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Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Kosmo

Wissenschaftliche Berichte sind in ihrer Natur nüchtern und sachlich verfasst. Sie wie einen Roman zu lesen, ist sehr mühsam, wenig ratsam und deswegen ab und an irgendwie auch enttäuschend. Und langatmig.

Chave hat so einen Bericht verfasst. Sie weiß, dass er durchaus Längen enthält. Das war ihr aber egal. Denn das, was sie zu berichten weiß (also in einem Bericht verfasst und nicht beabsichtigt als Roman zu veröffentlichen), ist derart verworren, seltsam und lässt sie hier und da in Weltenabdriften, die sie bisher nicht kannte. „Kosmo“, das Insekt auf dem Cover – das muss ein wissenschaftlicher Roman über … nee, nee, nee – so fangen wir gar nicht erst an.

Kosmo ist eine Stadt im Süden. Im Süden Griechenlands. Und Chave arbeitet für ein Institut (bzw. sie arbeitete, denn zu ihrem Bericht reicht sie zusätzlich auch noch ihre Kündigung ein). Ein Institut für enzyklopädische Erinnerungsuniversen. Sie sortiert menschliche Gedanken- und Gefühlshaushalte. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen.

Nun hat sie einen besonders kniffligen Fall auf dem Tisch. Denn die Urheberin einer Audiodatei, ein Fitzelchen Leben, Erinnerung ist mit einem Mal nicht mehr auffindbar. Chave muss aber ihre Arbeit machen. Und … reist ins Jahr 2048. Nach … Kosmo. Wäre das auch geklärt. Es hat nichts mit Luftfahrt oder dergleichen zu tun und schon gar nichts mit Insekten. Oder doch?! „Kosmo“ ist also ein absurder (im besten Wortsinne) Science-fiction-Roman, der im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung geschrieben ist. Eine Mixtur, die einzigartig ist. Und die anfangs etwas schwerfällig nur den wahrhaft Interessierten anspricht. Denn zunächst muss die Szenerie, die Vorgehensweise dargestellt werden.

Sobald die eigentliche Reise – ins Jahr 2048 – beginnt, wird es aber schlagartig spannend. Nichts ist wie es scheint. Und wie auf einem schlechten (oder guten – je nachdem) Trip wird Chaves Welt gehörig durcheinander gewirbelt. Das muss man allerdings selbst erlesen. Nur so viel: Wer auf Monster oder ähnliche Gestalten hofft, braucht viel Phantasie, um sie zu erkennen. Es gibt sie. Aber nicht im eigentlichen Sinne wie in Abenteuerfilmen der Sechsziger- und Siebzigerjahre, in denen der muskelbepackte Held gegen übergroße Kreaturen kämpft.

Isabella Breier gelingt es spielerisch den Leser unnachgiebig in eine Welt zu ziehen, die bisher niemand erforscht hat. Traumwelten, utopische Szenarien, die auf einmal gar nicht mehr so utopisch klingen und das alles in einer Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht.

In deinem Schlaf

Seit Monaten kümmert sich Nia um ihre Tochter Gabi. Nach dem Erdbeben in Tiflis liegt die Kleine lethargisch in ihrem Bettchen und rührt sich nicht. Aufopferungsvoll spricht Nia jede freie Minute mit ihrer Tochter. Resignationssyndrom lautet  die Diagnose, im Georgischen Gehorsamssyndrom, was Nia regelmäßig zur Weißglut bringt, zumindest ihr aber ein Lächeln abringt. Denn mit Gehorsam hat die Lethargie nun gar nichts zu tun…

Die Ärzte sind ratlos. Dr. Aigner spricht Nia immer wieder mut zu und gibt ihr Hoffnung, dass die Forschung voranschreitet. Der Einzige, der helfen könnte, ist Demna. Demna, Nias Mann. Nias Mann, der nicht mehr an ihrer Seite ist. Der Mann mit den schwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. Demna, der einst im Bürgerkrieg zwischen Georgien und Abchasien wie hunderttausende flüchten musste und wer weiß was alles erleiden musste. Das hat Nia ausgeblendet. Denn Demna ist der Mann, den sie liebte, der Vater ihrer Tochter. Doch Demna ist weg. Weit weg, oder auch nicht. Auf alle Fälle weg. Und sie will ihn auch nicht wieder sehen, geschweige denn zurückhaben. Sie hat inzwischen einen Hass gegen ihn entwickelt, der kaum umkehrbar scheint.

