Kategoriearchiv: aus-erlesen ungewöhnlich

Café Babylon

Das Europa-Center in Berlin, gleich neben dem Breitscheidplatz war bei seiner Eröffnung ein echter Hingucker. Massen strömten hinein und nur schwer wieder hinaus. Heute ist ein Blickversperrer, dessen Glanz selbst bei intensiver Reinigung kaum noch zum Vorschein kommt. Dass hier einmal ein Vulkan brodelte, ist nur noch wenigen bekannt. Es sei denn man besucht die Ausstellung zum Romanischen Café. Denn das Romanische Café war in den 20er Jahren DAS Café. The place to be. Hier schlürften Bertolt Brecht und Egon Erwin Kisch Kaffee (vielleicht nicht gemeinsam, vielleicht doch), Joachim Ringelnatz wurde zu so manchem Vers inspiriert, Else Lasker-Schüler kamen hier Ideen, die ihre Kunst entscheidend prägten, Bruno Cassirer machte hier sicherlich das eine oder andere Geschäft. Die Gästeliste liest sich nicht nur wie ein Who-Is-Who der Berliner Kunstszene, sie ist es!

Von Generation Z war damals noch nicht die Rede – Bohemians waren sie, wenn man ihnen ein Label verpassen wollte. Die oft knappen Apanagen und Tantiemen wurden hier in notwendige Zuführung von Entspannung umgesetzt. Man stritt, man diskutierte, man ersann, man quatschte einfach nur. Doch eben nicht irgendwer. Nicht irgendwelche Leute, die einfach nur mit minimalem Aufwand maximale seelische Befriedung suchten, sondern ihrer Kunst Antriebsfedern verliehen, sich mit Gleichgesinnten austauschten. Im Romanischen Café brodelte es nicht nur unter den marmornen Tischplatten. Besonders, wenn Leonhard Frank das Café betrat. Seine Eleganz regte zu allerlei Spott an.

Heute unvorstellbar. Auch, weil Bilder in Ausstellungen den Geist des Cafés nur bedingt wiedergeben können. Das Café wäre – würde noch existieren – heute ein anderes. Nicht nur wegen des Rauchverbotes. Man stelle sich vor, dass drinnen Stefan Zweig und Franz Werfel streiten, während draußen Brecht an seiner Zigarre zieht und Kisch sich mit Kippe im Mundwinkel den Hut zurechtrückt und nachdenkt, worüber drinnen gestritten wird.

Christian Buckard lässt die Goldene Zeit wieder aufleben. Im ständigen Kommen und Gehen der Gäste zeichnet er ein Bild von Berlin, das leider auch nicht mehr existiert (auf das Bild des zerbombten Cafés, in das man von außen bis in die erste Etage blicken konnte, wie Alfred Döblin bemerkte, kann man gern verzichten). Doch das ist keine Erscheinung der Gegenwart. Schon auf dem Höhepunkt der kreativen Auseinandersetzung bei Bier, Kaffee und Cognac bröckelte erst die Fassade, später blieben aus Angst die Gäste fern. Denn die Nazis übernahmen die Macht und die Angst machte sich breit. Gäste wurden willkürlich verprügelt. Mobiliar ging zu Bruch, nicht weil zwei Querköpfe sich in die Haare bekamen, sondern, weil Braunhemden um sich schlugen. Kisch ließ sich nur eine Zeitlang davon abhalten ins Café zu gehen. Das ist die traurige Seite der ansonsten bunten, fröhlichen Geschichte des Romanischen Cafés. Vielleicht gehört es zur Legendenbildung, dass nichts von Bestand zu sein hat. Eine traurige Erkenntnis! Doch wer sollte den Platz von Gottfried Benn und Walter Benjamin heute einnehmen? Influencer, die ihr leid klagen, dass sie schon Stunden nach dem Aufstehen, also am frühen Nachmittag ihrer Community Neuestes aus ihrem Leben zeigen müssen?! Dann lieber in Erinnerungen schwelgen, die guten Zeiten hochleben lassen und sich erinnern, das wahre Künstler auch nur ganz normale Menschen waren und sind.

