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Der Fürstentrust

Selten zuvor lagen „Faites vos jeux“ und „Rien ne va plus“ so eng beieinander wie vor einem Jahrhundert und einem Jahrzehnt. Und zwar in Europa, verantwortet von deutschen Adelshäusern. Nämlich dem zu Hohenlohe-Öhringen und dem Hause Fürstenberg. Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen und Max Egon II. zu Fürstenberg waren die Häupter ihres Geschlechts und Geschäftsmänner, die mit allen Wassern gewaschen waren.

Schon einmal waren sie aktiv geworden, als sie Geld rochen. Viel Geld! Schnelles Geld! Auf Madeira. Hier sollte der Luxus-Tourismus Welnnes-Urlaubern die Taler, Kronen, Pfund, Mark und so noch was aus den Taschen ziehen. Man drohte sogar Portugal mit Krieg, wenn man sich nicht nachgiebig zeigen würde. Klappte nicht. Fünf Mios in den Sand gesetzt! Ärgerlich, doch nicht ganz hoffnungslos die Lage. Man verbuchte den Verlust als Lehrgeld.

Die beiden Cousins – die Familien Hohenlohe und Fürstenberg standen sich sehr nah – gründen einen Trust. Eine Art Gegenbewegung zum Großbankenkapital.

Die beiden Köpfe der Herrschaftshäuser waren von jeher vermögend. Bis heute zählen sie zu den größten Waldbesitzern Deutschlands. Aber auch immense Immobilienbestände nannten sie ihr Eigen sowie einige Konzerne. Zusammen mit anderen Industriekapitänen gründeten sie den so genannten Fürstentrust. Die Mitgliedernamen sind heute noch in aller Munde. Max Egon II. zu Fürstenberg hatte zudem das unverschämte Glück zum engsten Vertrauten des Kaisers zu gehören. Eine unermesslich wertvolle Freundschaft, die den Trust zwar nicht vor dem Ende, jedoch vor einem für alle Beteiligten bitteren Ende bewahren sollte.

Autor Christian Bommarius gibt im Vorwort zu, dass die Geschichte an sich keine leichte Kost ist – die Panama-Papers sind dagegen ein offenes Buch. Ab und zu muss man kurz absetzen und ein wenig die Fäden wider zusammenklöppeln. Nichts desto trotz liest sich dieses Buch wie ein Wirtschaftskrimi durchaus mit erkennbaren Parallelen zur Gegenwart.

Die Geschichte, die Christian Bommarius in seinem Buch „Der Fürstentrust“ erzählt ist echt, steht aber in keinem Geschichtsbuch. Selbst ausgefuchste Historiker haben maximal davon gehört. Belege? Mangelware. Denn die Nachkommen der herrschaftlichen Häuser – heute sind sie Society-Ladies und Charity-Damen erster Kajüte – hocken wie die Glucken auf den spärlich vorhandenen Aufzeichnungen. Die meisten Papiere wurden „Opfer des Feuers“.

Christian Bommarius ist Jurist und Journalist und widmet sich mit Hingabe der deutschen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bereits mit „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun“ zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf jenen Teil der deutschen Geschichte, der im Verborgenen gehalten wurde und bis heute kaum Aufmerksamkeit erregt.

Madrid, Mexiko

Sie heißen Yago, Benjamin oder Maria. Sie heißen Omar, Catalina oder werden Mariachito genannt. Sie leben in Madrid und in Mexiko. 1923, 1938, 1944, 1997, 2014. Das hat sich Antonio Ortuño ausgedacht und lässt seine Protagonisten auf den Leser los. Und er beginnt gleich mit einem Schuss und der Gewissheit des Todes. Aus – Schluss – Ende? Noch lange nicht!

Es braucht seine Zeit bis man die einzelnen Stecknadeln auf der Landkarte dieses Romans mit Fäden verbinden kann. Denn die hält der Autor noch in der Hand.

