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Das Verschwinden des Ettore Majorana

Da ist doch die ganze Stimmung verschwunden, wenn man weiß wie es ausgeht! Könnte man meinen. Denn „Das Verschwinden des Ettore Majorana“ ist historisch verbürgt – ein gutes Ende gab es nicht, gibt es nicht bis heute. Wenn „gutes Ende“ das Wiederfinden des besagten Ettore Majorana bedeutet.

Dieser Ettore Majorana wurde 1906 in Catania in Sizilien geboren. Als Kind wurden seine Fähigkeiten als herausragend der Familie präsentiert. Wo andere Kinder hübsch rausgeputzt ein Liedchen trällern, überraschte er mit mathematischen Höchstleistungen. Als Student arbeitete er mit Enrico Fermi in Rom und Werner Heisenberg in Leipzig zusammen, immerhin Physik-Nobelpreisträger der Jahre 1938 und 1933. In seiner Forschungsgruppe bei Fermi legten alle die Rechenschieber beiseite, wenn Majorana anwesend war. Allein dieses Bild des Einzelgängers macht die Suche nach ihm von vornherein sinnlos. Majorana wird selbst Professor, macht Entdeckungen, die er nicht veröffentlicht, verbietet anderen (auch Fermi!) darüber zu reden. Das kam unter anderem Heisenberg zugute.

Leonardo Sciascia begibt sich – nicht als Erster – auf die Suche nach dem verschwundenen Genie. Er stöbert Briefe auf, durchforstet Archive, interviewt Menschen, mit denen Majorana in Kontakt stand. Das waren nicht viele. Fest steht nur, dass Majorana mit dem Schiff nach Neapel gefahren ist. Dort, wo er als Professor arbeitete. Der Fall ging bis zum Duce. Der machte eine Aktennotiz, dass Majorana unbedingt gefunden werden muss. In einer Zeit, in der Atomforschung so eminent wichtig war, brauchte man jedes Genie. Aber vielleicht wollten die Genies ja gar nicht mit ihrer Forschung berühmt werden. Leó Szilárd kannte nachdem er erfahren hat, was er „anrichtete“ nur noch eines: Die Bombe verteufeln – koste es, was es wolle. Majorana ging den Weg in den Untergrund. Nicht, um zu kämpfen, sondern in Frieden zu leben.

Einmal wurde er in Venezuela gesehen. Doch dank der spärlichen Qualität der Fotografie wird man es wohl nie herausfinden. So beharrlich Majorana wissenschaftlich gearbeitet hat, so unnachgiebig forscht Sciascia nach Spuren über den Verbleib des Physikers. Er wird ihn nicht finden. Aber sein Theorien – Majorana sei im Kloster untergetaucht – führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Aber Sciascia wäre nicht Leonardo Sciascia, wüsste er nicht damit umzugehen. So traurig die Tatsache ist, dass auch ein gewiefter (literarischer) Schnüffler wie Leonardo Sciascia den verschwundenen Ettore Majorana nicht aufstöbern kann, so eindrucksvoll ist es seinen Gedankengängen zu folgen. Solange man nicht die letzte Seite, den letzten Absatz, das letzte Wort – ja den letzten Buchstaben in sich aufgesaugt hat, besteht immer noch die Hoffnung, dass Majorana gefunden wird. Das kann nur Literatur!

Ich bin Ariel Scharon

Sich über die Politik Israels zu unterhalten gleicht einer Sisyphosarbeit. Hat man ein Thema „abgearbeitet“, türmen sich schon wieder neue Probleme vor einem auf. Und immer wieder wird einem dabei der Name Ariel Scharon unter und vor die Augen kommen. Er leitete „immer mal wieder“ die Geschicke des Landes. Gehasst, geschasst, geliebt, bejubelt. So wie an vielen Politikern Israels scheiden sich die Geister.

Nun liegt er im Koma, seit Januar 2006. In zwei Monaten wird gewählt. Ariel Scharon hat die Partei Kadima gegründet und wird wohl … nein, er hatte große Chancen wieder an die Macht zu gelangen. Macht, diese Sucht Veränderungen herbeizuführen, andere zu überzeugen … zu herrschen.

