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Joseph – Der schwarze Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Christoph Willibald Gluck – kennt man. Ihre Musik klingt unvermindert weiter. Und das wird auch noch Jahrhunderte so weitergehen. Doch wer kennt schon die Werke von Joseph Boulogne? Einem Offizier der Königlichen Garde unter Ludwig XV., dem Chevalier de Saint-George. Wohl kaum jemand, der nicht eine auserlesene Klassik-(Pardon, Früh-Klassik!) Sammlung sein eigen nennt. Es sind vielleicht auch nicht so sehr die Werke, die ihn berühmt machen könnten. Es ist vielmehr sein Leben.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er auf Guadeloupe geboren. Sein Vater war ein angesehener Plantagenbesitzer auf der Karibikinsel. Seine Mutter war eine Sklavin. Joseph war also ein Bastard, das Ergebnis einer Affäre. Der Vater erkennt den Sohn an und nach einigen Jahren findet sich Joseph in Frankreich wieder. Guadeloupe ist weit weg. Die Geschehnisse auf der Insel – sein Vater ist dort kein Ehrenmann mehr – liegen weit hinter ihm.

Als Fechtkünstler sorgt er für Furore in einem Paris, das in einem Jahrhundert die Kommune erwartet und schon bald die Revolution der Welt anführen wird. Öffentliche Schaukämpfe bringen ihm bald einen achtungsvollen Ruf ein. Wer sich mit ihm anlegt, spurt alsbald die kalte Klinge der Rache. Man erkennt ihn auf der Straße. Auch und gerade wegen seiner Hautfarbe. Er ist einer von einhundertsechzig Schwarzen in Paris.

Doch das ist nur eine Seite der Bekanntheit. Schon als Kind bekam er Musikunterricht. Sein Geigenspiel ist nicht minder virtuos wie seine Klingenführung. Als Kapellmeister führt er Haydn auf. Gluck ist sein Idol, ihm will er nacheifern. Joseph reist. Unter anderem nach England, wo er dem Bruder des Königs eine Lektion erteilt. Mit dem Degen. Bewusste Demütigung oder jugendlicher Überschwang? Weder noch. Warum soll er sein Talent verstecken. Der Bruder des Königs fordert ihn geradezu heraus sein ganzes Können zu zeigen.

Doch Joseph nutzt diese Reise auch zu seiner ganz persönlichen Rache. Als seine leibliche Mutter als Sklavin aus dem Senegal in die neue Welt verschleppt wurde, tat man ihr Leid an. Joseph findet den Übeltäter und übt Vergeltung. Als die Revolution in Frankreich wütet, Plünderungen das öffentliche Leben zur permanenten Gefahr werden, Köpfe rollen, die vorher als unverrückbar galten, sinkt der Stern des schwarzen Stars von Paris. Er kämpft wieder. Mordet, wieder. Zeit, die Erinnerungen niederzuschreiben.

Jan Jacob Mulder ist der willige Helfer einer der spannendsten Figuren in der französischen Geschichte. Joseph Boulogne wirkt in diesem historischen Roman manchmal wie ein Draufgänger, dem man postwendend seinen Degen wegnehmen sollte – er könnte sonst noch jemanden verletzen. Zum Anderen ist er Künstler durch und durch. Er komponiert wie eine Besessener und versucht seiner Kunst einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Ist er dabei glücklich? Vereinzelt sprießt der jugendliche Frohsinn hervor. Oft jedoch ist Joseph Boulogne ein Getriebener. Als Leser kann man sich mit ihm identifizieren. Er kämpft immer auf der Seite derjenigen, denen es nicht so gut geht wie ihm selbst. Er setzt sich für die Abschaffung der Sklaverei ein, wenn nötig auch mit der Waffe in der Hand. Sein Liebesleben ist prall. Seine Kunst allerdings ist bei all dem Kämpfen und Rächen fast in Vergessenheit geraten.

Das offene Geheimnis

Pssst, nichts sagen. Feind hört mit! Argentinien während der Junta in den 70er Jahren. In Malihuel stört ein Mann ganz besonders den Frieden im Ort. Es ist die Zeit, in der Tausende von Menschen von einem Tag auf den anderen spurlos verschwinden. Dario Ezcurra wird einer von ihnen sein. Der Polizeichef hat Order den Unruhestifter entfernen zu lassen oder es selbst in die Hand zu nehmen. Und so geschieht es dann auch. Dario Ezcurra ist nicht länger Bewohner von Malihuel.

