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Ruhrgebiet Abenteuer

Er boch um die Ecke, weil dort oben seine Freunde hausen. Essen ist fertig Hattingen sie ihm gesagt. Das gehört dort in den Mund. Und so duiste er an der Burg vorbei, brachte noch schnell den Mülheim und hätte dabei Gladbeck vergessen sein Gebet in der Gelsenkirchen zu verrichten. So manches Autokorrekturprogramm sprüht bei diesen Sätzen in allen Regenbogenfarben. Hörrma, Regenbogenfarben – der Pott steckt voller Überraschungen.

Und das beginnt schon beim Cover. Da ist die Zeche Zollverein zu sehen. Heute ein Industriedenkmal erster Klasse. Und wie heißt die Autorin? Renate Zöller. Die kommt zwar nicht direkt von hier wech, hat aber nach eigenem Bekunden schon früh Kohlenstaub geatmet. Ergo die Idealbesetzung für dieses Abenteuerbuch über eine Region, die zwar oft schon beschrieben wurde, und dabei immer noch Geheimnisse in sich birgt. Noch!

Da das Ruhrgebiet nicht gerade reichhaltig mit hohen Gebirgszügen gesegnet ist, hat man sich wohl gedacht, man müsse sich etwas ins Wohnzimmer – im Pott macht man es sich gern gemütlich im Wohnzimmer – stellt, wo man sich den Wind um die Nase wehen lassen kann. Da man aber auch gewitzt ist, blieb es nicht bei der Nase. Den Wind am ganzen Körper spüren. Ach, was heißt hier Wind?! Einen Sturm, einen Orkan. Zum Abheben. In Bottrop kann man das so genannte Indoor Skydiving am eigenen Leib erleben. Wer schon mal auf der Autobahn bei 180 Sachen – by the way: Das ist auf den Autobahnen im Pott nur gaaaanz selten zu erleben, da der Verkehr sich sehr oft im Schneckentempo vorwärts (immerhin!) bewegt – den Kopf aus dem Fenster gehalten hat, kann sich in etwa vorstellen, wie es sich anfühlt. Man wird in einen Anzug gesteckt, Brille auf – Sicherheit wird Groß geschrieben – und ab geht es in die vertikale Röhre. Und dann gibt es Kassalla von Unten! Man wird zwar nicht aus den Latschen gehauen, verliert jedoch ganz schnell die Bodenhaftung.

Noch mehr Höhenluft gefällig? Phönixplatz am Hüttenmann in Dortmund-Hörde. Muss man allerdings anmelden. Und was gibt es hier? Wenn man so will die Zugspitze (besser wohl keine Bayernvergleiche – wird sind in der Heimat der gelben Wand, also besser der Mount Everest) des Potts. Neudeutsch Skywalk. 99 Stufen ruff, und schon erlebt man Industrieromantik auf höchstem Niveau. Das alte Hüttenwerk dient heute unter anderem als Aussichtspunkt, der zu jeder Tagesstunde unglaubliche Eindrücke erlebbar macht.

Das Ruhrgebiet ist eine Region, in der wirklich jeder auf seine Kosten kommt. Paddeln auf Seen und Flüssen, bestens ausgeschilderte Radwanderwege, Städtetouren, die auch schöne Seiten der Industrieregion zeigen, viel Grün, viel Stahl, viel Beton – aber auch unglaubliche Erlebnisse. Und das, was man nicht auf den ersten blick erkennt, hat Renate Zöller mit beschwingter Feder in dieses Buch geschrieben. Nahbar, echt und ohne klischeehafte Patina der Vergangenheit.

Die unsichtbare Guillotine

Kurz und schmerzlos – so würde es wohl in einem Werbeprospekt zu diesem einzigartigen Artikel stehen. Und wie es in der Werbung so ist, gibt es auch immer genauso viele Argumente dagegen. Ja, so ein Fallbeil, eine Guillotine, rauscht verdammt schnell herab, dank der Schwerkraft. Aber schmerzlos? Was ist mit denen, die zuschauen, den Angehörigen? Also das Attribut schmerzlos ist wohl hinfällig.

