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Entdeckungsreisen – Magische Bilder exotischer Welten

Wer heutzutage vermeintlich exotische Orte besucht, muss sich der Tatsache stellen, dass er nicht der Erste ist, der das Paradies entdeckt hat. Das ist der Wermutstropfen auf so manchem Spektakel. Vor Jahrhunderten noch, konnte man sich sicher sein eine unentdeckte Insel nach sich oder seinem Gönner benennen zu dürfen. Ein flüchtiger Blick in den Atlas beweist dies auf zigfache Weise.

Reisen waren im 17., 18. und 19. Jahrhundert noch echte Abenteuer, für echte Kerle. Die Rückkehrer, also eigentlich nur die Lenker und Denker dieser Reisen, wurden zu Vorträgen eingeladen und selbst von gekrönten Häuptern hofiert. Was sie mitbrachten von ihren Reisen ist heutzutage Alltag. Man denke nur an die Massen von Schokolade, die die Regale der Supermärkte füllen.

Sir Hans Sloane war so ein Entdecker, der sich um die – bleiben wir beim leckersten Beispiel für frühe Globalisierungsnachweise – Schokolade besondere Verdienste erwarb. Von 1687 bis 1689, vor mehr als dreihundert Jahren!, schipperte er gen Westen. Jamaika war nicht das vorrangige Ziel der Reise des Arztes mit irischen Wurzeln. Die Naturwissenschaften an sich hatten es ihm angetan. Die im Jahr seiner Geburt gegründete Royal Society „zur Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens“ förderte undorganisierte Fahrten in eben diese fremden, weil fernen Welten. Neugier und Wissensdurst, gepaart mit aggressiver Expansionspolitik, wovon die Forscher natürlich nichts wissen wollten, waren der Antrieb. Außer den Pflanzen, und oft auch Tieren brachten die Seefahrer und Forscher unendlich viele Zeichnungen mit, die der staunenden Menge wie der abgeschlagene Kopf des Teufels präsentiert wurden. Das Natural History Museum zu London könnte sich noch so sehr vergrößern, es würden immer noch nicht alle Exponate ausgestellt werden können. Die Archive quellen über vor Forschergeist und künstlerischer Ästhetik.

Dieser Prachtband ist nichts anderes als das „Best of the Best“ der zweidimensionalen Errungenschaften menschlicher Eroberungsgier und einmaligen Forscherdrang. Keine noch so moderne Kamera mit noch so vielen und detailgenauen Filtern kann die Einzigartigkeit der abgebildeten Objekte widergeben! Das Großformat ist die einzig sinngebende Maßeinheit für ein Buch dieser Ausdruckskraft. Jede Faser eines jeden Blattes, jedes noch so kleine „Blütenstäubchen“, jede Facette eines prächtigen Federkleides, ist den Gestaltern verborgen geblieben. Da kann keine Buntstiftkasten und keine 256 Millionen Farben anzeigende Bildersoftware mithalten. Mutter Natur ist und bleibt die einzig wahre Künstlerin. Die Schmetterlinge von Surinam sind durch Maria Sibylla Merians Zeichnungen einem vorher nie gekannten Publikum bekannt geworden. Die Fahrt der „Investigator“ von 1801 bis 1805 mit Matthew Flinders und Ferdinand Bauer an Bord hat die wohl schönsten Pflanzenzeichnungen überhaupt hervorgebracht. Die Küste Australiens wurde erstmals, wenn auch nur unzureichend kartographiert. Die Flora und Fauna war noch wenig erkundet und noch weniger dargestellt worden. Flinders und Bauer macht dem Unwissen ein Ende.

Wer unter anderem ihre detailreichen (doppelseitigen) Zeichnungen auf dem Schoß liegen hat, weiß um die Schönheit der Natur. Und um die Ausdruckskraft, die ein Buch entfalten kann, wenn es mit Liebe zum Detail und dem Drang nach Perfektion gestaltet wird. Hier trifft alles auf einmal zusammen!

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Spiel des Lebens

Der Mensch als Krone der Schöpfung. Dieses geflügelte Wort kennt jeder. Doch wie jeder (okay, fast jeder), der eine Führungsposition inne hat, braucht er Helfer. Deren fleißige Hände dienten ihm zum Aufstieg und dienen ihm diese Position halten zu können.

