Archiv der Kategorie: aus-erlesen wissen

Kleine Geschichte Istanbuls

Kleine Geschichte Istanbuls

Eine Stadt in Worte zu fassen, ihrem Lebenslauf darzulegen, ist eine schwierige Angelegenheit. Besonders, wenn sie seit über 2.000 Jahren existiert und ein so wechselvolle Geschichte wie Istanbul vorzuweisen hat. Brigitte Moser und Michael W. Weithmann haben sich der Mammutaufgabe gestellt und haben einen idealen Begleitband einer jeden Istanbulreise erschaffen.

Jeder kennt die Wahrzeichen der Stadt am Bosporus: Hagia Sophia, Blaue Moschee, die Bosporus-Brücke. Doch die Geschichten, die dahinterstehen, kommen oft zu kurz. Dabei sind sie erzählenswert. Auf den reichlich 180 Seiten erfährt der Leser schon vor der Abfahrt mehr über Istanbul als wenn er pauschal die Stadt erkunden will. Ein Flug nach Istanbul dauert mit Check-In und allem Drumherum ca. vier bis fünf Stunden. Stunden, in denen die Neugier auf den Zusammenprall von Orient und Okzident kaum noch auszuhalten ist. Hier eine Kontrolle, da eine Passage. Die Zeit sinnvoll zu nutzen, fällt wegen der Anspannung schwer. Mit diesem Buch im Handgepäck – Bücher sind allen Restriktionen nach 9-11 zum Trotz immer noch erlaubt – wird die unerträgliche Wartezeit zum Ausflug in eine andere Welt. Vor Ort kommt dem Reisenden der erweiterte Wissensschatz ab dem Flughafen zugute.

Selbst wer Istanbul nach eigenem Bekunden schon in- und auswendig kennt, wird hier noch die eine oder andere Anekdote herausfiltern können. Auf einzelne Geschehnisse einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Zum umfangreiche ist das dargebotene Wissen.

Eine Stadt, die sich Zeit ihres Lebens Angriffen erwehren musste, und dies öfter als andere auch erfolgreich tat, lebt vom Mythos ihrer Unbezwingbarkeit und ihrem reichen kulturellen Erbe. Istanbul ist somit eine der reichsten Städte der Welt. Vierzehn Millionen Einwohner erleben jeden Tag, was es heißt in einer so genannten Megacity zu wohnen. Noch einmal knapp 50 Prozent davon kommen jährlich als Touristen hinzu. Sie sind es, die den Ruhm Istanbuls in die Welt hinaustragen. Sie künden von erhabenen Bauten und lebhaften Plätzen, von einzigartigen Touren durch eine der faszinierendsten Städte weltweit und von den Hinterlassenschaften von knapp drei Jahrtausenden. Und ab sofort kennen sie außerdem noch die Hintergründe, dank dieses Buches haben sie das Wissen Geschichte einzuordnen und weiterzugeben.

Alles über Luxemburg

Alles über Luxemburg

Mal Hand aufs Herz: was wissen Sie über unsere direkten Nachbarn? Polen – ist klar – kennen wir seit der Fußball-Europameisterschaft etwas besser. Tschechien mit Prag und dem leckeren Bier. Nach Dänemark fahren wir im Sommer, um uns den Wind um die Nase wehen zu lassen. In Österreich fahren wir Ski und in die Schweiz schaffen wir unser zu viel verdientes Geld. Nach Holland fahren wir zum Entspannen, in Belgien schlagen wir uns jede Menge (Frittier-)Fett auf die Hüften. In Frankreich leben wir wie Gott ebenda. Das ist ja schon ganz ordentlich was zusammengekommen, was wir Deutschen über unsere Nachbarn wissen. Doch Halt! Da fehlt doch noch was! Oder doch nicht? Klar. Luxemburg. Ja … da ist … ähm … Die benennen ihre Hauptstadt nach ihrem Land. Und der Sprit ist dort billig. Oh weh, Sechs, setzen! Unser kleinster Nachbar im Westen ist mehr als eine Tankstelle mit dem Hang zur Phantasielosigkeit (nur (!) in Bezug auf die Namensvergabe der Städte).

