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Frenzel

Je länger man sich mit Frenzel beschäftigt, je mehr man über ihn liest, könnte man das Gefühl bekommen, dass er das geborene Opfer ist. Schon als Kind wurde ihm von Polizisten übel mitgespielt. Später wurde es schlimmer, bis hin zu Terrorverdacht. Alles, was Uniform trägt, wird von ihm bis in alle Ewigkeit mit Nichtachtung und Schweigen bestraft.

Arbeit kennt Frenzel, aber nicht dauerhaft. Dauerhaft dagegen schon, zumindest für neun Jahre. Hat einmal, nur einmal, zu kräftig zugeschlagen. Den Anderen gibt’s nicht mehr. Da war Frenzel schon Millionär. Geerbte Lottomillionen. Das einzige, was vom Vater übrig blieb. Frenzel ist es recht so.

Er zieht von Stadt zu Stadt. Kohle hat er ja genug. Er nimmt seine Umgebung verdammt schnell, verdammt genau wahr. Macht sich Notizen. Könnte ja sein, dass man sich mal verteidigen muss. Da ist es ratsam etwas in der Hand zu haben, um potentielle Stänkerer in ihre Schranken weisen zu können. Klappt ganz gut. Dennoch ist Frenzel immer unterwegs. Nun wohnt er auf einem alten Fabrikgelände und hat die lästigen Untermieter im Griff. Frenzel scheint angekommen zu sein. Wird auch Zeit, so kurz vor der Fünfzig.

Auch findet er die örtliche Lokalität zum Durstlöschen genau nach seinem Gusto. Samt Inventar. Walli, die gerade den Verlust eines Angehörigen verkraftet, hilft er aus der Patsche, als sie von einem schmierigen Typen übers Ohr gehauen werden wollte. Charly und Hanno. Allesamt Menschen, mit denen Frenzel was anfangen kann. Dann stirbt Charlys Sohn als er in einen Kleidercontainer klettern wollte. Und bald darauf sind Walli und Hanno verschwunden. Die Beerdigung der beiden schweißt die Tresengemeinschaft enger zusammen.

Hier stimmt was nicht. Frenzel hat da so eine Ahnung. Auch dass die Bullerei ihn wieder drangsaliert passt ihm gar nicht. Als Mann der Tat nimmt Frenzel die Sache selbst in die Hand. Vier Tote in seinem Umfeld, die Uniformierten tun nichts. Zum Glück hat Frenzel sich noch nie an Recht und Ordnung gehalten. Dieses Mal ist es sogar von Vorteil für ihn. Denn er kann ganz anders ermitteln…

Tommie Goerz schafft mit Frenzel einen Typen, den die Krimilandschaft braucht. Ein Rauhbein mit dem Herz am richtigen Fleck. Ein Einzelgänger, der es geschickt versteht die Menschen um sich herum für sich einzunehmen. Mit locker sitzender Geldbörse, kompromisslosem Vorgehen und klarem Blick macht er sich auf die Suche nach einem gewissenlosen Verbrecher. Ehre? Das kennen weder Frenzel noch der Mörder. Und der Begriff Gerechtigkeit ist sehr dehnbar … wenn man Frenzel heißt.

Inselabenteuer Mallorca

Malle und Abenteuer – ja, das geht auch am Ballermann. Dreiunddreißig Möglichkeiten sich auf abenteuerliche Weise zu blamieren, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten und dem Körper übel mitzuspielen. Aber dafür braucht man kein Buch, nicht einmal nachdenken muss man dabei.

Bleiben wir noch ein bisschen beim frivolen Klischee der Baleareninsel. Wie wär’s denn mit Entenhintern und rotem Blitz? Kurz nachdenken. Nee, kommt man nie drauf! Die Rede ist zunächst einmal von Entenhintern-Orangen. Auf einer kleine Plantage im Nordwesten der Insel reifen sie prächtig und in überschaubarer Menge. Die Eigentümer führen Interessierte gern herum und lassen die aus den Früchten entstandenen Produkte gern probieren. Den Rucksack kann man sich anschließend mit allerlei einzigartigen Mitbringseln füllen. Hier gibt es sogar Bäume, die mehrere Sorten Orangen tragen. Und mit dem roten Blitz, einer betagten Bahn geht es dann bis in die Inselhauptstadt Palma.

