Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Spaziergänge in Verona

Spaziergänge in Verona

Städtereisen haben ihren eigenen Reiz. In relativ kurzer Zeit so viel wie möglich erleben. Auf engstem Raum, relativ gesehen. In New York ist man als Fashion-Victim bestens aufgehoben. London ist ob der schieren Vielfalt fast gar nicht mehr zu fassen. Und durch Verona schlendert man beschwingt wie zu einer Mozart-Melodie. Auch dieser Stadt machte das Wunderkind einst seine Aufwartung.

Ulrike Rauh umgeht das Vorurteil, das, wer Verona besucht, nur auf den Spuren von Romeo und Julia, der Montagues und der Capulets wandern will. Wer die Stadt nur auf die beiden – fiktiven – Figuren beschränkt, wird den größten Teil der Stadt verpassen. Auch wenn sich die Stadt scheinbar nur auf ihre beiden – fiktiven – Helden zu verlassen scheint.

Ulrike Rauh genießt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in der Stadt an der Etsch. Mit wachem Auge, offenem Geist und gezücktem Stift streift sie durch das Verona der Vergangenheit und betrachtet es aus der Gegenwart. Nur ein wenig größer als Nürnberg, aber nur halb so viele Einwohner (was durch den Besucheransturm aber wieder ausgeglichen wird). Verona erläuft man sich, atmet die Atmosphäre der über zweieinthalbtausend Jahre alten Stadt ein.

Ulrike Rauh setzt sich nieder, wenn es ihr sinnvoll erscheint, genießt einen Cappuccino und lässt ihren Blick schweifen. Als Leser wird dabei ebenso der Wissensdurst gestillt wie der  der Autorin sich in die Stadt zu vertiefen. Immer wieder glänzt sie mit Fachwissen, das dem hastigen Reisenden verborgen bleibt.

Wer Verona bereist, sollte die „Spaziergänge in Verona“ stets zur Hand haben. Sich niederlassen, einen kleinen Snack zu sich nehmen und wenig im Buch blättern. Wer geschickt plant, hat mit diesem Buch einen idealen Reiseguide, der die Steine zum Sprechen bringt.

Und sie trifft sogar einen Nachfahren eines der berühmtesten Söhne der Stadt: Dante. Seit zwanzig Generationen gehört die Familie Alighieri zu Verona wie die Etsch und Romeo und Julia. Er staunt über das Programm, das die Autorin noch vor sich hat und gibt Ihr Ratschläge, was sie noch sehen muss. Dem Leser soll’s recht sein: Echte Tipps von einem, der’s wissen muss.

Auch Ulrike Rauh kann sich der Anziehungskraft des Romeo-Und-Julia-Kultes nicht verschließen. Trotz all des Kommerzes ist und bleibt die Stadt ewig mit den sich innig Liebenden verbunden. Sie machte einen großen Bogen um die Touristentrauben, die mehr oder weniger versierten Guides an den Lippen hängen und verführt den Leser dazu der wahren Geschichte der beiden, sofern es sie gibt, zu folgen.

In jeder Zeile, in jedem Wort, jeder Silbe spürt der Leser die Zuneigung der Autorin zu Verona. Fast meint man, dass ein Besuch nicht lohnt, weil man alles hautnah im Buch schon erlebt hat. Das ist ein Kompliment für die Ulrike Rauh, doch würde man Verona keinen Gefallen tun und sich selbst betrügen. Die im Buch abgebildeten Bilder stammen wie die Zeilen von Ulrike Rauh. Um Souvenirs muss man sich also schon mal nicht kümmern, wenn Verona auf dem Reiseplan steht…

Aussetzer

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Die Krise mal anders. Mauro ist CEO eines großen italienischen Unternehmens. Einer seiner Stellvertreter ist der Sohn des Chefs und hat auch genau nur aus diesem Grund diese Position inne. Eine große Übernahme steht an. So weit so gut. Doch die Zeit will es, dass sich die Übernahme nicht als das größte Übel im Leben Mauros herausstellt. Denn seine Frau ist weg. Alles klar, Andrea Camilleri hat wieder einen großen Krimi über das organisierte Verbrechen geschrieben. Mit der Entführung soll der Chef zum Einlenken gezwungen werden. Weit gefehlt!

Das Verschwinden von Marisa hat auch was mit Guido zu tun. Der wiederum ist der zweite Stellvertreter von Mauro, Personalchef. Marisa und Guido sind ein Paar, oder zumindest haben sie eine Affäre. Doch das Kräfteverhältnis in dieser Beziehung schlägt stärker zu Marisas Seite aus. Sie ist gelangweilt von ihrem Gatten und ihrem Leben. Ob Guido der Richtige ist?

