Kategoriearchiv: aus-erlesen ungewöhnlich

Das verlorene Kind

Ein Hauch von Paradies weht durch die ersten Seiten dieses Romans. Christian ist der Sohn eines Bauern, der mit dem Charme eines Lebemannes gesegnet ist. Er wird auf eine Schule außerhalb der dörflichen Idylle geschickt (ja, trotz der elenden Arbeit ist es hier friedlich, und man ist fernab jeglicher Sorgen, abgesehen vom Arbeitsalltag), und auch hier ist er einer der Besten und von einer Schar Freunden umgeben. Als der Vater stirbt, ist es mit der Karriere zu Ende. Er kehrt – freiwillig – zurück auf den Hof. Das Erbe wird gerecht verteilt. Die beiden älteren Brüder bekommen den Hof, Christian und seine Schwester teilen sich die Barschaft. Er baut sich etwas Eigenes auf. Was fehlt in diesem Bild? Eine Frau. Da hat es Christian noch nicht geschafft zu punkten. Bis, … ja bis … Martha in sein Leben tritt. Sie streift ihn. Er streift sie. Und im Handumdrehen sind sie Mann und Frau. So schnell geht das hier, im Norden Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn er vor ihr gewarnt wurde. Sie bekommen zwei Söhne. Auch die geraten recht wohl. Als Nachzüglerin kommt Anna zur Welt. Ein Sonnenschein. Jeder liebt sie. Aber sie wird im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht von Emma gesäugt, sondern von ihrer Mutter. Emma lebt hier auf dem Hof und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Auch sie hat einen Sohn, Fritz. Das Resultat einer – für den Erzeuger – unrühmlichen Tat. Fritz’ Vater ist ein Rohling übelster Sorte. Einmal werden sich Erzeuger und Sohn sehen. Es nimmt kein gutes Ende.

Die Jahre vergehen. Der Hof wirft gute Gewinne ab. Die Arbeit ist hart. Doch die Gemeinschaft ist härter. An ihrem vierten Geburtstag geschieht das Unerwartete. Anna ist verschwunden. Die Suche ist endlos. Sie dauert. Sie dauert ein Jahr. Schon jetzt wird klar, warum die Autorin Rahel Sanzara so viel Zeit auf die detailgetreue Wiedergabe der Entwicklung der Handelnden legt. Sie sind Rekonstruktionen des bisherigen Lebens der Bewohner. Wie ein Profiler skizziert sie die Charaktere und Lebenswege jedes Einzelnen.

Die Suche ist schlussendlich erfolgreich- Erfolgreich im Sinne, dass das Gesuchte auch gefunden wird. Anna ist schlimmst zugerichtet. Kaum wieder zu erkennen. Hier ist ein kleines Mädchen, unschuldig, naiv im besten Sinne des Wortes, geliebt auf unmenschliche Art und Weise um ihre Zukunft gebracht worden. Und die Welt um sie herum ist ein Scherbenhaufen.

Und das ist alles tatsächlich einmal so passiert. Es gibt Ermittlungsakten, Gerichtsprotokolle, harte Fakten. Und die anschließend – das Buch ist 1926 erschienen – eine beispiellose Hetzjagd auf die Autorin. Plagiatsvorwürfe in Serie. Sie selbst äußert sich nur sporadisch und mit klaren Worten. Sie hat die Namen beibehalten, um sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Befreundete Kollegen ihrer Zeit standen ihr zur Seite oder aber griffen sie unerbittlich an. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde ihr Werk verboten – den mühseligen Prozess des Ariernachweises wollte sie nicht nachgehen. Rahel Sanzara, Theresa Charlotte Johanna Blaschke mit eigentlichem Namen, starb einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag an Krebs. Was die Nazis in Gang gesetzt hatten, endet erst mit der Neuauflage ihres ersten Buches, „Das verlorene Kind“. Nun wird es wieder gelesen. Es kann seine ganze Kraft entfalten und der deutschen Sprache nicht nur ein verlorenes Puzzlestück zurückgeben, sondern ihr ein stilvolles Denkmal setzen. Die umfassenden Anhänge inklusive Rezensionen aus der Zeit der Erstveröffentlichung, die Diskussionen um ein mögliches Plagiat, die ausführliche Dokumentation ihres Lebens und Wirkens sind mehr als nur die Kirschen auf dieser prachtvollen Literatur-Torte.

