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Lärm

Konrad Schnittweg ist weg. Abgeschnitten aller Verbindungen zu denen, die einmal eine Rolle in seinem Leben spielten. Nur ein Brief – der Presse zugespielt – verbindet ihn noch mit der Welt. Doch dieser Brief ist mehr als rätselhaft. In dem kündigt er, Konrad Schnittweg, der Psychotherapeut, an einen Europapolitiker umzubringen.

Und schon springt die Presse darauf an. Logisch, denn das ist ihr Job. Berichten, was berichtenswert ist. Die Verbindungen zur RAF sind naheliegend. Schnittweg ist ein gebildeter Mann. Ruhig bis sehr ruhig. Besonnen. Ein Schlingel, wenn es darum geht Frauen zu bezirzen. Ein guter Ehemann. Ruheliebend. Bei seinen Recherchen dem – mittlerweile muss man es so sagen – Phänomen Konrad Schnittweg auf die Spur zu kommen, ist Guy Helminger mitten in einem Puzzelspiel, in dem einige Teile nicht so recht ins Bild passen.

Während Kameraden, mit denen er bei der Bundeswehr gedient hat, ihn als ruhig bezeichnen, der keinen eigenen Musikgeschmack hatte, berichtet seine Ex, dass er seine Hose niemals geschlossen halten konnte. Und dass die Presse in Person von Axel Kleider aus dem Brand der Praxis Schnittwegs am Tage seines Verschwindens eine Riesensache machen will, ist auch nicht unverständlich. Helminger selbst hat Schnittweg schon kennengelernt. Schnittweg auf dem Rad, Helminger im Auto und plötzlich Schnittweg auf der Motorhaube und Helminger erstarrt darin. Nichts passiert. Schönen Tag noch. Wer soll da nicht verwirrt sein?!

Guy Helminger kreiert eine Story um einen Mann, den es so gegeben haben könnte. Auch der mögliche Weg in den Untergrund ist durchaus so oder in ähnlicher Form schon passiert. Man denke nur an Gudrun Ensslin, die aus ihrem Elternhaus (Vater Pfarrer) den Weg in den Untergrund fand und unter anderem mit Andraes Baader, Holger Meins und Ulrike Meinhof die erste Generation der RAF bildete. Für Axel Kleider, den Journalisten, der Schnittwegs Werdegang in der Zeitung breittrat, eben solche Vergleiche zog und Vermutungen anstellte, ein gefundenes Fressen. Doch er weiß nicht alles.

Guy Helminger weiß mehr. Behauptet er zumindest. „Lärm“ ist ein Roman. Die Geschichte, die dahinter steckt, ist umso spannender, weil die Fiktion die Faktenlage komplett schluckt. Alles kann, nichts muss … so gewesen sein. Wer mit wem und wann – Fragmente. Und da das Wort Frage in Fragmente steckt, oh nein … so weit sollte man beim Lesen nicht gehen. Man muss sich in die Geschichte richtig einlesen. So breitet sich vor einem ein Bild aus, das mit einem großen Berg Puzzleteilen beginnt. Zuerst dreht man alle teile mit dem Gesicht nach oben. Man sucht sich die Eckpunkte. Das ist am einfachsten, es gibt nur vier. Dann steckt man den Rahmen ab. Und nach und nach füllt man die Lücken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer zusammenpasst – wenn das Bild komplett ist, freut man sich so sehr, dass man es in die Welt hinausschreien möchte. Vielleicht hört es ja sogar Konrad Schnittweg und kommt zurück. Und dann? Schmeißt er sicherlich den Tisch um. Und die Arbeit beginnt von vorn.

Polly Polydeukes

Da sind sie, die Brandlers. Mama, Papa, Sohn und Tochter. In trauter Einigkeit. Tochter Polly ist ein aufgewecktes Mädchen, das boxt und auch sonst nicht auf die Nase gefallen ist. Und wenn es doch mal blutet, dann rappelt sie sich auf, schüttelt sich und … weiter geht’s.

