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Durch den Süden Frankreichs

„Umso weniger man denkt, desto einfacher wird es“, mit dieser epochalen Erkenntnis reicht es allenfalls für ein projektbezogenes „Kommentatoren“-Engagement in einer Randsportart. Wer mit dieser Einstellung Frankreich im Allgemeinen und dessen Süden im Speziellen erleben will, kommt über Bouillabaisse und Sonnenbrand nicht hinaus!

Manfred Hammes liebt die Côte d’Azur, die Rhône, das Languedoc, den Train de pigne … halt alles, was im Süden Frankreichs den Süden Frankreichs ausmacht. Und das spürt man mit jeder Zeile dieses Buches, mit dem man diesem einzigartigen Landstrich näher kommt und ihn in sich aufsaugt. Ein Reiseband soll Appetit machen, Hilfestellung leisten und die richtige Weg anzeigen. Das tut dieses Buch! Doch es erlaubt dem Leser / Reisenden mehr als nur einen Blick über den Fischsuppentellerrand hinaus.

Sechzehn Postkarten schickt Autor Manfred Hammes an den Leser. Sechzehn Kapitel verführen, verzaubern und lassen den Leser sich in eine Region verlieben, die mit offenen Armen auf Besucher wartet, doch ihre wahren Schätze nur dem Neugierigen offenbart. Joseph Roth und Vincent van Gogh bereichern gleich das erste Kapitel. Letzter war dermaßen von dem Licht angetan, dass er es sich nicht vorstellen konnte jemals wieder woanders zu malen. Eine unglückliche Liebe, wie hinlänglich bekannt ist. Doch die Provence ohne van Gogh wäre auch irgendwie unvorstellbar. Wesentlich kühler ist es, wenn der Mistral durchs Rhônetal bläst. Dann sinken die Temperaturen sichtbar – im Ernst: Wer das Thermometer währenddessen beobachtet, kann den Temperaturabfall nicht nur spüren, sondern auch sehen.

Doch man fährt nicht in die Provence, an die Côte oder in die Pyrenäen, um van Goghs Motiven nachzujagen oder dem Thermometer beim Sinken zuzuschauen. Man will ein Lebensgefühl in sich aufnehmen. Und dazu gehört auch Wein. In loser Reihenfolge berichtet Manfred Hammes über die Flüssigkeit, die in Maßen ein Genuss ist, bei Mangelerscheinungen Objekt der Begierde ist und im Übermaß den Kopf wegen zu viel Input anschwellen lässt.

Zu viel Input kann man diesem Buch nicht vorwerfen. Es gibt halt nur zu wenig Zeit, um alles aus diesem Buch zu besuchen, auszuprobieren oder nachzuempfinden. Wobei das Nachempfinden ganz einfach ist. Besonders mit diesem Buch in der Hand oder zumindest im Reisegepäck. Siebenhundert Seiten sind kein Leichtgewicht. Aber Kultur hat nun mal ihren Preis! Den Preis des Wissens und des Abenteuers. Es ist ein Leichtes sich Land und Leute eigen zu machen ohne dabei anzuecken.

„Literatur, Kunst, Kulinarik“ lautet die Unterzeile des Buches. Es ist schwer eine rundum funktionierende Handhabung des Buches zu empfehlen. Wer den Süden Frankreichs besuchen will, aber partout nicht weiß, wohin, dem fällt die ehrenvolle und segensreiche Aufgabe zu die siebenhundert Seiten zu lesen. Wer sich in Nizza, Perpignan, Montpellier auskennt wie in der sprichwörtlichen Westentasche, findet in den Ecken selbiger noch so manchen Krümel Wissenslücke, der ihm bisher verborgen blieb. Wann und wo auch immer man dieses Buch in die Hand nimmt, wird man fündig, um die nächsten fünf Minuten oder fünf Urlaube gehaltvoll verbringen zu können. „Durch den Süden Frankreichs“ ist mehr als nur eine Ergänzung zu einem klassischen Reiseband. Ohne dieses Buch ist Südfrankreich nur der Süden unseres Nachbarn, mit diesem Buch ist dieser Landstrich die zweite Heimat, die man jeden Tag neu entdeckt.