Der Journalist Fefe ist auch in Malihuel aufgewachsen. Schon lange war er nicht mehr hier. Nun, 20 Jahre später, kehrt er zurück in den Ort, wo er aufwuchs. Alle kennen ihn noch. Alte Geschichten werden wieder aufgewärmt. Bis, ja bis Fefe Fragen stellt. Unbequeme, peinliche Fragen. Fragen nach Dario Ezcurra. Wie war das damals? Wie verschwand Dario? Wer steckte dahinter? Und warum hat niemand nachgehakt? Auch nach der Diktatur?

Carlos Gamerro webt ein Spennennetz aus Lügen, falsch verstandenem Gehorsam und Angst. Denn wer damals die Stimme erhob, konnte sicher davon ausgehen, dass diese auch gehört wird. Auch und vor allem von den falschen Personen. Nach dem Schrecken von Videlas Junta war aber noch lange nicht Schluss mit den Denunziationen. Jeder musste sich nun in der neuen Gesellschaft zurechtfinden. Manche mussten sich rechtfertigen. Viele mussten sich winden.

Bei seinen Recherchen wird Fefe fündig. Jeder hat auf die eine oder andere Art Schuld auf sich geladen. Wegschauen aus Angst ist noch verständlich. Doch muss es auch den Zeitpunkt geben und gegeben haben, in dem man die Faust erheben musste. Wann war dieser Zeitpunkt gekommen? Hat ihn überhaupt jemand bemerkt? Und wenn ja, warum ballten sich die Fäuste dann weiterhin in den Hosentaschen und reckten nicht gen Himmel?

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein System nur so mächtig wie sein schwächstes Mitglied. Es gab zu viele, die lieber wegschauten oder auch nur gering (bewusst oder unbewusst) Hilfestellung gaben. Jetzt müssen sie Farbe bekennen. Denn Fefe lässt nicht locker. Der gesamte Ort – wer genauer hinsieht, kennt den Ort bereits aus „Der Traum des Richters“ von Carlos Gamerro – steht unter neuerlicher Beobachtung.

Stan

In Santa Monica gibt es nur sonnige Tage. Tage, an denen man sich gern des Lebens erfreut. Und da kann es schon mal vorkommen, dass man in Erinnerungen schwelgt. Und je nachdem wie intensiv man gelebt hat, fallen diese Erinnerungen mal mehr, mal weniger eruptiv aus.

Im Oceana Apartment Hotel, den Pazifik in Seh- und Hörweite, room 203, wohnte einst er. Ein Mann, dessen Leben so erfüllt war, dass es nur in einem mehr als fünfhundert Seiten starkes Buch gepresst werden kann. Er war ein Star. Auch nach seiner aktiven Karriere. Allüren hatte er keine. Es sei denn, dass Treue als Allüre durchgeht. Er, der mit seinem Partner Babe Millionen, Generationen von Menschen glücklich machte. Man nannte ihn doof. Doch er war blitzgescheit. Babe ist nun schon Jahre tot. Doch noch immer zerren die Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte vollendeter Schaffenskraft an seinen Nerven. Namen hatte er viele. Sie bedeuteten nicht viel. Und wer ihn erreichen wollte, konnte das tun. Sein Name stand bis zum Schluss im Telefonbuch. Man stelle sich vor, dass heute noch erfolgreiche Stars ihre Nummer öffentlich preisgeben würden…

Die Rede ist von Stan Laurel. Alias Arthur Stanley Jefferson (bis zum 6. August 1931 sein offizieller Name). Alias Doof. Das leicht bescheuert dreinblickende Halbduett von „Dick & Doof“ oder Laurel und Hardy. Oliver Hardy, alias Dick, alias Babe ist vor Jahren gestorben und John Conolly lässt Stan Laurel nun seinen Memoiren schreiben. Er, das ist Stan Laurel, in den Siebzigern. Fünf Ehen klüger. Und wahrscheinlich der liebenswerteste Hollywood-Schauspieler, den es je gab. Es ist wahr, dass jeder ihn anrufen konnte. Und wer bei ihm zuhause eingeladen wurde – und es waren nicht wenige – und dem immer noch lebenslustigen Stan Laurel ein wenig Gesellschaft leisten konnte, hatte vielleicht das Glück ein Souvenir zu erhaschen. Mit Freude verschenkte er billige Melonen, die Kopfbedeckung, die ihn einst so unverwechselbar machte. Und wer weiß, vielleicht setzte er sich selbst eine auf, nahm sie wieder ab und kratzte sich so unvergleichlich am Kopf. Ein Bild für die Götter!

