Archiv der Kategorie: Bildgewaltig

Die Entstehung der Gürteltiere

Die Entstehung der Gürteltiere

„Die Entstehung der Gürteltiere“ ist kein Buch über das man spricht. Es ist ein Buch, das man lesen muss. Oder vorliest. Oder sich vorlesen lässt. Denn Rudyard Kipling erzählt in seiner Geschichte für die Kleinen eine Fabel, die – und das ist nunmal das Wesen der Fabel – eine pädagogische Komponente hat, wenn auch ohne Moral. Doch schon diese Untersuchung lässt den Charme der Geschichte leiden. Also: Lesen! Nur so viel. Ein Igel und eine Schildkröte haben einen Heidenspaß den Jaguar zu foppen. Der lässt sich vom Wortspiel der beiden unterlegenen Tiere in die Irre führen. So, jetzt reicht’s mehr wird nicht verraten!

Ulrike Möltgen schmückt die facettenreiche Geschichte mit allerlei Farben und Techniken aus. Ihre Bilder regen die Phantasie an, die der Kleinen wie die der Großen. Fette Pinselstriche, grobe Schnitte, knallige Farben über verschiedene Ebenen verteilt, lassen den Dschungel in den Augen und Herzen der Leser erwachen. Die Anmut des Schwanzwedelns, der verdutzte Blick des Jaguarjungen, das herzhafte Lachen der Schildkröte, das diebische Feixen des Igels – wer genau hinschaut fühlt sich augenblicklich wie im Kino. Fast kann man vor lauter Freude das Buch kaum mehr in den Händen halten.

Und wieder einmal beweist ein Buch, dass die alten Geschichten noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Die Sprachgewalt von Rudyard Kipling strahlt bis heute, nicht umsonst hat er am Beginn des vorigen Jahrhunderts den Literatur-Nobelpreis erhalten. Als Siebter Mensch überhaupt.

Das riesige Format erlaubt es den Nachwuchs auf dem Schoß zu platzieren und dann mit ihm oder ihr dem Reiz der Bilder und der Geschichte vollends zu erliegen. Neben Evolutionstheorie und Theologie ist dies eine echte Alternative zur Entstehung der Gürteltiere…

Picasso der Zeichner

Picasso Der Zeichner

Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Stellen Sie sich vor, dass Sie ein Bar oder ein Café besitzen. Tagein, tagaus treffen sich hier wirre Querköpfe, um ihre Ideale von Kunst und Kultur zu diskutieren. Und wenn es ans Bezahlen geht, werden alle Utopien ganz schnell auf den Boden der Realität geholt. Da werden die Hosentaschen umgestülpt zum Zeichen dafür, dass es zwar allen gemundet hat, aber der schnöde Mammon derzeit auf Wanderschaft ist. Jetzt liegt es an Ihnen. Raus mit der undankbaren Bagage oder das Angebot annehmen eine Zeichnung als Anzahlung zu akzeptieren? Sie haben Glück, wenn einer der trinkfesten Kumpane Südspanier ist und auf den Namen Pablo Picasso hört. Denn dann sind seine auch noch so kleinen Zeichnungen heute ein Vermögen wert.

Eine schöne, verklärte Vorstellung von Picasso. Picasso = Reichtum. Die Formel stimmt aber nur, wenn man den monetären Wert außeracht lässt. Kaum ein Künstler hat über fast ein ganzes Jahrhundert die Kunst so geprägt wie Picasso. Unzählige Kunstschaffende der unterschiedlichsten Kunstrichtungen nennen ihn als ihr Vorbild, als Ideengeber, als Antriebsfeder.

Ein Bild von Picasso regt immer zum Nachdenken an. Seine Zeichnungen – allein in diesem dreiteiligen Band sind 300 versammelt – sind Alleinstellungsmerkmale, sind Vorlagen für Größeres oder einfach nur Fingerübungen. Picasso war beseelt vom Schaffen. Wer sich in seinem Werk in Interpretationen verfing, erntete oft Spott oder ein müdes Lächeln vom Meister.

