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Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Kalabrien Basilikata

Wenn man den Ball mit besonders viel Pfiff spielen will, muss man ihn am Spann nehmen. Dort entwickelt er dann die meiste Energie. Alte Fußballerweisheit.

Nimmt man Italien am Spann, trifft einen auch gleich die gesamte Wucht des Stiefels. Und genau dort ist Kalabrien. Dummerweise in der jüngsten Vergangenheit von vielen Medien als Ausgangsort der Kriminalität verteufelt. Sicher spielt die ’Ndrangheta hier eine gewichtige Rolle. Doch deshalb auf einen der schönsten Flecke der Erde verzichten? Keine Angst – als Besucher der Region, der seine Nase nur in den Wind steckt, muss man nichts und niemanden fürchten.

Peter Amann hat die südlichsten Zipfel Italiens – Kalabrien und Basilikata – genau erkundet und auf fast sechshundert Seiten das zusammengefasst, was sehenswert ist, was man unbedingt sehen muss und an welchen Stellen man besonders die Augen offenhalten sollte. Sechshundert Seiten, das liest man nicht mal eben schnell durch, reist und kehrt zufrieden zurück. Solch einen Reiseband liest man mit Bedacht. Oder man nutzt ihn als Wegweiser, um die Reiseroute so genau wie möglich zu erstellen. Hat man diese erste Hürde genommen, hält man einen spannenden Reiseband in den Händen, der einem in ruhigem Fahrwasser die schönste Zeit des Jahres genießen lässt. Selbst wenn man einfach nur so die Seiten durch die Finger rinnen lässt und zufällig auf einer Seite stoppt, gerät man in Erklärungszwang, warum man so geistesabwesend vor sich hingrinst. Beispiel gefällig? Cosenza. Keine Stadt, die man auf dem Plan hat, wenn man nicht schon einmal intensiver eine Karte von Süditalien inspiziert hat. Gotenkönig Alarich soll hier seinen sagenumwobenen Schatz verloren haben. Wir reden hier von Tonnen von Gold! Bisher wurde der Schatz noch nicht gefunden. Aber so ein bisschen Legende schürt die Abenteuerlust enorm. Ein Dutzend Seiten widmet der Autor der scheinbar unbekannten Stadt, und schon bekommt man das Gefühl, dass man mehrere Tage hier verbringen kann, ohne auch nur eine Sekunde der Langeweile anheim zu fallen. Allein die Kirchengemäuer können stundenlang aus ihrem ereignisreichen Leben berichten. Die Stadt ist immerhin fast zweieinhalb Jahrtausende alt.

Karten, Skizzen, unendlich viele Abbildungen und eine Unmenge an Informationen dazwischen machen es einem leicht Kalabrien und Basilikata in vollen Zügen – ohne selbst in selbigen zu sitzen – genießen zu können. Immer wieder wird der Informationsaustausch zwischen Autor und Leser durch kleine Infokästen mit Anekdoten und Hintergrundwissen unterbrochen. Die Lese-Aha-Balance ist immer in der Waage.

Morde im braunen Berlin

So reißerisch der Titel auch klingen mag: In Regina Stürickows neuer Berliner Kriminalgeschichte stehen Verbrechen im Vordergrund, die sowohl vor als auch nach der braunen Zeit geschehen konnten. Nicht immer waren Straftaten der Jahre 1933 bis 1945 von politischer Motivation freigestellt.

Die Mordinspektion, die maßgeblich von dem aus vielen Büchern der Kriminalhistorikerin Stürickow bekannten Kommissar Gennat geformt wurde, hatte in den Naziorganisationen in braunen und schwarzen Uniformen nicht etwa wie behauptet Unterstützer, sondern knallharte – und vor allem von ganz oben protegierte – Gegenspieler bekommen. Bis zum Jahr 1936, dem Jahr der Olympischen Sommerspiele in Berlin, war die Arbeit der Polizei von gelegentlichen Ränkespielchen mehr oder weniger beeinträchtigt worden. Vetternwirtschaft bzw. Zuschustern von Posten nach dem Parteibuch waren an der Tagesordnung. Echte Polizeiarbeit konnte jedoch noch vonstattengehen. Als die Spiele der Jugend zu Ende waren, die ganze Welt von der Harmlosigkeit des Systems überzeugt schien, wurde der Ton schärfer. Als der Krieg begann, schrumpfte die Polizeistärke auf das Nötigste zusammen. Jede helfende Hand wurde an der Front gebraucht. Ab 1943 versank Berlin im kriminellen Chaos.

Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurden die Gesetze geändert, so dass auch Hilfspolizisten von SA, SS und Stahlhelm für „Recht und Ordnung“ sorgen durften. Allerdings mussten sie sich als Hilfspolizei zu erkennen geben. Doch warum Gesetze verfolgen, wenn die Gesetzgeber ihre schützende Hand über sie halten? Und so passierte es immer öfter, dass zuerst geschossen wurde, und dann erst Fragen gestellt wurden. Besonders, wenn es um „Volksfeinde“ wie Kommunisten, Homosexuelle oder Juden ging. Sobald die Politik ins Spiel kam, war niemand mehr sicher. Verrat lauerte hinter jeder Ecke.

Not und Elend waren in der braunen Zeit ebenso verbreitet – meist sogar noch schlimmer, besonders als die Waffen sprachen – wie zuvor. Ein großer Teil der Bevölkerung musste sich mit mehreren Jobs über Wasser halten. Wer einen kleinen Laden betrieb, war für Diebe meist Freiwild. Die eilig herbeigerufenen Polizisten konnten meist nur noch den Schaden aufnehmen. Ermittlungserfolge waren Glückssache. Je gefestigter das Regime war, desto mehr nahmen sich die angeblichen Ordnungshüter heraus.

Regina Stürickow lässt die Fakten für sich sprechen und verwandelt staubtrockene Aktenberge in rauschende Papierfahnen, die im Wind der Gerechtigkeit wehen. So mancher „Schlaumeier“ mag in Frieden gestorben sein, seine Taten wurden nie gesühnt. Papier ist geduldig. Wenn man ganz genau zwischen den Zeilen liest, treten die wahren Täter langsam aus dem Schatten ihrer Untaten heraus und müssen sich nun ihrer Verantwortung stellen. Die in diesem Buch dargestellten Fälle – manche dienten als Vorlagen für Kriminalbücher und –filme – sind ein Spiegelbild ihrer Zeit, mehr als nur ein „Fliegenschiss“ aus einer Zeit, die von manchen „Politikern“ gern mit der Phrase „Es war nicht alles schlecht“ verharmlost wird. Die Opfer sehen das garantiert ganz anders.

Am anderen Ende der Stadt

Pures Lebensgefühl, keine Einschränkungen am Horizont – so wuchs Pascal auf. So beschrieb Gérard Scappini es in den Kindheitserinnerungen „Ungeteerte Straßen“ – so eindrucksvoll, so kindlich naiv, so lyrisch. Das Leben geht weiter. Die ungeteerten Straßen sind passé. Das Wohnsilo am anderen Ende der Stadt ist klinisch rein. Und hier ist das neue Zuhause. Und es ist durchorganisiert. Findet sein Vater. Er und seine Mutter, und auch seine Schwester, sehen nur die grauen Betonblöcke einer anonymen Trabantenstadt. Fernab von den Freunden, die immer noch auf ungeteerten Straßen ihren Weg suchen.

Der Nachfolgeband, der die Jugend im Beton-Quartier beschreibt, muss sich Pascal anstrengen, um Schönes zu finden. Seine Mutter lenkt sich ab, indem sie einkauft, damit es im Betonklotz halbwegs gemütlich wirken kann – mit ordentlich Wut im Bauch, denn auch sie vermisst die Unregelmäßigkeiten des Lebens im alten Zuhause. Pascal durchlebt binnen kürzester Zeit eine Achterbahn der Gefühle. Der Englischlehrer ist ein Sadist. Die Züge auf dem Bahnhof sind viel interessanter. Missbrauch und erste Liebe liegen bei Pascal so eng beieinander, dass er kaum noch unterscheiden kann. Er weiß nur eines: Den Mund halten hilft. Trauer und jugendlicher Übermut wechseln sich derart schnell ab, dass man – ob man nun will oder nicht – das Buch doch das eine oder andere Mal beiseitelegen muss. Die von Vater verordnete Frischzellenkur bringt der Familie erstmal nur Sorgen. Sorgen, wie sie nur ein Teenager haben kann. Sorgen, die der Familie nicht gut tun.

Hat man sich an dieses atemlose Schreiben gewöhnt, kann man den Zeilen wieder genussvoll folgen. Vor Jahren spielte Pascal noch auf unebenen Straßen, jetzt ist das Leben selbst uneben wie ein pickeliges Teenagergesicht. Der glatte Asphalt hat so gar nichts, was nach Leben aussieht! Die Schule lässt Pascal bald hinter sich. Unfreiwillig. Die Arbeit im Arsenal – naja. Bringt Geld. Dass jedoch bringt Pascal auch schnell durch.