Stan Laurel, er, ist nicht verbittert. Warum auch?! Über einhundert Filme hat er mit seinem Freund Babe, Oliver Hardy gemacht. Zusammengenommen bringen es beide auf weit über dreihundert Filme. Stan Laurel erreicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Cairnrona das gelobte Land. An Bord sind einige Schauspieler, die es nach Amerika zieht. Nach New York, was damals das Zentrum der Filmindustrie am anderen Ende der Welt war. Hollywood war damals noch eine überdimensionale Obstfarm. Zwei dieser Passagiere werden schon bald große Erfolge feiern. Und schon in weniger als einem Vierteljahrhundert Weltstars sein, die wirklich überall bekannt sind und bis heute bei der bloßen Erwähnung ihrer Namen Kriege beenden könnten. Der eine ist Stan Laurel, der andere ist Charlie Chaplin.

Schon bald kann sich Chaplin niemand mehr leisten. Stan Laurel begnügt sich mit 33.000 Dollar pro Film. Harald Lloyd bekommt zur gleichen Zeit mehr als das Vierzigfache. Oliver Hardy nur zwei Drittel von dem, was sein Partner und vor allem Freund bekommt.

Laurel und Hardy treffen sich, weil die Studiobosse es so wollen. Ein Dicker ist immer lustig. So die vorherrschende Meinung. Hal Roach wird ihr Produzent und der Garant eines (finanziell) sorgenfreien Lebens. Auch wenn seine Zahlungsmoral meist allzu leger ausfällt. Stan ist das Gehirn des Duos. Selbst nach Olis Tod schreibt er noch Sketche, die jedoch niemals Aufgeführt werden sollen. Ohne Oli will und kann er nicht. Das nennt man Treue bis über den Tod hinaus.

Mit ausgiebigem Faktenwissen reichert John Connolly diese fiktive Biographie eines der größten Filmgenies aller Zeiten an. Der Reichtum an Anekdoten verblüfft von der ersten Seite an. Stan Laurel konnte nicht mehr für dieses Buch befragt werden. Er starb drei Jahre bevor John Connolly geboren wurde. Aber es fällt kaum auf. James Finlayson, der Schnauzbart mit dem Knautschgesicht, eine Ikone der Stan&Ollie-Filme bekommt genauso viel Raum über das System herzuziehen wie die liebevollen Gedanken (und man darf sich sicher sein, dass Stan Laurel wirklich solche Gedanken hatte, es kann einfach gar nicht anders gewesen sein … bitte!) an den verschwundenen Freund.

„Stan“ rührt den Biographien-Markt gehörig auf. Immer wieder tauchen beim Lesen einzelne Szenen aus den Filmen auf, so dass man aus dem Lachen, zumindest Lächeln, nicht mehr rauskommt. Dieses Buch versteckt man nicht hinter „them thar hills“, dann wäre man ein „blockhead“. Man stellt es gut sichtbar und immer greifbar ganz vorn in den Bücherschrank. Denn dort gehört es hin!

Jagd nach einem Schatten

Seite 153, untere Hälfte: „Wer bist Du?“. Ein Aufschrei geht durch den Leser. Wird er sich nun zu erkennen geben? Alles auf den Tisch legen, seinen Antrieb, seine Verfehlungen.

Bis zu diesem Punkt hat man schon einiges gelesen von einem gerissenen, gescheiten jungen Mann. Samuel Ben Nissim Abul Farag wurde als Sohn des Rabbis von Caltabellotta vielleicht nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, doch der Zugang zu Büchern und Schriften und somit zu Wissen war für ihn ein offenes Tor. Gar nicht töricht beschritt er oft und vor allem gern den Weg des Wissens. Ein aufgewecktes Kerlchen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten – wir befinden uns im 15. Jahrhundert – seiner Rebellion freien Lauf ließ.