Doch ist man einmal drin im Dickicht der Familienbande, entspinnt sich ein Familiendrama primera clase. Yago hat es endlich geschafft und ist mit Maria zusammen. Doch Benjamin wäre zu gern an der Seite Marias. Yago ist sein bester Freund. Jahre später ist davon nichts mehr übrig. In Spanien wütet der Bürgerkrieg. Und Yago und Benjamin kämpfen auf unterschiedlichen Seiten. Die Einigkeit von einst ist erbitterter Feindschaft gewichen.

Jahre, Generationen später geht es Omar nicht viel anders. Auch in seinem persönlichen Drama spielt eine Frau eine wichtige Rolle: Catalina. Seine Chefin. Und auch hier wieder ein eifersüchtiger Mann, der den beiden das Glück nicht gönnen kann.

Für beide, Omar und Yago gibt es nur eine Möglichkeit. Die Flucht. Während der eine nach Mexiko flieht, zieht es den Anderen eben genau da hin, wo es für den jeweils Anderen begann.

Schließt sich ein Kreis oder wird der Kreis des Lebens erneut angestoßen? Emigration, Entwurzelung, Neuanfang sind die Themen, die Antonio Ortuño in seinem Geschichtenpotpourri zu einem würzigen, scharfen Gericht zusammenfügt. Ortuño urteilt nicht. Auch der Leser wird nicht dazu gezwungen. Vielmehr gehen Autor und Leser Hand in Hand der Frage nach, was mit Menschen passiert, die ihre selbstgeschaffenen Pfade verlassen müssen, um anderswo wieder von vorn anzufangen. Und was passiert, wenn das Schicksal, die Schatten der Vergangenheit wieder sanft an die sicheren Pforten des neuen Lebens klopfen. Kurzweilig und packend wird die Frucht der Erkenntnis geschält, und es tritt ein großes Geheimnis zu Tage…

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Aus Liebe zu den Pflanzen

Fast scheint es unter Künstlern und vor allem Wissenschaftlern zum Standard zu gehören: Je höher der Wert der Erkenntnis desto niedriger der Bekanntheitsgrad. Van Gogh hat zu Lebzeiten ein einziges Bild verkauft. Und wer kennt heutzutage noch Wissenschaftler? Einstein, ja, der ist bekannt. Aber wer kann seine Relativitätstheorie kurz erklären? Der Raum ist krumm, und wer schneller als das Licht reist, wird jünger – das soll alles sein, was von ihm und seiner Theorie bleibt?

Stefano Mancuso ist selbst Biologe, forscht in Italien. In „Aus Liebe zu den Pflanzen“ setzt er den vergessenen Genies der Biologie ein Denkmal. Ein Dutzend Forscher stellt er vor, von denen gerade mal ein Viertel der Mehrheit bekannt sein dürfte: Da Vinci, Mendel, Darwin und Goethe. Schon, wenn man die Vornamen der Genannten weiß, würde man in einer Quizshow einen vierstelligen Betrag erhalten können. So unbekannt sind sie immer (noch).

George Washington Carver – kein Verwandter des ersten Präsidenten der USA, sondern ein Biologe, dessen Forschungen bis heute die amerikanische Kultur prägen. Salopp gesagt: Ohne ihn hätten Millionen von Kindern in den USA keinen Brotaufstrich. Ihm ist die Erdnussbutter zu verdanken. Unter anderem. Da könnte man meinen, dass ein solcher Erfinder im Reichtum gelebt hat. Nein, ganz im Gegenteil. Als Sohn von Sklaven in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ihm nicht mal ansatzweise eine Art von Karriere vergönnt. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz (und davon gab es immer wieder welche – schließlich hatte er als Schwarzer in den USA keinerlei Rechte) – schaffte er es dennoch seine Ziele durchzusetzen.

Ganz im Gegensatz zu Charles Darwin. Seine Familie war und ist bis heute eng mit der Wissenschaft, besonders mit der Botanik verbunden. Darben musste er nie. Auch der Ruhm wurde ihm schon zu Lebzeiten zuteil. So bildet er eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen in diesem Buch.