Berliner Geschichte in Karten

Wollnashornkieferknochen – das verhilft beim Scrabble zum sicheren Sieg. Doch wie kommt man da hin? Achtung, jetzt muss man ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und mitdenken. Man fährt von berlin aus Richtung Spandau, an den Spektesee. In der alten Kiesgrube Parey – dort findet man den Weg ins unendliche Scrabble-Glück. Oder man erfährt wie man zu ältesten Bewohner Berlins gelangt. Genug der Wortspielchen. „Berliner Geschichte in Karten“ verspricht jedem Suchenden den richtigen Weg – ob nun zur Erkenntnis oder einem wichtigen Ort muss man für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer sich für Berliner Geschichte interessiert, hat ab sofort ein neues Lieblingsbuch! Das beginnt schon bei den Wappen der in Berlin durchaus zahlreich vorkommenden Adelsgeschlechter und endet noch lange nicht mit dem Vergleich der Stadtpläne rund um den Potsdamer Platz damals und heute. Denn was damals war, ist heute weg. Parallel führen hier nur noch die Fahrspuren in die umgrenzenden Stadtgebiete.

Berlin wie wir es heute kennen, ist eine Schöpfung der Moderne. Zuvor lag man im ewigen Clinch aus welcher Ecke von Berlin man nun komme. Wilmersdorfer waren da genau so eigenbrödlerisch wie Neukölner oder Bewohner des Wedding. Teils ist es heute noch so, dass man kaum den eigenen Kiez verlässt – man hat ja schließlich alles, was man braucht um die Ecke. Auch hier gilt wieder, dass man verdammt lange und tiefgründig suchen muss, um Erinnerungsstücke von damals zu finden.

Fast schon spielerisch einfach wird es mit der Gründung von Groß-Berlin (und der Jahre zuvor). Auf den Spuren des Spartacus-Aufstandes kann man heute durchaus eine gewisse Zeit verbringen. Wenn man die richtige Karte hat. Mehr als hundert Jahre später sind die Orte noch wohlbekannt, wenn auch nicht komplett erhalten. Zu sehen wie es sich jetzt anfühlt, wie es jetzt ausschaut, und wie es damals gewirkt haben muss – so einen Stadtrundgang kann nicht jeder machen!

So sehr Berlin heute als die Stadt angesehen wird, wo rund um die Uhr, an 365 Tagen immer was los ist, so sehr ist Berlin auch Industriestandort gewesen – die Hinterlassenschaft sind teils noch in Betrieb, mehr jedoch sichtbar. Ebenso die zahlreichen Kopfbahnhöfe, die die Zeit in ihrem Vergessensschlund verschlang.

Noch einmal zurück zu den Kiezen, die immer noch nicht recht abgrenzbar sind. Schaut man sich die Entwicklung dieser Quartiere an, sieht man über einen Zeitraum von fast 150 Jahren, wie versprengte Ortschaften zu einer homogenen Masse zusammengewachsen sind.

Informativ, detailreich, bunt, attraktiv und leicht verständlich ist dieses Buch eine willkommene Ergänzung zu jedem Berlin-Reiseband, der den Besucher an die Hand nimmt. Hier werden mehr Geheimnisse zutage gefördert als die sumpfige Landschaft der Urzeit jemals verschlingen konnte.

Der Eklat

Wann gab es eigentlich den letzten RICHTIGEN Medienskandal? 1971?, als Ton Steine Scherben Manager Niki Pallat im Sitzen (!) mit einem Beil den Tisch der Sendung „Ende offen“ zerhackte – das Beil hatte er schon in der Tasche. Klaus Kinski war zeitlebens ein Garant für Skandale, vor und hinter der Kamera. Und Rosa von Praunheims Outing von Hape Kerkeling und Alfred Biolek wirkt heute wie das trotzige Verhalten eines missachteten Kindes. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar und wahrlich verheerende Konsequenzen sind im Rückblick nur noch eine Randnotiz.