Er ist befreundet mit einem Moslem. Mehr als befreundet. Doch die Liebe soll nicht lange währen. Große Veränderungen warten auf den wissbegierigen (Betonung auf „gierig“!) Jüngling. Eine gesicherte Zukunft ist ihm mehr als sicher. Doch eine, nennen wir es Unachtsamkeit, die Quellen geben dazu auch keine konkreten Auskünfte, zwingen ihn zur Flucht. Aus dem jüdischen Samuel wird der getaufte Guglielmo Raimondo Moncada. Sein neuer Name bezieht sich auf seinen Taufpaten.

Neuer Name, neues Glück! Der Papst, Sixtus IV. bekommt Wind von dem engagierten Prediger. Er lädt ihn ein die Karfreitagsmesse zu zelebrieren. Wieder einmal kennt der Weg des Mannes aus dem tiefsten Süden Italiens, das es so damals noch gar nicht gab, nur eine Richtung: Nach oben, nach vorn. Und wieder klopft das Schicksal an die Tür. Und wieder muss Samuel, dieses Mal als Guglielmo flinke Füße beweisen. Die historischen Fakten liegen dieses Mal aber etwas offener dar: Es war Mord. Mord an einem Geldverleiher, der, nachdem er herausgefunden hat, wer sich hinter Guglielmo in Wirklichkeit verbirgt, noch einmal nachkobert. Das hätte er nicht tun sollen…

Flavio Mitridate, wieder eine Namenswahl, die nicht zufällig geschieht, reist in der Folge durch ganz Europa. Als Kenner vieler Sprachen ist er ein gern gesehener Mitarbeiter und Wissensvermittler. Irland soll er besucht haben. In Deutschland hat er garantiert gelebt und gearbeitet. Doch Mitridate – der natürlich Samuel heißt oder Guglielmo – zieht es zurück in die Heimat. Heimweh? Oder doch irrwitziger Versuch mal zu schauen, ob er doch durch kommen kann mit all dem, was die Vergangenheit ihm bescherte?

Andrea Camilleri stieß Anfang der 70er Jahr auf die mosaikhafte Geschichte eines Mannes, der unter drei Namen für Furore sorgte. Exakte und vollständige Schriften gab es nicht, jedoch Bruchstücke. Leonardo Sciascia hatte sich schon einmal der Geschichte angenommen. Der literarische Wegbereiter Andrea Camilleris, der am 6. September 2018 seinen 93. Geburtstag feiert, ließen diese Bruchstücke keine Ruhe. Seine Gedanken zu dem „Schatten“ erhellen jede noch so kleine lichtverschlingende Stelle in der Geschichte von Samuel, Guglielmo und Flavio. Immer wieder unterbricht er den Leserfluss und unterrichtet den Leser über das, was dieser soeben gelesen hat und was ihm noch bevorsteht. Das Triptychon der Gerissenheit bekommt mit jeder Seite mehr Konturen. So lange bis es ein Gesamtwerk von unendlicher Strahlkraft ergibt. Der Dank gilt in diesem Fall nur einem: Andrea Camilleri.

Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Äquatoria

Es muss ein Phantasialand sein, dieses Äquatoria. Ist es aber nicht. Es ist die Region Afrikas, die sich von der Westküste, São Tomé und Príncipe über Kongo, Tansania bis zur Ostküste in Sansibar erstreckt. Ende des 19. Jahrhunderts war es ein Abenteuer hier vor Anker zu gehen. Es war die Zeit der großen Entdecker. Legendär das Treffen von Stanley und Livingstone („Doctor Livingstone, I presume“). Es war die Zeit der widerwärtigen, perversen Neuaufteilung des schwarzen Kontinents. Und in diese Zeit fiel auch die Forschungsexpedition von Pierre Savorgnan de Brazza. Nie gehört? Aber doch wohl schon mal von Brazzaville, der Hauptstadt Kongos? Des „kleinen Kongos“, auch Kongo-B oder Kongo-Brazzaville genannt. Das „große Kongo“, jetzt Demokratische Republik Kongo hieß einmal Zaïre.

Dieser junge Mann, der aus einem nicht am Hungertuch nagenden Elternhaus aus dem Friaul stammte, begegnete auf seiner Expedition unter anderem Albert Schweitzer. Auch seine humanistischen Ideen brachten ihn später dazu die Expansionsbemühungen Frankreichs mehr als in Frage zu stellen. Weswegen seine letzten Aufzeichnungen rund ein Jahrhundert von Staatsseite unter Verschluss gehalten wurden.

