Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Reise nach Argentinien

Reise nach Argentinien

Ein Buch über Argentinien zusammenstellen, mit Texten, die das Land charakterisieren sollen – den meisten würden überhaupt nur ganz wenige Themen einfallen, die darin besprochen werden sollten. Männern fallen bei dem Namen Argentinien nur fünf Worte ein: „Lionel“, „Messi“, „Diego“, „Armando“ und „Maradona“. Frauen kommen als erste die lasziv-erotischen Bewegungen des Tangos in den Sinn. Erst nach und nach lichtet sich der geistige Schleier und so manche Erkenntnis á la „ach das gehört ja auch dazu“ bricht sich ihren Weg ins kollektive Gedächtnis. „Reise nach Argentinien“ ist insofern eine Erweckungsreise der vergessenen Gedanken.

Der Mate-Tee, dieser für unsere Gaumen zuerst bittere und dann immer noch gewöhnungsbedürftige Aufguss, den man aus seltsam geformten Gefäßen zu sich nimmt, gehört zu Argentinien wie die Lederhose zum Oktoberfest. Fast schon symbiotisch nuckeln die Argentinier bei jeder Gelegenheit an ihrer Bombilla und schlürfen die Yerba aus ihrer Kalebasse. Übrigens wird einem Fremden gern mal ein Schluck angeboten. Alle trinken dann aus einem Gefäß – also nicht einfach ablehnen. Wenn einem Mate-Tee angeboten wird auch nicht einfach „danke“ sagen. Der „Aufgießer“, der hier Cebador heißt, denkt dann, dass man keinen Mate mehr möchte. Und dann entgeht einem etwas …

Ein zart gegrilltes Stück Rinderfleisch, auf den Grill langsam die Aromen entlockend – auch das ist Argentinien. Fast scheint es so als ob Steaks nur am südlichen Ende Amerikas so richtig gut schmecken. Hier wurde die Grillkultur, die einst von den Spaniern eingeführt wurde, perfektioniert.

Schon auf den ersten Seiten des Buches merkt man recht schnell, dass das eigene Bild von Argentinien verzerrt und äußerst dürftig ist. Herausgeberin Eva Karnofsky leistet ab der ersten Seite ganze Arbeit. Bis zum Ende des Buches, das leider viel zu früh kommt, überraschen ihre ausgesuchten Texte durch eine beeindruckende Themenauswahl und die Brillance der Autoren. Wenn das unvermeidliche Ende (des Buches) dann gekommen ist, ist man erst einmal traurig, dass es so weit kommen musste. Doch dieser Moment wird durch das enorme Wissen um ein Land, das doch so weit von unserem entfernt liegt, einfach beiseite gewischt. Die Reisevorbereitungen können nun anlaufen. Man ist gerüstet für das Abenteuer Argentinien.

Es geht bunt zu in Argentinien, das beweist nicht nur das Titelbild, sondern auch jede einzelne Geschichte des Buches, das man lesen muss, will man Argentinien bewusst erleben.

Auf ins Friaul

Auf ins Friaul

Wer sich nicht so recht entscheiden kann, wohin es im Urlaub gehen soll – die ewige Frage: Berge oder Meer? – für den ist das Friaul ein echtes Urlaubsparadies. Denn hier gibt es beides: Berge und Meer. Rudi Palla nimmt den Leser auf eine Entdeckungsreise durch das italienische Friaul, eine Region, die nur wenigen als erstes in den Sinn kommt, wenn Italien aufgetischt wird. Eine fast schon vergessene Region. Doch wer vergisst, tut dem Friaul unrecht.

Das Friaul bildet das Bindeglied zwischen Venedig und Slowenien. Und nicht nur im geographischen Sinne. Auch kulinarisch. Zwanzig originale friaulische Rezepte bilden die Kapitelabschlüsse. Wem da nicht das Wasser im Munde zusammenläuft… Fagottini pipieni di patate e porcini – Teigtaschen mit Kartoffel-Steinpilzfüllung. Klingt schon nach Italien. Deftig und leicht zugleich. Ja, das Friaul ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Auf den zweiten Blick ist es doch eine Vielfalt, die einen in ihren Bann zieht.

Fünfundfünfzig Mal tut sie das in diesem Buch. Acht traumhafte Reisen im Friaul mit einer wahren Flut an Reisetipps. Allesamt in einem verführerischen Text eingebettet. Jeder Hinweis ist nummeriert und katalogisiert, so dass man sofort weiß, handelt es sich um eine Sehenswürdigkeit, ein Museum oder ein lohnenswerter Ort der Einkehr.

