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Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Joki und die Wölfe

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Joki ist gerade umgezogen. Mit seiner Mutter zu Knut. Weg von der Oma und dem gelben Haus, das roch wie es aussah. Sanja von nebenan war immer für ihn da, wenn es jemanden zum Spielen braucht. Auch wenn sie ab und zu mal ein bisschen rauften, waren sie doch unzertrennlich.

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Schwarzohr hat gerade ein bisschen herumgetollt. Eine Maus, wollte sich aus dem Staub machen. Nicht mit ihm. Sein Jagdinstinkt ist geweckt. Eben hatte er noch mit seinen größeren Geschwistern ein bisschen gerauft … bis eben die Maus ihren Weg kreuzte. Doch nun sind alle weg.

Joki, hat ein Schwesterchen bekommen. Deswegen waren Mama und Knut auch nicht da, als er im neuen Heim aufkreuzte. Zuvor hatte er im Wald gespielt. Schon vor Tagen, noch vor der Zeugnisausgabe, hatte er noch nie gesehene Spuren im märkischen Boden entdeckt. Sanja meinte es sei ein Wolf. Aber das kann doch nicht sein! Die gibt es allenfalls noch im Märchen.

Zwei laute Knalle verändern das Leben von Joki und Schwarzohr. Schwarzohrs Eltern wurden von einer Kugel getroffen und sind nun auf der Flucht. Schwarzohr, der inzwischen bei Joki untergekommen ist, geht mit Joki auf eine lange Reise…

Grit Poppe zieht gekonnt Parallelen zwischen den beiden Welt der beiden Protagonisten. Doch anders als in der Mathematik kreuzen sich die beiden Lebenswege an einem dramatischen (Wende-)Punkt. Joki, der kleine zehnjährige Junge erfährt in seinen Schulferien das Abenteuer seines Lebens. Während zu Hause Fienchen (Jokis Schwester) mit allen Würden begrüßt und umhegt wird, kümmert sich Joki liebevoll darum, dass Schwarzohr wieder zu seinem Rudel kommt. Ohne die Wölfe zu vermenschlichen, wird eines offensichtlich: In Freud und Leid kommen sich Wölfe und Menschen so nah wie man es nicht für möglich hält. Die Fürsorge schweißt die Familien zusammen. Gefahren besteht man am besten gemeinsam.

Jedes Kapitel wird sowohl aus der Sicht des Kindes als auch aus der Sicht des Wolfsjungen Schwarzohr erzählt. Die Kapitel sind außerdem in verschiedenen Schriftgrößen und –arten gestaltet. Der Wolf kehrt zurück. Fast scheint es wie ein Hohn, dass die allzu oft und allzu heftig geforderte Rückkehr zur Natur auch Schattenseiten haben soll. Der Wolf ist hungrig, wie alle Lebewesen. Dass er dann auch mal zu eingepferchten Tier greift, ist normal. Doch seine Essgewohnheiten dann als schlecht auf das gesamte Wesen zu übertragen, ist eine mehr als fragwürdige Methode. Joki ist ein Kind. Ein gefühlvolles Kind, das den Wolfsjungen in seine Obhut nimmt, um es vor der Flinte des Stiefvaters zu schützen und zu seiner Familie zurückzubringen. Im Anhang des Buches wird der Jugendroman ins rechte, sachliche Licht gerückt. Fragen wie „Darf man ein Wolfsjunges mit nach Hause nehmen? Werden hier leicht verständlich zusammen mit anderen Fakten beantwortet. Immer noch Angst vorm Wolf? Dann ist dieses Buch die ideale Lektüre!

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.

La Fidanzata

Ein Name wie Donnerhall schallt durch die Arenen der Welt: Juve kommt! Fans wie Spieler freuen sich bis heute, wenn die nationale Denkmal des italienischen Fußballs zu einer anderthalbstündigen Stippvisite vorbeikommt. Meist krallen sich die Spieler auf dem Platz gleich die Willkommensgeschenke mit gierigen Pranken und entführen regelmäßig drei Punkte von fremden Plätzen. Auf dem Platz standen und stehen Ikonen den Weltfußballs: Dino Zoff, Zlatan Ibrahimovic und Gianluigi Buffon und andere spielen mit Grandezza, während der Gegner noch darüber grübelt, ob die schwarz-weiß gestreiften Trikots nur Tarnung sind oder echten Gefängnisinsassen gehören.