Weiter geht’s ist gar nicht so verkehrt. Für sie geht der Weg weiter, immer weiter, niemals aufgeben. Besonders, wenn man den eigenen Vater sucht. Nicht Herrn Brandler. Ihren Erzeuger sucht sie. Schon ihr ganzes Leben lang. Jetzt bricht sie endlich auf, ihn nicht nur im Herzen, in ihren Gedanken, sondern ganz real, geographisch zu suchen.

Paraguay ist für viele ein Land, das ganz weit weg liegt, von dem na nichts weiß. Armenhaus Südamerikas. Aber auch ein Land, in dem schon früher einmal Deutsche Zuflucht fanden. Und zwar die, die besser keine Zuflucht im Paradies hätte finden würfen. Nazis. Kriegsverbrecher. Menschenschänder. Abschaum. Doch soll Pollys Vater auch einer von ihnen gewesen sein? Immer wieder trifft sie auf Spuren dieser Deutschen, die ihr mit Freude – wegen der gemeinsamen Sprache und Wurzeln – begegnen. Ihr aber auch Misstrauen entgegenbringen, weil sie mehrere Generationen später weit weg von zu Hause rumzuschnüffeln beginnt. Ihr Bruder ist ihr dabei die einzige Stütze.

Auch als sie mit wahren Wohltätern, Jesuiten, in Berührung kommt. Ihre Missionierung vor mehr als einhundert Jahren war nicht minder blutiger als die Gräueltaten der anderen Deutschen, die nun hier unten im Paradies ihre neue Heimat gefunden haben, und die alte Heimat immer noch triefend im Herzen vor sich hinbluten lassen.

Walter Hönigsberger ist nicht dafür bekannt, schnöde Geschichten voller rührseliger Gefühle aufs Papier zu bringen. Er geht in die Tiefe, wie schon in „Clos Gethseman“, in dem er dem Ursprung der ersten Weinbauern auf den Grund geht. Und so auch in „Polly Polydeukes“. Sie muss sich durchkämpfen – durchboxen – bis sie für sich eine Antwort erhält, die ihr genug ist. Hat sie bisher im Boxstall ihrer Gegner zermürbt und mit dem Gong ihren Kampf beendet, muss sie nun in einen Ring steigen, der keine Seile hat, die nachgeben und sie mit neuem Schwung in die Arena zurückkatapultieren. Jeder Niederschlag tut weh. Und ein Ende dieses Kampfes ist noch lange nicht abzusehen.

Oben Erde, unten Himmel

Cineasten kommt bei diesem Titel sofort „Der dritte Mann“ in den Sinn. Als Paul Hörbiger – des Englischen nicht mächtig – Himmel und Hölle im Fingerzeig verwechselt (in der deutschen Synchronisation wurde der Fehler allerdings behoben).

Suzu lebt in so einer Welt. Hinter dem geheimnisvollen Wort Kodokushi verbirgt sich ein trauriger Begriff. Menschen, die völlig allein lebten, isoliert von der Welt draußen, sterben – wohl die einzige Gemeinsamkeit mit dem Rest der Welt. Doch wie im Leben so im Tod: Niemand nimmt davon Notiz. Wenn der Tod bemerkt wird, kommt die Putzkolonne von Herrn Sakai. Pflichtbewusst und stumm, fast unmerklich beseitigen sie die Reste eines Lebens. Fräulein Suzu ist eine dieser unauffälligen Arbeitsbienen, die Dienst verrichten, aber niemals erkannt werden.

Fräulein Suzu verrichtet ihren Dienst wie man es von ihr erwartet. Sie wischt, fegt, sammelt ein. Ohne groß dabei nachzudenken. Im Laufe der Zeit verfestigt sich in ihr der Gedanke, dass sie doch nicht so allein ist auf der Welt. Im Team arbeiten ist eben doch mehr als nur Arbeit.

