Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Jeden Abend Captain’s Dinner

Jeden Abend Captain's Dinner

Eine Kreuzfahrt steht auf so ziemlich jedem Wunschzettel eines Reisenden. Durch den gigantischen Anstieg an Angeboten, ist der Reiz des Exklusiven, des Unverwechselbaren fast schon verflogen. Neue Ideen müssen her. Zum Beispiel mal mit einem Frachtschiff Nord- und Ostsee bereisen. Brigitte Karin Becker ist diesen Weg gegangen. Und sie hat es nicht bereut.

Obwohl sie sich erst einmal in die raue Welt der noch raueren Seebären eingewöhnen muss, verliebt sie sich prompt in diese Art zu reisen. Von Hamburg nach Göteborg nach Helsinki nach Rotterdam nach Felixstowe in England – das sind ihre Sehnsuchtsrouten. Da sie immer wieder auf den gleichen Schiffen „anheuert“ bzw. mitreist, kennt sie inzwischen die Crew. Und ihre Marotten. Sie lernt schnell, dass man sich den Respekt der Besatzung zwar nur schwer aber dennoch erarbeiten kann.

Hier begrüßt sie keine schön geföhnter Sascha Hehn, hier stemmen sich kantige Kerle in den Wind und ihr in den Weg. Hier wird nicht von elegantem Villeroy-Und-Boch-Porzellan mit blitzeblankem WMF-Besteck gespeist, hier sieht man noch Wochen später, was es vor einigen Monaten zu essen gab. Und wenn das Geschirr einen Sprung hat … na und. So lange der Kaffee noch im Becher bleibt, geht’s.

Doch es sind auch nicht die harten Sitten eines Kapitän Blighs, der grundlos mal einen Matrosen Kiel holen ließ. Die Zeiten sind vorbei. Heute bestimmt babylonisches Sprachengewirr den Alltag an Bord. Unfälle und kleinere Reibereien gehören zur Tagesordnung wie die eintönigen Routen übers Meer.

Hier ist kein Platz für Romantik, dafür sind die Kerle auch nicht gemacht – dann hätten die auch einen anderen Beruf. Abwechslung bietet sich nur in Häfen. Doch die und die Sehenswürdigkeiten der Hafenstädte sind den hart arbeitenden Kerls an Bord genauso fremd wie allgemein gültige Verhaltensregeln.

Brigitte Karin Becker nimmt diese scheinbaren Strapazen gern auf sich. Genau beobachtet sie, sie urteilt nicht. Dass sie eine gewisse Zuneigung bzw. Verständnis für den einen oder andere Seebären entwickelt, stört die Reportagen in keinster Weise. Harte Kerle, raue See und Sehnsüchte schließen sich hierbei keineswegs aus. Die Autorin versteht es auf die einzelnen Charaktere, seien sie auch noch so einzigartig einzugehen. „Jeden Abend Captain’s Dinner“ ist eine Liebeserklärung an die raue See und die Männer, die dort tagtäglich ihrer harten Arbeit nachgehen. Reisen auf Frachtschiffen ist eine echte Alternative zur 24-Stunden-Bespaßungsmaschinerie der Neuzeit. Der Weg ist das Ziel. Und dieses Buch macht Lust auf Abenteuer, die es schon fast vergessen schien.

Mein Sizilien

Mein Sizilien

Wäre Sizilien ein Eisbecher, so wäre dieses Buch der Eislöffel. Man könnte das Eis auch ohne Löffel schlecken, aber nicht portionieren und schon gar nicht bis zum Boden aufessen. Die größte Insel des Mittelmeeres ist nicht einfach nur eine Insel, auf der es sich aushalten lässt. Sie ist auch die Heimat von Leonardo Sciascia, einem Autor, der mit seinen Geschichten seiner Insel ein Gesicht gab.

Es ist eine Art Hassliebe zwischen Sciascia und Sizilien. Auf der einen Seite die einmalige Natur, auf der anderen Seite die ebenfalls einmalige Kultur und ihre Menschen. Für Fremde schwer einzusehen. Für Einheimische schwer zu beschreiben. Leonardo Sciascia versucht es trotzdem. Die Kultur, seinen Zeilen nachzuerzählen wäre mühevoll. Er schwelgt zwischen Adjektiven wie eine Nussschale in der tosenden See. Als Besucher Siziliens sieht man die Hinterlassenschaften der einstigen Herrscher, man erfreut sich an der Gastfreundlichkeit. Doch Sizilien echt und wahrhaftig zu erleben, das schaffen nur wenige.