Knapp die Hälfte der Einwohner hat keinen luxemburgischen Pass. Von Unruhen oder gar regelmäßigen Übergriffen aus Ausländer hört man nichts. Also scheint man im Großherzogtum etwas richtig zu machen. Trotz seiner geringen Ausdehnung (Luxemburg ist der 166. Größte Staat der Welt, bei der Bevölkerung liegt man auf Platz 170) ist Luxemburg ein bedeutendes Land: Platz 19 unter den Finanzplätzen der Welt, nur in einem Land gibt es mehr Investmentfonds. Doch auch mit diesem Wissen kann man bei einem kurzweiligen Small-Talk keinen Blumentopf gewinnen. Der Mensch muss immer vergleichen. Die ungenannten Autoren nehmen sich Island zum Referenzobjekt. Island hat einen Nobelpreisträger. Hálldor Laxness, 1955, Literatur. Luxemburg hat fünf Preisträger aufzuweisen. Unter anderem für Physik und Medizin!

Dieses launische Buch lädt auf einfache Weise zu verweilen ein. So manche Information ist nicht lebenswichtig, aber sie lässt einen schmunzeln, nachdenken und verweist an die eigene Geschichte. Zum anderen macht dieses Buch Lust dieses kleine, und doch nicht so unbedeutende Land zu besuchen. Die Tourismusmanager Luxemburgs sollten sich dieses Buch als Standardwerk ganz vorn in den Bücherschrank stellen. Denn immer nur auf Wanderungen und die so genannten Best-Ager zu setzen, zahlt sich auf Dauer nicht aus.

Wer Luxemburg auch mal außerhalb der Tankstellen kennenlernen will, wer Müllertal und Wanderweg an der Attert schon in- und auswendig kennt, wem die morgendlichen Spaziergänge durch das Petruss-Tal schon zur lieben Angewohnheit geworden sind, wer in den italienischen Restaurants schon mit Vornamen angesprochen wird, der wird hier wahrhaft ein El Dorado vorfinden. Um der Großspurigkeit mancher Deutschen gleich noch einmal einen Riegel vorzuschieben. Als Lena vor einiger Zeit den Eurovision Songcontest gewann, geschah dies erst zum zweiten Mal in der fast sechzigjährigen Geschichte. Luxemburg, das soooo viel kleiner ist, konnte sich 1961, 1965, 1972 und 1973 (Titelverteidigung – das gelingt nicht einmal der Fußball-Nationalmannschaft Deutschlands) und 1983 in die Siegerliste eintragen. Deutschland könnte theoretisch also erst im Jahr 2016 am kleinen Nachbarn vorbeiziehen. Doch genug der Aufzählungen. Lesen Sie alles über Luxemburg und vergessen Sie die knall harten Fakten. Softnews sind spannender und bleiben eher im kollektiven Gedächtnis haften.

Der ungewöhnliche Verlagsname – capybarabooks (googeln Sie mal nach „Capybara“!, es lohnt sich) – stammt vom Wasserschwein, lat. Capybara. Dieses Tier hat auch einen Bezug zum Lesen! Denn es sonnt sich gern im oder am Wasser. Lässt den Herrgott einen braven Mann sein. Wenn es lesen könnte, würde es sicherlich tagein, tagaus an den Ufern der Mosel oder der Attert (capybarabooks ist schließlich ein Luxemburger Verlag) liegen und unter anderem dieses Buch lesen. Immer nur flussauf und flussab zu schwimmen ohne wirklich zu wissen, was an hinter den Uferpromenaden liegt, ist auf die Dauer auch nicht befriedigend. Außerdem hat ein Capybara nur ein knappes Jahrzehnt Zeit die Welt kennenzulernen.

Machen wir es wie die Wasserschweine, nagen wir nicht länger an unseren Problemen herum. Legen wir uns in die Sonne, und genießen dieses kurzweilige, mit für Gesprächsstoff sorgende Buch. Jedwede Konversation bekommt mit dem geballten Wissen über das Großherzogtum eine überraschende Wendung. Einmal im Mittelpunkt stehen und mit Wissen glänzen, das so nirgendwo geschrieben steht. Faulenzen auf hohem Niveau, mit launischer Unterhaltung.

