Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Überall Verwüstung. Abends Kino

Eine Heimkehr ist ein anderes Abenteuer als eine Flucht. Das Unbekannte holt Erinnerungen hervor, fühlt sich wohlig an. Als Ré Soupault mit Ihrem Mann Philippe, der 1942 von der Vichy-Regierung verhaftet wird, ist ihr Kampf gegen den Faschismus nur aufgehalten. Denn sechs Monate später werden er und seine Frau in die so genannte provisorische Freiheit entlassen. Nur knapp (einen Tag später und alles wäre mit großer Sicherheit vorbei gewesen) entkommen sie der einrückenden Wehrmacht.

Doch die USA sind nicht das Land der erhofften Glücks. Ré und Philippe trennen sich. Ein Jahr nach Kriegsende ist Ré zurück in Paris. Für den Lebensunterhalt muss Ré Soupault hart arbeiten. Erst in Basel wird das Leben erträglicher. Im September 1951 begibt sie sich auf eine Reise durch Deutschland. Mit einem Vélosolex fährt sie durch ein Land, das sich verändert hat. Ihr Gefährt ist ein Fahrrad mit einem Hilfsmotor, der mit einem Verbrennungsmotor das Vorderrad antreibt bzw. den Antrieb unterstützt. Dass der ab und zu mal den Geist aufgibt … eine Randnotiz im Vergleich zu dem, was Ré Soupault sonst noch zu sehen und zu hören bekommt.

Ihr Reisetagebuch – die Reise dauerte knapp sechs Wochen – ist ein Zeugnis der Nachkriegszeit mit den Sinnen einer Frau, die die Repressalien selbst erlebte, die aber mehr Glück hatte als viele ihrer Landsleute und die aus der Ferne die Befreiung der Heimat verfolgen durfte. Wieder zurück muss sie feststellen, dass die Mauern in den Köpfen noch nicht abgebaut sind. Noch immer beäugen sich beispielsweise im Saarland Deutsche und Franzosen mit Argusaugen. Sie hat mehr Verständnis für die Ursachen als man meinen möchte. Das ist sicherlich der jahrelangen räumlichen Distanz geschuldet. Und vor allem der Unvoreingenommenheit, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat.

So nimmt sie wie selbstverständlich wahr, dass der Schmuggel mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein Teil des Lebens ist wie die Tatsache, dass sie in Bayern nur schwer ein Hotelzimmer ergattern kann. Denn in den Gästezimmern übernachten die angehörigen der Gefängnisinsassen, allesamt ehemalige Machthaber der dunkelsten Zeit.

Ré Soupault war nur wenige Wochen in Deutschland unterwegs. Zwischen der Sorge um folgende Arbeitsaufträge, aktuellen Recherchen, Hindernissen mit dem Gefährt und der Wegstrecke schafft sie es ganz beiläufig ein aktuelles Bild Deutschland zu zeichnen, das sie schonungslos dem Leser offeriert. Und es zeigt vor allem wie schnell man sich mit jedweder Situation abfindet bzw. ihr das Beste für einen selbst abgewinnt.

Verfallene Orte in Wien

Wien ein einzigartiges Attribut zu verleihen, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Die Schöne, die Elegante, die Historische. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Doch die Verfallene, darauf kommt keiner, der jemals zwischen Hietzing und Donaustadt unterwegs war. Und dennoch gibt es sie, die verlassenen Orte, die scheinbar dem Verfall preisgegeben werden. Lost places, verfallene Orte, Abenteuerspielplätze für eine neue Art von Geschichtsjägern.