Scrooge sucht den Superstar

Ein Traum für viele: Einmal im Rampenlicht stehen. Ein Traum für noch mehr: Für immer im Rampenlicht stehen, ohne sich jahrelang zu quälen und in kleinen Schritten nach Oben zu gelangen. Dafür gibt’s die Talentshows im TV. Ein Ereignis, das wochenlang, Tag für Tag für Furore sorgen muss, da der Zuschauer das Spektakel einfordert. Nicht mehr, nicht weniger. Und die im Hintergrund, und ein paar wenige im Vordergrund, ziehen die Strippen.

Aurelio Scroocchia ist so einer. Musikproduzent mit dem Fingerchen, um Stars zu erschaffen. Ein moderner Gott, der Gaukler des schnellen Erfolgs und … ein echtes Scheusal. Aufgedunsene Figur, missmutiger Blick, stets unzufrieden. Das war mal anders. Er hatte schon immer Musik gemacht, spielte in einer Band. Doch die zerbrach. Dank des tatkräftigen Zutuns von Scroochia. Was soll’s?! Er ist berühmt geworden. Und reich. Der Erfolg rechtfertigt die Mittel.

Doch wissen wir spätestens seit Charles Dickens, dass die Geister niemals vergessen. Weder der Geist der Vergangenheit, noch der der Gegenwart und schon gar nicht der der Zukunft. Wie wäre es, wenn dem Ekel Scrocchia diese Geister einmal gehörig den Marsch blasen? Mit Musik kennt er sich ja aus. Den nächsten Star hat er schon in der Pipeline. Außerdem ist es kurz vor Weihnachten…

Marco Presta transformiert das Original um den miesepetrigen Mr. Scrooge in die Gegenwart der italienischen Popkultur. Talentshows, Castingshows, wie auch immer man sie bezeichnen will, sind Kassenmagneten. Die Juroren werden zu Stilikonen aufgeblasen und gerieren sich als allmächtige Götter und vergessen dabei allzu oft die Manieren des guten Geschmacks. Sie sind halt auch nur Menschen!

Die Illustrationen von Felix Schaad geben der Geschichte einen leichtfüßigen Anstrich. Aurelio Scrocchias Charakter wird mit jedem Pinselstrich zum Leben erweckt. Jede Regung in seinem Gesicht ist eindeutig auszumachen.

„Scrooge sucht den Superstar“ ist ein heiteres Buch, das nicht nur in der Vorweihnachtszeit zum Schmunzeln anregt. Und wenn die nächsten Castingshows über die Bildschirme flimmern, erinnert man sich sicherlich an so manche Textpassage, an einzelne Kapitel, ganz sicher jedoch daran, was passieren kann, wenn man den falschen Göttern vertraut…

Der blaue Stift

Poesie zwischen Trümmern und Ruinen ist hart, scharfkantig und roh. Hier wachsen keine Blumen. Hier vernebeln Staub und Angst die Schönheit der Gedanken. Bis Samar Yazbek die Bühne betritt. Ihre Heldin Rima ist ein Mädchen, das in Damaskus aufwächst. Ihr sind Bombenalarm und in Deckung gehen näher als unbeschwertes Herumtollen und freies Leben. Sie ist smart genug, um sich ihre Freiräume selbst schaffen zu können. In die Bibliothek laufen und mit einem Mal ins Leben von Alice einzutauschen, mit ihr durch verzauberte Wälder zu streifen oder mit einem adeligen Jungen immer wieder den Sonnenaufgang zu betrachten. „Alice im Wunderland“ und „Der kleine Prinz“ sind Rimas Lieblingsbücher. Doch nicht nur das. Sie sind ihr Schlüssel ins Paradies. Trotz der Bomben. Trotz der ewigen Kontrollpunkte in der uralten Stadt. Trotz der Enge und scheinbar nie endenden Hoffnungslosigkeit.

