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Das gemalte Ich

Das gemalte Ich

Seit der Oscarverleihung 2014 gibt es den Begriff der Selfies als Moderatorin Ellen Degeneres sich ins Publikum warf und mit Blockbuster-Garanten sich selbst einem Millionenpublikum näherte. Alle warfen sich wie tollwütig auf den neuen Trend. So was gab’s ja noch nie!

Haha. Hätten man da mal jemanden gefragt, der sich damit auskennt. James Hall zum Beispiel. Er ist Kunsthistoriker und hat unter anderem für den „Guardian“ als Kritiker gearbeitet. Als Mann der Künste hat er sich sicher nicht von der Show der Eitelkeiten verleiten lassen dieses Buch zu schreiben, doch eine gewisse Nähe zum Ausgangspunkt des Hypes ist nicht abzustreiten.

Künstler haben es seit jeher genossen sich selbst abzubilden. Spiegel und Leinwand aufgestellt, Farben gemischt und sich ins rechte Licht gerückt, damit sich nachfolgende Generationen ein Bild des Künstlers machen können. Das Titelbild zieht den Betrachter schon magisch an. Wilde Farbenspiele, exzentrische Pinselführung, tote, nichtssagende Augen – Vincent van Gogh. Es ist ein Ausschnitt eines – seines – Portraits aus den letzten Jahren des Künstlers. Er hat sich gern und oft gemalt. Wer sich die Bilder in der Reihenfolge ihrer Entstehung anschaut, kann ein wenig in der Biographie des Künstlers lesen. Ein junger frischer Mann mit wachem Blick, der die Welt aus den Angeln hebeln wird. Zum Ende ein gebrochener Künstler, der an seinem Talent und seinem Misserfolg, an persönlichen Schicksalsschlägen zugrunde ging. Das Gesicht als Spiegelbild der Seele. So manch einer fühlt sich in seiner emotionalen Welt zur Wahrheit verpflichtet und trägt sein Inneres nach außen. Bei van Gogh ist es nun einmal so, dass er heute einer der gefeiertsten Künstler ist, dessen Bilder regelmäßig Höchstpreise erzielen. Für ihn zu spät, für die meisten heute unbezahlbar. Aber in Museen immer noch ein Höhepunkt des Besuches.

James Halls Ausführungen beginnen aber nicht beim verzweifelten Genie van Gogh. Bereits im Altertum taten Künstler sich gütlich sich selbst abzubilden. Bis eine eigene Kunstgattung daraus erwuchs. Bücher über Kunstgeschichte lesen sich oft ein bisschen zäh, weil man dem enormen Wissen der Autoren glauben muss. Bei den Selbstportraits kann man auch als Laie ein bisschen mitreden. Denn so ziemlich jeder hat sich schon mal sein Smartphone geschnappt und mehr oder weniger heimlich den Arm ausgestreckt und in die Kamera gelächelt, das Gesicht verzogen und dann das „Meisterwerk“ in die virtuelle Welt hinaus gesandt. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz wird sich wohl Gedanken darum gemacht haben, welch Tradition da wieder belebt wurde. Dank James Hall wird so manches Duckface nun in einem anderen Licht dargestellt – und hoffentlich bald auch wieder verschwinden.

Wer in Zukunft Museen auf der ganzen Welt besucht, wird etwas intensiver in den Gesichtern der Modelle schauen, nach Geheimnissen graben und vielleicht auch so manche Geschichte entdecken. Ganz sicher jedoch wird man sich an das eine oder andere Kapitel aus diesem antiken Buch der Selfies erinnern. Die zahlreichen Abbildungen sind sorgsam ausgewählt und vermitteln eine Kompletteindruck der Physiognomie des menschlichen Antlitzes.

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Zürich, die elegante Stadt an der Limmat, am idyllischen See. Wer dort weilt, holt sich was weg. Und zwar eine geballte Ladung Eindrücke und Geschichte. Bei so viel Finanzgebaren vergisst man schnell, dass schon vor Jahrtauenden hier die ersten Siedler ihre Zelte aufstellten, die Kelten und die Römer Kastelle errichteten und die Stadt zu einem wichtigen Handelsort machten.