Und manchmal sind diese Orte einfach nur leerstehende Gebäude, die nur darauf warten wieder entdeckt zu werden. Wie das Theater am Mittersteig im Vierten. Es fällt spärliches Licht auf den Saal, wo einst das gespannte Publikum den Filmaufführungen entgegenfieberte. Eine Staubschicht bedeckt den Boden. Restmüll hat der Wind hineingeweht. Vor etwas mehr als einhundert Jahren erbaut, strahlt die Größe immer noch einen gewissen Glanz aus. Nach dem Kriege vergnügten sich hier nur kurz fesche Madeln mit den GIs. Der Kinoboom der Folgejahre hielt nur reichlich zwei Jahrzehnte. Die Logen wurden entfernt. Die Stuckarbeiten mit grässlich-hässlichen Platten verkleidet. Eine Boxhalle wurde aus dem Theater der Träume – so groß ist der Wandel dann auch nicht gewesen…

Heute haben einige der Figuren, die einst die Wände und Decken zierten zerschlagene Nasen. Ironie der Geschichte? Das Theater wieder so herzurichten, dass ein lohnenswerter Kulturbetrieb (der nüchterne Sachton ist in diesem Fall mehr als angebracht) vonstatten gehen könnte, ist fast illusorisch. ABER: Für Stadtabenteurer, die dem Charme des Verlassenen, des Verfallenden anheimgefallen sind, gehören solche Orte zum Standardrepertoire. Denn hier gibt es auf engstem Raum mehr zu sehen als in so manchem Museum.

Ein abgebranntes Restaurant, aus Sicherheitsgründen bald nach der Katastrophe abgerissen, Tiefbunker, und selbst so (thematisch) naheliegende Orte wie der St. Marxer Friedhof sind wahre Fundgruben, um jüngere Geschichte erlebbar zu machen.

Die beiden Autoren / Fotografen machen sich gern die Finger schmutzig, um in aussagekräftigen Bildern die Vergangenheit zu konservieren. Den nur, weil etwas nicht mehr da ist, muss es ja nicht verschwunden sein. Ohne Geschichte kein Jetzt, und erst recht kein Morgen. Nicht viele Orte sind – nicht ganz ohne Aufwand – besuchbar. Die meisten jedoch verstecken sich hinter Riegeln und Schlössern, dicken Mauern, Absperrungen. Zum Glück gibt es Bücher wie dieses, um die versteckten Juwele der Zeit doch noch ans Licht zu bringen.

Oroonoko

Der Erste wird der Nachwelt immer in Erinnerung bleiben. Weil er der Erste war, den Trend gesetzt hat, Türen aufgestoßen und Barrieren nieder gerissen hat. Demzufolge ist Aphra Behn eine der berühmtesten Autorinnen der Welt. Und weil sie ein Buch wie dieses geschrieben hat, dass Mädchen und Frauen wie Jungens und Männer gleichermaßen anspricht, wird sie auch nie in Vergessenheit geraten.

So viel zur Theorie. Die Realität sieht anders aus. Noch! Denn endlich wird sie wieder entdeckt. Die erste Frau, die vom Schreiben leben konnte. Die erste professionelle Autorin. Geboren wurde sie 1640. So lange ist das schon her. Und ihre Geschichte, die des Prinzen Oroonoko (kein Schreibfehler, es geht nicht um den Fluss Orinoco, obwohl der zweite Teil des Buches gar nicht so weit davon entfernt ist, na ja, zumindest auf dem gleichen Kontinent) ist wahr, nach Bekunden der Autorin.

Coramantien ist die Heimat des starken, gut aussehenden, heldenhaften Oroonoko. Heute ist es ein Teil Ghanas. Er ist der Enkel des Herrschers und wird mangels männlicher Nachfahren einmal den Thron erben. Fast wäre er bei einem Angriff ums Leben gekommen. Doch ein getreuer General warf sich in die Flugbahn des vermeintlich tödlichen Pfeils und verlor dabei Augen- und Lebenslicht. Nun will Oroonoko sich bei den Hinterbliebenen des Generals für die generöse Geste entschuldigen und die erbeuteten Sklaven als mildernde Gabe darreichen. Doch soweit kommt es gar nicht. Denn die Tochter des Generals, Imoinda, lässt in ihm den Ehrenmann erwachen. Oder anders gesagt: Er verknallt sich von einem Moment auf den anderen in die ihm durchaus nicht abgeneigte Schönheit. Jetzt nimmt das Drama seinen Lauf. Denn auch der alte König hat ein Auge auf Imoinda geworfen. Durch einen Hinterhalt gerät Oroonoko auf ein Sklavenschiff, das ihn nach Surinam bringt. Damals englische Kolonie. Die Einheimischen wurden zu dieser Zeit nicht versklavt. Man trieb mit ihnen Handel und respektierte ihr Wesen. Durch einen weiteren Zufall kommen die beiden „Königskinder“ wieder zusammen. In Surinam. Oroonoko ist ein geachteter Mann, zwar Sklave, aber mit einigen Privilegien. Seine erhabene Art, sein Auftreten, seine Kraft und auch sein auffallendes Äußeres lassen ihn so manche Schande umschiffen. Er und Imoinda sind wieder ein Paar. Sie ist sogar schwanger. Doch wiederum stehen die Zeichen auf Sturm. Es soll einfach nicht sein…