„Auf ins Friaul“ ist eine ideale Ergänzung zu einem klassischen Reiseband, denn die Reihe „Auf ins …“ verbindet Reisebuch und –beschreibung auf wunderbar einfache Weise. Gespickt mit historischem Wissen, etwa über das antike Aquileia, und erlesenen Ausflugstipps wirkt dieses Buch und die anschließende Reise noch lange nach.

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Und da denkt man – immer wieder – dass man schon alles gelesen hat. Beziehungsweise zu jedem Thema ein Buch benennen kann. Weit gefehlt! Pierre Bayard hat eine echte Marktlücke entdeckt. Er schreibt über Menschen, die über Orte schreiben, an denen sie nie gewesen sind.

Ein Ratgeber für Angeber? Nein! Denn er zeigt lediglich auf, welch famose Blender die Weltliteratur bereichert haben. In unseren Breiten ist dafür Karl May wohl der Bekannteste.

„Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ bereichert trotz der Fake-Attitüden der besprochenen Autoren jeden Bücherschrank. Denn ihre Reiseerzählungen beflügelten und beflügeln – immer wieder – unsere Phantasie. Marco Polo ist nach Bayards Meinung nie über Venedig hinausgekommen. Vielleicht noch bis Konstantinopel. Aber da war dann auch Schluss mit der Reiserei. Und dennoch war Marco Polo bis vor einigen Jahrzehnten federführend, wenn es um kulturelle Erklärungen Chinas ging. Das konnte auch die Kulturrevolution eines Mao Tse-tung nicht verhindern.

Die elegante Aufmachung des Buches zielt in erster Linie auf Leser, die Ironie verstehen und die inneren Werte eines Buches zu schätzen wissen. Er deckt Wissenslücken und Fehler der Autoren auf, die dem flüchtigen Leser nie auffallen würden bzw. als künstlerische Freiheit abgetan werden könnten. Wer reist, will erzählen. Manche wollen aber nur erzählen, dass sie gereist sind. Sie benötigen Wissen in rauen Mengen. Dieses Wissen ist dank einer gigantischen Menge von Reiseberichten in einer schier unendlichen Vielzahl verfügbar. Klar, dass sich so mancher hier und da bedient – es muss ja nicht immer gleich eine Doktorarbeit sein… Dank Pierre Bayard werden wir Leser in Zukunft so manches Buches noch einmal aus dem Schrank holen und unter den neu gewonnenen Aspekten in einem völlig neuen Licht lesen. Aber – und das ist der eigentliche Nährwert des Buches – wir werden zum nochmaligen nachhaltigen Lesen angehalten.

Dieses kurzweilige Buch liest sich spannend wie ein Krimi, weil Bayard detektivisch die Ungereimtheiten aufdeckt. Dieses Buch liest sich flüssig, weil Bayard es versteht den Leser ab der ersten Seite zu packen, denn er vermeidet die Autoren bloßzustellen. Sie sind in seinen Augen keine vorsätzlichen Lügner. Sie schmücken ihre (literarisch / erreisten) Erfahrungen einfach nur ein bisschen aus. Aufhübschen ist das Zauberwort. Und dieses Buch ist ein wahres Kleinod im Wust der Reiseberichte. Denn Bayard vergisst keine Fußnote, keine Quellenangabe – alles ist nachvollziehbar: Egal ob er von einem unbekannten Ort, einem überflogenen Ort, einem erwähnten Ort oder einem vergessenen Ort spricht.

Kondor und Kühe

Kondor und Kühe

So eine Reise wird es nie wieder geben: Am 20. September 1947 bricht Christopher Isherwood zu einem seiner größten Abenteuer auf. Nicht im Stile Hemingways begleitet er den Kontinent Südamerika, vielmehr ist er ein Beobachter, dem es fern liegt selbst ins Geschehen einzugreifen. William Caskey ist sein Begleiter und der Fotograf. Seine Bilder verleihen dem Buch die Authentizität.

Unglaubliche sechs Monate – wer hat schon so viel Urlaub – bereisen die beiden die Karibik, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Bolivien, und als sie endlich Argentinien erreichen, haben sie mehr erlebt, als manch anderer in seinem gesamten Leben.

Auffallend ist die für die Zeit typische Fixierung auf Religion und deren Ausübung. Dass Isherwood für heutige Verhältnisse manchmal über das Ziel hinausschießt (Was bitteschön ist „jüdische Gemütlichkeit“?), verzeiht man ihm, da er niemals beleidigend wirkt. Christopher Isherwoods „Kondor und Kühe“ ist mehr als nur eine lebendige Auflistung der bereisten Orte am anderen Ende der Welt. Es ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der vorherrschenden Bedingungen.