Autor Ulrich Trebbin widmet sich einem ganz besonderen Objekt aus der Abteilung Tötungsmaschine. Es ist die Guillotine, mit der die Mitglieder der Weißen Rose, der Widerstandsgruppe, der unter anderem die Geschwister Scholl angehörten, hingerichtet wurden. Denn diese Guillotine hat eine aufregende und lange Geschichte. Eine Geschichte, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ad acta gelegt wurde. Denn das Richtbeil war verschwunden. Einfach weg. Doch es stand Jahrzehnte tief verborgen, tief unten, im Keller, im Depot des Bayerischen Nationalmuseums. Was nicht zu sehen ist, quasi nicht mehr vorhanden ist, kann auch keinen Schaden anrichten…

Und wenn die Klinge schweigt, können auch die Opfer nicht mehr wehklagen. Die Klinge würde dann von 125 Hinrichtungen sprechen, die zwischen 1855 und 1932 unter ihr das Haupt verloren. In den zwölf Jahren der Naziherrschaft, schnellte die Zahl unter dem herabschnellenden Beil auf über eintausend!

Ulrich Trebbin hat sich der Geschichte dieser besonderen Guillotine so nah gebracht wie noch niemand zuvor. Eine derart exakt und tiefgreifende Recherche ist selten. Das Ergebnis ist dieses Buch. Der Aufhänger sind die prominenten Opfer. Der „Lebenslauf“ des Todesobjektes ist spannend und nährt die Argumente, dass Tötungen von niemandem legitimiert werden sollen.

„Die unsichtbare Guillotine“ ist mehr als nur ein Hingucker im Bücherregal. Die Faktenflut im Buch erschlägt hier und da den Leser. Doch Fakten gehören unwiderbringlich zu einem Sachbuch dazu. Immer wieder lässt Ulrich Trebbin Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zu Wort kommen. Selbst das Münchner Original Karl Valentin kam nicht umhin der Tötungsmaschine ein Denkmal zu setzen. In Aufführungen zog er die Zuschauer/Zuhörer in seine Gedankenspiele hinein. Und das vor entsprechender Kulisse…

Die Geschichte der geschichtsträchtigen Guillotine erzählt messerscharf von Menschenschicksalen, die nie vergessen werden.

Stadtabenteuer Hamburg

In Hamburg sagt man Tschühüß – tschüß zu den immer wiederkehrenden Abenteuern, die für viel Geld einen überschaubaren Spaß sorgen. Für den man auch noch bezahlen muss. Die Stadtabenteuer-Reihe aus dem Michael-Müller-Verlag lässt die allgegenwärtigen Highlights nicht außer Acht – was ist Hamburg ohne Hafenrundfahrt und Reeperbahnbummel? – geht jedoch noch ein paar Schritte weiter. Also, der Leser geht noch ein paar Schritte weiter, um Hamburg derbe kennenzulernen.

Autor Matthias Kröner – der Mann hinter den Stadtabenteuern – zog es vor Jahren in den Norden. Und er versteht es wunderbar, dem Leser diese Perle näherzubringen. Und dazu gehören nicht zwingend die Photo-Hotspots, wo man innehält, die Kamera im Anschlag und auf den entscheidenden Moment wartet, um das Bild seines Lebens zu machen.

Im Hamburg gehört zweifelsohne auch ein Spaziergang durch das Schanzenviertel dazu. Sich einfach mal treiben lassen. Hier tobten vor ein paar Jahren heftige Kämpfe während des G20-Gipfels. Ein gewisser Olaf Scholz, Bürgermeister der Hansestadt, tat sich damals durch kompromisslose Härte hervor. #damalswars Das Viertel hatte somit seinen Ruf wech. Dass die Randalierer nun keineswegs eine Meldeadresse (sofern vorhanden) in der Schanze hatten, erkennt man beim bloßen Bummeln sofort. Der alternative Kiez unterliegt großen Veränderungen, bewahrt sich aber dabei seinen eigenen Charme. Und wer mal zu nachtschlafender Zeit noch einen Absacker braucht (eine Bar mit zwölf Zapfhähnen sollte fürs gröbste ausreichend sein), sich kulturell berieseln lassen möchte oder einfach nur den Moment gehaltvoll erleben möchte, der kommt hier an jeder Ecke auf seine Kosten. Der Bericht vom Besuch eines Poetry-Slams mit Musik und allerlei, was sonst noch zu einem gelungenen Kulturabend trifft den Nerv der Schanze exakt. Auch so können Reisebücher sein.