Jeder der drei Bände wird von einem Vorwort begleitet, dass das Werk in einem anderen Licht erscheinen lässt. Man muss sich darauf einlassen (können). An einem Picasso geht man nicht vorbei und denkt sich: „Aha. Hund, Katze, Frau. Schick“. Man setzt sich vor einen Picasso und lässt ihn auf sich wirken. Strichführung zu erkennen, okay, das ist möglich. Beim Motiv wird’s schon schwieriger. Mythen interessierten ihn. Die Vergänglichkeit.

Manche Zeichnungen lassen sofort da Motiv erkennen, bei anderen muss man von den Vorwortschreibern an die Hand genommen werden. Doch auch ohne ihre Einführung ist man wie hypnotisiert. Mit der Erkenntnis der eingehenden Worte sieht man so manches aus einem anderen Blickwinkel. Und das ist es, was Picasso wollte. Drei Bände Kunstverstand, drei Bände Anleitung zur Kunst der Moderne, drei Bände Picasso zum Anfassen.

Hubble – Das Universum im Visier

WILEY VCH WEINHEIM GERMANY

Der Jahreswechsel ist eine willkommene Zeit das Geschehene noch einmal Revue passieren zu lassen, es in einem anderen Licht, aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wie müssen sich die Forscher am Hubble-Teleskop erst vorkommen?

Wir, hier unten, auf der Erde betrachten das Um-Uns-Herum immer aus dem gleichen Winkel – von der Erde. Hubble hat das Ganze im Blick. Und liefert einzigartige, faszinierende Drauf- und Einblicke auf uns, gigantische Magnetstürme, ferne Galaxien.

Seit fast einem Vierteljahrhundert schwebt der Elf-Tonnen-Koloss rund 600 Kilometer über der Erdatmosphäre. Und immer wieder liefern die Bilder neue Erkenntnisse von der Entstehung unseres Lebens. Das ist für die Wissenschaftler ein unschätzbarer Wert. Für uns, hier unten, sind es schlicht und einfach grandiose Bilder.

Dieser Band zeigt nicht einfach nur diese „schönen Bilder“, obwohl die wohl den ersten Kaufimpuls auslösen. Dieser Band zeigt in beeindruckender Art die Arbeitsweise dieses von Menschenhand erschaffenen Himmelskörpers. Er berichtet von der Präzision, die die Erbauer an den Tag legen mussten, damit brauchbare Ergebnisse zustande kommen können. Allein der riesige Spiegel des Teleskops ist derart sensibel, dass schon das kleinste Staubkorn jegliche Aufnahme verfälschen kann.

Seite für Seite gerät man ins Staunen, was „da oben“ vor sich geht, welch prächtiges Farbenspiel Sterne und Planeten im Ringelreih der stellaren Welt möglich sind.

Edwin Powell Hubble hätte es sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, welch enormen Wert sein Name und seine Forschungen eines Tages für die Wissenschaft bedeutet. Als Zugabe gibt es in diesem Buch eine DVD mit einer spannenden Dokumentation. Dieses Buch ist nicht nur Ästheten gemacht, es ist durch die Zusammenarbeit mit European Space Agency die einzig akzeptable Art der Spionage. Riskieren wir einen Blick in unsere Vergangenheit und eine mögliche Zukunft.

Gscheitgut Band 2

Gscheitgut 2

Wenn es eine Sparte im Verlagswesen gibt, die auch im Zeitalter von E-Books, Koch-Apps und dergleichen niemals aussterben wird, so ist es die Abteilung „Leib und Wohl“, sprich Kochbücher. Jeder muss essen. Jeder wird tagtäglich mit Tipps zur gesunden Ernährung bombardiert. Jeder will sich wohlfühlen. Fans von Kochbüchern sind die Einzigen, die beim Schlagwort „Fortsetzung“ nicht in Resignation á la „Oh nee, nicht noch eines“ verfallen. Wäre es so, so wäre „Gscheitgut, Band 2“ die rühmliche Ausnahme.

Vor knapp zwei Jahren wurde das Lieblingskind von Verlagschef Michael Müller aus der Presse gehoben. Nun bekommt es ein kleines Geschwisterkind. Der große Bruder wartet mit 19 Gastronomen und Köchen auf, der Frischling mit „nur“ 18. Der Große bleibt also der Große. Wenn man nach den Zahlen geht. Der Kleine beweist, dass 18 mindestens genau so viel wert sind wie 19.