Juventus Turin wird gern die alte Dame genannt. Echte Fans nennen sie La Fidanzata, die Verlobte. Zahlenjongleure sehen in Juventus Turin den trophäensammelnden Verein aus dem Norden, der unbarmherzig Spiele für sich entscheidet.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde dieser Unbarmherzigkeit (und dem Titelsammeln) der Riegel vorgeschoben. Und das nicht nur sprichwörtlich. 2005 wurde Juventus zum zigsten Mal italienischer Meister. Diese Meisterschaft war etwas ganz besonderes. Es wäre die achtundzwanzigste Scudetto gewesen. Doch der Titel musste noch ein paar Jahre warten. Denn aus Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft ging eindeutig hervor, dass Spiele manipuliert wurden und somit die Meisterschaft erkauft wurde. Im Jahr darauf wurde Juve wieder Meister, doch die beiden letzten Meistertitel wanderten unversehens in den Abfallkorb der Geschichte und La Fidanzata in die Serie B. Mit dem Handicap von 30 Punkten Minus. Daraus wurden später 17 Punkte, doch der Gang in die Zweitklassigkeit blieb unangetastet – anders als bei weiteren in diesen Skandal verwickelten Vereinen wie AC Milan, AC Florenz und Lazio Rom. Ein Jahr im Keller, auferstanden wie Phönix aus der Asche. Ein Jahr später war man wieder oben auf und zu Beginn des zweiten Jahrzehnts stärker denn je. Sechs Meisterschaften in Folge gaben wieder Anlass zu Kopfschmerzen bei den Fans der gegnerischen Vereine.

La Fidanzata ist die Spalttablette im Calcio auf dem Stiefel. Wie das Trikot der Spieler gibt es nur Schwarz oder Weiß, Liebe oder Hass. Einfach, ernsthaft, zurückhaltend ist das Spielsystem von Juve von jeher gewesen. Schon früh waren ausländische Spieler und Trainer die Säulen des Erfolges eines vereins, der von Gymnasiasten gegründet wurde und seit fast einhundert Jahren in den Händen einer Familie liegt: Agnelli. Die Nachfahren des Fiat-Gründers schafften es dem Kaufwahn der Ölmilliardäre zu widersteh und Juve bis heute von fremdem Geld unabhängig zu machen.

Birgit Schönau ist für die ZEIT und die Süddeutsche in Italien tätig. Sie schafft mit inbrunstiger Wortgewalt dem Mythos Juventus den würdigen Blätterrahmen zu verleihen. Wie in einem Almanach folgen die Augen den Worten wie einer galant geschlagenen Flanke. Wie den Elfmeterschuss erwartende kann man es kaum erwarten bis man die nächste Seit aufschlagen kann. Und schlussendlich der Volltreffer, wenn man die zweihundert Seiten vollendet hat. Spieler, Namen, Anekdoten sind nun vertraut die Tante Trude um die Ecke, die Faszination ist weiterhin ungebrochen, wenn nicht sogar noch verstärkt worden. Keine Lobeshymne, jedoch ein Buch, das Spaß macht gelesen zu werden – egal, ob man nun Fan ist oder nicht.

Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Ein wunderbarer Titel, mit dem man so wunderbar spielen kann. Nein, es geht nicht um LKW, es geht um das Laster. Und das mitten in Berlin. Die Goldenen Zwanziger waren kalendarisch vorbei als Curt Moreck 1931 diesen Reiseband schrieb. Hätte er da schon gewusst, dass die Nazis ihn mit Berufsverbot belegen und seine Bücher verbrennen würden, wäre dieses Buch garantiert kein Führer geworden. So wurde es ein anderer…

Das Buch wurde nicht überarbeitet – darf man heutzutage eigentlich Bücher mit Tipps für den „Fremdenverkehr“ so ohne weiteres veröffentlichen? – und somit sind einige der Lokalitäten, jeder weiß mittlerweile worum es geht, vielleicht nicht mehr am selben Ort bzw. in der Mehrzahl einfach verschwunden.

Also nix mehr mit ‘nem Fuffziger für ‘ne Bockwurst mit Kartoffelsalat wie einst im Alt-Mexiko zur frühen Morgenstund. Katerfrühstück uff berlinerisch. Wer das heute googelt, landet erstmal bei Antiquariaten und dann bei einem Restaurant.

Das deutsche Babylon 1931 lautet der Untertitel. Naja, ganz so dramatisch ist der Inhalt dann auch wieder nicht. Spelunken und Kaschemmen geben sich ein Stelldichein, leichte Mädchen locken in kecken Posen den nächsten Gast heran. Und über achtzig Jahre später ist der Reiseband immer noch lesenswert. Curt Moreck schreibt mit derartiger Vehemenz und Lebendigkeit, dass einem schon nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass mittlerweile der historische Wert den Informationsgehalt weit überholt hat.

Sich neppen lassen, war damals schon ein Problem. Klar, freier Eintritt ins Varieté. Da lässt man sich nicht zweimal bitten. Doch an der Garderobe oder bei der Begleichung der Rechnung trifft den Gast der Schlag.

