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Spaziergänge durch mein Tessin

Nicht erst seit der Verleihung des World Cookbook Award zu Beginn des Jahrtausends hängt man an die Region Ticino, deutsch Tessin, gern den Zusatz con amore, mit Liebe. Ein einzigartiges Buchkonzept schlug damals vor rund eineinhalb Jahrzehnten sämtliche Mitbewerber aus dem Rennen. Und es waren sicher nicht wenige, die nun auf diese Region im Süden der Schweiz aufmerksam wurden und sich seitdem zwischen Palmen, Bergen und Seen dem Leben die wirklich guten Seiten abgewinnen lassen.

Auch die Autorin Eveline Hasler liebt das Tessin. Ihre Liebeserklärung sticht aus dem Berg der Ahs und Ohs in vielfacher Hinsicht heraus.

Das Bild vom Tessin ist meist das Bild des paradiesischen Sommers. Kein Wolke am Himmel, unten schimmert der Lago Maggiore im kitschigsten Blau, das man sich vorstellen kann. Doch auch im Tessin gibt es ein normales Leben. Dichte Nebelfetzen in dem einen Tal, strahlender Sonnenschein hinter dem nächsten Berg. Dorfidylle und hartes Einsiedlerleben gehen Hand in Hand mit dem luxuriösen Urlaubsgefühl, das man sich leisten können muss. Die Liebe zum Genuss vereint beide Seiten der Medaille.

Eveline Hasler kennt das Tessin. Sowohl die sonnenüberfluteten Tage als auch die dicke Suppe, die die Hand vor den Augen verschwinden lässt. Sie kann sich immer noch an Aussichten von Oben nach Unten und umgekehrt ergötzen, weiß aber auch, dass harte Arbeit hier täglich Brot bedeuten kann. Da ist Nahrungsaufnahme überlebenswichtig, im Gleichschritt aber auch Ausbruch aus der harten Realität. Jedem ihrer Kapitel dieses exzellenten Reisebandes ist ein Rezept angefügt, mit dem das Tessin auf den Teller gezaubert werden kann, um dem Zauber ticino (con amore) einen Schritt oder einen Happen näher zu kommen.

Eveline Hasler stellt ihr Tessin vor, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder/und Vollkommenheit zu äußern. Langsame Schritte, genaue Beobachtungen und emotionale Erinnerungen lassen den Leser eine Weile mit ihr gehen. Jede rast wird zum Exkurs ins Leben im Tessin. Unterwegs trifft man Hermann Hesse samt Sohn, den Krimirevolutionär Friedrich Glauser und Tom-Ripley-Mama Patricia Highsmith, die hier einen Teil ihres Lebens genießen konnten. Ein ums andere Mal fühlt man sich ermutigt selbstständig einige Schritte zu wagen. Nicht nur beim Nachkochen. Nein, so ganz nebenbei wecken einzelne Abschnitte im Buch die Sehnsucht selbst den Fuß vor die Tür zu setzen und nicht eher zu ruhen bis Tessiner Boden die Schuhsohlen berührt. Ein Appetitanreger in vielerlei Hinsicht!

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

Die Geheimnisse von Pinewood Hill

Wie bunt kann schwarz-weiß sein? Diese Frage stellt sich unweigerlich bloßen Durchblättern dieses Buches. Und postwendend gibt man sich selbst gleich die Antwort: Sehr .. sehr bunt!

Vorhang auf für eine rührende – nicht rührselige Story, die von der Kraft der Phantasie erzählt, dass man gar nicht bemerkt wie schnell man in sie hineingezogen wird. Chaska ist ein Junge, der sich der Kraft, die in ihm wohnt noch nicht bewusst ist. Er ist ein Kind. Und deswegen fällt ihm der Umzug in die neue Stadt so unbeschreiblich schwer. Doch statt wie ein kleines trotziges Kind zu klagen, zu weinen und zu schreien, schwingt er sich auf sein Rad und durchforstet zuerst die nähere, später die weitere Umgebung.