Ja, auch „olle Goethe“ steckte schon während seines Studiums der Rechtswissenschaft seine Nase nicht nur in juristische Fachbücher, sondern auch in Seminare der Naturwissenschaftler. Die Botanik war mehr als nur eine Zeitvertreib oder willkommene Abwechslung vom stringenten Schriftenwälzen.

Von der Erdnuss über Weinbau, von Pflanzenkreuzungen bis hin zu Wechselwirkungen in der Natur haben alle in diesem Buch beschriebenen Wissenschaftler eines gemeinsam: Verdiente Ehre für die geleistete Arbeit mussten sie sich schwer erarbeiten. Wenige hatten Glück, viele fristen bis heute ein Mauerblümchendasein. Stefano Mancuso wirkt dieser Gedankenlosigkeit mit Verve entgegen. Seine Zuneigung für seine geistigen Väter ähnelt der Liebe derer zu den Pflanzen.

Sibylla und der Tulpenraub

Dreihundertfünfzig Jahre ist es her, dass Sibylla Maria Merian geboren wurde. Wenn man sich ihre Biografien (im Jahr 2017 gibt es gleich mehrere davon – Jubiläum!) durchliest, wird man das Gefühl nicht los, das man es hier mit einer der ersten weiblichen Wissenschaftlerinnen zu tun hat, die systematisch und analytisch gearbeitet hat. Und trotzdem ist sie (fast!) in Vergessenheit geraten. Aber die Zeiten sind ja nun vorbei.

Die E. A. Seemanns Bilderbände sind ein Grund dafür. Diese Reihe bietet Kindern die unterschätzte Möglichkeit sich der Kunst spielerisch zu öffnen. Und so ganz nebenbei lernt man auch noch was…

„Sibylla und der Tulpenraub“ stellt die kleine Sibylla vor. Weit bevor sie weite Reisen nach Surinam machte, wo sie Schmetterlinge beobachtete und in einzigartiger Weise festhielt. Bis heute faszinieren ihre Bilder der bunten Welt der Schmetterlinge die Betrachter.

Sibylla ist ein Einzelgänger. Sie interessiert sich für Dinge, die Andere einfach nur eklig finden: Kreuzottern, Gelbbauchunken, Ungetier. Eines Tages dringt ein seltsamer Duft in ihre Nase. Ein wohltuender Duft. Ein Duft, der die Kleine neugierig macht. Er weht von den Tulpen aus Nachbars Garten. Der Graf, dem der Garten und die Tulpen gehören, wird sicher niemals der „kleinen Göre von nebenan“ erlauben diese zu betrachten, geschweige denn zu malen. Und wie das eben so ist mit den verbotenen Früchten und Kindern – man nimmt sich, was man nicht haben kann. Sieht man heute noch öfter an Supermarktkassen.

Das Geschrei am nächsten Tag ist natürlich groß. Doch der Gärtner des Grafen hat schon einen Verdacht: Sibylla. Die kecke Nachbarstochter wickelt den aufgebrachten Mob jedoch schnell um den Finger. Die von ihr gemalten Bilder des Diebesgutes besänftigen im Handumdrehen die erhitzten Gemüter.

So einfach war Sibylla Merians Leben nicht immer, so schwierig wie diese Kindheitsepisode schon. Ein Frau, die wissenschaftlich arbeiten will – wo gibt’s denn sowas?! Doch sie setzte sich durch, wie schon in Kindertagen. Text und Illustration stammen von Benita Roth, die in diesem Buch mit Weiß und grellen Farben arbeitet. Mit viel Lieb zum Detail würdigt sie die Arbeit der vor dreihundert Jahren gestorbenen Forscherin und Künstlerin, deren Werke bis heute in Königlichen Galerien ausgestellt sind.

