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Der Haschischklub

Der Haschischklub

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es einen kleinen Zeitungsartikel, der vor allem religiöse Fanatiker aufbrachte. Ein junger Mann, betete ein Poster der Band KISS an. Offenbar im Drogenrausch züngelte Gene Simmons vom Poster herab – der junge Mann hörte nie wieder KISS. Blödsinn! Mag man denken. Schon Jahre, Jahrzehnte, weit über einhundert Jahre zuvor brachte Théophile Gautier eine ähnliche Geschichte zu Papier. Auch er sorgte Zeit seines Lebens für Furore. Ein junger Mann, gerade die Schule beendet, verbringt die Zeit bei einem Verwandten. Von einem Gobelin steigt eine rau zu ihm herab, er verehrt sie. Ist verknallt, um die Wahrheit zu sagen. Er muss das Haus verlassen, Jahre später entdeckt er den Gobelin wieder. Hat aber nicht genug Geld in der Tasche, um ihn sich zu leisten. Als er mit der geforderten Summe zurückkehrt, ist der Gobelin schon verkauft. Vorbei, vorbei, vorbei – es bleiben nur die Erinnerungen…

Phantastische Erzählungen ziehen den Leser in ihren Bann. Sie regen die Phantasie an, sorgen dafür, dass die kleinen grauen Zellen, wie sie Hercule Poirot immer so gern bezeichnete, in Bewegung bleiben. Denn Bewegung bedeutet Fortschritt.

Die titelgebende Erzählung „Der Haschischklub“ zeigt die ganze Kraft der Worte. Den Haschischklub gab’s wirklich. Und auch Théophile Gautier war Mitglied. Man traf sich konspirativ, probierte … na was schon?! … und gab sich den eigenen, neuen, fremden Gedanken hin. Schonungslos geht der Autor mit sich und den anderen Beteiligten, zu denen „in echt“ auch Balzac, Flaubert und auch Baudelaire gehörten, ins Gericht.

Obszön waren seine Geschichten als sie erstmals veröffentlicht wurden. Rücksichtslos wie ihr Autor, der die Bohème verkörperte wie kein anderer. Genuss-Sehnsucht und mit jeder der sieben Todsünden auf Du und Du. Immer für einen Skandal gut, wie 1830 bei der Uraufführung von Victor Hugos „Hernani“. Unangepasst war er, und kreativ. Erst vor reichlich hundert Jahren wurden seine Werke ins Deutsche übersetzt. Und das obwohl seine Wurzeln bei einem Deutschen liegen: E.T.A. Hoffmann. Die Anleihen sind besonders im „Haschischklub“ offensichtlich.

Die Magie der Geschichten Théophile Gautiers liegt in ihrer Eleganz, die der leidenschaftliche Außenseiter sich sicher nicht auf die Fahnen geschrieben hätte. Ihm war die Hornhaut an den Händen und handfeste Scherereien näher.

Und wenn einem am Ende des Buches danach ist Théophile Gautier anzubeten – keine Angst. Wenn er zuzwinkert, lüstern, wortreich züngelt – alles nur Phantasie! Ein literarisches Kunststück.

Styleguide Wien

Styleguide Wien

Styleguide – das Wort hat irgendwie was Modernes an sich. Ein Reiseband für den modernen Reisenden, der immer nur das Neueste, das Abgefahrenste, das Außergewöhnliche sucht. Also kein Reiseband für die ganze Familie?

Ganz im Gegenteil! Denn die beiden Autorinnen sind Familie, sind Mutter und Tochter. Und sie wohnen in Wien, lieben Wien und – was ganz wichtig ist – sie kennen Wien. Und von wegen immer nur das Moderne … sie kennen beide Seiten Wiens. Die altehrwürdigen Bauten mit ihren Geschichtchen und das sich immer wieder verändernde Wien.