Eine lukullische Besonderheit gibt es auch beim Schneckenkönig. Ja, Schnecken, kann man essen, auch wenn der Kopf sagt, dass man davon lieber die Finger lassen soll. Dann nimmt man eben den Mund! Auf einer Farm werden sie gezüchtet und gegrillt oder in einer leckeren mallorquinischen Sauce serviert. Wer sich immer noch nicht traut, der nimmt halt den Nachtisch. Der wird mit einer Puderzucker-Schnecke serviert. Wie das aussieht, muss man allerdings selbst herausfinden.

Ein echtes Abenteuer (wie im Film, wie in den Abenteuerbüchern der Kindheit und Jugend) ist der Weg zu wahrhaft gigantischer Kunst. Riesige Skulpturen, die mehr an die Osterinseln erinnern als ans westliche Mittelmeer, wollen erobert werden. Doch zuvor hat der Reisegott die nicht ganz offensichtliche Anreise, sprich den Weg dorthin, gesetzt. Da muss man schon mal den einen oder anderen Zweig beiseite biegen und so manche Pflanze sich Untertan machen. Aber das Ziel entschädigt für die Strapazen. Stein auf Stein, wie im Maya-Reich oder doch Angkor Wat oder eben die Osterinseln? Wie so vieles auf Mallorca, so haben auch diese Kunstwerke deutsche Wurzeln. Rolf Schaffner schuf diese überdimensionalen Gestalten, die man in kleinen geführten Erkundungen besichtigen kann.

Raus aus der Stadt, rauf auf die Insel. Für Autor Frank Feldmeier ist Mallorca seit fast zwanzig Jahren Heimat und Arbeitsstätte. Auf jeder Seite spürt man das Meer rauschen und die unbezwingbare Liebe zur Insel. Hier ist kein einziger Tipp von der Stange. Alles selbst erkundet, getestet und der Leserschaft zum Nacherleben auf dem Silbertablett präsentiert. Hier muss keiner kapitulieren, wenn es mal nicht sofort weitergeht. Schritt für Schritt erobert man eine Insel, die längst als weißfleckfrei gilt. Frank Feldmeier beweist, dass es hier tatsächlich noch Flecke gibt, die den Massen verborgen geblieben sind.

Drei daneben

Fangen wir ganz vor an. Beim Titel. Nein, auf dem Bild ist nicht Terry Jones abgebildet, der als marodierende alte Lady eine englische Kleinstadt terrorisiert und Babies aus Kinderwagen klaut.

Es folgt eine ungewöhnlich lange Einführung in das, was auf den folgenden Seiten Herz und Hirn des Lesers aufs Vortrefflichste animieren wird. Nicholas Hytner, Theaterbetreiber und Regisseur wurde wenige Tage nach Beginn des Lockdowns in Großbritannien gebeten die „Talking Heads“ von Alan Bennett für die BBC neu zu inszenieren. Unter den gegebenen Umständen eine willkommene Abwechslung. Unter den gegebenen Umständen auf alle Fälle umsetzbar. Unter den gegebenen Umständen ein probates Mittel, um drohenden Wiederholungsexzessen vorzubeugen. Er gibt darin ein sehr direktes Bild von Produktionsbedingungen der Gegenwart wieder. Als Freund von Alan Bennett könne er ihn auch davon überzeugen selbst wieder tätig zu werden und die Erfolge der „Talking Heads“ (nicht der Band, sondern der BBC-Serie) noch einmal aufleben zu lassen.

Die Texte von Alan Bennett erschüttern nicht von Anfang an den Leser. Es sind Alltagssituationen, die vielleicht nicht jeder selbst durchlebt, aber auf alle Fälle kennt jeder jemanden, der so agiert. Die Fassade muss auffallen. Was dahinter passiert, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Da sitzt eine trauernde Witwe vor dem digitalen Publikum, um ihre Trauerrede auf den verblichenen Gatten zu üben. Nun haben wir in der Covid-Zeit gelernt, dass virtuelle Treffen sich durchaus für peinliche Momente eignen können. Doch in diesem Falle ist peinlich noch ein sehr mildes Urteil…

Alan Bennett versteht es vorzüglich dem Volk aufs Maul zu schauen und seinem Treiben durchaus ein Schmunzeln abzuringen. Das Scheitern als Chance doch noch halbwegs unbeschadet aus der Situation herauszukommen, gibt ihm die Möglichkeit Unzulänglichkeiten aufzudecken und der Peinlichkeit einen Riegel vorzuschieben. Zwischen den Zeilen offenbaren sich die Männer und Frauen, die Alten und die Jungen, die Gebrechlichen und die Starken als Abziehbild einer Gesellschaft, die denen die geblendet werden wollen, das Paradies verspricht. Ein Spielverderber ist Alan Bennett dennoch nicht. Denn diejenigen, die sich selbst treu bleiben, zaubert ein Lächeln ins Gesicht, das jeden Antagonismus der Zeit ad absurdum führt.

