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Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

55x verführt Bamberg

Urlaub planen in der Coronakrise ist wie in der Ladeschleife bei dürftiger Netzleistung zu hängen. Man wartet, dass endlich was passiert. Da freut man sich, wenn es Konstanten gibt, die einem die leidvolle Zeit in angenehmer Art und Weise irgendwie erträglich machen können. Bamberg zählt sicher nicht zu den Gewinnern der Krise – die gibt es nicht wirklich. Aber eine Stadt, die über Jahrhunderte so manche Krise gesehen und überlebt hat, kann so leicht nichts aus den Angeln heben. Schon ein einfacher Spaziergang durch die ehrwürdigen Gassen mit der beeindruckenden Architektur hilft über so manche Einschränkung hinwegzusehen. Doch wie weiter?

Markus Raupach weiß da Rat. Er ist Bamberger, hat hier studiert, arbeitet hier. Und er hat fünfundfünfzig Leggerlis zusammengestellt, die jeden Besucher verführen sollen. Vorab schon mal so viel: Es funktioniert! Denn selbst, wer Bamberg noch nicht kennt, ist schon nach dem einfach Durchblättern zwar kein Kenner der Stadt, jedoch um die Sehnsucht nach Bamberg reicher.

Auf über 240 Seiten breitet sich die Stadt an der Regnitz, die die Stadt zu umarmen scheint – schließlich gibt es hier den rechten und den linken Regnitzarm – vor dem Auge des Lesers, später des Betrachters, Besuchers aus. Wie die Tipps über die Kneipenszene momentan ausgelebt werden können, kann niemand voraussehen. Aber ohne die Tipps würde man das Eine oder Andere garantiert verpassen. Also, auch diese Kapitel sorgsam lesen!

Manchmal gibt das Buch gleich mehrere Tipps auf einmal. Die Altenburg ist seit Jahrhunderten (1109 wurde sie erstmals erwähnt) ein Blickfang und Abenteuerspielplatz für Groß und Klein. Der Blick vom Greifenklau-Biergarten ist wohl der Schönste auf das imposante Bauwerk. In dem hat sich zu Lebzeiten schon E.T.A. Hoffmann mit Graffitis verewigt. Bier, Burg – ein guter Einstieg Bamberg zu erobern.

Apropos Bier. Daran kommt man hier nicht vorbei. Das berühmte Rauchbier gehört zur Stadt wie der Eiffelturm zu Paris. Nur dass es in Bamberg wohl nicht so recht Zweifel gab, ob man es wirklich braucht. Selbst im so genannten Bierkrieg, wurde die Notwendigkeit nicht angezweifelt.

Auf dem Weg durch die Stadt werden einem immer wieder Skulpturen auffallen. Sie gehören zum Bamberger Skulpturenweg. Nicht alle Werke sind noch zu besichtigen, aber die wichtigsten sind im Buch mit Ort und Namen samt Künstler benannt.

Neben den fast schon versteckten Orten, die Bamberg so einzigartig machen, sind es aber vor allem die im strahlenden Sonnenlicht schimmernden Augenschmäuse, die Besucher nach Bamberg locken. Auch hier hat der Autor so manche Anekdote parat, die man sich gern noch einmal erzählt, wenn man rund ums prächtige Rathaus schlendert oder dem Naturkundemuseum einen Besuch abstattet.

Ein rundum gelungener Stadtreiseband, der nicht mehr verspricht als er hält. Ehrliche Recherchen in einer der beeindruckendsten Städte, die mit der Bahn dank ICE-Anbindung so einfach zu erreichen ist. Und dank dieses Buches nun kein Buch mit sieben Siegeln ist.

Logbuch

Mit dem Schiff die Welt erkunden hat in den vergangenen Jahren – wegen des massiven Überangebotes – einen bitteren Beigeschmack bekommen. Venedig droht deswegen vollends seinen Charme zu verlieren, Dubrovnik platzt durch die Besuchermassen aus den Nähten. Und dennoch ist die Begeisterung für die schwimmenden Kolosse und ihre Legenden ungebrochen. Das beweisen die unzähligen Buchtitel, die vom Hochglanzprospekt bis zur Wühltischware das gesamte Spektrum des Buchmarktes abdecken.

