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Die sterbenden Europäer

Immer wieder staunt man doch wie wenig man als weit gereister, weltoffener Europäer über den eigenen Kontinent weiß. Das standardisierte Europa kennt man. Allenthalben werden einem die konformistischen Begriffe um die Ohren gehauen. Doch abseits von EU, Europa, Außengrenze gibt es mehr als nur Statistiken, die brav von Beamten gefüttert werden, um dem Tun eine Zahl anzuheften. Mit dieser Zahl, mit diesen Zahlen lässt sich leichter arbeiten.

Aber in Europa lebt man, nicht um zu arbeiten, sondern um zu leben, es zu gestalten. Und so kommt auch, dass auf dem Balkan, in Bosnien, es für Spanier teilweise sehr leicht ist sich zu verständigen. Die Sepharden wurden Ende des 15. Jahrhunderts, zu der Zeit als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, aus ihrer Heimat vertrieben. Dem Ruf Bajezet II. folgend trieb es sie gen Osten. Ins Osmanische Reich. Religionsfreiheit, Sicherheit im Recht und in wirtschaftlicher Hinsicht waren gute Argumente der iberischen Halbinsel den Rücken zu kehren. Einige blieben auf dem Balkan hängen. Hier stand man dem Judentum ebenfalls aufgeschlossen gegenüber. Karl-Markus Gauß lässt sich in Sarajevo, einer Stadt, die noch immer vom Krieg gezeichnet ist, von Jakob Finci die Geschichte seines Volkes erzählen. Finci ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Von Clinton bis zum Papst und dem UN-Generalsekretär ließen sich bei ihm nieder, um seinen Worten zu lauschen.

Das Volk der Sorben ist in unseren Breiten sicher das bekannteste unter den im Buch vorgestellten europäischen Völkern. Von Bautzen bis zum Spreewald sind die auffälligsten Hinweise auf ihre Existenz die zweisprachigen Ortsschilder.

In Süditalien trifft man – bei Weitem nicht so offensichtlich – auf die Arbëresche. Sie kamen einst aus dem Süden Albaniens. Einige wenige Dörfer Kalabriens sind durch ihre Kultur geprägt. Gauß wird bei seiner reise gebeten einen Streit zu schlichten. Ihm als überzeugten Europäer traut man das wohl zu. So entspinnt sich eine Geschichte über einen bedeutenden Teil europäischer Geschichte.

Um die Jahrtausendwende war Karl-Markus Gauß in Europa unterwegs, um nach Menschen zu suchen, deren Identität nicht durch Landesgrenzen bestimmt wird. Ihre Geschichte verläuft oft im Treibsand der Vergangenheit. Nur wenige Reste ihrer Kultur sind noch vorhanden. Gesetze und Regeln, Traditionen und Gebräuche zu bewahren liegen in den Händen einzelner sich noch bewusster Sepharden, Gottschee (in Slowenien) Arbëresche, Sorben und Aromunen (in Mazedonien). Ihre Länder existieren nicht mehr, wenn es sie denn je gab. Sie leben in einem Europa, das sich durch Vielfalt auszeichnet. Und sie sind sich ihre Verantwortung das in Jahrtausenden Geschaffene an die nächsten Generationen weiterzugeben, bewusst. „Die sterbenden Europäer“ ist ein provokativer Titel. Der Autor Karl-Markus Gauß richtet ein starkes Licht auf ihre Kulturen, auf dass sie niemals verblassen. Preisgekrönter Autor mit dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2022.

Eine Nebensache

Eine der unzähligen widerwärtigen Seiten des Krieges ist die Namenlosigkeit der Täter. Die Opfer und deren Angehörige wissen nicht, wem sie die Schuld geben können. Die wenigen namentlich bekannten Täter bekommen so eine Bedeutung, die ihrer Gewissenlosigkeit eine Bedeutung angedeihen lässt, die sie niemals verdienen.

Und passt es ins Bild, dass eine namenlose junge Frau, Palästinenserin, von einem Vorfall liest, der exakt ein Vierteljahrhundert vor ihrer eigenen Geburt stattgefunden hat. Israels Soldaten patrouillieren an der frischen Grenze, um potentielle Angreifern, Gegnern, Saboteuren, Feinden Einhalt gebieten zu können. Dabei greifen sie auch eine junge Frau auf. Tage später ist sie tot. Gefangen genommen, gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt, ermordet. Im Namen … ja, im Namen von wem, von was? Die Frau hatte einen Namen, die Täter auch. Dennoch liegen ihre Gesichter im Schatten der Geschichte.