Wien zu erfassen ist nicht einfach. Die Stadt bietet sich an sie schlendernd zu erkunden. Staunenden Blickes mit hoch erhobenen Haupt schreitet man durch das Vermächtnis von k.u.k. und erblickt so manches Kleinod und großartige Errungenschaften. Aber hat man dann Wien wirklich gesehen? A bissl! Mehr net!

Angie und Brigitte Rattay helfen dem Neugierigen gehörig auf die Sprünge. Schon beim ersten Durchblättern hat man das Programm für zwei volle Tage zusammen. Die beiden Autorinnen gliedern ihr modern gestaltetes Buch (mit Gummiband als Lesezeichen) nach den Stadtteilen Wiens. Sie beginnen natürlich im Ersten, soll heißen im ersten Bezirk, dort wo Stephansdom, Café Korb und Albertina von außen und innen den Gast „verwienern“. Selbst wer Wien schon kennt, beißt sich vor Wut in den Allerwertesten, und fragt sich „Wieso kenne ich das nicht?“. Tja, ganz einfach, den falschen Reiseführer befragt. Aber keine Angst, beim nächsten Mal wird alles besser! Denn dieser Reiseband gehört einfach zu Wien wie Walzer, Eitrige und Schmäh.

Bildreich mit kurzen, prägnanten Texten ist dieses Buch ein ständiger Begleiter, der regelmäßig Tipps gibt. Und da man sich vorrangig in einem Bezirk bewegt, muss man nicht andauernd die kompletten über zweihundertfünfzig Seiten durchblättern, sondern bleibt in der „Umgebung“.

Neben den offensichtlichen Highlights, die natürlich nicht in einem Buch über Wien fehlen dürfen – Naschmarkt und Donauinsel – sind auch kleinere, vielleicht nicht so bekannte Anlaufpunkte vermerkt. Heißhungerbefriediger im 12 Munchies, Cineastische Hochgenüsse im Votivkino oder was auf die Ohren in Teuchtlers Plattenladen im Sechsten. Drei Orte, die nur in wenigen Reisebänden stehen, und doch das komplette, wahre Wien zeigen.

Wer Wien besucht, nur um behaupten zu können auch hier einmal gewesen zu sein, braucht dieses Buch nicht, der braucht überhaupt kein Reisebuch. Wer Wien jedoch als Höhepunkt seiner Reisen erleben will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Wohlfühlen in einer der schönsten Städte der Welt mit einem der befriedigendsten Bücher über die Stadt wird man voller Eindrücke wieder an den heimischen Herd zurückkehren und sich schwören, dass man beim nächsten Mal wieder mit diesem Buch Wien aufs Neue erkunden wird.

Reise in die Schweiz – Kulturkompass fürs Handgepäck

Reise in die Schweiz - Kulturkompass fürs Handgepäck

Die Schweiz ist ein kleines Land, klein an Fläche. Die Schweiz ist ein reiches Land, reich an sehenswerten Orten. Schwer sich da zu recht zu finden. Klar, dass ein Reiseband da nottut. Aber was ist mit den Dingen, die die Schweiz ausmachen? Kultur, Verhaltensregeln, Sehnsüchten? Wer die Schweiz besucht, denkt gar nicht so weit, dass es wegen der Nähe – vor allem sprachlich – doch gewaltige Unterschiede zu unseren Gefilden gibt. Wenn es doch nur ein Buch geben würde, das dem Besucher erlaubt die Schweiz einmal fernab von „Da müssen Sie hin, das muss man gesehen haben“ näherbringt. Gibt es doch! Und jeder kann ihn haben! Den Kulturkompass fürs Handgepäck für eine Reise in die Schweiz.