Leonardo Sciascias „Mein Sizilien“ hilft beim Verstehen, beim Entdecken der sizilianischen Kultur. Es ist kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn. Vielmehr ein Ratgeber, eine Handreichung für mit allen Sinnen Reisende. Die Schilderungen haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Vieles hat sich seitdem verändert – die gleichen Eindrücke zu sammel wird also schwierig. Doch das Denken der Menschen, ihr Handeln erfolgt langsamer. Insofern sind also die Reisen Sciascias und derer, an die er erinnert, zu den Menschen immer noch nachvollziehbar.

Die zahlreichen schwarz-weiß Fotos unterstreichen den erhabenen nostalgischen Charakter des Buches. Jedes Farbfoto würde eine Herabwürdigung darstellen. Ausdrucksstarke Kontraste wirken beruhigend auf das menschliche Auge. Knallig Bonbonfarben entsprächen weder dem Buch noch Sizilien. Dieses Buch gehört eins Reisegepäck. Auf gemächlichen Bahnfahrten, oder einer Ruhepause in den Weiten der Insel, oder beim Espresso – diese Geschichten verzaubern bei jedem Mal. Dem Geheimnis der Sizilianer kommt man nur schwer auf die Schliche. Ein kleines Geheimnis bewahren sie für die nächste Reise. So soll es sein. Und so bleibt zum Schluss ein Rest im Eisbecher Sizilien. Wie bei gutem Rotwein.

Durch das Herz Englands

Durch das Herz Englands

Das Herz Englands ist nicht London! Es liegt viel weiter im Norden. Dort, wo es kaum Premier League Clubs gibt. Und es gibt dort einen Wanderweg von Westen nach Osten (oder umgekehrt, ganz wie es beliebt), der außerhalb der Insel kaum bekannt ist. Zeit ihn zu erkunden.

Dreihundertzwanzig Kilometer zu Fuß. Nicht auszudenken wie dick das Buch wäre, wenn sich Erik Lorenz Russland vorgenommen hätte. Oder wie dünn, wäre die Wahl auf Panama gefallen. So sind es knapp 400 Seiten geworden. Wenn man so will: Eine Seite für eine halbe Meile.

Erik Lorenz unternimmt die Reise zusammen mit seinem Vater. Die raue Irische See im Rücken, dreißig Kilo Gepäck auf den Schultern kämpfen sie sich langsam ostwärts. Vorbei an pittoresken Ortschaften, durch den Lake District. Einen Plan haben die beiden nicht. Wozu auch? Wer weiß schon wie viel Wegstrecke man pro Tag zurücklegen kann? Und dann hätten die beiden schon sechs Monate im Voraus buchen müssen. Als Abenteuer wäre diese Reise nur bedingt durchgegangen. Außerdem wusste Erik Lorenz vor einem halben Jahr noch nicht, wo er sich jetzt befinden würde.

Immer wieder treffen die beiden Menschen, die sich in dieser regendurchnässten Gegend eingerichtet haben. Bestimmten hier einst Minen den Alltag und die Landschaft, so ist es kaum fassbar, dass sich die Natur ihren Besitz zurückerobert hat. Windumspülte Gipfel, rutschige Abstiege und ein wolkenverhangener Horizont – das sind die Zutaten der Wanderung von Vater und Sohn. Während der Junior schnell anfängt zu schwächeln – dreißig Kilo Gepäck hinterlassen halt Spuren – ruft der Senior zur Disziplin. Den Eindrücken tun die Schmerzen keinen Abbruch. Immer wieder findet Erik Lorenz die Zeit die Erlebnisse mit Menschen Kaum ein Detail, das er nicht niederscheibt. Bis … ja bis die Reise unvermittelt ins Stocken gerät. Stillstand. Sein Vater hatte einen Unfall, muss zurück in heimische Gefilde. Die Wanderung zum Scheitern verurteilt? Das Experiment West-Ost-Durchquerung am Ende? Nein, es pausiert. Nach Wochen der Erholung hat Erik Lorenz wieder Kraft getankt und nimmt die verbleibenden Meilen in Angriff. Allein. Unterwegs schließt er sich das eine oder andere Mal Gruppen an. Allein ist es aber, den Eindruck gewinnt der Elser, doch am einfachsten.