Die junge Palästinenserin, der das Datum des Todes dieser jungen Frau (und dabei spielt es überhaupt keine Rolle woher sie kam, welche Nationalität sie gehabt hat) so nahe geht, macht sich auf die Suche nach den Begebenheiten, die damals geschahen. Sie will nicht anklagen, Opfersteine errichten oder Gerechtigkeit erwirken. Sie ist persönlich an dieser Geschichte interessiert. Und das nur wegen dieses Datums: 13. August 1974.

Sie bricht auf, um eine Reise zu tun, die sich verändern wird. Checkpoints in und um Ramallah erschweren ihr ein ungehindertes Weiterkommen. Immer im Gepäck: Die Angst bei ihrer vermeintlich illegalen, zumindest sich unerwünschten, Recherche aufzufliegen. Und im Kopf rattern die Gedanken in Lichtgeschwindigkeit. Immer sind es die kleinen Dinge, die ihr auffallen. Schon oft ist ihr ein Detail eher ins Auge gestochen als das große Ganze. Warum nur? Warum passiert ihr das immer?

Adania Shibli wurde 1974 in Palästina geboren. Die Parallelen zu der namenlosen Frau in ihrem Buch treten offen zutage. Vielleicht ist sie selbst diese Frau, in Grundzügen sicherlich. Beim Lesen wird einem immer wieder bewusst, dass ein Krieg niemals mit der Unterschrift unter einem Vertrag beendet ist. Er ist niemals zu Ende. Auch wenn die Hoffnung stiftende Spruch, dass Menschen und nicht Kanonen töten, sie sind es ja schließlich auch, die ihn beginnen.

Es kann Gras über eine Sache wachsen. Doch was folgt ist immer wieder Gras. Es wird immer wachsen. Im Anbetracht der aktuellen Lage in Osteuropa erlangt dieses Buch eine Bedeutung, die über die Grenzen Israels, Palästinas und der Region hinausgeht. Es bleibt allein die Hoffnung, dass auch durch dieses Buch so manches Auge weiter geöffnet wird.

Stadtabenteuer Paris

Ja, Paris ist eine Reise wert! Ja, Paris ist eine Weltmetropole! Ja, Paris muss man gesehen haben! ABER: Jede Wette, dass achtzig Prozent der Besucher dasselbe gesehen haben. Was auf den ersten Blick auch nicht verwerflich ist. ABER: Schöner wär’s doch Paris, die Weltmetropole so zu erleben wie nur ganz Wenige. Es so sehen zu können wie es vielleicht sogar die Pariser nicht einmal erleben. ABER: Wie?

Augen auf beim Reisebuchkauf! Denn es gibt nur ein Buch mit wirklichen Abenteuern. Dieses hier! Birgit Holzer ist mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe und der Lichter gewandert und hat das gefunden, was einen unvergessenen Paris-Trip auch wirklich unvergessen macht.

Ein Croissant auf den Stufen vor Sacré Cœur genießen, ein Genuss. Aber zur Mittagszeit oder kurz vor dem bzw. rechtzeitig zum Sonnenuntergang die Stadt aus exklusiver Höhe bestaunen und sich dabei den Gaumen kitzeln lassen – da muss man schon lange suchen, um fündig zu werden. Oder man schaut in die Stadtabenteuer Paris, Seite Quarante.

Auch ein Besuch auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise mit Abstecher zu Edith Piaf und Jim Morrison lohnt sich. Man bekommt einen Plan zu den Promi-Gräbern und dackelt besonders in der Ferienzeit den Massen hinterher. Zweifelsohne ein besonderes Erlebnis. Dennoch ist es doch um einiges Nachhaltiger einmal in einem echten Klassiker herumzustromern. Hier liegt kein Schreibfehler vor. Ja, in einem echten Klassiker herumstromern. Und man darf sich sogar unterhalten, ohne dass der Maestro einem ein „Silence!“ entgegenschmettert. Man wandelt soeben durch ein Kino der besonderen Art. Eine ehemalige Fabrik wurde in ein lebendiges Museum verwandelt. Um einen herum schweben (besser man wandelt durch) Gemälde von Claude Monet, Auguste Renoir oder Henri Matisse. Man ist Teil der impressionistischen Revolution und Werke. Alles so lebendig… und das in Paris, der Stadt der Lieb und Lichter.