Und gleich zu Beginn eine Überraschung. Susann Sitzler behauptet (und kann es auch belegen), dass die Schweizer raus wollen aus ihrer Schweiz. Aber auch Heimweh haben, teils sogar daran kränkeln. Ein Widerspruch?! Zum Einen verengen die Berge die Sicht, zum Anderen geben sie auch Sicherheit und Geborgenheit. Die Schweizer sind mobil. Viele machen sich bevorzugt am Wochenende auf, um mit dem Töff das Land zu erkunden. Das Töff ist übrigens das Motorrad, kein abschätziges Wort, sondern ernstgemeinter Begriff.

Und so rollt man dann gemütlich durch die Schweiz. Über Berge und Täler, durch Dörfer. Und gelangt vielleicht sogar in einen Musikwettstreit. So wie Friedrich Glauser im Buch. Oder wird Zeuge von typisch schweizerischen Sportarten wie Schwingen und Hornussen, bei dem es um Herunterholen, Abtun oder Ablöschen geht.

Eine weitere Schweizer Tradition ist das Käsemachen. Doch Käse ist nicht gleich Käse. Kenner bemerken den Unterschied zwischen Alp- und Talkäse, und Jeremias Gotthelf gibt einen kleinen Einblick in die Naturgeschichte der Käsereien.

Die Schweiz ist mehr als eine bergige Binnenenklave mit Kreuz, Schoggi und Kuhglocken. Obwohl man sich hier gern dieser Klischees bedient, um dem Gast alles so angenehm wie möglich zu gestalten. Namhafte Autoren wie zum Beispiel Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt vermitteln dem Schweizunkundigen und Schweizneugierigen einen umfassenden Überblick über das, was die Schweiz ausmacht. Als Tourist fühlt man sich mit diesem Buch weniger als Selbiger. Pflichtlektüre vor der Reise, Stichwortgeber währenddessen und Memoirenbewahrer zu jeder Zeit.

Hoch oben in der guten Luft

Hoch oben in der guten Luft

Elegant ist es hier, in Davos. Alles ein bisschen sauberer und mondäner als anderswo. Und vor allem gesund! Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in dem einst kleinen Dorf ein neuer „Industriezweig“: Das Kuren. Kuraufenthalte in Davos waren von je her kein preiswertes Vergnügen. Man musste es sich leisten können. Der einstige Belle-Epoque-Charme wich im Laufe der Jahre Form-folgt-Funktion-Architektur. Doch als Davos noch das Mekka der lungenkranken hautevolee war, konnte man im Eingangsbuch von so manchem Sanatorium auf Autogrammjagd gehen: Katia Mann, Gala (baldige Gala Dali), Klabund, Paul Elouard. Auch wer nicht wegen der Gesundheit bzw. wegen Krankheiten hierher kam, konnte sich hier exzellent vergnügen und entspannen. Hermann Hesse fuhr hier regelmäßig Ski, Béla Bartók gab Konzerte.

Literarisch setzte Thomas Mann dem Ort ein Denkmal. In seinem „Zauberberg“ diente Dr. Jessen und als Vorbild für den Hofrat Behrens. Und sein Waldsanatorium war das siebenjährige steingewordene Exil für Hans Castorp.

Gala, die zu dieser noch Helena Dimitrowna Diakonowa hieß, verliebte sich hier in Paul, der zu dieser Zeit noch Eugène Émile Paul Grindel war. Beide aus guten Elternhaus – wie gesagt, hier konnte es sich nicht jeder leisten „gesund zu werden“. Sie fand Zugang zu den Surrealisten und später auch zu Salvador Dali.

Davos als Tummelplatz der Enttäuschten, der Entbehrungsgeprüften, führte kein (Kurschatten-)Dasein. Lange Liegekuren, ausgedehnte Spaziergänge, ein bisschen Kupferlösung hier, ein bisschen Chemie da. Und dann? Kuren war Anfang des 20. Jahrhunderts eine langwierige und oft auch langweilige Sache. Kein Animationsprogramm wie es heute oft üblich ist. Der Patient sollte zur Ruhe kommen. Kreativ waren die meisten von Natur aus. Sie mussten nicht bespaßt werden.