Luxemburg in der Welt 2

Luxemburg in der Welt 2

Die Reise der beiden Spurnasen  Luc Marteling und Steve Müller geht weiter. Zwei Jahre nach der Buchprämierung ihres Erstlings, geht „Luxemburg in der Welt“ in die zweite Runde. Standen im ersten Band viele Restaurants wie das „Alt Luxemburg“ in Berlin-Charlottenburg und meistens der europäische Kontinent im Fokus, so müssen die Detektive im zweiten Teil durchaus weitere Anreisen in Kauf nehmen. Doch die neugierigen Autoren meistern auch diese Hürde.

Brasilien, Honduras, Venezuela wechseln sich mit Bayern, Paris und Rumänien ab. Eine Weltreise de Lux. Kurze Texte, eine Vielzahl an Bildern und – für Reisende besonders wichtig – nützliche Infos wie Adressen, Internetauftritt und Telefonnummern, machen den zweiten Teil der Spurensuche zu einem vergnüglichen Lesespaß und obendrein noch zu einem hilfreichen Reisebegleiter.

Man schlendert nichtsahnend durch die Straßen Rios, der Strand-Metropole der Welt. Auffällig blinken die Leuchtreklamen. Doch eine fällt besonders auf. „Luxemburgo Motel“ Klingt irgendwie verheißungsvoll. Luxemburg – Luxus. Einundfünfzig Reais, nicht mal 20 Euro. Aber nicht für die Nacht, sondern „nur“ vier Stunden. Verheißungsvoll. Luxemburg. Luxus. Naja…

Im venezolanischen Merida offeriert das Hotel Luxemburgo seinen Gästen ebenfalls Entspannung – hier zahlt man allerdings tage- und nicht stundenweise.  Eine Stadt zum Verlieben. Luxemburg, wo man es am wenigsten erwartet.

Im Alpenvorland, im weitesgehend unbekannten Örtchen Lenggries werden die Detektive noch einmal fürstlich für ihre Suche belohnt. Die hohen Herren aus Luxemburg verbrachten hier oft und ausgiebig ihre Sommerferien. Und einige Ländereien in der Umgebung des malerischen Alpenvorlandes sind bis heute in luxemburgischem Besitz.

Wenn einem etwas gehört, benennt man es nach sich selbst. Das war mal so. Heute zeugen vereinzelte Straßennamen vom einstigen Einfluss der Luxemburger Herrscher. Allein in Frankreich gibt es 266 Hinweise darauf, von der Rue Pierre de Luxembourg in Avignon (Postleitzahl 84000), über die Allée, den Place und die Rue Luxembourg in Le Mans (Postleitzahl 72000) bis hin nach Verdun in die Avenue de Luxembourg (Postleitzahl 55100). Jede einzelne Straße, jeden Platz haben die beiden Autoren ausfindig gemacht (und die Postleitzahlen gleich noch dazu notiert).

Wer immer noch glaubt, Luxemburg sei ein kleines Land inmitten Europas, das jedoch nicht so recht ins moderne Bild der Geschichtsschreibung passt, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Luxemburg ist untrennbar mit der Geschichte Europas verbunden, und trägt zu Recht seinen Namen hinaus in die Welt. Ein amüsanter Blick auf die mal mehr, mal weniger bedeutenden Verweise zum Großherzogtum. Und irgendwas muss ja dran sein, wenn man sein Etablissement, sein Restaurant, sein Viertel nach Luxemburg benennt. Das „Arrondissement du Luxembourg“ in Paris gilt nicht umsonst das Zentrum das Wissenschafts- und Kulturviertel. Ein bisschen Lux-us muss sein.

Baden-Württemberg – 60 Ausflüge in die Vergangenheit

Baden-Württemberg - 60 Ausflüge in die Geschichte

Es gibt viele Arten ein Land zu bereisen. Von Norden nach Süden, von Ost nach West. Man kann sich die Städte als Urlaubsorte aussuchen oder die Weiten der Natur. Wandern, Radfahren … die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Mit diesem Buch wird die Reiseindustrie vielleicht nicht revolutioniert, aber sie bekommt eine gehörige Portion Rückendeckung aus dem Buchhandel!