Und die Schicksale der Menschen, deren Leben sie schematisch wegwischt? Ein Mann, der schon vor Jahren aus dem System ausgestiegen ist, wie es in den Medien heißt, ist allem Anschein nach doch nicht selbst gewählt aus dem Leben geschieden. Er hinterlässt einen Sohn. Einen behinderten Sohn. Und schon ist ein Kamerateam zur Stelle, das die Arbeit der Reinigungsbrigade begleiten soll. Suzu zögert erst. Was, wenn ihre Familie sie erkennt? Die weiß nichts von ihrem außergewöhnlichen Job. Aber wie soll sie erkannt werden in ihrem anonymen Outfit, das so anonym ist wie sie selbst? Sie willigt ein sich filmen zu lassen.

Es ist Sommer, die wärmste Jahreszeit. Alles blüht. Man reckt sich nach dem Leben. Und Suzu? Sie auch, und das obwohl ihr ganzes Leben in einem stillen Umbruch begriffen ist. Wann wird sie es bemerken?

Milena Michiko Flašar wacht wie eine alles überschauende Mutter über das Wohl ihrer Protagonistin. Ruhig und behutsam erlaubt sie ihr erste Schritte in die „Welt da draußen“. Die Welt ist nicht schön – schnell verliert man sich in ihr. Fräulein Suzu ist aber nicht allein. Sie muss es nur einmal erfahren, um sich komplett in ihr verwirklichen zu können. Denn dann dreht sie sich weiter.

Aminas Lächeln

Jeder hat mit seinem ganz persönlichen Druck zu kämpfen. Ein Gerüstbauer spürt sicher einen ganz anderen Druck, wenn er die Bauteile auf seinen Schultern trägt als eine junge Tunesierin – Amina – die jeden Tag, jede Stunde, jede Minute daran erinnert wird, dass sie rein äußerlich nicht „von hier ist“. Und irgendwann hält auch das stärkste Ventil nicht mehr stand. Dann platzt es aus einem heraus.

Im Falle von Amina ist dieses Es so, dass sie einen Mann in der U-Bahn zusammenschlägt. Sie ist Boxtrainerin, weiß also, wie sie zuschlagen muss. Weiß, wo es weh tut. Und wenn er, der sich nun am Boden vor Schmerzen krümmt, ihr zuvor ins Gesicht gespuckt hat, ist das alles zum Teil auch nachvollziehbar. Wenn es denn so war.

Wenn der Samenspender sich plötzlich von der Vaterfigur zum Vater entwickeln soll, ist das für eine der beiden weiteren beteiligten Personen ein ähnlicher Fall. Ada und Eva sind ein Paar. Ihre Kinder wurden von Ingo gezeugt. Der ist ständig präsent. Doch nicht als Vater, sondern als Freund. Als Eva vorschlägt, dass ihr Nachwuchs Ingo Papa nennen kann, bricht eine Welt zusammen. Nicht für die Kids. Nicht für Ingo. Ada wurde nicht gefragt. Nun läuft sie weg. Weg aus München. Weg ach Hamburg. Doch auch hier ist die Sache nicht aus der Welt. In ihrem Kopf spielen ihr die wüstesten und wütendsten Gedanken einen Streich.

Alles nur Einbildung? Oder alles wahr? Björn Bicker gibt den Personen in seinen Kurzgeschichten einen Raum, den sie nicht kennen. Sie treten ein und werden von sich selbst in eine Rolle gedrängt, die sie nie wahrnehmen wollten. Die sie nicht kannten. Und schon gar nicht wussten, dass sie diese Rolle mit Leben füllen können. Sie sind nicht von dieser Welt, diese Rollen. Aber die Menschen sind von dieser Welt. Nur aus verschiedenen Ecken, Ländern, Städten, aus verschiedenen Kulturen. In ihnen rattert der unaufhörliche Zug des Gewissens. Und manchmal stoppt er an Orten, die sie nicht kennen. Nun stehen sie im Nirgendwo und wissen nicht wie ihnen geschieht. Der Ausbruch aus dem einen Leben als Einbruch in ein Loch, das sie nicht ausfüllen können.