Eine Nebensache

Eine der unzähligen widerwärtigen Seiten des Krieges ist die Namenlosigkeit der Täter. Die Opfer und deren Angehörige wissen nicht, wem sie die Schuld geben können. Die wenigen namentlich bekannten Täter bekommen so eine Bedeutung, die ihrer Gewissenlosigkeit eine Bedeutung angedeihen lässt, die sie niemals verdienen.

Und passt es ins Bild, dass eine namenlose junge Frau, Palästinenserin, von einem Vorfall liest, der exakt ein Vierteljahrhundert vor ihrer eigenen Geburt stattgefunden hat. Israels Soldaten patrouillieren an der frischen Grenze, um potentielle Angreifern, Gegnern, Saboteuren, Feinden Einhalt gebieten zu können. Dabei greifen sie auch eine junge Frau auf. Tage später ist sie tot. Gefangen genommen, gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt, ermordet. Im Namen … ja, im Namen von wem, von was? Die Frau hatte einen Namen, die Täter auch. Dennoch liegen ihre Gesichter im Schatten der Geschichte.

Die junge Palästinenserin, der das Datum des Todes dieser jungen Frau (und dabei spielt es überhaupt keine Rolle woher sie kam, welche Nationalität sie gehabt hat) so nahe geht, macht sich auf die Suche nach den Begebenheiten, die damals geschahen. Sie will nicht anklagen, Opfersteine errichten oder Gerechtigkeit erwirken. Sie ist persönlich an dieser Geschichte interessiert. Und das nur wegen dieses Datums: 13. August 1974.

Sie bricht auf, um eine Reise zu tun, die sich verändern wird. Checkpoints in und um Ramallah erschweren ihr ein ungehindertes Weiterkommen. Immer im Gepäck: Die Angst bei ihrer vermeintlich illegalen, zumindest sich unerwünschten, Recherche aufzufliegen. Und im Kopf rattern die Gedanken in Lichtgeschwindigkeit. Immer sind es die kleinen Dinge, die ihr auffallen. Schon oft ist ihr ein Detail eher ins Auge gestochen als das große Ganze. Warum nur? Warum passiert ihr das immer?

Adania Shibli wurde 1974 in Palästina geboren. Die Parallelen zu der namenlosen Frau in ihrem Buch treten offen zutage. Vielleicht ist sie selbst diese Frau, in Grundzügen sicherlich. Beim Lesen wird einem immer wieder bewusst, dass ein Krieg niemals mit der Unterschrift unter einem Vertrag beendet ist. Er ist niemals zu Ende. Auch wenn die Hoffnung stiftende Spruch, dass Menschen und nicht Kanonen töten, sie sind es ja schließlich auch, die ihn beginnen.

Es kann Gras über eine Sache wachsen. Doch was folgt ist immer wieder Gras. Es wird immer wachsen. Im Anbetracht der aktuellen Lage in Osteuropa erlangt dieses Buch eine Bedeutung, die über die Grenzen Israels, Palästinas und der Region hinausgeht. Es bleibt allein die Hoffnung, dass auch durch dieses Buch so manches Auge weiter geöffnet wird.

Stadtabenteuer Paris

Ja, Paris ist eine Reise wert! Ja, Paris ist eine Weltmetropole! Ja, Paris muss man gesehen haben! ABER: Jede Wette, dass achtzig Prozent der Besucher dasselbe gesehen haben. Was auf den ersten Blick auch nicht verwerflich ist. ABER: Schöner wär’s doch Paris, die Weltmetropole so zu erleben wie nur ganz Wenige. Es so sehen zu können wie es vielleicht sogar die Pariser nicht einmal erleben. ABER: Wie?