Ausgefallene Shops, Tretbootfahren auf dem Hamburger Meer oder auch mal eine Buchhandlung, die sich ausschließlich einem Thema widmet … welches das wohl ist, in einer Stadt in Meeresnähe?! – wer die ausgetretenen Pfade der Hansestadt zu seinem persönlichen Œuvre zählt, also meint schon alles gesehen zu haben, der wird nach so manchem Seitenumblättern sich verschämt zurückziehen und ganz kleinlaut einen Trip gen Hamburg vorschlagen. Und dann kann er aber mal so richtig sein Wissen kundtun.

Andere Wesen

Mal kurz, mal lang, mal melancholisch – doch immer ins Herz des Lesers. Charlotte Ueckert schreibt sich in zarten Worten das von der Seele, was an die Oberfläche drängt. Immer auf der Straße des Lebens, alle Stop-Schilder missachtend.

Auch sie kommt an dem alles beherrschenden Thema der jüngeren Vergangenheit nicht vorbei. Ein Spaziergang, der an Einsamkeit nie erlebbar schien, ist nur eine Konsequenz der Pandemie, die uns verhüllt die Welt entdecken ließ. Sie lässt sich nicht ins Bockshorn jagen und entdeckt sie wie eh und je. Sie Eindrücke sind oft wegen der neu erschaffenen Ruhe andere. Intensiver. Nachhaltiger.

Immer wieder stößt man auf Selbsterlebtes. Doch so wundervoll und zart verpackt? Da muss die Autorin mit raumgreifenden Worten einschreiten, um die Welt derart poetisch einzufangen. Ob an einem See im Norden oder auf Höhen, die es zu erklimmen gilt, sie findet immer die passenden Worte, um selbst Lyrik-Kritiker zu überzeugen.

„Andere Wesen“ klingt auf den ersten Blick mystisch, für Skeptiker esoterisch verklärt. Ist es aber nicht! Es sind Gedanken, in ausdrucksstarke Watte verpackt. Immer wieder blättert man noch einmal zurück, um eigene Geistesblitze bestätigt zu sehen. Die Gedichte hallen nach. Auch wenn man schon weitergeblättert hat.

Dieses Buch nimmt man gern mit auf ein Picknick. Nur ein paar Seiten lesen. Die Natur genießen. Einen Happen zu sich nehmen. Und zwischendurch dem Geist die Nahrung geben, die er einfordert ohne überfordert zu werden. Mag die Welt noch all zu sehr aus den Fugen geraten sein, es findet sich immer eine Weg die dennoch vorhandenen schönen Seiten zu erkennen und in ein gewand voller Wohlgefallen zu kleiden. Charlotte Ueckert gelingt dies einmal mehr.

Tausche zwei Hitler gegen eine Marilyn

Ein Titel, der sich bei aller Liebe nun wirklich nicht für schenkelklopfende Was-Ist-Der-Unterschied-Zwischen-Witze eignet. Und das nicht nur, weil es schnell auf Gesichtbehaarung und Körpermaße hinausläuft…

Nein, dieses Buch ist das versammelte Gedächtnis eines Jungen, eines Mannes, der – ganz nach der Tradition des Vaters – seine Sehnsüchte dokumentiert. Klingt im ersten Moment nicht besonders spannend. Aber eben nur im ersten Moment!

Als den Kindern bewusst wird (eines der Kinder, der Sohn, ist der Autor des Buches), dass ihr Vater wie ein Verrückter fotografiert, um sich selbst der Illusion hinzugeben, alles dokumentieren zu müssen und vor allem zu können, erwacht in dem jungen Adam fast zeitgleich, vielleicht folgerichtig die Sehnsucht die Unterschriften berühmter Menschen zu sammeln. Alles beginnt als Ronnie Barker, ein in England berühmter Schauspieler in die Nachbarschaft zieht. Alles Bitten und Betteln an der Haustür nützt nichts, er bekommt kein Autogramm. Seine schriftliche Bitte trifft allerdings auf fruchtbaren Boden. Jetzt ist der junge Adam mit dem Sammelvirus infiziert.

Miles Davis unterschreibt sogar mit seinem vollen Namen. Von dem titelgebenden Schnauzbart bekommt er natürlich kein Autogramm. Das wäre schlussendlich für seinen Vater der Dolchstoß zwischen die Rippen. Er verachtet mit voller Inbrunst alles, was mit den Nazis und ihrer Glorifizierung zusammenhängt. Das geht so weit, dass er seine Familie fast rund um die Uhr mit seinen Tiraden auf die Nerven geht. Auch wenn’s richtig ist, genug ist irgendwann auch mal genug.