Das Land Baden-Württemberg bekannt zu machen, ist kaum noch notwendig. Schlösser und Burgen (noch) existierender Adelsgeschlechter, der Schwarzwald, Rheinschiffsreisen – das alles ist vertraut und wird bereitwillig angenommen. Aber unserer (deutschen) eigenen Geschichte mal nicht nur sprich- sondern wortwörtlich auf den Grund zu gehen, da fehlte es bis vor Kurzem noch an behänder Reiseliteratur. Die Sachbuchregale bogen sich schon seit eh und je unter der Last des Wissens durch. Nur leider waren die Schmöker für den Vor-Ort-Tourismus unbrauchbar. „Baden-Württemberg – 60 Ausflüge in die Geschichte“ erscheint nun in zweiter, neu gestalteter, komplett überarbeiteter Auflage.

Die Autoren Ute und Peter Freier entwickeln eine neue Methode des Reisens. Sie fangen nicht an einem geographischen Punkt A an, um nach B zu kommen. Sie beginnen ihre Touren vor Tausenden von Jahren, als Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen in Höhlen, zum Beispiel in Blaubeuren bei Ulm, hausten. Diese Höhlen sind tatsächlich freizugängig. Man muss nur wissen, wo sie sind. Sensationelle Funde kann man sicherlich ausschließen, aber mal bei seinen Vorfahren in den Vorgarten zu linsen oder in dessen Küche ein Wecken zu verzehren, ist doch auch schon was.

Die Reise geht quer durchs Land. Jedes einzelne Ziel zu benennen, würde zu weit führen. Man muss es eben selbst erleben. Und mit diesem Buch in der Hand kann nichts schief gehen. Die Touren sind genau beschrieben, inkl. Länge und ungefährer Dauer. Ob man zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs ist, die Touren und ihre Ziele warten nur darauf erkundet zu werden. Zusätzlich wird jedes Kapitel mit einem auch für den Geschichtslaien verständlichen Text eingeleitet. So weiß man schon vor Reise- bzw. Leseantritt, was einen erwartet. Die Zimmervermieter im oft flappsig als Ländle bezeichneten Bundesland werden mit einem erhöhten Übernachtungsaufkommen rechnen, denn dieses Buch macht Appetit auf Forschungsreisen für Jedermann.

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Und da denkt man – immer wieder – dass man schon alles gelesen hat. Beziehungsweise zu jedem Thema ein Buch benennen kann. Weit gefehlt! Pierre Bayard hat eine echte Marktlücke entdeckt. Er schreibt über Menschen, die über Orte schreiben, an denen sie nie gewesen sind.

Ein Ratgeber für Angeber? Nein! Denn er zeigt lediglich auf, welch famose Blender die Weltliteratur bereichert haben. In unseren Breiten ist dafür Karl May wohl der Bekannteste.

„Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ bereichert trotz der Fake-Attitüden der besprochenen Autoren jeden Bücherschrank. Denn ihre Reiseerzählungen beflügelten und beflügeln – immer wieder – unsere Phantasie. Marco Polo ist nach Bayards Meinung nie über Venedig hinausgekommen. Vielleicht noch bis Konstantinopel. Aber da war dann auch Schluss mit der Reiserei. Und dennoch war Marco Polo bis vor einigen Jahrzehnten federführend, wenn es um kulturelle Erklärungen Chinas ging. Das konnte auch die Kulturrevolution eines Mao Tse-tung nicht verhindern.