Nia ist aber auch Schauspielerin. Nicht einfach Castings und Pflege der Tochter unter einen Hut zu bringen. Doch hin und wieder klappt es doch. Dieses Mal hat sie die Chance mit einem namhaften Regisseur zu arbeiten. Die Casting-Chefin treibt sie an. Der Regisseur sieht in ihr etwas, was er unbedingt haben will. Nia soll eine Frau spielen, die im georgisch-abchasischen Krieg auf der Flucht ist. Ihr Mann geht ihr fremd. Das Casting gerät zum persönlichen Fanal. Nia vertieft sich in Windeseile in die Rolle der gehörnten Ehefrau. Die Rolle ist ihr sicher. Ein Segen! Ein Fluch?

Während der Dreharbeiten steigert sich Nia in die Rolle und erkennt das Drama, das Demna einst widerfahren ist. Sie beginnt zaghaft zu verstehen, wie Demna zu dem wurde, was er ist. Und: Warum er nach dem Erdbeben erneut die Flucht ergriff?

Die Wunden und Narben des Krieges, dem ethnische Säuberungen gegenüber den Georgiern folgten, sind bis heute sichtbar. Ekaterine Togonidze rührt unnachgiebig und mit viel Feingefühl in den Wunden der Opfer, ohne sie allein zu lassen. „In deinem Schlaf“ wühlt auf und er erinnert an einen blutigen Krieg, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt und noch immer die Täter teils verschont. Die wahren Opfer haben kaum eine Stimme, ihr leises Wimmern wird durch diesen Roman hörbar.

Auf dem Hochseil

Da steht ein Mann … auf’m Seil! Und läuft und läuft und läuft… Eine Stange in der Hand, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Und das in schwindelerregender Höhe. Philippe Petit ist sein Name. Und er als kleiner schwarzer Punkt vor azurblauen Himmel ist ein ikonografisches Symbol. Man kann nur staunen über den Mut und das Geschick. Man selbst würde wahrscheinlich schon nach Zentimetern in die Tiefe stürzen. Ist Philippe Petit auch passiert. Lunge gequetscht, Knochen gebrochen. Abschürfungen ohne Ende. Doch liegen bleiben ist keine dauerhafte Lösung. Wieder aufstehen, weitermachen. The show must go on! Das ist Philippe Petit.

In diesem Buch erzählt er was ihn antreibt. Was ihn schon immer gekickt hat. Und man liebt es. Man liebt die Selbstverständlichkeit, mit der er von seinen waghalsigen Unternehmungen berichtet. Ja, er gibt sogar Tipps für zukünftige Generation von Hochseilartisten, denen – wie ihm – die Zirkuskuppel zu beengt ist.

Man kennt vielleicht nicht unbedingt seinen Namen, aber seine mutigen Aktionen in Paris, New York, Sydney sind immer noch eine Attraktion, eine Erinnerung, die nie verblassen wird.

Paul Auster musste man sicher nicht lange bitten ein Vorwort für dieses Buch zu verfassen. Er bereitet Philippe Petit den Weg für eine Lebenserinnerung, einen Mutratgeber und einen umfassenden Einblick in die weltumspannende Idee von Mut. Die knappen Kapitel sind Leitfaden zur Vorsicht, aber vor allem Mutmacher sich ein Herz zu fassen und eigenen Träumen nicht einfach nur hinterherzujagen, sondern sie Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Und das in jeder Lebenslage.

Hier bestimmen keine Zeitangaben den Bericht. Hier stehen Eindrücke, Emotionen und ebenso Ängste im Vordergrund wie eiserne Disziplin und Durchsetzungskraft. Hat man erst einmal das Vorwort (Paul Auster) aufgesogen, entkommt man dem Autor selbst nicht mehr. Allein schon die Hingabe zum Arbeitsgerät – so ein Seil ist nicht einfach nur ein Seil: Es muss fett- und ölfrei sein, das gut befestigt sein muss.

Philippe Petit verzichtet wohlwollend auf Aufmerksamkeit erhaschende Effekte. Er könnte episch breit davon erzählen wie er vor den Exekutiven davonrennt. Oder sich für sein Tun rechtfertigen. Nein, er entscheidet sich dafür seiner Leidenschaft einen Raum zu geben, der nicht weit Oben in den Wolken ist, sondern unten auf der Erde in den Händen des Lesers.

oh! Verona

Verona war noch nie einfach nur ein Geheimtipp. Mal Julia an die Brust fassen oder sich im antiken Theater ein grandioses Opernerlebnis gönnen, das ist Verona für die meisten. Doch das kann doch nicht alles sein?! Schließlich wollen die über vier Millionen Übernachtungsgäste bestens unterhalten werden.