Manchmal muss man im Buch ein paar Seiten zurückblättern, um sich zu vergewissern, dass man tatsächlich hier gelandet ist. So eigenwillig sind die Gedanken des Autoren. Immer wieder findet man sich in einer Welt wieder, die man den Akteuren nie zugetraut hätte. Und das ist wahre Spannung!

Ein Einzelfall

Strathdee, Australien, irgendwo zwischen Sydney und Melbourne – hier ist alles ein bisschen strathdee. Strathdee-gut, strathdee-lecker, strathdee-hübsch. Mittelmäßig, aber in einer angelegten Skala am unteren Rand der Mittelmäßigkeit. Strathdee-hübsch war auch Bella, 25 Jahre. Sie war es. Denn ist sie tot. Ermordet. Und ihre ältere Schwester Chris sitzt im Polizeiwagen, um die Leiche, auf die die Beschreibung von Bella passt zu identifizieren. Es gibt bessere Gründe chauffiert zu werden, auch in Strathdee.

Chris kann Bella identifizieren. Aber das hilft nun auch nicht mehr. Das macht Bella nicht wieder lebendig. Nate, Chris’ Ex ist zur Stelle. So wie er es immer war, wenn sie ihn brauchte. Und wie es nun mal in Strathdee so ist, zerreißt man sich schon bald das Maul darüber, dass der Ex Nate wieder bei Chris ist. In so einer schlimmen Zeit für Chris. Doch dieses Mal ist er wirklich eine Hilfe. Denn mittlerweile rollt eine Lawine auf das Kaff zu, die gewaltig Staub aufwirbeln wird.

Mit einem Mal – nach einem aufwühlenden Artikel am Tag nach Bellas Auffinden – wird Strathdee zum Mittelpunkt der Welt. Nach und nach tauchen Reporter auf. Die Kameras stehen nicht mehr still. Unzählige mit bunten Senderlogos geschmückte Mikrofone setzen Farbakzente in der Einöde.

Unter ihnen auch May Norman. Die Frau, die die erste Meldung über den Tod einer 15jährigen Pflegerin aus Strathdee abgesetzt hat. Sie war die Erste. Reporter-Ehrgeiz. Und sie will noch mehr Kapital aus ihrer Pole-Position schlagen…

Emily Maguire macht aus einer Mücke einen Elefanten – um im Jargon zu bleiben. Nein macht sie natürlich nicht! Ein Mord ist immer eine Sensation. Leider auch für die, die damit ihren Lebensunterhalt finanzieren und eigentlich nur unterhalten (und natürlich informieren wollen). Doch in Strathdee ist man auf nichts und niemanden vorbereitet. Bella war ja auch nicht auf ihren Mörder vorbereitet. Das Kaff ist so elend langweilig, dass sogar das wiedermalige Zusammensein von Chris und Nate eine Sensation ist. Bellas Tod rückt immer weiter in den Hintergrund. Bald schon dreht sich alles um den Ort, das ungleiche Paar und … am Rande dann doch wieder um Bellas Tod. Die Heuchelei der einfallenden Heuschrecken ist aber auch eine Chance für den Ort, zumindest für Einige. Der Pub war noch nie so voll. Der Pub, in dem Bellas Schwester arbeitet – Saufabende, die man als Gesprächsrecherche absetzen kann… Der Einzelfall als dauerhafter Fall der Perfidität im freien Fallen in den Abgrund.