Bis … ja, bis … nein, es wird nicht besser! Es wird schrecklicher. Viel schrecklicher. Doch Rima kann dem Schrecken entkommen. Sie schreibt sich in eine andere Welt. Unverständlich für viele um sie herum. Das ist sie schon gewöhnt. Sie war schon immer anders. Wollte weg, wollte laufen. Das ging soweit, dass sie ihre Mutter, wenn sie die Tochter mit zur Arbeit nahm, festbinden musste, weil Rima sonst vollgestopft mit Neugier laufend die Welt erkunden musste. Dieser innere Zwang, diese Neugier, dieser Drang nach Neuem, nach Aufregendem ist ihr Ventil mit der Enge umzugehen ohne Schaden zu nehmen. Dieser eine blaue Stift, nichts Besonderes, ein Massenprodukt ist ihr Weg in ihre Freiheit. Ganz ohne Pathos oder sorgloser Aufschrei nach selbiger im Kanon der Belanglosigkeiten.

Samar Yazbek gelingt es mit einfachen Worten einfache Geschichten zu schreiben, die mit einer Wucht dem Leser entgegenschlagen, dass dieser sich nur allzu gern die Wunden leckt. Oder sind gar nicht erst versucht die Schmerzen zu lindern. Schweiß und Dreck haben bei ihr die gleiche Bedeutung und Sinnfreudigkeit wie Detonationen und zu feste Haltegriffe der Erwachsenen.

Es tut gut zu lesen, dass kein Regime der Welt, kein noch so perfide Restriktion die Gedanken der Menschen, ihre Sehnsüchte derart unterdrücken kann, dass sie im schlimmsten Fall „nur“ verkümmern können. Auslöschen kann man sie nicht.

Neapel sehen und sterben

Alles beginnt mit dem Tod. Odysseus überlistet die Sirenen, die sich daraufhin in die Fluten stürzen. Eine von ihnen, Parthenope wird an die Ufer der Bucht von Neapel gespült. Der damals aber noch anders gehießen haben muss. Sie wird hier begraben und gibt der Stadt ihren ersten Namen. So oder so ähnlich kann man sehr oberflächlich die Entstehung der Stadt Neapel zusammenfassen. Von wegen der Tod is a Wiener! Unter der brodelnden Oberfläche liegt das andere Neapel. Das Neapel der Toten. Katakomben, endlose Gänge, Labyrinthe. Das ist Neapel. Auch. Und ganz besonders.

Der Stadtheilige San Gennaro, der für seine religiöse Überzeugung – die katholische Kirche liebt die Aufopferung – ist hier begraben. Ippolita Sforza, aus dem fernen Mailand, auch. Sie, der junge gebildete Teenager sollte hier Alfonso heiraten. Später wäre sie dann Königin geworden. Es kam anders. Als Zwanzigjährige brach sie auf, um das noch nicht vereinigten Italien zu bereisen und schließlich am Hochzeitshofe ihrem Zukünftigen übergeben zu werden. Bücher und Lehrer brachte sie gleich mit. Doch Alfonso war die junge Sforza nicht genug. Nachdem die Thronfolge gesichert war – drei Kinder, inklusive männlichem Nachkommen – zog es Alfonso zu Anderen hin. Anderen Frauen. Sie solle es hinnehmen, rieten ihr sogar ihre Brüder. Sie nahm es nicht hin…

Hinzunehmen hatten die Napoletaner so manche Schmach. Die Größte Stimme der Stadt – Enrico Caruso – brach nach einem desaströsen Auftritt im Teatro San Carlo zu anderen Ufern auf. New York wurde seine neue Heimat. Nach schwerer Krankheit kehrte er als Kurgast in seine Heimatstadt zurück. Er erholte sich. Nur kurz und starb dann im Hotel Vesuve. Menschenmassen trugen und geleiteten seinen Sarg zur letzten Ruhestätte. Neapel und der Tod – eine Verbindung wie Pech und Schwefel.