Aphra Behn lebte zeitweise in Surinam. Sie kannte Oroonoko und schrieb seine Geschichte auf. Alles echt? Irgendwas zwischen ganz sicher und einem stabilen Vielleicht. Sie kannte den Prinzen. Auch seine Geschichte. Dass sie sie niederschrieb war ein Skandal. Noch wagte es jemand gegen die Sklaverei so unverhohlen zu schreiben. Und dann auch noch eine Frau! No, no, no! Erst Jahrhunderte später wurde ihr Werk neuentdeckt. Für Virginia Woolf und die Weltreisende Vita Sackville-West – ihr aufschlussreiches Essay über ihr Idol rundet diese Ausgabe ab – war Aphra Behn Anregung genug selbst zur Feder zu greifen bzw. sie behände zu schwingen. Noch einmal wird die Pionierin unter den Schriftstellerinnen nicht in Vergessenheit geraten.

Sizilien

Wenn etwas groß, richtig groß, ist, dann sollte man sich etwas mehr Zeit nehmen, um genau hinschauen zu können. Und das immer wieder. Dann wird man auch immer wieder was Neues entdecken.

So verhält es sich auch mit Sizilien. Es ist die größte Insel des Mittelmeeres. Hinschauen lohnt sich. Nicht nur, wenn der Ätna des Nachts ein Rot in den tiefschwarzen Himmel speit – was ohnehin wohl zu den größten Naturschauspielen weltweit gehört – sondern auch wenn die sengende Sonne das Land zu lähmen scheint. Auf einer Terrasse in Noto die rosa Stadt auf sich wirken lassen oder zwischen Überresten und Hinterlassenschaften von dutzenden Jahrhunderten spazieren im Valle die Templi bei Agrigent. Literaturaffine Besucher werden hier auch die Handlungsorte der Bücher von Andrea Camilleri suchen und zahlreich finden. Oder man schlendert über den Markt von Palermo, den Mercato Ballaro. Wenn man sich damit abgefunden, dass das, was da so verführerisch die Nase umweht, in unseren Breiten ohne nachzudenken in der Tonne landet, weil man es verlernt hat es zu genießen, wird dieser kulinarische Trip zu einem Ereignis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Thomas Schröder zieht schon zum elften Mal den Leser in den Bann der abwechslungsreichen Insel in der Mitte des Mittelmeeres, vom Mittelmaß so weit entfernt wie es nur vorstellbar sein kann. Hier liegt ein Reiseband vor, den man wie einen Roman liest. Das vielbeschworene Gesetz des Schweigens ist außer Kraft gesetzt. Denn der Faszination Siziliens kann man sich einfach nicht entziehen. Auch in Corleone nicht. Dem Ort, mit dem Film- und Buchfreunde das typischste aller Sizilien-Klischees in Verbindung bringt. Hier wurde der Pate geboren, die Hauptfigur aus dem Mafiaroman von Mario Puzo. Der Ort selbst hadert nicht mehr mit seiner Vergangenheit. Das Thema wurde nicht zum Alleinstellungsmerkmal erkoren, es ist ein Teil der Stadt. Mehr aber auch nicht. Denn als der letzte Pate des Corleone-Clans, Bernardo Provenzano verhaftet wurde, ging ein weltweit spürbares Aufatmen durch die Bevölkerung. Das Vorurteil der ehrenwerten Herren geriet zum Mythos, den die, die ihn erlebten mussten, schon viel früher ins Reich der Mythen gewünscht hätten.