Doch ab und zu fallen Titel aus dieser Aufzählung, die durch ihren Gestaltung und Illustration selbst diejenigen erreichen, die bisher dem Schiffsbau nicht sonderlich zugeneigt waren. So wie „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“. Siebenundzwanzig Schiffe – erstaunlich wie viel man doch dem Namen nach kennt – und ihr Weg zur Legende werden auf ganz eigene Weise vorgestellt. Von einfachsten Schwimmfahrzeugen wie dem Surfboard über Kon Tiki, dem berühmten Floß Thor Heyerdahls über den nicht minder berühmten Fliegenden Holländer und die Arche Noah bis hin zur HMS Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, und dem Empire State Building – alles an Bord. Moment! Das Empire State Building? Was hat das denn mit Schifffahrt zu tun? Das einstmals höchste Gebäude der Welt hätte um ein Haar (genauer gesagt um vierzehn Meter) diesen Rekord verpasst. Mit einem Ankermast für Luftschiffe wie den Zeppelin konnte es sich aber um einige Meter mehr in den Himmel recken und verdiente sich so den ersehnten Titel. Tatsächlich, hier sollten mal Hindenburg und Co. einmal vor Anker gehen.

Die Texte zu den Schiffen sind in ihrem Anekdotenreichtum unübertroffen. Lucia, schallt es überall in Italien. Doch am Lago die Como hat dieser Name einen besonderen Ruf. Denn die idyllisch anmutenden Boote mit den drei Bögen, über die bei Bedarf der Sonnenschutz gezogen werden kann, heißen Lucia. Ihren Namen verdanken sie einer der berühmtesten Legenden Italiens. Einer Liebeslegende. Lucia und Renzo dürfen nicht heiraten, weil Don Rodrigo Lucia als seinen Besitz ansieht. Renzo macht die Leinen los und flüchtet mit seiner Lucia über die Wogen des Comer Sees.

Ein Schiff ganz anderer Art hat während des erzwungenen Exils Napoleon Bonaparte beschützt und bewacht. Die Insel Ascension. Hätte irgendjemand versucht den Feldherren von St. Helena zu befreien, hätte er an der vorgelagerten Insel vorbeigemusst. Dort warteten aber die Büchsen und Kanonen der Bewacher.

Lucia Jay von Seldeneck zeichnet für die Geschichten zu Geschichte der Schiffe verantwortlich, die dem Leser mal einen unverstellten Blick auf die Wasserfahrzeuge freigeben. Denn dahinter stehen auch immer Menschen und ihre Schicksale.

Die seitenfüllenden Zeichnungen von Florian Weiß sind mehr als nur eine Ergänzung der Texte. Mit feinstem Pinselstrich im maritimen Blau-Weiß gehalten erzählen sie für sich allein schon ganze Geschichten. Eine zweidimensionale Multimediashow, die einen sofort in den Bann zieht. Bötchen gucken auf allerhöchstem Niveau!

Sächsische Schweiz

Die Schweizer müssen doch verrückt werden! Überall, wo es Berge gibt, heißt es gleich Schweiz. Die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz sind die berühmtesten. In der Sächsischen Schweiz ist die höchste Erhebung aber gerade mal ein Achtel so hoch wie die höchste Erhebung der Alpenrepublik. Wobei es dort immer wieder Diskussionen gibt, welche denn nun diesen Titel tragen darf.

Dass die Sächsische Schweiz mit der originären Schweiz nur wenig zu tun hat, liegt aber nicht nur daran, dass kein Gipfel im vierstelligen Bereich auszumachen ist, sondern vor allem daran, dass sie wirklich einzigartig ist. Der Elbsandstein gab ihr den eigentlichen Namen, Elbsandsteingebirge. Für Kletterer ein Sinnesrausch erster Klasse. Für „normale“ Besucher ein Erholungsort, der je nach Anfahrtsweg gleich vor der Haustür liegt. Leider schafft es die Region nur bei Hochwassern regelmäßig in die Nachrichten. Wer schon einmal mit dem Zug gen Prag – oder in umgekehrter Richtung – gefahren ist, wird unmissverständlich in den Sog der Begeisterung gezogen, den die Landschaft unbestritten ausübt. Und mit der Festung Königstein gibt es hier einen Ort, der über die Landesgrenzen hinaus die Besucher in Strömen anzieht.

Doch das ist bei Weitem noch lange nicht alles, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Detlef Krell beweist detailreich, dass man hier durchaus mehrere Tage, Wochen, Monate zubringen kann ohne dass ein einziges Mal Langeweile aufkommen könnte.