Die elegante Aufmachung des Buches zielt in erster Linie auf Leser, die Ironie verstehen und die inneren Werte eines Buches zu schätzen wissen. Er deckt Wissenslücken und Fehler der Autoren auf, die dem flüchtigen Leser nie auffallen würden bzw. als künstlerische Freiheit abgetan werden könnten. Wer reist, will erzählen. Manche wollen aber nur erzählen, dass sie gereist sind. Sie benötigen Wissen in rauen Mengen. Dieses Wissen ist dank einer gigantischen Menge von Reiseberichten in einer schier unendlichen Vielzahl verfügbar. Klar, dass sich so mancher hier und da bedient – es muss ja nicht immer gleich eine Doktorarbeit sein… Dank Pierre Bayard werden wir Leser in Zukunft so manches Buches noch einmal aus dem Schrank holen und unter den neu gewonnenen Aspekten in einem völlig neuen Licht lesen. Aber – und das ist der eigentliche Nährwert des Buches – wir werden zum nochmaligen nachhaltigen Lesen angehalten.

Dieses kurzweilige Buch liest sich spannend wie ein Krimi, weil Bayard detektivisch die Ungereimtheiten aufdeckt. Dieses Buch liest sich flüssig, weil Bayard es versteht den Leser ab der ersten Seite zu packen, denn er vermeidet die Autoren bloßzustellen. Sie sind in seinen Augen keine vorsätzlichen Lügner. Sie schmücken ihre (literarisch / erreisten) Erfahrungen einfach nur ein bisschen aus. Aufhübschen ist das Zauberwort. Und dieses Buch ist ein wahres Kleinod im Wust der Reiseberichte. Denn Bayard vergisst keine Fußnote, keine Quellenangabe – alles ist nachvollziehbar: Egal ob er von einem unbekannten Ort, einem überflogenen Ort, einem erwähnten Ort oder einem vergessenen Ort spricht.

Kleine Geschichte Amsterdams

Kleine Geschichte Amsterdams

Amsterdam gehört unter den Metropolen der Welt sicherlich zu den liberalsten Städten. Jeder junge Mensch will in seinem Leben einmal nach Amsterdam. Der Grund darin liegt, … ach das soll jeder für sich selber entscheiden. Zweifelsohne steht fest, dass jeder Tag, jede Stunde, jede Minute in der Stadt auf Pfählen die Reisestrapazen wert ist.

In diesem kleinen, informativen Büchlein wird der Geschichte dieser an Geschichten so reichen Stadt gebührend Respekt gezollt. Einer Stadt, die als kleiner Ort in einem unbewohnbaren Gebiet schon immer die Blicke der Außenstehenden auf sich zog und als einer der größten Handelsplätze der Welt jahrhundertelang für Furore sorgen sollte.

Davon überzeugen sich jährlich Millionen Besucher. Und die kommen nicht alle nur wegen der Coffee-Shops und des geheimnisvoll illuminierten Redlight-Districts. Hier ist Geschichte mit allen Sinnen wahrnehmbar.

Pünktlich zu ihrem 500. Geburtstag wurde Amsterdam im Jahre 1806 zur Hauptstadt der Niederlande ernannt. 180 Nationalitäten tummeln sich hier und den 165 Kanälen. Autor Christoph Driessen bezeichnet Amsterdam als riesigen Guckkasten. Fürwahr!

Und als Guckkasten der Geschichte Amsterdams fungiert dieses Buch. Es sei an dieser Stelle verziehen, dass nicht auf jedes Ereignis, das Stadt und Menschen ereilte, eingegangen werden kann. Dafür ist dieses Buch da. Jede einzelne Seite strotzt nur so vor Wissen. Sich dem Zauber der Stadt und ihrer abwechslungsreichen Geschichte entziehen zu wollen, käme einer Flucht vor unterhaltsamer Wissensvermittlung gleich.

Christoph Driessen ist gebürtiger Holländer, der in Deutschland geboren wurde. Klischeehaft also ein toleranter Pedant. Oder ein pedantischer Freigeist. Fakt ist, dass dieses Buch exzellent recherchiert wurde – kein Wunder leitet er doch das Kölner dpa-Büro.

