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Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Rosa Parks – Meine Geschichte

Man muss sich selber respektieren. Worte, die durchaus ihre Berechtigung haben, jedoch schnell im Sumpf der Küchenpsychologie verschwinden, wenn sie inflationär und zusätzlich auch noch im falschen Kontext benutzt werden. Und wenn dann am Küchentisch auch noch unpassende Matches zwanghaft gesucht werden, ist der Ofen aus.

In der Geschichte der USA waren und sind die echten Helden immer diejenigen gewesen, die sich selbst nicht ins Rampenlicht stellten, sondern mit ihrem Tun sich Respekt verdienten. Eine von ihnen ist Rosa Parks. Sie weigerte sich in den 50ern einfach (und hier ist dieses Wort mehr als angebracht) und mehrfach den Sitzplatz im öffentlichen Bus einem Weißen zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde sie bekannt. Doch wie immer in der Geschichte ist das nicht die ganze Wahrheit! Zum Einen war es damals so – das ist gerade mal 70 Jahre her!, nicht mal ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit) – dass in Bussen strikte Rassentrennung herrschte. Und das, obwohl verfassungswidrig war! Hinten im Bus waren Reihen für Schwarze reserviert. Von für Weiße. In der Mitte könnten sich Weiße und Schwarze setzen. Wenn allerdings ein Weißer einen Platz in dieser Sektion beanspruchte, musste ein Schwarzer aufstehen und den Platz freimachen. Unvorstellbar! Wie gesagt, wir befinden uns in den 50er Jahren des so modernen 20. Jahrhunderts! Und genau dort saß Rosa Parks. Hinten war kein Platz mehr, vorn durfte sie eh nicht sitzen. Der Bus fuhr nicht weiter. Der Busfahrer wies sie an den Platz zu räumen, sie weigerte sich, die Polizei kam. Und jetzt kam es nicht zu dem berühmten Foto, das um die Welt ging. Das kam erst Jahre später zustande. Sie wurde verhaftet. Nicht zum ersten, und nicht zum letzten Mal. Aber sie wurde bekannt. Sie engagierte sich.

Sie selbst hätte sich niemals als Aktivistin bezeichnet. Sie hätte mehrere Gründe gehabt sich als Aktivistin zu bezeichnen, so oft wie sie gedemütigt wurde. Das Wort war damals nicht so in aller Munde wie heutzutage. Labels entwickelten sich damals noch im Laufe der Zeit. Sie war stets engagiert. Arbeitete für Organisationen und ihre Vertreter. Sie hielt Vorträge, war Ansprechpartner für alle, die ihren Rat suchten. Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, war ihr fremd. Das ist Selbstrespekt in ihrer reinsten Form.

Ihre Autobiographie rückt so manche Schieflage der vermeintlichen Erinnerungen wieder gerade. Mit Hingabe berichtet sie aus ihrem ereignisreichen Leben und zeigt wie sie ein Leben lebenswert machte in einer zeit, in der ein Leben vieler (Schwarzer) in einigen Staaten nur sehr wenig zählte. Wichtig ist es auch anzumerken, dass ihr eigener Sprachstil nicht einer zeitgemäßen Übersetzung zum Opfer fiel. Denn nur so entfaltet sich das komplette Ausmaß an Diskriminierung im land of the free. Man muss schon ordentlich schlucken, wenn man die Zeilen und Absätze liest und erkennt, wie beschränkt bis hasserfüllt Polemik und unkommentierte Vorurteile weitergegeben werden und zu welchen Ergebnissen dies (bis heute) führen kann.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Deutschland 2033

Manchmal ist es ganz einfach, manchmal eben auch nicht: Kauft man zum Beispiel Obst bei einem Händler und stellt dann fest, dass es matschig ist (und man das nicht mag), und gibt ihm, dem Händler, dann doch noch ein Chance und kauft ein weiteres Mal matschiges Obst, hat dieser, der Händler, alle Chancen verspielt, dass man noch einmal bei ihm einkauft.

In der Politik ist ein bisschen schwieriger. Hat man einmal eine Partei gewählt und war dann unzufrieden und gibt ihr dann doch noch einmal eine Chance, sind acht Jahre vergangen. Acht Jahre, die ausreichen, um sich, als Partei, entweder neu zu positionieren (aber welche Partei macht das schon?!) oder Verbindungen zu schaffen, die es dem politischen Gegner verdammt schwer machen, einen zu bekämpfen UND dem Wahlvolk (das Wort „Volk“ ist immer noch ein Hingucker, Hinhörer) fortlaufend Sand in die Augen zu streuen. Denn wenn man etwas vorhat, das nicht ins demokratische Konzept (was weitgehend über Landesgrenzen hinaus funktioniert) passt, muss man tricksen, verschleiern und täuschen. Besonders, wenn in der Geschichte schon einmal etwas gehörig in die Hose gegangen ist – dieser Wortlaut mag etwas verharmlosend klingen, ist aber bei Weitem nicht so gemeint.