Unda Hörner untersucht die Wirkung des Ortes auf das Schaffen der Literaten, der Bohème, die so gar nichts mit Rodolfo und Marcello aus Puccinis gleichnamiger Oper zu tun zu haben scheinen. Außer vielleicht dem Krankheitsbild von Mimi. Dieses Buch macht Lust auf Davos und auf die Werke der ehemaligen Patienten. „Hoch oben in der guten Luft“ verführt dazu noch einmal am Bücherschrank vorbeizugehen und sich das eine oder andere Buch noch einmal herauszugreifen. Oder es überhaupt zum ersten Mal zu lesen. Dada, Surrealismus, Poesie, Klassiker – die Reihe der im Buch genannten Werke mit Bezug zu Patienten und Davos ist schier unendlich. Ein Appetitmacher auf große Literatur und auf Entdeckungsreisen in den Höhen der Schweiz.

Atlas der Antike

Atlas der Antike

Ein Atlas ist ein Kartenwerk. Und Karten weisen den Weg. Beziehungsweise, sie wiesen den Weg. Heute benutzt ja kaum noch jemand (aus-)gedruckte Karten. Doch der Name Karte oder der Begriff Atlas sind noch gängige Begriffe. Und so ist der Titel „Atlas der Antike“ nicht zufällig gewählt. Zweieinhalbtausend Jahre Geschichte auf einhundertsechzig Seiten – da kommt schon einiges zusammen. Schon bei der Einordnung, was Antike eigentlich ist, welchen Zeitraum sie einnimmt, kommt so mancher, der im Geschichtsunterricht lieber den Fußboden betrachtete als dem Tafelbild zu folgen, ins Schwitzen. Ist halt verdammt lang her!

Holger Sonnabend ist allerdings ein Lehrer, schließlich ist er Prof. Dr., den man folgen sollte. Und dem man vor allem folgen kann. Zum Beispiel die Etrusker. Hat man schon mal gehört, Etrusker. Die wohnten doch in … ja, genau, Italien. Dort, wo heute die Toskana-Fraktion die schönste Zeit des Jahres verbringt. Die Etrusker sind so geheimnisvoll, dass ihre Erbe bis heute ungelöste Rätsel aufgibt. Sie hatten eine Schrift, die der Griechischen ähnelte. Aber entziffern kann man sie bis heute nicht vollständig. Sie waren ein hochentwickeltes und kulturell bedeutendes Volk. Sie schmiedeten Allianzen und wurden wieder aus diesen hinausgekämpft. Sie waren die Vorgänger der Römer. Und auf deren Prinzipien beruht heute das Zusammenleben der Welt.

Die Reise geht weiter über die Beziehungen der Griechen und Perser. Wenn man sich die heutige Welt betrachtet, ist der Kampf immer noch im Gange. Wenn auch mit einer anderen Sichtweise – Persien / Iran gilt als einer der einträglichsten Märkte weltweit und Griechenland … naja, wer dort investiert, ist verdammt risikoreich. Alexander der Große, die Römer, Monarchien und Sklavenhaltergesellschaft – die Reise geht quer durch die Geschichte. Immer mit Rückfahrticket.

Anschauliche Übersichtskarten geben dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in den Aufbau von Ländern und Städten. Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Stichen und Reliefs veranschaulichen exakt die Beschreibungen der Zeit.

Was dieses Buch so einzigartig, so benutzenswert macht, ist, dass es nicht wie ein Lexikon immer brav der Zeitlinie folgt, sondern, dass einzelne Wissenschaftsgebiete einzeln beleuchtet werden. Fachgebiete wie Politik, Kultur und Medizin ergeben für den Leser ein Komplettbild dessen, was uns in der Schule oft zu langweilen begann. Der Autor schafft es mit einfachen Worten die Begeisterung, die einst unsere Lehrer dazu bewegten Geschichte zu lehren im Leser zu wecken. Wichtige Ereignisse werden in farbigen Kästen hervorgehoben, ohne dabei die Haupttexte in den Hintergrund zu rücken. Ein echter Wegweiser durch die Jahrtausende!