Mauro der Gehörnte? Mitnichten! Denn auch er hat seine Angel bereits ausgeworfen. Einen Blick riskiert. Licia heißt das Objekt seiner Begierde. Und die ist ausgerechnet die Enkelin des Chefs von dem Unternehmen, das Mauro schlucken will.

Doch es heißt auch die Übersicht zu bewahren. Bei der Jonglage mit dreistelligen Millionenbeträgen Vorsicht das oberste Gebot. Da darf man sich keinen Aussetzer erlauben. Zu viele, die einem ans Leder wollen. Zu viele, die den kleinsten Ausrutscher für sich zu nutzen wissen. Wohl dosierte Informationspolitik nach innen und nach außen.

Nicht jeder, der die Fäden in der Hand hält, ist ein Strippenzieher. Das müssen alle Handelnden mehr oder weniger schmerzvoll erfahren. Das Bällezuspielen bleibt bis zur letzten Zeile spannend. Aus einem Wirtschaftskrimi wird eine Liebesgeschichte wird ein Wirtschaftskrimi wird eine menschliche Tragödie.

Andrea Camilleri macht es einen Riesenspaß den Leser mit den zahlreichen Beteiligten an seinem „Aussetzer“ zu beteiligen. Immer tiefer dringt man in die Seilschaften der Macht ein. Wer mit wem? Wer gegen wen? Und warum? – ein köstliches Vergnügen den Zeilen des Großmeisters des stilvollen Wortes zu folgen. Jede Zeile ein Gedicht – übrigens lässt sich Marisa gern mit ebensolchen Gedichten von Guido verführen. Jede Zeile eine Warnung. Übrigens soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, denn die Bekanntgabe „zu vieler Teile aus dem Buch könnte den Leser um den Genuss bringen“.

Berlin – satirisches Reisegepäck

Berlin - Satirisches Reisegepäck

Wer auf Reisen geht, muss einiges in seine Tasche(n) packen. Zahnbürste, Klamotten zum Wechseln, ein Reisebuch (am besten vom Michael Müller Verlag). Wer nach Berlin reist, muss gut zu Fuß sein oder zumindest U-Bahn- und Busfahrpläne lesen können. Und er muss neugierig sein! Tilman Birr war neugierig. Er hatte ein bisschen mehr als Zahnbürste und Klamotten im Gepäck als er Anfang des Jahrtausends (klingt mächtig bedeutsam) nach Berlin zog. Nach Mitte. Wohin sonst. Mitten ins neue In-Viertel, als es jedoch schon diesen Ruf hatte. Die Stadt ist ihm ans Herz gewachsen. Doch die rosarote Brille hat er – wenn er sie denn je aufgesetzt hatte – beiseitegelegt.

Mit seinem satirischen Reisegepäck setzt und hält er der Hauptstadt ein weiteres literarisches Werk und den Spiegel vor. Der Schmelztiegel, der Innovations-Hotspot, der Place to be hat es in sich. Wer sich nicht darauf einlässt, ist verloren. Mit einem lockeren Spruch auf den Lippen bzw. in den Fingern, denn Gedanken werden nicht mehr mit der Feder niedergeschrieben, sondern mit den Fingern ins Laptop, Notebook oder Tablet getippt. Und für alle Puristen gibt es die geistigen Ergüsse nun als Buch zu erhaschen.

Wer des Lesens müde ist, wem dies zu old school ist, der kann am Ende einiger Kapitel den QR-Code laden und sich die Texte vom Autor höchstpersönlich vorlesen lassen.

Das satirische Reisegepäck ist eine wohltuende Ergänzung des ohnehin schon lesens- und reisenswerten Programms des Michael Müller Verlages. Wortgewaltig und manchmal überspitzt dreht Tilman Birr seine Runden durch seinen Kiez, erkundet die Burgerexplosion Berlins, gibt Verhaltensratschläge beim Überqueren von Brücken, zeigt, wo der Berliner noch Berliner sein darf und wo man als Tourist sich nicht als selbiger zu erkennen geben sollte.

