Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Kukum

Veränderungen sind immer mit Schwierigkeiten verbunden. Nun sind diese Schwierigkeiten nicht immer gleich als solche erkennbar. Oft siegen die Abenteuerlust und der Forscherdrang über die Unebenheiten der Situation. Almanda geht – ganz nüchtern betrachtet – ein Risiko ein als sie Thomas folgt. Nicht einfach so! Vielmehr ist es ein tiefe Liebe, die ihr das Vertrauen schenkt, das sie benötigt, um immer weiter zu gehen.

In einem Kanu zog er einmal an ihr vorbei. Immer öfter kreuzten sich ihre Blicke. Und ganz automatisch – manches kann, darf, man nicht erklären – sind Thomas und Almanda ein Paar. Sie spricht nur wenig die Sprache der Innu, zu denen Thomas gehört. Er spricht kaum französisch. Doch die Sprachbarriere ist nicht das, was sie zu sein scheint. Denn sie ist überwindbar.

Immer weiter taucht Almanda in eine ihr fremde Welt ein. Das Kanada, das sie bisher kannte, ist hier draußen ein anderes Land. Die Innu leben mit der Natur. Die Jahreszeiten sind die einzigen Gradmesser. Wenn man Hunger hat, geht man jagen. Aber nur so viel wie man gerade benötigt. Und wenn der Hunger wiederkommt, geht man wieder auf die Jagd. Mit Thomas’ Schwestern gärbt sie Karibufelle. Redet mit ihnen, saugt das Fremde in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser der endlosen Seen, an deren Ufern die Innu leben.

Doch die Idylle bekommt Risse als der natürliche Lebensraum der Innu vom technischen Fortschritt, sprich Maschinen, Fabriken und dem dazugehörigen Lärm inklusive eines neuen Rhythmus empfindlich gestört wird. Die Siedlungen der Innu müssen diesem „Fortschritt“ weichen. Es beginnt eine neue Zeit. Wieder einmal. Doch dieses Mal müssen Almanda und Thomas das Neue gemeinsam bewältigen.

Lange bevor der Fortschritt den amerikanischen Kontinent eroberte, lebten hier Menschen. Unter anderem auch die Innu. Hier verwandelte sich die Asche ihrer Ahnen in nährstoffreichen Boden lange bevor auch nur ein einziger Fremdling jemals amerikanischen (kanadischen) Boden betrat. Michel Jean gibt den so genannten Ersten Völkern mit „Kukum“ eine Stimme, die weithin zu vernehmen ist. So bedächtig Thomas durch den Wald schreitet, so gefühlvoll beschreibt Michel Jean die Lebensgewohnheiten seines Volkes. Es ist die Geschichte seiner Urgroßmutter, die diesem Buch zugrunde liegt. Manchmal wie im Märchen, manchmal so echt die Schlange an der Supermarktkasse treibt die Geschichte den Leser an nicht stehen zu bleiben. Immer weiter zieht es ihn, um zu erfahren, ob es nicht ausreichend ist eine Veränderung im Leben zu erfahren.

Der goldene Topf

Der Student Anselmus ist – um es mit heutigen Worten zu sagen – ein echter Tolpatsch. Gleich zu Beginn dieser Novelle lernen wir ihn kennen als er gerade auf dem Markt in einen Obststand poltert. Zugleich geht das Gezeter los. Die Alte, die hier ihre Äpfel feilbot, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihr Gekeifer lockt die anderen Marktweiber an und ehe Anselmus sich versieht, ist er umringt von einer Schar nicht minder aufgeregter schreiender Händlerinnen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als die Geldbörse zu zücken und den entstandenen Schaden überaus großzügig – so schnell wurde ihm noch nie ins Portemonnaie gegriffen – zu begleichen.

Auf den Schock muss sich Anselmus erstmal einen genehmigen. Doch was war passiert? War der Student abwesend, abgelenkt? Und wenn ja, wovon? Oder ist er gar ein Träumer, ein Hans-Guck-In-Die-Luft? Mit nichten. Er versteht es wie kein anderer Schriften zu kopieren. Nein, kein Fälscher. Ganz offiziell. Kopierer gab es damals, vor mehr als zweihundert Jahren, noch nicht. Sein Ziel soll es sein einmal am Hofe in Dresden angestellt zu werden.