Sizilien ist keine Insel, die man bei einem Besuch komplett erfassen kann. Man muss schon öfter vorbeischauen und tiefere Einblicke zu erhalten. Die einzige Konstante dieser Reisen wird dieses Reisebuch sein. Kleine Anekdoten in farbigen Kästen, zahlreiche Abbildungen, detaillierte Kartenausschnitte, unzählige Tipps für alle, alle!, Sinne, und die anschaulichen, leicht nachvollziehbaren Routenvorschläge lassen die Vorfreude ins Unermessliche steigen, vor Ort ein Dauergrinsen im Gesicht der Besucher manifestieren und im Nachgang eine unvergessliche Zeit wiederauferstehen. Und nicht zu vergessen: Ohne dieses Buch wird die Planung für den garantierten nächsten Besuch fast schon unmöglich.

Gute Nacht, Tokio

Wenn man nachts durch die Straße kurvt, kann man einiges erleben. Doch meist bleibt es bei ein paar aufgemotzten Luxuskarossen, deren übermütige Fahrer übermotiviert Reifen durchdrehen lassen und einen nervösen Hupdaumen haben. Das Nachtleben der Einfallslosen!

Tokio, nachts um ein Uhr. Shinjuku ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Neonröhren erhellen die Gassen und Gassen, die auch schon mal voller waren. Einzelne Taxis befördern Menschen von A nach B. Manche sind auf dem Weg in die Federn. Andere sind auf der Suche nach dem Glück. Ganz andere arbeiten. Nicht nur die Taxifahrer. Mitsuki zum Beispiel sucht eine Biwa, das Obst. Braucht man unbedingt, jetzt um diese Uhrzeit, ein Uhr nachts. Ja, braucht man. Wenn man beim Film arbeitet und der Fundus einfach keine Biwa parat hat. Sie kennt den Fundus in- und auswendig. Doch ein Biwa, das Obst, hat sie da noch nie gesehen. Wie sehen die überhaupt aus?, fragt sie sich. Pflichtbesessen, setzt sie sich ins Taxi. Ihr Freund gibt ihr einen Tipp, wo sie welche finden kann. Eigentlich wollte sie ihn schon längst in die Wüste schicken. Sie braucht keinen Freund, der ihr am Rockzipfel hängt. Doch nun ist er ihr Retter in der Not. Kaum an der Allee mit den ersehnten Früchten angekommen, steht da schon jemand. Sie klaut Biwas wie selbstverständlich. So was passiert nur in Tokio, nachts um ein Uhr.

Blackbird. Hier trifft sich die Nacht. Hier sammeln sich die, die um ein Uhr nachts in Tokio dem Schlaf die kalte Schulter zeigen. Hier fahren sie Taxis, um den Träume(r)n Zeit zu verschaffen. Eine Telefonseelsorgerin kann immer noch verblüfft werden, wenn des Nachts die Telefonbox entsorgt werden sollt. Schauspieler, die ihre Karriere noch vor sich haben hängen Träumen hinterher, die sie besser leben sollten. Und mittendrin Matsui, Taxifahrer, Seelsorger, neugieriger Chauffeur, ortskundiger Navibenutzer – kur: Der Knotenpunkt all derjenigen, die nachts um ein Uhr in Tokio das Bett nicht finden.

Atsuhiro Yoshida entwirft Schicksale, die sich perfekt in die Kulisse der Millionenmetropole Tokio einfügen. Sie sind anonyme Gestalten, die unerkannt an einem vorbeihuschen, wenn die Spots der Scheinwerfer schon wieder das nächste Opfer jagen. Doch sind sie es, die Tokio zur pulsierenden Stadt machen. Ohne sie würde etwas fehlen. Der erwartete Perfektionismus weicht um ein Uhr nachts der Verzweiflung im Dunkeln. Der Autor hat auch das Cover gestaltet. Des Nachts vielleicht als er nicht schlafen konnte???

