Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Wer verliert gewinnt

Als Richard von der Arbeit an den Schmelzöfen nach Hause kommt, sieht schon von Weitem, dass im Diner, das er und seine Frau Lois besitzen kein Licht brennt. Ihm schwant Böses. Sicher liegt irgendwo ein Zettel. Es soll für eine sehr lange Zeit das letzte Mal sein, dass er recht behält. Sie, Lois, ist weg. Dickie, sein Sohn, auch. Ab nach Kalifornien, nach Hollywood. Sie ist verrückt danach.

Alte Fußballerweisheit: „Haste Sch… am Hacken, haste Sch… am Hacken“. Und jetzt beginnt eine ruhelose Reise. Von Oklahoma nach Kalifornien. Klar, Richard will Dickie wiedersehen. Ihn wiederhaben. Und Lois eventuell auch. Der Trip im Waggon, selbst Viecher reisen komfortabler, entwickelt sich zum Albtraum. Jeder mit ein paar Muskeln und weißer Hautfarbe – es ist die Zeit der Depression, Ende 30er Jahre des 20ten Jahrhunderts – malträtiert diejenigen, denen eines dieser Attribute fehlt. Am schlimmsten trifft es die, denen beides fehlt. Und unterwegs sorgen die staatlichen Organe dafür, dass nicht zu viel Platz im Wagen bleibt.

In Kalifornien trifft Richard auf so manches Pack. Zum Einen die Verwandte, die Lois aufgenommen hat(te). Ein hinterhältiges Biest, das die Polizei ruft. Richard ist wieder on the road. Ein Regisseur – juchhu, wir sind Kalifornien! – ist wohl der einzige, der Richard halbwegs so was wie den Glauben an Licht am Ende des ewig dunklen Tunnels geben könnte. Ein Ganove hat einen todsicheren Plan um an Geld zu kommen. Richard zögert, zweifelt, hat aber schon eine stattliche Anzahlung bekommen – es geht schief, was schief gehen kann. In den Zeitungen wird dann ebenso gelogen wie auf den Straßen betrogen wird. Selbst das zufällige Glück bei einer Frau unterzukommen, erweist sich alsbald als Trugbild. Und von Dickie keine Spur. Die Taschen leer. Desillusioniert streift Richard durch das Land, das so viel verheißt, jedoch in Wahrheit ein Sündenpfuhl voller Schlaglöcher ist, deren Grund man nicht sehen kann.

Immer wieder tappt man beim Lesen in die selbst gestellte Falle vermeintlich zu wissen, was auf den folgenden Seiten passiert. Und schon schnappt die Bärenfalle zu! Ströme schamhaften Blutes ergießen sich vor dem geistigen Auge. Wieder mal aufs falsche Pferd gesetzt. Genauso geht es Richard! Und der Typ mit der Kerze am Ende des Tunnels – der bekommt auch noch sein Fett ab!

Richard Hallas hat nur einen Noir geschrieben, auch wenn es diesen Begriff bei Erscheinen noch nicht gab bzw. er noch nicht anerkannt wurde. Und der war ein Erfolg. Dann verschollen, und nun in deutscher Übersetzung (aus dem Jahr 1944, in der Schweiz erschienen) endlich wieder zugängig. Anna Katharina Rehmann-Salten war für die Übersetzung verantwortlich. Und jetzt kommt der eigentliche Knüller: Sie, die Übersetzerin verwaltete den Nachlass vom Schöpfer von „Bambi“. Er, Richard Hallas, eigentlich Eric Knight, ist der Schöpfer von „Lassie“. Und dann so was Düsteres, Dunkles, Hoffnungsloses?! Man setzt oft auf Schwarz, und dann kommt Rot. Wer sagt eigentlich, dass das schlecht sein muss?

Götter und Tiere

Wenn jemand im strömenden Regen auf der Bordsteinkante sitzt, muss ihm etwas widerfahren sein, das ihn das Drumherum derart egal erscheinen und Anderen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Glasgow im Regen ist wahrlich kein Platz zum Ausruhen. Martin heißt der Mann, im Arm – genauer gesagt an seine Brust geklammert – ein kleiner Junge. Regungslos lassen ihn seine spärlichen Kräfte an Martin festhalten. Mehr Halt gibt es für ihn in diesem Moment nicht. Und Martin sinniert über das, was soeben passiert ist.