Es ist ein Privileg mit diesem Stadtabenteuer-Reisebuch durch Paris zu staunen. Dass es hier immer wieder was zu entdecken gibt, steht außer Frage. Doch wo suchen, wo beginnen, wo aufhören? Die Antworten lauten in umgekehrter Reihenfolge: Niemals, und zweimal in diesem Buch.

Wer das Wort Abenteuer allzu wörtlich nimmt und ein wenig zögert, dem sei versprochen, dass Abenteuer nicht automatisch mit Säbelrasseln gleichzusetzen ist. Es ist vielmehr das exotische Kribbeln auf der Haut, das man empfindet, wenn man etwas erlebt, was viele andere eben nicht erleben, weil sie schon an der Frage nach dem Wo scheitern. In der Reihe Stadtabenteuer sticht dieser Band besonders heraus. Denn sowohl Paris-Neulinge wie auch Experten werden große Augen machen.

Comer See

Einer der am meisten gemachten Fehler ist wohl, den Comer See überkorrekt einzudeutschen: Es ist nicht der Comoer See! Will man nicht gleich als Touri unangenehm auffallen, sondern etwas auf sich halten, verbringt man die Zeit am Lario, römisch für Lacus Larius. So nennen die Einheimischen den Comer See. Wie alle oberitalienischen Seen nimmt auch der Lago di Como eine besondere Stellung unter den eiszeitlichen Hinterlassenschaften ein. Und das nicht nur, weil Hollywood den See für sich entdeckt hat, George Clooney kann man ab und an hier urlauben sehen. Doch wer will schon Georg Clooney hinterherhecheln, wenn er in dieser grandiosen Kulisse die schönste Zeit des Jahr verbringt?!

Beginnend an der Schweizer Grenze im Norden schlängelt sich eine der beeindruckendsten Landschaften durch die Alpen. Ein Blau, das so kitschig ist, dass es schon wieder wahr sein muss. Das ist der Lago di Como. Bei einer Seefahrt (wortwörtlich zu nehmen) sieht sich das Auge nicht satt genug. Alles so hübsch, so ansehnlich, so fein. Reisebuchautor Eberhard Fohrer ist auch dieser Faszination erlegen. Doch rasch aus dem Rausch erwacht, macht er sich ans Werk und beweist auf mehr als zweihundertfünfzig Seiten, dass nicht allein das Wort hübsch ausreicht, um die Sinne mit Eindrücken zu fluten. Fast schient, dass er keinen Steinen auf dem anderen gelassen hat, um seinen Reiseband nachhaltig mit Wissen zu füllen. Ob man nun zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs ist, Fohrer war schon da. Und er weiß wirklich alles, was man wissen muss. Jetzt muss man nur noch selbst auswählen, was man sehen, tun, erkunden will.

Abwechselungs- und kenntnisreich kann man jedem Tipp des Autors folgen. Como, die namensgebende Stadt, verschlungene Pfade, exzellente Restauranttipps, unvergessliche Aussichten – und immer wieder kleine Geschichten am Rande (in diesem Fall in farbigen Kästen) lassen jeden Ausflug im, am und rund um den Comer See zu einem besonderen Erlebnis werden. Selbst die große Geschichte hat vor dem See nicht Halt gemacht. Ende April 1945 wurde hier der Duce auf der Flucht von Partisanen aufgegriffen. Einen Tag später baumelte sein lebloser Körper in Mailand auf dem Piazzale Loreto.

Noch ein letztes Wort zu Hollywood und Comer See. Der Ort Bellagio am Kamp, wo sich der See in zwei Arme teilt ist nicht nach dem gleichnamigen Casino in Las Vegas benannt. Das war wohl eher anders herum…

Es gibt nur wenige Seen, die es schaffen, dass ein Autor ein Buch über sie so reichhaltig füllen kann. Inklusive Ausflüge gen Milano und Bergamo und umliegende Seen ist es dank dieses Buches ein Leichtes hier viele Tage und Wochen ohne den leisesten Anflug von Routine zu verbringen.

Revolutions

Wer bei Psycho und Witch an Hitchcock und Mysterie-Serien denkt, liegt ja erstmal nicht verkehrt. Wer aber bei diesen Namen und dem Titel dieses Buches „Revolutions“ immer noch felsenfest der Meinung ist, dass es sich um herausragende Leistungen auf dem Gebiet des Films handelt, wird schnell eines Besseren belehrt.