Und wieder wird ein Vorhaben auf eine harte Probe gestellt. Mitten in den Mooren verläuft sich Erik Lorenz. Selbst die Einheimischen sind keine große Hilfe. Kartenlesen – alles gut und schön. Aber wenn man nicht weiß, wo man sich befindet, ist es ein schwieriges Unterfangen den rechten (richtigen) Pfad zu wählen.

Mit unbändiger Neugier erobert der Autor das unbekannte England. Geschichten von unterwegs bereichern die Wanderwege einige Male. Kein Wanderführer – vielmehr ein Wanderappetitanreger mit Substanz.

Lesereise Amalfi / Cilento

Lesereise Amalfi Cilento

Das nostalgische Italienbild in unseren Köpfen haben wir einem einzigen Küstenstreifen zu verdanken: Der Amalfi-Küste. Die tosende See, die Gicht, die gegen die schroffen Felsen klatscht, die märchenhaften Villen mit Meerzugang. Cilento hingegen – nur wenige Kilometer südlich – ist weitgehend unbekannt. Hier sind Naturliebhaber an der richtigen Stelle. Die „Lesereise Amalfi / Cilento“ nimmt den Leser mit auf eine Reise zwischen Postkartenidylle und unbezahlbarer „silenzio assoluto“.

Im Cinquecento durch die Gassen, ein gelato schlecken – hier lässt es sich leben. Hier ist man dem Himmel so nah wie nirgends sonst. Das weiß auch einer der Wegbegleiter der Autorin.

Gennaro Pisacane, der Präsident der Hotelvereinigung lernt sie die praktische Engstirnigkeit kennen. An der Amalfiküste könnte schon längst ein schicker Yachthafen stehen. Aber die Investoren kamen aus Neapel. Das bedeutet meist Mafia bzw. Camorra. Und die würde sich dann krakenmäßig ausbreiten. Da bleibt man liebr unter sich. Wird ein Hotel verkauft, dann nur an Leute aus der Umgebung. Das hält zum einen die Preise stabil (und die sind teilweise so gesalzen, dass so manche Sardelle wie eine fade Nudel daherkommt) und bewahrt den Charme der Region. Zum Beispiel werden die hier angebauten Zitronen heute für 50 Cent an di Händler verkauft, vor dreißig Jahren waren es 500 Lire. Was in etwas auf dasselbe hinausläuft. Tradition wird großgeschrieben.

In Lauro findet man eine Gelateria namens „Norge“ und eine Pizzeria, die auf den klangvollen Namen „Nobile“ hört. Beides Überbleibsel bzw. Ehrerbietungen an Umberto Nobile, der 1926 als erster Mensch den Nordpol sah, leider nicht erreichte. Er hat auch hier seine Spuren hinterlassen.

Geschichte, Tradition, umwerfende Naturschauspiele (sommerliche Sonnenuntergänge auf den Hügeln des Cilento lassen einen an den lieben Gott glauben) und eine gesunde, regionale – und dazu noch leckere – Küche verwandeln den Cilento und die Amalfiküste 365 Tage im Jahre in einen Garten Eden. Italien wie es in der Vorstellung erscheint, nimmt hier Form und Gestalt an.

Dieses Buch kann man – auch wenn es nur 132 Seiten stark ist – nicht in einem Rutsch lesen. Immer wieder muss man es absetzen und tief durchatmen. Mit völliger Hingabe verbreitet Barbara Schaefer ein Gusto von Entspannung, manchmal kommt sogar ein wenig Neid auf. Hier irgendwo müssen die Wurzeln des Paradieses liegen.

INFO: Mehr zum Cilento finden Sie unter www.cilentomania.it.