Davon träumt auch Veronika. Sie ist – wiederum, um es mit heutigen Worten zu sagen – ziemlich verschossen in Anselmus. Sie kommt aber nicht so recht voran in ihrem Werben. Rat weiß da ihre Mutter. Denn sie hat geheimes Wissen, das ein paar hundert Jahre zuvor garantiert in einem flammenden Inferno geendet hätte – Stichwort Scheiterhaufen.

E.T.A. Hoffmann leiht dem Studenten Anselmus einen Teil seines eigenen Lebens. Auch er hatte nicht immer Glück. Er konnte zeichnen, musizieren, sogar komponieren und schreiben, im Sinne von Geschichten schreiben. Ein Studentenstreich kostete ihn fast den Staatsdienst. Nach Jahren des Reisens verschlug es ihn kurzzeitig nach Dresden. Dort, wo auch Anselmus residiert. Zu dieser Zeit hatte sich Hoffmann schon einen gewissen Ruf als Dichter erarbeitet. „Der goldene Topf“ vergrößerte in der Folge sein Renommeé. Für ihn ging es bergauf. Anselmus selbst muss noch einige Prüfungen bestehen. Fast schon ein bisschen blauäugig träumt er sich immer öfter in eine Phantasiewelt.

Und die wird im Buch einzigartig durch Alexander Pavlenko illustriert. Romantisches Geplänkel in wohl geformten Schnitten, die organischen Formen ähneln. Beängstigende Szenarien mit bizarren Mustern. Die Scherenschnitte – als das Buch erschien eine beliebte Ausdrucksform, und wohl deswegen so eindringlich das geschriebene Wort untermalen – sind die einzigen Stopper in der Novelle. Hoffmanns Erzählweise fordert den Leser und zieht ihn gleichzeitig in eine Welt voller Poesie. Die Abbildungen sind das optische Highlight dieser besonderen Ausgabe.

Stunde der Flut

D-E-S-I-L-L-U-S-I-O-N-I-E-R-T. So könnte man Charlie Deravin am einfachsten beschreiben. Momentan ist der Polizist aus einem trostlosen Städtchen an der Südküste Australiens vom Dienst suspendiert. Er hatte seinen Vorgesetzten geschupst. Der flog über seinen Schreibtisch und verknackste sich das Handgelenk. Und nun muss Charlie Deravin, der Mann, der keiner Flieg was zu Leide tun kann – konnte – regelmäßig zur Therapie. Das allein ist schon Strafe genug.

Vielleicht ist der „Schupser“ auch das Resultat seiner eigenen Vergangenheit. Sein Vater war auch Polizist, Ermittler bei Schwerbrechen. Die Familie lebte in einer typischen Polizistensiedlung. Wohin man sah standen nur kleine Häuschen, die einmal Ferienhäuser waren, später als Siedlung für diejenigen, die für Recht und Ordnung sorgten, umgestaltet wurden. Hier war man unter sich, raufte (zum Spaß), trank, grillte. Jeder kannte jeden – man passt auf sich auf! Und trotzdem war das Leben hier stickig. So manche Ehe zerbrach. Auch die von Rhys und Rose, Charlies Eltern. Die Mutter nahm sich eine noch schäbigere Bruchbude, um von ihrem Mann getrennt zu sein. Ihr Untermieter machte ihr immer wieder Sorgen. Er benahm sich wie die Axt im Walde. Zahlte die Miete nicht, scherte sich einen Dreck um die kleinsten Hausarbeiten. Charlie und sein Bruder Liam machten ihm damals – vor zwanzig Jahren – eindrücklich klar, dass er hier nicht mehr erwünscht sei. Und Rose war wieder allein.

Das war kurz bevor Rose Deravin verschwand. Seitdem ist Charlie auf der Suche nach den Gründen, und natürlich ist er auch auf der Suche nach dem Täter. Den gibt es bis heute – zwanzig Jahre nach der Tat – nicht. Damals konzentrierte man sich ziemlich schnell auf den Rhys Deravin. Ein knallharter Ermittler, der die Lebenslust irgendwo zwischen Tatortbesichtigung und Täterjagd verloren hatte. Doch man sprach ihn frei. Für Charlie ein Schlag ins Gesicht.