Ein Raubüberfall. In der Postfiliale. AK 47. Der Großvater des Jungen erhebt sich mit einem Mal und … steht nicht minder überraschend auf einmal auf der Seite … ja, auf welcher Seite eigentlich? Der, der AK 47? Des Räubers mit der weltbekannten Knarre? Es bekommt ihm nicht. Der Opa ist tot. Der kleine Junge sitzt wenig vor dem Regen beschützt auf dem Bordstein, klammert sich an Martin. So düster die Szenerie, so undurchsichtig das, was vor wenigen Minuten passiert ist.

Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner Detective Constable Harris stehen vor einem Haufen voller Scherben, in denen so manches fehlgeleitete Licht Ecken Glasgows erleuchtet, die vor Düsternis nur so strotzen.

Denise Mina zeigt die dunkle Fratze Glasgows in ihrer perfidesten Form. Politiker, die sich an keinerlei Spielregeln halten. Gangster, die sich von Berufs wegen nicht an Regeln halten (können, wollen, sollen, dürfen). Und zwischendrin die Polizisten, die tagein, tagaus ihren Kopf hinhalten, damit das alles auch schön so bleibt.

DS Morrow und DC Harris kennen diese Spielchen. Sie kennen auch so manchen Hitzkopf und machen sich dessen Wissen zunutze. Genug, um voranzukommen, nicht  zu viel, um sich abhängig zu machen. Es ist ein steter Kampf um Loyalität und Erfolg.

„Götter und Tiere“ reißt den Leser aus dem Anfangseinlesen mit expliziten Beschreibungen wie hart das Leben ist, kennt man keine Regeln. Denise Mina schafft trotzdem eine angenehme, fast schon wohlige Atmosphäre, in der man sich sicher fühlt. Mitgefühl und knallharte Faktenlage verwebt sie derart gekonnt, dass man gar nicht merkt wie tief man selbst im Dickicht der Fälle gefangen ist. So muss ein Krimi sein!

Tage im August

Das wird ihr Sommer! Anna ist vierzehn (im italienischen Original ist die Vierzehn, die Autorin bat darum in der deutschen Übersetzung ihr Alter anzupassen) und verbringt ihr Leben in einem Nonneninternat. Doch nun stehen Papa und ihr Bruder vor dem Tor und holen sie ab. Savoia, Badeort vor den Toren Roms ist das Ziel ihrer Träume.

Papa ist ganz aufgekratzt. Denn auch die zweite Mama wird da sein. Was Annuccia, wie sie liebevoll auch genannt wird, und ihren Bruder nicht gerade in Verzückung geraten lässt. Denn die zweite Mama ist streng, hart, fast schon gefühllos. So kommt es den beiden Teenagern vor.

Ab und an dröhnen über ihren Köpfen die Kampfgeschwader der Alliierten, es ist Sommer 1943 und in der Welt herrscht Krieg. Lapidare Wünsche verpuffen in der Gischt des rauschenden Meeres. Nicht unentdeckt bleiben die gierigen Blicke der Männer – jedweden Alters. Anna sieht sich in einem Spießrutenlauf wieder, dem sie nicht entkommen kann. Anzügliche Bemerkungen wischt sie beiseite. Das Antatschen ist bedeutend unangenehmer. Sie weiß sich aber nicht zu wehren.

Sie ist in erster Linie froh dem strengen Reglement und Regiment der Nonnen für eine zeitlich begrenzte Weile entkommen zu sein. Es gibt Eis, Papa ist liebevoll, ihr Bruder ist immer an ihrer Seite. Selbst der Krieg um sie herum scheint für die Ferienzeit zu pausieren. Anna ist hungrig. Hungrig nach dem Leben. Das Kind Anna war einmal. Ohne es laut auszusprechen, beginnt Anna sich wie eine Frau benehmen zu wollen. Sie weiß gar nicht, was das bedeutet. Umso bedeutsamer ist es auf eigenen Beinen die ersten wackligen Schritte zu unternehmen.