Rio de Janeiro – Eine literarische Einladung

Rio de Janeiro

Anpfiff. Die erste Seite wird aufgeschlagen. Eine tolle Aufstellung, seine großartige Aufstellung. Sechzehn Spieler und Spielerinnen drängen sich auf dem Spielfeld. Rodrigo Lacerda führt den Anstoß aus. Mit seinem Bully streift er durch die Nacht. Düster und unwirtlich frisst sie ihre Jünger. Jetzt der Pass zu Sergio Santanna. Er dribbelt, verführt den Gegner, doch er gibt nicht ab. Zwanzig Seiten lang fantasiert er sich durch eine Bild Rios in den Zwanziger Jahren. Straßenszenen wie sie heute undenkbar sind. Kaum Verkehr, elegante Herren in Anzügen. Machoszenerie. Und zwischendrin eine junge Frau, Eduarda. Ein Frau aus gutem Hause, die sich zu benehmen weiß. Ein Maler soll, will sie portraitieren. Zwischen Schamgefühl, Lust und Neugier schwankt die Dramatik vor dem geistigen Auge des Lesers. Der Autor ist nur das Sprachrohr der Phantasie des Betrachters. Sie gibt sich ihm hin.

Kurze Verschnaufpause. Poetisch schüttet Carlos Drummond de Andrade sein weites Herz aus. Weiter geht’s.

Doch was ist das? Clarice Lispector verlässt einfach den heiligen Rasen des Maracana. Verläuft sich in den Gängen des riesigen Stadions, um Frau Xavier zu folgen. Die scheint auch nicht gerade eine Ausgeburt an Ortskenntnis zu sein. Roberto Carlos soll jetzt übernehmen. Das gibt garantiert eine Nachspielzeit!

Nach Wiederanpfiff darf nun Adriana Lunardi ist Zauberstücke zeigen. Offenen Auges spielt sie sich durch die Stadt. Das Auge des Lesers kann kaum folgen. (Für Besucher ein besonderer Reiz diesen „Spielzug“ nachzuvollziehen) Am Ende muss sie sich ungläubig eingestehen, dass ihre Passgeberin ihre letzte Ruhestätte schon gefunden hat.

Letzter Spielzug vor der Pause: João Antônio ist ein harter Brocken. Man merkt ihm die Vielzahl seiner Berufe an. Sein Ausdrucksweise ist ruppig, aber ehrlich … eigentlich müsste jetzt Pause sein … nein, vier Seiten Nachspielzeit. Er hurt, er raucht, er frisst, er säuft. Seine Gegner sind Nutten, Luden, Arschgeigen und Gesocks. Puh, endlich Pause.

Die zweite Halbzeit muss sich der Leser selbst erarbeiten. Denn nichts ist schlimmer als ein ganzes Spiel noch einmal erzählt zu bekommen.

Die in diesem Buch versammelte Mannschaft von Autoren, die aus Rio kommen und / oder über Rio schreiben zeichnet das Bild einer Stadt, die immer in Bewegung ist. Sie ist mehr als ein torloses Unentschieden, dessen Doppelpunkt durch einen G-String symbolisiert wird. Wer Rio außerhalb des Karneval- und fußballverrückten Klischees kennenlernen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Kure Auszüge und Geschichten, die den urbanen Rhythmus fernab jeglicher Vorurteile wiedergeben.

Die Straßen um Pisa

Die Straßen um Pisa

Pisa ohne den schiefen Turm? Unvorstellbar! Jährlich bestaunen hunderttausende Besucher den Trotz der Physik. So far, so good. Die Autorin Tania Blixen – weltweit eher für ihre Geschichten in wärmeren Gefilden bekannt – haben es die Straßen um Pisa angetan.

Graf Augustus von Schimmelmann verbringt die schönsten Tage des Jahres in der Toskana, in Pisa. Fast schon bestätigt sie mit ihrem Buchtitel das Klischee, dass es außer dem schiefen Turm ja eh nichts weiter zu sehen gibt. Was natürlich nicht stimmt! Doch der Graf erkundet, getrieben von Unruh und Neugier, das Umland auf fast kindliche Weise. Er spricht auch schon mal eine Dame mit „verehrter Herr“ an. Die Affäre mit einer älteren Dame von Rang hingegen meistert er souverän.