Jascha Wrobel ist ein erfolgreicher Autor. Seine Meinungen zu sämtlichen Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens tut er lautstark und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen kund. Er hat immer ein Beil in der Tasche… Und wer ihn interviewt, wartet regelrecht auf einen Skandal… Und Wrobel hat immer etwas zusagen, was den einen oder anderen vor den Kopf stößt.

Die Journalistin Jasmina Lorentz fühlt sich generell von Wrobel vor den Kopf gestoßen. Ihr sind seine Thesen zu gewagt, nazistisch, frauenfeindlich, also genau das, was ein „normales“ geslleschaftliches Zusammenleben unmöglich macht. Sie sitzt nun aber nicht herum und wartet passiv auf die nächste Konfrontation, nein, sie agiert. Schließlich sieht sie sich im Recht. In einem Artikel greift sie einmal mehr Wrobel an. Geht dabei einen Schritt zu weit als sie seine türkischstämmige Frau ins Spiel bringt und versucht sie zu manipulieren. Das alles gipfelt in einer TV-Talkshow und einem Skandal, einem Eklat. Wrobel liegt jetzt im Krankenhaus. Das muss ein fest für alle Zuschauer gewesen sein, die es (was auch immer das sein mag) schon immer wussten. Die gegen „die da oben“ waren sind und immer sein werden. Diejenigen, die nach der starken Hand rufen, und dabei nicht kapieren (wollen, können), dass sie die ersten Verlierer sein werden, wenn die starke Hand auch wirklich stark wird. Jahrelanger Geschichtsunterricht, Terrabytegroße Archive mit Filmmaterial sind in deren Augen nur manipuliertes Material, was die Menschen schon vergiftet hat – die Möglichkeiten sich gezielt zu informieren sind schier unendlich und trotzdem werden sie von einem nicht unbedeutenden Teile abgelehnt.

Nun gehören weder Wrobel von Lorentzen zu dieser Gruppe Menschen. Im Gegenteil: Beide verstehen Medien und ihre Macht auszunutzen. Mal besser, mal weniger gut. Als Außenstehender, als Konsument, als Angesprochener möchte man sich gern auf die Seite von Lorentzen oder Wrobel stellen. Doch ihre Argumentationen sind nicht linear. Punkt für Lorentzen, Punkt für Wrobel. Es gilt scheinbar nur nech das Gleichgewicht zu wahren.

In „Eklat“ wir der Eklat vor laufender Kamera ohne die Protagonisten aufgedröselt. Archivaufnahmen werden abgespielt und Beobachter teilen sich fundiert ihre jeweiligen Meinungen mit. Das Medium schlägt zurück. Erst war es die Bühne (für Wrobel und Lorentzen), nun wird es zur Schlachtbank und mediativ. Und der Zuschauer? Bekommt noch eine Meinung und noch eine Meinung um die Ohren gehauen. In jedem wie auch immer gearteten Actionfilm gibt es einen Gewinner. Beim 100-Meter-Lauf gewinnt auch immer einer. In „Eklat“ wird die Medaillenvergabe fast unmöglich. Dennis Kornblum zitiert Eins zu Eins aus dem Nachfolgegespräch, das neun Wochen nach dem Eklat standfand. Es ist eine typische Sprache, die man in Talkshows allzu oft hören muss. Bloß nicht festlegen lassen. Abwägen, kühl und distanziert bleiben und zumindest wirken. Kornblum lässt aber auch ein bisschen die Luft aus dem Medienzirkus, kreiert Hauptfiguren, die eindeutig klare Züge von mehreren echten Strippenziehern tragen. Sie einem einzigen zuzuordnen kann eine spannende Aufgabe sein. Lässt aber dann mindestens genauso viele streitbare gegebner auf den Tagesplan treten. So entstehen Eklats…

oh! Venedig

Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.

Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!

Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!

Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…

Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.

oh! Lago Maggiore

Man könnte den Lago Maggiore als einen der vier großen Oberitalienischen Seen beschreiben mit soundsoviel Quadratkilometern Oberfläche, der jährlich von zigtausenden Touristen besucht wird. Alles richtig. Aber die Touristen kommen bestimmt nicht wegen Größe und um sich mit Tausenden Anderen zu treffen, sondern weil sich hier eine Landschaft vor einem erhebt, bei der man sich erhaben fühlt. Man gehört zu einem Kreis Reisender, die Schönes gesehen haben. Kein elitärer Kreis. Und dennoch fühlt man sich so, dass man Einzigartiges sieht… genau wie die Anderen auch.

Und genau dieser letzte Halbsatz lässt die Einzigartigkeit in der Masse des Gemeinen ein wenig (nur ganz wenig, aber spürbar) verblassen. Denn wer im August in Locarno weilt, muss sich die Perlen der Stadt mit Zigtausenden teilen. Dann ist Filmfest, elf Tage Filmfestspiele. Man findet keinen Platz im ristorante, muss Angst haben, dass der Aperol aus ist etc. Und trotzdem fühlt man sich pudelwohl. Der Geheimtipp für alle, die einmal im Leben was Außergewöhnliches sehen wollen und vielleicht auch den einen oder anderen Leinwandliebling mal beim Spaghettizuzeln erwischen wollen.

Wer das alles schon erlebt hat und für den der Lago Maggiore eben nicht nur der zweitgrößte der Oberitalienischen Seen ist, muss sich etwas einfallen lassen, um wirklich Neues zu erleben. Patricia Arnold trägt mit ihrem „oh Lago Maggiore“ dazu bei, dass der Lago eben nicht nur der Lago bleibt, zu dem man geht, sondern das Ereignisgewässer bleibt, was es vor langer Zeit schon mal war.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Promis und ihrer durchaus nachvollziehbaren Italienliebe. Da gibt es in der Nähe ein kleines Dorf. Nur vierhundert Einwohner. In manchen Gebäuden ist noch unerträglich heißer als an so manchem Hochsommertag. Woody Allan war schon hier. Aber nicht, um sich im kühlen Nass des Sees abzukühlen. Nein, er kam nach Quarna Sotto, weil hier die besten Saxophone der Welt entstehen. Den Schweiß des Tages vergisst man ganz schnell, wenn man den Meistern über die Schulter schaut. Noch ein wenig höher liegt Quarna Sopra. Wer hier ins Horn (Saxophon) stößt, tut dies vor überwältigender Kulisse. Ohren-und Augenschmaus in Einem. Da muss man lange suchen, um so was noch einmal zu finden.

Ob knackige Wanderung auf Bergspitzen, die einen Ausblick gewähren, den man nur selten erlebt oder weltbekannte Kunst im Museum, kuschelige Metropolen am Ufer oder verwaiste Berge – der Lago Maggoire hat noch lange nicht alles preisgegeben. Jetzt vielleicht ein bisschen mehr!

Das grüne Kleid

Na, das geht ja gut los! Paul und Charlotte – ein Traumpaar. Unter Brücken den Schlafsack ausrollen – selbst der Fluss hält inne. Gemeinsam Silvester verbringen – ohne viel Tamtam, ganz gemütlich, genüsslich nebeneinander einschlafen und fast den Jahreswechsel verpennen. So sieht Glück aus. Perfektion! Da haben sich Zwei gefunden, die sich nicht suchten. Das war wohl das einzige Mal, dass nichts geplant war. Paul plant, er plant gut, wenn es notwendig ist, er plant behutsam, wenn er weiß, dass es zu viel sein könnte. Ach das Leben kann so schön sein.