War der Mensch anfangs (also vor Tausenden von Jahren) von der Natur derart abhängig, dass sie den Ton angab, so haben sich die Machtverhältnisse im Laufe der Zeit gedreht. Der Mensch beherrscht die Natur. Dass ihr das ab und zu nicht passt und deswegen ein wenig trotzt, muss der Mensch aushalten. Was ist schon ein Tsunami im Vergleich zu überdimensionalen Reisfeldern, die Millionen Menschen weltweit den Magen füllen? Zynisch? Jawohl, aber …

Alice Roberts, Paläopathologin, Medizinerin in Birmingham hat sich den Menschen in seiner heutigen Form genauer betrachtet. Interaktion, dieses scheinbar so ferne Wort ist der Schlüssel zu unserer Welt. Das Spiel zwischen Mensch und Apfel, Reis oder Kartoffeln, zwischen Mensch und Hund. Rind oder Huhn ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen (vielleicht schon zu sehr und zu wortwörtlich), dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Es war wie bei Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen. Mutter Natur gibt gern und viel, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Seit Jahrzehnten unkt man immer wieder, dass dieser Punkt erreicht sei. Und immer wieder gibt es neuere Forschungen, die uns fortschrittsgemäß vom Aufschub dieser Thesen unterrichten und überzeugen wollen. Ein gefundenes Fressen(!) für Verschwörungstheoretiker.

Wer sich selbst ein Bild machen will, ohne Einflüsse von außen, kommt an den Grundlagen nicht vorbei. Und die liefert – eindrücklich, besonnen, großartig ausformuliert – Alice Roberts. Ihren Erkenntnissen folgt man ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Es liegt alles auf der Hand.

Mit zahlreichen Anekdoten – zum Beispiel, dass der Neandertaler eigentlich homo var. calpicus heißen müsste – wird dieses Sachbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, dessen Ende der Leser zwar nicht allein, aber in der Gesamtheit in den Händen hält. Das Leben ist mehr als ein Spiel. Und dieses Buch mehr als „nur“ ein Buch!

Ihre Seite der Geschichte

Sie hatten nur einmal eine Wahl. Ja oder Nein zu sagen. Sie sagten Ja. Ja zu dem Mann, der einmal die Geschicke eines Landes leiten bzw. es repräsentieren soll. Sie waren die First Ladies. Sind es noch. Heike Specht hat sich auf Spurensuche gemacht und von Elly Heuss-Knapp und Bettina Wulff über Mildred Scheel und Hannelore Kohl bis zu Christina Rau und Lotte Ulbricht (die den Titel First Lady mit ihrer bekannten bissigen Zunge wohl zu gern zerfleischt hätte) so manches herausgefunden, dass das Protokoll noch unter Verschluss hielt. Auch der aktuelle First Husband, Joachim Sauer und die Hausherrin im Schloss Bellevue, Elke Büdenbender, kommen in diesem mehr als spannenden Sachbuch zu Wort.

Das Vorurteil, dass die Dame an der Seite des Ersten Mannes des Staates nur Beiwerk ist, ist nichts mehr als eben ein Vorurteil. Sie haben Einfluss, sind geschätzte Gesprächspartner und Ratgeber.

Die junge Bundesrepublik kommt mit einem Witwer und einem verheirateten Bundespräsidenten aus dem Kreisssaal. Konrad Adenauer hat rund ein Jahr vor Amtsantritt seine Frau, Gefährtin und engagierte Stütze Gussie verloren. Auch Theodor Heuss‘ Gattin geht es nicht gut, sie verstirbt noch während seiner ersten Amtszeit.

Kurt Georg Kiesingers Frau Luise war nach dem Krieg unerlässliche Stütze für ihren Gatten. Ihre Fürbitte verschaffte dem ehemaligen hochrangigen NSDAP-Mitglied im Reichsaußenministerium zu einer früheren Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.

Im Osten traten die Frauen viel öfter in den Vordergrund, der ihren Männern laut Protokoll vorbehalten war. Allen voran Margot Honecker, die eben nicht nur die Frau Honecker war, sondern auch gefürchtete Ministerin für Volksbildung. Ihr oblag die Bildung der neuen sozialistischen Generation, was sich nicht nur in endlosen Phrasen in den Lehrbüchern niederschlug.