Thomas Lau gibt in seiner „Kleinen Geschichte Zürichs“ mehr als einen kleinen Einblick in die Vergangenheit der Stadt. Wer Zürich außerhalb von Reiseführern erkunden will, findet in diesem Buch den idealen Reiseguide, der kenntnis- und detailreich zu berichten weiß.

Immer wieder lockern kleine Anekdoten das Geschichtsbuch auf, um den Leser nicht mit Zahlen und Ereignissen zu überfrachten. Das Buch liest man nicht in einem Ritt durch. Auch zweihundert Seiten können eine Unmenge an Fakten aufweisen. Stück für Stück, Jahrhundert für Jahrhundert, nähert man sich dem Zürich wie man es heute kennt. Auf den Spuren von Dichtern und Gelehrten wandelt der Leser durch die heimliche Hauptstadt der Schweiz. Vorbei an historischen Gebäuden, die noch immer ihre Wirkung nach außen tragen. Hier wurde Dada „erfunden“, Revolutionen ersonnen, Nobelpreisträger geformt.

Dieses Buch ist eine echte Bereicherung für jedes Reisegepäck. Thomas Lau lässt die Persönlichkeiten, die diese Stadt prägten zu Wort kommen und gibt ihnen den Freiraum Andere (Leser) in ihren Bann zu ziehen. Einst galt sie als Hauptstadt des Exils: Lenin, die Manns, James Joyce (der hier auch begraben ist, auf dem Friedhof Fluntern) lebten und wirkten hier.

Wer Zürich schon kennt, wird es nie leid es zu besuchen. Doch so, wie in diesem Buch beschrieben, hat man Zürich noch nicht gesehen. Der Begriff Historie wird mit diesem Buch im Speziellen und der Reihe im Allgemeinen auf eine höhere Stufe gehoben. Man muss ja nicht gleich den gesamten Urlaub auf den Spuren der Vergangenheit verbringen. Aber ein Tag, ein paar Stunden, dafür allemal Zeit und die Stadt gibt es auch her. Stadtrundgänge wird man vergebens suchen. So viel Individualismus muss sein, das erhöht den Forscherdrang. Auch wenn das Ergebnis dank des Buches schon feststeht, wird man jeden Schritt, den man diesem Buch folgt genießen und keinen einzigen bereuen.

Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger zu fassen, ist leicht. Seine Bücher verkaufen sich noch immer, wurden in dutzende Sprachen übersetzt. Er selbst sah sich nicht im Zwiespalt zwischen religiösen Traditionen und Weltoffenheit. Genau das war sein Antrieb. Wer die Werke Lion Feuchtwangers liest, bekommt einen Einblick in sein Leben und den Lauf er Welt.

Er war streitbar – etwa als er eine Lobeshymne auf das stalinistische System schrieb – doch immer annehmbar. Jüdische Geschichte ohne Dogmen nahezubringen – sein eigenes Leben war immer Bestandteil seiner Romane. Lion Feuchtwangers Vater war streng gläubiger Jude. Ein breites bairisch gehörte aber genauso zum guten Ton wie die Einhaltung der Regeln. Schon früh lernte der junge Lion, dass Tradition und Fortschritt einhergehen. Schulisch tat er sich besonders durch seine poetische Ader hervor. Die Abkapselung vom Elternhaus war schwierig und langwierig. Er wohnte bei seinen Eltern um die Ecke und nahm vor allem seine Mahlzeiten bei ihnen ein.

Die aufkommende Naziherrschaft zwingt auch ihn zu flüchten. Da ist er schon ein erfolgreicher Autor, der vielen Revanchisten und Rassisten ein Dorn im Auge ist. Er flieht dorthin, wo es viele seiner Leidensgenossen zog: An die Riviera und später, als auch im sonnigen Süden nicht mehr sicher war, nach Kalifornien. Bert Brecht, Heinrich und Thomas Mann gehörten zum Kreis der Exilanten, die sich regelmäßig trafen und über das Schicksal ihrer Heimat diskutierten.