Es sind die Frauen in seinem Leben mit denen er im Zweigespräch ist. Nicht sich gegenüber sitzende Personen handeln hier, sondern Frauen und ein Mann, die mit Monologen und Ansprachen dem Politiker ins Gewissen reden, ins besänftigen, ihm ihre Geschichte erzählen. Denn sie haben willentlich oder nicht Ariel Scharon geformt.

Allen voran seine Mutter. Sie führt ihn noch einmal in ihre und seine Kindheit zurück. Sie berichtet vom schweren Leben im ehemals russischen Zarenreich. Und ihrer spektakulären Ankunft auf dem Boden, wo einmal der Staat Israel erstehen wird. Dort, wo Palästinenser ihre Heimat gefunden haben und nun … ach, sind wir schon wieder bei der Politik. Die verdirbt ja auch so manchen schönen Abend…

Es sind die Parallelen, die die Frauen ziehen, um sein Schaffen, sein Wirken in der Weltpolitik mit seiner und ihrer Geschichte verweben. History repeats. Daran kann kein/e so Mächtige/r etwas ändern. Kein Diktator wird sich den Gesetzen der Wiederkehr widersetzen können.

Yara El-Ghadban gelingt es mit Leichtigkeit den harten Fakten die Gelassenheit des Romans wirken zu lassen. Hier ist alles Fiktion. Hier ist alles real. Es könnte ja so sein. Wer kann schon beurteilen, was im Kopf des im Koma liegenden Ariel Scharon vor sich geht? Es ist einfach im Nachhinein eine Persönlichkeit in ein passendes Licht zu rücken. Dabei unterliegt man aber der scharfen Zensur des geneigten Lesers. Im Roman darf man Tatsachen in einen Kontext setzen, den er vielleicht gar nicht gibt. Die Kunst besteht darin nicht ins Absurde abzugleiten. In diesem Fall ist Yara El-Ghadban eine wahrhafte Künstlerin, die es versteht zu unterhalten, ohne dabei den Boden und den Füßen weggezogen zu bekommen.

Kos

Kos ist eine der zwölf Hauptinseln des Dodekanes vor der türkischen Küste. Es gibt sicherlich viele griechische Inseln, die man zuvor besucht hat, bevor man Kos für sich entdeckt. Aber, wer noch nie auf einer griechischen Insel war, diesen Reiseband in den Händen hält, wird hier auf Anhieb sein nächstes Reiseziel finden. Idyllisch, klein, teils abgeschieden, ruhig und aufregend zugleich. Wer sich die Stadtpläne ansieht, ist erstaunt, dass hier sogar manchmal Platz ist einen Supermarkt einzuzeichnen.

Die Insel ist übersichtlich. Aber nicht weniger Attraktiv für neugierige Touristen, die auf eigene Faust ihrem Eroberungsdrang nachgeben wollen. Zwölf Wanderungen – wie soll es auch anders sein: Wir sind im Dodekanes (Zwölf Inseln) – führen über die Insel, die maximal 50 mal 13 Kilometer misst. 120 Kilometer Küstenlinie deuten schon darauf hin, dass Sonnenanbeter und Badehungrige hier mit einem Dauergrinsen im Gesicht ihre schönste Zeit des Jahres verbringen.

Hauptanlaufpunkt ist die Hauptstadt der Insel, und die heißt auch Kos. Südlich davon das Dikeos-Gebirge, wo man die neuen Wanderschuhe mehr als nur einem ersten Test unterziehen kann. Und man muss hier auch nicht Extrembergsteiger sein, um von ganz Oben nach ganz Unten blicken zu können.

Die klare Gliederung des Buches macht die Planung für den Tag zur Minutensache. Kein ewiges Hin- und Herblättern, wo man abbiegen muss, und wo man es getrost auch lassen kann. Die beiden Autoren Yvonne Greiner und Frank Naundorf kennen die Insel seit Jahren. Sie wissen wovon sie schreiben. Und wenn sie behaupten, dass die Busse dann rollen, wenn sie rollen sollen, dann rollen sie auch.