Zeus oder der Zwillingston

Wenn eine Pflegeanstalt Narrenwald heißt, dann ist der erste Schritt für eine amüsante Geschichte schon getan. Wenn dann auch noch Zeus auf einem geflügelten Pferd die heiligen Hallen betritt, gibt es keinen Zweifel mehr, dass im Himmel Jahrmarkt ist. Als Klamaukrebellen fungieren hier die Anstaltsherren Gottlob Abderhalden und Bonifazius Wasserfallen. Bei den zahlreichen Umtrunken im Kollegenkreis sind ihre Zöglinge, die Dauerbewohner von Narrenwald willkommene und viel beschriebene Objekte der Begierde.

Nun an, Zeus ist also im Narrenwald und hat die Nase voll von der Unsterblichkeit. Oder doch nicht? Wankelmütigkeit beweist er seit Äonen, das kann man überall nachlesen. Abderhalden und Wasserfallen sind mehr als erfreut über die Ankunft des Titanensprosses. Das ist ’ne Type, wähnen sie die beiden Anstaltsleiter doch einmal mehr auf der Comedybühne des Kollegenkabaretts. Sie hätten es besser wissen müssen.

Als Halbgötter in Weiß – also Zeus nicht ganz unähnlich – sind sie gebildete Menschen. Sterblich, im Gegensatz zu ihrem Patienten. Und wer auf diesem Niveau agiert, sollte doch schon mal von Zeus und seinen Taten gehört bzw. gelesen haben. Haben sie anscheinend nicht, denn dann wäre ihnen sofort aufgefallen, dass Zeus sehr wohl die Begabung besitzt Menschen in seinen Bann zu ziehen. Beim Zeus, hätten sie doch bloß mal aufgepasst!

Dann hätten sie vielleicht nicht zwingend vorhersehen können, dass ausgerechnet Rosa Zwiebelbuch sich in Zeus festbeißt. Und das wortwörtlich. Fest umklammert ihr Gebiss die Wade des Göttervaters. Die sie bisher umgebende Stille weicht einem nicht stillstehenden Gebrabbel wirrer Gedanken. Abderhalden und Wasserfallen sehen sich einer für sie neuen Herausforderung gegenüber: Sie müssen arbeiten.

Mariella Mehr lässt in ihrem Psychiatrieroman „Zeus oder der Zwillingston“ die Puppen tanzen. Dieses Buch als rein lustiges Buch zu sehen, würde nicht einmal die Oberfläche berühren, die man zu kratzen scheint. Sie schickt Menschen in die Arena, die etwas zu sagen haben. Ihr Tun, ihre Worte, ihre Gedanken sind der schuldige Schund als Ergebnis wahlloser Heilmethoden wohlgefälliger Eliten auf dem Boden der Heilmacht. Sie alle klagen ihr Leid und wen auch immer an. Sie werden niemals gehört werden, finden aber durch dieses Buch mehr als nur Gehör. Witzig, tiefgreifend und nachhaltig!

Die Leipziger Passagen und Höfe

Wer Gäste hat, die zum ersten Mal Leipzig besuchen – so was soll’s ja tatsächlich noch geben – der zeigt als Erstes die Passagen der Innenstadt, der City, der Stadt wie der Leipziger sagt. Olle Goethe hat im Auerbachs Keller in der Mädlerpassage oft genug gezecht – bestimmt auch so manche zeche geprellt – das muss man zeigen, muss man gesehen haben. Stimmt! Aber, und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben, damit ist die Tour noch nicht einmal annähernd am Anfang einer großartigen Tour durch die Passagen und Höfe der Messestadt.

Jeder Stadtobere Leipzigs hält etwas auf die Messetradition in der Stadt. Hier wurden schon vor Jahrhunderten Salz, Gewürze, Felle … eigentlich alles, womit sich der Geldbeutel füllen lässt, Märkte und Messen abgehalten. Das erwirtschaftete Geld floss zu einem gewissen Prozentsatz auch ins Stadtsäckl. Und nach und nach wuchs die Stadt, zeigte, was man sich leisten konnte und ließ Marktplätze (überdacht) entstehen, die bis heute zum Bummeln einladen. Von der Luxusuhr bis zum handgebastelten Mitbringsel im Pop-Up-Store fand man schon immer alles innerhalb des Stadtkerns. Und nach der Wende erstrahlten die alten Handelsplätze, auch dank einiger (zu vieler) unseriöser Geschäftspraktiken im neuen Glanz. Die Geschädigten können dem sicher nur wenig abgewinnen. Besucher hingegen werden noch Wochen nach de Besuch von der Eleganz schwärmen.