Eine Jugend in Frankreich lautet der Untertitel des Buches. Die Fröhlichkeit der Kindheit ist der Schroffheit der Jugend gewichen. Altes ist vergessen, das Neue zeigt noch nicht sein wahres Gesicht. Und so schließt „Am anderen Ende der Stadt“ mit dem schlussfolglichen Cliffhanger: Einberufung zur Armee!

Berliner Literaturgeschichte

Berliner Literaturgeschichte – ach ja, erzähl mal! Ganz so salopp geht es in Roswitha Schiebs Buch über aus und über Berlin doch nicht zu. Auf der Zeitachse gibt sie bekannten und unbekannten Namen der Szene eine Bühne, auf der sie noch einmal auftreten. Vom Barock über die Aufklärung und die Zeiten vor, während und nach den Kriegen bis hin zur wiedervereinigten Stadt. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das bloße Auszählen, wer wann wo und vor allem wie gewirkt hat.

Berlin tat sich schwer auf dem Weg zu einer literarischen Hochburg. Erst mit der Aufklärung wehte ein Hauch von Weltstadt durch die teils modrig riechenden Straßen und Gassen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Berlin ohne Ringelnatz, Döblin und Brecht ist undenkbar. Von hier starteten große Karrieren wie die von Erich Maria Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ – in Berlin verfasst – ein Werk schrieb, das bis heute unerreichbar scheint. Kritiker warfen ihm zeitlebens aber seine ersten Gehversuche in rechtsgerichteten Magazinen und Zeitungen vor.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. Ohne ihn wäre die Bohème nur ein Haufen saufender, unartiger Querdenker gewesen. Er gab ihnen ein Gesicht und verewigte sie in Hunderten von Texten. Die Weimarer Republik ohne Kurt Tucholsky ist ebenso undenkbar. Seine kritische Sicht auf die zaghaften, und wankelmütigen Schritte der zarten Demokratie ist bis heute ein Mahnmal.

Dieses Buch liest sich wie eine Schnitzeljagd durch die Kieze der Stadt und die Jahrhunderte auf der Jagd nach jedem, der Literaturszene seinen oder ihren Stempel aufgedrückt hat. Auch als Reiseband eignet sich das Buch, da oft auch Orte benannt werden, wo man sich traf, wo man kreativ wurde. Bei der Größe der Stadt ein unumgänglicher Ratgeber.

Für so manchen Leser mag „Berliner Literaturgeschichte“ auch der Anlass sein, mal wieder die Nase ins Buch zu stecken. Oder neue Bücher zu erkunden. Einen neuen Autor zu entdecken, mit dem man erst in diesem Buch Bekanntschaft machte. Ein rundum gelungenes Speed-Date mit der Vergangenheit, bei dem man viele bekannte trifft und viele andere mehr, deren Namen wie Geister bisher im Kopf umherschwirrten. Nun sitzen sie alle vereint um den Leser herum und buhlen um dessen Gunst.

The roaring Twenties

  1. Januar 1920: Roar!!! So einfach war es dann doch nicht. Neues Jahrzehnt und die Sorgen von gestern waren nichts weniger als das, und man konnte das Tanzbein schwingend und Champagne schlürfend die erste weltweite Partygesellschaft feiern. In Deutschland hatte man sich erst vor Kurzem eine Republik zu gelegt, man knabberte immer noch an den horrenden Reparationszahlungen, und der aufkommende Faschismus dient auch nicht gerade als Aushängeschild für ein tolerantes Zusammenleben. Auch wenn es Geld im Überfluss gab …

Im Cafe Größenwahn traf sich die künstlerische Hautevolee und separierte gleich einmal die aus, die ihrer Ansicht nach nicht zum erlauchten Kreis der Eilte gehören durften. Dieser umfasste Brecht, Grosz, Kästner, Kisch, Liebermann. Kokain wurde zur Modedroge, selbst Juweliere fertigten einzig dafür spezielle Döschen an, was den Behörden dann doch zu weit ging und Kokain nur noch auf Rezept erhältlich war.