An jeder Straßenecke, hinter Büschen und Sträuchern, an und hinter Mauern findet er das, was ihn sein Leid ertragen und schließlich vergessen lässt. Denn nicht weit von seinem neuen Zuhause wird die Phantasie zum Leben erweckt. Hier – Filmstudios und der Hauch der großen weiten Welt – wird Chaska mit dem Virus infiziert – ja, es gibt auch „gute Viren“ – das ihn nie mehr loslassen wird.

Der Abenteuerspielplatz, den sich Chaska erobert, beschert ihm unzählige Begegnungen der anderen Art. Kleine und große Aha-Effekte, die bei ihm und dem Leser auf Anhieb zünden.

Doch der Star dieses Buches sind die Zeichnungen. Sie funkeln und strahlen, dass es einen umhaut! Die unerbitterliche Sonne reflektiert in der Landschaft, den Figuren – dem gesamten Set. Wie Fotografien, sie derart lange bearbeitet wurden, dass sie irreal erscheinen. Doch hier ist alles echt. Jeder Strich ist so gewollt und erfüllt voll und ganz seine Funktion. Explodierende Sportwagen, gruselige Figuren, eine kecke Katze – nichts entspringt dem Zufall. Der Aufwand, der bei diesem Buch betrieben wurde, verpufft an keiner einzigen Stelle. Wer meint ein dünnes Buch binnen weniger Minuten lesen zu können, kennt „Die Geheimnisse von Pinewood Hills“ noch nicht. Immer möchte man in den Zeichnungen versinken, in ihnen herumtollen und die Vergangenheit wieder einfangen. Und sei es nur für Augenblicke.

Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur

Einen neuen Kollegen kann man nur eine begrenzte Zeit „den Neuen“ nennen. Irgendwann gehört auch der zum Inventar. Da muss man schnell eine Bezeichnung finden, die ihn ein für allemal und für jeden eindeutig erkennbar macht. Das kann ein Vergleich zu einem Film sein. Oder zu einem Tier. Eine körperlich herausstechende Eigenschaft. Oder man bedient sich in der Literatur.

Denn auch die ist gespickt – sozusagen ein wahres Füllhorn an Ideen – mit Spitznamen. Dass es bis heute kein vollständiges Register dafür im Internet gibt, verwundert nach der Lektüre dieses Buches. Autor Guido Fuchs gibt unumwunden zu, dass sein Buch niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Aber es ist mehr als nur eine kleine Exkursion in die Literatur und ihrer einfallsreichsten Namensgebungen. Denn wenn ein Autor sich an die Arbeit macht, muss er seinen Akteuren Namen geben. Am besten welche, die sie sofort charakterisieren. Überspitzt gesagt – und da sind wir schon beim Wesen des Spitznamens – wird ein Held wohl niemals einen Namen tragen können, der in der Allgemeinvorstellung der Gesellschaft nichts mit Heldentum zu tun hat.

Eine Mammutaufgabe. Anders ist das Vorhaben nicht zu beschreiben. Schon allein die Vorstellung diese Spitznamen – also Namen, die einen Charakter unverwechselbar machen, die überspitzen, um eine einzelne Eigenschaft herauszuarbeiten – in Kategorien einzuteilen, ist, wenn man meint sich in der Materie auszukennen, schnell zu Scheitern verurteilt. Doch Guido Fuchs gelingt es scheinbar mühelos. Man fühlt sich wie in einer geselligen Runde, in der man – vielleicht um eine Feuerzangenbowle – sitzt und sich launige Geschichten erzählt. Und Guido Fuchs haut eine Anekdote nach der anderen raus. Liest man das Buch in einem Ritt, klingelt es noch Tage danach im Schädel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch liest sich wirklich flüssig. Es in Dosen zu genießen, verstärkt die Wirkung aber um einiges.

Spitznamen entstammen immer der Phantasie. In Kriegszeiten verteilte man diese vielleicht auch, um dem Grauen eine Brise Humor entgegenzusetzen. Joachim Ringelnatz sei hier genannt. Dieses Kapitel über einen der humorvollsten Autoren der deutschen Literatur bringt in der Kürze das gesamte Thema auf den Punkt. Im Weiteren liest man sich durch die Werke von Erwin Strittmatter, Heinrich Mann, Günter Wallraff, Theodor Fontane und einer undefinierbaren Menge weiterer Autoren. Ihre Akteure sind heute noch vielen ein Begriff, weil … sie Spitznamen hatten.