Engagiert sollen sie sein, Empfänge organisieren und einfach repräsentieren. Das hat selbst in den Kinderjahren der Republik nur bedingt funktioniert. Sicher mussten die First Ladies in erster Linie den Staat und ihren Mann unterstützen. Das Lob dafür schmeichelte ohne Frage, aber sich einbringen, das begann erst ein paar Jahrzehnte nach der Staatsgründung. Loki Schmidt ist dafür das beste Beispiel. Als Biologin genoss sie weltweit Anerkennung. Nicht, weil sie Frau Helmut Schmidt war, sondern weil ihre Forschungen in Fachkreisen (und aufgrund ihres Bekanntheitsgrades auch darüber hinaus) Beachtung fanden. Hannelore Kohl, geprägt durch das selbst erlebte Elend der Kriegsjahre war für Helmut Kohl aktive Stütze bei der Ausarbeitung so mancher politischer Papiere. Doris Schröder-Köpf ist nach ihrer Scheidung selbst in die Politik gegangen, ihr Name war dabei kein Hindernis.

Das Jahr 2019 ist das Jahr, in dem einhundert Jahre Frauenwahlrecht und siebzig Jahre Grundgesetz gefeiert werden. „Ihre Seite der Geschichte“ ist mehr als nur ein Zeitdokument, es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit. Auch ohne Jubiläen längst überfällig.

Die Kommune der Faschisten

Da fallen einfach mal so zweieinhalbtausend Mann in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, ein und spielen Faschismus. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man diese Einleitung für den Beginn eines phantastischen Romans für wahr nehmen. Doch es ist leider so gewesen. September 1919. Der erste Weltkrieg ist vorüber und Italien sucht wieder einmal oder noch immer nach einer nationalen Identität.

Der Dichter und Lebemann Gabriele D’Annunzio ist der Anführer dieser Truppe. Schon länger fordert er Bildung und ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Apennin. Was anfangs noch nach Fortschritt klang und sich auch so anfühlte, wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer Idee, die immer wildere Formen annahm. Folgten ihm erst noch sogar die Intellektuellen, so ist er mittlerweile ziemlich isoliert. Der Krieg hat vieles verändert. Wie nach einem Vulkanausbruch, der alles vernichtet, nur um später saftigere Früchte gedeihen zu lassen, ist er überzeugt, dass der Krieg nun fruchtbaren Boden für ihn und seine Ideen parathält.

Europa ist neu geordnet, das Habsburger Reich zerschlagen. Nur Rijeka wurde übersehen, so sieht er die Chance seine Utopie in die Realität umzusetzen.

Der Publizist und Journalist Kersten Knipp nimmt sich viel Zeit, um den Leser eingehend in die Zeit vor dem eigentlichen Ereignis einzustimmen, auf das, was noch folgen wird. Mit Geduld und Detailreichtum zeichnet er das Bild eines Mannes, D’Annunzio, der mit aller Gewalt seine Ideen heraus posaunt. Als die Freischärler auf der östlichen Seite der Adria gelandet sind, wird es für den Leser spannend. Denn die Truppe beginnt sofort mit der Umgestaltung der Menschen. Vieles kommt einem bekannt vor, macht Angst, weil die Geschichte uns lehrt, dass es schief gehen muss, mit vielen Opfern. Und zweitens, weil man derzeit wieder ähnliche Bestrebungen fast schon ungestraft benennen darf. Nationalismus in allen Ehren. Doch wer diesen Nationalismus auf Hass und Ablehnung gegenüber anderen, nur weil sie anders sind, aufbaut, ist zum Scheitern verurteilt. Dass so manche Passage des Buches den Leser zum Schmunzeln bringt, ist nur ein Nebeneffekt. Denn alles in allem war diese reichlich ein Jahr anhaltende Periode für Rijeka / Fiume ein trauriges Kapitel, dessen Auswirkungen bis heute noch in Teilen spürbar sind.

Ich war schon immer ein Rebell

Es wird wohl die letzte Biographie eines Fußballprofis sein, der mit Kopf und Können ein ganzes Leben lang aneckte und immer wieder aufstand. Alles, was jetzt noch kommt, ist Werbung für Haarpflegemittel und das Gejammere wohl behüteter Fußballspieler, die den Hartplatz nur aus dem Internet kennen.

Als Ewald Lienen 2014 zum FC St. Pauli ging, rief die Fangemeinde „Endlich!“. Endlich ist er dort, wo ihn schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Bei einem Verein, der sein Rebellen-Image so sehr pflegt wie so mancher aktuelle Profi sein Kopfhaar. Der Weg ans Millerntor war für Ewald Lienen der gewollte Trip durch die Steinwüste, nur ab und zu ein Wasserloch.