Die Allee der Zähne

Ihm geht es wie vielen, die dieses Land besuchen: Alle sind fasziniert von der Gastfreundlichkeit und den Geheimnissen des Handelns. Und wenn ein Händler beispielsweise Tomaten als Geschenk anbietet, dafür aber ein Gedicht als Gegenleistung fordert, sagt man brav seine Verse auf. Phantastisch! Aber leider die falsche Sprache, die der Händler nicht versteht. So muss man bezahlen. Lokalkolorit nennt man das dann wohl. Ihm, das ist Guy Helminger, und dieses Land ist der Iran, wohin Helminger 2007 reiste.

Seine Tagebuchaufzeichnungen sind in diesem Buch zu einer Reiseimpression verschmolzen, die Geheimnisse aufdeckt, zum Schmunzeln anregt und vor allem Appetit auf mehr machen. Der Iran des Jahres 2007 ist nicht der Iran der Gegenwart. Es regierte zu dieser Zeit Mahmud Ahmadineschād, ein Präsident, der den Iran wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, dabei aber leider ein vollkommen verzerrtes Bild zeichnete. Ein Bild von einem rückschrittlichen Land, das jedweden Fortschritt westlicher Lesart verteufelte, das eigene Volk knechtete und die Errungenschaften der Geschichte auf ganz eigene Art interpretierte. Der Iran von heute ist weltoffener, doch nicht minder traditionsbewusst.

Guy Helminger erzählt von einem Land, das sich in seiner Gegensätzlichkeit von den meisten absetzt. Auf der einen Seite strenge Revolutionsgardisten, die sich im Glanze ihrer Macht sonnen. Auf der anderen Seite Jugendliche, die mit Religion nicht so viel am Hut haben wie allgemein angenommen. Revolution allerorten. Es sind die täglichen Begegnungen mit echten Menschen, die ihm – und somit auch dem Leser – den Iran näherbringen. Näher als es reisebände vermögen, intensiver als jeder Fernsehbericht von zehn Minuten Länge. Immer wieder lacht man mit dem Autor über die Sprachbarrieren und deren unvermeidliche Irritationen.

In „Die Allee der Zähne“ erzählt Guy Helminger keine erfundenen Geschichten. Alles echt, alles genau so passiert. Und deswegen gehört dieses Büchlein zur Pflichtlektüre für alle, die den Iran besuchen wollen. Schreckensszenarien wie die von seinem Rückflug, als er erfährt, dass sein Sitzplatz bereits wieder vergeben wurde, da er sich nicht rechtzeitig (was auch immer rechtzeitig bedeuten soll) gemeldet hat, sind nur Randnotizen privater Natur (schlussendlich ging aber alles gut). Teheran und Isfahan standen auf dem Reiseplan des Autors sowie ein Abstecher in ein Dorf, das sich einer Besonderheit rühmen darf. Besteigt man eines der Minarette der Moschee und bringt sie leicht zum Schwanken, wackelt auch der Geschwisterturm. Mittlerweile gibt es dort auch Souvenirminiaturen dieser Besonderheit. So unaufgeregt dieses Buch geschrieben ist, so unaufgeregt sollte man auch die News über Iran annehmen.

Gewisse Momente

Die Vierzigerjahre waren für Andrea Camilleri schmerzvolle Jahre. Nicht nur wegen des Krieges, auch wegen der Tritte in den Unterleib. Erst der Minister für Volkskultur, Allessandro Pavolini und später als die Alliierten das Heft in der Hand hielten, ein amerikanischer Offizier.

Mit Pier Paolo Pasolini konnte Camilleri nicht so recht warm werden. Pasolinis und Camilleris Vorstellungen über die Besetzung eines Stückes von Pasolini passten Camilleris nicht ins Konzept. Pasolini wollte Laien von der Straße, Camilleris ausgebildete Sprecher, die man auch in der letzten Reihe noch hört. Man einigte sich auf ein letztes – klärendes – Gespräch. Was nie stattfand. Pasolini wurde ermordet.