Noch ein Wort zum Autor. Der Name Guido war in den Fünfzigern, als Guido Fuchs geboren wurde, kein gebräuchlicher Name. Oft musste er ihn buchstabieren. Das änderte sich als im Fernsehen ein weiterer Guido auftauchte. Guido Baumann war der erfolgreichste „Berufeerrater“ bei „Was bin ich?“ – ein echter Fuchs eben. Klar, wie Spitznamen entstehen?!

Azzurro

Azzurro oder Azurro oder Azzuro? Schon beim Schreiben qualmt die Rübe ordentlich. Und erst bei der Italienhymne. Zuerst einmal: Doppel-Z UND Doppel-R. Der Rest … da man sich das Lied immer wieder anhören kann, und mit ein bisschen Sprachgefühl (gelato hilft da immer) – kommt man vielleicht nicht auf den genauen Wortlaut, trifft aber gefühlt den Ausdruck. Hat man dieses Gefühl erst einmal intus, kann man sich an die Bedeutung wagen. Die zahlreichen Übersetzungen im Netz sind da nur bedingt eine Hilfe. Wie so oft im Leben, hilft da nur ein Buch! Dieses Buch.

Denn das Wichtigste an diesem Lied ist und bleibt: Adriano Celentano! Es ist sein Lied. Es ist das Lied Italiens. Ein Traum vom Sommer und der Sehnsucht diesen nicht allein zu verbringen. Und das alles mit dem einzig passenden Charakter, um der Stimmung ein einzigartiges Gefühl zu verpassen.

Das ist aber nur eines der einhundert vorgestellten Lieder und der Geschichte(n) drumherum und dahinter. Auch ohne große Anstrengung können mindestens drei Generationen hierzulande mindestens ein Dutzend Sänger aufzählen, inkl. mindestens eines Hits. Eighties-Kids durchzuckt es bei Gianna Nanninis „Bello e impossibile“, ein Jahrzehnt später schwört man auf Jovanotti (warum man von ihm hierzulande spürbar weniger wahrnimmt, ergibt sich ziemlich schnell, liest man schnell aus dem Text über den Italo-Rapper heraus).

Patty Pravo ist seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden. Dennoch klettern ihre Alben in den Charts nach Oben wie ein Gibbon in die Bäume. Ihr provokanter Kleidungsstil erleichterte und erschwerte ihren Aufstieg vor einem halben Jahrhundert. Eine Frau in Hosen, und das im ach so eleganten Italien?! No, no, no. Dennoch hält sie sich. An ihr kommt man in Italiens Musikhistorie nicht vorbei.

Ob sanftes Pop-Geplänkel a la Al Bano & Romina Power, deren Rosenkrieg länger dauerte als ihr Tanz auf dem Pop-Olymp, oder echte Ohrwürmer wie „lasciate mi cantare“ von Toto Contugno – auch hier wieder: Wer es mitsingen will, sollte die Worte kennen, ansonsten wird’s hochgradig peinlich – oder doch die große Bühne einer Milva: Italiens Sehnsuchtsmelodien treffen seit Generationen ins Herz. Bunte Vögel wie Vasco Rossi, Statthalter wie Celentano und Mina und Eintagsfliegen wie Baltimora und Scotch stehen gemeinsam auf dieser Bühne mit Sängerinnen, Bands und Sängern, die man nicht sofort auf dem Schirm, wohl aber im Ohr hat.

Nun, wie liest man dieses Buch? Brav, leicht neugierig von Seite Eins bis zum Schluss. Nervös durchblätternd, bis man einen Interpreten, ein Lied entdeckt über das man schon immer was erfahren wollte. Akademisch, Video suchen, Kapitel lesen, aha rufen. Es ist vollkommen egal. Nur lesen sollte man es – das Mitsingen (und schlussendlich ist es doch einerlei, ob man die richtigen Töne und Worte trifft: Die Stimmung muss stimmen!) garantiert dolce vita allerorten. Dieses Buch Fälle muss man für die nächsten Jahre ins Reisegepäck legen. Wann immer ein canzone erklingt, kommt man Italien ein Stückchen näher.