Wer Kos nun für sich entdecken möchte, ist mit diesem Buch bestens ausgestattet. Zweihundertvierzig Seiten reichen aus, um von Ost nach West, von Nord nach Süd oder umgekehrt oder kreuz und quer die Insel für sich einzunehmen. Wo und wann es sich lohnt etwas zu sich zu nehmen – und vor allem was man sich einverleibt, in jeglicher Hinsicht – entscheidet man selbst. Auf alle Fälle bekommt man im Buch mehr als die notwendigen Informationen, um nicht zu verhungern, keinen Aussichtsplatz zu verpassen, die schönsten Strände empfohlen zu bekommen und und und.

Dorf im Himmel

Große Leinwand, das Licht geht aus, der Vorhang lichtet sich. Aus der Erde erheben sich die Toten, schieben mit dem Nacken die Erde nach hinten – Charles Ferdinand Ramuz versteht es meisterhaft aber ersten Zeile (!) den Leser für sich zu gewinnen.

Nun sind wir aber nicht im Kino, sondern halten ein Buch in der Hand, das großes Kino ist. So viel darf schon mal verraten werden. Wer „Sturz in die Sonne“ gelesen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er hier eine Fortsetzung in den Händen hält. Catherine kann ihre Enkelin Jeanne wieder in den Arm nehmen. Pierre Chemin, der Schreiner ist quasi arbeitslos. Zuvor, bevor er unter der Erde lag, schreinerte er Särge. Bé kann sehen, was er vorher nicht konnte. Und Chermignon hat wieder zwei Beine. Alles wie im Paradies. Man geht arbeiten, weil man es will – ist ja wie im Kommunismus, und das vor traumhafter Kulisse in der Westschweiz.

Das Paradies gedeiht. Alle lächeln. Es gibt ja auch keinen Grund Trübsal zu blasen. Denn das Drumherum ist wie früher. Die Seele ist nun aber frei. Die Sonne scheint, brennt alle Sorgen hinweg. Erste Risse kommen im „Dorf im Himmel“ auf als Thérèse mit einer Ziege weniger ins Dorf zurückkehrt als sie es am Morgen verlassen hat. Das muss Schicksal sein. Denn so viel Glück hat niemand verdient. Egal, was er im vorherigen Leben getan hat. Karma ist eine ruhelose Seele.

  1. F. Ramuz war ebenso eine ruhelose Seele. Er wollte vom Schreiben leben, weswegen sein geistiger Ausstoß enorm war. Oft schrieb er an mehreren Werken gleichzeitig. Entwürfe wurden überarbeitet. Titel geändert. Nur, um dann doch wieder in der ursprünglichen Fassung vollendet zu werden. „Dorf im Himmel“ ist so ein Buch. Vier Versionen gibt es. Und diese hier nun hat ihm wohl am besten gefallen. Was nachvollziehbar ist.

Wo andere Autoren sich dutzende von Seiten ellenlange Einleitungen ausdenken, kommt Ramuz gleich auf den Punkt. Schon vor dem ersten Umblättern kennt man die Lokalität in- und auswendig. Bei so viel beschriebener Freude muss man einfach mitlächeln mit den Auferstandenen. Und wenn sich der Himmel über den Bewohnern verdunkelt, fühlt man die Verzweiflung der Protagonisten bis in die Fingerspitzen. Ein Paradies in Buchform, das man nicht nach physikalischer Größe beurteilt.

Die Nixen von Estland

Ja, es gibt sie. In allen Erscheinungsformen. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten. Nixen. Besonders in Estland. Es muss sie einfach geben. Denn sonst wäre dieses außergewöhnliche Buch in dieser faszinierenden Aufmachung einfach nur ein Witz. Enn Vetemaa hat das erste Bestimmungsbuch für Nixen in Estland geschrieben. Und es wird auch das letzte Buch zu diesem Thema sein. Mehr geht nicht!