Simplissime Sizilien

Es gibt zwei Arten von Reisebüchern, die man im Urlaub dabei haben muss. Die Einen sind die extra starken, bei denen man das Gefühl hat, dass der Autor jeden Stein extra umgedreht hat und jeder Grashalm die Richtung zum nächsten Hotspot weist. Die Anderen sind die kleinen Reisebände. Kurz und knackig geben sei dem Unwissenden vor Ort die nötige Hilfestellung, um bloß nichts zu verpassen. Und trotzdem muss man ständig Hin- und Herblättern, um nicht in der Fülle der Informationen unterzugehen. Dann wird aus der schönsten Zeit des Jahres die schlimmste Zeit fernab der Heimat. Wer will das schon?!

Hier haben sich die Macher größte Mühe gegeben jeden größeren sehenswerten Ort auf der größten Insel des Mittelmeeres so informativ wie möglich auf einer Doppelseite dem Besucher näherzubringen. Und es klappt! Zwei Touren durch das zauberhafte Sizilien warten nur darauf, dass dem Reisenden das Wasser nicht nur aus den Poren rinnt, sondern im Munde zusammenläuft. Einmal der Osten samt Ätna, und zum Anderen der Westen mit Palermo als Ausgangspunkt. Knappe anderthalb Wochen sollte man pro Reise einplanen. Wer also in dieser Zeit so viel wie möglich sehen und erleben will, Sizilien als Eroberungssehnsuchtsort erkoren hat, sich die Hosentaschen aber nicht mit dicken Reisetipps voll stopfen möchte, braucht einen praktischen Reiseführer. Am besten den Besten der Welt. Nur unwesentlich dicker als ein Stück Butter, und auch geringfügig leichter als eben dieses. Die besten Grundvoraussetzungen für Tage und Wochen voller Ereignisse, gepaart mit dem guten Gefühl nichts verpasst zu haben.

Jeder Ort, Palermo, Cefalu, Taormina, Agrigent, Ragusa, Noto, Catania wird auf mehreren Seiten grundsätzlich dargestellt. Pro Doppelseite gibt es das volle Infoprogramm, das keine Wünsche offen lässt. Mal eine kleine Bäckerei, mal eine ortsübliche Gepflogenheit, mal der Aussichtspunkt, den man sich (leider) mit vielen Anderen teilen muss, weil er einfach zu eindruckvoll ist. „Einfach los!“ heißt es im Untertitel des Bandes. Und genauso kann man es auch tun. Zahlreiche Abbildung und kurze Infotexte liest man sich im Flieger gen Süden durch, macht sich Notizen – auch dafür ist im Buch ausreichend Platz – und schon kurz nach dem Auschecken kann das Abenteuer Sizilien starten.

Es gibt kleinere und leichtere Reisebücher, die verschweigen aber schon am zweiten Tag wichtige Informationen. Das ist der Fluch der Kompaktheit. Die neue Reihe Simplissime schafft tatsächlich den Spagat zwischen umfassender Information und Reisetauglichkeit unter einen Hut zu bringen. Wer schnell viel erleben will, ohne ewig im Netz nach dem Weg zu surfen oder permanent in Büchern nach der nächstgelegenen Attraktion suchen will, tut sich selbst etwas Gutes, indem mit diesem Buch reist.

Inselabenteuer Mallorca

Malle und Abenteuer – ja, das geht auch am Ballermann. Dreiunddreißig Möglichkeiten sich auf abenteuerliche Weise zu blamieren, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten und dem Körper übel mitzuspielen. Aber dafür braucht man kein Buch, nicht einmal nachdenken muss man dabei.