Partisanen

Partisanen

Partisanen allein bringen keine Ordnung zu Fall. Sie sticheln, tun ihr weh, knabbern an den Werten, doch endgültig fällen, dafür sind sie zu schwach. Doch ohne die Querdenker wäre die Ordnung arbeitslos, könnte schalten und walten wie sie will. Langeweile und Diktatur wären die Folgen.

„pARTisan“ heißt eine Zeitschrift, eine Bewegung in Belarus. Herausgeber ist Artur Klinaŭ. Und in diesem Buch sind kurze Texte zum Thema Partisanen und ihrem Kampf nun veröffentlicht worden. Verschiedene Autoren berichten aus der Welt, aus ihrer Welt vom Kampf der Künstler im Partisanengewand gegen die Obrichkeiten.

Im Jahr 2016 lesen sich manche Geschichten wie ein Witz. So was gibt’s noch, fragt man sich kopfschüttelnd. Weißrussland, einst eine blühende Sowjetrepublik, die die besten Chancen hatte, aus der Aufspaltung der UdSSR als großer Gewinner hervorzugehen, ist heute das Land in Europa mit der geringsten Freiheit. Unabhängige Medien sind dazu verdammt im Untergrund zu agieren. Rede- und Meinungsfreiheit werden im Keim erstickt. Wirtschaftlich wird es von einer dem Diktator Lukaschenka hörigen Clique halbwegs am Leben erhalten, die sich selbst die Taschen vollstopfen.

Die Texte beweisen eindrücklich, dass Kampf nicht immer als Blutvergießen im wortwörtlichen Sinne zu verstehen ist. Die Feder ist oft schärfer als das Schwert. Jede Zeile strotzt vor Kampfeswille und ist erfüllt von Siegermentalität. Keine hohlen Phrasen, irrationalen Durchhalteparolen, sondern Augen öffnende Argumentationen, denen sich nur die verschließen, die (noch) das Sagen haben.

„Partisanen“ gibt einen Einblick in das Leben von unterdrückten Künstlern, die sich ihrer Stimme bewusst sind und sie auch einzusetzen wissen. Für den Leser ist dieses Buch eine völlig neue, fremde Welt. Nur ab und zu gelingt es Journalisten aus dem verschlossenen Belarus / Weißrussland zu berichten. Immer mit der Angst im Nacken entdeckt zu werden oder hören zu müssen, dass eine oder mehrere Quellen inhaftiert wurden. Die Nadelstiche, die die Künstler setzen, stammen von ihrer spitzen Federn und die Narben werden noch lange nicht verheilen.

 

Reise nach Island – Kulturkompass fürs Handgepäck

Island fürs Handgepäck

Das Jahr 2016 könnte das Jahr Islands werden. Sie sind endlich mal bei der Fußball-EM dabei – und nicht länger immer mal wieder „nur“ ein Stolperstein für Qualifikanten – und die Panama-Papers rücken das Land wieder einmal negativ in den Fokus der Öffentlichkeit. Bisher galt es als Reiseziel für Individualisten. Unendliche Weiten, unberührte Natur. Ha, da haben wir’s! Unberührte Natur. Von wegen! Schon in den ersten Geschichten des Buches wird klar, dass auch in Island nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein gigantisches Kraftwerkprojekt drohte hier in einer Katastrophe zu enden. Die Rahmenbedingungen stimmten nicht so ganz. Und die Isländer? Die warten erstmal ab. Hektik ist ihnen fremd. Macht sie irgendwie sympathisch.

Der „Kulturkompass fürs Handgepäck“ vereint Texte aus Zeitschriften und Extrakte aus Büchern von Isländern bzw. Islandfans. Sie sind das Salz in der Suppe der Fakten über den Inselstaat im Norden des Atlantiks.