Dieter Richter kennt die Stadt besser als die meisten Einwohner. Der Süden, Neapel – hier ist er zuhause. Dreizehn Todesfälle, die die Stadt prägten, die exemplarisch für die Stadt stehen, ihr Image prägen, durchblättert man fieberhaft, um noch tiefer in die eintauchen zu können. Fernab von Touristenströmen, vorbei an unzähligen Pizza-portafoglio-Zwischenstopps führt Dieter Richter den Leser durch eine Stadt, die es schafft das Gleichgewicht zwischen allgegenwärtigem Tod und ebenso spürbarem Leben zu halten.

Es ist wie bei jedem Buch von Dieter Richter: Jetzt hat man wirklich alles erfahren über die Region, über die der versierte Kulturwissenschaftler schreibt. So ist es auch mit diesem Buch. Mehr kann man einfach nicht wissen über die Stadt in einem der aktivsten Vulkanfelder der Welt. Eines steht jedoch fest: Bei Dieter Richter muss man immer mit Überraschungen rechnen. Genauso wie bei Neapel. Die Stadt hält sicher noch einiges unter  und über der Oberfläche parat. Und Dieter Richter wird es gekonnt und unnachahmlich hervorkramen.

Das Gesetz schweigt, der Richter spricht

Es war einmal ein Richter, der scheinbar über seinem einfachsten Fall grübelte. Es war die Zeit, in der man bei offenen Türen schlafen konnte, weil man selbst in Palermo jederzeit und an jedem Ort sicher war. So die Propaganda der Machtinhaber. Er hat sein Büro in einem Palast, in dem Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor im Namen Gottes endgültige Urteile gesprochen wurden. Die Spuren der Inquisition waren und sind immer noch sichtbar und vor allem spürbar. Und nun soll die Endgültigkeit eines Urteils wieder eingeführt werden. Jahrelanges Schmoren im Gefängnis soll nicht länger die härteste Strafe für die schlimmsten Vergehen sein. Der absolute Schlusspunkt stehe über allem.

Es beginnt mit einem intellektuellen Austausch mit dem Staatsanwalt, dem Vertreter der Anklage und der Machthaber. Auch der kleine Richter ist ihnen unterstellt. Sein Werkzeug ist das Gesetz. Es ist eindeutig. Oder doch nicht?! Denn letztendlich sind es seine Interpretation und Schlussfolgerung, die qua Unterschrift bald schon über Leben oder Tod entscheiden werden.

Der kleine Richter erkennt sehr wohl das Messerschwingen des Staatsanwaltes. Ein kleines Wort – für die Übersetzerin Monika Lustig die fordernde Aufgabe dem italienischen Original im Deutschen gerecht zu werden – ein exakt (und) kalkuliertes „La“ bringt die Stimmung zum Schwingen.