Wilhelm von Sternburg hat mit seiner Biographie das Leben und Werk Lion Feuchtwangers wieder ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt. Im Sog von allerlei seichter Literatur, die es zugegeben immer gab, aber nur selten zuvor so offen propagiert wurde, erscheint Feuchtwangers Werk wie ein Strahl in dunkler Nacht. Die große Geschichte, die von großen Männern gemacht werden, lernt man aus Geschichtsbüchern. Die wahre Geschichte lernt man von denen, die sie erlebten und „im Kleinen“ gestalteten. Lion Feuchtwanger hat ihnen eine Stimme und Wilhelm von Sternburg hat diesen Stimmen ein Gesicht gegeben. Lion Feuchtwanger hat die Geschichte erlebbar gemacht, in dem er historische Fakten wortgewandt aufs Papier brachte. Sein Biograf bedient sich desselben Stilmittels. Immer wieder lässt er Zitate aus Büchern einfließen, die es dem Leser erlauben Werk und Leben in einzigartiger Form wieder und wieder zu erleben. Eine Weltreise durch die Vergangenheit!

Der letzte Tag des Präsidenten

Der letzte Tag des Präsidenten

Acht Jahre sind Alwan und Randa nun schon verlobt, ein Paar sind sie schon länger. Sandkastenliebe. Doch den letzten Schritt haben sie noch nicht getan. Nicht aus Scham oder Angst. Es fehlen ihnen einfach die Mittel ihrer Liebe den entscheidenden Schups in Richtung Unendlichkeit zu geben.

Die Zeiten sind hart in Ägypten. Anwar as-Sadat hält das Land im Griff, seine Günstlinge es am Tropf. Das Volk kommt kaum über die Runden. An Feste kaum zu denken. Für die beiden kommt eine Hochzeit mit Abstrichen nicht in Frage. Ihre Liebe steht über allem. Doch übersteht sie nicht die Zeit.

Sie beschließen sich zu trennen. Randa soll einen Mann finden, der ihr das bieten kann, was Alwan nicht im Stande ist zu leisten. Und Alwan ebenso. Schweren Herzens, doch mit dem Gefühl etwas Gutes für den Anderen zu tun, setzen sie ihren Plan in die Tat um.

In den Cafés plaudern die Menschen, hetzen gegen die Zeit, resignieren. Hoffnung, sagt man, ist das Letzte, was stirbt. Hoffnung hat hier schon keiner mehr. Ägypten ist ein totes Land. Die Menschen sind es ebenso. Abwechslung bringt nur die Parade zum Jahrestag. Die Armee stolziert geziert und steif an der hübsch aufgereihten Tribüne mit der Regierungsmannschaft vorbei. Staatsgäste machen teils gute Miene zum bösen Spiel. Der Präsident hat sich in Schale geschmissen. Das Volk schaut am Fernseher zu. Die, die sich keinen leisten können, hängen gebannt am Radio. Manche hören die Signale und verheißen rosige Zeiten. Ewig kann sich der Präsident seine Politik nicht mehr leisten. Vorahnung oder hoffnungsvolle Orakeln?

Dann, der große Knall. Erst akustisch, dann in den Köpfen der Menschen. Der Präsident ist tot, hatte seinen letzten Tag. Wenigstens in schicker Uniform. Hoffnung keimt sofort auf. Auch bei Alwan und Randa…

Literaturpreisträger Nagib Machfus setzt die Hoffnungen vieler seiner Landsleute an diesem Tag, in dieser Zeit ein literarisches Denkmal. Ägyptens starker Mann, der die Macht gnadenlos ausnutzte, sich mit Gleichgesinnten umgab und dem Volk oft mehr als sprichwörtlich die Klinge an den Hals setzte, starb bei einem Attentat. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Fernsehstationen aus aller Welt setzten an diesem 6. Oktober 1981 ihr Fernsehprogramm aus und strahlten die spärlichen Bilder nach dem Attentat aus.