Wolfgang Hocquél setzt dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt Leipzig ein neuerliches Denkmal. So schmal das Buch auf den ersten Blick aussehen mag, so prall gefüllt sind seine fotografischen Schätze. Das Füllhorn an Bling-Bling ist endlos. Als ob extra für das Fotoshooting jede einzelne Scheibe noch einmal auf Hochglanz poliert wurde. Kenner wissen, dass es hier immer so aussieht. Man zeigt, was man hat und schmückt sich gern damit.

Selbst Leipzig-Kenner werden hier und da in Staunen geraten. Die großen Passagen sind jedermann bekannt. Speck’s Hof, die bereits erwähnte Mädlerpassage und sicher auch Oelßner’s Hof lassen aufhorchen. Aber Jägerhof und Kretschmanns Hof – da muss man schon nachdenken. Obwohl man bei jedem Spaziergang durch die City daran vorbeiläuft. Ab sofort hält man kurz inne.

Auch Leipzig lässt den Fortschritt nicht spurlos an sich vorbeiziehen. Die neu geschaffenen Höfe am Brühl haben in diesem Buch ebenso ihre Daseinsberechtigung (der Mix aus neuerem Bestand und totalem Neubau war anfangs umstritten, mittlerweile nimmt man es in Leipzig als gegeben hin), wie die verschwundenen und versteckten architektonischen Perlen links und rechts von Brühl, Katharinenstraße und Marktplatz. Einfach nur Durchblättern ist bei diesem Buch nicht möglich. Lesen, Staunen, Stehenbleiben und nochmals Staunen – anders geht’s halt doch nicht.

Almost 2

Raus, raus, raus, raus – ich muss hier raus! So muss sich Wojciech Czaja gefühlt haben als er im Corona-Lockdown sich auf seine Vespa schwang und mit Verve seine Stadt Wien erkundete. Journalist ist er. Schwerpunkt Architektur. Auf einmal sah er Wien mit ganz anderen Augen. Dort war der Orient, dort ein verschlafenes Nest in den Bergen. Alles vor seiner Haustür. Die Kreativität der Bauherren inspirierte den Vespa-Piloten.

Und das nicht nur einmal. Band Zwei der Almost-Weltreise ist die konsequente Fortsetzung seiner Vespiaggio durch das lockdown-massenentkernte Wien.

Wer noch nie in Milwaukee war (Alice Cooper kommt von hier), nicht weiß wie es dort aussieht, der kann Czaja vollauf vertrauen. Er hat es in Meidling, in der Flurschützstraße entdeckt. Und Houston in Erdberg. Das Guggenheim in Favoriten. Und die Piazza di San Marco am Schmerlingplatz im Ersten.

Es sind Gebäude oder Details, die ihn als Weltreisenden an frühere Reisen erinnern. Er hält drauf zu, drückt ab und das Ergebnis regt ab und an zum Schmunzeln an, erstaunt aber nach jedem Umblättern aufs Neue. So groß die Welt ist, so nah ist sie auch. Und alles trifft sich nicht zwingend beim Heurigen im Speziellen, in Wien im Allgemeinen jedoch sehr wohl. Historisches, Modernes, Auffallendes, Typisches – wer die Augen offenhält, wie Wojciech Czaja, der nimmt jede Einschränkung des Aktionskreises in Kauf. Man muss in die Welt hinausfahren, um sie zu erkunden. Doch man muss nicht lang fliegen, um sie zu erkennen.