Bleiben wir noch ein bisschen beim frivolen Klischee der Baleareninsel. Wie wär’s denn mit Entenhintern und rotem Blitz? Kurz nachdenken. Nee, kommt man nie drauf! Die Rede ist zunächst einmal von Entenhintern-Orangen. Auf einer kleine Plantage im Nordwesten der Insel reifen sie prächtig und in überschaubarer Menge. Die Eigentümer führen Interessierte gern herum und lassen die aus den Früchten entstandenen Produkte gern probieren. Den Rucksack kann man sich anschließend mit allerlei einzigartigen Mitbringseln füllen. Hier gibt es sogar Bäume, die mehrere Sorten Orangen tragen. Und mit dem roten Blitz, einer betagten Bahn geht es dann bis in die Inselhauptstadt Palma.

Eine lukullische Besonderheit gibt es auch beim Schneckenkönig. Ja, Schnecken, kann man essen, auch wenn der Kopf sagt, dass man davon lieber die Finger lassen soll. Dann nimmt man eben den Mund! Auf einer Farm werden sie gezüchtet und gegrillt oder in einer leckeren mallorquinischen Sauce serviert. Wer sich immer noch nicht traut, der nimmt halt den Nachtisch. Der wird mit einer Puderzucker-Schnecke serviert. Wie das aussieht, muss man allerdings selbst herausfinden.

Ein echtes Abenteuer (wie im Film, wie in den Abenteuerbüchern der Kindheit und Jugend) ist der Weg zu wahrhaft gigantischer Kunst. Riesige Skulpturen, die mehr an die Osterinseln erinnern als ans westliche Mittelmeer, wollen erobert werden. Doch zuvor hat der Reisegott die nicht ganz offensichtliche Anreise, sprich den Weg dorthin, gesetzt. Da muss man schon mal den einen oder anderen Zweig beiseite biegen und so manche Pflanze sich Untertan machen. Aber das Ziel entschädigt für die Strapazen. Stein auf Stein, wie im Maya-Reich oder doch Angkor Wat oder eben die Osterinseln? Wie so vieles auf Mallorca, so haben auch diese Kunstwerke deutsche Wurzeln. Rolf Schaffner schuf diese überdimensionalen Gestalten, die man in kleinen geführten Erkundungen besichtigen kann.

Raus aus der Stadt, rauf auf die Insel. Für Autor Frank Feldmeier ist Mallorca seit fast zwanzig Jahren Heimat und Arbeitsstätte. Auf jeder Seite spürt man das Meer rauschen und die unbezwingbare Liebe zur Insel. Hier ist kein einziger Tipp von der Stange. Alles selbst erkundet, getestet und der Leserschaft zum Nacherleben auf dem Silbertablett präsentiert. Hier muss keiner kapitulieren, wenn es mal nicht sofort weitergeht. Schritt für Schritt erobert man eine Insel, die längst als weißfleckfrei gilt. Frank Feldmeier beweist, dass es hier tatsächlich noch Flecke gibt, die den Massen verborgen geblieben sind.

Drei daneben

Fangen wir ganz vor an. Beim Titel. Nein, auf dem Bild ist nicht Terry Jones abgebildet, der als marodierende alte Lady eine englische Kleinstadt terrorisiert und Babies aus Kinderwagen klaut.

Es folgt eine ungewöhnlich lange Einführung in das, was auf den folgenden Seiten Herz und Hirn des Lesers aufs Vortrefflichste animieren wird. Nicholas Hytner, Theaterbetreiber und Regisseur wurde wenige Tage nach Beginn des Lockdowns in Großbritannien gebeten die „Talking Heads“ von Alan Bennett für die BBC neu zu inszenieren. Unter den gegebenen Umständen eine willkommene Abwechslung. Unter den gegebenen Umständen auf alle Fälle umsetzbar. Unter den gegebenen Umständen ein probates Mittel, um drohenden Wiederholungsexzessen vorzubeugen. Er gibt darin ein sehr direktes Bild von Produktionsbedingungen der Gegenwart wieder. Als Freund von Alan Bennett könne er ihn auch davon überzeugen selbst wieder tätig zu werden und die Erfolge der „Talking Heads“ (nicht der Band, sondern der BBC-Serie) noch einmal aufleben zu lassen.