Augen auf beim Reisebuchkauf! Denn es gibt nur ein Buch mit wirklichen Abenteuern. Dieses hier! Birgit Holzer ist mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe und der Lichter gewandert und hat das gefunden, was einen unvergessenen Paris-Trip auch wirklich unvergessen macht.

Ein Croissant auf den Stufen vor Sacré Cœur genießen, ein Genuss. Aber zur Mittagszeit oder kurz vor dem bzw. rechtzeitig zum Sonnenuntergang die Stadt aus exklusiver Höhe bestaunen und sich dabei den Gaumen kitzeln lassen – da muss man schon lange suchen, um fündig zu werden. Oder man schaut in die Stadtabenteuer Paris, Seite Quarante.

Auch ein Besuch auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise mit Abstecher zu Edith Piaf und Jim Morrison lohnt sich. Man bekommt einen Plan zu den Promi-Gräbern und dackelt besonders in der Ferienzeit den Massen hinterher. Zweifelsohne ein besonderes Erlebnis. Dennoch ist es doch um einiges Nachhaltiger einmal in einem echten Klassiker herumzustromern. Hier liegt kein Schreibfehler vor. Ja, in einem echten Klassiker herumstromern. Und man darf sich sogar unterhalten, ohne dass der Maestro einem ein „Silence!“ entgegenschmettert. Man wandelt soeben durch ein Kino der besonderen Art. Eine ehemalige Fabrik wurde in ein lebendiges Museum verwandelt. Um einen herum schweben (besser man wandelt durch) Gemälde von Claude Monet, Auguste Renoir oder Henri Matisse. Man ist Teil der impressionistischen Revolution und Werke. Alles so lebendig… und das in Paris, der Stadt der Lieb und Lichter.

Es ist ein Privileg mit diesem Stadtabenteuer-Reisebuch durch Paris zu staunen. Dass es hier immer wieder was zu entdecken gibt, steht außer Frage. Doch wo suchen, wo beginnen, wo aufhören? Die Antworten lauten in umgekehrter Reihenfolge: Niemals, und zweimal in diesem Buch.

Wer das Wort Abenteuer allzu wörtlich nimmt und ein wenig zögert, dem sei versprochen, dass Abenteuer nicht automatisch mit Säbelrasseln gleichzusetzen ist. Es ist vielmehr das exotische Kribbeln auf der Haut, das man empfindet, wenn man etwas erlebt, was viele andere eben nicht erleben, weil sie schon an der Frage nach dem Wo scheitern. In der Reihe Stadtabenteuer sticht dieser Band besonders heraus. Denn sowohl Paris-Neulinge wie auch Experten werden große Augen machen.

Layla aus dem Zauberwald

Layla, ein kleines Mädchen, rennt aufgeregt durch die Stadt. Sie rempelt Leute an, wird von Autofahrern angehupt, weil sie auf der Straße läuft. Voller Begeisterung schaut sie die Schaufenster an, voller Bestürzung erblickt sie einen Pelzmantel. Was ist geschehen?

Layla wohnt im Wald. Die Blätter bieten ihr Schutz vor regen und Kälte. Die Tiere im Wald sind ihre Freunde. Sie – und nur sie – kann mit ihnen reden. Die Eule Windflug überbringt den Tieren des Waldes und Layla die bedrückende Nachricht, dass die Menschen in der Außenwelt dabei sind die Natur zu zerstören. Es gibt nur eine Möglichkeit den Irrsinn zu stoppen: Layla muss den Menschen die Augen öffnen. Die Sache hat allerdings einen Haken. Layla bleibt nicht viel Zeit. Sobald die Sanduhr, die Windflug ihr gegeben hat, das letzte Sandkörnchen durchrieseln lässt, kann Layla nicht mehr zurück in den Wald, nicht mehr zurück zu ihren Freunden. Ihr Leben wäre dann ein anderes…

Gänzlich ohne Pathos, mit allgegenwärtiger Empathie bringt Nicole Nickler in ihrem ersten Buch die Probleme der Zeit auf den Punkt. Ein kleines Mädchen wird zur Retterin der Welt. Okay, ein bisschen Pathos darf es dann doch sein. Aber den erhobenen Zeigefinger sucht man vergebens.