Doch so mancher Erwachsener (maskulin) sieht in ihr mehr … als das junge Mädchen, das die Welt erkunden will. Und sei diese Welt am Strand von Savoia auch schon geographisch am Ende…

Dacia Maraini legte mit „Tage im August“ ein furioses Debüt hin. 1962 war das. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Viel Zeit für Veränderungen. Begriffe wie Emanzipation und Selbstverwirklichung sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Die Thematik ist immer noch eine Problematik. Zu junge Mädchen, zu alte Männer, zu viel von all dem, was nicht gut ist im Miteinander. Und das ist nur die Oberfläche, an der dieser Roman zuerst kratzt und im Laufe immer tiefer in Fleisch ritzt. Ferragosto, spiaggia vacanza, gelato, dolce vita – si!, mehr davon. Für Annuccia, wird es ein Sommer, der sie prägen wird.

Dacia Maraini verarbeitet in diesem Roman einen Teil ihrer eigenen Jugend, ihrer Erfahrungen im heimischen Palermo und am Badeort Mondello. Da sie während des Schreibens in Rom lebte, verfrachtete sie die Handlung in die Nähe der Hauptstadt. Was allerdings für die Geschichte an sich keine Rolle spielt. Bis heute ist „Tage im August“ aktuell und immer wieder lesenswert.

Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Die Herrinnen des Mondes

Es war der 4. August 1984 als Oman auf der Weltkarte endgültig sein Alleinstellungsmerkmal bekam. Es war der Tag, an dem sich das westafrikanische Obervolta in Burkina Faso umbenannte, und Oman nun das einzige Land war, dessen Name mit einem O beginnt. Es war aber eine Nachricht, die in den Gazetten nicht auf Seite Eins erschien. Es war sicher auch nicht der Tag, an dem Oman einzigartig wurde. Einzigartig wurde Oman wohl erst mit diesem Buch! Große Worte, ja. Aber, schon auf den ersten Seiten erfährt man mehr über Oman als aus so mancher Reisebroschüre. Jokha Alharthi bekam dafür als erste arabische Frau den Booker Prize, sie war die erste Omani, die ins Englische übersetzt wurde. Und nun auch ins Deutsche.

Es ist die Geschichte von Drei Schwestern: Chaula, Asma und Mayya. Letzte ist eine geschickte Näherin. Sie betet brav. In ihren Gebeten bittet sie Gott ihn noch einmal sehen. Ihn, den Unbekannten. Nur sehen will sie ihn. Nicht sein Gesicht ist ihr wichtig, sie will ihn einfach nur sehen. Doch dann platzt der Antrag vom Sohn des Händlers Sulayman in die Idylle. Mayya hat noch keinen Gedanken ans Heiraten verschwendet. Klar, mit ihren Schwestern hat sie darüber gesprochen, was sie in einem Buch gelesen haben. Sie haben gelacht und sich eine Zukunft in groben Zügen ausgemalt. Doch nun geht es Schlag auf Schlag. Keine Luft zum Atmen. Hochzeit, Kind, Ehe. Die Szene der Geburt der schmächtigen Tochter lässt die Erwartungen der Eltern (und wahrlich: Beide haben ganz unterschiedliche Erwartungen an den Nachwuchs!) bildhaft erscheinen. Der eigentliche Geburtsvorgang wird Manche überraschen: Die Vorurteile gegenüber Geburten in Krankenhäusern – christlichen Krankenhäusern, im Liegen etc. – sorgt für die ersten Aha-Momente im Buch. Und dass Mayya ihr Kind London nennen will, sorgt vielleicht für ein Schmunzeln. Für die Familie Mayyas ist es weitaus mehr.

Mayyas Geschichte, die Lebensläufe ihrer Schwestern, ihrer Vorfahren und ihrer Nachkommen stehen exemplarisch für den rasanten Wandel Omans. Bis in die 60er Jahre war hier nicht viel mehr als Sand. Die reichhaltige Kultur – schon vor einem halben Jahrtausend gingen hier die Portugiesen vor Anker und betrieben regen Handel – war ein verborgener Schatz. Mit dem Erdöl und der damit verbundenen industriellen Veränderung, ging ein Ruck durch Land und Leute, der von dem, was einst war, kaum noch Spuren offen ließ.