Die Texte von Alan Bennett erschüttern nicht von Anfang an den Leser. Es sind Alltagssituationen, die vielleicht nicht jeder selbst durchlebt, aber auf alle Fälle kennt jeder jemanden, der so agiert. Die Fassade muss auffallen. Was dahinter passiert, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Da sitzt eine trauernde Witwe vor dem digitalen Publikum, um ihre Trauerrede auf den verblichenen Gatten zu üben. Nun haben wir in der Covid-Zeit gelernt, dass virtuelle Treffen sich durchaus für peinliche Momente eignen können. Doch in diesem Falle ist peinlich noch ein sehr mildes Urteil…

Alan Bennett versteht es vorzüglich dem Volk aufs Maul zu schauen und seinem Treiben durchaus ein Schmunzeln abzuringen. Das Scheitern als Chance doch noch halbwegs unbeschadet aus der Situation herauszukommen, gibt ihm die Möglichkeit Unzulänglichkeiten aufzudecken und der Peinlichkeit einen Riegel vorzuschieben. Zwischen den Zeilen offenbaren sich die Männer und Frauen, die Alten und die Jungen, die Gebrechlichen und die Starken als Abziehbild einer Gesellschaft, die denen die geblendet werden wollen, das Paradies verspricht. Ein Spielverderber ist Alan Bennett dennoch nicht. Denn diejenigen, die sich selbst treu bleiben, zaubert ein Lächeln ins Gesicht, das jeden Antagonismus der Zeit ad absurdum führt.

Berlin außenrum

Dass Berlin immer eine Reise wert ist, dass hier (zwar niemals ungestört, doch) immerfort etwas Neues entdecken kann, was beim letzten Besuch noch nicht da stand, ist mehr als nur eine Annahme und zweckmäßige Werbung für Berlin. Und dass es drumherum, außenrum nur Wasser gibt, man nur Beine und Seele baumeln lassen kann, gehört ins Reich der Fabeln. Denn außenrum, gibt es mindestens genauso viel zu erkunden, wie mittendrin. Gabriele Tröger und Michael Bussmann müssen’s wissen, schreiben darüber und überlassen nun dem Leser die Qual der Wahl.

Fangen wir janz eenfach an, mit’m Museum. Museum geht immer. Berlin hat unzählige davon. Und außenrum? Naja, man muss schon wissen, wo man suchen muss. Beeskow. Der Ort südöstlich von Berlin, auf halber Strecke nach Polen, wird vielleicht noch Paddlern was sagen. Aber Kunst in Beeskow? Ja, sogar ganz große Kunst. Aus der DDR. Auftragsarbeiten – Moment mal, das ist kein Grund die Nase zu rümpfen. Renaissance-Künstler haben auch nicht einfach mal so gigantische Statuen aus dem Marmorblock gemeißelt, weil sie gerade nichts zu tun hatten. Die haben auch auf den Kontostand kieken müssen. Von der Burg Beeskow, ’ne Burg hamse och, gelangt man auf die Spreeinsel. In dem zweckmäßigen Bau verbirgt sich ein Schatz mit über tausend Werken von Walter Sitte bis Walter Womacka mit Bildern von Marx bis Thälmann. Wer das alles noch „live erleben durfte“, kann sich sicher ein Schmunzeln nicht verkneifen, alle anderen wird ob der schieren Menge der Mund offen stehen bleiben. In der Mimik kann man gleich verharren, denn wenn man schon mal hier ist (unter dieser Floskel werden in farbigen Schaukästen kleine Tipps zum weiteren Verweilen an den Leser gebracht), kann man gleich noch durchs wildromantische Schlaubetal wandern.

Im Nordosten von Berlin kann man ein Schauspiel beobachten, das manche aus der Schule kennen, viele jedoch nur von Bildern. Das Schiffshebewerk von Niederfinow. Derzeit wir ein neues dort gebaut, weil es benötigt wird. Das alte, traditionelle verrichtet seit fast achtzig Jahren seinen Dienst. Mitfahren erlaubt, erwünscht und einfach ein Muss, wenn man außenrum von Berlin was erleben will.