Erinnerungen

Ein Buch über zwei Vorbestrafte. Zwei, die es einfach nicht lassen können mit illegalen Aktionen ihre Ziele zu verfolgen. Darf man so was veröffentlichen? Eine provokante Frage! Ja, man darf. Man muss! Denn es handelt sich hierbei nicht um irgendwelche Gauner, Diebe, Trickser oder gar Schlimmeres, sondern um Beate und Serge Klarsfeld. Nazijäger nennt man sie. Dieser Titel erfasst nicht einmal annähernd die Bedeutung der Arbeit der Beiden.

Gerade dem Teenageralter entwachsen, ging Beate Klarsfeld als Au-pair nach Paris. Mit im Gepäck waren Neugier und Schüchternheit, aber auch Charme und Durchsetzungsvermögen. Hier lernt sie auch Serge kennen. Dessen Familie hat die Judenverfolgung in Frankreich miterleben müssen, Serges Vater konnte gerade noch Frau und Kinder verstecken, bevor die Nazis ihn verhafteten, deportierten und in Auschwitz ermordeten.

Vom Ausland aus wird Beates Blick auf die Heimat geschärft. Kurt Georg Kiesinger soll Bundeskanzler werden. Nur wenige haben damals den Mut ihn wegen seiner führenden Propagandatätigkeit im Dritten Reich anzugreifen.  Beates Kampfeswille ist geweckt. Als sie in einer französischen Zeitung zum Widerstand gegen den Kanzlerkandidaten aufruft, wird sie entlassen. Ihre Vorgesetzten berufen sich auf die Statuten des Deutsch-Französischen Jugendwerkes. Einer der Hauptakteure trat am gleichen Tag wie Kiesinger in die NSDAP ein – ein Wink des Schicksals? Doch all das Kämpfen, Aufrütteln und Öffentlichmachen nützt nichts – das Angestelltenverhältnis bleibt aufgelöst. Es müssen andere Methoden her, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Serge ist eine der treibenden Kräfte die Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit Nazideutschland publik zu machen. Wie zwei Terrier am zerren die beiden am Hosenbein der Geschichte. Aufdecken als Rache ist es nicht, was die beiden antreiben wird. Gerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes ist ihre Triebfeder. Wenn es sein muss – und es muss immer wieder sein! – auch mit illegalen und spektakulären Aktionen. Als Fanal galt und gilt die schallende Ohrfeige für Kiesinger.

Es war die Zeit des Vergessens. Ruhe war eingezogen, und so sollte es auch bleiben. Krieg und Verfolgung waren über ein Jahrzehnt her, doch die Täter waren immer noch unter ihnen. In führenden Positionen, wie unter anderem das Beispiel Kiesinger zeigte. Andere waren geflohen, um sich nicht vor Gerichten verantworten zu müssen. Diese aufzuspüren, ihre Taten lautstark anzuprangern und vor Gericht zu bringen, war von nun an das Lebensziel der beiden. Und ist es bis heute.

Dem Anwalt und Historiker Serge Klarsfeld ist es zu verdanken, dass die Opfer der Nazidiktatur namentlich nicht vergessen werden. Unermüdlich durchforstete er Archive und gab den Hinterbliebenen die Möglichkeit Zweifel und Ungewissheit über den Verbleib ihrer Väter und Mütter, Tanten und Onkel, Söhne und Töchter auszuräumen. Immer wieder kehrte auch der Terror in ihr Leben zurück. Anschläge und Anfeindungen waren Alltag.

Ihre Lizenz zum Jagen erhielten Beate und Serge Klarsfeld von der Humanität. Ihnen wurde in frühen Jahren zum Verhängnis, dass sie vorausschauend wirkten. Erst in jüngster Vergangenheit konnten sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Das Bundesverdienstkreuz für beide und die Kandidatur Beate Klarsfelds als Bundespräsidentin waren mehr als Genugtuung. Es war die nie eingeforderte, doch willkommene Anerkennung ihrer niemals endenden, aufopferungsvollen Arbeit.