Fernab von Langem Lulatsch, ostalgischen Schwärmereien und Touristennepp stößt der Leser auf das lebhaft schlagende Herz einer Stadt, die allzu gern als das größte Dorf Deutschlands bezeichnet wird. Das Buch passt locker in jede Tasche, die Kapitel sind innerhalb von zwei, drei U-Bahn-Stationen zu lesen. Herzhaftes Lachen garantiert und erwünscht. Der Berliner Witz – gibt es ihn überhaupt? – reist immer mit. Schnodderschnauze und Herumnörgeln gehört zu Berlin wie Goldelse und Currywurst. Wer meint nur bei Konnopke seine echte Currywurst verspeisen zu müssen, wird Berlin nie richtig erleben. Derjenige wird auch über den Untertitel nicht lachen können „On se left you see se Siegessäule“. Wer den Witz darin erkennt und ihn gut findet, wird dieses Buch bei jedem Capitol-Trip dabei haben. Poetry Slam für die Arschtasche und tröge Unterweltfahrten!

Marie spiegelt sich

Marie spiegelt sich

Doro hat’s seit einiger Zeit nicht leicht. Erst die Scheidung von ihrem Mann, dann ging ihr Friseursalon pleite – jetzt arbeitet sie dort als Angestellte – schlussendlich ihre geliebte Tochter, die ihre Pubertät in vollen Zügen auskostet. Marek, ein Flirt, scheint im Moment auch nur ein Funken Hoffnung zu sein. Marie ist auch nicht gerade glücklich mit und in ihrem Leben. Dreizehn ist sie. Ihre Mutter steht ständig unter Strom. Seit der Scheidung ihrer Eltern wohnen sie am anderen Ende von Köln, der Schulweg ist immer ein Marathon. Und ihre Mutter ist in ihrem Job als Friseurin auch nicht sonderlich glücklich. Marie verkriecht sich in ihr Tagebuch, dem sie alles poesievoll anvertraut. Verknallt ist sie. Doch er weiß es nicht. Ein ganz normales Teenagerleben. Bis, ja bis eines Tages Marie nicht wie versprochen vor der Schule wartet, wo Doro sie abholen sollte (und wollte). Und ans Handy geht die Göre auch nicht. Doros Feierabendentspannung ist mit einem Mal dahin.

Marie wurde entführt! In ein dunkles Verlies gesperrt! Es hat es getan! Ob Es nun weiblich oder männlich ist, spielt für Marie keine Rolle. Um sie herum: Das schwärzeste Schwarz, das sie sich vorstellen kann. Sie flieht in ihre Wörterwelt. Draußen in der richtigen Welt, voll Sonnenschein, voll Licht, voller Farben, wird Willa Stark mit der Suche nach Marie betraut. Im Austauschprogramm von Europol ist die Grazer Kommissarin nach Köln gewechselt. Doch ihre Zeit in der Domstadt soll bald ablaufen. Ihre Chefs haben es versäumt ihre Verlängerung zu beantragen.

Maries Mutter Doro ist dem Ende nah. Doch sie bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Robert Hellmann steht ihr bei. Seine Tochter Tessa wurde vor fünf Jahren entführt. Für Tessa gab es kein gutes Ende. Er erzählt ihr von einem Mann, der damals verdächtigt wurde Tessa entführt zu haben. Der hatte sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Unter anderem wollte er mit Bildern von Kindern in verführerischen Posen den einen oder anderen Euro verdienen. Die Sache ging schief! Nun ist er wieder in Köln. Dieser Mann ist Marek. Der Flirt von Doro. Nimmt das Unheil denn nie ein Ende?!

Isabella Archan führt den Leser in die verzweifelten Welten von Entführungsopfern. Wills Stark macht ihrem Namen alle Ehre. Auch sie sieht sich einer neuen Situation gegenüber. Ihr neues, lieb gewonnenes Leben wird kräftig durcheinander gewirbelt. Gerade in Köln heimisch geworden, soll sie wieder nach Graz. Für viele eine willkommene Gelegenheit die Füße hochzulegen und das Unausweichliche anzunehmen. Willa Stark stürzt sich in den Fall. Doro schöpft trotz der misslichen Lage unverhofft immer wieder Hoffnung und Marie erlebt das, was sie nie in Worten ausdrücken können wird.

Chamäleon Cacho

Chamäleon Chaco

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist kein Leichtgewicht! Obwohl kurz an Seiten, birgt es eine Fülle an Verwirrung wie kaum ein anderes Werk.

Manuel Carraspique liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Unfall, zu tief ins Glas geguckt. Nun liegt er hier irgendwo in den Weiten Argentiniens im Spital. Er kann sich kaum bewegen, reden kann er. Auch denken. Und diese Fähigkeit wird er auch brauchen, um die Geschehnisse der nächsten Tage verarbeiten zu können.