Nagib Machfus war 1988 der erste arabische Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Seine Erzählungen und Romane spielen allesamt in Ägypten, in Kairo, teils in den Straßen seiner Nachbarschaft. Auch er wurde bei einem Attentat religiöser Fanatiker schwer verletzt. 2006 starb er im hohen Alter von 94 Jahren in seinem geliebten Kairo.

Alessandro und Assunta

Alessandro und Assunta

Eine echte Eisenbahnerdynastie, die Familie Asor Rosa. Nur Alberto schlägt ein wenig aus der Art, er ist Autor. Und nun schreibt er die Familiengeschichte nieder. Und so ganz nebenbei auch die Geschichte Italiens, zumindest einen Teil davon.

Alessandros Verwandte wandern teilweise aus. Nach Amerika. Aus Enrico wird Henry, und bleibt es. Er selbst gehört in die Reihe seiner Familie, die sich bei aller Verbunden- und Zerrissenheit, die durch einen einzigen Punkt für Immer und Ewig miteinander verwoben sind: Das A am Anfang des Namens. Alessandro. Es scheint fast logisch, dass er sich Assunta zur Frau nimmt. Sie stammt aus der Gegend um Ancona (!). Dort war Alessandro einst stationiert. Damals, als er im Krieg kämpfen musste. Beziehungsweise kommandieren. Beides behagte ihm nur theoretisch, praktisch widersprach es seiner Natur.

Nachdem die Kanonen ruhen, trifft er endlich Assunta. Die Frau, die sein Leben bereichern wird. Er findet rasch eine Anstellung bei der Staatlichen Bahngesellschaft und engagiert sich bei den Sozialisten und der Gewerkschaft. Als die Faschisten die Macht übernehmen, ahnen er und seine Frau die drohende Gefahr. Doch auch dieses düstere Kapitel übersteht die Familie.

Wer denkt, die weibliche Hauptfigur bewegt sich zwischen Carbonara und „Dio mio“ irrt. Vielmehr jongliert Alberto Asor-Rosa zwischen Palindrom und liebevoll erzählter Familiengeschichte. Alessandro und Assunta sind seine Eltern. Einfache Menschen mit Träumen, erfülltem Leben und den ganz normalen Sorgen. Der Autor kleidet seine Familiengeschichte in ein außergewöhnliches Gewand: Das des Jahres. Jeder Monat ein Abschnitt des Lebens und der Familie und der Zufälle. Nach dem Dezember kommt nichts mehr. Außer Bilanz zu ziehen.

Weniger emotional als rational folgt Alberto Asor Rosa den Spuren seiner Familie. Das Buch kann man auf verschiedene Arten lesen. Zum Einen eine Familiengeschichte, die fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Zum Anderen die Geschichte Italiens anhand der Asor Rosas. Beide Sichtweisen sind auf ihre Weise spannend und interessant zu lesen. Keine Gefühlsduselei, keine überflüssigen und abgedroschenen Floskeln, vielmehr eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit.

Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan

Beide waren sicherlich keine Männer, mit denen „gut Kirschen essen“ war. Der Eine – Gustaf Gründgens – ein begnadeter Schauspieler. Der Andere ein nicht minder begabter Schriftsteller. Beide strebten nach mehr. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Eines verband sie jedoch: Der Drang nach Zuneigung. Der Zuneigung der Gegenüber, seien es nun Theaterbesucher und Förderer oder Leser und Familie.

Gründgens wurde stark durch die Mutter geprägt, die dem Jungen schon früh musische Eigenschaften unbewusst einpflanzte. Klaus Mann hingegen fühlte sich stets im Schatten seines Übervaters stehend. Wenn man die Biographie von Klaus Mann liest, kommt einem schnell der Gedanke, dass er das Ersatzleben seines Vaters zu leben begann. Thomas Mann, der sich selbst einen Weg auferlegte, der er ungern, aber pflichtbewusst beschritt, ließ seine Kinder die Freiheiten, die er sich nie eingestehen durfte. Und die nutzten die lange Leine gnadenlos aus.

Es war keine leichte Zeit für Freigeister: Klaus Mann, Jahrgang 1906, und Gustaf Gründgens, Jahrgang 1899, wuchsen in stürmischen Zeiten auf. Kriege und Revolutionen gehörten zum Alltag wie Umbrüche in Kunst und Kultur.