Nachkochen wird zur Pflicht, wenn für die kalte Jahreszeit Meerretich-Panna-Cotta und Zwetschgenbames auf Rote-Bete-Scheiben angerichtet wird. Oder für den Frühling Zimtknödel mit Erdbeer-Schwarzwurzel-Füllung und Schokoladensauce“. Oder oder oder.

Franken als Schlaraffenland – mehr als nur eine sinnfrei hingeschriebene Floskel. Hier sind nicht irgendwelche mit Sternen behangene Topftyrannen mit Profilneurose am Werk – hier kochen die, die Franken kennen und den Ruf der fränkischen Küche begründen.

Während sich andere Pfannenzauberer immer wieder auf regionale Produkte, weil die ökologisch ja so gut sind (ein Kartoffelacker direkt neben einem Kohlekraftwerk kann keine gesunden Kartoffeln hervorbringen), zeigen die fränkischen Küchenchefs, was es wirklich heißt fränkische Küche über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen: Zwiebelkäs-Törtla mit Waldbeeren, Maronensuppe, Ei’gmachta Kellerstaffl mit Klößen. Und das sind nur willkürlich herausgesuchte Beispiele. Koch mit „Gscheitgut Band 2“ ist kochen mit Zunge schnalzen und rollendem „R“, wie in leckerrrrrr!

Kalender 2014 – Australien: Die schönsten Tierweltfotos

2014 Australien - Die schönsten Tierweltfotos 2014

Australien – einzigartige Tierwelt – Auswandern … oder zumindest dort Urlaub machen. Das ist logische Kette. Das Magazin „360 Grad Australien“ bietet jedem Willigen das Rundum-Sorglos-Paket. Adressen, Ansprechpartner, Ausflugstipps. Und jetzt kann man sich die australische Tierwelt für ein Jahr ins eigene Heim holen. Ob ein Känguru in der Lucky Bay oder ein kuschelndes Lori-Papageien-Pärchen oder ein giftgrüner Python: Eindrucksvoll präsentieren sich die Ureinwohner von Terra australis dem Betrachter. Auch Koalas, Krabben und Dornteufel fehlen nicht in diesem Appetitmacher im Großformat. Alle Bilder sind von Lesern des Magazins.

Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel

Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel

„Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich begrüße Sie aufs Herzlichste zu unserem Slow-Dating-Abend der Genüsse. Und wie ich sehen kann, hat sich da auch schon ein besonderes Paar getroffen. Darf ich Sie um Ihren Namen bitten, Madame“. „Mademoiselle, s‘il vous plâit. Ich bin Cuisine, Haute Cuisine“. “Merci. Und der Herr?“. „Signor Cucina, Bella Cucina“. „Meine Damen und Herren, das verspricht ein aufregender lukullischer Abend zu werden.“

Der Mann, der die beiden offensichtlich schon ins Gespräch vertieften Teilnehmer dieses Slow-Dating-Abends vorstellt ist Lorenzo Morelli. Er hat die beiden auf seiner Reise von Paris nach Neapel aufgesammelt und versammelt sie nun in seinem 256 Seiten starken Poesiealbum der Gaumenfreuden.

Den ganzen Abend fachsimpeln die beiden Küchen über ihre Erfahrungen. Sie, wie sie ganz behutsam ihre Foie gras vorbereitet. Er wie er aufwändig die Calamares für seine Calamares Reellenos a la Romesco öffnet und putzt.

Sie schwärmt von ihren gebratenen Artischocke mit Speck, Oliven, Weißwein und Tomaten – er schnalzt mit der Zunge beim Pesto di basilico.

Der Abend entwickelt sich zu einem romantischen Dinner in der Kachelatmosphäre der Küchen zwischen Seine und Golf von Neapel. Die Gespräche drehen sich nur um eines: Genießen mit allen Sinnen. Ob Fischsuppe aus der Provence oder Profumo die Mare, ob Sugo con Involtini die Lardo oder Gratin Dauphinois, ob Confit ou confiture des Figues oder Tiramisu – jeder der beiden Verliebten bringt sich in Stellung, um sich im besten Lichte erscheinen zu lassen. Mittlerweile haben sich schon die anderen Gäste im Lokal nach den beiden umgedreht und lassen ihr Essen Essen sein. Zu intensiv ist die Unterhaltung, der Schlagabtausch der beiden hemmungslosen Alphatiere der Kochtöpfe.

„Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel“ ist kein Kochbuch wie jedes andere. Kleine Anekdoten geben den Weg frei zum Herd. Lorenzo Morelli hat wohl den schönsten Beruf der Welt: Er reist zu Freunden, geht in die Küche, hebt den Deckel und atmet tief ein. Nach dem Essen, lässt er den Leser an seinem Erlebten teilhaben. So sind wir nur in erster Linie Zuschauer. Ganz dicht gefolgt vom Genießen. Denn die Rezepte sind mit relativ geringem Aufwand nachzukochen.

Wer meint, seinen Partner anhand der Vorliebe für die eine oder andere europäische Küche erwählen zu können, dem sei hier gesagt, dass nur die Liaison aus Beiden eine perfekte Tafel, eine perfekte Beziehung, ein perfektes Mahl ausmacht.

Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe

Aleppo

Ist man ein glücklicher Mensch, wenn man die Schrecken des Krieges nicht kennt? Nein, man kann sich nur als glücklicherer Mensch betrachten. Wie ein Hohn muss das in den Ohren der Bewohner Aleppos klingen. Seit zwei Jahren vergeht kein Tag ohne Angst, ohne das irre Pfeifen der Granaten. Kein Tag, an dem nicht ein Kulturerbe im Namen der Freiheit willkürlich beschädigt oder gar zerstört wird. Vorbei das quirlige Leben in den Souks, vorbei die Pracht der Umayyaden Moschee, vorbei das süße Leben in einer der ältesten Städte der Welt.

Aleppo erlangte erst durch den grausigen Bürgerkrieg des Assad-Regimes gegen die – wahrscheinlich nicht viel besser agierenden – Rebellen traurige weltweite Berühmtheit. Schon das allein ist eine Schande. Muss denn immer erst was passieren, damit man Notiz nimmt? Aleppo hatte die Voraussetzungen Metropolen wie Damaskus, Paris und New York den Rang streitig zu machen oder zumindest in ihre Bedeutungsnähe zu gelangen. Und nun? Einschüsse so weit das Auge reicht. Verängstigte Menschen aller Altersklassen. Zerstörte Kulturgüter, die die Eroberungszüge Alexander des Großen, die marodierenden Horden der Mongolen und französische Besatzungszeit überstanden haben.

Mamoun Fansa setzt dieser Perle des Orients mit diesem Buch zumindest ein literarisches und bildstarkes Denkmal, das kein Verblendeter zerstören kann. Kein Kriegstreiber wird den Siegeszug dieses Buches aufhalten. Kein Hetzer wird das Andenken an Aleppo jemals komplett auslöschen. Deswegen sind die Beiträge der Autoren so wichtig und in ihrer Vielschichtigkeit so bedeutend.

Als erstes fallen die beeindruckenden Bilder dem Leser auf. Geschickt werden Einst und Jetzt gegenübergestellt. Wow und Oje befeuern das Wechselbad der Gefühle beim Durchblättern. Widerwarten und Abscheu gegen die Zerstörer kommen auf, wenn man sorgsam die Texte liest. Doch es zeigt auch – wie es der Untertitel ankündigt – auch Perspektiven auf, Hoffnung keimt auf. Und schon ertappt man sich dabei, dass man sich das Ende des Krieges wünscht, auch um endlich diese einzigartige Stadt kennenzulernen. Und vielleicht gibt es bald auch Berichte über die Stadt, die nicht auf den Zeitungsseiten unter Aktuelles erscheinen, sondern im Sonderteil bei den Reiseseiten. Es wäre zu allererst den Bewohnern Aleppos zu wünschen.

Kennedy sagte: „Ich bin ein Berliner“, Reagan: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“. Jetzt ist es am Leser zu sagen: „Mister Obama (oder Towarisch Putin, Frau Merkel, Monsieur Hollande) read this book!“

London

London

Städtereisen mit Kindern? Ein Wagnis. So viele Eindrücke strömen auf die wissbegierigen Kleinen ein. Zu viel. Da ist guter Rat teuer. Nicht immer. Denn mit diesem erstklassigen Buch ist man bestens gerüstet für eine Reise in eine der schönsten und eindrucksvollsten Städte der Welt. Einst war sie die unumstrittene Weltmetropole: London. Miroslav Sasek hat bereits 1959 dieses Buch veröffentlicht. Und es war ein Riesenerfolg. Di eNew York Times kürte es zum am besten illustrierten Kinderbuch. Verständlich. Denn die Zeichnungen in diesem Buch sind kindgerecht und auch bei Erwachsenen erstehen vor dem geistigen Auge Bilder, die man gern in der Realität sehen möchte. Die kurzen Texte umreißen das zu Erwartende in der britischen Hauptstadt.