Die Ärzte schauen nach ihm, die Schwestern, die er kaum voneinander unterscheiden kann, sind fürsorglich, die Polizisten zu neugierig, die Presse zu aufdringlich. Die Presse, seine Kollegen. Manuel ist auch Journalist. Zurzeit jedoch ist der Erfolg überschaubar. Ein Scoop, ein Knüller, könnte ihn aus der Misere befreien.

Im nachbarbett liegt auch schon einer, der ihm einen Ausweg zeigen könnte. Márquez, Prudencio Márquez, liegt neben ihm. Die beiden kommen ins Gespräch. Das heißt, Prudencio spricht, Manuel reagiert und … ist verwirrt. Dieser Typ da neben ihm, scheint allerhand erlebt zu haben. Und jedes Mal, wenn er zum Sprechen ansetzt, kommt eine neue Geschichte zum Vorschein. Sie handeln in der Endkonsequenz alles von einem Mann oder Wesen: Cacho. Einem echten Chamäleon. Cacho nimmt viele Gestalten an. Drogendealer, Bibelverkäufer, General. In Manuels Kopf hämmert es unaufhörlich.

Raúl Argemí taucht mit dem Leser ein in die Welten zwischen den Welten. Das Chamäleon ist sympathisch, oder doch nicht? Ist es ein gewissenloser Killer? Oder ein Opfer? Wer meint, dass die 160 Seiten mal schnell zwischendurch zu lesen seine, irrt gewaltig. Immer wieder blättert man zurück, um sich zu vergewissern, auch nichts verpasst zu haben. Keine leichte Kost, so unfassbar spannend, dass man am Ende sich wünscht es noch einmal so unvoreingenommen lesen zu können.

Algier-Trilogie: Morituri – Doppelweiß – Herbst der Chimären

Morituri - Doppelweiß - Herbst der Chimären

Morituri

Kommissar Brahim Llob ist ein Schnüffler wie man ihn sich wünscht, wenn man Hilfe braucht. Er ist der ärgste Feind, wenn er einen am Beinkleid zerrt. Der Freund, auf den man immer zählen kann, mit dem man auch mal etwas derbere Scherze macht. Der Feind, den man nicht einschätzen kann, der aufmüpfig ist, die Meinung (manchmal auch die Faust) ungefiltert entgegen schleudert. Korruption überlässt er generös den Anderen.

Und nun soll ausgerechnet dieser Mann, dem Anbiedern ein Graus ist, dem großen Ghoul Malik, einer Ikone der Vetternwirtschaft Algiers und ganz Algeriens, zu Diensten sein? Dessen Tochter Sabrine ist seit Wochen verschwunden. Der Ruf als exzellente Spürnase eilt Llob voraus. Nun ja, es ist sein Job Leute wieder aufzuspüren. Doch bitte schön, auf seine Art.

Doch das ist nicht der einzige Fall, an dem er arbeitet. Ein Komiker, der erpresst wird, fällt genauso einem Anschlag zum Opfer wie einige andere Verdächtige. Ein Club, der sich als Bordell herausstellt. Eine mögliche Verbündete segnet das Zeitliche. Und mittendrin Brahim Llob.Die Mörder machen auch vor der Polizei nicht halt. Ein Teammitglied wird ermordet.

Die Mächtigen des Landes haben überall ihre Finger im Spiel. Sie berufen sich auf ihre Ruhmestaten während des Befreiungskrieges, geiseln aber ihre Heimat, um die sie einst kämpften (zumindest gaben sie es vor), wie es nie zuvor der Fall war. Dass er aufpassen muss, weiß Llob seit Jahren. Er ist der Bulle. Viele würden ihn lieber heute als morgen tot sehen. So ist jeder Tag ein Geschenk für ihn. Schmeicheleien perlen an ihm ab. Einflussnahme riecht er schon lange bevor sie sein Ohr erreicht. Sarkasmus lässt ihn die auferlegte Untätigkeit und die Korruption im Lande ertragen.

Kommissar Llob schlägt sich durchs Leben. Nicht mal mehr oder weniger gut, sondern immer wieder, tagein, tagaus. Er verzweifelt nicht an den oft so aussichtslosen Situationen. Er sucht sich dann eben ein Schlupfloch, durch das er entschwinden kann, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass er dazu auch manchmal über die Stränge schlägt, macht ihn sympathisch. Und letzten Endes findet er, was er sucht. Die Auflösung des Falles ist in „Morituri“ ein gelungenes Happy end für den Leser und Genugtuung für den schreibenden Kommissar.