Nun hat er mehr Zeit als ihm lieb ist, um der Vergangenheit die Stirn zu bieten und dem Täter, sofern es ihn gibt, den Atem in den Nacken zu hauchen. Lange fischte Charlie im Trüben, seit Jahren stochert er auf dem Trockenen nur herum. Doch jedoch er gräbt, umso größer sind seine Chancen doch noch auf fruchtbaren Boden zu stoßen, bis die Flut losgetreten wird…

Garry Disher kann es nicht lassen. Mehrere Krimireihen, vom gewieften Kriminellen über den engagierten Polizeibeamten bis hin zum Eigenbrödler, tragen seine Handschrift. Die Geschichte von Charlie Deravin und der Suche nach seiner Mutter ist ein echter Disher. Behutsam beschreibt er die nicht gerade einladende Gegend, in der eigene Regeln gelten. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich heimisch, obwohl kaum ein Handlungsort auf dieser Erde weiter entfernt sein könnte. Es soll ja Leser geben, die Garry Disher noch nicht kennen – jetzt lernen sie ihn auf Anhieb mit seinen besten Seiten kennen.

Hätte ich Dein Gesicht

Das Leben in Seoul könnte so schön sein. So ereignisreich. So erfüllt und aufmerksamkeitserregend. Wenn man denn das richtige Aussehen hat. So oberflächlich es sich anhört, so oberflächlich ist es auch.

Doch für Kritik an ihrem Stil interessiert sich Kyuri nicht. Sie arbeitet in einem so genannten Room-Salon. Dort unterhält sie reiche Geschäftsmänner. Die fühlen sich pudelwohl in ihrer Gesellschaft. Dass der Druck auf der jungen Frau enorm ist, bemerken sie nicht mal ansatzweise. Wollen sie auch nicht. Und Kyuri mit dem bildhübschen Gesicht unternimmt auch alles, um dem Stress kein Gesicht zu geben. Was tut man nicht alles, um erfolgreich zu wirken?!

Miho scheint es bereits geschafft zu haben, das so schön, ereignisreiche, erfüllte Leben zu führen. Ihre Kunstwerke werden anerkannt, verkaufen sich gut. Mehr oder weniger unfreiwillig bewegt sie sich in einem elitären Kreis.

Davon kann Ara nur träumen. Als Friseurin steht sie auf der anderen Seite des Scheins der heilen Welt. Seit ihrer Kindheit ist sie stumm. Ihre Welt ist die Welt des K-Pops. Ihre Lieblingsband versorgt sie anhaltend mit Musik, und das Management der Band mit Dauerklatsch und –tratsch. Auch sie träumt davon dieser Scheinwelt zu entkommen, sich in reale Abenteuer stürzen zu dürfen.

Die frisch verheiratete Wonna will aus ihrem genormten Leben ausbrechen. Drei Fehlgeburten hat sich schon hinter sich. Ihr Mann betrachtet es als Norm mit einer Frau ein geordnetes Leben zu führen. Gefühle und emotionale Ausbrüche gehören nicht dazu. Dass seine Mutter dem jungen Glück permanent auf der Spur ist, um es gelinde auszudrücken – Wonnas Schwiegermutter kontrolliert das gesamte Leben, gibt unerwünschte Ratschläge etc. – lässt das junge Glück schnell ersticken.

Vier Frauen, die auf unterschiedliche Art und Weise ihren Lebensweg beschreiten. Immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit und dem großen Glück, das für einige mit Schönheitsoperationen gleichzusetzen ist. Die Oberflächlichkeit als Projektionsfläche für die eigene Perfektion – daran muss man sich gewöhnen, als Leser. Die ersten Kapitel – jede der Vier erzählt aus ihrem Leben – sind der erwartete Kulturschock für alle, die dem Klischee, dass der asiatische, im Speziellen koreanische Lebensstil so ganz anders ist als der eigene.