Wer meint, dass Oman sich allein über die örtlichen Benzinpreise einen Namen macht (der Preis für einen Liter ist derart gering, dass man in Deutschland dafür kaum etwas im Supermarkt bekommt außer einem Stück Frischhefe), der wird in „Herrinnen des Mondes“ einer kulturellen Offenbarung gegenüberstehen. Schonungslos und liebevoll beschreibt Jokha Alharthi die Wandlung eines Landes über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten. Alte Traditionen werden erhalten, dafür sorgt schon der Landesvater. Gleichzeitig wird der Reichtum, der unter der Erde liegt mit dem Rest der Welt zu teilen sein. Was bedeutet, dass Traditionen auf vermeintlichen Fortschritt trifft. Die Benennung der Tochter nach dem monetären Moloch ist da nur der Anfang. Wer „Herrinnen des Mondes“ gelesen hat, ist mit der omanischen Kultur besser vertraut als jeder Pauschaltourist, der das Land besucht.

50 Museen in Wien, die Sie gesehen haben müssen

Wien ohne Museumsbesuch ist möglich, aber … irgendwie auch wieder nicht. Die Stadt atmet an jeder Ecke royale Geschichte aus. Man kommt nicht umhin, doch mal die Nase in das eine oder andere Museum zu stecken. Man muss sie ja auch nicht suchen.

Allen voran die Albertina. Das Museum für alle, die vor allem vor Gemälden tief in sie eindringen können. Zentral gelegen, ist das Museum nicht nur Regenschutz an Schmuddeltagen, sondern und vor allem ein Augenschmaus für jedermann. Allein schon Monets Seerosen fesseln so manchen Durchgangsbesucher für etliche Minuten.

Gleich um die Ecke wird’s übersichtlicher – die Albertina kann auf einen Fundus im siebenstelligen Bereich zurückgreifen. Das Globusmuseum mag um einiges kleiner sein, doch die elegante Präsentation in den teils deckenhohen Vitrinen lässt Fernweh aufkommen. Und im Erdgeschoss ist die gesamte Welt versammelt. Denn befindet sich das Esperanto-Museum. Erstaunlich wie präsent die künstliche Weltsprache sich darstellen lässt.

Was wäre Wien ohne kaiserliche Pracht?! Nicht zu übersehen sind das Kunst- und das Naturhistorische Museum. Prachtbauten, die traditionelle Darstellung der Objekte im modernen Gewand vereinen. Beide gehören zu Wien wie Donau und Schnitzel.

Dieser Museumsband verbindet informativ und sehr gut handhabbar das Offensichtliche, Bekannte mit dem leicht versteckten. Wer weiß schon, dass Wiener Aktionismus und ein Kindermuseum (wo nun wirklich niemand meckert, wenn man Kunst anfasst) ebenso zum Stadtbild gehören wie Uhrenmuseum und Illusionen, die einen fast vergessen lassen, dass man sich in einem Museum befindet – sofern man dies möchte.

Wer Wien schon kennt, war garantiert schon in einem der zahlreichen Museen. Sie gehören einfach zu einem Wientrip dazu. Doch die kleinen, versteckten Kleinode machen diesen handlichen Band zu einem unverzichtbaren Begleiter. Und oft ist es erstaunlich nah bis zum nächsten Schauerlebnis. Die klare Gliederung und die kurzen ausreichenden Infos zur weiteren Recherche sind ein echter Anker auf dem voller Attraktionen steckenden Wiener Pflaster.

Vieles hat man vielleicht schon mal gehört, doch so recht weiß man dann doch nichts darüber. Die Texte im Buch sind Ratgeber, Appetitmacher und Wegweiser in Einem. Von Kaffee über Militärgeschichte bis zu Musik – auch hier gilt wieder: es geht nicht ohne! – ist alles dabei. Stellt sich nur die Frage wie viele Museen schafft man in einem Urlaub? Wie viele Besuche sind nötig, um Seite für Seite aus dem Buch zu besuchen? Denn eines steht fest: Man will sie alle sehen!

Dog Star

Blackie ist weg und mal wieder da. Weg aus der Besserungsanstalt. In der war er, weil … ja, das ist erstmal unerheblich. Jedenfalls ist er weg. Einfach so. Schnappt sich seine Gitarre und läuft los. Immer der Sonne entgegen. Was so poetisch klingt, ist einfach nur eine Wegbeschreibung. Er springt auf einen LKW. Lässt sich treiben. Um der Poesie dieses „sich die Freiheit um die Nase wehen zu lassen“ noch mehr die Intensität zu klauen, lässt Donald Windham die zärtlichen Versuche mit der Gitarre ein wenig Romantik aufkommen zu lassen im Ruckeln des LKWs ersticken.