Dem Patriarch von Venedig allerdings bot Camilleri eine anders Vorstellung. Eine Gruppe von Geistlichen wohnte einer Probe bei, die Camilleri leitete. Es lief nicht alles wie geplant und so wurde der Autor zuerst ungeduldig und dann laut. Am nächsten Tag wollte er sich bei dem Patriarchen entschuldigen. Mit zitternden Knien schritt er zu Kreuze, doch der Patriarch zeigte Verständnis. Wenige Tage später wurde aus dem Patriarchen von Venedig Papst Johannes XXIII.

Und doch eine Begegnung ist Camilleri in Erinnerung geblieben, und sie wird dem Leser nicht minder eindrucksvoll zurücklassen. Die Federala war ein faschistische Institution, eine Person, die Königsgleich die Geschicke einer Region in der Hand hielt und leitete. Sie war es, die Camilleri, der damals schon gegen die Faschisten schrieb, ein Buch in die Hand gab, das es gar nicht geben durfte…

Es sind diese gewissen Momente, die einen Menschen formen. Kleine Geschichten, plötzliche Begegnungen, unverhofft, selten geplant – doch sie brennen sich ins Gedächtnis ein ohne Narben zu hinterlassen. Die Taubheit der Narben weicht tief sitzenden Erinnerungen. Sie sind das Salz in der Biographie eines jeden. Andrea Camilleri hat das Glück all diese Erinnerungen noch präsent zu haben. Und der Leser strahlt, dass er sie niedergeschrieben hat.

„Gewisse Momente“ ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Es sind Bruchstücke im Leben eines Mannes, der dem Leben verpflichtet ist ohne dies als Verpflichtung anzusehen. In jeder dieser kurzen Kapitel gibt er ein bisschen von sich preis. Wer wissen will, wie manche Geschichten aus der Feder Camilleris entstanden sind, warum er immer noch Scharen von Lesern mit einem Handstreich verzaubern kann, wird in diesem Buch eine Ahnung erhaschen können warum dem so ist.

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.

Der Vesuv

Bewohner von Pompeji und Herculaneum konnten dem Berg ihres Schicksals nichts entgegensetzen. Sie versanken am 24. August 79 in einem Aschregen ungekannten Ausmaßes. Es ist gleichzeitig auch die Geburtsstunde eines Mythos. Der Vesuv. Zwei Städte verschwanden für immer von der Landkarte. Zumindest in ihrer ursprünglichen Form, denn Pompeji ist heute neben dem größten Naturhistorischen Museum der Welt wieder bewohnt.

Über eineinhalb Jahrtausende war es ruhig um den Vulkan. Bis 1631. Da bebte die Erde wieder gewaltig. Und wieder flohen die Menschen. Manche rechtzeitig, manche zu spät. In einer endlosen Prozession bat man um göttlichen Beistand. Der dann auch prompt eintrat. Seitdem ist Gennaro der Schutzheilige der Stadt Neapel. Alles Mythen, alles Legenden. Doch genau die sind es doch, die den Vesuv so begehrenswert machen…

Dieter Richter lässt sich von keinerlei Hokuspokus beeindrucken. Er schreibt dem Vesuv die überfällige Biographie auf den grummelnden Leib. Auch er kann sich den Legenden nicht ganz verschließen und zieht damit den Leser postwendend auf seine Seite. Er ist in guter Gesellschaft: Gräfin Ida von Hahn-Hahn zog es zum Vesuv, weil sie eine Eruption erwartete. Goethe war hier, sogar Andy Warhol malte den historischen Ausbruch.

Eine Biographie über einen Berg zu schreiben, dafür muss man tief in den Archiven graben. Das tut Dieter Richter auch. Und er fördert Erstaunliches zu Tage. Seit jeher haben sich große Köpfe selbigen zerbrochen, wie die Erde dazu kommt ab und zu mal zu spucken. Eine wissenschaftliche Erklärung konnte nie so recht gefunden werden. Erst mit der industriellen Revolution kam man dem Phänomen auf die Schliche. Heute sind Vorhersagen so genau wie nie zuvor.