Auffallend sind die Tuschezeichnungen von Muntaha Al-Robaiy. Sie untermalen die ernsthafte Geschichte. Schwarz und Weiß wie die Zeichnungen ist die Geschichte nicht. Denn das draußen in der Außenwelt gibt es Spezies, die sich mit dem Untergang eine Existenz aufgebaut haben. Die Ratte Rocco ist so ein Opportunist. Ohne Müll und Gestank wäre sie verloren. Rocco weiß nur nicht, dass es auch ohne den Verfall ein gutes Leben geben kann. Layla weiß Rat.

Kinderbüchern mit aktuellem Bezug liegt oft ein Hauch von blindwütigem Aktionismus bei. „Layla aus dem Zauberwald“ bildet die rühmliche Ausnahme. Mit einfachen Worten und entwaffnend einfacher Argumentation tut Kindermund die Wahrheit kund.

Der Nachbar

Es gibt viel Arten zu nerven. Und es gibt Arten genervt zu sein. Wenn der liebe Nachbar von oben drüber des Nachts permanent die eigenen Nerven durch akustische Attacken überstrapaziert, gehen einem schon mal die nerven durch. Weil es nervt!

Mal mit ihm reden, denkt sich der Biologierlehrer, dessen nächtliche Ruhe durch das Getrappel, den Fernseher, Gespräche, Streit, kurzum: Durch Lärm, beeinträchtigt wird, ist nicht drin. Das hilft nichts. Der Typ da Oben, Ygor, mit Ypsilon, was ein Quatsch, ist einfach unbelehrbar. Dem müsste man mal so richtig … die Leviten lesen. Ihm den Hals umdrehen. Sogar noch Schlimmeres geht dem Pädagogen durch den Kopf.

Ein Schüler könnte diesen heiklen Job ausführen. Der Grobschlächtigste unter ihnen wäre prädestiniert dafür. Nach der Schule bessert er sein spärliches Nebenjobgehalt mit Überfällen auf. Doch was, wenn der Grobschlächtige mal auf die Idee kommt den Auftraggeber, ihn, den Lehrer später einmal zu erpressen? Keine gute Idee. Da muss man selbst Hand anlegen. Selbst ist der Mann. Wenn seine Frau das wüsste. Was für ein ganzer Kerl er ist. Dann würde sie ihn wohl nicht verlassen wollen. Aber vielleicht ist es dafür eh schon zu spät?!

Die Tat im unruhigen Schlafe zu ersinnen, das ist einfach. Doch den letzten, entscheidenden Schritt auch wirklich zu gehen, dafür braucht man Mut. Die letzten spärlichen Überreste dieser Courage im Herzen, setzt der Biologielehrer einen Schritt vor den Anderen. Die Tür öffnet sich. Pause. Im Bad liegt die Leiche des lärmenden Übeltäters mit Ypsilon. Wie ein Held fühlt er sich nicht. Auch wenn er weiß, dass die nächtlichen Stunden nun in Morpheus Armen vergehen werden. Wäre da nicht das schlechte Gewissen.

Bei der Gerichtsverhandlung versucht der Anwalt des Angeklagten einen Kniff. Lärmbelästigung als mildernder Umstand. Doch Milde schützt vor Strafe nicht. Das Böse hat schlussendlich gesiegt.

Patrícia Melo lässt dem Bösen ungeheure Freiheiten. Das Gute ist gefangen im Korsett der Regularien und der eingefahrenen Pfade dessen, was tun darf und was man zu unterlassen hat. Bevor es still wird um den Lehrer, der doch nur Ruhe suchte, muss er durch das Fegefeuer der Faszination gehen. Fans säumen den Weg ins Gerichtsgebäude und später ins Gefängnis. Sie sehen in ihm einen Helden, der das recht selbst in die Hand genommen hat. Dass er dabei nur verlieren konnte, wird vom Neuartigen, vom Mut überstrahlt. Des Teufels Helfer ist spannender als der willfährige Gefolgsmann des Gesetzes.

Alice

Ein Roman wie ein Popsong. Ein sich wiederholender Refrain, lyrische Verarbeitung dessen, was einem umgibt und antreibt. Variationen eines Themas.

Max Rossmann ist Redakteur beim Anzeiger, 70er Jahre, Schweiz. Den Kulturteil des Lokalteils darf er füllen. Das füllt ihn aus. Die Träume, die man mit Anfang Zwanzig noch hat, behält er für sich.

Der Abend soll in einer Bar ausklingen. Bier, Kippen und ein bisschen Live-Musik – ja, so könnte aus dem Alltag ein vergnüglicher Ausklang werden des selbigen werden. Doch alles kommt ganz anders.