Die Najadologie ist ein eigenständiges Wissenschaftsfeld. Nixen gibt es wirklich. Selbst in Kanistern haben sie es sich gemütlich gemacht. In Sträuchern leben sie oft unerkannt. Frühsommer ist eine der Jahreszeiten, in denen man sie am häufigsten erspähen kann. Dafür braucht man nicht einmal eine spezielle – oder gar außergewöhnliche – Ausrüstung.

Und es gibt so wundervoll poetische Unterteilungen. Es gibt Schönhaarige, Waschversessene, Nackttitten (zweimal Doppel-T – wenn das nichts ist?!), Kopfkratzerinnen und Lauthalsige. Wer nun meint, dass er es hier mit einem durchaus fragwürdigen, eventuell frauenfeindlichen Buch zu tun hat, wird ob des wissenschaftlichen Duktus und der überaus expliziten und umfassenden Darstellungen der Objekte eines Besseren belehrt. Nudimamillaris gigantea klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich anmutend. Wer hingegen von Nackttittigen Wuchtbrummen liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in jeder Phantasie ein Fünkchen Wahrheit steckt. Stecken muss.

Es ist so: Ein bisschen Glaube schadet nicht. So wie bei schwarzen Katzen die den Weg kreuzen. Laufen sie nach links, ist alles in Ordnung. In der Gegenrichtung wird man schon gern einmal dazu verleitet am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und zu überprüfen, ob selbiger wirklich gut verlaufen ist seitdem die Mieze von Links nach Rechts gelaufen ist. „Die Nixen von Estland“ als pure Folklore ohne echten Anspruch auf Richtigkeit abzutun, wäre fatal. Denn wer weiß, taucht beim nächsten Strandspaziergang eine Nixe auf. Und dann? Darf man das Wort Nixe benutzen? Oder verschwindet sie dann gleich wieder in den Fluten? Sind sie hilfereiche Begleiterinnen in schwierigen Lebenslagen? Muss man Argwohn hegen? Wie erkennt man sie? Dringt man unaufgefordert in ihren Lebensraum ein – was passiert?

Die Gestaltung dieser Ausgabe durch Kat Menschik wischt jeden noch so schwachen Zweifel von der Existenz der Nixen mit zielgerichteten Strichen vom Tisch! Mit mehr als einem Augenzwinkern gestaltet sie Räume ohne Wände. Dem Leser sind Text und Bild Wegweiser in eine faszinierende Welt voller Mythen, Hingabe und Frieden. Anders als so mancher Wühltischautor sich aus einem Mix aus Stammtischweisheiten und Vorabendserien seine eigenen Phantasien bierseelig zusammenreimt, ist „Die Nixen von Estland“ ein ernstzunehmendes, vor allem aber sinnlich anregendes Buch, das die Schönheit der Welt in den Vordergrund stellt. Eine Garantie Nixen auch wirklich zu treffen, kann auch dieses Buch nicht geben.

Millionärsurlaub auf einer kommunistischen Insel

Was sind wohl die prägendsten und ältesten Erinnerungen, die ein Mensch haben kann? Es sind wohl die an die Oma und den Urlaub. Und erst die Erinnerungen an den Urlaub bei oder mit der Oma. Nur noch zu toppen, wenn man im Urlaub mit Mama, Papa, Geschwistern, Großeltern bei den Urgroßeltern ist. Maura Lonzari hat das Nonplusultra an Erinnerungen in diesem kleinen, so fröhlichen Büchlein festgehalten.

Anfang der Fünfziger ging es für die Dreijährige zum ersten Mal nach Lussinpiccolo, Mali Losinj, einer jugoslawischen Insel in der Adria. Das Heim in Triest glich schon Wochen zuvor einem Arsenal an Dringlichkeiten und erfüllten Wunschzetteln. Die Wartezeit, ob das Visum genehmigt wird – der Eiserne Vorhang war hier vielleicht durchlässiger als anderswo, dennoch nicht minder starr und widerstandsfähig – wurde mit Vorfreude, Organisationsexpressionismus und logistischer Präzisionsarbeit ausgefüllt. Und dann endlich. Ankunft in Lussinpiccolo. Streng wurde darauf geachtet, dass Neugierige und Ankömmlinge sich nicht sofort vermischten. Die kleine Maura wollte auch nicht mehr warten und umgehend mit der ihr noch unbekannten Uroma Ballspielen. Was die Oma mit Engelsgeduld und der ihr eigenen Überzeugungskraft zu verhindern wusste.