Blackie will heim. Heim bedeutet für ihn allerdings nur dorthin zu gehen, wo seine Mutter wohnt. Die ist sichtlich überrascht ihn zu sehen. Fragt aber auch nicht weiter nach, was ihn wieder zurücktreibt. Die Besserungsanstalt anzurufen, um den Verlust der Einrichtung als Bereicherung ihres eigenen Lebens zu erklären, kommt ihr aber nicht in den Sinn. Blackie ist halt wieder da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Whitey ist der Grund warum Blackie ausgebüchst ist. Whitey, der Junge, der allen Respekt einflößte. Groß, stark, durchsetzungsfähig. Das hat Blackie imponiert. Doch Whitey – wer’s immer noch nicht kapiert hat: Gegensätze ziehen sich an. In diesem Fall in jeder Hinsicht – war mehr als nur ein Leidensgenosse in der Besserungsanstalt.

Und nun ist Blackie zurück. Heimatliche Gefühle kommen gar nicht erst auf. Alles um ihn herum scheint in Gleichgültigkeit zu versinken. Empathie, Zuneigung oder gar Liebe ist vollkommen aus dieser trostlosen Gegend verbannt. Kindheitserinnerungen als ausgelassene Spiele draußen – drinnen gab’s ja nichts, an dem man sich erfreuen konnte! – sind blasse Reflexionen einer Zeit, die es nie zu geben schien. Blackie ist wie ein Gast ohne Attribute. Willkommen oder nicht willkommen spielt keine Rolle. Er ist da. Und damit muss es auch reichen. Wer ihm Liebe entgegenbringt, wird von ihm mit Gefühlskälte zurückgegrüßt. Blackie will nur eines: Ein Leben führen. So mit Job und so. Mit Haus und so. Mit Anhang? Naja, vielleicht.

Donald Windham zeichnet ein Bild einer emotional verkümmerten Umgebung und Gesellschaft. Alle, was an Gefühlen zur Sprache kommt, ist kein Werben um Zuneigung, sondern um Anerkennung. Niemand schient in der Lage zu sein sich selbst zu erkennen. Es geht nur darum irgendwie irgendeinen Platz zu finden. Das Glück ist eine launige Diva. Das hat Blackie längst erkannt. Auch wenn er es sicher nicht so poetisch ausdrücken würde. Sein Funken Hoffnung ist die Tatsache, dass er sich noch nicht ganz aufgegeben hat. Er will vorankommen. Warum und wie, das ist ihm schleierhaft. Festgefahrene Strukturen geben ihm den Halt, der er nicht zu finden wagt. Das Buch erschien in einer Zeit, in der der „Fänger im Roggen“ die Literaturszene gehörig durchschüttelte. „Dog Star“ stößt nicht ins selbe Horn, sondern ist in seiner nur oberflächlichen emotionalen Verkümmertheit viel intensiver.

Zwei Menschen

Was ein Urlaub?! Mehrere Monate Rom. In den 60ern. Als Amerikaner. Forrest und seine Frau genießen die Zeit in der Ewigen Stadt … nicht. Nicht im Ansatz! Sie nörgelt, er lässt es zu. Es gibt keinen Grund, keine gründe für den Streit, den anhaltenden Zwist. Sie reist ab. Er ist … irgendwas zwischen konsterniert und erleichtert. Wobei Letztes doch die Oberhand gewinnt. Sie reden noch miteinander. Schreiben sich. Sie hält ihn über den Stand der Familie – sie haben zwei Töchter – auf dem Laufenden. Doch mehr ist da nicht (mehr).