Der Vesuv ist nicht erloschen. Er schläft nur. Manchmal brummt er, manchmal zischt er. Doch das macht ja schließlich jeder von uns einmal. Nicht weiter schlimm. Und wenn doch, dann gibt es Evakuierungspläne, die allerdings umstritten sind. Dieses Buch ist mehr als nur ein willkommener Zeitvertreib, wenn man am Golf von Neapel seinen Aperitif genießt. Launig, lustvoll, informativ und vor allem spannend wie ein nervenzerfetzender Krimi. In der ganzen Bandbreite der sprachlichen Vielfalt unternimmt Dieter Richter mit dem Leser eine Reise, die so in keinem Reisebüro der Welt zu buchen ist. Schnäppchenjäger aufgepasst: In so kurzer Zeit hat man noch nie so viel Wissen bekommen, ohne dabei auch nur einmal die Augen zu schließen!

Atlas der verlorenen Paradiese

Wie schnell spricht man doch vom Paradies?! Die Sonne scheint, das Eis schmilzt im Mund und nicht der Hand, die Augen … ach was, alle Sinne werden verwöhnt. Und schon ist man im Paradies. Dieser Begriff funktioniert fast überall auf der Welt. Im Persischen, im Griechischen, im Deutschen, Englischen – der Begriff ist überall verständlich. Ein Ort, Flora und Fauna inklusive, mit einer Mauer drumherum. Es summt, es brummt, es lebt sich wunderbar. Es sei denn, man mag kein Summen und kein Brummen. Und schon tauchen die ersten dunklen Wolken am ach so paradiesischen Himmel auf.

Es ist doch immer das Gleiche. Kaum ist man aller Sinne entrückt zufrieden, melden sich aus der Ferne die Störfeuer. Ist das Paradies wirklich so weit entfernt, dass es schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist? Oder hat es ein Mindesthaltbarkeitsdatum bzw. ein Verfallsdatum? Letzteres kommt der vermeintlichen Realität am nächsten. Seit der Mensch denken kann, sucht er das Paradies. Den Garten Eden. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und was wären wir Suchenden ohne die gefühlvollen Worte der Dichter, die es so salbungsvoll beschreiben.

Gilles Lapouge hat sich ebenfalls auf die Suche nach dem Glück gemacht. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Nicht mit der Gier nach dem Paradies. Sondern mit der Neugier eines Autors. Eines Autors, der der Vorstellung eines perfekten Buches über das Paradies so nahe kommt, wie kaum jemand zuvor. Ob Fletcher Christian, der Anführer der Meuterei auf der Bounty oder die Gärten der Semiramis in Babylon, Gilles Lapouge holt sie alle aus der mittelbaren Vergessenheit und gibt ihnen den zustehenden Raum.

Ja, das Paradies ist kein Ort, den man mit dem Billigflieger und maximal einmal Umsteigen erreicht. Er existiert nur in unseren Köpfen. Und deshalb ist er auch so vielfältig. Es kann ein persischer Garten sein, ein indisches Grabmal, eine der Phantasie entsprungene Utopie oder ein Text aus einem religiösen Buch. Allen Vorstellungen geht der Wunsch voraus fernab aller Pflichten und Sorgen einen Platz zu finden, den man nur findet, wenn man ihn sucht.

Ein paradiesisches Lesevergnügen – und das ist ganz real – ist hingegen dieses Buch. Es vergeht keine Seite, in der man nicht kurz innehält und über das Gelesene nachsinnt. Ein bisschen verträumt, vielleicht ein bisschen resigniert, schließt man das Buch, um sich postwendend daran zu erinnern wo man in Gedanken gerade war…

Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…

Ein Gardaseebuch

Wer an den Gardasee fährt, bucht das Komplettpaket: Sonne, Pasta, Glücklichsein. Ein Klischee? Sommer am Gardasee – das ist kein Klischee, das ist Realität. Monika Kellermann verführt in ihrem Gardaseebuch den Leser es selbst zu erleben, so wie sie einst selbst vom See und seiner Umgebung verführt wurde. Mittlerweile lebt sie dort.