Die Vielfalt der Kunst in Kolumbien, Quito, das seine Besucher einfach nicht wieder loslassen will oder der enorme Fleischverbrauch der Portenos, der Einwohner von Buenos Aires: Isherwood nimmt alles friedvoll zur Kenntnis und berichtet teils überschwänglich, teils emotionslos. Was dabei herauskommt, ist ein grandios zu lesendes, in seiner Detailtreue unübertroffenes und einzigartiges Reisebuch, das man vielleicht nicht unbedingt vor Reiseantritt gelesen haben muss. Dann fehlt aber garantiert ein ordentliches Stück Verständnis auf der Reise durch diesen faszinierenden Kontinent.

Die seltsamen Gestalten einer Kreuzfahrt scheinen sich in den vergangenen fast siebzig Jahren kaum verändert zu haben. Ihre Skurrilitäten ähneln sich – Isherwood ist schon öfter zur See gefahren, aber noch nie sind ihm die Eigenarten der Passagiere so sehr aufgefallen. Als er das Festland erreicht, ist er immer noch beeindruckt von der Schiffspassage. Dennoch findet er stets die passenden Worte für die Naturschönheiten Lateinamerikas. Er trifft Menschen von früher und immer wieder neue Freunde. Korruption und Trägheit fallen ihm als Hemmnis für Fortschritt (und Wohlstand) immer wieder auf. Je länger die Reise dauert, desto öfter fallen ihm politische Zusammenhänge in all ihren Schattierungen auf. Und desto politischer werden auch seine Ausführungen.

Das Reisetagebuch „Kondor und Kühe“ gehört zu den Büchern, die man immer wieder aus dem Schrank holen wird. Es hält ein Südamerika fest, dass man so nicht mehr erleben kann, nur vereinzelt blitzt die Tradition unter der vereinheitlichten Oberfläche hervor. Christopher Isherwood trägt mit seinem Buch zum Erhalt von Erinnerungen bei, in dem er sechs Monate der Jahre 1947 / 48 für die Nachwelt festgehalten hat. Allein dafür gebührt ihm ewiger Dank.

Quintana Roo

Qintana Roo

Quintana Roo – das klingt nach … ja wonach denn? Exotik. Ein Hauch Ungewöhnliches, Fremdes, Althergebrachtes. Wer googelt, wird überrascht sein. 1974 trat Quintana Roo als letzter Staat Mexiko bei. Klingt gar nicht mehr so spannend. Ist es aber. Und zwar in den Kurzgeschichten des Autors James Tiptree Jr. Und schon nehmen die Vielschichtigkeit und das Verwirrspiel ihren Lauf. Denn der Autor James Tiptree Jr. ist oder war die Autorin Alice B. Sheldon. Das Geheimnis um „den Autor“ und die knackigen Geschichten wurde schon zu ihren Lebzeiten gelüftet.

Die Geschichten in  „Quintana Roo“ spielen natürlich alle in Mexiko im gleichnamigen Bundesstaat. Dort lebt ein geheimnisvolles Volk, das sich nur schwer mit dem Fortschritt anfreunden kann. Jede einzelne wird vom Nebel der Phantasie umhüllt, den es zu durchdringen gilt. Dem Leser wird einiges zugemutet. Er muss konzentriert lesen, auch zwischen den Zeilen. Klare Darstellungen wiegen sich im Wechselspiel mit mystischen Schilderungen. Die Ebenen schlagen wie Wellen mit schäumender Gischt übereinander, dass der Leser im Wortschwall fast zu ertrinken droht.

Im Septime-Verlag sind bereits vier weitere Bände mit Kurzgeschichten der Autorin und eine Biographie erschienen, weitere Bände folgen. Wer Science-fiction mag, kommt an James Tiptree Jr. nicht vorbei. Genauso wer sich für fremde Kulturen im Rahmen der Belletristik begeistern kann. Doch man muss sich völlig darauf einlassen können. Wer die kleinen Büchlein „nur mal eben so“ lesen will, stößt schnell an die Grenzen des Verständnisses. Die einheitliche Umschlaggestaltung weist schon auf das Sammelpotenzial hin: Die gesamte Tiptree-Reihe ist nicht nur eine Zierde für jeden Bücherschrank, sondern auch für die kleinen grauen Zellen. Und „Quintana Roo“ gehört in jeden Bücherschrank irgendwo zwischen lateinamerikanischer Folklore, Fantasy und Science fiction. Egal, wo man es ablegt, das Werk von James Tiptree Jr. macht Spaß und beflügelt unsere Phantasie.

Auf ins Weinviertel

Auf ins Weinviertel

Auf ein Viertel Wein ins Weinviertel? Aber gern doch! Doch es wird nicht bei dem Viertel Wein bleiben. Denn der Weinkeller bzw. das Weinviertel hat mehr zu bieten als dass es während eines Viertels Wein zu besprechen wäre.