Jede hat schon jung viel erlebt, um genug Stoff für eine eigene Biographie zu haben. Als vor rund zehn Jahren das erste Mal der so genannte Gangnam-Style durch das Web geisterte, war es eine neue Welt, die persifliert wurde. Francis Cha schreibt unumwunden über eine Welt, die jede Feministin auf die Palme treibt. Ein Leben zwischen Gefallsucht und den Erwartungen der Familie und der Gesellschaft ist für jede der Vier eine Gratwanderung auf der Rasierklinge.

Drei Uhr morgens

Kein Fußball, keine Kontaktsportarten, kein Kaffee, kein Alkohol, ja nicht einmal Mineralwasser mit Sprudel – für einen Jungen, der die neunte Klasse besucht nicht das, was man sich als Paradies vorstellt. Doch Antonio muss sich fügen. Schon als er jünger war, nahm er ab und zu die Geräusche, die ihn umgaben extrem nachhaltig wahr. Nun hat er die Diagnose: Epilepsie.

Papa wohnt nicht mehr mit Mama und Antonio zusammen. Doch nach dem letzten Anfall und dem anschließenden Krankenhausaufenthalt legt sich der Erzeuger mächtig ins Zeug. In Marseille soll es einen Arzt geben, Professor Henri Gastaut, der auf dem Gebiet der Epilepsie-Forschung bahnbrechende Erkenntnisse verzeichnen kann. Durch Zufall ist sogar in wenigen Tagen ein Termin bei ihm frei. Zum ersten Mal nach zig Jahren reisen Antonio, Mama und Papa gemeinsam. Ein einmaliges Unternehmen. Die Untersuchungen stören Antonio kaum, sie führen sogar zu einem Ergebnis. Nur eine leichte Epilepsie. In drei Jahren sollen sie wiederkommen. Und Gastaut hat sogar noch mehr gute Nachrichten. Antonio scheint künstlerisch begabt zu sein. So wie van Gogh, Dostojewski und Poe. Und er darf wieder Getränke mit Sprudel zu sich nehmen. Und Fußball spielen.

Die Jahre vergehen. Antonio lebt weiterhin mit Mama zusammen. Papa woanders. Schneller als gedacht, vergehen die drei Jahre. Statt vier sind es nur zwei Tabletten pro Tag. Als der Termin bei Professor Gastaut steht, ist die Krankheit Normalität, die man eh nicht ändern kann. Antonio verzieht das Gesicht als er dieses Mal allein mit Papa nach Marseille reisen soll. Und so einmalig der erste Trip zu Dritt gen Marseille war, so ungewöhnlich ist Professor Gastauts Methode, um festzustellen, ob Antonios Epilepsie bald schon der Vergangenheit angehören wird: Er soll zwei Tage und zwei Nächte wach bleiben – dafür gibt er ihm Tabletten. Die bisherigen Tabletten bleiben in der Verpackung.

Und nun soll der achtzehnjährige Antonio, der sein halbes Leben mit Tabletten und ohne Vater verbracht hat, achtundvierzig Stunden mit dem Mann, der ihm fremd und nah zugleich ist, in einer Stadt am Leben teilhaben, die ihm nicht minder fremd ist?!

Antonio staunt nicht schlecht wie nah sich zwei Menschen sein können, die sich kaum kennen. Ohne Scheu wechseln Fragen und Antworten den Besitzer. Er lernt seinen Vater kennen, erfährt mehr über sich und das Leben im Allgemeinen als er sich je vorstellen konnte. Unter die Restaurantbesuche, Jazzkonzerte (inklusive einer Einlage seines Vaters), nächtlichen Streifzügen durch das finstere Marseille der Achtzigerjahre mischt sich die Normalität. Wenn der Vater mit dem Sohne …

Gianrico Carofiglio lässt zwei Menschen zwei Tage miteinander leben, um für ihr gesamtes folgendes Leben miteinander verbunden zu sein. Der eigentliche Grund – der Krankheit Herr zu werden – tritt allmählich in den Hintergrund bis das unvermeidliche Ende immer näher rückt. Das ist der traurigste Moment beim Lesen.