Hätte es in den 50er schon den gläsernen Menschen gegeben, wäre es ein Einfaches gewesen ihn als Talent mit dem Hang zum Einzelgänger zu identifizieren. Allerdings hätte dann irgendeine Stelle „regulierend“ eingegriffen. Ewald Lienen war – wie sein Vater – der Letzte in einer Geburtenreihe. Er wuchs in einem Generationenhaus auf, das die Großmutter beaufsichtigte, Tanten und Mutter in Schuss hielten, und von ihm und seinen Bruder als Heimat im besten Sinne des Wortes empfunden werden konnte. Sein Vetter Heinz war es wohl, der ihm die Leidenschaft zum runden Leder nahebrachte. Durchsetzen gegen den bedeutend älteren Cousin, darin ging Klein-Ewald auf. Den Eigensinn (eine Art Überlebensinstinkt hat er von der Mutter, die den Februar 45 in Dresden er- und überlebte) sollte schon bald sein Hauptcharakterzug werden. Wenn er mal nicht dem Ball nachjagte, waren Atlanten und Bücher sein Elixier. Die Gier nach Neuem, nach Wissen sollte ihm später ganz weit bringen. Fast wäre er sogar Politiker geworden. Die Friedensbewegung war für ihn mehr als nur Marschieren und Skandieren. Doch der Drang in einer Elf sich selbst zu verwirklichen, um dann mit den zehn Anderen selbiges zu zelebrieren und im besten Fall es auch zu feiern, war stärker.

Wenn Fußballer, ehemalige Fußballer eine Biographie schreiben, ist es eine Abrechnung, ein Hervorzeigen der besonderen Eigenschaften oder einfach nur das Gebrabbel eines Egomanen. Unerträglich langweilig, angereichert mit mehr oder weniger amüsanten Anekdoten, die zeigen sollen, wie außergewöhnlich man doch ist. Tief im Herzen sind die jedoch von unsäglicher Belanglosigkeit wie ein Null zu Null am letzten Spieltag zwischen zwei Mannschaften, die weder nach Oben streben noch nach Unten schauen müssen. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist das, was man von einem Buch von Ewald Lienen erwarten darf: Klar in der Wortwahl und im Streben den eigenen Kopf durchzusetzen, ohne dabei ein Feld verletzter Weggefährten oder gar überholter Leichen zu hinterlassen. Dass so mancher Beteiligter mit seiner Beschreibung nicht ganz einverstanden sein wird, … naja, wer hat schon auf seinem Lebensweg nur Freunde gefunden. Über vierhundert Seiten Ewald Lienen, der Mann, der mit seiner Mähne und seinem Talent Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach prägte, der mit seinem Ehrgeiz als Trainer in Griechenland und Spanien die Fans verzauberte, der Trainerlegenden beeindruckte, jedoch nie zum übermenschlichen Star avancierte, der in Watte gepackt die Härten des (Fußballer-)Lebens bejammerte. Er wusste wie man aufstand, ob mit Riss im Oberschenkel, oder als ungeliebter Quertreiber, der „erstmal zeigen soll wie hart er wirklich ist“.

Diese Biographie ist wirklich lesenswert, nicht nur für Fans, sondern alle, die den Erfolg wünsche, dabei aber nicht ausschließlich die Ellenbogen ausfahren, um zum Ziel zu gelangen. Hier passt einfach alles: Der Mensch, sein Verein, sein Schreibstil, sein Leben.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen

Ein echtes Buch für Männer! Ein Buch für echte Männer! Und ein Titel zu dem man sofort eine Meinung hat bzw. etwas zu sagen hat. Mal im Spaß, mal im Ernst.

Doch so einfach macht es sich die Herausgeberin Barbara Sichtermann nicht! Es sind Texte die fast ein ganzes Jahrhundert alt sind. Der Begriff „moderne Frau“ oder eben „Frau von morgen“ existiert bereits. Die Goldenen Zwanziger sind schon Geschichte, wenn auch noch greifbar, da bat der E. A. Seemann Verlag Männer mit Gewicht in der Stimme Texte zu diesem Thema zu schreiben. 1929 sollten sie (und wurden auch) veröffentlicht werden. Zehn Jahre nach dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Frauenwahlrecht eingeführt? Ja so sachlich nannte man es damals – heute würde auch weniger Leidenschaft in die Formulierung gelegt werden. So viel hat sich seitdem also auch nicht verändert. Frauen durften wählen. Punkt!