 

 

Doppelweiß

Das Schreiben ist für Brahim Llob mehr als nur ein bloßer Zeitvertreib. Seine Bücher werden ja schließlich auch gelesen. Unter anderem von Ben Ouda. Der arbeitete sich einst vom armen Bauernjungen zum erfolgreichen Diplomaten hoch. Er war so erfolgreich, dass man ihm einst mit übler Nachrede das Leben mehr als schwer machte. Damals, da war Kommissar Llob noch nicht Kommissar. Irgendwo im Nirgendwo versah er seinen Dienst. Und er hielt große Stücke auf Ben Ouda. Denn der Intellektuelle schien die richtigen Ideen für die Entwicklung Algeriens parat zu halten. Doch dann trennten sich ihre Wege. Llob ging nach Algier, wurde Kommissar. Ouda stieg immer weiter auf und wurde … am auffälligsten … fett. Doch seine Ideen keimten immer noch. Die beiden treffen sich. Ouda kann sich beim besten Willen nicht an den jungen Llob erinnern und schon gar nicht an dessen Heldentaten. So philosophieren die beiden. Bis Ouda endlich mit der Sprache rausrückt und dem sich fragenden Llob den Grund ihres Zusammentreffens mitteilt. Er will mit Llobs Hilfe ein Buch schreiben, in er große gesellschaftliche Veränderungen vorstellen möchte. Auch hat er geheime Papiere. Llob will es sich überlegen.

Doch zu lange. Denn schon bald ist Ouda tot. Nachdem das Team um einen Ermittler dezimiert wurde, kommt eine echte Verstärkung zu Llob und seinem Leutnant Lino: Ewegh Seddig, ein Hüne, ein Schrank von einem Kerl. Und er weiß um seine (Schlag-)Wirkung… das Trio ermittelt und stößt relativ schnell auf den Namen Dahmane Faïd. Der hat es geschafft in all den Jahren nach der Befreiung Geld und Macht im Überfluss anzuhäufen. Der schienbare Sozialismus Algeriens kam ihm dabei anfangs entgegen, später musste er sich Verbündete suchen. Faïd gehört zu der Sorte Menschen, mit denen sich Llob besonders gern anlegt. Typen, die meinen alles und jeden kaufen zu können. Leider gibt ihnen die Realität oft genug recht. Doch Llob ist da anders.

Günstlingswirtschaft und Bereicherung am Reichtum des Volkes – stehen im Fokus von „Doppelweiß“. Das alles scheint so weit weg, in einem Land, das so gut wie gar nicht in den Medien auftaucht. Doch schon beim Lesen tauchen erste Parallelen zur Gegenwart auf. Machtgierige Geier, die sich allen Richtungswechseln zum Trotz mehr als lebensnotwendig über Wasser gehalten haben und immer und überall ihre Finger im Spiel haben. Ein perfider Plan zum Umsturz der Gesellschaft ohne Folgen für diejenigen, die daran so gar kein Interesse haben, bildet den Auftakt zu einer Mordserie, bei der es letztendlich keinen Gewinner gibt. Aber Einen, der das Rätsel löst.

 

Herbst der Chimären

Man hätte es ahnen können, vielleicht sogar müssen: Ein schreibender Kommissar, der die Missstände im Land anprangert – das kann nicht lange gutgehen. Und wird ihm, Brahim Llob, eines seiner Werke zum Verhängnis und der Gang zum obersten Chef zu seinem Letzten. Die Dienstmarke ist futsch. Aus und vorbei der ewige Kampf um Ordnung auf den Straßen Algiers. Vorbei der Kampf für die Gerechtigkeit. Haben die Oberen gesiegt? Die Schlacht vielleicht…

Beim Besuch seines Freundes Arezki Naït-Wali, einem Intellektuellen, wird es ihm klar: Die, die sich Gedanken machen, sind Fluch und Segen zugleich. Ein Segen für jedes Land und jede Gesellschaft, die sie analysieren und verbessern wollen. Fluch für diejenigen, die das zu verhindern wissen. Denn Veränderungen ohne deren Einflussnahme ist keine gute Veränderung. So einfach ist die Welt!

„Herbst der Chimären“ gerät zu einer Art Abrechnung und Abgesang auf die Hoffnung für ein friedliches und lebenswertes Algerien. Die religiösen Fanatiker sind zum Spielball von denen geworden, denen sie nützlich sind: Finanz-Mafia, -Haie, -Jongleure wie auch immer man sie nennen mag.

