die aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Denn so was gibt es sonst nur in Metropolen.

Wendland, Dannenberg sind Namen, die vielen aus den Nachrichten bekannt sein dürften. Atommüllendlager und Auffanglager für DDR-Flüchtige – hier wurde Geschichte geschrieben und wird sie noch bis heute.

Der Lüneburger Heide also eine gewisse Trägheit und Abenteuerferne zu bescheinigen, ist mit diesen wenigen Beispielen schon der Zahn gezogen. Klar, die Landschaft ist hier eindeutig der Star! Mit dem Rad cowboygleich endlose Weiten zu erkunden gehört eindeutig zu den Erholungsmöglichkeiten, die man allenfalls einmal lächelnd hinnimmt. Die ausgesuchten Touren jedoch lassen dem Belächeln ein breites Grinsen folgen.

Sven Bremer lässt es sich nicht nehmen der Lüneburger Heide die wie er es nennt „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität wegzunehmen. Zwischen Buchholz in der Nordheide und Wolfsburg, zwischen Lüneburg und Walsrode muss man nur genau wissen wo man suchen muss. Sven Bremer erleichtert diese Suche mit seinem fast dreihundert Seiten starken Reiseband, so dass die Suche von Vorfreude geprägt ist.

Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Country place

Lennox, Connecticut, nach dem Krieg, Ende der 40er Jahre. Ein Ort, in dem der Durchschnitt ein Heim gefunden hat. Groß genug, um sich zu verschanzen. Zu klein, um ein Geheimnis zu bewahren. Hierhin kehrt Johnnie zurück. Zurück zu Glory, seiner Frau. Schon im Taxi, bei Wiesel, so heißt der Fahrer, wird ihm bewusst, was er vier Jahre hinter sich ließ: Klatsch und Tratsch sind der Kitt, der die Gemeinschaft – und gemein ist hier im doppelten Sinne zu sehen – zusammenhält. Mutter ist überglücklich ihren Sohn wieder bei und um sich zu haben. Doch Glory macht gleich Nägel mit Köpfen – sie kann es nicht ertragen, wenn Johnnie sie anfasst. So unverändert ihm Lennox im Taxi noch vorkam, so anders ist es nun in den eigenen vier Wänden. Sei es wie es sei. Glory hat er verloren. An Ed. Illusionen konnte er sich nicht hingeben, er konnte nicht erwarten, dass nach vier Jahren in Übersee, im Krieg gegen die Nazis alles nur darauf wartete ihn endlich wieder hier zu haben. Den Krieg als Intermezzo gibt es nicht!

Und Johnnie ist nun auch keiner, der mit dem Vorschlaghammer mit aller Macht alles einzureißen versucht, um Neues entstehen zu lassen. Einen Sturm entfacht bestimmt nicht er, wenn dieser denn einmal durch die eingelaufenen Pfade wüten sollte…

Mrs. Gramby hingegen ist die Grand Dame des Ortes. Ihre Moralvorstellungen vertritt sie bis ins letzte Glied. Unerwarteter Besuch wird ebenso brüsk angeraunzt wie unliebsame Gäste. Sie weiß, was sie will und was sie darstellt. Auch ihr ist der Mief der Stadt zuwider. Obwohl sie und ihre Ahnen dazu beigetragen haben ihn aufzubauen. So gehrt das Leben in Lennox seinen gewohnten Gang. Der Apotheker, der in „Country place“ als Chronist die Geschichte zum Besten gibt, ist ein gescheiter Beobachter. Oft wird das X, das man sich für ein U vormacht oder vormachen lässt oder es sich vormachen lassen soll, zu einem Fanal für eine kleine … Veränderung. Wie gesagt, kein Sturm. Selbst wenn der einmal durch die Straßen fegt, hat es allenfalls kleinere Veränderungen zur Folge. Das Leben in Lennox wird sich dadurch nur geringfügig ändern. Oder doch nicht?!