Zuhause in Triest war die Familie eine von vielen. Hier waren sie die Attraktion. Voll gepackt mit tausend Sachen, die das Leben schöner machen, und der Neugier auf das Leben der Anderen, die so nahe wohnen, dass man ihnen vom Küchenfenster fast zuwinken könnte, gepaart mit der Anspannung, was der zeitlich begrenzte Systemwechsel (eigentlich nur ein Hereinschnuppern) so alles mit sich bringt.

Die Jahre vergehen. Die Urlaube in Lussinpiccolo sind Routine geworden. Maura Lonzari wächst zu einer jungen Frau heran, die ihre Freiheiten auslebt. Mit Folgen. Und dann auch noch im Ausland. In einem Ausland, das Familie bedeutet, aber auch Abgrenzung ob der sichtbaren, unverrückbaren Unterschiede. Die Sommer, in denen sie unbeschwert sie selbst sein kann, sind ein lieb gewonnenes Ritual. Geplante Familienzusammenführung aus Zeit mit der Leichtigkeit der Jugend.

Dieses kleine Büchlein ist die ideale Urlaubslektüre. Nicht nur für die Adria. Die Hingabe, mit der die Autorin ihre Erinnerungen sich selbst noch einmal vor Augen führt, berührt ab der ersten Seite. Schnörkellos und absolut ehrlich vollführt sie einen Freudentanz, dem man sich nur anschließen kann.

Die geheime Reise

Der Titel lässt so viel Freiraum zur Interpretation, dass man sich in seinem Phantasieuniversum verirren könnte. Ein junger Mann geht – irgendwann in den 40ern des vergangenen Jahrhunderts von Frankreich aus – auf Deutschlandreise. Nicht einfach so, es alles gut durch organisiert. Seine Mitreisenden sind nicht nur Mitstreiter, sie sind auch – vor allem aber verborgen – Objekte der Begierde. Und hier beginnt es sofort schwierig zu werden. 40er Jahre. Deutschland. Franzosen. Homosexualität. Organisierte Reise. Puh, klingt doch sehr phantastisch! Ist es aber nicht. Denn der geheimen Reise liegt eine echte Reise zugrunde.

Marcel Jouhandeau, der Autor und eindeutig der Held des Romans, wurde im Herbst 1941 eingeladen Deutschland zu besuchen. Goebbels war daran beteiligt, die Reisegruppe traf ihn. Natürlich waren die Autoren und Journalisten Auserwählte von Teufels Gnaden. Die eigentlichen Reisenotizen wurden nie veröffentlicht – bis heute. Was auch daran lag, dass die Mitreisenden nach 1945 kein gesteigertes Interesse an einer nachträglichen Veröffentlichung hatten. Kollaboration mit dem Feind wurde in Frankreich gründlich und nachhaltig betrieben. Die handschriftlichen Seiten von Marcel Jouhandeau sind in Archiven zugänglich.

Marcel Jouhandeau fiel zuvor des Öfteren durch antisemitische Schriften auf. Als die Einladung zur Deutschlandreise, Propagandafahrt in Feindesland – Paris, Frankreich war von den Deutschen besetzt – kam, sagte er zu. Und ihm fiel sofort einer der Organisatoren auf. Die Aufmerksamkeit lag auf beiden Seiten. Das sind die Fakten.

Die poetische, sinnliche, fast schon verklärende, jedoch stets intellektuelle Verarbeitung dieser Eindrücke bricht wie ein Wirbelsturm auf den Leser herein. Andeutungen (werden komplett im Anhang und zuvor schon im originalen carnet des Autors aufgelöst), Abkürzungen (nicht jeder soll sofort identifizierbar sein) und Verführungen (offensichtliche wie gut versteckte) spielen zusammen wie ein gut eingespieltes Orchester.