Während in Paris die Liebe (zwischen Mann und Frau) erblühte wie kaum anderswo auf der Welt, war Berlin das El Dorado für Mann/Mann- aber besonders für Frau/Frau-Konstellationen. Nicht nur auf der Bühne. Gegen Ende der Goldenen Zwanziger war Berlin das geworden, was man sich bis heute unter einer Weltstadt der Zwanziger vorstellt: Kreativzentrum und Sündenbabel zugleich.

Paris und seine Künstleravantgarde, Chicago und seins Al Capone, Lissabons Art Deco, Moskaus revolutionärer Aktionismus – jede Metropole prägte die zwanziger Jahre auf ihre Art und Weise. Von Wien bis Tokio, von Rom bis Shanghai wurden Toren weit aufgestoßen und der Wind der Veränderung wirbelte das Inventar gehörig durcheinander. Bis heute haben die Zwanziger Jahre nichts an ihrer Faszination verloren.

Die Vielfalt dieser Veränderungen überrascht vielleicht nicht jeden, so komprimiert waren sie jedoch selten in einem Buch enthalten. Die beiden Historiker Detlef Berghorn und Markus Hattstein verstehen es mit prägnanten Sätzen die Uhr anzuhalten und um fast ein ganzes Jahrhundert zurückzudrehen. Die ganz- und manchmal doppelseitigen Abbildungen ergeben zusammen mit ihren Texten ein umfassendes Bild einer Zeit, die heute nur allzu oft verklärt in den Köpfen der Menschen herumspukt. Es war nicht alles Gold, schon gar nicht „roar“ in dieser Zeit. Doch die Illusion, dass es so gewesen sein könnte, ist auch schön. Ein bisschen Tatsachenforschung tut dabei aber Not!

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

A Taste of Honey

Der Titel des Buches kommt einem irgendwie so seltsam vertraut vor. Vielleicht schwirrt einem aber auch der Film „Bitterer Honig“ aus dem Jahr 1961 im Kopf herum. Das Schwirren trügt nicht. Die Autorin Shelagh Delaney ist als der Film erscheint gerademal etwas über Zwanzig. Und schon ein Star. Dass ihr erstes Stück gleich so einschlagen wird, konnte sie nicht im Geringsten vorhersehen. Und dann auch noch eine Verfilmung… In Deutschland brachte Peter Zadek das Stück – wenig erfolgreich – auf die Bühne.

„A Taste of Honey“ ist nur eine Geschichte in diesem Buch. Denn dieses Buch ist das komplette Werk einer Autorin, die im England der 50er und 60er Jahre eine Ikone war, und der es vergönnt war ihren Ruhm auch genießen zu dürfen. Morrissey und seine The Smiths huldigten ihr, indem er ihre Texte in seine Songtexte einbaute und sogar weiterführte. Das Plattencover zu „Louder than Bombs“ wird durch ihr Konterfei geadelt. Und doch ist Shelagh Delaney in Deutschland gänzlich unbekannt. Wie bei Asterix und Obelix gibt es einen kleinen Kreis von Menschen, denen Shelagh Delaney etwas sagt. Tobias Schwartz und André Schwarck gehören zu diesem erlauchten Kreis. Sie setzen der Autorin mit diesem Buch ein Denkmal, das hoffentlich dazu beitragen wird sie nicht noch einmal mit dem Staub des Vergessens zu bedecken.

„A Taste of Honey“ erzählt die Geschichte von Jo. Gerade einmal muss sie mit ihrer Mutter, einer Alkoholikerin und Prostituierten, wieder einmal umziehen. Ein schäbiges Loch, in dem es kalt und feucht ist. So wie in den dreckigsten Ecken von Salford bei Manchester, wo Shelagh Delaney 1938 geboren wurde. Trist wäre schon eine Euphemismus, um diesen Ort zu beschreiben. Jo und Hellen, ihre Mutter, liefern sich einen dauernden, wenig herzlichen Schlagabtausch, aus dem keine der beiden als Sieger hervorgeht. Jo hat zumindest noch ihr Leben vor sich, Helen hat ihres schon längst abgeschrieben. Peter, macht Helen einen Heiratsantrag. Nicht aus Liebe, sondern aus dem einfachen Grund sie ins Bett zu bekommen. Alle durchschauen die Szenerie auf Anhieb. Jo hält aber eine brennende Lunte, die sie aus diesem Elend herausführen kann, in der Hand. Sie hat einen Freund an der Hand, und bald schon die Frucht ihrer Liebe unter ihrem Herzen. So poetisch würden weder Jo noch Helen es niemals bezeichnen. Der Freund ist bald schon weg, das Kind da, und die Lunte erloschen. Geof ist dafür im Leben von Jo aufgetaucht. Er wird sich rührend um Jo und das Kind kümmern wollen. Ehrbare Absichten, doch Geof ist homosexuell. Zusammengefasst: Die Industriemetropole Manchester in den 50er Jahren, ein Teenager mit Kind – ohne Vater, eine alkoholkranke Prostituierte und ein schwuler Freund: Skandal! Die lebensnahe Sprache der Akteure macht „A Taste of Honey“ so nachvollziehbar. Kein britisches upperclass-understatement, sondern er Rotz der Straße lassen dieses Meisterstück erblühen. Als Leser muss man nicht viel Interpretationsarbeit leisten. Die fehlenden Schnörkel erledigen das auf beeindruckende Weise.