Der Täter ist geständig. Die Tat restlos aufgeklärt. Und doch ist das Ja/Nein-Spiel (schuldig ja oder nein – Höchststrafe oder Milde walten lassen etc.) ein verzwicktes Unterfangen. Dann könnte ja jeder richten! Ob das das immer Recht wäre…

Leonardo Sciascia sieht sich in einer ähnlichen Zwickmühle. Er möchte mit dem Mittel der Literatur – er selbst war niemals Richter, er war Lehrer und wurde nach dann Schriftsteller – Recht sprechen oder zumindest diese Zwickmühle der Rechtssprechung darstellen. Nun kann man „Das Gesetz schweigt, der Richter spricht“ ganz „normal“ wie einen Roman lesen und nach dem Lesen zuklappen und zu den anderen Büchern stellen. Es wird nicht klappen! Das Zuklappen gelingt noch einigermaßen. Doch die Geschichte lässt einen nicht mehr los. Zum Einen ist da die Sache mit der Todesstrafe. Auch hier gibt es kein klares Ja oder Nein. Denn ohne Emotionen geht es einfach nicht. Der Kopf sagt ganz klar Nein, je länger man sich mit einem Fall beschäftigt (und dazu gehört auch sich mit den Angehörigen beider Seiten – Opfer und Täter – zu befassen) desto näher gehen einem auch die Schicksale der „Anderen“. Noch lange kein Grund für ein klares Ja.

In einer Zeit, in der mit der Entscheidungsschablone Richtungen vorgegeben werden (wenn Ja, dann gibt es nur diese eine Entscheidung, wenn Nein, dann eben das Gegenteil, ohne Rücksicht auf eventuelle Grauzonen), ist es umso wichtiger nicht generell in Schwarz-Weiß zu denken. Das Cover gibt es vor! Grau ist noch lange nicht der einzig denkbare Kompromiss…

Farinet oder das falsche Geld

Ohne den Klappentext zu lesen – C.F. Ramuz liest man, weil er uneingeschränkt für hervorragende Qualität steht – stimmt man sofort in den Kanon ein, dass Freiheit ein wichtiges Gut ist. Auch wenn der Begriff heutzutage allzu inflationär gebraucht wird, um zu rechtfertigen, dass man nötige Pflichten nicht erfüllen möchte(!). Denn Maurice Farinet sitzt im Gefängnis und bricht aus. Ganz klar: Gefängnis, eingesperrt, also das Gegenteil von Freiheit. Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Denn nach dem Willen des Gesetzgebers, und nur der darf jemanden einsperren, hat Farinet gegen das Gesetz verstoßen. Der hat einfach Geld hergestellt. Einfach so. Hat in den Bergen nach Gold gegraben und dann einfach Münzen hergestellt. Die gelten natürlich nur im eigenen Dorf – wo sie beliebter sind als die offiziellen Zahlungsmittel. Ja, er verschenkt die Münzen – Goldmünzen – sogar. Großmütig und verschmitzt konnte man nun meinen, dass hier ein echter Schlingel am Werk ist. Doch auch hier irrt man sich wieder gewaltig. Denn Farinet machte das nicht einfach, weil ihm danach war. Er stellte Münzen her, weil er es konnte, und die Notwendigkeit ihm dies gebot. Hier bekommt sein Tun eine politische Dimension. Maurice Farinet ist ein Feind der staatlichen Grundordnung, ein Revolutionär und ein Freiheitskämpfer. Doch momentan kämpft er sich erstmal durch die Nacht und die Rebberge um Lausanne…

Miesgelaunt könnte man bei Farinet die kriminelle Karriere als in die Wiege gelegt betrachten. Als andere Kinder in die Schule gingen, half er beim Vater aus. Als Schmuggler. Doch Farinet machte aus seinem Talent und seinen Fähigkeiten etwas, das niemand hätte vermuten können. Er schwang sich auf Neues und Großartiges für die Menschen in seinem Ort zu tun. Niemand sollte ihnen sagen, was wie viel wert sei. Zahlen auf Geldstücken waren eben nicht mehr als das: Ziffern und Zahlen. Doch Vater Staat sieht das natürlich anders: Man stelle sich, dass man heute zum Discounter geht, Butter, Brot, Wurst, Eis und ein paar Süßigkeiten einkauft. An der Kasse knallt man dann … ja, was?! Eine tote Katze als Gegenwert auf den Tisch? Oder selbst gestrickte Strümpfe? Oder einen kunstvoll geschnitzten Wanderstock? Vater Staat muss die Ordnung aufrecht erhalten. Wenn die Münzen aus Farinets Schmiede aber nur im Dorf bleiben, was dann? Dann kann ihm doch eigentlich niemand was anhaben. Die Münzen finden aber den Weg auch über die Dorfgrenze hinaus. Und deswegen wird Farinet gejagt. Und gefangen. Und er bleibt dort bis zum Ende. Und das kam ziemlich schnell. Wie? Das wird für immer ein Rätsel bleiben.