Renate Berger führt zwei Männer zusammen, die durch eine Frau miteinander verbunden wurden: Erika Mann, die ein Jahr ältere Schwester von Klaus. Sie und Klaus waren der Nachbarschaftsschrecke in München. Ihre Beutezüge waren da noch das kleinere Übel. Arroganz und Ablehnung der Konventionen waren da schon andere Kaliber. Klaus‘ Erziehung in Schulen und Internaten (Salem, Odenwaldschule) war für die Erzieher mehr Kampf als Prägung. Gründgens hingegen war gelehrig.

Beide waren auf ihre Art Rebellen. Doch die Zeiten änderten sich. Gründgens wurde hofiert, Schmeicheleien und Opportunismus ebneten seinen Weg unter den Nazis. Klaus Mann blieb, was er war: Ein unbequemer Intelektueller, der der Zeit nichts Gutes abringen konnte. Er flüchtete, nicht freiwillig. Kämpfte wortstark gegen die Verhältnisse in seiner Heimat und somit auch gegen den Schwager, mit dem ihn mehr verband als er sich eingestehen wollte und konnte.

Nach der Schreckenszeit gingen beide Künstlerwege weiter auseinander. Hoffnung wurde für beide ein Wort mit unterschiedlicher Bedeutung. Gründgens wurde mehr gefeiert denn je, Klaus Manns Ende war selbstgewählt.

Die Autorin holt oft und weit aus, um die Charaktere der beiden Männer tiefgreifend zu erkunden. Und das ist auch nötig, um diese Kulturbiester verstehen zu können. Jedes Jahr füllen sich die Regale mit neuen Biographien über die Familie Mann. Dieses Buch gehört an eine exponierte Stelle, denn es öffnet den Mann’schen Kosmos lässt Raum für weitere bedeutende Mitstreiter des kulturellen Lebens der deutschen Vergangenheit.

Mondo Veneziano

Mondo veneziano

Jeder, der außerhalb(!) einer Touristengruppe Venedig für sich entdeckt, hat unweigerlich das Gefühl ein Buch z schreiben. Und so verwundert es nicht, dass es über die Lagunenstadt – neben Paris und Rom – die meisten gedruckten Reiseimpressionen gibt. Von grandiosen Bildbänden wie „City impressions Venedig“ über Reisebände wie „MM City Venedig“ bis hin zu historischen Aufarbeitungen wie „Venedig erobert die Welt“.

Heidrun Reinhard hat die Herausforderung angenommen und ein weiteres Buch dieser prachtvollen Reihe hinzugefügt. Und das mit Erfolg! Denn „Mondo Veneziano“ gehört wie die eingangs erwähnten Bücher ebenso zur Pflichtlektüre eines Jeden, der Venedig auf eigene Faust und mit fundiertem Wissen erkunden will. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise vorbei an den Palästen der Stadt. Übrigens erkennt man Touristen und Gäste daran, dass sie die Häuser der Stadt, von den Einheimischen meist nur „Ca‘“ genannt, auch wirklich als Paläste bezeichnen.

„Menschen und Paläste am Canale Grande“ lautet der Untertitel des Buches. Die Paläste, oder „Ca‘“, sind hinlänglich bekannt bzw. für jedermann leicht zu erreichen. Man kennt sie aus Reportagen, aus Büchern und vom Vorbeigondeln. Dass sie Geschichte in sich bergen, ist auch jedem klar, der sich nur ein wenig mit der Geschichte der Serenissima beschäftigt hat. Doch welche Geschichten sich darin zutrugen, wer sie erbaute, wer wem an die Wäsche wollte, das sind die Geheimnisse, die in diesem Buch so eindrucksvoll und lebendig beschrieben werden.