Von den offensichtlichen Punkten, die man einfach gesehen haben muss, über teils verschlungene Pfade bis hin zu Orten, die man ohne grundlegende Ortskenntnisse und ohne dieses Reisebuch wahrscheinlich niemals entdecken würde, führt er ein in eine Region, die eine große Dichte an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Und um die man sie mancherorten sicherlich beneidet. Wie zum Beispiel die Gemeinde Rosenthal-Bielatal. Der Begriff Ruhefinden scheint eigens für diesen Ort erfunden. Oder die Umgebindehäuser im Weißbachtal. Der rustikale Charme lässt automatisch den Wanderschritt verlangsamen. Wen es nach so viel Erholung und Entschleunigung dann wieder in den Trubel der Stadt zieht, für den hat das Kapitel über die sächsische Landeshauptstadt so manche Überraschung im Reisegepäck.

Man kann die Sächsische Schweiz auch ohne Reisebuch erkunden. Immer der Menschenschlange folgen, sich einreihen und dann Aussichtspunkten warten bis man an der Reihe ist. Wer jedoch ungestört als Erster in der Reihe stehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Die Karten sind übersichtlich, die Tipps ausgeklügelt und sorgfältig ausgewählt.

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Die Annonce

Was erfordert mehr Mut? Eine Kontaktanzeige aufzugeben oder sie zu beantworten? Für Paul ist es das Erste, für Annette das Zweite. Er, der Bauer aus den einsamen Höhen der Auvergne. Sie, ein paar Jahre jünger, Aushilfskassiererin aus dem äußersten Norden. Man trifft sich. Zuerst abwartend, anständig Abstand haltend auf halber Strecke. Es passt, es könnte passen.

Beide haben ihren Rucksack zu tragen. Annettes ist voller Erinnerungen, die sie abladen will. Abladen muss. Denn da ist noch Èric, ihr Sohn. Den Vater kann man getrost vergessen. Das Blut, das in beider Adern fließt, ist bei Didier, dem Erzeuger, mit allerhand Alkohol verflüssigt.

Paul hingegen hat seinen emotionalen Rucksack immer vor Augen. Zum Einen seine Schwester, die den Hof in Schuss hält. Zum Anderen sind da noch die beiden Onkel. Die grauen Eminenzen des Anwesens, die sich in ihrer brüderlichen Einsamkeit eingerichtet haben. Das ist nichts für Paul. Einmal in der Woche mit dem Auto fahren, und das als das höchste der Gefühle – neben dem Fernsehprogramm – zu erachten … non! Paul will mehr. Er will eine Frau. Das mit den Kindern bekommen, naja, das wird wohl nichts mehr.

Annette wird Teil der Viererbande auf dem Hof. Willkommenskultur – Fehlanzeige. Jede Veränderung wird erstmal misstrauisch, ja fast schon missmutig begutachtet. Annette und Pauls Schwester und deren Onkel – das ist eine Gleichung, die nie aufgehen wird. Nur Paul ist als Korrektiv, als fester Punkt das Einzige, das Annette hier bleiben lässt. Und außerdem: Was soll sie denn oben im Norden? Da ist nichts, was sie hält. Eher vieles mehr, das sie forttreibt. Und für Èric ist diese verlassene Gegend allemal besser als das gewohnte rohe Umfeld.

Marie-Hélène Lafon lässt mit einem umfangreichen Wortschatz eine zarte Beziehung erblühen, die auf den ersten Blick jedem Gärtner die Tränen in die Augen treibt. Zärtlichkeiten und Liebkosungen weichen gehorsam der Rationalität der ewigen Ruhe in diesem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Wer von „Hier ist die Welt noch in Ordnung“ spricht, kennt den Hof von Paul, seiner Schwester und seinen Onkeln noch nicht. Man arrangiert sich, mit sich und mit dem Leben. Doch idyllisch ist die Gegend nur für Besucher. Es ist harte Arbeit den Hof am Laufen zu halten. Zwist, gar Niedertracht, verdunkeln nur allzu oft die Fröhlichkeit, die dieser Landstrich so gern kundtut. Die Beziehung zwischen Paul und Annette ist kein romantisch verklärtes Happyend-Stück, das die Herzen erwärmt. Ihre Beziehung bewegt durch die Sprachgewalt ihrer geistigen Mutter. Mit Distanz mit gleichzeitigem Tiefschürfen strahlt man über das ganze Gesicht, wenn Paul und Annette sich hier ein neues Leben aufbauen wollen.

Die Kunst den Mund zu halten

Unterteilt man die Menschen in die, die reden – ob nun aus Wissen oder Geschwätzigkeit heraus – und die, die schweigen – ob nun aus Unwissenheit oder Vorsicht – so hat es Joseph A. Dinouart geschafft, ein Buch für die gesamte Menschheit zu schreiben. Schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und Reden ist Silber. Beides Edelmetalle, beide sind wertvoll. Wie so oft im Leben, ist die Mischung von entscheidender Bedeutung.

