Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Mitten im August

Alles richtig gemacht, und trotzdem gibt’s ein Donnerwetter vom Chef. Eben noch erntete Enrico Rizzi zusammen mit seinem Vater Pfirsiche, nahm den alten Cinquecento unter die Lupe und schon rauscht die Hand von Ispettore Lombardi auf den Tisch. Ein Toter auf Capri, mitten im August! Den hätte doch die Küstenpolizei mit nach Neapel nehmen können. Dann wäre hier nicht so ein Aufruhr. Und dass ihm Antonia Cirillo zur Seite stehen soll, findet Enrico auch nicht gerade prickelnd. Sie wurde hierher versetzt. Warum, weiß keiner. Sie ist die Neue, die Fremde. Das weiß sie, das spürt sie. Und Enrico? Ordnungshüter am schönsten Platz der Welt – und nun das! Ein Mord! Straßenmusiker, der oft mit seiner Freundin stand, musizierte und den vielen bemerkten, der aber niemandem auffiel.

Jack Milani – so heißt der junge Mann, der mit fünf Messerstichen am Strand von Capri tot aufgefunden wurde – stammt aus dem Piemont und hatte hier im Haus seiner Familie gewohnt. Also doch ein Fall für die Polizei auf Capri. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Für die einen war der charmante Straßenmusiker, für andere ein sturer Hund, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Er interessierte und setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein. Die Methoden, die er dabei bevorzugte, waren aber nicht immer die geeigneten Mittel. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, das war sein Elixier.

Was Enrico Rizzi und seinen Kollegen, allen voran Antonia Cirelli, Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass Jack immer mit Sofia zusammen gesehen wurde. Doch die ist wie vom Erdboden verschwunden. Auf so einer kleinen Insel dürfte es doch kein Problem sein jemanden wie Sofia ausfindig zu machen. Denn sie ist die Verdächtige Nummer Eins. Nummer Zwei ist sicher ein Mitarbeiter des Meeresbiologischen Instituts, dem Jack seine hanebüchene Idee den CO2-Ausstoß des Meeres mit einer Chemikalie zu verringern (die Folgen sind nicht absehbar) vehement vorgeschlagen hat. Es gibt aber noch weitere Verdächtige…

Luca Ventura siedelt seinen Ermittler, der gern gärtnert und auf den ersten Blick so gar nicht wie ein Polizist wirkt, auf einer paradiesischen Insel an. Die Postkartenidylle steht hier aber nicht im Vordergrund. Das wird eh schon viel zu viel von Besuchern überprüft. Es geht vielmehr darum dieses Idyll zu beschützen und weiterem Verfall vorzubeugen. Capri ist gerade in den Sommermonaten derart überfüllt, dass an Erholung kaum noch zu denken ist. Die Neue im Team verspricht für die Fortsetzungen für Überraschungen sorgen zu können. Sie hat ein kleines Geheimnis, das am Ende des Buches nur andeutungsweise zur Sprache kommt.

Die Schiffbrüchige

Es gibt sicherlich Wichtigeres in einem tödlichen Sturm Fremden aus seinem Leben zu erzählen. Dennoch ergreift Anguille die Gelegenheit und redet sich in einen Rausch ohne Punkt, dafür aber mit umso mehr Kommas. Anguille, dieser ungewöhnliche Name hat sie von ihrem Papa bekommen. Er bedeutet Aal. Als Fischer stand für ihn ab dem Moment, in dem er von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, fest, dass sein Nachwuchs einmal so heißen wird. Dass es Zwillinge werden, konnte keiner ahnen. Auch dass sich beide Schwestern so unterschiedlich entwickeln werden, stand in den Sternen. Connaît-Tout, ihr Vater – auch sein Name hat eine tiefschürfende Bedeutung: Rechthaber – schaut oft in die Sterne. So weiß er wie am nächsten Tag das Wetter wird. Für einen Fischer fast wichtiger als der Ruf des Muezzin.

Ali Zamir zeigt in seinem preisgekrönten Erstling „Die Schiffbrüchige“ dem Leser seine Welt, seine Heimat, die Komoren. Die kleine Insel im Indischen Ozean findet so gut wie gar nicht in der breiten Öffentlichkeit statt. Vielleicht mal als Frage in einer Quizshow oder als mutiges Neugier-Mach-Stück in einem Auslandsmagazin. Hier rumort es seit Jahren. Die Komoren beanspruchen die Insel La Mayotte, die ein Überseedepartement Frankreichs ist. Politisch gehört es also zu Europa, zur EU, was besonders unter denen, die nichts mehr zu verlieren haben, für Begehrlichkeiten sorgt.

Die abgedroschene (und vor allem blödsinnige) Floskel von den Armen, die trotz alledem das Leben genießen und feiern, trifft hier schon lange nicht mehr zu. Gefeiert wird, wenn man feiern will. Gekämpft wird, weil man kämpfen muss … ohne Uhr und ohne Kalender.

Erste Liebe, die erste Zigarette, jugendliche Frotzeleien und ungestüme Annäherungsversuche gehören hier genauso zum Alltag wie das Scheitern darin. Es ist die durchgehend poetische Sprache – die phantasiereiche Namensgebung ist da nur ein Bruchteil des Ganzen – die diesen Roman zu einem echten Pageturner macht. Das anhaltend hohe Tempo lässt den Leser mit der Schiffbrüchigen – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – mitfiebern. Die Wogen der Emotionen sind von den Wellen des Sturmes eingerahmt. Die Umstände, die zu dieser einzigartigen Schau-In-Meine-Welt-Geschichte führen, sind dramatisch. Dennoch blühen diese Erinnerungen einer Frau, die im Ozean mit dem Leben ringt, wie ein Blüte so wie die Gischt auf den Kronen der Wellen.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.

Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.