C.F. Ramuz verleiht einem still verehrten Helden der Schweiz eine Stimme und lässt ihn in seinem Tun freien Lauf. Das hätte Farinet gefallen. Einmal mehr zeigt Ramuz sein erzählerisches Talent und fesselt den Leser ans Buch bis die letzte Seite, der letzte Abschnitt, der letzte Buchstabe gelesen ist. Diese Freiheitsberaubung ist nicht justiziabel!

Albert Nobbs

„Ach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten…“ ganz so verträumt sieht Albert Nobbs seine Zukunftspläne nicht. Er träumt von einem eigenen Tabakladen. Womit der Roman schon mal nicht in der Gegenwart spielen kann… nein, wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in Dublin. Und Albert Nobbs ist für einige der Grund in diesem einen Nobelhotel zu weilen. Nur weil Albert Nobbs da ist. Und Albert Nobbs ist einfach Albert Nobbs. Er unauffällig, doch immer da, wenn man ihn braucht, manchmal sogar einen kurzen Moment früher.

Das Morrison’s Hotel ist ohne Albert Nobbs einfach nicht denkbar. Auch Albert Nobbs kann sich ein Leben ohne das Hotel nicht vorstellen. Zumindest so lange bis das Geld für den eigenen Tabakladen zusammengespart ist. Ach ja, dieser Tabakladen… wenn die anderen wüssten. Und wenn die anderen auch wüssten welches Geheimnis Albert Nobbs noch in sich trägt… Wohl gemerkt: Dublin, Irland, Ende des 19. Jahrhunderts! Lassen wir die Geheimniskrämerei: Albert Nobbs ist eine Frau!

Wenn das rauskommt, dann ist alles weg. Der gesicherte Job und erst recht der Traum vom Tabakladen. Und erst die Schande! Man würde ihn nicht nru aus dem Hotel, sondern aus der Stadt, wahrscheinlich sogar aus dem Land jagen. Aber das ist Spekulation. Das Geheimnis ist sicher.

Bis Hubert Page bei Albert Nobbs einziehen soll. Die Hotelbesitzer wollen das so. Hubert ist Anstreicher und immer mal wieder für eine gewisse Zeit im Hotel. Man kann sich die dicken Schweißperlen bei Albert Nobbs genau vorstellen, die sich gebildet haben als ihm die Nachricht überbracht wird. Zeit Vorkehrungen zu treffen bleibt ihm auch nicht. Denn das alles geschieht seines Wissens unverzüglich, ab sofort. Die Geschichte lehrt uns, was das heißt…

Zur Beruhigung geschieht ein weiteres Wunder. Denn Hubert Page ist auch nicht unbedingt Hubert Page. Leidensgenossen unter einem Dach. Schweigepflicht in jeder Gefühlslage. Und Beistand. Page macht Nobbs einen Vorschlag, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Er solle sich ein Mädchen suchen und es heiraten. Ein Gentleman der Gegenwart war Nobbs schon immer und unternimmt die ersten Gehversuche…

George Moore ist in unseren Breiten relativ unbekannt. Zu Unrecht! Dieser kleine Roman voller Güte, gespickt mit Zuneigung, brillant umgesetzt ein Schatz! Die nicht minder brillante Glenn Close brachte die Figur derart beeindruckend auf die Leinwand, dass das Buch vor einiger Zeit noch einmal veröffentlicht wurde. Die Neuübersetzung von Stefan Weidle ist mehr als nur die Kirsche auf diesem süßen Turm verführerischer Sahne. Er bringt Zeitgeist und moderne Lesart in Einklang, das einem schwindelig wird ob der Tatsache, dass man erst jetzt diesen Roman so unbeschwert erlesen kann. Die Neuentdeckung des Leseherbstes 2026!