„Deutschland 2033“ lässt keinen Zweifel daran worum es geht. Hundert Jahre nach Machtergreifung der Nazis steht Deutschland vor dem größten Umbruch seit Kriegsende und kann bei entsprechend fehlender Wehrhaftigkeit auch die Errungenschaften der Wiedervereinigung nicht mehr als Erfolg ins Feld führen. Auch hier wieder: „ins Feld führen“ wurde bewusst gewählt – wem die Wortwahl zu schroff vorkommt, sollte noch einmal in Victor Klemperers „LTI“ nachlesen!

Justus Bender beobachtet, beschreibt und folgt der AfD – denn um die geht es in diesem Buch – seit ihren Anfängen. Seine Analysen sind messerscharf. Er vermeidet es konsequent Parallelen zu den Jahren vor 1933 als alleiniges Argument gegen die Partei ins Feld zu ziehen. Denn die sind offensichtlich. Dass immer noch nicht konsequent daraus gelernt wurde, beweist allein die Tatsache, dass es Bücher wie dieses immer noch gegen muss. Justus Bender kann sich sicherlich vorstellen über angenehmere Themen zu schreiben. Denn eine gewisse Angst vor dem, was auch einmal kommen mag, ist mittlerweile latent vorhanden, schaut man sich die momentanen Umfragen an. Und wenn man beruflichen Mittagstisch Parolen wieder salonfähig wurden, kann mit einem (traurigen) Augenzwinkern nur sagen: „zum Glück haben wir schon genug Autobahnen – diese Ideen haben die geistigen Väter ihren unerzogenen Nachkömmlingen gehörig versalzen“.

Das Szenario , das Justus Bender in diesem Buch entwirft, dient dem eigentlichen Gegner kaum. Es rüttelt auf. Das Szenario verbreitet keine Angst, es regt zum Hinschauen, und Argumentieren an, wenn der Kollege von nebenan wieder davon spricht, dass er nur deutsche Autos kauft, weil er dem wirtschaftlichen Aufschwung dienen will – und somit keine Ausländer mehr gebraucht würden. Und zieht jedem den letzten muckernden Zahn, der nach der starken Hand ruft. Und für alle, denen die letzte und einzige deutsche Kanzlerin als Wurzel alles aktuellen Übels gilt, sei gesagt. Justus Bender stellt dem bitte niemals wahr werdenden Szenario eine Frau an die Spitze. Justus Bender muss die AfD nicht entzaubern (wieder so ein Wort, das in „LTI“ seines Zaubers beraubt wird), das tut sie von ganz allein. Tricksen, verschleiern, täuschen – da helfen auch keine Konferenzen an idyllischen brandenburgischen Seen… Hier steht dem Konjunktiv des „War wäre wenn…“ ein knallharter Präsens im Futur entgegen. Mit Fakten und unzähligen Argumenten, damit später niemand behaupten kann, dass wir Deutschen allen Unkenrufen zum Trotz aus der Geschichte lernen … können.

Haïti

Lange nichts aus Haïti gehört. Das kann auch mal gut sein. Denn oft, zu oft in der Vergangenheit waren Nachrichten aus dem Karibikstaat keine guten Nachrichten. 2010 das verheerende Erdbeben. In den Jahrzehnten zuvor nur erschreckende Bilder von einem Regime, das von der Familie Duvalier errichtet wurde, um sich selbst zu bereichern und Tausende das Leben kostete. Was gab’s sonst aus Haïti?

Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft musste das Team – als es doch in die USA einreisen durfte, denn auch da gab es seitens der Trump-Regierung wieder mal trouble – sein Trikot ändern lassen. In der unteren Hälfte war symbolhaft die Schlacht von Vertières abgebildet. Laut Hersteller eine Reminiszenz an die historische Schlacht und kein politisches Statement. Die Veranstalter zeigten sich uneinsichtig – das Trikot verschwand.

Schlacht von Vertières – nie gehört? Das liegt wohl daran, dass das Land so weit weg ist und Meldung aus Haïti fast immer nur Kopfschütteln verursacht und oberflächiges Mitgefühl. In Krimiserien gibt es die haïtianische Mafia, die gnadenlos Gegner um die Ecke bringt. Doch noch mal zurück zur Schlacht von Vertières. Die muss doch bedeutsam sein, wenn sie auf dem Trikot der Fußballnationalmannschaft abgebildet ist?! Ist sie auch! Denn hiernach begann das Freischwimmen von fremden Mächten. Das war 1803. Haïti war nicht länger französische Kolonie. Auf dem Papier klingt das alles wunderbar. Doch warum haben wir, die tausende Kilometer und etliche Flugstunden entfernt Lebende so ein verschwommenes und klischeebehaftetes Bild des Inselstaates?