Es sind die kleinen Geschichten, vor allem die ausufernden Einleitungen zu den Kapiteln – jedes zu einem besonderen Autogramm – die dieses Buch zu einem kleinen Schatz machen. Adam Andrusier ist ein Verführer. Mit vollkommener Empathie lockt er den Leser in sein Verlies der Skurrilitäten. Ihn als Spinner mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft zu bezeichnen ginge an der Realität vorbei. Sammelwut ist es auch nicht, die ihn antreibt. Immer wieder überkommt einem das Gefühl, dass er sein Hobby nur betreibt, um andere zu unterhalten. Wer auf Tipps hofft, wie man an begehrte Autogramme kommt, wird enttäuscht. Darum geht es doch auch gar nicht!

Hier liegen Wortwitz und Entertainment so eng beieinander, dass sie eine Symbiose eingehen, die einem die Tränen in die Augen treibt. Es gibt in Büchern immer wieder Figuren, die man als verrückt im Sinne von nicht normal bezeichnen kann. Was ist schon normal?! Hier sind alle irgendwie ein bisschen verrückt. Doch man lacht nicht über sie, man lacht mit ihnen.

Kathedralen

Kathedralen – so erhaben stehen sie fest im Leben, bieten ihre Pracht feil. Voller Ehrfurcht betritt man sie und staunt über das Übermaß an Eleganz. Auch wer schon längst vom Glauben abgefallen ist, kann sich der Anziehungskraft nicht entziehen. Das muss so sein, denn die Besucherströme in die Gotteshäuser mit Museumscharme reißen nicht ab.

Apropos vom Glauben abgefallen. Lía ist vom Glauben abgefallen. Das gesteht sie sich ein – nicht einfach in einer Familie, in der der Glaube das höchste Gut ist. Ihre Schwester Ana ist vor vielen Jahren ums Leben gekommen. Das ist lange her. Inzwischen ist der Kontakt zur Familie abgerissen. Lía hat ihre Buchhandlung – das ist ihre neue Religion. Bis eines Tages Carmen vor ihr steht. Carmen, ihre Schwester!

Die alten Erinnerungen, der Streit von damals – alles wird wieder ans Tageslicht gespült, in eine Realität, die Lía längst verlassen zu haben glaubte. Der Verlust Anas – damals – und das damit verloren gegangene Vertrauen in Gott haben einen tiefen Graben zwischen den Schwestern entstehen lassen. Und im ersten Moment scheint es so als ob keine der beiden auch nur ansatzweise sich als Brückenbauer betätigen will.

Überhaupt überstrahlt „Kathedralen“ ein immer währender Schein die Szenerie. Denn die ganze Familie schwebt im allgemeinen Kanon der Religiosität auf einer undurchsichtigen Wolke durchs Leben. Nur Lía konnte bisher von dieser Wolke springen.

Dreißig Jahre ist es nun her, dass Ana ihrer Familie entrissen wurde. Jedes Familienmitglied hat seine eigene Sicht auf dieses tragische Ereignis, das nicht einmal Gott verhindern konnte. Claudia Piñeiro pustet noch einmal richtig in die Familiengeschichte rein und entfacht einen Sturm, der allen Beteiligten die Frisur gehörig durcheinanderwirbelt. Denn hier liegt mehr im Argen als man sich selbst eingestehen will. Erst ein Außenstehender, ein unerwartete Gast scheint die Fähigkeit zu besitzen den Sturm zu zähmen. Doch danach sieht es zunächst gar nicht aus…

Einmal mehr setzt die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro einen Meilenstein in die reichhaltige argentinische Literatur. Ein Monument, das unumstößlich ist wie eine Kathedrale. Hier und da blättert der Putz ab, was aber dem Gesamtbild nicht im Geringsten schadet. Oft sieht man in Kathedralen Darstellungen aus der Bibelgeschichte. Nicht selten blutig. In diesem Roman ist verflossenes Blut der Grund allen Übels. Einfach aufwischen ist nicht. Hier muss ein professioneller Tatortreiniger ran! Und das ist Claudia Piñeiro! Und zwar in Höchstform!