Voll im falschen Film

Juli anno, das Jahr spielt keine Rolle mehr. Ein Tag, an dem der Eine oder Andere in seinen Geburtstag rauschend reinfeiert. Oder man den Koffer ebenfalls berauscht packt, weil es am nächsten Morgen ganz früh in den Urlaub geht. Nora joggt. Wie immer. Nix besonderes. Ein ganz normaler 28. Juli. Bis zu dem Moment, in dem sich der Vorhang schließt. Sie liegt in einem Partykeller – schlimm genug. Die teutonisch verordnete Fröhlichkeitsburg mit dem Schmodder vergangener gut durchorganisierter Heiterkeit an den Wänden. Sie schaut sich um, kippt wieder um. Ertastet die Folgen ihres Übels (eine Beule am Hinterkopf) und beginnt alsbald mit dem Auffüllen der reichlich vorhandenen Trickgefäße. Es läuft. Sie weiß, dass sie 43 Jahre … ist (die Grenze zwischen Alt und Jung ist diesem Lebensabschnitt nicht konkret auszumachen) und dass Ben und Laura, die Zwillinge zuhause auf sie warten. Der dazugehörige Mann ist ausgeflogen, für immer. Ach ja, noch was: Nora ist Alkoholikerin, seit drei Jahren trocken. Der teure, und vor allem leckere Rotwein in ihrem Zwangsexil ist deswegen der Anfang von einem langen Ende…

Sie entkommt dieser vollkommenen Unvollkommenheit des Delirium-Sequels. Zumindest räumlich. Raus aus der Eichevertäfelung, rein in den öffentlichen Raum mit dem heilsbringenden Himmel über ihrem brummenden Schädel. Nachschub fassen. Das sollte sie nicht tun. Drei Jahre ohne sind noch lange nicht genug! Auch im Sorgerechtsstreit mit dem Erzeuger von Ben und Laura. Und bald muss, nein darf, sie auch wieder arbeiten. Sie ist Schauspielerin. Bekannt von den Mattscheiben der Nation, die wahrscheinlich auch zu einem relativ hohem Prozentsatz einen Partykeller ihr Eigen nennen. Die Misslichkeit ihrer Lage ist ihr bewusst. Der Weg hinaus ist ihr auch klar. An der Umsetzung hapert es. Und zwar gehörig! Sie ist nun mal Alkoholikerin. Das schüttelt man nicht einfach so ab, weil man ein paar Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre nicht mehr an der Promillegrenze gekratzt hat. Verdammt. Nachschub. Der Drang ist größer als die Vernunft. Dass sie ausgerechnet dabei in den Fokus einer Kamera läuft, ist nicht einfach nur misslich. Es ist eine Katastrophe! Für sie, für Ben und Laura, für ihren Sorgerechtsstreit, für ihre Karriere. So viele Gründe in Panik zu geraten. Doch erstmal muss sie rausfinden, wie sie in diese Lage gekommen ist. Vieles spricht dafür, dass sie in diese Lage „gekommen WURDE“. Ein aufputschendes, teils teuflisches Detektivspiel nimmt seinen Lauf.