Anlass ist der hundertste Todestag des Abenteurers. In Brazzaville, die Stadt die seinen Namen trägt soll das Mausoleum errichtet werden, dass ihm den gebührenden Respekt erweisen soll. Respekt für einen, der Kolonialisierung, Unterwerfung und Versklavung mit zu verantworten hat? Ja! Patrick Deville ist ebenso fasziniert wie abgestoßen von der Person Brazza.

Sein Roman folgt dem Weg, den der italienische Adelige in französischen Diensten einst einschlug. Am Kongo sollte eine Mission eröffnet werden. Es wurde ein Handelsplatz. Wofür? Waren aller Art, aber vor allem Menschen.

Pierre Savognan de Brazza bereiste Gabun, verhandelte mit Königen (Makoko, König der Teke überließ ihm die Stadt, die einmal seinen Namen tragen sollte) und starb im gleichen Jahr wie Jules Verne und nur ein Jahr nach Henry Morton Stanley. Die Zeit zuvor wird von Autor Patrick Deville gewissenhaft auf dem Kartentisch der Geschichte seziert. Parallelen zur Gegenwart sind erschreckend naheliegend und geben den Zeilen den entsprechenden Schwung.

Mit Verve und Detailversessenheit zieht Deville den Leser in eine Zeit, die längst vergessen schien. Er führt ihn an Orte, die wie Zaubersprüche Exotik verheißen. Immer dichter wird der Dschungel der Geheimnisse um Machtgier, Geld und Perversion. Den Zauber kann Äquatoria niemand nehmen. Ein bisschen daran kratzen vielleicht. „Äquatoria“ ist eine Mischung aus Realität und Märchen. Die Fakten sind nachweislich unverrückbar. Die Sprachgewalt lässt Leseraugen leuchten wie damals als zum ersten Mal Hänsel und Gretel ans Ohr drangen. Patrick Deville zeichnet aber kein verklärtes Bild einer romantisierten Welt. Vielmehr ist es eine Rundreise durch das Herz Afrikas.

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.

Data Tutaschchia

Jeder Kulturkreis hat seinen eigenen Helden, der durch Edelmut und Tapferkeit der eigenen Welt zu einem besseren Antlitz verhelfen wollte. Robin Hood ist sicherlich der bekannteste. Georgien, ein Land, von dem man eigentlich nicht so viel kennt, hat auch einen Helden: Data Tutaschchia.

Sein Blick kann Berge versetzen. Die schiere Präsenz bringt Waffen zum Schweigen. Naja, ganz so heroisch und mythisch ist er dann doch nicht. 1885 muss er in den Untergrund gehen. Denn Leutnant Andrijewski wurde von Data Tutaschchia lebensgefährlich verletzt. Die Situation ist etwas verworren. Der Leutnant und Ele, die Schwester Datas wurden von dem edlen recken in einer scheinbar verfänglichen Situation ertappt. Ein gezücktes Messer, ein Stich und schon war es passiert.

Bei den Verhören des Leutnants – Data kann nicht verhört werden, er hat sich der Strafverfolgung mehr oder weniger elegant entzogen – macht dieser dem Angreifer allerdings keinen Vorwurf. Die Situation konnte durchaus falsch verstanden werden.

Was hier so nüchtern nach einem 20.15-Uhr-Krimi mit routiniert spielenden Darstellern klingt, ist er Auftakt eines echten Nationalepos. Dieser Data Tutaschchia ist gerade mal 19 Jahre alt als in das kalte Wasser des Widerstands gestoßen wird. Doch schnell muss er einsehen, dass seine Hilfe oft ins Gegenteil gewandelt wird. Die Hilfe, die er bietet, wird missbraucht. Wo er Geld gibt, wird dies zweckentfremdet. Wem er eine Chance bietet sein Leben zu verbessern, spielt sich auf einmal auf, als ob ihm die Welt gehört. Es ist ein hartes Brot ein Held zu sein!