Graf Augustus ist nicht unbedingt ein Mann von Welt. Gedankenverloren träumt er sich zurück in die Zeit, in der er als Student das sorgenfreie Leben genießen durfte. So sitzt er auch über einen Brief an einen ehemaligen Kommilitonen. Doch der Schluss will nicht recht gelingen. Er sucht Zerstreuung auf offenen und verschlungenen Wegen.

Märchenhaft mutet die pisanische Toskana an. Durchgehende Pferde, ein Duell und elegant perückte Damen kreuzen nicht nur seine Wege, sondern auch seine Gedanken. Hier und Her gerissen vom Ränkespiel der Beteiligten erkennt er langsam, wer eine Rolle spielt, und wer nicht.

Drei Wochen Pisa – für heutige Begriffe eine Ewigkeit – bereiten ihm nach anfänglichem Zögern immer mehr Freude. Sein Herz erwacht und öffnet ihm die Augen. Vorbei die Melancholie, herbei mit dem Abenteuer.

Tania Blixens Geschichte besticht durch eine präzise Sprache und verführt den Leser zum Träumen. Träumen und Toskana, das gehört einfach zusammen. Wenn man nicht gerade in einer Warteschlange an einem der zahlreichen Souvenirstände stehen muss.

„Die Straßen um Pisa“ sind Bestandteil der 1934 erschienenen „Seven Gothic Tales“. Sie bilden in der dänischen Originalausgabe den Auftakt. In dieser – im typischen wagenbach’schen Rot gehaltenen – Urlaubsbuchausgabe werden dem Leser die Poesie Tania Blixens und die romantische Sicht der Toskana als Appetithäppchen angeboten. Der Zauber der Toskana wird von der unvergleichlichen Schreibweise Tania Blixens vereinnahmt. Die ideale Urlaubseinstimmung! Wenn es denn noch eine braucht.

Die Krinoline bleibt in Kairo

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Mary Shelley tat es. Lady Stanhope tat es. Frances Calderón de la Barca tat es. Sie reisten. An und für sich nichts Ungewöhnliches. Doch im 17., 18.  und 19. Jahrhundert und dazu noch allein – naja, also ohne männliches Leittier trifft es wohl besser – eine Sensation. Sie taten es, weil sie Lust darauf hatten. Sie sind die Heldinnen dieses Buches. Barbara Hodgson zeichnet ihre Wege nach, legte die Besonderheiten ihrer Reisen dar und würdigt ihr mutiges Tun.

Sie gliedert ihr Buch nicht nach den ReisendInnen. Die Biografien stehen nicht im Zentrum der Ausführungen. Vielmehr sind die Reisen und die Bericht darüber Bestandteil des Buches. So kann man heute kaum noch reisen. Auf einem Kamel quer durch die Wüste. Bei Ankunft wildes Geschrei. Erhabenes Staunen als eine Frau als Reiseanführerin zu erkennen ist. Heute ist das normal. So haben die Frauen in diesem Buch echte Pionierarbeit geleistet. Sie ließen sich nicht verbiegen. Sie setzten oft gegen viele Widerstände ihren Kopf durch.

Zurückgeblieben sind ihre Erinnerungen. Niedergeschrieben in Magazinen wie Quarterly Review. Wieder entdeckt von Barbara Hodgson. Stilsicher, mit Anekdoten verziert, durch zahlreiche Abbildungen beeindruckend – dieses Buch bestätigt, dass Fernweh eine heilbare Krankheit ist.

Der Titel „Die Krinoline bleibt in Kairo“ bezieht sich – nicht wie man vermuten mag auf eine Frau namens Krinoline, die sich gefälligst in der Obhut ihrer Familie aufhalten sollte, sondern – auf den in dieser Zeit verbreiteten Reifrock. Ein äußerst unpraktisches Utensil, das beim Reiten störte, in dem sich der Wüstensand verfing, und überhaupt so gar nicht ins Bild der reisenden Frau von Damals passte.

Alle in diesem Buch erwähnten Frauen verdienen Respekt, weil sie sich Konventionen widersetzten. Denn in ihren Heimatländern, und auch denen der Länder, die sie erkundeten. Viele Männer hatten zuvor noch nie eine unverhüllte Frau in der Öffentlichkeit gesehen. Und wieder die Parallelen zur Gegenwart. Es hat sich Vieles verändert seit Lady Elizabeth Craven reiste. Doch bei Weitem nicht alles.