Hermann Mensing beschreibt ein Paar, eine Liebe in seiner reinsten Form. Doch das Leben ist keine Maschine, die Liebe kein Uhrwerk, das ewig läuft. Ab und zu muss man das Getriebe schmieren, muss nachjustieren. All das machen Charlotte und Paul. Jeder auf seine Art. Immer im Gleichklang, ohne es jemals geplant zu haben – ganz im Gegenteil. Und immer ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Und dann funkt das Schicksal dazwischen – der Klappentext nimmt von vornherein die Illusion hier die Anleitung zum nie endenden Glückszustand. Wo einst Harmonie und untrügliche Zukunftsvorstellungen herrschten, kehren Kurzatmigkeit und Spontanität ein. Die große Vorausschau weicht dem Denken an gleich, an Morgen, nicht weiter! Wo eben noch Glücksmomente das Herz fast zum Zerspringen brachten, überkommt die beiden Kalkül und Pragmatismus. Im Alter noch einmal dazulernen und im besten Sinne festgefahrene Pfade verlassen (müssen) – das Leben hält immer wieder ohne Rücksicht auf Erfahrung und Alter Neues parat.

Das gemeinsame Leben von Charlotte und Paul ist ein dauerndes Auf und Ab. Und das ist auch gut so. Ohne, dass sie es einfordern, ist es das, was sie wollen. Ein Ende ist nicht in Sicht, an ein Ende verschwenden sie nicht einmal in dunkelster Nacht einen Gedanken. Doch das Dunkel der Nacht bricht schnell, unverhofft und mit einem der Attitüde des Unabwendbaren über sie hinein. Über sie, über Charlotte…

Hermann Mensing schickt Charlotte und Paul auf eine Achterbahnfahrt, die sich über weite Strecken mehr wie die Wilde Maus anfühlt als der Tower of Magenumdrehen. Selbstverständliche Momente des unendlichen Glücks überragen jeden noch schwerwiegenden Moment von Zweifel oder Verzweiflung.

„Das grüne Kleid“ passt jedem, der sich in Geschichten und somit und Menschen hineinfühlen kann. Diese Geschichte liest man nicht einfach, man lebt sie, Seite für Seite, Abschnitt für Abschnitt, Zeile für Zeile.

Das Land wo die Eiscreme wächst

Hier schließt sich der Kreis. Die Droogs treffen sich regelmäßig in der Moloko-Bar. Ein Haufen harter Kerle hocken zusammen und trinken Milch. Was ein Gegensatz! Wie kommt man darauf? Das wird klar, wenn man ein anderes Werk von Anthony Burgess – dem Autor von „Uhrwerk Orange“ – liest. Es steckt ebenso voller Phantasie, jedoch auch voller Träumereien von einem paradiesischen Land, „Das Land wo die Eiscreme wächst“. Der Erzähler bricht nach einem für ihn und seine Freunde dramatischen Erlebnis auf, um dieses Land zu besuchen. Denn in einem Restaurant sitzt ein Gast, der alles versucht, um Eis aus dem Weg zu gehen. Er war schon dort, in dem Land wo die Eiscreme wächst. Körperlich stark, charakterlich schwach. Es war ihm zu viel. Zu viel Eis! Wie soll das denn gehen?! Einen Rat gibt er den Eisforschern mit auf den Weg: Nicht mit dem Flugzeug anreisen. Der Zeppelin ist das Verkehrsmittel der Wahl.

Denn nur so kann man gefahrlos an einer der zahlreichen gigantischen Eistüten andocken. Alles klar? Alles klar! Alles klar. Das Eiscremeland ist keine terra incognita. Man weiß, dass es hier zum Beispiel den Vanillegipfel gibt, und die Wassereiskuppe, die Baiseralpen, die sich aus der Lutschiama erheben. Der Gipfel des Genusses ist der Schokolatépetl. Schon allein dafür lohnt es sich zumindest einen Blick in dieses Buch zu werfen. Wenn dann die Zeichnungen von Fulvio Testa – er hat sich mehr als nur einen Kopf gemacht, dieses Wortspiel muss einfach sein – einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, ist man dem Buch hilflos ausgeliefert. So wie der Erzähler, Tom und Jakob dem Drang nachgeben das Land zu besuchen, das insgeheim ihr bisheriges Leben bestimmt.