Die Erinnerungen lesen sich wie ein Thriller, mal mit gutem, mal mit nicht so befriedigendem Ende. Die Jagd nach Klaus Barbie dem Schlächter von Lyon (in Frankreich verurteilt)  oder Alois Brunner, dem Handlager von Adolf Eichmann (entkommen, aber elend in Syrien gestorben).

Die Parallelen zur aktuellen politischen Lage sind erschreckend. Wortwahl und Zielstrebigkeit der so genannten neuen Rechten sind so eng mit der Zeit des Faschismus in Europa verknüpft, dass man meinen sollte, dass allein der Habitus dieser Querköpfe ausreichen sollte, um sie zu entlarven und zu verteufeln. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Schlag auf den Hinterkopf mit diesem über sechshundert Seiten starken Buch können die Schreie nach der „starken Hand“ von denen, die Barbie, Lischka, Brunner schon vergessen haben, verstummen lassen.

Maria Sibylla Merians Schmetterlinge

Das Jahr begann gleich mit einem Jubiläum, das ohne die vermehrte Nennung nur ein klitzekleiner elitärer Kreis gefeiert hätte: Den 300. Todestag von Maria Sibylla Merian. Ob Videotext, Zeitungen oder Ausstellungsankündigungen – der überwiegende Teil kennt diese Frau nicht (mehr). Doch ihr Werk und ihre Werke sind dann doch bekannt.

Schon als Jugendliche hat sich die wissbegierige Maria mit Schmetterlingen beschäftigt. Doch in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main oder ihrem zweiten Zuhause Amsterdam waren Schmetterlinge nur in Privatsammlungen und Museen zu besichtigen. Ganz zu schweigen von der Metamorphose der Raupen zu den farbenprächtigen Exemplaren, die fern der Heimat zum Alltag gehören.

Maria Merian interessierte sich nicht nur die Vielfalt der Farben auf den Flügeln der flatterhaften Genossen. Siewollte wissen, wie aus einer unscheinbaren Raupe ein anbetungswürdiges Geschöpf entstehen kann. Zusammen mit ihrer Tochter machte sie sich auf den Weg, auf Expeditionsreise nach Surinam in Südamerika, damals holländische Kolonie bzw. Besitztum der West India Company.

Hier fand sie ihre Erfüllung. Unter dem Vergrößerungsglas entdeckte sie die schuppenartige Struktur der Flügel. Schon als Kind bekam sie Unterricht in Malkunst und so machte sie aus ihren beiden Leidenschaften – Malen und Forschen – eine Tugend. Das Ergebnis ist in diesem kompakten Band jedermann zugängig. Erstaunlich mit welcher Akribie sie jede auch noch so kleine Nuance abbilden konnte. Pflanzen und Schmetterlinge, die bis heute ein Faszinosum darstellen. Immer wieder verblüffen ihre Bilder den Betrachter ob des Detailreichtums. Was sonst nur im Museum der Öffentlichkeit gezeigt werden kann, ist nun jederzeit für jedermann verfügbar. Weit weg von kitschig-bunt und nostalgisch verklärter Romantik waren die Bilder schon zu Lebzeiten Maria Merians ein Verkaufsschlager. In unterschiedlicher Druckqualität wurden sie angeboten. King George III. erwarb die Bildtafel, ihm ist es zu verdanken, dass sie als Teil der Königlichen Sammlung bis heute erhalten sind.

Dieses Buch ist sicherlich kein Buch, das man mit auf reisen nimmt, um Schmetterling zu bestimmen – obwohl das möglich wär. Es ist vielmehr ein Beweis für die Kunstfertigkeit einer Frau, die in einer Zeit lebte, in der es Frauen so gut wie unmöglich war, wissenschaftlich zu arbeiten. Umso mehr erstaunt der Lebenslauf der energischen Frankfurterin. Ihre Zeichnungen sind in Ausschnitten den meisten schon mal untergekommen. Doch die Künstlerin dahinter tritt wohl nun erst jetzt so richtig ins Licht. Verdient, wenn auch verspätet!