Frauen hatten es nie leicht sich in so genannten Männerdomänen durchzusetzen. Das ist auch heute noch oft so. Wer es aber einmal schafft, der kann sich der Anerkennung aller sicher sein.

Reise in Island

Reise in Island

Was macht man, wenn man unbedingt nach Island reisen will? Sich gründlich vorbereiten! Und wie? Mit diesem Buch. Edgar Sommer – der Nachname passt auf den ersten Blick so gar nicht zum Reiseziel – hat mit seinem Buch das geschafft, was andere nur andeuten. Einen echten Weggefährten. Mit seinem Landrover hat er die Insel besucht, erkundet und lieben gelernt. Davon profitiert nun der Leser.

Island ist dünn besiedelt, fast die Hälfte aller Isländer leben in der Hauptstadt Reykjavik. Der Reiz der Insel geht einzig allein von seiner sagenhaften und weitgehend unberührten Natur aus. Apropos sagenhaft: Elfen und Kobolde spielen nicht nur in der Literatur eine Rolle. Die Hälfte der Isländer glauben an die Fabelwesen. Einige haben sogar schon welche gesehen… Sie leben in Steinen und Höhlen. Also Vorsicht beim Autofahren!

Doch nicht nur die Elfen und Kobolde sollte man im Blick haben, wenn man im – lebensnotwendigen – allradbetriebenen Gefährt unterwegs ist. So manche Pfütze entpuppt sich allzu schnell als tiefergehendes Problem. Und nicht immer ist ein Edgar Sommer da, um zu helfen. Er weiß nicht nur den Leser mit seinen Erlebnissen zu fesseln, sondern auch wie man einen feststeckenden Jeep wieder gangbar bekommt. Die wichtigsten Tipps verrät er im Buch.

Das unangefochtene Highlight des Buches sind die beeindruckenden Bilder. Panoramen von Gletschern, wuchtige Eisberge und mutterseelenallein gelassene Straßenzüge. Wale, Papageientaucher und immer wieder endlose Wiesen und Eiswüsten. Hier muss man die Entspannung nicht suchen, die findet einen.

„Reise in Island“ ist mehr als nur die bloße Wiedergabe von Eindrücken, es ist das Rund-um-Sorglos-Paket für eine Individualreise durch dieses faszinierende Land. Inkl. Hinweisen zum Durchqueren von Wasserstraßen, Reparaturtipps und Landeskunde. Selbst echte Isländer können hier noch was lernen. Am Ende des Buches gibt Edgar Sommer praktische Ratschläge zu Ausrüstung, Wetter und zur Wartung seines Fahrzeuges.

Woanders

Woanders

Eine Weltreise – das wär’s. Edith Werner schafft Fakten. Kein Konjunktiv mehr. Jetzt wird gereist. Doch einfach so. Nicht einfach mal All-inclusive drei Wochen Türkische Riviera. Dann zwei Wochen City-Trip Tokio. Und als Abschluss Safari in der Serengeti. Edith Werners Reisen sind immer mit langen Aufenthalten verbunden. Wenn schon, denn schon.

Ihr Reisefieber treibt sie nach Singapur, Südafrika, Argentinien, Uruguay, Ägypten, Guatemala, Mayotte, Peru, Abu Dhabi, Kolumbien, um nur wenige Länder zu erwähnen.

Auch die einzelnen Abenteuer und Geschichten hier aufzuzählen käme einem Frevel gleich. Denn man müsste immer das eine oder andere Detail weglassen. Das wäre unfair. Edith Werner reist für ihr Leben gern. Arbeiten, wo andere Urlaub machen – das ist ihr Elixier, das jungbleiben lässt. Sehnsuchtsvolle Orte wie etwas Sansibar lässt sie in einem riesigen Gewürzbasar anwachsen.