Forrest war Broker in New York, stammte aus dem Mittleren Westen. Für ihn war New York mit all seinem Trubel die große weite Welt. Jetzt streift er durch Rom. Sitzt in Cafés, beobachtet Leute. Auch einen Jungen. Der ist ihm schon einmal begegnet. Er hat ihn schon einmal gesehen. Hier kommt Donald Windhams unglaubliches Gefühl für Sprache mit voller Wucht zum Einsatz. Er könnte jetzt eine herzzerreißende, von unerfüllten Sehnsüchten zerfleischende Gier heraufbeschwören oder sich in endlosen Gefühlsduseleien ergehen. Er belässt es bei fast nüchterner Betrachtung. Forrest spricht den Jungen an. Nimmt ihn mit…

Marcello ist Siebzehn. Ein Alter, in dem die Welt ihn nicht versteht. Die Welt ist in allernächster Nähe vor allem sein Vater. Er ist der Ernährer der Familie und bestimmt somit alles. Alles! Ein Patrone reinsten Ausmaßes. Die verständnisvolle Mama tut, was in ihrer Macht steht, um ihrem Nachwuchs die Auswüchse dieser Macht hinfortzufegen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Bildung für die Mädchen und Arbeit für den Sohn: Nein und Ja. So sieht es im Leben der jungen Heranwachsenden aus.

Auch Marcello irrt durch die Stadt. Party hier, Party da. Und den Kopf voller Pläne. Und vor allem voller Fragen.

Auch wenn Forrest und Marcello zig Jahre trennen, so trommeln diese Fragen wie ein steter Hammerschlag gegen alles, was lärmt. Es wird ein Jahr, das ihnen die Augen öffnen wird. Türen werden sich öffnen. So mancher Schleier wird durchlässiger. Happy end inklusive.

Donald Windham ließ sich Zeit zwischen seinem Erstling „Dogstar“, der einschlug wie eine Bombe und selbst Thomas Mann zu Schwärmereien hinreißen ließ. Mitte der 60er Jahre barg auch diese Storyline um einen verheirateten Strohwitwer abroad und einem sinnsuchenden Teenager Zündstoff für eine skandalträchtige Betrachtung. „Zwei Menschen“ ist so neutral verfasst, fast komplett befreit von jeglicher Emotionalität auf den ersten Blick, dass Kritiker von vornherein mundtot gemacht wurden. Es sind „nur zweihundert Seiten“. Doch jede Seite berauscht den Leser auf wundersame Weise.

Anderswo atmet man, hier lebt man

Wie war das noch, damals, in Paris? Oder: Wie war das damals in Paris? Isolde Ohlbaum war – damals – in Paris. Als Au pair. Saugte die französische Lebenskultur und mit ihr die alles überstrahlende Hauptstadt auf. Doch nicht der Eiffelturm und die Prachtboulevards sind ihr vor allem in Erinnerung geblieben. Es sind die Spaziergänge, die Lesenachmittage, die Kinoabende, die ihr im Gedächtnis geblieben sind. Das viel strapazierte Wort von Freiheit trägt sie nicht wie eine Fahne vor sich her. Sie hat sie erlebt, diese liberté.

Ihre Fotos lassen Träume erstehen. Entspanntes Leben wohin das Auge blickt. Und dann diese Kurzportraits! Menschen, die Frankreich präsentieren. Erinnerungen an Frauen und Männer, die die französisch-deutsche Freundschaft symbolisieren wie nur wenige. Wilhelm Hausenstein zum Beispiel. Generalkonsul in Paris, von Adenauer ernannt, von den Nazis verbannt. Er ebnete unter anderem mit den Weg zu der Versöhnung von Deutschen und Franzosen.

Es sind die kurzen Absätze, die – zusammen mit den Portraitfotos und den Stadtansichten – ein Bild der Traumstadt Paris zeichnen, das so nachhaltig in den Köpfen der Leser haften bleibt. Es sind mehr als nur bloße Erinnerungen an Zeiten, die uns in Schwarz-Weiß träumen lassen. Es sind Alltagsszenen voller Eleganz und Nostalgie. Isolde Ohlbaum hat die unruhigen Zeiten der späten Sechsziger miterlebt. Und damit sind nicht die Straßenschlachten gemeint. Die Nouvelle vague war ihr näher als die Demonstranten. Weil hier wahrhafte Veränderungen nachhaltig gestaltet wurden. Steine werfen kann jeder. Veränderungen anstoßen und weiterzuverfolgen, dazu braucht man Courage und Ideen. Die fand sie in den Kinos und den Schriften. Den Verfassern dieser Schriften ist dieses Buch ebenso gewidmet wie denen, die immer noch träumen wollen.

Ein kleines Buch, das in seiner Einzigartigkeit jedem vom Stuhl in den Parks von Paris haut. Und das bis heute!