Die alte Dogenmacht Venedig war im Mittelalter ein ernst zu nehmender Handelsriese. Ein global player, der überall auf der Welt seine Finger im Spiel hatte. Von Konstantinopel über die Adria gehörte mehr als nur der Mittelmeerraum zum Einzugsgebiet der venezianischen Handelshäuser. Auch die Deutschen hatten hier eine Niederlassung, ein deutsches Haus, in dem täglich so viel umgesetzt wurde wie ein durchschnittlicher venezianischer Mittelständler sonst in einem Jahr verdiente. Hier wurde kaum produziert, dafür aber umso mehr ge- und verkauft. Die Dogen und auch der zehnköpfige Rat der Stadt, die Regierung, ließen sich ihre erbaulichen Ideen etwas kosten. Als Tourist kann man heute nur noch die Pracht der Stadt vor fünf-, sechs-, siebenhundert Jahren erahnen. Aber das reicht schon, um sich verzaubern zu lassen.

Dass Venedig nicht nur glorreiche Zeiten erlebte, zeigt Heidrun Reinhard, die die Stadt als ihre zweite Heimat bezeichnen darf, in der zweiten Hälfte des Buches. Denn an die Spitze gelangen, ist bei Weitem einfacher als diese zu behaupten. Als Konstantinopel in die Hände der Araber fiel, schwanden auch der Ruhm und der Einfluss Venedigs. Bis die Intelektuellen und Künstler Venedig wiederentdeckten. Verdi, Wagner, Thomas Mann – sie alle setzten der Lagunenstadt ein weiteres Denkmal. Die Venezianer sind ja in Sachen Denkmäler setzen nicht so spendabel.

„Mondo Veneziano“ ein Buch für alle, die Venedig nicht nur als Tages- oder gar nur Stundenausflug erleben wollen. Schon vor dem Besuch weiß man – gefühlt – mehr als so mancher Einheimischer. Vor Ort ist man der kundige Betrachter, der sich von keinem Reiseleiter etwas vormachen lässt. In Erinnerungen schwelgend nimmt man dieses Buch immer wieder gern zur Hand und stimmt Seite für Seite kopfnickend zu: Venedig ist mehr als nur eine Reise wert!

Als Hemingway mich liebte

Als Hemingway mich liebte

Er gehört zu mir – in der deutschen Schlagerszene ein Stück für eine Person. Im Leben von Ernest Hemingway ein Mehrstimmiges. Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts klingt es in den Ohren von Hadley wie ein Hohn. Denn ihr Gatte, der mittlerweile einigermaßen anerkannte Ernest Hemingway, hat schon seit längerem ein Auge auf Fife geworfen. Fife heißt eigentlich Pauline und arbeitet für die Vogue in Paris. In Antibes haben die Hemingways ihr neues Quartier bezogen. Das Haus gehört dem Skandalpaar F. Scott und Zelda Fitzgerald. Bumby zuliebe haben der bullige Schriftsteller und die resolute Hadley eine neue Bleibe gefunden. Bumby leidet unter seinem Keuchhusten und die warme Luft soll ihm Linderung bringen.

Hadelys Sorge kann hier nicht gelindert werden. Immer wieder finden sich Hinweise auf eine Liaison Ernests und Fifes. Ihre Schwester Jinny bestätigt endgültig die Beziehung. Als klar wird, dass es nicht nur eine flüchtige Affäre ist, stellt Hadley ein Ultimatum: Ernest und Fife sollen sich einhundert Tage nicht sehen, nicht schreiben, nicht in Verbindung stehen. Sollten seine Gefühle für Fife unverändert stark sein, würde Hadley sich zurückziehen. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit gibt sie sich geschlagen.

Zeitsprung. Die letzte Hälfte der 30er Jahre wird vom spanischen Bürgerkrieg bestimmt. Auch Hemingway ist vor Ort. Als Korrespondent. Pauline, Fife, ist die Hüterin des Hemingway’schen Hauses auf den Keys vor Florida. Ihr Heim ist eine Zierde, das eleganteste Haus auf dem Eiland. Doch immer öfter ist sie allein. Physisch wie seelisch. Oft ist Ernest Hemingway in Spanien. Ist er in der Heimat, muss Fife dafür sorgen, dass er schreibt. Nicht des Geldes wegen. Nein, nur wenn ihr Mann schreibt, schweifen seine Gedanken nicht ab zu Anderen. Eine Andere ist Martha Gellhorn. Eine neue Eroberung? Oder doch mehr? Ihre alte Freundin und niemals als Rivalin erachtete Hadley kennt das. Sie hatte Hemingway auch geliebt und verloren. An Fife. Jetzt ist sie Ratgeberin. Doch Fife hat nicht die charakterliche Stärke von Hadley. Ihr Temperament ist überbordender.