Das Cottage in Wien

Ja, so ein Cottage in Wien – da lässt’s sich gut leben. Das dachte man sich auch vor mehr als einhundertfünfzig Jahren. Und vor genau einhundertfünfzig Jahren gründete sich der Wiener Cottage Verein. Die Stadt wuchs, wurde aber nicht attraktiver. Als Kaiserstadt natürlich nicht hinzunehmen! Stadtplanerisch orientierte man sich an Paris, Baron Haussmann krempelte die Stadt gerade gehörig um. Stilistisch war man eher in London und England fündig geworden.

Ein ganzes Viertel – damals noch – vor den Toren der Stadt. In Währing, heute der 18. Bezirk von Wien, gleich hinter Alsergrund, wenn man sich von der Donau entfernt. Die Türkenschanze war ein Quartier, von der aus die Belagerer von einst, die Türken, die Stadt ganz gut im Blick hatten. Und hier sollte nun der Wohnungsnot, dem Staub und Gestank der Stadt (immerhin schon eine halbe Million Einwohner) Einhalt geboten werden.

Einzeln stehende Häuser sollten es sein. Viereckiger Grundriss. Zwei Etagen. Und niemand durfte den Blick des Anderen versperren. Oder hier ein die Sinne beeinträchtigendes Gewerbe betreiben. Es sollte also nicht stinken, so wie in der Großen Stadt „da unten“.

Wer heute durch Wien schlendert, tut sich beim ersten Besuch schwer den Ersten überhaupt zu verlassen. Die Pracht der Gebäude im Inneren und am Ring ist einfach zu überwältigend. Doch sind es nur Minuten Fußweg bis in den Achtzehnten. Und schon ist man im „Koteesch“, im Cottage-Viertel. Arthur Schnitzler hat es hier hin verschlagen, „Bambi“ wurde hier auf die Welt gebracht. Historischer Boden.

Norbert Philipp beschreibt sehr anschaulich in seinem Buch wie das Viertel entstanden ist und wie es sich stetig veränderte. Hier trifft man mit Sicherheit weniger Touristen in einem Jahr als am Stephansdom an einem Nachmittag. Und mit genau so großer Sicherheit kann man sich hier ebenso wenig satt sehen. Jedes Häuschen ein Unikat. Nur auf den ersten Blick ähneln sich die Zweigeschosser. Wer innehält, erkennt auch ohne fachmännischen Blick die Unterschiede. Es ist grün hier. Ruhig. Gediegen. Nicht ganz so wie in Hietzing in Nähe des Schlosses Schönbrunn, dennoch nicht minder sehenswert. Im Gegenteil, vielleicht sogar etwas abwechslungsreicher. Und hier stehen nicht alle paar Meter Gedenktafeln. Eine Architekturflaniermeile, die man an vielen Tagen ganz für sich allein haben kann. Wenn man weiß, wo man schauen und innehalten muss. Mit diesem Buch ist das kein Problem.

Es war einmal in Hollywood

Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die von unumstößlichen Klischees leben können. Hollywood ist zweifellos so ein Ort. Und wenn dann noch der Name Tarantino fällt … nimmt das Plaudern über diese Klischees kein Ende. Als Quentin Tarantino ankündigte, dass sein zehnter Film sein Letzter sein wolle, waren viele geschockt. Aber im gleichen Atemzug hielt man diese Ankündigung für einen geschickten Schachzug. Die Zukunft wird zeigen, welcher Zug der Richtige war.

Dass Quentin Tarantino schreiben kann, dürfte jedem Kinogänger hinlänglich bekannt sein. Einen kompletten Roman hatte er allerdings bis zu eben diesem ominösen zehnten Film nicht veröffentlicht. „Es war einmal …“ – die erste Verbindung eines jeden Menschen mit Geschichten, mit Büchern. Da sollte doch auch ein „… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ drin sein. Isses aber nich! Is ja ein Tarantino! Gibt’s sogar als Film.