„Die Kunst den Mund zu halten“ stammt aus der Zeit als die Aufklärung für sich in Anspruch nahm, die Welt erklären zu können und sie verändern zu können. Ein Alleinvertretungsanspruch sozusagen. Ein Kampf der Eloquenz gegen das Bauchgefühl. Mehr als zweihundert Jahre sind seit der Erstveröffentlichung nun vergangen und noch immer kann man sich den einen oder anderen Ratschlag zu Herzen nehmen. Doch Vorsicht: Nur, weil man den Mund hält, heißt das noch lange nicht, dass man auf die Siegerstraße eingebogen ist, an deren Ende der Lorbeerkranz wartet.

Man stelle sich vor Einstein hätte geschwiegen. Oder Aristoteles. Dann hätte auch Dinouart schweigen müssen. Es ist eine verzwickte Situation. Schweigen, um dem Anderen die Argumente zu nehmen. Und Reden, um den Schweigenden selbiges anzutun. Was war zuerst da? Das Wort oder das Schweigen?

Wer nun denkt die Schrift Dinouarts mit einem Handstreich ad absurdum führen zu können, irrt. Auch Dinouart weiß, dass Schweigen nicht das Allheilmittel gegen Ignoranz und für Frieden und Wohlbefinden ist. Es ist die Mischung – wie so oft im Leben – die eine Theorie handhabbar macht. Zum Einen muss man wissen, ob der Gegenüber auf gleichen Niveau agiert wie man selbst. Dann erübrigen sich überflüssige Worte von ganz allein. Hat man das Gefühl seinen Ausführungen ein größeres Maß an Erläuterungen beizumischen, ist das nicht nur legitim, sondern essentiell wichtig.

Band Vierzehn der Schlaflosreihe ist sicher keine reine Bettlektüre, die einem einen ruhigen Schlaf beschert. Je nach Ausgangslage kann man darüber amüsieren oder bis ins Mark darüber ärgern. Was man nicht machen sollte, ist Buch und Autor komplett zu verteufeln. Oder gar zu behaupten, dass zweihundertfünfzig Jahre ausreichend seien, um solch eine Schrift heutzutage nur noch als nostalgisches Geschreibe zu bezeichnen. So sorgfältig wie man seine Worte wählen sollte, so sorgfältig sollte man auch denjenigen aussuchen, den man dieses Buch zum Geschenk macht. Denn der Titel allein könnte – nein er wird! – für Verwirrung sorgen.

Der Dreispitz

Irgendwo im beschaulichen Teil Andalusiens. Nicht weit von Jerez. Da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da lebt der Müller Onkel Lucas. Alle mögen ihn. Die Sympathie in Person. An seiner Seite: Señora Frasquita. Der Liebreiz in Person. Ihr steigen viele nach, noch mehr wollen es. Doch sie hat nur Augen für ihren Müller. Der Altersunterschied, die offensichtliche Kluft in ihrer beider Aussehen, hindern sie nicht ein Leben zu führen, das ganz allgemein mit Glück bezeichnet werden kann. Im Hof ihrer Mühle setzt man sich gern im Schatten zur Ruhe und lässt den Herrn über sich wachen.

Ein neuer Bürgermeister wird schon bald die Idylle des Ortes zerklüften. Don Eugenio Zuñiga y Pence de León – allein schon der Name lässt so manchen „Untergebenen“ erschaudern – hat mehr als nur ein Auge auf die hübsche Frasquita geworfen. Doch ihr imponieren weder das pfauenhafte Getue des Oberen noch seine sorgsam ausgewählte Kleidung noch sein Werben. Vielmehr bereitet es ihr einen gewissen Spaß den Beamten zu foppen, während ihr Gatte im Blätterwerk der Weinreben die Szenerie beobachtet.

Ein weiterer Spieler in dieser auf einer historischen Legende beruhenden Geschichte in Garduña, der Dorfpolizist. Einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Ein Günstling, der schon drei Bürgermeister erlebt hat und schon deswegen für sich in Anspruch nimmt Recht und Gesetz mehr als nur zu verkörpern.