Und vor allem verköstigt werden. Risotto kommt hier auf den Tisch. Meistens sogar mit Reis aus der direkten Umgebung. Und dann hat man die Qual der Wahl – dabei kann auch dieses Buch nicht helfen. Bei allem anderen ist „Oh! Verona“ die beste, wenn nicht sogar die einzige Wahl. Diese Qual ist dem Veronabesucher also schon einmal genommen.

Als Ausgangspunkt für die meisten Erkundungen bietet sich das antike Amphitheater an. Es liegt zentral und man immer jemanden fragen wie man dorthin kommt, falls man sich einmal im Straßengewirr verlaufen hat. Und das schon seit zweitausend Jahren! Siebenhundert Jahre ist es her, dass Dante Alighieri nach seiner Flucht aus Florenz hier Asyl fand. Und ihm begegnet man auf Schritt und Tritt. Ideal für ein Sammelspiel: Wie oft trifft man Alighieri während eines Spaziergangs in Verona? Kleiner Trick für alle, die gern schlaumeierisch sich einen Vorteil verschaffen wollen: Mal ins Portemonnaie schauen – Dante ist auf den italienischen Zwei-Euro-Münzen.

Überall in der Stadt findet man eingemauerte Löwenmäuler. Die Löwen sind Symbole der Republik Venedig, die hier lange Zeit die Geschicke der Stadt leitete. Wer will kann einen Denunziationszettel einwerfen. Früher konnte man – aber nur mit Unterschrift – so jemanden eines Vergehens bezichtigen ohne ihm gegenübertreten zu müssen. Anonyme Anzeigen wurden vernichtet – für alle Demokratieverteidiger von heute ein gefundenes Fressen…

Von nicht ganz so geheimen Tipps für Spartickets über Familiengrüfte bis hin zu verdammt alten Graffiti hat Autorin Maria Kampp eine Menge Verona-Safari-Tipps zusammengetragen, die Verona zu einem prall gefüllten Erlebnis machen. Ohne dabei die gehypten Hotpsots außeracht zu lassen. Auch hier weiß sie geneigten Besuchern Rat zu geben. Was aber an dieser Stelle geheimbleibt… psst.

Leere Gräber und Göttinen, architektonische Fundstücke und grandiose Aussichten – man muss ein bisschen suchen, um Veronas Schätze zu finden. Oder man wirft einen Blick in diesen exzellenten Reiseband. Auch für unterwegs bestens geeignet.

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Ich, die ich Männer nicht kannte

Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.

Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.

Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …

Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.

Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.

Josef Lautenbachers Reise nach Flätz

Es ist geschafft! Josef Lautenbacher hat nach vierzig Jahren seine Buchhandlung übergeben und darf nun seinen Ruhestand genießen. Die Buchhandlung übernahm er selbst von seinem Schwiegervater. Qualität stand für ihn immer an erster Stelle. Bücher an Kunden zu verkaufen war ihm ein Graus. An Leser etwas weiterzugeben sein Elixier.

Und nun? Luise, seine Frau, hat sich ebenso wie er in ihrem Leben eingenistet. Er geht zur Arbeit, „hat seine Bücher“. Sie führt das Haus und sorgt dafür, dass die Harmonie gewahrt bleibt. Dass beide darunter etwas anderes verstehen – geschenkt. Josef Lautenbacher geht das Leben auf den Keks. Minderwertigkeiten stören ihn. Belanglosigkeiten treiben ihn in den Wahnsinn. Das Essen von Luise – Nörgeln ist ihm näher als Einsicht.

Die Tage vergehen. Die Monotonie des Unabänderlichen treibt ihn voran. Beziehungsweise lässt er sich davon lustlos davor hertreiben.

Dann macht es Klick in seinem intakten Hirn. Die Brücke über den Fluss. Sie ist nicht einfach nur die Uferverbindung. Sie ist der Weg für den ersten Schritt in eine neue Welt. Nach Flätz zieht es ihn. So nennt er den Ort, den er nicht kennt. Denn er aber unbedingt sehen muss. Andere reisen nach Indien, um Erleuchtung zu erlangen. Ihm reicht die Flucht aus dem Schweizer Ort, der von Bergen umgeben ist, und Lautenbacher Grenzen zieht.

Den Abschiedsbrief – er will ja wiederkommen, weil man das so macht, wenn man verreist – verfasst er gleich mehrere Male. Immer wieder ändert er Passagen. Luise soll sich keine Sorgen machen, er ist ja bald wieder da.