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Erinnern wir uns. Gehen zurück in den Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Ein ganz normaler Wochentag. Vormittags. Was haben wir gemacht? Wir saßen in der Schule. Vorn, vor der Tafel, stand der Lehrer und versuchte gebetsmühlenartig den Lehrstoff in uns reinzustopfen. Und hat’s was gebracht? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch jede Schule, jeder Schüler hatte einen Lehrer, der kein Lehrer war. Zu ihm ging man gern in den Unterricht. Denn – und das erkennen viele erst später – er hatte eine Berufung. Er kannte sehr wohl den Lehrstoff. Von seinen Kollegen unterschied ihn die Tatsache, dass er es irgendwie schaffte alle in seinen Bann zu ziehen ohne das Lernziel aus den Augen zu verlieren. Lernen konnte auch Spaß machen!

Wer im Fremdsprachenunterricht immer nur Vokabeln pauken musste, ohne diese jemals richtig anwenden zu können, konnte keine Verbindung zur Kultur dieser Fremdsprache aufbauen. Buch – book, Mutter – matj, Auge – Mund – bouche. Und weiter? Wenn dann ein Lehrer Sketche aufführen ließ, witzige Anekdoten einflochte, durfte er sich ein „i“ an den Nachnamen hängen. Aus Herrn Schmidt wurden das eben „Schmidti“. Die höchste Ehre für einen Lehrer.

Christoph Gutknecht wurde sicher auch oft „Guti“ genannt. Er war Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Hamburg. In diesem Buch zeigt er kurzweilig und kenntnisreich den Einfluss des jiddischen in der deutschen Sprache auf. Denn vieles, was das tagein tagaus unseren Mund Richtung Gegenüber verlässt, hat gar keine deutschen Wurzeln, sondern jiddische, hebräische, aramäische. Pustekuchen wird der eine oder andere jetzt sagen, und führt seine eigene Überzeugung postwendend ad absurdum. Denn dieses amuse gueule hat seinen Ursprung nicht zwischen Elbe und Donau. Es hat eine wahre Odyssee hinter sich, bis es endlich seine Wurzeln im Jiddischen, Hebräischen freilegen durfte. Poschut (die „Puste“ im Pustekuchen) heißt „weniger“ und „kochem“ (der „Kuchen“) stammt von klug.

Nun lässt sich das Jiddische nicht so einfach erlernen wie der Vokabelteil eines Englischbuches. Erst wenn man das neu erlernte Wort – in diesem Fall das „wieder erlernte Wort“ – in verschiedenen Situationen erlebt hat, kann es seine gesamte Pracht entfalten. Christoph „Guti“ Gutknecht hält dafür eine Vielzahl an Anwendungsbeispielen parat. Kurz und knapp fegt er über die Bücherseiten, die bereits beschrieben wurden und fügt zusammen, was zusammen gehört. Kein Tinnef wird für Zoff sorgen. Liebevoll, teils kess wünscht er dem Leser bei seiner Lektüre Hals- und Beinbruch, auf dass er keinem Sprach-Gauner auf dem Leim geht. Wer ganz genau hinsieht, kann nach dem Genuss des Buches viel besser mosern. Und das wiederum ist eine typisch deutsche Marotte!

Fast eine Liebe

Man muss schon sehr lange im – bestenfalls sehr großen – Bücherschrank suchen, um einen Autor, eine Autorin zu finden, die mit jedem Werk einen Volltreffer landen konnte. Und hat man seinen Liebling erwählt, will man alles von ihm, von ihr lesen. Als nächster Schritte will man alles über sie/ihn wissen. Und dann kommt die Ernüchterung. Alles, was es zu lesen gibt, hat man gelesen. Ist die Liebe nun erloschen? Nein! Niemals. Denn nun ist man Experte (die werden im Fernsehen gern mal vor eine Bücherwand (!) gestellt und befragt!).