Toulouse, Albi, Carcassonne

Allein schon wegen der ungewöhnlichen Auswahl des Reiseziels sticht dieser Reiseband sofort ins Auge. Mitten im Südwesten Frankreichs, vor den Höhen der Pyrenäen, in Sichtweite des Mittelmeeres liegt das magische Dreieck Toulouse, Albi und Carcassonne. Toulouse, viertgrößte Stadt Frankreichs, Industriestandort wuchert mit seiner beeindruckenden Architektur. Rot und Weiß dominieren die Aussicht. Gigantische Bauten laden zum Staunen und Verweilen ein, ebenso wie ihr Ruf als Stadt der Künste.

Carcassonne fristete bis vor wenigen Jahren noch einen Dornröschenschlaf. Scheinbar. Die von Weitem schon sichtbare Festungsanlage prägt die Silhouette der Stadt. Besucher waren immer willkommen, doch seit einiger Zeit strömen die Touristen in Scharen durch die alten Gassen. Die meisten Läden sind nur auf Touristen ausgerichtet. Wenn man sich Zeit nimmt, und hier und da abbiegt, wo der Strom strikt geradeaus läuft, wird man überhäuft mit Eindrücken. Nicht umsonst ist die Altstadt seit einem Vierteljahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe. Die Autorin Heike Bentheimer weiß ganz genau, wo man weiterläuft und wo man innehalten sollte.

Albi ist das Kleinod der Region. Regelmäßig gewinnt man höchste Auszeichnungen für die florale Pracht der kleinen Stadt. Auch hier haben die okzitanischen Herrscher ihre Spuren hinterlassen. Nicht so wuchtig wie in Carcassonne. Liebevoller und schmeichelnder möchte man meinen, wenn man schon beim Lesen wie ein gewiefter Besucher auf die Tarn schaut, sich in den Gassen behände fortbewegt und mit traumwandlerischer Sicherheit einen Platz zum Niederlassen aussucht.

Angereichert wird der Reiseband mit Tipp zu Ausflügen auf dem Canal du Midi, in die Schwarzen Berge – Montaigne Noire – und ins Katharerland. Geschichte allenthalben, die heute so eindrucksvoll immer wieder in den Fokus des Reisenden tritt.

Hier kann man gut zu Fuß sich eine Region erobern. Allerdings muss man gut gerüstet sein. Schon vor Ewigkeiten bissen sich hier Eroberer die Zähne aus. Als moderner Forscher/Tourist kann man sich getrost auf jede einzelne Seite dieses Buches verlassen. Selten zuvor wurde eine fast vergessen scheinende Region so sanft und detailreich in den Fokus gerückt, ohne dabei lautmalerisch nur das Offensichtliche anzukündigen.

Ostseestädte

Mal wieder na die Ostsee fahren. Die Seeluft schnuppern. Die Gezeiten nur ganz sanft wahrnehmen. Klingt nach einem leicht greifbaren Urlaubstraum. Und schon beginnt das Dilemma. Wohin an die Ostsee? In eines der vornehmen Kaiserbäder mit der einzigartigen Architektur. Oder doch lieber in die historischen Ecken, die Geschichtsfans zwischen Betroffenheit und waghalsiger Heimatliebe schwanken lassen? Oder auf eine der zahllosen Inselchen vor der skandinavischen Küste? Ziemlich schnell wird klar, dass die Ostsee eben nicht nur All-inclusive-Sonne-Strand-Destination ist, sondern ein Füllhorn an Attraktionen zu bieten hat. Allein schon die Vielfalt an Städten lässt den mäßig gelaunten Urlaubsplaner schier verzweifeln. Man kann sich nun durch einen beträchtlichen Bücherberg durcharbeiten, um das Passende für sich auszusuchen oder … man greift zu einem Reisebuch, das sogar ein Rundreise durchaus nachvollziehbar erscheinen lässt.

Von Kiel ausgehend einmal gegen den Uhrzeigersinn bis nach Oslo. Auch wenn Oslo nicht direkt an der Ostsee liegt, was sie als einzige Stadt dieses Buches von den anderen unterscheidet, reist man immer am Meer entlang. Man muss aber nicht, man darf dieses Buch nicht als Reiseanleitung für eine Ostseeumrundung ansehen. Es ist ein gewaltiger Appetitmacher für die baltischen Städte. Lübeck, Rostock, Gdansk, Kaliningrad, Klaipéda, Riga, Tallinn, Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm, Visby auf Gotland, Rønne auf Bornholm, Kopenhagen – na, wenn das mal kein Reiseangebot ist?!