Wiebke Lorenz schaut tief ins Glas der Sucht nach Prozenten. Dem Offensichtlichen der Sucht begegnet man im wahren Leben immer wieder. Doch die Tragödie dahinter, sind verschlossene Räume, für die die A8utroin die passenden Schlüssel hat. Man darf nicht einfach nur mal kurz durchs Schlüsselloch kieken – sie stößt die Kammern des Dramas weit auf und lässt Schlangen von Neugierigen hautnah am Leid teilhaben. Ohne dabei jedoch werde den Zeigefinger zu heben, noch den Betroffenen untern Rock schauen zu lassen. Sie beschreibt eine auch ihr bekannte Welt und garniert sie mit einem Krimi der Extraklasse.

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Vier Jahre und vier Monate auf Más a Tierra können einen schwer verändern. Und wenn man dann auch noch allein ist, verkümmern die einfachsten Fähigkeiten wie zum Beispiel die Sprache – mit wem soll man sich denn überhaupt unterhalten?! Wenn dann Rettung naht, auch wenn ein Freibeuter in königlichem Dienst ist, bringt einem der schottische Akzent und eben die Tatsache, dass man das Sprechen quasi verlernt hat, auch nicht zwingend ins Paradies. Ein anderes Paradies als das, was man gerade verlassen hat. Und dann wird man … Moment, berühmt? Nee, berühmt wird man nur eine ganz kurze Zeit. Schließlich hat man richtig viele Monate allein auf einer Insel verbracht und überlebt. Das ist schon eine Meldung in einer Zeitung wert. Kurz ist der Ruhm. Und dann ist die ganze Sache auch schon wieder in der Vergessensschublade des Lebens verschwunden.

Ein ebenso vom Glück abgeprallter Autor liest von eben diesem Schicksal und probiert „einfach mal den Roman seines Lebens zu schreiben.“ Und siehe da: Es gelingt. „Robinson Crusoe“ wird ein Welterfolg. So blumig ausgestattet, paradiesisch abenteuerisch. Und was ist mit dem Mann, der der Anstoß dazu war? Den kennt keine Sau mehr! Und doch hat er einen Namen. Und der ist sogar bekannt! Alexander Selkirk. Bis heute ist er weder auf Geldnoten verewigt, noch hat man ihn zigfach auf Sockel gestellt (bis auf Lower Largo, seinem Geburtstort). Robinson Crusoe, der fiktive Held, ist bekannter als der reale Inselalleinbewohner Alexander Selkirk. Aus dem Geschichtsbuch gefallen – so ist das nun mal.

Ralf Höller hat noch mehr solche Glückspilze gefunden, die sich niemals der kreischenden Masse von Schaulustigen und Sensationsgierigen entgegenstemmen mussten, um eine Schritt vorwärts tun zu können. Sie alle wurden in den Hintergrund gedrängt und schließlich vom Podest gestoßen. Bis der Staub der Geschichte sie unter sich begrub.

Semjon Deschnew ist auch so einer. Eigentlich sollte sein Name auf jeder Landkarte stehen. Doch stattdessen taucht dort immer und logischerweise immer an derselben Stelle der Name Behring auf. Die Meerenge zwischen Russland und Amerika ist nach ihm benannt.

Aus aktuellem Anlass sei auf den Namen Nikolai Resanow ins Gespräch zu bringen. Auch er hat irgendwie etwas mit dem Namen Deschnew zu tun. Zu viel sei hier nicht verraten. Nur so viel. Wenn zwei Dickköpfige Diktatoren sich mal mögen und dann wieder bekriegen, sind Gebietsansprüche bald schon aktueller als man sich so viel Aktionismus niemals mehr vorstellen konnte. Kyrillische Buchstaben in Venice Beach. Piroggi auf der Lambert street. Matrioschkas in der Big Sur. Einfach mal weiterdenken und den unbesungenen Helden ein bisschen Zeit widmen und in diesem denkwürdigen, exzellent recherchierten, geschliffne formulierten Büchlein wahrer Geschichte den gebührenden Platz einzuräumen. Ein Schmunzeln ist das Mindeste, was dieses Buch dem Leser ins Gesicht zaubert.

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.