Dieses kleine Büchlein – mittlerweile sind es ja schon zwei – hilft die Sehnsucht nach dort hin und da hin am Leben zu erhalten. Und es zeigt, dass um die Ecke oft mehr zu sehen ist, als nur das lokal Typische. Mit ein bisschen Phantasie wird man selbst fündig.

Du existierst nicht

Das ist doch mal ein Titel! Da springt einem der pure Hass entgegen. Du bist nichts. Nicht einmal „ein Nichts“. Einfach nur nichts, nicht existent. Ein Thriller, ein Krimi, eine actiongeladene Story? Nein, es ist die Wahrheit. Slowenien, Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Balkanstaat Jugoslawien verfällt seit geraumer Zeit in seine Bestandteile seit dem Tito, der unumschränkte Herrscher der östlichen Adria das Zeitliche segnete. Das Machtvakuum, das er hinterließ, wird von allerlei Nationalisten mit Gier und Machtspielchen zu füllen versucht. Das Ende kommt mit Bombenhagel, Konzentrationslagern und ethnischen Säuberungen. Und das nach fast einem halben Jahrhundert nach der dunkelsten Zeit Europas. Eine Zeit, in der vieles aufgearbeitet und viel über Unrecht und Widerwärtigkeit berichtet wurde. So entstand 1991 auch der Staat Slowenien. Europa jubelte, die gesamte Bevölkerung (rund zwei Millionen) sah einer sicheren Zukunft entgegen. Die gesamte Bevölkerung? Nicht ganz. Ein reichliches Prozent von ihnen wusste noch nicht einmal etwas darüber, dass die vermeintliche Sicherheit – in „Rest-Jugoslawien“ krachten immer noch Bomben, zogen Nebelschwaden aus Häusergerippen, wurden Menschen wegen ihrer Herkunft gefoltert und ermordet – bald schon unverhofft ein kurzes Ende haben wird.

Hätte Zala das alles gewusst – Zala ist ein fiktive Figur, ihr Schicksal steht aber symbolisch für das vieler Frauen in dieser Zeit in diesem Land – sie hätte wohl anders entschieden. Sie ist schwanger. Das Kind wird bald kommen. Im Krankenhaus wird man ihr helfen, weiß sie, denkt sie, hofft sie. Doch sie existiert nicht. Sloweniens Regierung hat qua Gesetz alle nicht Slowenen – ohne direkte Ankündigung – aus den Melderegistern entfernt, gelöscht. Einfach gelöscht.

Zalas Eltern wurden von den Nazis aus Slowenien nach Serbien vertrieben. Nach dem Sieg von Titos Partisanen kehrten sie wieder nach Slowenien zurück, behielten aber ihre Identitäten. Wer nicht in Slowenien geboren wurde, ist kein Slowene. Hat somit keine Rechte, existiert schlicht und ergreifend nicht. Und hat somit keinen Anspruch auf medizinische Unterstützung. Da kann man bluten wie man will. Zala ist dem Zynismus der Empfangsdame im Krankenhaus ausgeliefert. Und es kommt noch schlimmer. Was passiert mit Illegalen? Sie werden abgeschoben. Und der Nachwuchs? Der ist doch per Geburtsort Slowene? Richtig! Der hat dann eben keine Mama und keinen Papa zu dem er gehen kann, wenn er etwas braucht. Ganz einfach! In den Augen der Bürokraten ist das so. Humanismus der einfachsten Art sieht anders aus.

Miha Mazzini greift in seinem Roman ein tiefschwarzes Kapitel Sloweniens auf. Denn hier wurden Menschen – bis vor einigen Jahren der Europäische Gerichtshof die Sachlage korrigierte – nur aufgrund ihres Geburtsortes als Illegale deklariert. Und die darf man abschieben. Sie ihrer Wurzeln berauben. Familien zerreißen. Die faschistischen Methoden wurden über ein Jahrzehnt knallhart durchgezogen. Ein einfacher Arztbesuch reichte, um das gesamte Leben umzustülpen. Eine Ausweiskontrolle – falscher Geburtsort – „Da ist die Tür!“ Den Ausweis verlängern – welchen Ausweis? Unvorstellbar. Aber wahr. Dieser Roman rüttelt auf und an den Gleichmachversuchen einer schwachen Regierung.