Fast jeder hat zu mindestens einer dieser Städte eine Verbindung. Und mitten im Lesen – diesen Reiseband kann man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen, und nicht nur stichprobenartig – wird der Erfahrungsschatz immer größer. Ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Und ehe man sich versieht ist die Sehnsucht zu einem handfesten Plan verwandelt worden.

Die Autoren nehmen sich Zeit, um die Städte nicht einfach nur vorzustellen, so dass man nach der dritten Stadt das Gefühl hat „kennt man eine, kennt man alle Städte“. Sie zeigen unaufdringlich, was man unbedingt sehen muss, um die Einzigartigkeit der Städte am (Binnen-) Meer erlebbar zu machen. Geschichte, Einkaufstipps, Aussichtspunkte, Orte zum Verweilen in Hülle und Fülle, ohne dabei Wichtiges aus Platzgründen wegzulassen, fordern den Leser heraus es ihnen gleich zu tun. Da ergibt man sich gern, und lässt sich (an-)treiben, um ja nicht etwas zu verpassen, das die Autoren so sorgsam zusammengesammelt haben. Eine Inspirationsquelle, die lange anhält und viele Reisen im Handumdrehen planbar macht.

Die Sommerhäuser der Dichter

Was braucht ein Dichter, um sich frei entfalten zu können? Die Ruhe der Abgeschiedenheit oder den Trubel der weiten Welt? So unterschiedlich die Dichter, so unterschiedlich sind auch ihre Sommerhäuser. Bertolt Brecht zog sich mit Helene Weigel nach Buckow bei Berlin zurück. Idyllisch am See gelegen, bürgerliches Ambiente. Soviel Kapitalismus muss ein Kommunist aushalten … in Brechts Fall war es sogar gewünscht. Um sich in der DDR niederzulassen, erfüllte die Staatsführung ihm fast jeden Wunsch. Dem des abgelegenen Sommerhauses auf alle Fälle.

Weitaus feudaler residierte da schon Jean Cocteau vor den Toren von Paris. Bis heute ist der Garten unverändert, in seinen Mauern sind Gemälde von Weltrang zu besichtigen. Cocteau lebte in Milly-la-Forêt siebzehn Jahre. Den Trubel der Metropole holte er sich gelegentlich ins Haus.

Trubel konnte Heinrich Böll in seinem Versteck in der Eifel nicht gebrauchen. Schon gar nicht als 1974 Alexander Solschenizyn hier Asyl fand. Bis heute ist dieses Haus eine Zufluchtsstätte für verfolgte Dichter.

Versteckt, bis heute nicht ohne eine Portion Forscherdrang zu entdecken, liegen die Rückzugsorte von Virginia Woolf und ihrem Mann Leonard sowie von George Bernard Shaw. Ausflüge ins Ländliche waren für Woolf Alltag. Shaw hingegen ließ sich einen drehbaren Arbeitsplatz einrichten, um stets der Sonne folgen zu können. Noch einsamer mochte es Hermann Hesse, der gleich am Eingang mit einem Schild auf seine unbedingte Bitte Abstand zu halten hinwies.

Die meisten Häuser, die einmal das Zuhause eines berühmten Kopfes waren, sind heute als Museen zu besichtigen. Dank der unermüdlichen Arbeit von Stiftungen und/oder Nachfahren sind ihre Refugien zu einem Hotspot der Wissbegierigen geworden. Im Fall von Arthur Rimbaud liegt der Fall etwas anders. Auch hier wieder Idylle soweit das Auge reicht. Doch der streitbare Dichter fühlte sich hier in keiner Weise wohl. Das Licht, die Piefigkeit trieben ihn wieder gen Paris. Über hundert Jahre später wurde es verkauft, der Preis dafür: So um die 50.000 Euro. Munkelt man. Die neue Besitzerin verehrt Rimbaud. Parallelen zwischen ihrem und seinem Leben sind vage vorhanden. Er war und ist für sie purer Rock ’n Roll. Ihr Name: Patti Smith.