Immer wieder wird der Geschichtsexkurs durch Anekdoten wohlwollend unterbrochen. Das stört den Lesefluss in keinster Weise. Im Gegenteil, es macht Buch und Stadt so abwechslungsreich sympathisch. Wer Amsterdam mehr als nur vom Wasser aus erkunden will, der braucht Hintergrundwissen. Und da kommt dieses Büchlein gerade recht! Kurz und knackig wird diese kleine Metropole (von einer Millionenstadt ist Amsterdam so weit entfernt wie New Amsterdam, also New York von der Beseitigung des Verkehrschaos) ins Visier genommen und liebevoll in seine Basisstücke zerlegt. Zusammengesetzt ergeben diese Teile eine Potpourri der Nationen und Kulturen, das wie eine Oase im Einheitsbrei Westeuropas vor sich hinschwimmt.

Gert Fröbe

Gert Fröbe

Sind Komödianten die besseren Bösewichte oder sind Bösewichter die besseren Komödianten? Im Falle von Gert Fröbe ist die Frage irrelevant, denn er war einer der größten deutschen Schauspieler. Als Goldfinger lässt er immer noch mit seiner heißeren, metallisch-höhnischen Stimme das Blut in den Adern gefrieren, wenn er dem an eine goldene Platte gefesselten Sean Connery auffordert: „No, Mr. Bond … I expect You to die!“ Als personifizierte Schnecke, die sich nicht schlüssig ist, ob sie denn nun aus ihrem Haus rauskommen soll oder nicht, begeistert er immer noch Jung und Alt.

Die blitzgescheiten Augen, das schelmische Lächeln und die durchaus imposante Statur wecken sofort Assoziationen beim Publikum. In „Es geschah am hellichten Tag“ verteufeln wir ihn als kranken Triebtäter und haben zugleich Mitleid mit dem geschundenen Charakter, der mit Schokoladenigeln kleine Mädchen verführt, um…

Doch auch als „Otto-Normal-Verbraucher“ – ein Begriff, der dank seiner schauspielerischen Leistung in den Alltagssprachgebrauch übergegangen ist, fasziniert er Zuschauer wie Cineasten. Der Mensch hinter der Maske, er tritt in diesem Buch zum ersten Mal vor den Vorhang.

Beate Strobel stellt einen Mann vor, den man zu kennen scheint. Doch wir kennen nur den pickelhaubigen Oberst Holstein aus „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ oder den hartleibigen Trunkenbold in „Via Mala“ oder eben den Prototypen des Bösewichts bei 007. Den offenherzigen, immer zu geben bereiten, das Leben liebenden Tausendsassa lernen wir erst jetzt kennen.

Zeitlebens bewunderte er Heinz Rühmann, mit der er zwei Filme drehte. Und den er jedes Mal mit Bravour an die Wand spielte. Mehrere Ehen hatte der hünenhafte Sachse geführt. Sein von Arbeitswut und Neugier getriebenes Leben waren nie der alleinige ausschlaggebende Punkt für das Scheitern.

Gert Fröbe war ein großer, vielleicht sogar der größte deutsche Star im internationalen Kino. Während Rühmann in Deutschland nicht mehr wegzudenken war, zog es Fröbe – auch wegen der besseren Bezahlung – ins Ausland. Tiefschlägen folgten prompte Erfolge. Mit Schicksal hatte dies nie zu tun, das wusste auch Gert Fröbe. Ein Leben lang arbeitete er. Schon als Kind verdiente er seine ersten Groschen. Als Bühnenbildner war er gestartet, als gefeierter Weltstar mit Charaktergesicht trat er von der Bühne des Lebens ab. Beate Strobel trägt mit ihrer Biografie maßgeblich zum Nichtvergessen dieses großen Mimen bei, in dem sie im Stile Gert Fröbes Lebens die wichtigen Fakten für sich sprechen und den Firlefanz außen vor lässt. Eine Biografie, die auch als Roman durchgehen könnte.

Soutines letzte Fahrt

Soutines letzte Fahrt

Chaim Soutine geht es schlecht. Sehr schlecht. Aus dem Lexikon wissen wird, dass er bald sterben wird. Der Maler, der mit Modigliani eng befreundet war, fährt an diesem Tag, dem 6. August 1943, zusammen mit seiner Ma-Be in einem Leichenwagen durch das besetzte Frankreich. Ihm geht es schlecht. Er muss ins Krankenhaus. Doch als weißrussischer Jude ist in dieser Zeit die Chance im Konzentrationslager zu enden um ein Vielfaches höher als Hilfe angeboten zu bekommen. Deswegen das Versteck …, nein –spiel wäre hier mehr als unangebracht.