Überfluss

Eine nach oben gereckte Hand, im Inhaltsverzeichnis Zahlen mit einem Dollarzeichen dahinter – hier scheint es sich um einen Roman zu handeln, in dem es um das mehr oder weniger vorhandene Geld und den Kampf um selbiges zu handeln. Ja. Ein kämpferisches Buch mit zwei Protagonisten, die nichts anderes kennen als tagein tagaus mit Grips und Tatkraft den Folgetag erleben zu können. Soweit die Fakten.

Jakob Guanzon macht aus diesem wenig liebevollen Zustand eine Geschichte, die den Leser fesselt und nie wieder loslassen wird. Und: Es ist sein Erstlingsroman! Henry und sein Sohn Junior sind unterwegs. Nicht irgendwohin, sondern unterwegs, weil sie nicht anders können. Ihr fahrbarer Untersatz ist mehr als nur das. Es ist ihr Ein und Alles. Das Haus – verloren. Was heißt hier Haus! Selbst aus dem Trailerpark, im Allgemeinen die unterste Stufe der Behausung – sind sie rausgeflogen. Das letzte Mal, dass Henry einen festen (im wahrsten Sinne des Wortes) Wohnsitz hatte, war als er eine Gefängnisstrafe wegen Drogenhandels verbüßen musste. Und nun geht es auf einen Roadtrip ins Nirgendwo. Henry passt ganz genau auf, dass Junior diese Zeit nicht als Zeit des Mangels in Erinnerung behalten wird.

Es klingt paradox, doch das Vater-Sohn-Gespann lebt im Überfluss. Und zwar mittendrin. Aber sie sind nicht Teil des Überflusses. Wie unbeteiligte Zuschauer in einem lahmen Theaterstück, das einzig allein vom Lichterglanz und der unermüdlichen Effekthascherei derer lebt, die den Überfluss genießen können oder – noch schlimmer – inmitten derer, die diesen Überfluss zu verantworten haben. Egal, ob sie dies bewusst tun oder selbst in einer Tretmühle stecken.

In Rückblenden bekommt die Gegenwart eine nachvollziehbare Vergangenheit. Henry ist nicht der typische Verlierer, der durch die Chuzpe anderer in sein Dilemma geraten ist. Ein bisschen Mitschuld trägt er selbst. Umso mehr bemüht er sich – mit mehr oder weniger anhaltendem Erfolg – Junior das gleiche Schicksal zu ersparen.

Wortgewaltig und immens gefühlvoll verzaubert Jakob Guanzon fortwährend und gibt Einblicke in eine Welt, die man lieber nur von außen betrachtet. Ein Pickup als small world refugium, die Phantasie als Spielplatz der Möglichkeiten und die Welt da draußen als vermeintliches Ideal, dem man nachhecheln muss. Manchmal ist es so einfach glücklich zu sein. Aber manchmal ist es auch verdammt schwer. Von diesem Widerspruch lebt dieser Roman. Die Intensität schöpft das Werk aus der gefühlvollen Empathie des Autors für seine Figuren. Wer „Überfluss“ liest, erlebt ihn selbst, den Überfluss. Der Überfluss an Gefühlen und Hoffnung.

Aus der Balance

Dara und Marie Durant sind Ballettlehrerinnen. So wie ihre Mutter es einst war. Sie unterrichten noch immer in dem Studio, in dem ihre Mutter Generationen von kleinen Mädchen (mittlerweile kommen auch immer mehr Jungen) zum Träumen anregte, die bis aufs Blut forderte und ganz sicher einen Scherbenhaufen an zerplatzten Bühnenträumen zusammenkehrte. Der Dritte im Bunde, wenn von „WIR“ die Rede ist, ist Charlie. Tanzschüler der Mutter, erkrankt, operiert, zerstörte Träume, Dara, Heirat, kümmert sich ums Geschäftliche. Das leben der Drei plätschert in geplanten Bahnen vor sich hin. Nichts Aufregendes. Die kleinen Sticheleien zwischen den Schwestern, das Herumwuseln der kleinen Ballettschüler vor der großen Aufführung (Nussknacker, was sonst?!) sind nur kleine, fast schon eingeplante Abwechslungen.