Auf der Bühne stimmt eine Sängerin umständlich ihre Gitarre. Doch als Alice Bay zu singen beginnt, brechen bei Max alle Dämme. Tränenüberströmt bricht er innerlich zusammen. Diese Stimme! Max reißt sich zusammen und beschließt, dass er diese Frau, mit dieser Stimme unbedingt interviewen muss. Was war passiert?

Kurzum: Alice. So hieß auch seine Ex-Freundin. Mittlerweile im gedanklichen Aktenschrank unter Erfahrung oder „das war’s“ angelegt, springt ihm im Kopf mit voller Wucht entgegen. Er erinnert sich. An Paris, die schönen Zeiten mit Alice. Und nun ist Alice, also der Name wieder aus der Ablage auf seinem Schreibtisch gelandet.

Der erste Versuch des Interviews scheitert. Alice Bay erscheint nicht. Kurze Zeit später treffen sich Max und Alice Bay wieder. Sein Artikel hat ihr eine erhebliche Zuschauermenge beschert. Sie freut sich riesig. Denn sie will berühmt werden. Weil sie die Menschen berühren, vielleicht sogar verändern will. Doch dann … ist Alice Bay (wieder einmal) verschwunden. Dafür Alice wieder da. DIE Alice. Seine Ex.

Max Rossmanns Leben wird ein weiteres Mal auf den Kopf gestellt. Für ihn ist das aufregend. Nicht wissen, dass es noch lange nicht das Ende sein wird. Denn Alice Bay ist wieder (einmal) da. Noch nicht einmal in die richtige gedankliche Aktenschublade einsortiert, tobt über Max ein Orkan.

Frank Heer gibt dem Pop-Phänomen Alice neues Futter. Die beiden Alice leben nicht neben Max – sie leben mit ihm, sind mitten in seinem Leben. Angekommen ist er noch lange nicht. Weder mit noch ohne Alice. So oft er sich einredet zu wissen, was Liebe ist, so oft scheitert er bei der Umsetzung im echten Leben. Die Musik der Zeit – von Bowie bis Reed, von Led Zeppelin bis Roxy Music – hilft ihm dem Vielklang eine gewisse Ordnung abgewinne zu können. Doch mehr auch nicht.

„Alice“ ist der Soundtrack einer vergangenen Zeit. Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Und das nicht nur, weil heutzutage jedes noch so gut verträgliche Riff in Mixes bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet wird. Nein. Dieses Buch beweist, dass die Lösung von Problemen niemals einfacher werden.

Stadtabenteuer Stockholm

Wenn man schon mal hier ist – dann muss man auch alles mitnehmen, was mitzunehmen ist. Wenn man schon mal hier ist – so lautet auch eine Rubrik am Ende eines jeden Kapitels. Wenn man schon mal hier ist – braucht man dieses Buch.

Stockholm als schlummernde Grazie zu bezeichnen, ist noch richtig. Doch die Hauptstadt Schwedens erwacht immer öfter, immer früher, immer heftiger. Waren noch vor zwanzig Jahren nur eine Handvoll Städte auf der To-Do-List für Cityhopper, so sind es mittlerweile so viele, dass man sie kaum noch zählen kann. Und immer öfter wird die schwedische Hauptstadt genannt. Zu Recht, das wissen auch Antje und Johannes Möhler.

Die den Kinderschuhen entwachsene Buchreihe Stadtabenteuer, geht in eine neue Runde. Und den Auftakt dieser Runde macht Stockholm. Eine zerklüftete Stadt, die aus unzähligen Inseln und Inselchen besteht. Klar, dass man hier noch echte Abenteuer erleben kann. Das Abenteuer beginnt schon auf der ersten Umschlagseite. Sieben Fragen, die natürlich alle im Buch beantwortet werden, führen den Neugierigen auf die richtige Fährte.

Warum nicht mal in einem Museum ein Abenteuer erleben? Klingt auf den ersten Blick nicht besonders dramatisch. Muss es ja auch nicht werden. Aber allein schon die Vorstellung, dass es möglich ist… Die Rede ist vom Schnapsmuseum. Nicht nur gucken lautet hier die Devise. Und wenn man schon mal hier ist … das ist es wieder … um die Ecke kann man dem dicken Kopf, dem Kater, wie auch immer, noch mehr Futter geben. Der Vergnügungspark Gröna ist gleich um die Ecke. Wem dieses Abenteuer doch zu abenteuerlich ist, der nüchtert beim Spaziergang durch die Wälder der Insel Djurgården aus. Auch das Wasamuseum lässt den Kopf schnell das Hochprozentige Abenteuer vergessen.