Die Schmerzen des Magengeschwürs im Mix mit dem schmerzlindernden Morphium treiben Soutines Gedanken voran und zurück. Er blickt zurück auf ein Leben, das geprägt war von Entbehrungen und großen Glücks. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris, der Welthauptstadt der Malerei ankommt, ist er überglücklich. Doch das harte Brot des Geldverdienen-Müssens zieht ihn teils unter den Boden der Tatsachen hinunter.

Erst die Freundschaft zu Modigliani, der dem desillusionierten Maler seinen Kunsthändler vorstellt, bringt Licht ins Dunkel des Schaffens. Doch Leopold Zborowski ist anfangs so gar nicht begeistert von der Morbidität der Werke. Außerdem ist er mehr als nur der Kunsthändler Modiglianis. Amadeo Modigliani ist die fette Gans, die ihm das Leben ermöglicht – da duldet man selten weiteres Vieh, das eh nur Arbeit macht. Erst ein Milliardär – ein echter self-made-man aus den Staaten – bringt Schwung in Soutines Arbeitsroutine.

Chaim Soutines Werk ist geprägt von den Eindrücken, die der Maler in der Ausübung seines Berufes empfindet. Vor seinen Augen altern seine Modelle – und auch die Leinwand mit den Farbstrichen altert zusehends. Sie wirken auf den ersten Blick verstörend, verzerrend. Genauso so verzerrt ist Soutines Leben im Moment des Erinnerns.

Ralph Dutlis Roman ist eine Mischung aus wahrer Historie und eigener Phantasie. Chaim Soutine existierte wirklich, auch wenn ihn nur Wenig kennen. Ob die letzten Tage wirklich so vergingen, keiner weiß es. Das kann dem Roman in keinster Weise etwas anhaben. Die Geschicklichkeit, mit der Ralph Dutli die Worte wählt – gleich in Zeile neun packt er den Leser mit dem Vergleich eines Kindes, das mitten im August (1943) verschnupft ist, genauso wie das besetzte Land (Frankreich).

An Chaim Soutines Grab in Paris stehen im August 1943 nur fünf Menschen, unter ihnen Pablo Picasso und Jean Cocteau. Die Kunstwelt wird Schlange stehen, um ein Buch über einen fast schon vergessenen Künstler zu ergattern.

Thermen der Römer

Die Thermen der Römer

Den Tag mit einem heißen Bad ausklingen lassen – ach wie herrlich. Die Anspannung fällt von einem ab, heiße Dämpfe lassen den Abend einläuten. Im alten Rom sah man das etwas praktischer. Nicht jeder hatte ein Bad zuhause. Sich reinigen, im öffentlichen Raum – ein Muss.

Ernst Künzl nimmt den Leser mit auf eine Planschgreise ins Alte Rom. Und das reichte zeitweise von Britannien bis an den Nil, vom Rhein bis nach Nordafrika. Ein großes Gebiet, um Baden zu gehen. Die Reise macht Halt in den Barbarathermen in Trier, den Überresten der Stabianer-Thermen in Pompeji oder auch im englischen Bath. Der Name scheint Programm zu sein.

Die großzügig verteilten und prächtig in Szene gesetzten rund einhundert Abbildungen versetzen den Leser in die Lage, die Bedeutung der antiken Spa-Landschaften einzuordnen. Klar waren die Kaiserthermen prunkvoller als die Waschanstalten des gemeinen Volkes. Doch auch deren Bäder waren und sind es wert besucht zu werden. Ihre Architektur und das technische Know-How – irgendwie musste ja Wasser in die Bassins, ein ausgeklügeltes Wassersystem wie wir es heute haben, gab es damals nur in spärlicher Anzahl – faszinieren Autor und Leserschaft gleichermaßen.