Durch eine List wird der Onkel Lucas, der Müller des Nachts aus seinen Gemächern, vom Hof, aus dem Ort gelockt. Bahn frei für den Frontalangriff auf das Objekt der Begierde: Señora Frasquita! Doch der Angriff schlägt fehl. Anfänglich wiegt man sich in Sicherheit, doch im Nachgang wird alles, was hier einmal zur festen Grundordnung gehörte, über den Jordan geschickt. Getreu dem Motto: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Und das gilt für alle Beteiligten!

Pedro Antonio de Alarcón schreibt als Erster dieses kleine Verwirrspiel auf. Die Idee ist nicht seinen Hirnwindungen entsprungen. Über eine lange Zeit hinweg wurde diese Geschichte mündlich weitergegeben. Doch alle Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden wie die Moral der handelnden Personen. Ihm verdanken wir also diese zauberhafte Geschichte, die dem Leser den Schlafsand aus den Augen treibt. Bevor die letzte Seite nicht gelesen ist, kann man eh nicht einschlafen. So viel ist garantiert. Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, kann beruhigt sein. Es ist kein böser Geist, der einem da die Gedanken durcheinander zu wirbeln scheint. Manuel de Falla hat die Geschichte in einem Ballett verarbeitet, das vor über einhundert Jahren mit dem berühmten Balletts Russes Premiere feierte. Die Bühnenausstattung inkl. der Kostüme entwarf niemand Geringeres als Pablo Picasso.

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…

Tage mit Felice

Ein kleines Tal im Tessin. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Kaum Touristen, kaum Fremde, die mit ihrer Funktionskleidung ihrem ökologischen Gewissen frönen. Hier lebt der Erzähler. Hier lebt auch Felice. Ein Eigenbrödler, einer, der sich seine eigen Welt geschaffen hat, nachdem er die Welt gesehen hat. Bei Weitem kein Weltenfremdler. Er weiß sehr wohl, was vor sich geht. Er hat ein Auto und eine Melkmaschine. Ernährt sich vegetarisch – ohne das obligatorische, schulmeisterhafte „streng“ davor zu setzen. Doch sein Weg ist nicht der der Anderen. Wenn alle in der Kälte bibbern, läuft er barfuß durch die Wälder. Badet nackt im eiskalten Wasser eines Baches.

Dem Erzähler ist Felice vertraut. Auch die Geschichten, die sich um ihn ranken, sind ihm bekannt. Was wahr ist und was Fiktion, ist erst einmal egal. Er fragt Felice, ob er ihn nicht mal ein paar Tage begleiten dürfe. Ein bisschen mürrisch, nicht abweisend, aber auch nicht einladend, stimmt Felice zu. Und schon sitzen beide im eiskalten Wasser. Felice erzählt nicht viel, doch wenn man ihn fragt, gibt er Auskunft.

Es ist ein karges Leben, es reicht vorn wie hinten allemal. Kein Grund zur Klage. Worüber denn auch?! Dass das WLAN nicht funktioniert? Wozu? Es gibt genug – Wichtigeres – zu tun. Kaki pflücken zum Beispiel. Oder auf Latschenkiefertrieben herumzukauen. Die sind gesund und halten einen am Leben.

Ein prall gefülltes Leben wie man es in der Stadt zu tun pflegt, sucht man in dieser Idylle vergeblich. Wenn man es sucht. Warum soll man nach etwas suchen, das man nicht vermisst oder gar kennt? Alltagstrott kennt man hier nicht. Jeder Arbeitsschritt ist vorgegeben, notwendig, nicht wert darüber nachzudenken. Man tut, was man tun muss. Aufregung gibt es keine. Erst zum Schluss, als der Erzähler noch einmal mit Felice unterwegs sein will…

Fabio Andina versteht es mit zärtlicher Sprache eine Welt in den Fokus zu rücken, sie man so nicht auf den ersten Blick erwartet. Felice mag ein Unikum sein. Aber keines, dem man aus dem Weg geht. Mit ihm ein Stück des Weges, den man Leben nennt, zu gehen, ist ertragreicher als so manche Erde, die dauerhaft gedüngt ihre Kinder in die Regale der Zivilisation entlässt. Schritt für Schritt taucht man in die Bergwelt ein wie sie wirklich ist. Es braucht nicht viele Worte, um zu verstehen, dass Zufriedenheit ein dehnbarer Begriff ist. Wenn man schon mit dem Namen Felice – der Glückliche – bedacht wurde, kann das Leben einfach nur gut zu einem sein. Fast bis zum Schluss, zumindest in Felices Fall.

Ein zauberhaftes Buch über Freundschaft und Zuneigung zum Leben, die einfachen Dinge des Lebens und echte Liebe zur Natur.