Die wohl bekanntesten Namen in diesem Buch sind Stefan Zweig und Max Brod. Auch ihnen entging nicht, dass das vorherrschende Klischee der Frau am Herd wohl bald der Vergangenheit angehören wurde. Die industrielle Revolution – von Männerhand erdacht und erschaffen – zog in langen Bahnen auch den Kampf für faire Bedingungen am Arbeitsplatz hinter sich her. Sozialversicherungen wurden eingeführt. Alles so weit in Ordnung, doch die Frau durfte ihr angestammtes Revier, Herd und Bett, nicht verlassen.

Fast allen Texten – von den bereits erwähnten beiden Schriftstellern über den Journalisten Alfons Paquet und Robert Musil bis hin zu Otto Flake und Frank Thiess – ist es gemein, dass Inhalt und Überzeugung nicht die gesamte Strecke Hand in Hand gehen. Wüste Theorien aus utopo-kommunistischen Zeiten, in denen Kinder nach der Geburt in Kinderlagern erzogen werden, Frauen und Männer gleichberechtigt ausgebeutet werden, und Zeiten, in denen das Individuum in der Masse untergeht. Von Familie keine Spur. Nicht gerade realistisch. Aber das sollten die Texte vielleicht auch nicht sein.

Die Frau geht in ihrer Rolle als Sie neben Ihm auf. So war es und nach Ansicht der Autoren wird sich daran auch nicht so viel ändern. Überspitzt gesagt, ein bisschen mehr Haushaltsgeld und Entscheidungsfreiheit, was auf den Tisch kommt, dürfte für den Anfang reichen. Die gegenwärtigen Verhältnisse können modifiziert, aber um keinen Preis der Welt aus den Fugen geraten. Natürlich spricht das keiner offen aus. Wahrscheinlich denkt kaum einer in diese Richtung. Zu festgefahren sind die Rollenbilder.

Ist dieses Buch nun ein Buch für echte Männer? Aber ja doch. Nicht, um zu recherchieren, was an Katastrophen auf einen zukommt á la „man muss den Feind kennen, um ihn besiegen zu können“. Wie in so vielen Texten liegt die Wahrheit in den Worten und zwischen den Zeilen. So mancher Chauvi wird sich erstaunt die Augen reiben, was es denn tatsächlich bedeutet Gleichberechtigung Eins zu Eins umzusetzen. Es gehört mehr dazu als sich die meisten vorstellen können. Wem dieses Thema auch nach der Lektüre immer noch zu fremd und zu fern ist, der hat zumindest klangvolle Ideen gelesen, die trotz des Alters immer noch aktuell sind.

Zu Hause im 20. Jahrhundert – Hermann Kesten

Dieses Leben wartete nur darauf endlich komplett niedergeschrieben zu werden. Er war der niemals stille Beobachter des 20. Jahrhunderts. Geboren 1900, war seine Berufswahl von Anfang an klar: Schriftsteller. Worte formen und zusammenstellen, um zu berichten.

Im Alter von vier Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern aus dem heute ukrainischen Galizien nach Nürnberg. Hier ging er zur Schule, besuchte Kaffeehäuser, stürzte sich in die Bibliothek seines Vaters. Bis der Krieg seinem bis dahin sorglosem Leben die erste Schramme versetze. Sein über alles geliebter Vater fiel im Krieg. In der Stadt, in der seine Mutter geboren wurde. An dem Tag als seine jüngere Schwester ihren 14. Geburtstag feierte.

Schon früh war sich Kesten der Wirkung seiner Texte bewusst. Wenn er veröffentlichte, dann nur bei renommierten Zeitungen oder Verlagen. Ein Studienfreund lotste ihn schließlich zum Verlag von Gustav Kiepenheuer. Es ist die herrlichste Zeit in seinem Leben. Er kann selbst schreiben und wird veröffentlicht. Er holt Dichter in den Verlag, die veröffentlicht werden. Er heiratet. Doch Berlin ist seiner nicht gewachsen. Die ewigen Literatenzirkel engen ihn ein. Er kennt jeden, der schreibt. Alle, die schreiben, kennen ihn. Doch so recht dazuzugehören, scheint Hermann Kesten nicht. Die ungewöhnliche Arbeitssituation geht auch im Privaten vollkommen auf. Neben Toni, seiner Frau, die aus Nürnberg zu ihm kam, wohnt auch noch seine Mutter bei dem jungen Paar in Charlottenburg.