Und dann tauchen am Horizont dunkle Wolken auf. Ein harter Gegenspieler schiebt die trotz all der Rückschläge immer noch durchdringende Sonne beiseite. Wer ist dieser Gegenüber, der Jagd auf den großen Data macht, der zeitgleich immer noch gefürchtet und vergöttert wird? Data weiß, dass er seinem ebenbürtigen Gegner nicht ausweichen kann. Eine List reicht da nicht aus. Denn der Gegner kennt Data Tutaschchia besser als ihm lieb ist…

Fast siebenhundert Seiten folgt man dem unfreiwilligen Helden, der mit seinen guten Taten durchweg nur Gutes verrichten will und dabei immer wieder auf die Nase fällt. Er wendet sich ab, wird jedoch immer wieder in den Sog des Kampfes für Gerechtigkeit hineingezogen. Autor Tschabua Amiredschibi kann die Leiden seines Helden mehr als nachvollziehen. Er stammt aus dem Adel des Kaukasus und wurde unter der Schreckensherrschaft Josef Stalins interniert, wurde mehrmals zum Tode verurteilt und brach ebenso mehrmals aus und wurde nach sechzehn Jahren Gulag begnadigt. Diese prägende Zeit nutzt er seinem Helden Konturen zu verleihen. Die prosaische Sprache in seinem Epos erleichtert es den Einstieg in dieses wahrhaft kolossale Buch zu finden und den Fährten exakt folgen zu können. Einer der gelungensten Beiträge Georgiens zu Frankfurter Buchmesse, zu der Georgien als Gastland 2018 eingeladen ist.

Flametti oder vom Dandysmus der Armen

Soll man diesen Flametti mögen oder verachten? Als großer Zampano schart eine exklusive Truppe um sich, die auf den Zuschauerrängen im Varieté für Ahhs und Ohhs sorgt. Doch hinter den Kulissen brodelt ein Vulkan, der unweigerlich irgendwann einmal zum Ausbruch kommen muss.

Ein Ausbrecherkönig und eine Horde Indianer sind da noch die harmlosen Figuren in diesem Spiel der Eitelkeiten. In erster Linie ist Flametti Geschäftsmann. Penibel rechnet er jeden Franken ab. Bleibt auch nur ein Krümel in der Kasse übrig – nachdem alle bezahlt wurden – ist Flametti glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil der Krümel ihm gehört. Unglücklich, weil er weiß, dass der Krümel von einem noch größeren Kuchen stammt, den er auch gern noch verputzen möchte. Doch die lieben Angestellten erlauben ihm es einfach nicht.

Ständig muss er sich um neue Engagements kümmern. Schon über ein Jahr im Voraus muss der Tourneeplan stehen. Sonst wird es eng. Und der Magen knurrt. Von Kuchen weit und breit nichts zu sehen.

Auch die Artisten sind sich untereinander nicht grün. Sticheleien und Eitelkeiten verkehren das karge Leben unterm Zirkuszelt in eine glamouröse Show. Da sind Eifersüchteleien vorprogrammiert. Wer eine Chance sieht seinen eigenen Vorteil noch vorteilhafter zu gestalten, nutzt diese Minichance. Und Flametti muss den ganzen Laden irgendwie zusammenhalten.

Image ist alles. Störung des Betriebsfriedens ist geschäftsschädigend. Und eine Klage wegen Verführungen einer Minderjährigen ist geradezu existenzbedrohend. Doch Flametti wäre nicht Flametti, kenne er auch in dieser scheinbar aussichtslosen Situation nicht den Weg zum sicheren Hinterausgang…

Hugo Ball gilt zusammen mit Tristan Tzara, Hans Arp und Marcel Janco als Begründer des Dada, der letzten Kunstrichtung, die es kunstvoll verstand nicht verstanden werden zu wollen. Ihr Cabaret Voltaire in Zürich, das sie gründeten ist die Wiege des Dada. Dieser kleine Roman brachte Hugo Ball allerdings nur Schmach und Häme seiner einstigen Wegbreiter ein. Die bisher dagewesene Kunst zu negieren, war ihr Ziel. „Flametti oder vom Dandysmus der Armen“ war in ihren Augen jedoch Mainstream. Und eine ungerechte Abrechnung mit ihren Idealen.