Black Ass

Es gibt Tage, an denen wäre man lieber im Bett geblieben. Weil man Angst vor dem hat, was da kommt. Angst der Herausforderung nicht standzuhalten. Angst einen Weg zu beschreiten, der mehr als wackelig ist. Furo Wabiboko kann über solche Ängste nur lachen. Denn er hat ein echtes Problem. Heute steht ein wichtiges Vorstellungsgespräch auf dem Plan. Er hat sich gut vorbereitet, gut geschlafen. Doch als er aufwacht, ist nichts mehr wies es war. Er lebt in Lagos, dem Millionen-Moloch im Süden Nigerias, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Hier leben hunderte Völker, mehr schlecht als recht zusammen. Das Sprachenwirrwar ist nicht zu bändigen. Hier kann es sein, dass am anderen Ende der Stadt ein Dialekt gesprochen wird, den selbst engste Verwandte nicht verstehen.

Nicht verstehen kann Furo das, was des Nachts mit ihm passiert ist. Er ist weiß. Weiß. Weiße Hautfarbe. Dort, wo bisher das satteste Schwarz seinen Körper zierte. Weiß. Von nun auf gleich. Alles Weiß. Alles? Nein ein Teil seines Körpers wehrte sich gegen die Verweißung, sein Hinterteil ist immer noch schwarz! Das Bild muss man erstmal auf sich wirken lassen…

Furo ist also wach, und weiß. Und er weiß nicht wie er, der Weiße, seiner Familie, schwarz, nun verdeutlichen soll wie es dazu kam, der er über Nacht aus einer überreifen plantain (Kochbanane) zu einer weißen Bohne geworden ist. Wie bei Kafkas „Verwandlung“ muss er nun versuchen sich anzupassen, Ausreden zu erfinden, neue Wege zu beschreiten. Doch wie? Er hat ja nicht mal einen Kobo (kleinste nigerianische Münze, einen Bruchteil eines europäischen Cent) in der Tasche. Er muss in der Masse untertauchen, um nicht erkannt zu werden. Wie soll das gehen? In Lagos und Umkreis leben 30 oder noch mehr Millionen Menschen – 99,9 Prozent sind schwarz, das fällt ein Weißer unweigerlich auf. Ach ja, da ist ja noch die Sache mit dem Vorstellungsgespräch. Furo hat es heute Morgen wahrlich nicht leicht…

A. Igoni Barrett nimmt seinen Protagonisten an die Hand und leitet ihn durch diese ungewöhnlich Situation. Ein happy end ist erst einmal nicht in Sicht. Auch wenn Furo sich auf einmal vor Herausforderungen gestellt sieht, die bisher unüberwindbar waren. Nun – als Weißer – hat er Chancen, die den meisten für immer verwehrt bleiben. Furo ist jetzt Weiß. Privilegiert. Was Besseres? Öfter als zuvor.

Es ist anfangs ein köstlicher Spaß dieser absurden Geschichte zu folgen. Nach und nach gelingt der Umschwung zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der nigerianischen Gesellschaft. Das kulturelle Erbe des Landes ist ein wild zusammen gewürfeltes Geflecht aus unzähligen Traditionen und Ritualen, das es unmöglich macht eine nationale Identität zu kreieren. Man ist Igbo oder Edo, Fulani oder Haussa, aber nur außerhalb der Gesellschaft ist man Nigerianer. Innerhalb ist es eigentlich nur die Hautfarbe, die zusammenschweißt. Wenn die sich ins Gegenteil verklärt, steht die ganze Welt Kopf. Und das, was einen einst getragen hat, wirkt blutleer.