Und dann gibt es Verlage, die sich mit dem Zustand der Endgültigkeit einfach nicht zufrieden geben. Immer wieder tauchen bei ihnen Autoren auf, die doch noch Neues im Leben eines Autors / einer Autorin recherchieren und gekonnt zu Papier bringen. Carson McCullers ist so ein Wunderkind. Jedes Buch sorgte für Furore. Und nun wird ihrer viel zu kurzen, übervollen Biografie ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“, der Erstlingsroman von Carson McCullers schlug wahrhaft ein. Dieses seltsame Mädchen aus dem Süden wurde in New York wie eine Sensation gefeiert. Auch andere Autoren wurden auf das kränkliche Wesen aufmerksam. So auch Erika und Klaus Mann, die vor den Nazis in Amerika eine neue Heimat gefunden hatten. Und so begab es sich, dass Carson ihren Verleger treffen wollte, im gleichen Hotel aber eben auch die intellektuelle und sprachbegabte Erika abgestiegen war. In ihrem Schlepptau eine junge engagierte junge Schweizerin, die die Welt bereiste und vergeblich versuchte Erika zu amourösen Abenteuern (und noch ein bisschen mehr) zu überreden, Annemarie Schwarzenbach.

Für Carson McCullers, deren Gatte nur sporadisch im gemeinsamen Heim selbiges fand, traf also ihren Verleger, Erika Mann (auch deren Bruder Klaus) und eben diese Annemarie. Das Wunderkind wurde schlagartig zum Jäger. Doch das zu erlegende Wild sträubte sich. Die Liebe bleibt unerwidert. Die Zuneigung wird jedoch nicht minder bestehen bleiben. Auch als Annemarie Schwarzenbach grußlos Amerika verlässt. Carson stürzt sich in die Arbeit, erhält Auszeichnungen und Preise. Und ein Telegramm von Klaus Mann, der ihr nüchtern den Tod der ersehnten Liebe verkündet. Der Schock sitzt tief, Kollegen und Freunde sorgen sich um Carsons Gesundheit.

Alexandra Lavizzari setzt in ihrem Buch beiden Frauen ein wortstarkes, eindrucksvolles Denkmal: Das Wunderkind aus dem Süden, das aus Angst vor Enttäuschung zu schreiben beginnt – die wissbegierige Industriellentochter, die Liebe sucht und Liebe abweist – zwei Frauen, die in ihren Gemeinsamkeiten und durch ihre Unterschiede füreinander geschaffen waren, und doch wie die Königskinder niemals zusammenkommen konnten.

Noch einmal zurück zur viel zu kurzen Biografie von Carson McCullers. Das Jahr 2017 ist Medaillen-Jubiläumsjahr. Und Medaillen haben bekanntlich zwei Seiten. Zum Einen feiert man im Februar ihren hundertsten Geburtstag, zum Anderen im September den fünfzigsten Todestag. Annemarie Schwarzenbach wurde nur vierunddreißig Jahre alt. Doch Zeit genug, um die Welt zu erkunden und das Leben auszukosten. Dieses Buch ist eine Hommage an beider Leben, an die Liebe (der beiden) und eine Aufforderung sich niemals zufrieden zu geben. Als Leser darf man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht hier und da noch weitere Manuskripte über das Leben von Carson McCullers auftauchen werden…

Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen

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Endlich ungeniert die leichten Mädchen betrachten dürfen! Ja, … nein, so ein Buch ist das hier nicht! Es ist ein Buch, das voller Überraschungen steckt. Schon die erste vorgestellte Dame, Aspasia, war vermutlich gar keine Kurtisane, Konkubine, Mätresse oder gar Hetäre. Sie stand an der Seite von Perikles, der jedoch den Rückhalt beim Volk verlor. Schuld an der ganzen Misere war natürlich die Frau. Zumal sie auch aus dem Ausland stammte. Aus einer Kolonie. Das war vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. Und die Sichtweise auf Frauen, die keinen lupenreinen Lebenslauf vorweisen können, die einfach da waren, ohne erkennbare Leistungen, hat sich seitdem kaum bis gar nicht verändert. Auch und ganz besonders, wenn ihre Wurzeln außerhalb des eigenen Hoheitsbereiches lagen…