Verführungen im Zwischenmenschlichen kribbeln an Stellen, an den man sie erwartet, sogar einfordert. Wenn es aber kribbelt und man die Stellen nicht erreichen kann, um sich zu kratzen, sind sie nachhaltig und wirksamer als man sich selbst eingestehen kann und will. Marcel Jouhandeau ist sicherlich ein streitbarer Autor. Dass er zu dieser Reise eingeladen wurde, ist mehr als verdächtig. Dass er später von Schuld freigesprochen wurde, nimmt man als Außenstehender hin – der Zweifel bleibt. Ebenso die Wucht der Worte, die jeden in ihren Bann ziehen. Zwischen den Zeilen lesen macht hier Sinn. Poesie kann man sich nicht entziehen, der Realität muss man hier mit Stirnrunzeln selbige bieten.

Die Zeit so still

Wie war das damals noch gleich?! Kontaktverbot, Hysterie, Unsicherheit, blinder Aktionismus, unbedachter Argumentationswahn. Der Name wird nicht genannt, doch er ist immer noch in aller Munde. Der Beginn des dritten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends war von Kontrollen, Regularien, und Panik erfüllt.

In dieser Nacht ist alles wie immer. Der Atem blärrt wie eh und je durch die Nacht. Schritte knirschen unter den Füßen, dass selbst Rockkonzerte wie besinnliche Kammermusikabende erscheinen. Der Atem schreibt wilde Phantasien in den klaren Wind. Nicht viel los. Ein Buch, eine Seite, noch eine Seite – die Straßenbahnendstelle ist das Sinnbild der Zeit.

Ein Reisender – bleiben wir bei dieser ach so überzogenen, fast schon poetischen Einordnung des Fahrgastes – durchbricht die Agonie der Aktualität. Auch er trägt den Kopf voller Gedanken. Soll er, soll er nicht? Was kommt? Was bleibt? Die Nacht ist der ideale Rahmen für die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Des Lebens? Wie kann man … Ach iwooo. Die Zeit steht niemals still, auch wenn man es sich manchmal wünscht.

Und ist die „Die Zeit so still“. Ein kleines Buch, das – in der richtigen Umgebung, zur richtigen Zeit – Erinnerungen noch einmal hervorbringt, Gesagtes in ein anderes Licht rückt, Getanes wieder in den Vordergrund rückt. Pathetisch, klar, nachdenklich, irrlichternd – Florian L. Arnold holt mit sanften Worten eine Zeit zurück, die die meisten gern vergessen möchten. Und sie vielleicht auch schon vergessen haben. Weil, und gerade deswegen, die meisten wider Erwarten sie gut überstanden haben. Oder das Schlimmste, das ihnen je passieren konnte, beiseite gewischt haben.

Dieses kleine Buch hat die Kraft leise Erinnerungen hervorzurufen, sie anzupacken, sie durchzuschütteln und dann mit reinem Gewissen lebensfroh nach vorn zu schauen. Sprache – richtig angewandt – kann Wände durchbrechen, Grenzen überwinden, Herzen durchbohren. Einsamkeit kann verbinden. Dieses Buch kann all das. Ganz bestimmt wird es als Geschenk dem Beschenkten zum Nachdenken anregen.

Der kleine Dichter und der Duft

Kennen Sie auch solche Menschen, die in ihren Statusmeldungen die schönsten Orte besuchen und das dann alles mit einem „Herrlich!“ abtun? Die haben sich einen kleinen oder großen Traum erfüllt, wollen ihn mit der Welt teilen und dann kommt nur ein belangloses Adjektiv daher, das die Emotionen nicht einmal annähernd einfangen kann. Bei einem Dichter nennt man das dann Schreibblockade – das doppelte B darin versinnbildlicht dieses Gedankenstottern wohl am bbbbesten.