Ann Petry hat sich Lennox in Neuengland ausgedacht. Sie lebte hier. Sie wusste wovon sie schreibt. Sie kannte die Eigenheiten der Bewohner. Es dauerte mehr als siebzig Jahre bis ihr 1947 erschienener Roman in deutscher Übersetzung erscheint. Als sie in Harlem lebte, schrieb sie „The street“ über das harte Leben einer (schwarzen) alleinerziehenden Mutter. Nun war sie wieder zurück in ihrer neuenglischen Heimat und schrieb über das, was sie vor ihrer eigenen Haustür vorfand: Rassismus, Hass, Teilnahmslosigkeit. Aber auch vom Glück in einer derartigen Glocke mit eigenen Regeln leben zu können. Diese Regeln zu brechen, ist der einzige Weg eigene Pfade zu befestigen. Mit unverwechselbarer Empathie und einem ausgeklügelten Wortschatz, der in der Übersetzung nichts an Wirkung verliert, strahlt auch dieser Roman wie der hellste Stern am dunklen Firmament.

Solneman der Unsichtbare

Es ist schon kurios, was sich da in einer deutschen Kleinstadt etwas mehr als einhundert Jahren abspielt. Rein fiktiv – natürlich. Da kommt ein Mann ins Rathaus und unterbreitet dem Oberbürgermeister das Angebot den Stadtpark zu kaufen. Lachhaft! Der Amtsträger lehnt ab. Bis der geheimnisvolle Mann ihm eröffnet, dass er bar zahle. Und zwar dreiundsiebzig Millionen. Das wären heute irgendwas um die 300 Millionen Euro. Die Skepsis weicht aus dem Gesicht des Oberbürgermeister und macht einem breiten Grinsen Platz. Hciebel Solneman – so nennt sich der Mann mit dem unausschlagbaren Angebot und dem durchaus auffälligem Äußeren (mit ein bisschen Grips errät man, was gemeint ist – stellt nur noch ein paar Forderungen: Er will eine dreißig Meter hohe Mauer um – dann – sein Anwesen bauen, Überflugverbot unter tausend Meter und man solle ihn doch bitte nicht belästigen. Man einigt sich! So viel Geld im Säckel, wessen auch immer, ist einfach zu verlockend. In Windeseile steht die Mauer. Ein paar umliegende Häuser reißt sich Solneman auch noch unter den Nagel. Sonst könnte ja jemand mit dem Fernglas über die Mauer lugen.

Was hat er eigentlich erwartet? Dass man ihm mirnichtsdirnichts das Grundstück überlässt, und alles ist gut? Dass Spekulationen mit dem Rascheln der Geldbündel ad acta gelegt wird? Bestimmt nicht! Denn Solneman tritt selbstischer und weltgewandt auf. Und er ist ob seiner Art über jeden Verdacht erhaben. Na gut, fast jeden Verdacht. Genauso schnell wie Mauer hochgezogen wurde, keimen die ersten Gerüchte. Da war doch mal was in Belgien. Eine Frau wurde ermordet als der Zirkus in der Stadt war. Zirkus – Solneman – Mord … könnte passen. Schon allein deshalb, weil ihn kaum jemand zu Gesicht bekommen hat. Oder ist er ein Varieté-Künstler? Oder Ingenieur? Bei dem, was da alles in sein Anwesen gebracht wird – die Lieferwagen hat Solneman gleich mitgekauft. Oder ist er gar ein Misanthrop? Reich ist er. Er gibt gern und viel für die Stadt.

Das gemeine Volk zerreißt sich das Maul. Die Oberen wollen sein Nähe suchen, dürfen es aber nicht. Solnemans Nähe verspricht Ruhm und Ehre und … vielleicht den einen oder anderen Taler. Ach, es ist zum Verzweifeln! Was treibt dieser unsichtbare Mann mit dem rätselhaften Namen hinter den sich nur selten öffnenden Mauern?

Alexander Moritz Frey treibt den Leser in den Wahnsinn. Was hat dieser Typ da vor? Nur eines steht fest: Wer das Buch vor dem letzten Punkt beiseite legt, hat verloren. Frey war ein Freund Thomas Manns und wurde im Kriegsdienst von einem Gefreiten drangsaliert dessen Ideologie zu Papier zu bringen. Frey lehnte ab. Er wusste, dass er vielleicht nicht, dass mit dem Teufel einen Bund eingehen würde, aber dieser Wichtigtuer war ihm zutiefst zuwider. Dieser Wichtigtuer wird nicht einmal zwanzig Jahre später unter anderem dafür verantwortlich sein, dass die Werke Alexander Moritz Freys dem Feuer übergeben werden. Aus dem Schweizer Exil kehrte der Autor nie mehr nach Deutschland zurück.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.