Dieses Land ist ein ganz normales Land. Nur, dass hier eben alles aus Eis ist … und ein paar Waffeln. Hier läuft alles ganz „normal“ ab. Die Woche beginnt mit dem Mampftag und endet mit dem Salontagabend. Wie wohl der Freitag hier genannt wird?! Kleiner Tipp: Das FREI bleibt erhalten in dieser eiskalten (!) Umgebung.

Träume sind dazu da, um gelebt zu werden. Und wie kann man sich diesem Traum verschließen?! Es ist schier unmöglich. Wer Anthony Burgess mit der rauen Welt von „Uhrwerk Orange“ verbindet, wird hier in ein Land reisen, in der niemand – auch nicht von dem einzigen Bewohner des Landes, einem riesengroßen Monster mit beschränktem Wortschatz (welches Wort das wohl ist…)  niemand mit Spazierstöcken traktiert oder des Nachts überfallen und anschließend einer gehörigen Gehirnwäsche unterzogen wird. Klassik gibt’s auch. Denn was ist klassischer als ein italienischer Eisladen, der Luigi gehört und Kinder mit offenen Armen empfängt. Tata.

In Bloom

Das wird ihr großer Durchbruch! Das wird ihr Ausbruch! „The Bastards“ so nennen sie sich. Nein, kein Gang á la Bloods oder Creeps. Sie sind eine Band. Spielen das, was sie bewegt. Talentfrei, aber mit ’ner gehörigen Portion Wut in der Stimme. Grunge, um es auf den Punkt zu bringen. Der Bandwettbewerb in ein paar Wochen soll sie ganz nach oben katapultieren. Am besten auch glich ganz weit weg. Weit weg von Vincent. Einem Nest, in dem die Tristesse zuhause ist, im Gegensatz zu den unzähligen jungen Vätern. Schönes sucht man hier umsonst.

Sie waren mal zu viert. Ja, sie waren. Lily ist nicht mehr dabei. Sch.. drauf! Sagt sie, sagen sie. Sie wurde entführt. Und seitdem ist sie verändert. Bricht mit der Band, die ihr einen Traum hätte bescheren können. Im Umkehrschluss sind „The Bastards“ ohne Lily kaum mehr wert als der Dreck unter ihren Fingernägeln. Auch wenn es davon mehr als genug gibt. Vom Dreck. Eine wie Lily gibt es nur einmal.

Mr. P hat sie gefördert und gefordert. Ihr Musiklehrer war der einzige, der an die Band glaubte. Auch wenn er musikalisch privat in ganz anderen Gefilden herumschippert. Er sitzt lieber mit Otis Redding on the dock of a bay oder schwärmt von den Supremes. Und genau diesen Mr. P holt nun die Polizei ab. Er soll … naja … wahrscheinlich hat er was mit Lilys versuchter Entführung zu tun. Schlimmer: Sie behauptet steif und fest, dass er sie missbraucht hat. Warum? Mr. P ist doch der einzige, der an sie glaubte. An Lily, an die Band, an den Bandwettbewerb. Lily ist so fies…

„The Bastards“ gehen auf Spurensuche. Doch so richtig will das nicht klappen. Keiner sagt was. Nicht die Eltern, keiner der Lehrer, und die Polizei rückt erst recht nichts raus. Und Lily verkriecht sich lieber in ihrem verhasten Elternhaus als das sie ihren „Freunden“ irgendwas erzählt. Und dann stirbt auch noch Kurt. Kein Schulfreund. Kein flüchtiger Bekannter. Keiner aus dem Ort, der im besten Fall gleich tickt. Nein, Kurt Cobain. Bläst sich einfach das Hirn weg. Zwischen dichten Rauchschwaden, MTV-Unplugged-Videos und der Einsicht, dass der Ort Vincent Anfang und jähes Ende zu gleich ist, vegetieren die verbliebenen Bandmitglieder vor sich hin. Selbst zum Träumen sind sie zu träge geworden. Von wegen fröhliche 90er!