Nun ist es beim Verlag Antje Kunstmann in einer Faksimile-Ausgabe  neu erschienen. Das heißt, es wurde nichts verändert. Der nostalgische Schleier von einem halben Jahrhundert umweht diese Ausgabe.

Der Autor sieht London durch die Augen von Kindern. Das heißt, man eigentlich nichts, denn in London herrscht immer Nebel. Ein Klischee. Aber so lockert man die Stimmung gleich zu Beginn auf. Farbenfroh geht die Reise weiter. Als erstes fallen einem die Bobbys auf. Die Polizisten in ihren schneidigen Uniformen und den für London so typischen Mützen. Nicht vergessen – das Buch wurde vor über 50 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht. Heute sind die Polizisten immer noch auffällig, aber bei weitem nicht mehr so ungewöhnlich gekleidet. Bank of England, St. Pauls Cathedrale, Billingsgate und die Börsianer mit ihren Bowler-Hüten prägen das Stadtbild heute wie damals. Okay, die Bowler sind eher Casual-Wear gewichen. Doch ab und zu sieht man diese Uniform doch noch. London ist halt doch traditionell.

Am Ende des Buches werden einige in diesem Buch dargestellte Fakten in die Gegenwart transformiert. Denn trotz allem Traditionsbewusstseins, entwickelt sich London weiter. Nicht nur die Bowlerhüte sind fast verschwunden. Auch die Fleetstreet ist schon lange nicht mehr das Mekka der schreibenden Zunft. Rupert Murdoch sei Dank. Geblieben sind jedoch die Wachposten mit ihren Bärenfellmützen. Anhand ihrer bunten Federn kann man ihre Regimentszugehörigkeit erkennen: Rot, das sind die Coldstreams, Weiß die Grendaiere, Blau für die Irish Guards, die Welsh Guards haben ein weiße Feder mit einem grünen Streifen. Nur die Schotten sind federlos. Ja, auch wir Erwachsene können aus diesem Buch lernen.

Ein köstlicher Lesegenuss für Groß und Klein. Klare Linien und knappe Texte. So wird London zum Erlebnis.

Stuttgart! – Das Buch

Stuttgart! Das Buch

Fast jeder noch so kleine Tourismusverband gibt ein kleines Büchlein über seine Orte heraus. Das ist gut, das ist wichtig. Das erleichtert dem Besucher die Orientierung. Bei größeren Städten ist ein kleines Heft oder Büchlein Papierverschwendung. Denn wegen der Größe (der Stadt) würde so manche Attraktion den Rahmen sprengen.

Eine Stadt wie Stuttgart auf 30 oder 40 Seiten darzulegen ist ein hehres Ziel, jedoch ein unmögliches Unterfangen. Da bedarf es schon ein paar Seiten mehr. Stuttgart! – mit Ausrufezeichen – Das Buch trifft exakte den Nerv der Zeit. Umfassend, von Bewohnern verfasst, und richtig dick. Nur so wird man einer Landeshauptstadt gerecht.

Die Autoren wurden teils in Stuttgart geboren oder verbringen seit Jahren ihr Leben in der Schwabenmetropole. Sie schreiben über Popkultur, Wirtschaftsphänomene und sportliche Höchstleistungen. Im Vorwort schwärmt der Grünen-Politiker Fritz Kuhn von „seiner Stadt“ als Hort der Geborgenheit und Weltoffenheit.

Stuttgart ist ein Stadt, in die man sich – laut Klappentext – erst auf den zweiten Blick verliebt. In dieses Buch verliebt man sich aber der ersten Seite. Gediegen liegt es auf dem Schoß. Gleich das erste Kapitel „Vom idyllischen Wiesengrund zur modernen Großstadt – Geschichte“ empfängt den Leser mit einem stimmungsvollen Sonnenaufgang. Harald Schukraft schafft es den Leser mit seiner Orts- und Geschichtskenntnis sofort in den Bann zu ziehen. Gekrönte Häupter und historische Stadtansichten schaffen Vertrautes und Neues zugleich.