Viele der vorgestellten Orte kennt man von Autobahn(ab)fahrten. Dass sich hier exzellent Abenteuer erleben lassen, fliegt an den meisten vorbei im Rausch der Geschwindigkeit. Es lohnt sich einmal mehr Rast zu machen auf A 9, A 10 und wie die Asphaltpisten alle heißen. Von Alpaka bis Honecker, von Gaumensex bis Mississippi – was wie eine willkürliche Auswahl von Worten, Namen und Orten klingt, hat Hand und Fuß. Und das Autorenduo Tröger/Bussmann bietet sich freundlich an dem Besucher jeden Zweifel daran zu nehmen.

Die sterbenden Europäer

Immer wieder staunt man doch wie wenig man als weit gereister, weltoffener Europäer über den eigenen Kontinent weiß. Das standardisierte Europa kennt man. Allenthalben werden einem die konformistischen Begriffe um die Ohren gehauen. Doch abseits von EU, Europa, Außengrenze gibt es mehr als nur Statistiken, die brav von Beamten gefüttert werden, um dem Tun eine Zahl anzuheften. Mit dieser Zahl, mit diesen Zahlen lässt sich leichter arbeiten.

Aber in Europa lebt man, nicht um zu arbeiten, sondern um zu leben, es zu gestalten. Und so kommt auch, dass auf dem Balkan, in Bosnien, es für Spanier teilweise sehr leicht ist sich zu verständigen. Die Sepharden wurden Ende des 15. Jahrhunderts, zu der Zeit als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, aus ihrer Heimat vertrieben. Dem Ruf Bajezet II. folgend trieb es sie gen Osten. Ins Osmanische Reich. Religionsfreiheit, Sicherheit im Recht und in wirtschaftlicher Hinsicht waren gute Argumente der iberischen Halbinsel den Rücken zu kehren. Einige blieben auf dem Balkan hängen. Hier stand man dem Judentum ebenfalls aufgeschlossen gegenüber. Karl-Markus Gauß lässt sich in Sarajevo, einer Stadt, die noch immer vom Krieg gezeichnet ist, von Jakob Finci die Geschichte seines Volkes erzählen. Finci ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Von Clinton bis zum Papst und dem UN-Generalsekretär ließen sich bei ihm nieder, um seinen Worten zu lauschen.

Das Volk der Sorben ist in unseren Breiten sicher das bekannteste unter den im Buch vorgestellten europäischen Völkern. Von Bautzen bis zum Spreewald sind die auffälligsten Hinweise auf ihre Existenz die zweisprachigen Ortsschilder.

In Süditalien trifft man – bei Weitem nicht so offensichtlich – auf die Arbëresche. Sie kamen einst aus dem Süden Albaniens. Einige wenige Dörfer Kalabriens sind durch ihre Kultur geprägt. Gauß wird bei seiner reise gebeten einen Streit zu schlichten. Ihm als überzeugten Europäer traut man das wohl zu. So entspinnt sich eine Geschichte über einen bedeutenden Teil europäischer Geschichte.

Um die Jahrtausendwende war Karl-Markus Gauß in Europa unterwegs, um nach Menschen zu suchen, deren Identität nicht durch Landesgrenzen bestimmt wird. Ihre Geschichte verläuft oft im Treibsand der Vergangenheit. Nur wenige Reste ihrer Kultur sind noch vorhanden. Gesetze und Regeln, Traditionen und Gebräuche zu bewahren liegen in den Händen einzelner sich noch bewusster Sepharden, Gottschee (in Slowenien) Arbëresche, Sorben und Aromunen (in Mazedonien). Ihre Länder existieren nicht mehr, wenn es sie denn je gab. Sie leben in einem Europa, das sich durch Vielfalt auszeichnet. Und sie sind sich ihre Verantwortung das in Jahrtausenden Geschaffene an die nächsten Generationen weiterzugeben, bewusst. „Die sterbenden Europäer“ ist ein provokativer Titel. Der Autor Karl-Markus Gauß richtet ein starkes Licht auf ihre Kulturen, auf dass sie niemals verblassen. Preisgekrönter Autor mit dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2022.