Liz Allan lässt entgegen dem Titel nicht viel hier in der Einöde erblühen. Staub, Weed und Hoffnungslosigkeit sind die erschlafften Triebfedern einer Generation von Jugendlichen, die niemals echte Träume träumen werden. Wer bei dem Titel nicht ad hoc an Blümchen und Pflanzen denkt, sondern Nirvana und die letzte echte Musikrevolution im Sinn hat, bekommt die komplette „Sinnhaftigkeit“ dieser Zeit auf Auge gedrückt. Auf dem beiliegenden Kärtchen kann man sich per QR-Code den passenden Soundtrack anschauen.

Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt

„Komm nach Hagen, werde Popstar!“. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Komm nach Leipzig, werde Architektur-Kenner, genieß die Feinheiten und vor allem die Vielfalt – das bekommt nun eine ganz neue Dimension. Und die hält viel länger an als die Liedzeile der Band Extrabreit aus Hagen.

Der Untertitel „Europas Architektur in einer Stadt“ gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf den folgenden ca. dreihundert Seiten kommt. Die volle Ladung Geschichte, Wissen, Augenschmaus und Herzenswärme. In kaum einer anderen Stadt lässt sich die Architekturentwicklung Europas so umfassend betrachten wie in Leipzig. Gewagte These – Stefan W. Krieg war mehr als eine Vierteljahrhundert Stadtbezirkskonservator in Leipzig und befasst sich seit seiner Zeit als Student der Kunstgeschichte, Geschichte, Germanistik, Archäologie und Komparatistik mit Architektur.

Um e4s vorweg zu nehmen: Selbst eingeborene Leipziger werden in diesem Buch noch Orte finden, die sie eventuell kennen, jedoch so noch nie betrachtet haben. Das ist ein Versprechen! Ebenso die Tatsache, das Leipzig ab sofort mit anderen Augen gesehen wird.

Wer durch die City  von Leipzig läuft, früher sagte man „die Stadt“, womit die Innenstadt gemeint war, downtown sagen die, die ihrer scheinbaren Weltläufigkeit einen Hauch Internationalität geben wollen, wird nur mit erhobenen Haupt die Vielfalt an erstaunenswerten Details entdecken. Da stehen Betonklötzer (die gab es schon ab der Zeit nach dem Weltkrieg) gleich neben oder gegenüber von reich verzierten Fassaden, die man nicht im Vorbeigehen, sondern im Innehalten erfassen kann. Kleine handwerkliche Preziosen, die sich nicht verstecken und doch nicht jedem direkt ins Auge fallen. Selbst Pyramiden sind im Stadtbild nur mit erhobenem Haupt zu erkennen. Straßenführung, Fassadenkunde, Einblicke in die Geschichte der Architektur – ein Stadtbummel mit dem Autor ist eine Erlebnistour, die unbezahlbar ist!

Unbeirrbar fräst sich Stefan W. Krieg durch die Stadt, die dank ihrer Handelstradition und des damit verbundenen Reichtums schon immer ein Spielfeld was für ausgefallene Ideen der Bauherren. Die Vielfalt an Villenvierteln in grüner Umgebung, die Nähe zum Wasser, die Ansiedlung von Industrie trugen immer wieder dazu bei, dass Leipzig sich klamm und heimlich zu einer Perle entwickelte, die seit Jahren wieder die Besucher an Parthe und Pleiße lockt. Hier wurde nach der Wende ein Fluss wieder ans Tageslicht geholt, der zuvor Jahrzehnte eine stinkende Kloake war, die bei ungünstig stehendem Wind mindestens zu Naserümpfen anregte. Heuet sind Sitzplätze an der Pleiße in der Stadt begehrte Oasen, die man nur hergibt, wenn man wirklich Wichtiges zu tun hat.