„Stuttgart! – Das Buch“ ist mehr als eine Aufforderung zum Lesen. Es ist eine Einladung in eine Stadt, die es sich auf und zwischen Hügeln gemütlich gemacht hat. Zerstört in den düstersten Zeiten deutscher Geschichte und mit akribischer Handarbeit wiedererrichtet. Wirtschaftsmotor dank automobiler Unterstützung. Das sind die nüchternen Fakten. Schmelztiegel der Kulturen, Heimat von internationalen Stars und architektonischer Blickfang, wenn man die Augen offen hält. Als 1993 hier die Leichtathletik-WM stattfand, war Stuttgart vom Hammerfest bis Feuerland, von Belfast über Peking bis Boston in aller Munde. Das als „bieder verschriene Schwabenvölkchen“ brachte tagein tagaus das Stadion zum Kochen. Noch heute schwärmen die Teilnehmer von der unglaublichen Stimmung im Rund des Stadionrundes. Stuttgart – und das beweist dieser Prachtband eindrucksvoll – ist eben mehr als „schaffe, schaffe Häusle baue“. Stuttgart hat sich seinen Ruf als Hauptstadt redlich verdient.

Die fetteschste Liebescherklärung die Stadt am Neckar. Und was für oine! Nicht nur für Wasen-Besucher, Fußballfans und Musical-Liebhaber.

Persepolis – Die altpersische Residenzstadt

Persepolis

Schon mal geritten? Schon mal eine Treppe hinauf oder hinunter geritten? Und dann womöglich noch nicht vor, sondern in historischer Kulisse? Das würde doch passen. Zum Beispiel in Persepolis. Doch Autor Alireza Shapur Shahbazi wird das berittene Volk gleich rügen. Denn die gigantische Treppe wurde nicht für Reiter errichtet, sondern damit noch mehr Huldiger dem Schah ihre Ehre erweisen und ihre Geschenke abgeben können.

Vor reichlich zweieinhalb Jahrtausenden wurde diese sagenumwobene Stadt erbaut. Dareios I. gab sie in Auftrag. Heute sind „nur noch“ die Reste des königlichen Palastes zu erkunden. Doch das reicht vollkommen aus, um tief in die Geschichte des Persischen Reiches einzutauchen. Um beim Sprachbild zu bleiben: Der Autor schwimmt vornweg. In seinen Analysen zu Bedeutung und Herkunft der einzelnen Denkmäler schwimmt er allerdings nicht. Vielmehr ist er der Experte für diese Epoche und somit auch für diese Stätte einer Weltkultur.

Im Oktober 1971 feierten der amtierende Schah Mohammad Reza Pahlavi und sein Vater Reza Schah Pahlavi das 2500jährige Bestehen ihrer Monarchie mit exorbitantem Pomp in Persepolis. Das rückte die Stadt wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Das Ende ist bekannt. Islamische Revolution. Die Ayatollahs übernahmen die Macht.

Heute kann man Persepolis wieder besichtigen. Und wie mit vielen Weltkulturerben sehen sie auf den ersten Blick alle nett aus, aber so richtig kann niemand etwas damit anfangen. Niemand? Eine kleine Gruppe von Gelehrten unter Führung des Autors widersetzt sich dem Dogma des Widerstandes gegen das Wissen.

Mit stoischer Ruhe und enormen Fachwissen gewappnet zieht Alireza Shapur Shabazi durch die Stätten der königlichen Vorfahren. Wie beim Opa auf dem Schoß lesen wir von Gesandten, die kostbare Geschmeide mitbrachten. Von Inschriften in geheimen, längst vergessenen Sprachen. Von Ritualen, die die Geschichte wieder auferstehen lassen. Von Zweck der einzelnen Bauten, die uns erst durch den Autor ihre Geschichte erzählen. „Persepolis – die altpersische Residenzstadt“ ist das Vermächtnis eines unermüdlichen Forschers, das es uns erlaubt die Hinterlassenschaften es einst so großen Reiches richtig einzuordnen.