Wir sind im Jahr 1969 in der Stadt, die vor einem reichlichen halben Jahrhundert keine Stadt war, sondern ein Flecken Erde, an dem an jeder Ecke der hauch von Orangen einem um die Ohren wehte. Jetzt, 1969 ist alles anders. Gigantische Studios lenken den Blick von den Hügeln ab. Die Sonne brennt immer noch erbarmungslos. Und Rick Dalton brennt darauf endlich mal wieder eine Filmrolle zu ergattern, die ihm den seiner Meinung nach zustehenden Ruhm einbringt. Sein Agent Marvin Schwarz kann ihm eine Rolle in einem Spaghetti-Western anbieten. Rick ist angeödet von dem Genre. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen.

Apropos Teufel. Cliff Booth ist Ricks Fahrer, er doubelt ihn in gefährlichen Szenen. Ein Stuntman der knallharten Sorte, der schon mal zulangt, wenn es erforderlich ist. Bisher ist ihm das nie zum Nachteil ausgelegt worden. Er kam sogar mit dem einen oder anderen Mord davon. Seine Geschichten waren immer glaubhaft. Selbst die als seine Frau „unglücklich ums Leben kam“. Jeder kennt die Geschichte, aber solange nichts bewiesen ist … ist Hollywood glücklich und zufrieden. Es gibt Wichtigeres als einen Kriegshelden aufgrund von Vermutungen auszuschließen.

Neben Rick wohnt Roman Polanski, nebst Gattin Sharon Tate. Und bei Dennis Wilson wohnt Charlie. Ein Musiker, dem der große Ruhm wohl ewig verwehrt bleiben wird. Da kann er sich noch so anstrengen.

Und daraus inszeniert Quentin Tarantino sein Hollywood-Märchen. Zwischen den Trinkgelagen von Aldo Ray, Lee Marvin in Uniform (was sonst?!) und weiteren Anekdoten aus dem Hollywood nach dem Hollywood der „alten Tage“ blitzt die Kritik an der Branche immer wieder auf. So viele Schicksale, dass man den Sunset Boulevard jedes Jahr bis ans Ende der Zeit monatlich damit pflastern könnte. Glücksritter, die realitätsfremd einem Traum hinterherjagen, der nichts anders ist als eben ein Traum. Und immer wieder die Verneigung vor denen, die es dann doch geschafft haben, weil sie etwas besaßen, das andere niemals haben werden: Talent UND Glück. Das Buch weicht branchenüblich vom Film ab. Wer also meint es sei ein Fehler erst den Film zu sehen und dann das Buch zu lesen, kann sich getrost zurücklehnen. Und das Buch genießen. Es wird den Film in einem anderen – mindestens ebenso strahlenden – Licht erscheinen lassen.

Paris und das Kino

Wer will schon schwer röchelnd mit der Kippe im Mundwinkel auf den Straßen der Stadt der Liebe dahinsiechen? Oder beim Aufstieg auf dem Eiffelturm von einer exotischen Schönheit mit einer exotischen Waffe „geangelt“ werden? Oder mit Handschellen um die Fußfesseln (anatomisch würde es ja passen) humpelnd über Kopfsteinpflaster laufen? Niemand. Aber mal zu schauen, ob Belmondos ikonischer Abgang immer noch vor gleicher Kulisse ablaufen könnte … ist schon einen Abstecher vom Trubel der Großstadt wert. Es muss ja nicht immer gleich das romantischste Wiedersehen an der Seine im Schneefall sein.

Das Bild von Paris ist – wie sollte es anders sein – stark durch das Kino geprägt. Auch wer noch nie da war, weiß, dass es in Montmartre Auf und Ab geht, dass der Eiffelturm so wunderschön erstrahlen kann, dass man direkt neben der Seine rasant Autofahren kann – was auf der Leinwand meist im Desater, im echten Leben im Wasser oder auf der Wache endet – und dass es an jeder Ecke Baguette zu kaufen gibt. Das Paris-Klischee gehört zu den angenehmsten überhaupt.

Einmal mit einem Boot auf dem Canal Saint-Martin am berühmten Hôtel du Nord vorbeischippern und die Atmosphäre der hart arbeitenden Menschen und deren Schicksale noch einmal spüren. Alles Illusion – is ja schließlich Film! Denn die Gegend um das Hôtel du Nord ist heute Flaniermeile, ein Ort zum Niedersitzen und die Seele baumeln lassen. Und die Kulisse – ja Kulisse – ist im Film nur nachgebaut. Denn Regisseur Marcel Carné ließ den Straßenzug komplett nachbauen und dreht in den Studios in Billancourt vor den Toren Paris’. Ein Spaziergang lohnt sich heute im besonderen Maß.