Wem es nicht schon zuvor aufgefallen war: Brahim Llob ist Yasmina Khadra und die / der ist Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier in der algerischen Armee hatte er schon Bücher in seinem Heimatland veröffentlicht. Doch mit der Algier Trilogie konnte er unmöglich in Algerien unter seinem eigenen Namen in Erscheinung treten. Seine Frau (Llobs Ehefrau heißt Mina) stellte ihm ihren Namen zur Verfügung, um der Nachwelt ein Zeugnis über den Bürgerkrieg in Algerien in der 1990er Jahren hinterlassen zu können. Ihr und ihrem Mann ist es zu verdanken, dass man heute so detailliert über diesen Krieg, der mehr als einhunderttausend Opfer forderte, Bescheid weiß.

Das Rätsel von Paris

Das Rätsel von Paris

Die Weltausstellung 1889 war nicht nur wegen des eigens dafür errichteten Eiffelturms eine Sensation, sondern auch deswegen, dass sie bis heute nachwirkt. Denn zu eben dieser Weltausstellung wollen sich erstmals die Zwölf Detektive treffen. Leider kann der Initiator Renato Craig aus Buenos Aires nicht persönlich anreisen. Er schickt dafür seinen Adlatus Sigmundo Salvatrio.

Sigmundo ist der Sohn eines Schuhmachers, der f eine Zeitungsannonce hin bei dem großen Detektiv meldet. Dieser will sein Wissen weiterreichen, denn er spürt, dass die Zeit gekommen ist abzutreten. Zwanzig wissbegierige junge Männer machen sich munter daran den Meister nicht zu enttäuschen. Doch nur einer scheint das Rennen machen zu können. Sozusagen als Abschlussprüfung sollen sie dem Magier Kalídan das Handwerk legen. Denn in jeder Stadt, in der er auftrat, verschwanden junge Frauen. So auch dieses Mal. Einer der Schützlinge schafft es sich als Assistent in die Show einzuschleichen. Keine gute Idee. Denn der Magier kommt ihm auf die Schliche und das war’s. Der erfolgversprechendste und von allen am meisten beneidete Kandidat ist tot.

Nach einigem Zögern nimmt Sigmundo das Angebot an und reist nach Paris, um am Treffen mit Arzaky, Magrelli, Lawson, Hatter, Darbon, Madorakis, Rojo, Zagala, Novarius, Castelvetia und Sakawa teilzunehmen. Eine auserlesene Mischung von gescheiten Köpfen, von London bis Tokio, von Amsterdam bis Madrid.

Ein echter Abenteuerroman für große Jungens scheint dieser Detektivroman zu werden. Pablo de Santis macht sich einen Riesenspaß daraus die grauen Zellen der Helden und des Lesers zum Hüpfen zu bringen. Es klingt anfangs wie der Beginn eines typischen Detektivromans mit all seinen Klischees. Ein Dutzend Detektive, aus aller Welt, dann sind es nur noch elf usw. Doch Pablo de Santis beherrscht die Klaviatur des Bösen und der Ironie meisterhaft. Alle Detektive haben einen Assistenten. Außer Arzaky, dessen Schatten ist erkrankt. Und Castelvetias Helfer wurde noch von keinem einzigen gesichtet. Craig kann gar nicht erst kommen und schickt daher Sigmundo. Bei einem Treffen der ergehen sich die Detektive in Selbstbeweihräucherung. Jeder gibt seine besten Fälle zum Besten. Fälle, die sich – natürlich – allesamt gelöst haben! Dann ist auf einmal Darbon tot. Vom Eiffelturm gestürzt … worden. Arzaky bittet Sigmundo sein Assistent zu sein. Dabei scheint Arzaky derjenige zu sein, der am meisten vom Tode des Pariser Detektives profitiert. Denn nun ist er der Detektiv von Paris. Dazu muss er allerdings das Rätsel von Paris lösen.

Und dieses ist ein köstliches Lesevergnügen. Nicht nur für großes Jungens! Alle Spürnasen haben eine besondere Methode ihre Fälle zu lösen. Lawson aus London, beispielsweise, hat ein Gerät, um auch im Nebel zu sehen. Und der Nürnberger Hatter hat ein Spielzeug (!) entwickelt. Wer in der Welt der Krimis, der klassischen Krimis zu Hause ist, wird hier aus dem Lachen (vor Freude) nicht mehr raus kommen. Wer selbst gern Rätsel löst, braucht Grips und Durchhaltevermögen, gepaart mit einer Portion Organisationstalent. Wer sich an wohl formulierten Sätzen erfreuen kann, dem wird „Das Rätsel von Paris“ dazu verleiten im Bücherregal einen Ehrenplatz für dieses Buch freizuräumen.