Geheimtipps – und das ist wohl das einzige, was der Region um den Gardasee fehlt – gibt es kaum noch. Es ist die Fülle an Attraktionen, die die Auswahl, was man besuchen möchte, so schwer machen kann. Zum Beispiel Borghetto, ein Ortsteil von Valeggio sul Mincio. Zu Füßen einer Burgruine kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die gewaltige Ponte Visconteo, ursprünglich mal gedacht dem nahen Mantua das Wasser des Mincio abzugraben, thront wie eine Trutzburg über dem Tal. Zu Füßen plätschert der Fluss und wenn man den Blick schweifen lässt, erscheint auf einem Berg das Castello Scaligero. Ab und an kommen ein paar Autos vorbeigefahren. Doch keiner überquert die Brücke. Alle, halten an, steigen aus und genießen die Aussicht. Am Fluss beschauliche kleine Häuschen, Freisitze, und eine unbändige Flora.

Ein bisschen weiter, im Hauptort Valeggio, fesselt einen die Liebe. Und die geht bekanntlich durch den Magen. Nodi d’Amore heißt das Phänomen, das so genüsslich den Traum von Italien wahr werden lässt. Konten der Liebe, Liebesknoten, oder ganz einfach: Tortellini. Hier stellt sich nicht die Frage: Wer hat‘s erfunden? Hier genießt man die vielfältigen Variationen! Es sei denn es ist Mittagszeit Ende Juli mitten in der Woche. Da haben viele Lokale geschlossen. Nur ein, vielleicht zwei lukullische Tempel haben ihre Pforten geöffnet. Allerdings sollte man nicht auf seinem Geldbeutel sitzen. Die volle Pracht dieser Liebesknoten bekommt am dritten Dienstag im Juni. Da wird hier ein Riesenfest gefeiert, das am späten Abend mit einem Feuerwerk gebührend beendet wird. Keine Touristenattraktion, ein Dorffest der edelsten Sorte.

Das ist nur eine kurze Geschichte, einhundert weitere hat Monika Kellermann in diesem Buch zusammengefasst. Es gibt Bücher, die ganz fest mit einem Ort verbunden sind. Tom Sawyer an den Ufern des Mississippi zu lesen, die Brunetti-Romane an den Kanälen Venedigs oder Andrea Camilleri im Süden Siziliens – ein ganz besonderer Hauch umweht Leser und Buch. Dieses Buch am Gardasee zu lesen … besser geht es kaum. Doch schon als amuse gueule entfaltet es eine Faszination, die dem Leser nur noch eine Wahl lässt: Auf zum Gardasee!

Die Erfindung des Ostens

Was war das für eine Aufregung! Georgien als Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Selten zuvor wurden derart viele Bücher aus diesem kleinen Land im Kaukasus in Deutschland verlegt. Ein echter Gewinn für alle Leseratten. Kein Verlag konnte es sich erlauben Georgien als weißen Fleck auf der eigenen Bücherlandkarte zu präsentieren.

Mit „Die Erfindung des Ostens“ ragt aus diesem Bücherberg ein ganz besonderes Kleinod hervor. Es strahlt wie ein seltenes Juwel und erhellt den Literaturhimmel in allen Farben des Regenbogens. Irma Tavelidse lässt in jeder der sechs Geschichten die den Leser vor Begeisterung tanzen.

Ein Schauspieler, der vor Ehrfurcht zu erstarren scheint, weil ihm sein Idol vor die Augen tritt. Ein Engagement am Theater Gori, der Burg, drückt ihm die Kehle zu. So wie damals in der Schule als es darum ging zu rezitieren.

Marie Menard hat gleich drei Leben. Das dritte spielt in der Zukunft. Einer Zukunft, in der Computer, Programme Bücher schreiben. Übersetzungen werden in Windeseile zu Papier gebracht. Ein Gedicht wird in Sekundenschnelle druckreif.