Und wieder ist es ein gewaltiges Erlebnis – nach dem kriegsbedingten Tod des Vaters – dass ihn zwingt die nicht unbedingt geliebte Heimat, Berlin, Deutschland zu verlassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist es für ihn, jüdischen Glaubens, unmöglich weiterhin in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dass er unbewusst die braune Brut im Verlag untergebracht hat, befeuert seine „Reisepläne“ immens und bestärkt ihn in seinem Beschluss. Keine schlechte Wahl. Als einer der ersten begibt er sich ins Exil nach Frankreich, wird später so was wie der Herbergsvater einer ganzen Schriftstellergeneration, als Dichter wie Mann, Feuchtwanger oder Roth im südfranzösischen Sanary sur mer einen zeitlich begrenzten Hort der Ruhe fanden.

1940 kehrt Kesten Europa endgültig den Rücken. New York wird seine neues zuhause, ein Jahrzehnt findet er dies in Rom und 1977, dem Jahr als seine Frau starb, lässt er sich in der Schweiz nieder, wo er 1996 starb.

Albert M. Debrunner hat sich jahrzehntelang mit Hermann Kesten beschäftigt. Seine Biografie eines unermüdlichen Schreibers, eines Verfechters der deutschen Sprache ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten, es ist ein spannungsgeladener Krimi eines Mannes, der sich seine Umgebung nicht immer zurechtbiegen konnte. Mit Liebe und Hingabe – so wie Kesten sich selbst auch verstand – gelingt ihm das Kunststück einen teils vergessenen Literaten die wohlverdiente Ehrung zukommen zu lassen. Kestens Weg und Kestens Werk sind aus den Bestsellerlisten längst verschwunden. Wer jedoch die Poesie in der deutschen Sprache sucht, findet sie bei Kesten in jeder Silbe. Debrunners Biographie ist das Silbertablett, auf dem Kestens Leben ein sanftes Ruhekissen findet.

Saxones

Die Sachsen haben die stille Revolution begonnen, die zum Zusammenschluss beider deutscher Staaten führte. Hier liegt die Wiege der deutschen Hochsprache, dank Lessing. Doch das Land, das von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Tschechien und Polen umrandet wird, trägt seinen Namen und seine Geschichte weit darüber hinaus. Das Land Niedersachsen ist nicht nur sprachlich den Sachsen verbunden. In einer Ausstellung, die bis zum 18. August im Landesmuseum Hannover und vom 21. September 2019 bis Ende Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum wird die nachhaltige Geschichte der Sachsen mit zahlreichen eindrucksvollen Exponaten erlebbar gemacht. Als Begleitband zur Ausstellung, als Appetithäppchen vor dem Museumsbesuch oder / und als Erinnerungsstück danach sind die knapp vierhundert Seiten ein wahres Füllhorn an überraschenden Einblicken in eine Kultur, die seit über tausend Jahren maßgeblich die deutsche Geschichte geprägt hat.

Die Hinterlassenschaften wie Schmuckstücke, Werkzeuge, Alltagsgegenstände auf einmal zu erfassen, ist unmöglich. Eine Vielzahl von Forschern hat sich auf diesem Gebiet hervorgetan und präsentiert in diesem Katalog die Erkenntnisse der Forschungen. Manchmal spannend wie ein Krimi, immer sachlich fundiert, liegt ein echter Schatz in den Händen des Lesers. Schon vor rund zweitausend Jahren bekamen die römischen Invasoren die scharfen Klingen der Sachsen zu spüren. In Hedemünden an der Werra wurden mehr oder weniger gut erhaltene Dolche aus dem Leib der Erde entnommen und sind nun wieder zu bestaunen.

Selbst so nützliche Alltagsdinge wie ein Eimer zeugen von der Kunstfertigkeit der Sachsen. Der Hemmoorer Eimer, der im Landkreis Cuxhaven gefunden wurde, beeindruckt durch die zahlreichen Verzierungen, die man heutzutage in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser vergeblich sucht.

Landkarten, Skizzen, Fotos von Ausgrabungsstellen bereichern jedes Kapitel in diesem Buch. Sie zeugen von der gewissenhaften Arbeit der Archäologen, die nicht müde werden unter der Oberfläche die Vergangenheit ans Tageslicht zu holen.

Der alte Gassenhauer von den Sachsen, der das reisen so sehr liebt, bekommt durch die Ausstellung und auch dieses Buch eine zusätzliche Komponente, die Sachsen, aber auch alle anderen Völker des deutschen Sprachraumes in Erstaunen versetzen wird.