Doch eines Tages wird es heiß. Sehr heiß. Das Ballettstudio steht in Flammen. Ist nun alles zu Ende? Nein, natürlich nicht. Wenn Dara und Marie und Charlie etwas gelernt haben von der verstorbenen Madame Durant (der Mutter von Dara und Marie, inzwischen ist Dara Madame und Marie Mademoiselle Durant), dann ist es Schmerz zu ertragen. Und ihn zu bekämpfen.

Derek, der begehrteste … nein, nicht Junggeselle, sondern Bauunternehmer der Stadt, erhält den Zuschlag, das Studio wieder aufzubauen. Es soll größer und schöner werden als zuvor. So schlägt er es vor, so will es vor allem Marie. Dara ist erstaunt über den Aktionismus der Schwester. Charlie bemerkt es sofort: Derek und Marie – das könnte was werden. Doch was wird dann aus dem WIR?

Megan Abbott ist geduldig beim Ausarbeiten der Szenen. Ausdauernd, ohne dabei Langeweile zu verbreiten, baut sie die Beziehung der Schwestern zueinander auf. Charlie ist schon früh mit im Boot. Schon als Teenager gehörte er zur Familie. Nur logisch, dass er und eine der beiden Schwestern einmal ein Paar werden würden. Und die Andere würde im WIR aufgehen müssen.

So reibungslos hier im Tanzstudio – irgendwo in einer Kleinstadt in den USA – alles läuft, so langweilig die Szenerie wirken mag … hier brodelt es gewaltig. Ob es nicht bemerkt wird oder man es nicht bemerken will, lässt Autorin Megan Abbott offen. Als jedoch die Erde zu beben beginnt, ist sie zur Stelle und lässt die Bühne, die die Welt bedeutet unter den Füßen der Beteiligten derart laut zusammenkrachen, dass man vor Schreck sich zwischen den Zeilen verstecken will. Doch da ist kein Platz für Angsthasen und Drückeberger.

„Aus der Balance“ – ein Buch vielleicht für all diejenigen, die bei „Billy Elliott – I Will Dance“ vom Anfang bis fast zum Ende mehr Sympathien für den Vater hegten. Auf alle Fälle aber ein Buch für alle, die sich gern in die Untiefen des Ungewissen ziehen lassen.

Wir, die Anderen

Jeder kennt einen, der irgendwie – liebenswert – aus der Art geschlagen ist. Ein Spinner, den man nicht immer ernst nehmen kann, dennoch aber gern um sich haben will. Träumer, keine Schaumschläger. Denn Träumer haben das recht auf ihrer Seite.

Und solche wundersamen Leute hat Oliver Wunderlich zusammengetrommelt, um sie kompakt dem Leser vorzustellen. „Wir, die Anderen“ sind keine Clique von verschrobenen Typen, die es immer irgendwie schaffen davonzukommen. Nein, hier stehen sie in Reih und Glied, zeigen sich von ihrer besten Seite. Es ist erstaunlich spannend zu sehen wie zwei Männer dem Traum vom großen Geld hinterherjagen, und sich dabei für nichts zu schade sind. Die Currywurstbude soll den Batzen Geld in einen Mount Everest der finanziellen Sorglosigkeit verwandeln. Als quasi um die Ecke ein Schnellrestaurant von Weltformat eröffnet, scheint der Gipfel unerreichbar. Doch Narren haben einen Vorteil gegenüber durchgestylten Apparatschicks: Sie haben Träume, und keine Tabellen. Die Currywurstolympiade soll den Bekanntheitsgrad steigern und Kunden binden. So würde es der Wirtschaftsriese von „um die Ecke“ nennen. Die Würste brutzeln, die Sonne brennt, der Schweiß läuft. Das Ende vom Lied: Eine Gewinnerin, die sich seitdem nie wieder eine Currywurst einverleibt hat. Alles halb so schlimm. Es war die Tochter eines der Veranstalter.