Der Untertitel „Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten“ mag irritieren, vielleicht für Schmunzeln sorgen, aber auf alle Fälle wird man sich mit dem Thema auseinandersetzen (wollen). Hannah Ross stellt dabei aber nicht einfach nur eine Theorie auf. Sie liefert mit großen Detailwissen und der Fähigkeit diese Fakten zu verbinden eine leicht lesbare Argumentationskette, der man sich nur schwer entziehen kann. Und das mit einer Sprache, die einen fesselt.

Psycho und Witch waren Fahrradmarken aus dem 19. Jahrhundert. 1887 kam das Psycho Ladies’ Safety auf den Markt. Das erste Damenfahrrad, es hatte eine nach unten gebogene Stange, was den ladyliken Aufstieg aufs rad erleichterte. Damen des Hochadels sah man des Öfteren auf dem Drahtesel, der einmal die (Damen-)Welt verändern wird. Margherita von Savoyen – die mit der Pizza bzw. die, die die Legende von der Pizza Margherita so wunderbar mit der Speise verbindet – soll sogar ein Fahrrad mit goldenen Reifen gefahren sein. Sicher kein besonderes Vergnügen für das dann im wahrsten Sinne des Wortes blaublütige Hinterteil. Portugals Königin Amélie radelte zwischen den Bücherstudien zur Physik gern mal zum Ausgleich in der Umgebung herum. Doch so richtig revolutionär war das noch nicht. Oder?!

Man muss sich zunächst einmal vor Augen halten, dass Frauen vor rund anderthalb Jahrhunderten – also noch gar nicht so langer Zeit, wenn man bedenkt seit wann es Aufzeichnungen über das Leben gibt – von Freiheit, wie wir sie heute kennen mehr als meilenweit entfernt waren. Frauen an Universitäten beispielsweise – oft genug ein Grund für Männer laut keifend über die Unihöfe zu ziehen. Und jetzt wollten sie auch noch Fahrrad fahren. Das konnten ja Männer kaum erst seit ein paar Jahren. Bis dahin gab es Vollgummireifen. Und einen wunden Popo. Dabei spielte es keine Rolle, ob dessen Besitzer männlich oder weiblich war.

Ob dieses Buch nun als feministische Literatur anzusehen ist oder nicht, entscheidet jeder Leser für sich selbst. Einerseits wirft die Autorin einen anderen Blick auf den Kampf für Frauenrechte, was ein Kampf für Gleichberichtigung und Freiheit ist. Andererseits lässt sie die Kampfrhetorik Außeracht. Ein Buch für die ganze Familie – Frauen UND  Männer!

 

Ihr wart doch meine Feinde

Herabfallende Blätter werden leicht zum Spiel des Windes. Entwurzelte Bäume sind ohne Halt. Da ist es leicht sie sich zunutze zu machen. Was so pathetisch klingt, war für Gabi einst Realität. Nun ist sie tot, und sie ihre Weggefährten treffen sich, um Abschied zu nehmen. Doch so einfach ist die Sache dann doch nicht!

Denn nicht jeder kennt den Anderen. Nicht jeder kennt Gabis Geschichte. Sie war so ein loses Blatt, das sich im Spiel sich verfing. Die Stasi nahm das Heimkind unter ihre Fittiche. Und die ist immer noch präsent. Nicht Gabi, die Stasi. Und eine Verlegerin. Aus dem Westen. Untereinander beschnuppert man sich erstmal. Doch schon bald brechen die Dämme.

Hans Gerechter – welch wohl bedachter Name von Roswitha Quadflieg – hat die illustre Runde zusammengetrommelt. Alle, die kommen sollen, kommen. Aber auch ein paar, die nicht eingeladen waren. Hans muss schnell feststellen, dass er seine Gabi nicht so gut kannte wie er dachte. Da reißen alte Wunden auf. Anschuldigungen fliegen durch den Raum. Aber auch Versöhnung liegt in der Luft. Hier, im Goldenen Adler, beim Leichenschmaus wird deutsche Geschichte gelebt. Für manch einen sogar vollendet. Denn als plötzlich das Licht ausgeht, wird es einen von ihnen schwarz vor Augen, für immer!

Nun greift Roswitha Quadflieg zu einem Kniff, der den Leser vollends in die Geschichte hineinzieht. Jeder der Anwesenden wird von der Polizei verhört. Sie lässt großzügig die Fragen weg. Sie lässt die Antworten für sich selbst sprechen. So wandelt sich aus der Trauerfeier, dem Schlagabtausch und der angespannten Situation aus Ossi, Wessi, Damals und Heute urplötzlich eine greifbare Spannung, die weder die Anwesenden noch der Leser so erwarten konnten.