Christine Siebert stellt in ihrem außergewöhnlichen Reiseband Paris immer wieder neu vor. Man kennt alle Orte bereits, aus zahlreichen Filmen. Zählt man alle Film zusammen, kann durchaus die Milchmädchenrechnung aufstellen, dass jeder Erdenbewohner Paris mindestens einmal schon gesehen hat. Und die Orte klingen wie eine süße Verführung: Moulin Rouge, Pigalle, Sacrè-Cœur, Jardin du Luxembourg, Arc de Triomphe … ach man kann sich einfach nicht sattsehen an den Drehorten.

Noch einmal zurück zu Jean-Paul Belmondo. Die Rue Campagne Première ist nicht abgesperrt. Ein Kollege grüßt den Star der Nouvelle Vague. Belmondo schickt ihn weg mit den Worten „ich sterbe gerade“. Nur eine ganz normale Straße. Einer der außergewöhnlichsten Abschlüsse eines Films. Eine Szene, die kultisch verehrt wird. Und dennoch ist hier nur eine Straße. Die man aber gesehen haben muss, wenn man der Anziehungskraft des Mediums Film erlegen ist.

Einmal durch Paris wandeln, und die (Film-)Welt noch einmal bereisen. Gespickt mit Anekdoten und detailreich führen einundzwanzig Spaziergänge durch die Stadt der Liebe, des Lichts und des Films. Vieles kennt und erkennt man auf Anhieb, wie Pont Neuf. Manch anderes muss man suchen. Und findet es auf Anhieb dank dieses einzigartigen Kulturreisebandes.

Azzurro

Azzurro oder Azurro oder Azzuro? Schon beim Schreiben qualmt die Rübe ordentlich. Und erst bei der Italienhymne. Zuerst einmal: Doppel-Z UND Doppel-R. Der Rest … da man sich das Lied immer wieder anhören kann, und mit ein bisschen Sprachgefühl (gelato hilft da immer) – kommt man vielleicht nicht auf den genauen Wortlaut, trifft aber gefühlt den Ausdruck. Hat man dieses Gefühl erst einmal intus, kann man sich an die Bedeutung wagen. Die zahlreichen Übersetzungen im Netz sind da nur bedingt eine Hilfe. Wie so oft im Leben, hilft da nur ein Buch! Dieses Buch.

Denn das Wichtigste an diesem Lied ist und bleibt: Adriano Celentano! Es ist sein Lied. Es ist das Lied Italiens. Ein Traum vom Sommer und der Sehnsucht diesen nicht allein zu verbringen. Und das alles mit dem einzig passenden Charakter, um der Stimmung ein einzigartiges Gefühl zu verpassen.

Das ist aber nur eines der einhundert vorgestellten Lieder und der Geschichte(n) drumherum und dahinter. Auch ohne große Anstrengung können mindestens drei Generationen hierzulande mindestens ein Dutzend Sänger aufzählen, inkl. mindestens eines Hits. Eighties-Kids durchzuckt es bei Gianna Nanninis „Bello e impossibile“, ein Jahrzehnt später schwört man auf Jovanotti (warum man von ihm hierzulande spürbar weniger wahrnimmt, ergibt sich ziemlich schnell, liest man schnell aus dem Text über den Italo-Rapper heraus).

Patty Pravo ist seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden. Dennoch klettern ihre Alben in den Charts nach Oben wie ein Gibbon in die Bäume. Ihr provokanter Kleidungsstil erleichterte und erschwerte ihren Aufstieg vor einem halben Jahrhundert. Eine Frau in Hosen, und das im ach so eleganten Italien?! No, no, no. Dennoch hält sie sich. An ihr kommt man in Italiens Musikhistorie nicht vorbei.