Wenn man im Flieger nach Reykjavik sitzt – was so um die sechs, sieben Stunden dauert – hat man genug Zeit sich auf die Gepflogenheiten des Landes einzurichten. Hier haben Trolle noch ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Hier ist man stolz auf di eigene Identität. Hier kommen mehr Schriftsteller auf einen Einwohner als sonst wo in der Welt. Hier werden Speisen angerichtet, die es auch wirklich nur hier gibt…

Island ist so fremd und doch so nah, dass es notwendig ist sich mit dem Land auseinanderzusetzen. Ansonsten ist man aufgeschmissen! Dieses kleine Büchlein ist die Quintessenz dessen, was einem auf der Insel erwartet. Von Halldór Laxness, dem Nobelpreisträger über Jules Verne, der seine Figuren hier zum Mittelpunkt der Erde vorstoßen ließ, bis zu Gudmundur Andri Thorsson geben alle Autoren einen – dokumentarischen bis hin zu fiktionalen – Einblick in das Inselleben. Die volle Breitseite isländische Kultur!

Graubünden

Graubünden

Na das ist ja ein Ding! Ein Reiseband, der mit einer Lüge beginnt. Grau ist hier in Graubünden nichts. Nicht einmal die Theorie. Alles farbenfroh! Buntbünden träfe es wohl besser! Über diesen Kanton kann man nichts Graues berichten. Friedrich Dürrenmatt durfte das, er ließ den Schrott, den Kindsmörder aus „Es geschah am hellichten Tag“ seine Opfer an einer Straße, die nach Graubünden führt sein Unwesen treiben. Aber das war‘s schon.

Bleiben wir noch ein wenig bei den Künstlern, also solchen wie Dürrenmatt. Alberto Giacometti, der Bildhauer, dessen Statuen zu den am höchsten gehandelt der Welt gehören, wurde im Stampa geboren. Und das liegt in Graubünden, dem Kanton im Südosten der Schweiz mit Grenzen zu Österreich, Liechtenstein und Italien. Leckermäuler lechzen förmlich nach dem Bündner Fleisch. Bei vielen hört hier das Wissen über Graubünden auf.

Und Marcus X. Schmid kommt hier erst so richtig in Fahrt. Ähnlich dem Bernina Express. Da hat man kaum das Buch aufgeschlagen, und schon wird man mit der harten, aussichtsreichen realität vertraut gemacht. Denn Graubünden leistet sich eine Privatbahn, die RhB, die Rhätische Bahn. Und zu der gehört der Bernina Express über den gleichnamigen Pass auf über zweitausend Metern Höhe. Wenn Berlin am Savigny-Platz am berlinischsten ist, wie einmal der Schauspieler Otto Sander sagte, so ist die Schweiz hier wohl am schweizerischsten. Über den Morteratschgletscher ins Puschlav. Keine Orte, die einem wie Schnitzel oder Kartoffelsalat über die Lippen gehen, doch eingehend besucht werden können und sollten. Der Morteratschgletscher ist der Größte in Graubünden. Acht Kilometer ist er (noch) lang und einen Kilometer (noch) breit. Er reicht nicht mehr bis an die Schienen des Bernina Express heran, jedoch sind Wege zu ihm vorhanden, ausgeschildert und leicht zu bezwingen. Also nicht nur für geübte Kletterer zu bewundern. Wie es genau hingeht, weiß der Autor und teilt dies freundlicherweise im Buch mit.