Dem Leser kann es egal sein – dieses Buch liest sich wie ein Bilderbogen aus längst vergangenen Tagen. Einhundert Jahre ist dieses Buch nur schon alt. Die Zeit ließ ihre Finger davon. Kein Wort hat in dieser Zeit an Dramatik und Nachhaltigkeit eingebüßt. Die Eloquenz von damals ist bis heute ein Leckerbissen für jedermann. Jeder Charakter im Buch ist derart plastisch dargestellt, dass es unmöglich ist einen Grauschleier über die Geschichte zu legen.

Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand

Aktion gleich Reaktion. Er hätte es wissen müssen. Jede Aktion ruft eine gleichstarke Reaktion hervor. Doch Isaac Newton war dermaßen von sich überzeugt, dass Kritik an ihm abprallte wie ein Tennisball vom Center court. Oder besser, in ihm noch mehr Ehrgeiz hervorrief, der schon die Grenzen des guten Geschmacks übertrat.

Wenn man mit ihm spazieren ging, was ohnehin sehr selten vorkam, denn Newton war nicht unbedingt das, was man einen angenehmen Begleiter nannte, konnte es schon mal vorkommen, dass er wort- und grußlos umdrehte und sich seinen Forschungen hingab. Das war im 17. Jahrhundert. Forschung bedeutete damals eigentlich nur, dass man sein Wissen fast schon prahlerisch kundtat und wenn Fragen aufkamen sie mit einem Handstreich hinfort wischte. Physik, Chemie, oder gar Mathematik zu studieren, war nicht mit den Fächern der Gegenwart zu vergleichen. Auch die Literaturlisten, die am Anfang des Semesters ausgegeben wurden, waren eher übersichtliche Notizen denn echte Listen.

Isaac Newton wird in den Jahren nach seinem Tod 1727 (nach gregorianischem Kalender) als der Erfinder der heute gängigen Physik bezeichnet. Alles, was heute unter dem Begriff Physik erforscht wird, geht auf ihn zurück … salopp gesagt. Ihn als Urvater der Physik anzuerkennen, ist aber mehr Ehrerbietung als Wahrheit. Seine Forschungen dienen bis heute jedoch als Grundlagen. Die Geschichte vom Apfel, der ihm auf den Kopf fiel, und er somit der Erdanziehung auf die Spur kam, ist im Land der legenden anzusiedeln. Wahrscheinlicher ist es, das Newton bei einem seiner Spaziergänge eventuell einen fallenden Apfel beobachtet hat und einem ihm eigenen gedankenblitz hatte. Wie auch immer, dass alles, was hier bei uns den Halt verliert, nach unten fällt, ist Fakt. Ihn zu erklären, die Grundlagen für diese Erklärung zu schaffen, ist Newtons Verdienst.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Newtons Rückseite ist wahrlich schwarz, tiefschwarz. Denn charakterlich war er – wenn man Autor Florian Freisetter, selbst Astrophysiker in Jena, glauben darf – nicht der angenehmste Geselle. Wer ihm in die Quere kam, bekam die Wucht seiner Wut zu spüren. Plagiatsvorwürfe und ein nicht gerade soziales Verhalten brachten ihm den Ruf als Arschloch ein. Legendär sein Streit mit seinem deutschen Pendant Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Missachtung des Anderen betraf aber beide Parteien. Die Diskreditierung der Arbeiten ging ziemlich weit. Man stelle sich vor, dass soziale Netzwerke damals schon bestanden hätten. Der Krieg der Posts wäre in die Geschichte eingegangen.

Florian Freistetter nimmt kein Blatt vor den Mund, um Isaac Newton zu würdigen, ihn aber gehörig den Kopf zu waschen. Als Akademiker war Newton ein Revolutionär. Aber einer, der sich nicht vollständig von der Vorstellung eines höheren Wesens, das all unsere Geschicke leitet, lösen konnte. Als Wächter der königlichen Münzprägestätte ging Newton mit Geschick und unbändigem Einsatz gegen Fälschungen vor. Theologie und Alchemie (die heute wahrlich nicht mehr als ernstzunehmende Wissenschaft im engeren Sinne angesehen wird) waren ihm genauso nah wie die Beleuchtung der Bewegung innerhalb unseres Sonnensystems. Einstein gilt heute als der genialste Kopf der Physik. Doch auch er wäre ohne Newtons Vorarbeit nicht weit vorangeschritten. Einstein war einfach sympathischer. Und deswegen ist er vielen heute näher als Isaac Newton. Er hätte es wissen müssen…