Flätz. Was soll das sein? Wo soll das sein? Kann er sich endlich mal hinflätzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ist Flätz wirklich ein Ort oder eine Zustand? Auf alle Fälle steht Flätz für Erfüllung. Und ohne Luise. Wobei Luise sicher für die Zwänge des alltäglichen Lebens steht …

Jürg Beeler haucht dem Neupensionär Lautenbacher Leben ein, das der erstmal annehmen muss. Der viel und oft beschworene Unruhestand ist Lautenbacher zuwider. Er hält nichts von Klischees. Jahrezehntelang, ein Leben lang hat er sich seine eigene Weltanschauung hart erknurrt. In seiner Buchhandlung war er Gott. Hier die gute Literatur, da die Sachbücher. Dazwischen, im Hintergrund, Er. Leser waren ihm willkommene Gesprächspartner. Das Leben da draußen kennt er nur aus Büchern. Jetzt muss Josef Lautenbacher beweisen, dass er in dieser Welt nicht verloren ist.

Dear Professor Romance

„ I would do anything for love but I won’t do that“ – so kryptisch Meat Loafs Welthit so manchem vorgekommen sein muss, so klar liegt dre Fall in diesem Buch. Doug Guthrie, eine ehemaliger Säufer, der sich mittlerweile zu gewieften Geschäftsmann gemausert hat, ist als Professor Romance bekannt. Seine Kolumne wird fiebrig gelesen. Denn er gibt „hoffnungslosen Fällen“ Hoffnung in Sachen Beziehungen. Beziehungsweise (!) wie man den ersten Schritt tut. Und er verweist – wenig subtil – auf seine Ratgeber, die als Buch für nur 200$ pro Buch käuflich zu erwerben sind. Das Prinzip funktioniert und füllt das Konto des knapp über 60jährigen ordentlich. Mehr aber auch nicht. Denn die einzige Frau in seinem Leben ist seine Mutter, und die ist auch nur körperlich anwesend.

Das schreiberische „Genie“ hinter Professor Romance ist jedoch Lance Bertovich. Sein Ghostwriter. Schriftsteller mit dem scheinbar perfekten Leben. Sein Einkommen ist dank wasserfestem Vertrag als Schreiber für Professor Romance und üppigen Prämien stabil. Seine Frau liebt und achtet ihn, sein Sohn ist ein Schatz.

Zu den Kunden – mehr sind sie nicht, die verzweifelten Seelen – zählt auch Norman Bright. Ein unauffälliger Angestellter in einer Biomedizinischen Firma. Mittzwanziger, ganz gut aussehend mit enormen Selbstzweifeln. Seine Kollegin Cynthia Collingsworth hat es ihm angetan. Ihr Gang, ihre Erscheinung, ihr Wesen – all das und noch viel mehr tragen dazu bei, dass Norman sich einfach nicht traut sie anzusprechen und sie für sich zu gewinnen. Seine Mails an Professor Romance werden auch nicht beantwortet. In den Ratgeberbüchern – Norman kann sich die 600$ für Band I bis III locker leisten – sind schlussendlich auch keine endgültige Lösung.

Während Norman sich bis auf die Knochen blamiert bei dem Versuch mit Hilfe der Ratschläge von Professor Romance Cynthia auf sich aufmerksam zu machen, ohne dabei die Selbstachtung zu verlieren und Achtung in ihren Augen zu gewinnen, stürzt sich Lance Bertovich in eine Affäre. Und bringt so alle Stabilität in seinem Leben ins Wanken wie es kein kalifornisches Erdbeben je zu tun vermag. Und Doug? Der sucht was auch immer zwischen den Schenkeln von Prostituierten. Das muss Liebe sein.

Und dass das alles nur der Anfang einer gigantischen Höllenfahrt ist, wird dem Leser Seite für Seite klarer. Kompromisslos jagt Mark SaFranko Doug, Lance, Norman durch so ziemlich jeden Vorhof der Hölle. Erlösung – ob nun im Paradies oder der Hölle – exklusive. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen und diesen Roman mit einem gewissen, fast schon selbst gefälligen Grinsen genießen und in sich versunken kopfnickend in einem „ich hab’s kommen sehen“ einigeln. Doch dafür ist der Spannungsbogen schon zu sehr gespannt. Die Frage ist nur, wie weit geht der Autor, um der Sache Herr zu werden. Er geht weit. Weiter als man es sich vorstellen darf.

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.