Martha ist Frau Nummer Drei im Reigen der ménage à cinq. Während Hadley und Fife sich den Umständen entsprechend ganz gut verstehen, hat Marty, wie Hemingway sie nennt, kein Verständnis für derartige Verbrüderungen. Hadley ist ihr zu weich, zu nachgiebig, und Fife könnte ihr noch gefährlich werden. Die beiden leben Mitte der 30er Jahre in Havanna, in den 40ern ist Paris der Schauplatz der Ehe und deren Ende. Als großer Befreier des Ritz ist Hemingway in aller Munde und bald auch schon im Schoß einer Anderen. Paris ist frei, Marty auch bald.

Mary ist der Schoß, in den sich Ernest Hemingway nun legen wird. Kriegsreporterin wie Hemingway und Marty es waren und sind. Der Kampf ist Hemingways Geschäft. Ist irgendwo Krieg auf der Welt, ist er nicht weit. Er kennt die Welt, und die Welt kennt ihn. Martha warnt Mary noch. Doch Mary ist unwissentlich dem Macho schon verfallen. Während Europa in Trümmern liegt, baut Mary eine neue Beziehung zu Ernest Hemingway auf.

Sie wird die einzige Ehefrau sein, die ihn nicht an eine Andere abgeben muss. Verlassen wird er sie dennoch. Ob freiwillig oder nicht, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Die vier Frauen, die Ernest Hemingway ehelichte, rauben in diesem Buch nicht den Ruhm des großen Schriftstellers. Dafür ist er zu übermächtig. Die Wucht seiner Präsenz lässt sie erschauern und zu Kämpferinnen reifen. Doch nicht bis zum bitteren Ende. Sie wissen, wenn sie weichen müssen. Echte Gewinner gibt es in keinem Krieg – auch nicht in den Ehen Hemingways.

Schicksalsorte der Deutschen

Schicksalsorte der Deutschen

Beim Lesen des Titels hat jeder seine eigene Meinung und eigenen Vorstellungen. Auf Anhieb kann man sicher ein oder zwei Hände voll Orte nennen, die in der Geschichte Deutschlands, der Deutschen eine entscheidende Rolle spielten. Aber fünfundfünfzig? Da braucht man schon ein paar Stunden zum Nachdenken. Und genau so lange dauert es auch das Buch zu lesen. Vorteil Buch: Hier wird auch gleich noch das entsprechende Basis- und Hintergrundwissen vermittelt.

Bei oberflächlicher Betrachtung des Umschlages kann manches erahnt werden: Ein kräftiger Kerl mit Flügeln an der Kopfbedeckung auf ‘nem Pferd, in schwarz-weiß, ist wohl schon etwas älter. Schlachtengetümmel, in Farbe. Eine Kirche, in die die Massen geordnet einziehen, sehr feierlich. Ein Haus mit beleuchteten Balkons. Und – das erkennt jeder sofort – das Brandenburger Tor. Von oben, links hinten fotografiert, sieht man auch nicht allzu oft. Jetzt geht das Rätselraten los. Es bleibt einem nichts anderes übrig: Man muss das Buch aufschlagen. Und schon ist es passiert! Man blättert, liest ein paar Zeilen und kommt nicht mehr los.

Zuerst sucht man natürlich nach der Auflösung der Titelrätsel. Brandenburger Tor ist klar: Mauerfall. Die Balkons gehören zum Bauhaus in Dessau. Die Kirche ist die Paulskirche in Frankfurt, wo 1848 erstmals ein deutsches Parlament tagte. Das Schlachtengetümmel gehört zur Tannenberg-Schlacht, in dem im Sommer 1410 der Deutsche Orden eine vernichtende Niederlage hinnehmen musste. Und der wohlgenährte Herr mit den Flügeln am Helm ist Arminius, wie man sich ihn im 19. Jahrhundert vorgestellt hat. Rätsel gelöst, aber noch immer warten fünfzig Schicksale auf ihre Entdeckung.