Es sind Erinnerungen und Sehnsüchte in diesem Buch, die den Leser fesseln werden. Bedächtig, aber keineswegs behäbig bestimmen sie den Leserrhythmus. Die Schrittgeschwindigkeit wird so weit reduziert, dass man gerade noch merkt voranzukommen. Und das ist gut so!

Die Entdeckung der Langsamkeit als Stilmittel verleiht diesem Buch das besondere Etwas. Jedes Wort über die einzelnen Kapitel würde den Reiz der Erkundungen abflachen.

Irma Tavelidse muss man für sich selbst entdecken. Die Ernte dieser Saat gedeiht prächtig, wenn man sich an grauen Tagen in eine Ecke setzt und der Melancholie des Dahintreibens georgisches Futter gibt. „Die Erfindung des Ostens“ darf getrost als Höhepunkt des georgischen Buchjahres 2018 angesehen werden.

Menschen, Tiere und andere Dramen

Es hätte schlimmer kommen können für den Biologen und Kolumnisten Peter Iwaniewicz. Tote Wale sezieren, Stoffwechselendproduktanalyst von allerlei Viechern, doch es kam anders.

Dieses Buch widmet er der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Im Fernsehen gibt es seit Jahren eine Invasion von Tierverstehern und Tiertrainern, die sich nur allzu gern mit einem schelmigen Lächeln als Menschentrainer bezeichnen. Denn nicht das Tier ist die Wurzel des Übels, sondern der Mensch. Ist ja klar, wie soll man messen, dass man mit einem Hund reden kann?

Es ist erstaunlich, was Peter Iwaniewicz alles zusammengetragen hat. Im ersten Moment hat man Katzen und Hunde im Blick. Die sind niedlich, lassen sich streicheln, sie beruhigen, sind manchmal wild … und im Zweifelsfall kann mit Videos von ihnen sogar Geld verdienen. Tiere haben den Menschen von jeher fasziniert. Sie sind stark wie ein Bulle, zickig oder störrische Esel. Sie sind gefährlich, weil sie beißen oder alles verschlingen, was ihnen vors Maul kommt. Oder einfach nur ekelig. Die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen ist sicherlich das meist gekannte Fremdwort für viele, die sonst mit Fremdwörtern nicht viel anfangen können.

Die tiefgreifende animalische Bilderschau führt den Leser in eine Welt, die er jeden Tag vor Augen hat. Ein kläffender Köter, der die Wochenendruhe zu ersticken droht. Kühe, die bei Mozart mehr Milch geben (bei den Wildecker Herzbuben schnürt es dem Nutzvieh allerdings die Euter zu – das nennt man dann wohl Qualitätsanspruch), Welse die kleinere Haustiere im Ganzen verschlingen.

Wer nun meint, dass dieses Buch ein Kompendium der versauten Anekdoten ist, und es nichts mehr als eine pure Ansammlung von Hiobsbotschaften darstellt, irrt. „Menschen, Tiere und andere Dramen“ ist das geballte Wissen der Biologie unter dem Brennglas des Gemeinschaftswesens. Der Autor öffnet mit Wissbegier und Fachwissen die Augen des Lesers für Fakten und alternative Fakten. Sicher ist der Mensch mehr als nur einmal die Wurzel allen Übels, Stichwort Problembär. Vor allem das Nichtwissen über das Fremde führt oft zu Irritationen, Furcht und Angst. Das lässt sich bedauerlicherweise auch auf das Zusammenleben von Mensch und Mensch anwenden.

Es ist heißer Ritt auf einem gezähmten Tier, das hier dem Leser präsentiert wird. Es ist alles nur halb so wild, wie man allgemeinhin annimmt. Wer Tiere wirklich mag, sich für sie interessiert und nicht permanent behauptet Tierfreund zu sein und keinerlei Angst (nur Respekt) vor ihnen zu haben, kommt Seite für Seite immer mehr auf Touren. Rasant und informativ reisen Autor und Leser gemeinsam in eine Welt, die so viel Missverständnisse in sich birgt, dass es Zeit wurde ein Buch wie dieses zu veröffentlichen.