Schon die Umschlagseite am Anfang und Ende des Buches zeigen welch große Vielzahl an Orten es zu erkunden gibt. Dazwischen liegen prachtvolle Abbildungen, die den Vergleich mit den Vorbildern nicht scheuen müssen. In Leipzig wurde Geschichte angenommen, was schlussendlich dazu führte, dass hier Geschichte geschrieben wurde, damit andere die Geschichte wiederum annehmen können.

Dieses Buch lädt einmal mehr dazu ein die Stadt zu erkunden und sich gleichzeitig einen Überblick zu verschaffen, welche Strömungen in der Architektur in heutigen Kontext immer noch Symbiosen eingehen, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren.

A13

So eine Autobahn hat es nicht leicht. Pausenlos rollt man über sie hinweg – das kann sie ja noch verkraften. Schließlich ist das der Grund ihres Daseins. Aber das permanente an ihr Herumgepicke nervt sie sicherlich. Und keiner würdigt sie. Sie ist das berühmte Mittel zum Zweck. Sie ist der Weg zum Ziel, das niemals direkt an ihr liegt. Nun gut, tauscht man sich darüber mit dem Landschaftskalligraphen Lorenzo Custer darüber aus, bekommt man eine ganz andere, eigene Sichtweise auf Autobahnen zu hören. Er ging schon länger mit der Idee schwanger ein Buch über die A13, die Nord-Süd-Beton-Verbindung der Schweiz zu gestalten.

Linard Bardill sollte die Texte schreiben. Sie fanden sich, sie trafen sich und machten das, was niemand für möglich hielt. Ein Buch, fast schon eine Liebeserklärung an die A13. Dass die Idee ein wenig verrückt ist, wussten beide. Aber das sollte doch kein Grund sein es nicht zu tun. Was ein Glück!

Startschuss war im Norden, den Schlusspunkt soll naturgemäß – irgendwann endet jede autostrada – Bellinzona bilden. Ein Reiseband mit informativen Tipps zur Einkehr und zum Ausruhen sollte es nicht werden. So viel gibt die Autobahn nur auch nicht her. Aber ein Reisebericht mit allerlei Anekdoten, mit Stupsern in die Rippen („Schau mal … da!“) und so manchem „Kennst Du schon?!“ ist dann doch die bessere Wahl.

Und so kommen sie auch zum so genannten Zahnwehkirchlein. Geht einem der Nerv auf die Nerven, kann man hier oben Trost suchen. Und wenn das nicht hilft, … die Klippen für den Sprung in die erlösende Befreiung vom Zahnweh sind nur ein paar Schritte entfernt. Linard Bardill macht es sichtlich Spaß solche Geschichten zu erzählen. Man merkt sofort, dass er ein Schelm ist.

Lorenzo Custer ist der Großmeister der gezogenen Linie. Ein ums andere Mal erstaunt er seinen Mitfahrer wie schnell und geschickt ein einzelner Strich ein ganze Landschaft erzählen kann. Und beim ersten bloßen Durchblättern dieses unzweifelhaft einzigartigen Buches erhellen die Zeichnungen des Architekten und Zeichners und machen Appetit auf die gelungenen Zeilen des Autors.

Isla Bella ist nur eine weitere Station auf dem Weg der beiden gen Süden. Hier ist es schön, sagt ja schon der Name – bella. Es gab Zeiten, da hat es hier fürchterlich gestunken. Warum? Keiner weiß es. Keiner? Einer kennt sie, und er hat sie immer seinen Kindern erzählt. Ein Riese war so wütend, dass man die Quelle seiner Lieblingswasserfrau zerstört hat, dass er in den Tunnel hineinfurzte. Das war seine besondere Fähigkeit, er hieß Trettel, was auf Romanisch Furz bedeutet.

Es sind Geschichten wie diese, die aus einer verrückten Idee ein unterhaltsames Buch machen. Warum unterwegs auf der A13 nicht die üblichen Spielchen spielen – Autokennzeichen raten etc.? Immer wenn man einen Punkt aus dem Buch passiert, wird die Geschichte vorgelesen. Besondere Bücher sind in besonderen Situationen besondere Begleiter.