Ein anderer Anderer ist Tom Quinn. Bobby, Polizist, Parkknöllchenverteiler in der Bridge Street in Manchester. In den 80ern nicht der Place to be, wenn man sich die Musik von Joy Division und The Smiths anhört. Margret Thatchers Politik scheint die Stadt weiter in en Abgrund zu treiben. Da schlendert der niemals schlecht gelaunte Tom Quinn durch die Straße und verteilt Tickets an die Parksünder. Immer, wenn Not am Mann ist, ist er zu Stelle. Ja, auch das ist Tom Quinn. Ein Fahrrad ist zu reparieren – Tom ist da. Falschparker auf dem Gehweg – Tom ist da. Jemandem über die Straße zu helfen, den Weg zu erklären – Tom, Tom, Tom. Einem Journalisten fällt dieser Mann schon länger auf. Niemals hat er Streitigkeiten mit Tom gesehen, erlebt oder irgendwie wahrgenommen. Da muss was dahinter stecken, das wert ist herausgefunden zu werden. Doch nix, nada, niente. Tom ist einfach nur Tom. Als er eines Tages nicht zur Arbeit erscheint – das erste Mal – schauen die Kollegen bei ihm zu Hause vorbei. Tot. Tom Quinn, der Mann der Knöllchen, Heiliger der Parksünder, unscheinbarer Nachbar ist nicht mehr. Seitdem regnet es unaufhörlich. Die Straßen sind voller Traubendrecke, Fahrräder rosten vor sich hin. Und sein Geheimnis? Nicht mehr und nichts weniger als das – eben ein Geheimnis.

Alltagsgeschichten haben oft den Beigeschmack des Banalen. Fad und nach der zweiten Wiederholung rauschen die Worte wie ein Zug durch den Kopf. Oliver Wunderlich lässt die Anderen in einem Licht erstrahlen, das durch die stechende Präzision nicht so schnell erlischt.

Einstein sagt

Wenn der Keks spricht, haben die Krümel Sendepause! Und wenn Einstein spricht, ist es auch muchsmäuschenstill. Und nicht nur, wenn man einmal im Leben die Relativitätstheorie verstehen will…

Einstein gehört auch fast siebzig Jahre nach seinem Tod zu denjenigen, denen man nur schwer Verfehlungen nachsagen kann. Das liegt zum Einen daran, dass er immer auch einen kleinen Schalk im Nacken hatte, den er nur allzu gern auch freien Lauf ließ. Bei Diskussionen mit Berlinern verglich er sich mit einem prämierten Huhn. Nur die Frage, ob er noch Eier legen könne, konnte selbst er nicht beantworten. Auch heute noch ein Brüller auf jedem langweiligen Get-Together.

Nachdenklich stimmen Einsteins Gedanken über seine deutsche Heimat. Die musste er verlassen, um drohender Gewalt durch die Nazis zu entkommen. Die Befürwortung eines atomaren Erstschlags gegen Deutschland bezeichnete er bis zu seinem Ende als seinen größten Fehler. Auch die Erkenntnis nicht unfehlbar zu sein und zu seinen Fehler zu stehen, diese auch immer wieder anzuprangern, ist wohl der zweite Grund Albert Einstein immer an den Lippen zu hängen.

Nun ist es so, dass man dieses Buch nicht Seite für Seite durchliest und dann zufrieden beiseite legt. Es dauert ein bisschen bis man es ausgelesen hat. Die Dosis macht das Gift und eben auch die Erkenntnis. Hier sind gleich mehrere Füllhörner an Weisheiten in kompakter Form für den Leser zusammengefasst. So fällt es einem doch schwer die einzelnen Zitate noch einmal wiederzugeben, wenn man sich zu vielen Seiten widmet. Jeden Tag eine Seite oder pro Woche ein Kapitel sind vollkommen ausreichend, um dem Genie ansatzweise auf die Spur zu kommen.

Lauernd auf das nächste Bonmot blättert man sich vorsichtig weiter. Berauscht sich an seinen Einsichten über sich selbst. Erschrickt über Gedanken über die Menschheit. Und nickt zustimmend mit dem Kopf, wenn er sich zur Atombombe äußert.

Es sind die zahlreichen Einschläge, die seine Worte hinterlassne, die dem Leser teils die Augen öffnen oder gar neue Gedankengänge offenbaren. Viel wurde über Einstein geschrieben. In Bern, wo er einen stupiden Job annahm, um den Kopf für seine Forschungen freizubekommen (und das nötige Kleingeld für die notwendigen Ausgaben zu erwirtschaften), kann man durch sein Appartement schlendern, im Museum seine Nobelpreismedaille und seinen Kinderwagen bestaunen. Doch in seinen Kopf kann niemand hineinschauen. In diesem Buch kann man es doch – ein bisschen. Ihn besser verstehen ebenso. Klein, kompakt, inhaltsschwer.