Die Damen, die in diesem Buch ihre Meriten erfahren (Achtung! Eine weitere Überraschung wartet auf den Leser: Es sind nicht nur Damen, die hier in den Fokus gerückt werden.), waren hart arbeitende Personen. Verve und Hingabe, Intelligenz und Gerissenheit unterscheiden sie gravierend vom Vorurteil der Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch wenn beispielsweise Messalina, Kaiserin durch, bei, unter Claudius, dem scheinbar zu widersprechen scheint. Ihre Lust war ungebändigt. Und sie hatte Macht. Sie war die Kaiserin! Doch starb sehr früh. Zuvor lebte sich jedoch ihre Machtgeilheit aus. Wer sich ihr verweigerte, konnte gesichert davon ausgehen, dass das nicht ohne Folgen blieb. Und einmal soll sie sich heimlich in ein Bordell geschlichen haben. Nicht aus Neugier, sondern aus purer Lust, um unerkannt sie derselben hinzugeben.

Im lustvollen Hinterhof der Geschichte lässt sich immer noch so manches Histörchen aufdecken. Gerade als man sich als Leser an die ihre Reize einsetzenden machtbewussten Damen gewöhnt hat, treten im Buch pflichtbewusste, kämpferische Damen auf den Plan. Sie entwerfen Manifeste, vertreten selbstbewusst ihrer Ideen, sind Männer nicht Untertan, sondern gleichgestellt. Ihre Reize halten sie galant, ob mit oder ohne Berechnung im Zaum, und führen ein unabhängiges Leben. Madame Pompadour ist sicherlich die bekannteste aus dieser Riege dieser Spezialistinnen. Das profane „Schau, was ich habe – gib mir, was ich will und es ist Deins“ wandelt sich stetig in ein „Ja, ich hab was, aber warum soll ich es Dir gegen?“. Stilbruch oder Fortschritt? Letzteres! Den Abschluss des Buches bildet die einst „berühmteste Hure Deutschlands“, Domenica. Ihr Ende war tragisch. Am Rande der Gesellschaft, links liegengelassen von der Öffentlichkeit gab sie ihre Erfahrungen im Gewerbe an den Nachwuchs weiter. Sie half unterbewusst Generationen von Frauen, die den Strich als Ausweg sahen oder als Ausdruck ihrer selbst beschritten.

Und auch das gab (und gibt) es! Männer als Günstlinge der eigenen Ausstrahlung. Vaslav Nijinsky, der Gott der Sprünge im Ballets Russe und Muse des Impresarios Sergej Dhiagilev. Er faszinierte beide Geschlechter, gab sich beiden hin. Als er heiratete (und auch noch zwei Kinder zeugte) war die Liaison mit Dhiagilev vorbei, ein für allemal. Doch die Herzen der Zuschauer gehörten stets ihm und seiner wuchtigen Bühnenpräsenz.

Man sollte nicht den Fehler begehen und nach diesem Buch sofort die Klatschblätter und Promimagezine im Fernsehen schauen. Denn die aufgehübschten, so brachial ungeziemten Instagram-Sternchen, die im normalen Gespräch keinen vernünftig gebildeten Satz herausbringen mit den im Buch beschriebenen Damen gleichsetzen. Sie wollen so sein, sind es aber nicht! Medienpräsenz ist nicht gleichzusetzen mit Erfolg. Hätte es zu Zeiten des Sonnenkönigs schon die sozialen Medien gegeben, wären die Server längst zusammengebrochen. Der heutige Hype um Castingshow-Viertelfinalistinnen ist geplant und nicht erarbeitet. Dieses Buch bestätigt, dass Frauen mit ihren Waffen – wenn man es so bezeichnen will – schon immer mehr erreichen konnten als man ihnen zutraute. Der Ruhm erreichte sie meist nur zu spät.