Alphabetisch hat sie ihre Reisen in diesem Buch geordnet. Selbst für das Q hat sie eine Reise gemacht. Fast scheint es, dass ihre Reisen nur für dieses Buch gemacht wurden. So liebevolle und detailliert schildert sie ihre Erfahrungen und macht dem Leser Appetit auf mehr. Mehr Abenteuer. Mehr Fremde. Mehr Reisefiber. Anfangs ist man noch neidisch auf die gemachten Reisen. So viel Zeit und so viel zu entdecken. So viel Zeit haben nicht viele.

Edith Werner ruht sich nicht auf dem Luxus Zeit aus. Ein paar Tage bei Freunden in Montevideo – gern. Doch dann geht es schon wieder weiter. Kaffee-Kultur in Buenos Aires. Chinesisch lernen. Den Sambesi bezwingen.

Schon vom Lesen schwirrt einem der Kopf. Doch die Autorin prahlt nicht mit dem Erlebten. Sie lässt den Leser teilhaben. Und zwar so eindringlich, dass man sich gern von ihr an die Hand nehmen lässt. Das grüne Feuer in Bogotá kommt von den Smaragden. Es leuchtet auch ohne einen der Edelsteine in der Hand zu halten. Selbst kleiner Missgeschicke wie ein gebrochener Knöchel in Burma / Myanmar verarbeitet die wissbegierige Weltenbummlerin zu einer herzhaften Geschichte. International wird es am Amazonas, wenn sie auf Fitzcarraldos Spuren wandelt. Hier drehte Anfang der 80er Jahre Werner Herzog mit Klaus Kinski sein wohl bildstärkstes Werk. Sagenumrankt schuf er Unglaubliches. Edith Werner tut es ihm nicht nach, dennoch wandelt sie eindrucksvoll auf seinen Spuren.

Wer die Welt bereisen will, sollte vorbereitet sein. Keine Scheu zeigen. Sprachen lernen. Und „Woanders“ von Edith Werner lesen.

Die Gärten von Marrakesch

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Eine Stadt als Garten. So war Marrakesch einst geplant. Sanft plätschern Brunnen. Erfreuen Groß und Klein. Das kühle Nasse verheißt aber auch Reichtum mitten in der Öde der Wüste. Angelica Gray zog in jungen Jahren mit ihren Eltern nach Marrakesch. Sie liebt die Gärten und hat sich schon früh für deren Geschichte interessiert. In diesem Prachtband teilt sie ihre Erfahrungen du Eindrücke mit dem interessierten Leser. Alessio Meis Bilder lassen den Leser – und somit süchtigen Marrakesch-Reisenden – in eine andere, fremde Gegend und Zeit reisen.

Exotische Details, farbenfrohe Gedankenspiele und saftige Flora ziehen den Leser in den Bann Marrakeschs. Ruhepausen in den Olivenhainen der Ménara-Gärten, alles überragende Palmbäume in der Medina, das Hämmern der Handwerker, die gerade ihren Kunstwerken den letzten Schliff verpassen – Marrakesch steckt voller Faszination.

Der Bahia-Palast scheint vor Überfluss fast aus den Mauern zu platzen. Saftiges Grün von oben, von unten, von rechts, von links. Strahlkraft im Überfluss. Man möchte tanzen, sich an herunterhängenden Blättern von Wand zu Wand schwingen. Symbolhafte Zypressen (sie stehen für die Sterblichkeit) spenden Schatten in drückender Mittagshitze.

Die Muster der Kacheln rund um die Portale verzücken den Besucher und sagen „Tritt ein, erober mich!“

Die Mamounia-Gärten bestechen durch ihre Weitläufigkeit. Gekonnt illuminiert, und wieder mächtige Olivenbäume, wie an der Schnur gezogene Palmen ragen in den blauen Himmel. Hier lässt’s sich aushalten.

Als Erstes stechen dem Betrachter die beeindruckenden Bilder ins Auge. Ein erstes Raunen erfüllt die Bibliothek. Die Texte rücken die Abbildungen in den richtigen Kontext. Denn die Gärten sind nicht einfach nur schön anzuschauen. Sie haben eine Funktion zu erfüllen. Angelica Gray macht den Unterricht zur Modenschau. Auf dem Laufsteg tummeln sich die Schönheiten des Orients. Ein letztes Stöhnen zum Abschied. Doch man kommt wieder, immer wieder in die Gärten Marrakeschs.