„Ihr wart doch meine Feinde“ reiht sich nicht automatisch in die endlose Folge von Büchern über die DDR, Stasi, Verfolgung, Perfidität und Aufopferung ein. Dieses Buch beginnt eine eigene Bücherreihe. Es sperrt sich gegen jedes Klischee, dass diesem Genre angehangen werden kann. Hier sprechen echte Menschen mit- und gegeneinander. Die Spannung bezieht der Stoff aus dem nebulösen Nichtwissen um die Beweggründe der Anwesenden gerade heute, gerade hier vor Ort zu sein. Unschuldig ist nur die Zeit. Jeder, der sich zwischen Korn und Schnittchen dem Anderen zuwendet, sich von ihm abwendet, hat sein Scherflein zum Misslingen dieses Tages beigetragen. Inklusive der Verursacherin.

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

Harriet Tubman

Ann Petry ist erst seit Kurzem (wieder) einem breiten Publikum in den Fokus gerückt worden. Mit „The Street“ und „Country Place“ rückte sie den bedrückenden Alltag der Schwarzen in den USA in den Vordergrund.

Mit „Harriet Tubman“ gibt sie einer realen Figur die Bühne, die ihr zusteht. Harriet Tubman, die als Araminta geboren wurde, war kein rosiges Leben vorbestimmt. Papa, Mama und ihre Geschwister lebten – wenn man das so nennen kann – als Sklaven auf der Farm von Edward Brodas in Dorchester County, Maryland. Verkäufe der Arbeitskräfte waren an der Tagesordnung. Schläge und Willkür der Aufseher ebenso. Wenn im Herbst die Maisernte eingefahren wurde, lockerte sich die angespannte Lage. Es wurde gesungen. Doch wann immer sich die Möglichkeit bot, floh einer der Sklaven von der Farm.

So eine Farm war eine richtige kleine Stadt. Mit Herrenhaus, Feldern, Unterkünften für die Sklaven, Geschäften etc. Ein Besuch der Ostküste wird mit solch einer Information sicherlich zu anderen Eindrücken führen… Die kleine Minta, erlebt schon früh, was es heißt Freiheit herbeizusehnen, auch wenn sie gar nicht so recht weiß, was es bedeutet. Sie hat sie nie kennengelernt. Ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei erwähnt, dass Ann Petry es exzellent versteht, emotionale Nähe zuzulassen ohne dabei Klischees die Oberhand gewinnen zu lassen. Klar, jeder Leser fühlt mit dem jungen Mädchen, der jungen Frau, der engagierten Kämpferin. Die historische Einordnung am Ende jedes Kapitels hilft Zusammenhänge zu erkennen und die Zeichen der damaligen Zeit (immerhin ist es über zweihundert Jahre her, dass Minta geboren wurde) einzuordnen. Und dass sie das Sklavensystem anprangert versteht sich von selbst.

Harriet Tubman ist real. Es gab sie wirklich. In Kindertagen musste sie mit ansehen wie ihre Mutter schwer verletzt wurde. Ein Aufseher wollte einen fliehenden Sklaven mit einem Gewicht, das man bei Abwiegen benutzt, aufhalten, verfehlte ihn, traf stattdessen die Mutter von Harriet am Kopf. Als erwachsene Frau hatte sie Kontakt zu einer Untergrundorganisation, die Sklaven bei der Flucht in die Freiheit half, der Underground railroad. Und sie wurde ein reges Mitglied dieser Organisation.

„Harriet Tubman“ war eine mutige Frau, die in der Beengtheit ihres Lebens die Mauern, die sie einschränkten Stück für Stück beiseite schob. Um schlussendlich frei sein zu können. Es ist keine Erfindung der Gegenwart, wenn sich Frauen aus ihren Zwängen befreien. Sklavengeschichte(n) kennen wir schon von „Tom Sawyer“ und „Onkel Toms Hütte“. Von Fluchtgeschichten hören und sehen wir fast täglich in Dokumentationen und Spielfilmen, wenn deutsch-deutsche Geschichte erzählt wird. Dieses Buch ist so klar in seiner Aussage, dass es einen erschreckt wie wenig wir bisher über Sklaverei, Flucht und Freiheit wussten im freiesten Land der Welt wussten.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.