Das Vorwort von Tobias Schwartz führt den Leser auf das erwartende Gesamtwerk von Shelagh Delaney umfassend ein. Die folgenden acht Erzählungen bereiten den Weg für den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Die beiden Theaterstücke – es folgt noch „Der verliebte Löwe“, nicht weniger beeindruckend, jedoch weitaus erfolgloser als „A Taste of Honey“ – vollenden ein Buch, das es so im deutschen Sprachraum kaum gegeben haben dürfte. Vierhundert Seiten ungeschöntes, pralles Leben im Industriequalm erstickenden England. Und obendrauf ein Fürsprecher – Morrissey – dessen Texte auf einmal um einen weiteren Aspekt erweitert werden.

Die Lehmbauten des Lichts

Jedem den Jemen. So einfach lässt es sich leider nicht machen. Der Jemen gehört noch lange nicht zu den Top-Destinationen für Erholungssuchende. Schon gar nicht für die, die schon am Morgen im Pool ihr erstes Heineken-„Bier“ intus haben und sich am Büffet ein cholsterinwertversauendes Würstchen mit pappigem Rührei einverleiben. Es ist ein Land für Abenteurer oder Leute, auf Einladung von Kulturorganisationen im Land ein ausgedehnter Aufenthalt ermöglicht wird. Dann sollte aber auch darüber berichtet werden. Guy Helminger gehört zur letzten Sorte und hat seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. So nüchtern darf man sich diesem Buch aber nun auch nicht nähern. Denn Guy Helminger hat ein realistisches, gefühlvolles und lebensnahes Portrait eines Landes erstellt, das von der Geschichte und ihren Akteuren arg gebeutelt wurde. Im folgenden Jahr, 2020, begeht man – wie auch immer – den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung des Jemens. Damit sind die möglichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Land am Golf von Aden und dem Roten Meer aber auch schon erschöpft.

Erschöpft wirkt Guy Helminger nicht im Geringsten, wenn er davon berichtet wie er im Jemen ankommt, sich durch ein fremdes Land vorsichtig bewegen muss und es nach einigen Wochen wieder verlassen hat. Das war 2009. Bis heute haben sich die Nachrichtenmeldungen über das Land kaum verändert: Elend, Krieg und Hunger sind die Hauptschlagworte, wenn über das Land berichtet wird.

Lange suchen musste der Autor nicht, um seine Geschichten zu finden. Jeder, mit der durchs Land reiste, mit dem er faszinierende Orte besichtigte, sprach über Korruption. Ohne Bakschisch geht hier nichts. Was den Gesamteindruck von Land und Leuten nicht im Geringsten trübte. Denn so manche vermeintlich gefährliche Situation löst sich nach einigem Hin und Herr schnell in Wohlgefallen auf. Etwa bei einer Verfolgung wie in einem Agententhriller: Guy Helminger wird – wie so oft – von einem Fremden angesprochen. Er möchte jedoch nicht dessen Dienste in Anspruch nehmen. Helminger sieht wie der Verschmähte sich mit einem Anderen unterhält. Beide Männer verfolgen den Autor. Schon bald ist ein Dritter im Spiel und man trifft sich in einem dunklen Keller wieder – Geheimpolizei! Doch die haben sich nur gewundert, warum jemand so viel fotografiert.

Der Jemen ist heute – zehn Jahre nach Guy Helmingers Reise – immer noch kein Land, das zusammengewachsen ist, und in dem man als Tourist barrierefrei von A nach B kommt. Für die Menschen im Land, die mehr unter der Knute von Rebellen leiden als in den meisten Diktaturen der Welt, ist es ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Da scheint die Sehnsucht nach diesem Land, die in diesem Buch durchaus geschürt wird, wie ein unanständiger Wunsch.