Von Tanger über Weimar bis Nidda, von Thomas und Klaus Mann über Günter Grass und Anton Tschechov bis William Burroughs – dieses Buch befeuert die Neugier des Lesers. Die Texte laden ein dem Forscherdrang nachzugeben und dem Einen oder Anderen über die Schulter zu schauen und das zu sehen, was die Dichter einst aufsaugten. Die Resultate dieses Aufsaugens sind weltbekannt. Ein Besuch bei Dichters hilft deren Schriften zu verstehen. Hier hält man einen der originellsten Reiseappetitmacher überhaupt in den Händen!

Geschichten der übelsten Sorte

Man kennt den Spruch, dass es immer einen Deckel für einen Topf gibt. Man muss vielleicht nur den Staub abdaumen. Heißhändig sich an die Arbeit machen. Und ab und zu mal die Knüllspuren beseitigen. Wer mit diesen Formulierungen nicht überfordert ist, kommt dem Geheimnis von Garielle Lutz – vielleicht nicht schnell, aber immerhin – auf die Spur.

Die Kurzgeschichten sind Spickstücke der Sprache. Den Regeln der Grammatik folgend, Wortschöpfung in selbige einpassend, trifft sie den konzentrierten Leser mitten ins Mark. Die Folge: Verwirrung, Euphorie, Genveränderung. Nie wieder will man Klassisches im klassischen Stil lesen! Ist es Punk? Ist es Revolution? Nö. Es ist nur eine andere Form des Ausdrucks. Schwer einzuordnen, wenn man einen Buchladen zu bestücken hat. Krimi, Reiseliteratur, Selbsthilfe, Kinderliteratur – die Einteilung ist beliebig und nachvollziehbar. Auf eigene Faust sich im Karteikartensystemlabyrinth einen Weg zu Garielle Lutz zu bahnen, endet im Tränenmeer der Verzweiflung.

Nichts scheint zusammenzupassen. Buchstabensalat, Satzteilverstümmelung, Syntaxmäander sind die Gesellen, die erst im Nachgang eine Clique bilden. Immer wieder setzt man ab und sucht nach der Geschichte in der Geschichte. Hat man sie aber erstmal gefunden, ist das Licht der Erkenntnis so grell, dass es einem nicht nur die Sicht versperrt. Es schmerzt erst jetzt die Erleuchtung zu haben.

Wie begegnet man also so einem Buch? Kurzgeschichten, modern geschrieben, … mal was anderes. Am besten ist es wohl ganz unvoreingenommen sich Seite für Seite zu erarbeiten. Ohne abzusetzen. Nach fünf, sechs Geschichten sollte man innehalten. Was war das denn? Wirklich nicht überlesen, alles richtig verstanden? Nochmal zurückblättern und sich vergewissern, dass es genau so verstanden werden soll wie man es aufgenommen hat. Ah, darin liegt also die Besonderheit der Avantgarde von Garielle Lutz’ Schreiben.

Ja, es dauert bis man den richtigen Grove gefunden und sich selbst aller Selbstzweifel entledigt hat. Und den Lesefluss, den man kennt, kann man getrost ad acta legen. Jede Geschichte ist ein in sich geschlossener Kosmos. Nichts ähnelt einer der Geschichten zuvor. Alle paar Seiten öffnet sich eine Tür in eine neue Welt. Die Rasanz des Wechsels verstört anfangs. Das Ego im Zentrum, die Welt außen vorlassen. Dennoch sucht Garielle Lutz permanent Anschluss an eben diese Welt. Ihre Wege sind definitiv einsam, vielleicht verschroben, ungewöhnlich allemal. Die „Geschichten der übelsten Sorte“ warten nicht auf Leserschaft. Sie überrumpeln den Leser, nehmen ihn in Isolationshaft und foltern ihn bis er sich regungsvoll ergibt. Das „Exit“ auf dem Buchcover schreit wie Hohn dem teilnahmslosen Betrachter ins ungläubige Gesicht. Denn es gibt ihn nicht, den einen Ausweg. Man muss schon durchhalten, bis zum letzten Letter lesen und sich dann selbst fragen …