Der kleine Dichter in diesem Buch wird wahrlich von der Muse geküsst. Auch er will unbedingt ein Gedicht schreiben. Da kommt ihm eine kleine Wolke gerade recht. Sie steigt ihm in die Nase und … siehe da … die Gedanken schießen ihm direkt in die Schreibfeder. Gerüche, Erinnerungen oder gang rational ausgedrückt sinnliche Reize ergießen sich im Schwall auf das Papier. Der Geruch eines nassen Hundes, die duftenden Haare eines Mädchens, der überreizende Krawall der Stadt mit all seinen Nebenerscheinungen und und und.

Ja, das ist ein Kinderbuch über die Plagen eines Dichters. Wundervolle Zeichnungen und die präzisen Zeilen machen es aber auch zu einem wundervollen Lesebuch für Erwachsene. Bereits auf den Umschlagseiten nimmt die Reizüberflutung ihren Lauf. Erdbeeren, ein Koffer, noch mehr Erdbeeren, Stiefel, und wieder Erdbeeren stehen wild durcheinander gewürfelt Spalier, um der Phantasie auf die Sprünge zu helfen.

Und wenn man nach dem Genuss dieses Buches das Leserlebnis mit der Welt teilen will: „Herrlich“ kann dann nur noch der Beginn einer poetischen Beziehung zu Büchern bedeuten…

Korsika

Napoleon hat die Insel verlassen, weil … er Größeres vorhatte. Was kann es Größeres geben als diese Insel mit all ihren Facetten kennenzulernen?! Näher an Italien, Frankreich zugehörig (was jeder echte Korse natürlich ablehnt) und von der Sonne verwöhnt. Bastia, Ajaccio und vielleicht noch Calvi sind die bekanntesten Orte. Und sonst? Wer war noch nicht dort, weiß aber noch ein bisschen mehr?

Marcus X. Schmid war dort. Er kennt sich aus. Und ist der beste Reiseführer über die Insel. Mitten im Inselleben bis hin zu verwunschenen Orten – er kennt sie alle, die geheimen Orte, die besten Aussichten, die ruhigsten Plätze zum Verweilen.

Wer Korsika besuchen will, weil er schon immer dorthin wollte, dem fällt es schwer sich zu entscheiden. Ein klar gegliederter Reiseband ist nun wichtiger als man es sich selbst eingestehen will. Denn nichts ist nerviger als im Urlaub permanent in seinem Reisebuch hin- und herzublättern, um genau das zu finden, was man eben noch gelesen hatte. Jedes Kapitel beginnt mit einem Spoileralarm: Was, Wo, Wann … das Warum? erschließt sich von ganz allein.

Warum soll man also im Hinterland von Sagone in den Ort Muna reisen? Da wohnt kaum noch jemand! Und alle reden vom Dorf der Banditen. Genau deswegen! Langsam kommt wieder Leben ins Dorf, das 1960 noch hundert Einwohner zählte. Heute sind die Nachfahren wieder vor Ort, um es für den geneigten Touristen wieder herzurichten. Es ist ja alles da. Exzellente Bausubstanz und sogar eine Kirche mich funktionierendem „Glöcklein“ wie Marcus X. Schmid so liebevoll in einem der zahlreichen gelb unterlegten Kästen anpreist. Mehr Abenteuer geht nicht.

Wilde Bergformationen, idyllische Strände, lebendige Städte – Korsika muss sich nicht neu erfinden. Hier war schon immer alles so. Geschichte allerorten – kaum ein Reiseband enthält so viele Anekdoten wie dieser hier. Immer wieder wird man zum Innehalten eingeladen. Was gibt es Schöneres als von einem erhabenen Punkt in die Unendlichkeit schauen zu können. Hier gibt es keinen Grund sich klein zu fühlen. Glück – das empfindet man hier. Wenn man die richtigen Orte kennt, die eben dieses versprechen.

Die Abbildungen im Buch sind der farbenprächtige Beweis, dass die Entscheidung Korsika auf die Urlaubsliste zu setzen die richtige Wahl war. Ein erstes grobes Durchblättern lässt die Vorfreude steigen. Und wenn man sich erst einmal ins Buch vertieft hat, ist jede Minute bis zum Abflug eine Qual. Das Warten lohnt sich aber zu mehr als 100%.