Schon allein die kleine Auswahl des Bilderrätsels vom Cover zeigt, dass es in diesem Buch nicht nur um Schlachten und Kriege geht. Friedliche Revolutionen auf politischer Seite stehen kulturellen Neuerungen wie dem Bauhaus gegenüber. Die Völkerschlacht bei Leipzig der ersten deutschen Eisenbahnfahrt zwischen Nürnberg und Fürth. Oder die Schlacht von Verdun dem Wunder von Bern.

Jedem Ort, an dem deutsche Geschichte geschrieben wurde oder Deutsche Geschichte schrieben, und diese bis heute nachhallt, geben die Macher des Buches den passenden Rahmen und füllen die vorhandenen Wissenslücken. „Schicksalsorte der Deutschen“ ist ein Lese- und Bilderbuch, das man gern immer wieder zur Hand nimmt. Stück für Stück nähert man sich der Geschichte und sieht die Gegenwart mit anderen, wissenden, Augen. Ansprechend gestaltet und informativ – das beste Argument, um dem staubtrockenen Geschichtsunterricht Lernfreude entgegenzusetzen.

Himalaya

Himalaya

Wer hoch hinaus will, muss unten anfangen, könnte ein asiatisches Sprichwort lauten. Ist aber eher eine Adaption. Oder auch der Leitspruch eines jeden Alpinisten, der das höchste Gebirge der Welt erklimmen möchte. Hier oben ist das Leben rau, echt, selten einladend. Viele, die die Spitze der Welt erobern wollten, konnten von ihren Taten nicht mehr berichten. Und die, die es konnten, vergaßen nie wieder, was sie erlebt hatten. Auch davon berichtet dieses Buch.

Es ist trotz der enorm fortgeschrittenen touristischen Erschließung immer noch eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Die Berge des Himalaya zu bezwingen (schon anhand der Wortwahl – bezwingen – lässt sich die Schwierigkeit des Unterfangens erkennen), ist ein so genannter Menschheitstraum. Dazu gehört zum Einen die Vision, zum Anderen die Umsetzung dieses Traumes. Philip Parker und sein Autorenteam haben sich auf Spurensuche begeben.

Die Eroberung des Himalaya begann nicht erst mit der Bezwingung des Mount Everest Ende Mai 1953. Sie begann viel früher, nur eben unbemerkt. Obwohl in den Höhenzügen des Himalaya nicht gerade das Leben tobt, so lebt man hier schon seit Ewigkeiten, nur eben unbemerkt. Seit ein paar Jahrzehnten ist es allerdings vorbei mit buddhistisch erhabener Ruhe. Biwaks und der damit verbundene Müllberg (der ist allerdings wirklich neu) bestimmen die Szenerie.

Wer davon liest, hat schon den größten Teil des Buches bezwungen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Leser von den Königreichen auf dem Dach der Welt erfahren, ist mit Pilgern und Missionaren auf Gipfel geklettert und hat mit dem Autor Stewart Weaver den Himalaya vermessen. Und natürlich auch mit Tenzing Norgay und seinem berühmten Schrittgefährten Sir Edmund Hillary auf alle herabgesehen.

„Himalaya – Die höchsten Berge der Welt und ihre Eroberung“ ist aktuell der einzige Abenteuerroman, der auf echten Fakten beruht. Natürlich ist es ein Sachbuch, aber geschrieben ist es wie ein echter Thriller. Und wer meint, dass mit der Erstbesteigung alle Messen gelesen sind, wird im letzten Kapitel von Doug Scott eines Besseren belehrt. Denn im Himalaya ist das Abenteuer noch lange nicht zu Ende. Begonnen hat das Abenteuer mit einem Traum, fortgesetzt wird es in diesem Buch, abgeschlossen wohl niemals.