In Stockholm ist sogar eine Shoppingtour ein Abenteuer. Upplandsgatan und Odengatan lauten die Zauberworte, die die Autoren zum Flanieren verleiten. Retrochic und echte Unikate warten hier nur darauf endlich aus der Versenkung geholt zu werden.

Stockholm als einzigartiger Abenteuerspielplatz? Ja, aber. Natürlich rennt man nicht mit brennender Fackel und Säbel zwischen den Zähnen durch die Stadt, um sich wie ein Abenteurer zu fühlen. Man erobert sie auch nicht, um sie sich Untertan zu machen. Vielmehr lädt dieses außergewöhnliche Reisebuch dazu ein, vieles fernab der festgetrampelten Pfade selbst zu entdecken. Antje und Johannes Möhler halten sich nicht still im Hintergrund, vielmehr stupsen sie den Leser und Besucher der Stadt immer wieder an, den nächsten Schritt zu wagen. Wenn das kein Abenteuer ist?!

Revolutions

Wer bei Psycho und Witch an Hitchcock und Mysterie-Serien denkt, liegt ja erstmal nicht verkehrt. Wer aber bei diesen Namen und dem Titel dieses Buches „Revolutions“ immer noch felsenfest der Meinung ist, dass es sich um herausragende Leistungen auf dem Gebiet des Films handelt, wird schnell eines Besseren belehrt.

Der Untertitel „Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten“ mag irritieren, vielleicht für Schmunzeln sorgen, aber auf alle Fälle wird man sich mit dem Thema auseinandersetzen (wollen). Hannah Ross stellt dabei aber nicht einfach nur eine Theorie auf. Sie liefert mit großen Detailwissen und der Fähigkeit diese Fakten zu verbinden eine leicht lesbare Argumentationskette, der man sich nur schwer entziehen kann. Und das mit einer Sprache, die einen fesselt.

Psycho und Witch waren Fahrradmarken aus dem 19. Jahrhundert. 1887 kam das Psycho Ladies’ Safety auf den Markt. Das erste Damenfahrrad, es hatte eine nach unten gebogene Stange, was den ladyliken Aufstieg aufs rad erleichterte. Damen des Hochadels sah man des Öfteren auf dem Drahtesel, der einmal die (Damen-)Welt verändern wird. Margherita von Savoyen – die mit der Pizza bzw. die, die die Legende von der Pizza Margherita so wunderbar mit der Speise verbindet – soll sogar ein Fahrrad mit goldenen Reifen gefahren sein. Sicher kein besonderes Vergnügen für das dann im wahrsten Sinne des Wortes blaublütige Hinterteil. Portugals Königin Amélie radelte zwischen den Bücherstudien zur Physik gern mal zum Ausgleich in der Umgebung herum. Doch so richtig revolutionär war das noch nicht. Oder?!

Man muss sich zunächst einmal vor Augen halten, dass Frauen vor rund anderthalb Jahrhunderten – also noch gar nicht so langer Zeit, wenn man bedenkt seit wann es Aufzeichnungen über das Leben gibt – von Freiheit, wie wir sie heute kennen mehr als meilenweit entfernt waren. Frauen an Universitäten beispielsweise – oft genug ein Grund für Männer laut keifend über die Unihöfe zu ziehen. Und jetzt wollten sie auch noch Fahrrad fahren. Das konnten ja Männer kaum erst seit ein paar Jahren. Bis dahin gab es Vollgummireifen. Und einen wunden Popo. Dabei spielte es keine Rolle, ob dessen Besitzer männlich oder weiblich war.

Ob dieses Buch nun als feministische Literatur anzusehen ist oder nicht, entscheidet jeder Leser für sich selbst. Einerseits wirft die Autorin einen anderen Blick auf den Kampf für Frauenrechte, was ein Kampf für Gleichberichtigung und Freiheit ist. Andererseits lässt sie die Kampfrhetorik Außeracht. Ein Buch für die ganze Familie – Frauen UND  Männer!