Eva Rossmann und Manfred Buchinger wandern durch die Gegend nördlich von Wien und erzählen von dem, was ihnen begegnet. Herauskommt ein Reiseführer ganz ohne Allüren und voller Geheimtipps. Denn sie listen nicht einfach nur auf, was man wann und wo erlebt haben muss, sondern sie erzählen es wie im Gespräch mit einem Freund.

Sie wandern und plaudern scheinbar einfach drauf los. Und so ganz nebenbei zeigen sie nach links und rechts des Weges und erklären, was es da so zu erkunden gibt. Wichtige Sehenswürdigkeiten, gastronomische Tipps und historisch Wichtiges werden mit Symbolen hervorgehoben.

Fünfundfünfzig Verführungen warten auf den neugierigen Leser, die seine neuen Freunde – die Autoren – parat halten. Fünfundfünfzig Mal Kulinarik, fünfundfünfzig Mal Geschichte(n), fünfundfünfzig Mal Weinviertel mit all seinen Bewohnern, ihren Spleens und ihren Traditionen.

Ein Veltliner am Wegesrand fällt immer ab. Denn hier ist der typisch österreichische Wein zuhause. Hier wird das Glasl noch zelebriert. Die Autoren verstehen es meisterhaft dem Leser den Mund wässrig zu machen.

Eva Rossmann ist Journalistin und Gastgeberin der ORF-Talkshow „Club  2“ sowie die Autorin der erfolgreichen Krimireihe um Mira Valensky. Manfred Buchinger ist mehrmals ausgezeichneter Koch mit Erwähnungen im Guide Michelin und Gault Millau. Kochen und Reisen: (und darüber erzählen) bei den beiden mehr als nur eine Leidenschaft. Hier treffen pointierte Erzählweise und lukullisches Fachwissen in vollendeter Form aufeinander.

So wird der Literarische Spaziergang zwischen Sachertorten-Metropole und ehemaligem Eisernen Vorhang zum Ausflug mit Freunden, die gern über ihre Heimat erzählen.

Le Perigord

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Asiaten sind höfliche Menschen – Nordkorea erklärte erst kürzlich seinem Schwesterstaat den Krieg. Araber sind die geborenen Gastgeber – wer im Iran militärische Einrichtungen fotografiert, lebt mehr als gefährlich. Die Menschen im Périgord leben wie Gott in Frankreich – ja, stimmt. Nicht jedes Vorurteil stimmt automatisch. Doch, wer Katja Richters Buch über eine der natürlichsten Regionen (schon wieder ein Vorurteil) liest, kann zu gar keinem anderen Ergebnis gelangen.

Hier ist die Wiege von laissez-faire, savoir-vivre und Leben wie Gott in Frankreich. Alle Männer tragen ein Barrett mit Schnurrbart und sagen den ganzen Tag: „Oui, excellent!“. Alles Vorurteile, die nicht stimmen. Außer vielleicht das mit dem savoir-vivre…

Allein das Kapitel „Markttreiben“ lässt einem schon beim ersten Durchlesen – man muss dieses Buch einfach mehrmals lesen – das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die angebotene Vielfalt, die sorgsam arrangierten Güter, der einzigartige Geschmack – all das versteht Katja Richter einzufangen und zu vermitteln. Immer an ihrer Seite: Die Möpse. Kleine (mops)fidele Vierbeiner, denen das vulkanische Land als großes Spielparadies vorkommt. Sie entdecken jeden Tag was Neues, genauso wie Frauchen und Herrchen, die sich vor Jahren hier eine zweite Heimat schufen.

Nicht zuletzt durch die erfolgreichen Bruno-Krimis von Martin Walker erlebt das Périgord eine Art Renaissance. In den Achtzigern verspeisten wir Frischkäse „mit Kräutern aus dem Périgord“ und fragten uns, wo das denn sei. Danach wurden Atlantikküste und Mittelmeerraum interessanter. Fast schien das Périgord in Vergessenheit zu geraten. Erst nach und nach wird dieses grüne Paradies aus seinem Dornröschenschlaf erweckt (wieder so ein Vorurteil – die Zeit blieb hier niemals stehen).

Die im Untertitel beschriebene Bekanntschaft mit dem Périgord wird sich in Windeseile zu einer innigen Liebe nur mit Höhen entwickeln. Die einst unbekannte Begehrte wächst einem ans Herz, so dass man sie nie mehr loslassen möchte. So erging es auch der Autorin, die nun dort mit Mann, Möpsen und allerlei Tieren lebt. Zum Glück lässt sie uns ein stückweit an dieser Liebe teilhaben.