Was sich zuerst wie ein Balkan-Hauptgericht anhört, gerät schnell zum Erlebnis für alle Sinne: Puschlav oder auch Valposchiavo. Hier ist man schon fast in Italien. Hier wächst Wein. Für das Wort Regen scheint es auch keine Übersetzung zu geben. Auch hier hat der Autor wieder einen Tipp parat, den man sich zu Herzen nehmen sollte: Mit dem Zug fahren, Fensterplatz im Panoramazug reservieren und sich zurücklehnen. Außer die Augen offenhalten, hat man nichts weiter zu tun. Das Staunen, das freudige Stöhnen, das Verzücken – kommt alles von ganz allein! Der Autor setzt noch einen drauf. Gletschertöpfe soll es hier geben. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann, blättert um und staunt…

Schon das Titelbild verrät, dass Graubünden ein Zugfahrland ist. Meisterleistungen der Ingenieurskunst lassen schmucke Züge, die RhB fährt generell in (Schweizer?) Rot, riesige Talschluchten überwinden, die dem Passagier ein erhabenes Gefühl bereiten. Mitten in den Bergen, in etwa gleiche Entfernung zu den Gipfeln wie in die Täler lassen den Begriff Mitte, oder gar das Mittelmaß, zu etwas Großartigem reifen. Das einzige, was einem hier noch passieren kann, ist der Wetterumschwung. Von extrem schön zu sehr schön. Aber auch dagegen gibt es etwas: Die Lektüre dieses Buches! Mit reist man immer extrem gut informiert, extrem gut unterhalten und immer extrem erholt.

Schnitzeltragödie

Schnitzeltragödie

Wohnungsauszug – Zeit des Neuanfang, aber auch der Rückbesinnung. So auch der namenlose Held dieses Buches. Alles muss besenrein übergeben werden. Abgeschlossen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlüssel rumdrehen, zum letzten Mal, und Auf Nimmerwiedersehen! Man sperrt zu und alles ist vergessen und vorbei. Nicht ganz, denn da sind noch die Erinnerungen. Die Gedanken an die Tragödien, die sich hier abspielten. Zumindest bei Harald Darer.

Der Mann, der hier sein Heim verlässt, tut dies aus gutem Grund. Ein Neuanfang mit Frau und Kind. Und er muss die Wohnung, das bisherige Leben, die Erinnerungen hinter sich lassen. Bitterböse G’schichten spielten sich hier ab. Allesamt Tragödien. Datteltragödien, Leberkästragödien … Schnitzeltragödien, Tragödien vom Erwachsenwerden, Tragödien des Alltags. Von wegen „Das ganze Leben ist ein Quiz“. Es ist eine Tragödie! Oder besser, gleich mehrere.

Harald Darer vermischt in seinen Erinnerungskurzgeschichten beißende Satire mit argwöhnisch beäugten Begebenheiten eines Mannes, der Gefallen daran findet sich und andere zu hinterfragen. Wenn er sich zurückerinnert wie er die Millionenfrage im Fernsehen beantwortet, der Kandidat – Hansi Hinterseer – sich immer mehr in seine Moonboots zurückzieht, im Schweiße seines Angesichts seiner eigenen Unwissenheit vor Scham im Stuhl versinkt (köstlich für jeden, der das System Hansi Hinterseer durchschaut hat!), ist man am Ende des Kapitels enttäuscht, dass die Geschichte schon vorbei sein soll. Man will mehr. Und man bekommt mehr!

Jeder Nation wird eine gewisse Art von Humor nachgesagt. Auch den Österreichern. Derb und manchmal auch ein wenig hinterfotzig. Mit einer Prise Charme, bzw. Schmäh. So muss es auch sein! „Schnitzeltragödie“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die ein permanentes Lächeln auf die Lippen zaubert, Schenkelklopfen andeutet und dem Leser vergnügliche Stunden bereiten wird. Man liest die Kapitel nicht hintereinander, man liest sie dosiert. Pro Tag ein Kapitel und selbiger ist gerettet. Und wetten, dass man beim nächsten Metzgerbesuch, Markteinkauf, Kurzurlaub auf genauso jemanden trifft, der wie der Fleischklopfer aufs Schnitzel passt?! Das nennt man dann wohl nachhaltige Literatur.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.