Die Straße der Pfirsiche

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Es hätte keinen besseren Veröffentlichungszeitpunkt für diese Geschichte geben können: Draußen türmen sich die Wolken zu einem fast undurchdringlichen Dickicht auf, das nur sporadisch und gefiltert das Sonnenlicht durchlässt. Im Sommer 1920, auf einer Strecke von über eintausend Meilen (laut google maps heute in ca. sechzehn Stunden zu bewältigen), mit einer Rostlaube als Gefährt, war die Sonne nicht der einzige erhellende Punkt im Leben von F. Scott Fitzgerald und seiner frisch Angetrauten Zelda.

Das Glamourpaar, seine großen Erfolge liegen noch vor ihm, fasst spontan den Entschluss nach Alabama zu fahren. Hier, wo er einst stationiert war, seine Zelda kennenlernte, werden die leckeren Biscuits gebacken. Es duftet nach Pfirsichen. Ein unstillbarer Hunger überkommt sie. Und der muss gestillt werden. Alle Spottrufen zum Trotz ihr Auto werde eh nicht bis ans Reiseziel durchhalten, macht sich das exaltierte Paar auf die Reise.

Bei alle den Querelen, die ihnen der Wagen macht – Reifenplatzer, ein abfallendes Rad, defekte Bremse – findet Fitzgerald immer noch Zeit der Landschaft seinen literarischen Stempel aufzudrücken. Die Reise ist Road trip und Abenteuer in einem. Links und rechts hat das Ehepaar Fitzgerald noch Zeit und Muse die Landschaft zu bestaunen, andererseits fährt immer die Angst mit es nicht bis Alabama zu schaffen und Zeldas Familie zu überraschen. Und die köstlichen Biscuits mit Pfirsichen zu genießen.

Doch der Expenso, ihr rolling junk chauffiert die beiden bis ans Ziel, wenn auch mit letzter Kraft. Doch dann die Überraschung …

„Die Straße der Pfirsiche“ liest sich hintereinander weg. Zwei, die ihren Ruhm in vollen Zügen genießen, das einfach Leben einfach nicht zu händeln wissen. Selbst ein simpler Radwechsel gerät zum Ereignis. Die Sprachgewalt täuscht über so manchen Mangel hinweg. Der Leser muss schmunzeln, wenn die Weiterfahrt an einer Werbemarkierung auf der Karte scheitert, an den neuralgischen Punkten klebt Werbung statt die Richtung erkennbar zu machen.

In einer Zeit, in der Prominente jeder Kategorie auf roten Teppichen mit ihren Schwächen laut kichernd kokettieren, scheint diese Geschichte so zeitlos und zeitgemäß wie kaum zuvor. Fitzgerald verarbeitet in dieser Geschichte von 1922 seine Eindrücke einer Sommerreise zwei Jahre zuvor. Bis auf das Ende und einige Übertreibungen ist alles so passiert.

Und der Engel spielt dein Lied

Und der Engel spielt dein Lied

Ein paar Drogen von Chile nach Argentinien schaffen, lautet der Auftrag für El Negro. Polaco hat ihm diese leichte Aufgabe übertragen. Das Militär hat in dieser Gegend seine Aktivitäten fast eingestellt, die Polizei wird in eine andere Richtung schauen. Leicht verdientes Geld, denkt sich El Negro. Alles ganz einfach. Die die Wagen, vollgestopft mit der gewinnbringenden Ware, erreichen nicht wie geplant ihr Ziel.

El Negro muss eine Zwangspause einlegen. Die Zeit mit Irma wird ihm die Zeit versüßen. Das Prachtweib wickelt ihn um den kleinen Finger, anfangs wehrt er sich noch.

Raúl Argemí spielt mit seinen Helden eine perfekte Partitur des Ungewissen. Wer mit wem, wofür, gegen wen, warum – der Leser wird durch die Zeitebenen gejagt, dass er bald schon gar nicht mehr weiß, wem seine Sympathien gelten sollen. Argentinien ist zu dieser Zeit ein Land non grata. Die Fußball-WM, bei der der Gastgeber erstmals als Sieger hervorgehen wird, lässt erstmals ein wenig Hoffnung aufkeimen. Doch es lähmt auch das Land. Alle sind im Fußballfieber. Ganoven, Gangster, Kriminelle verbünden sich in diesem Buch mit den Machthabern. Wer auch nur einen Funken Hoffnung sieht, den Repressalien zu entkommen, und vielleicht den einen oder anderen Peso in die eigene Tasche zu wirtschaften, vergisst die Gräueltaten der Junta.