Toni Keppler klärt auf. Er klärt auf, dass in dem Land ein Reichtum schlummert, der das Land zu einem fast schon einzigartigen Ort macht. Es ist die reichhaltige Kultur, die allen (!) Widrigkeiten zum trotz sich stets am Leben erhielt und weiterentwickelte. Selbst die Jahre der Duvalier-Diktaturen (zuerst Papa Doc, dann sein Sohn Baby Doc) konnten der prallen Phantasie der Bewohner wenig anhaben. Eine besondere Form der Kurzgeschichte, die Bewahrung der eigenen Sprache, die Vielfalt der Themen – immer wieder versuchten Machthaber der Kunst ihren Stempel aufzudrücken. Vergebens! Die Werke erschienen im fernen Exil, und verbreiteten sich.

Bis heute steht Haïti unter tatkräftiger Zuhilfenahme haïtianischer Schergen unter der Fuchtel diverser Goldgräber, deren Moral auf ein Minimum beschränkt ist. Dabei spielen Nationalitäten keine Rolle mehr. In diesem Buch werden Erinnerungen wachgerufen, bedeutende Namen hervorgehoben und der Hoffnung ein fruchtbarer Boden bereitet. Zusammen mit den Werken u.a. von Gray Victor, Kettly Mars und Frankétienne ergibt sich ein umfassendes Bild eines Landes, das viel zu lange ein Dasein im Dunkeln fristen musste.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

Maestro Muti

Riccardo Muti gehört zweifelsohne zu den Dirigenten, deren Aufführungen man besucht, um dem Maestro bei der Arbeit zuzuschauen. Da die Kartenkontingente schnell ausverkauft sind, muss es zwangsläufig heißen: „ihm bei der Arbeit zuschauen zu DÜRFEN“. Kirsten Liese hat ihn jahrelang begleitet, seiner Arbeit gelauscht, ihn interviewt, mit Musikern gesprochen, Kollegen zu ihm befragt.

„Maestro Muti“ ist der einzig geltende Titel für ein Lebenswerk, das so umfangreich ist, für seine Herzenswärme, die ihresgleichen sucht und für die Konsequenz klassischer Musik eine Bühne zu bieten, die seit einigen Jahren effekthascherisch und verbiegend Opium fürs Volk ist.

Dieses Buch ist nicht die ultimative Biographie über den Napolitaner, der die Welt eroberte. Es ist die ultimative Begleitung zu einer Biographie, die noch nicht geschrieben wurde. Am 28. Juli 2026 wurde Riccardo Muti 85 Jahre alt. Die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker, Orchester in London, Philadelphia, Chicago und Florenz waren und sind ohne seine Anwesenheit, seine Impulse sicherlich denkbar, aber um einige gefeierte Höhepunkte ärmer. Verdi und Mozart würden sich vor ihm verneigen, um ihm mit demütiger Geste zu signalisieren, dass sie in ihrem Schaffen sich ihre Werke genauso vorgestellt hatten. Das wird einmal das Vermächtnis des Riccardo Muti sein. Ein Klassiker unter den Klassikern der Klassischen Musik.

In diesem Buch sprechen, nein, es schwelgen unter anderem Diana Damrau, Edda Moser und Mark Stevenson. Sie alle sind Weltstars, ihnen werden Bühnen und Brücken gebaut, um ihrer Kunst Einzigartigkeit zu verleihen. Doch auch sie sind immer noch beseelt vom ersten Treffen mit dem Maestro, von Proben vor großen Aufführungen und von der Erhabenheit mit ihm Premieren zu spielen und Vorstellungen zu geben.

Doch nicht nur die großen Orchester dieser Welt, die klangvollen Konzerthäuser sind Mutis Zuhause. Mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und der italienischen Opernakademie bietet er dem Nachwuchs die Möglichkeit wachsen zu können. Er überwand mit Konzerten Grenzen, wo starre Mauern die Köpfe vieler Menschen verrammelten.

Doch Muti war und ist immer auch streitbar. 2024 weigert sich Muti eine Passage aus Verdis „Un ballo in maschera“ zu streichen, weil sie eine Passage enthält, die immer wieder (immer noch?!) als rassistisch gegenüber Napolitanern angesehen wird. Nun ist Muti selbst in der Stadt am Vesuv geboren. Und Verdi Rassismus vorzuwerfen, entbehrt nur wirklich jeder Grundlage. Also lässt er sie (bewusst9 im Stück. Entwaffnet aber die in den Startlöchern schon hechelnden Kritiker mit der Macht der Musik.

Klassische Musik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache. Das leben Riccardo Mutis ist auf jeden Fall Lesenswert, und die Meinungen und Erinnerungen seiner Kollegen sind ein wahres Fest.

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!