Ob sanftes Pop-Geplänkel a la Al Bano & Romina Power, deren Rosenkrieg länger dauerte als ihr Tanz auf dem Pop-Olymp, oder echte Ohrwürmer wie „lasciate mi cantare“ von Toto Contugno – auch hier wieder: Wer es mitsingen will, sollte die Worte kennen, ansonsten wird’s hochgradig peinlich – oder doch die große Bühne einer Milva: Italiens Sehnsuchtsmelodien treffen seit Generationen ins Herz. Bunte Vögel wie Vasco Rossi, Statthalter wie Celentano und Mina und Eintagsfliegen wie Baltimora und Scotch stehen gemeinsam auf dieser Bühne mit Sängerinnen, Bands und Sängern, die man nicht sofort auf dem Schirm, wohl aber im Ohr hat.

Nun, wie liest man dieses Buch? Brav, leicht neugierig von Seite Eins bis zum Schluss. Nervös durchblätternd, bis man einen Interpreten, ein Lied entdeckt über das man schon immer was erfahren wollte. Akademisch, Video suchen, Kapitel lesen, aha rufen. Es ist vollkommen egal. Nur lesen sollte man es – das Mitsingen (und schlussendlich ist es doch einerlei, ob man die richtigen Töne und Worte trifft: Die Stimmung muss stimmen!) garantiert dolce vita allerorten. Dieses Buch Fälle muss man für die nächsten Jahre ins Reisegepäck legen. Wann immer ein canzone erklingt, kommt man Italien ein Stückchen näher.

Toulouse, Albi, Carcassonne

Allein schon wegen der ungewöhnlichen Auswahl des Reiseziels sticht dieser Reiseband sofort ins Auge. Mitten im Südwesten Frankreichs, vor den Höhen der Pyrenäen, in Sichtweite des Mittelmeeres liegt das magische Dreieck Toulouse, Albi und Carcassonne. Toulouse, viertgrößte Stadt Frankreichs, Industriestandort wuchert mit seiner beeindruckenden Architektur. Rot und Weiß dominieren die Aussicht. Gigantische Bauten laden zum Staunen und Verweilen ein, ebenso wie ihr Ruf als Stadt der Künste.

Carcassonne fristete bis vor wenigen Jahren noch einen Dornröschenschlaf. Scheinbar. Die von Weitem schon sichtbare Festungsanlage prägt die Silhouette der Stadt. Besucher waren immer willkommen, doch seit einiger Zeit strömen die Touristen in Scharen durch die alten Gassen. Die meisten Läden sind nur auf Touristen ausgerichtet. Wenn man sich Zeit nimmt, und hier und da abbiegt, wo der Strom strikt geradeaus läuft, wird man überhäuft mit Eindrücken. Nicht umsonst ist die Altstadt seit einem Vierteljahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe. Die Autorin Heike Bentheimer weiß ganz genau, wo man weiterläuft und wo man innehalten sollte.

Albi ist das Kleinod der Region. Regelmäßig gewinnt man höchste Auszeichnungen für die florale Pracht der kleinen Stadt. Auch hier haben die okzitanischen Herrscher ihre Spuren hinterlassen. Nicht so wuchtig wie in Carcassonne. Liebevoller und schmeichelnder möchte man meinen, wenn man schon beim Lesen wie ein gewiefter Besucher auf die Tarn schaut, sich in den Gassen behände fortbewegt und mit traumwandlerischer Sicherheit einen Platz zum Niederlassen aussucht.

Angereichert wird der Reiseband mit Tipp zu Ausflügen auf dem Canal du Midi, in die Schwarzen Berge – Montaigne Noire – und ins Katharerland. Geschichte allenthalben, die heute so eindrucksvoll immer wieder in den Fokus des Reisenden tritt.

Hier kann man gut zu Fuß sich eine Region erobern. Allerdings muss man gut gerüstet sein. Schon vor Ewigkeiten bissen sich hier Eroberer die Zähne aus. Als moderner Forscher/Tourist kann man sich getrost auf jede einzelne Seite dieses Buches verlassen. Selten zuvor wurde eine fast vergessen scheinende Region so sanft und detailreich in den Fokus gerückt, ohne dabei lautmalerisch nur das Offensichtliche anzukündigen.