Über das Alte Rom wurde schon Vieles (auch Unnützes) niedergeschrieben. Dieser Band gehört in die Reihe „besonders wertvoll“, weil er den Alltag so darstellt wie er wirklich war. Säulen, Tempel, Straßen – alles interessant. Aber es sind „nur stumme Zeugen der Geschichte“. Wer sich für die Antike begeistert, stößt oft schnell an die Grenzen des Verständlichen. Eine Stadt muss leben. Und sie lebt nur durch die Menschen, die darin arbeiten, sie gestalten und, die darin eben auch baden (gehen).

Am interessantesten sind die Anekdoten, die der ehemalige Direktor der römischen Abteilung am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zu berichten weiß. Privatsphäre, zum Beispiel, gab es nicht. Einfach die Toilettentür hinter sich schließen – unmöglich. Gerüchteweise wurde in Nebenräumen der Thermen sogar operiert.

Ernst Künzl erhebt nicht den Anspruch alles über die Thermen zu wissen. Was im Verborgenen liegt, wird mit Niederschriften dargelegt – der Leser kann sich, sofern er das will, ein eigenes Bild der Thermen der Römer machen. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das der Sparte Sachbuch die nötige Ernsthaftigkeit lässt, aber um die Nuance Unterhaltung mehr als bereichert.

High heels mit acht, Diät mit neun?

High heels mit acht

„Die Medien sind schuld! Die leben uns etwas vor, was falsch ist.“ – Ein viel zitiertes Vorurteil und gern genommene Ausrede, wenn der eigene Nachwuchs sich lieber an Heidi Klum und Konsorten, statt an den vorgelebten Werten orientiert. Ist das Kind erstmal in den Brunnen gefallen, ist das Geschrei groß.

Natürlich werden wir tagtäglich mit perfekt inszenierten optischen Reizen konfrontiert. Und natürlich auch noch niemals zuvor ins solch einer Konzentration. Aber Einflüsse von außerhalb gab es schon immer und wird es auch immer geben. Sie in Maßen aufzunehmen und den Verlockungen zu widerstehen, darin liegt eine der Hauptaufgabe der Kindererziehung.

Tanith Carey will mit ihrem Buch vor den Gefahren von Castingshows und ihren einhergehenden Auswüchsen schützen. Sie verteufelt die Medien nicht, die sind ein Bestandteil des heutigen Lebens geworden. Der viel zitierte Sozialdarwinismus, wie der gern von Bohlen und anderen modernen Kunstegomanen ins Lächerliche verkehrt wird, hinterlässt Spuren bei den Zuschauern. Einige können damit umgehen, andere stürzen in eine tiefe Krise. Die Auswirkungen von falschen Idolen und Vorbildern treten heutzutage häufiger und intensiver zutage.

Eltern sind stolz auf ihren Nachwuchs. So soll es sein – darin gibt es nichts zu rütteln. Die Kleine hübsch rauszuputzen – auch normal. Doch dieses Herausputzen birgt Tücken, ja sogar sehr gefährliche Fallen. Mit Klamotten und Make up kann man körperliche Makel übermalen. Die Industrie gibt jede Menge Tipps an die Hand. Die Realität wird mit Stoff und Stöffchen karikiert und in den Hintergrund gedrängt. Die äußere Hülle zählt. Der Mensch darin kommt sowieso irgendwann zum Vorschein. Da hat man aber sein Ziel schon erreicht. Erst einmal mit dem Äußeren glänzen, der Rest kommt von ganz allein.

Es gab Zeiten, da musste man erst einmal überzeugen bevor man sich „herausputzen“ konnte. Die Reihenfolge des Erfolges hat sich gewandelt. Wie also schützt man seinen Nachwuchs vor diesem Wandel? Radikalkur oder aufmerksames Beobachten und Handeln? Soziale Kompetenzen stärken und den eigenen Stil fördern – das sind nur zwei wichtige Aspekte die die Autorin Tanith Carey ins Schlachtfeld der Erziehung führt.

„High heels mit acht, Diät mit neun?“ ist ein informativer und hilfreicher Ratgeber, der mit seinen schlichten Argumenten die Augen öffnet und falschen Propheten das Handwerk legt.