Polaco ist ein Schlitzohr und El Negro ist ihm ausgeliefert. Irma hingegen schwebt im rechtsfreien Raum über den beiden Kampfhähnen. Sie weiß um ihre Reize, die sie gewinnbringend einsetzt.

Polaco und El Negro stehen sich dann doch noch einmal gegenüber. El Negro hat ein paar im Gefängnis verbracht. Er wurde verraten. Polaco versichert ihm, dass er nicht die Ratte gewesen sei. Die haben vieles gemeinsam erlebt. Der Drogenschmuggel, der Münzschwindel mit den goldenen Münzen… Die Zeit der Rachegedanken und des Hasses ist vorbei. Showdown oder Vergebung? Der letzte Akt oder ein neuer Versuch? Beide sind älter geworden. Das Leben hat seine Spuren in und an ihnen hinterlassen.

Der Leser muss sich anstrengen, um hinter das Geheimnis von Polaco und El Negro zu geraten. Ein, wenn nicht der Schlüssel ist die Person, die beide miteinander verbindet. Irma!

CityTrip Danzig

Danzig

Wer Richtung Osten reist, wird jedes Jahr aufs Neue überrascht wie schnell sich Städte und Umland verändern. Danzig war nach der Wende eine der ersten Städte, die man wegen ihrer geografischen Nähe unter die Lupe genommen hat. Hier wurde schon immer Geschichte geschrieben, die über die Grenzen hinaus ihre Wirkung zeigte. Danziger Werft, Westerplatte und der Dom gehören zum festen Programm einer jeden Stadterkundung. Doch darüber hinaus hat die Stadt an der Ostsee noch eine ganze Menge mehr zu bieten. Mehr und Meer!

Der Reiseband beginnt gleich mit den wichtigsten Informationen für alle, die nur mal eben schnell die Stadt besuchen. Drei Tage sind nicht viel für Danzig. Deshalb ist es umso wichtiger nichts auszulassen. Ein farbig unterlegter Kasten zeigt an, was es nur hier und nirgendwo anders gibt. Bernstein ist eines der unerlässlichen Mitbringsel, die ins Reisegepäck gehören. Wer zuvor das Bernsteinobjektiv und den Bernsteinaltar bewundert hat, ist sofort in den Bann gezogen. Wer sich ihm doch entziehen kann, hat dieses Buch auch einige Tipps parat, um echtes Danziger Flair für die Daheimgebliebenen sich einpacken zu lassen. Am bekanntesten dürfte wohl das Danziger Goldwasser sein.

Die Autoren Anna Blixa und Martin Brand machen es dem Neugierigen nicht einfach die Stadt zu erkunden. Soll man als Genießer, als Kauflustiger oder Kunstsinniger Danzig entdecken? Auf jeden Fall ist man gut beraten dieses Buch immer dabei zu haben. Von Tipps für die typisch polnische Einkehr über erholsame grüne Oasen bis hin zur geruhsamen Nacht haben die beiden alles recherchiert, was man benötigt, um in Danzig die schönste Zeit des Jahres zu verbringen, egal wie lange sie nun dauert.

Die Ostseelage bietet es geradezu an, dass man auch auf dem Seeweg die Stadt in den Fokus rückt. Oder sich umgekehrt den Seeblick am frühen Morgen gönnt. Extratipps befinden sich in den einzelnen Kapiteln und sind gelb unterlegt.

Beim ausgiebigen Frühstück (mit Seeblick natürlich, am besten im Restauracja Cała Naprzód, gefunden auf Seite 43) kann man dann im Buch blättern und mit dem beiliegenden herausnehmbaren Stadtplan die Route für den Tag festlegen. Das handliche Buch gehört einfach ins Ausflugsgepäck. Er passt locker in die Gesäßtasche und ist so immer zur Hand. Praktische Tipps und Hinweise auf die Besonderheiten der Stadt lassen es allerdings kaum zu ihn zu verstauen. Es gibt so viel, was es zu entdecken gibt. Die kurzen Texte geben die Richtung vor, schauen muss man schon selber. Und staunen!

Wer doch nicht auf die elektronische Handfessel verzichten will, kann über den abgedruckten QR-Code den Mini-Audiotrainer verwenden, Danzig von oben betrachten, die Routenführung planen und Infos erhalten, die bei Redaktionsschluss noch nicht vorhanden waren.