„Jeder einmal in Berlin!“ war der Slogan des Berliner Fremdenamtes. … Den Spruch muss man erstmal sacken lassen. Was einmal?! Nur einmal! Da ist sie wieder die gaggernde Masse, die sich bei dem Begriff lasterhaft vor Lachen in die Hosen macht. Heute würden sich die Tourismusmanager und Projektleiter und Hostessen (der Begriff ist heute allerdings ganz anders belegt) mit so einem Slogan gleich die Kündigung abholen. Is so überhaupt nicht political correct!

Trotz all der Wendungen und Wandlungen der vergangenen Jahrzehnte sind Bücher wie dieses immer noch eine Offenbarung. Mit einem vielsagenden Schmunzeln gräbt man sich durch die Kiezkneipen und Etablissements von vor Jahrzehnten. Und garantiert kommt man schnell ins Gespräch, wenn man dieses Buch in der U-Bahn liest. So ein Buch erzeugt Aufmerksamkeit. Auch deswegen sollten viele Hotels in Berlin dieses Buch zumindest zur Ausleihe anbieten. Jede Großstadt, jede Metropole hat ihre dunklen Seiten und Ecken und Zeiten. Es ist gut so, dass man heute ruhigen Gewissens mit einem Schmunzeln solche alte Reisebände noch findet und lesen kann. Pädagogisch hält sich der Erkenntnisschatz im Rahmen, aber der Unterhaltungswert liegt um ein Vielfaches höher als bei der Erstausgabe.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Das Herz-Kochbuch

Mal wieder oder öfter was Gutes essen. Ein Vorsatz, den man sich gern an Silvester vornimmt. Doch schon beim ersten Einkauf im neuen Jahr, liegen die Chips wieder im Einkaufswagen. Dahin die rosige Zukunft…

Naja, so schlimm wird’s schon nicht werden. Generationen von Menschen haben lange gelebt und sich dabei nicht gerade gesund ernährt…

Nur zwei Meinungen, die immer wieder ans Ohr dringen, wenn es um gesundes Essen geht. Der menschliche Körper ist ein Zirkulationsmechanismus. Wie Newton schon erkannte, hat jede Aktion eine entsprechende Reaktion zur Folge. Yin und Yang. Gute und Böse. Wie auch immer man es nun bezeichnen möchte. Unser Körper hat dabei eine zentrale Steuerungseinheit: Das Herz. Zu reinigendes Blut kommt rein, gereinigtes Blut wird wieder ausgestoßen. Und das tausendfach am Tag.

Und dieses Herz muss – nicht erst ab einem bestimmten Alter – geschmiert werden. Geschmiert nicht nur im wortwörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Gibt man ihm zu viel zu tun (Stichwort Chips oder Stress), läuft es zu lange auch Hochtouren. Und das kennen wir unter anderem vom Auto, das geht nicht lange gut.

Gun-Marie Nachtnebel und Annika Tidehorn ist es eine Herzensangelegenheit dem Leser Tipps und Anregungen, vor allem aber auch Denkanstöße mit auf den Weg zum gesünderen Leben zu geben. So beginnt das Buch nicht mit lukullischen Leckereien, sondern mit einer Unterrichtsstunde, warum das Herz durchaus mit Leckerlis gefüttert werden darf, kann und soll. Denn – wie erwähnt – wenn die Pumpe schlapp macht, hilft kein so flacher Bauch und auch kein so durchtrainierter Bizeps. Dann ist Schluss!

Deswegen ist dieses Buch auch kein Diätplan-Drill-Seargant, sondern der wohlwollende Herzensfreund. Die Einführungskapitel dienen dazu die Notwendigkeit des bewussten Genießens darzustellen. Kennt man den Unterschied zwischen guten und schlechtem Fett, vor allem wie man es erkennt und vermeiden kann, geht es im zweiten Teil um den Genuss. Marokkanischer Suppentopf mit Kichererbsen. Mit Vitamin C und Kalium – gut fürs Herz, wärmend für den Körper und sättigend. Oder wie wäre es mit Erdbeersalat mit Basilikumdressing. Gelbildende Ballaststoffe, die sind gut fürs Herz. Aubergine und Zucchini mit Pesto. Wenn man es mit Mineralsalz zubereitet, wird zusätzlich noch der Natriumkonsum verringert.

Es ist sicherlich nicht einfach seine Mahlzeiten auf den Körper ausgerichtet auszuwählen und die Zutaten mit Bedacht einzukaufen. Aber mit ein wenig Ehrgeiz – schließlich tut man es für sich selbst, also dem Menschen, dem man am nächsten steht – und diesem Buch fällt einem so manche Entscheidung einfacher als bisher vermutet. Und das es schmeckt, steht außer Frage.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.