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Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood

„Ich geh nach Hollywood“ – heutzutage ein Synonym für „Ich will Karriere machen“. William Selig hat diesen Satz vielleicht nie so gesagt. Karriere machen wollte er unbedingt und unbestritten. Doch als Filmproduzent in Chicago, wo der Regen und die Wolken einfach keine guten Bilder zu produzieren sind. Schließlich wird immer noch ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht. Francis Boggs, Seligs Regisseur muss öfter abbrechen als weiterdrehen. Das ist mehr als hundert Jahre her. Charlie Chaplin spielt immer noch Vaudeville-Theater, Mary Pickford verzückt nur vereinzelte Zuschauer und der Begriff Effekt besteht nur auf dem Papier. Hollywood ist ein Flecken Land, auf dem Landwirtschaft betrieben wird und der Hintergrund aus etwas Echtem besteht.

Hier schient die Sonne. Und wenn es mal bedeckt ist, dann kommt das vom Gemisch aus Ammoniak und Salzsäure. Das kann man sich in den Mund kippen und qualmt aus allen Löchern. Das ist der einzige Effekt, den man dem Publikum anbieten kann.

Christine Wunnicke gibt dem Mythos Hollywood Zucker, in dem sie mit der Kunst der Literatur dem Streben nach Erfolg im Lichtspielgewerbe einen kraftvollen Anstrich verpasst. Sie reiht nicht einfach nur Anekdoten „aus der guten alten Zeit“ aneinander – sie verknüpft das Schicksal der beiden Filmpioniere mit der Suche nach dem idealen Firmenstandort.

Zwei Männer, die davon beseelt sind dem Publikum das zu geben, was es gar nicht zu suchen vermag. Für Schauspieler werden Merkzettel verfasst – nicht direkt in die Kamera schauen, unnötiges Schminken vermeiden, Fluchen (taubstumme können auch im Lichtspieltheater Lippen lesen) und übertriebenes Kämpfen vermeiden – die sie gefälligst einzuhalten haben. Grundregeln. Die bis heute gültig sind.

Wie ein Wirbelwind fegt die Autorin durch die Geschichte, von der es weniger Aufzeichnungen gibt als man vermutet. Inklusive Mord und Mordversuchen. Denn das Geschäft ist hart umkämpft. Thomas Alva Edison versucht mit aller Macht seine Erfindungen, die meist auch auf Erkenntnissen anderer fußten, vor dem kostenfreien Zugriff Anderer zu bewahren.

Spannend wie ein Krimi, (er-)kenntnisreich wie ein Sachbuch und wunderbar in Szene gesetzt – so stellt sich Christine Wunnickes Erfindung von Hollywood dar. Es gibt keinen Zweifel: Ohne dieses Buch wäre Hollywood ein viel größerer Mythos als es ohnehin schon ist. Sie sägt nicht am Thron. Sie rückt ihn lediglich ins rechte Licht.

Als ich wie ein Vogel war

  1. Juli 1998. In der Manege des Tempodroms in Berlin sitzt ein betagter Mann, dem man die Verwirrung im besten Sinne des Wortes ansieht. Ein lachendes Auge freut sich über den Zuspruch dieses Konzertes, vor und auf der Bühne. Das weinende Auge bricht sich bahn, als es aus ihm herausplatzt, dass man es in Leipzig nicht auf die Kette gebracht hat das Konzert für seinen Sohn in Leipzig stattfinden lassen zu können. Und man – er, Freunde, Weggefährten – hat vieles versucht. Nun findet das Abschiedskonzert für Gerulf Pannach in Berlin statt. Auch symbolträchtig, aber eben nicht die Heimat, die sich so viele wünschten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Sänger und Liedermacher, Texter bei Renft ein knappes Vierteljahr tot. Der Krebs hat ihn doch noch besiegen können.

Auf der Bühne steht, was im Namen des Rock in der DDR, fest verwurzelt ist: Maschine, Tony Krahl, die Lütte, Veronika Fischer, Hans-Jürgen Beyer und und und. Sie trauern um einen der Größten ihrer Zunft. Sie lachen, weil sie sich lange nicht gesehen haben. Und wünschen sich einen fröhlicheren Moment ihres Wiedersehens. Die Musik aus ihrer Heimat ist langsam wieder im Kommen. Die Auftritte werden wieder zahlreicher. Doch Gerulf Pannach wird die Wiedergeburt nicht miterleben. Vielleicht hätte er sich das Etikett Ost-Rock-Legende auch nicht gern umhängen lassen. Mehr als zwanzig Jahre zuvor wurde er nicht nur vor die Tür, sondern vor die Mauer gesetzt. Ausgebürgert. Für Ken Loach spielte er einen Mann, der sein Land verlassen muss, und sich auf die Suche nach seinem Vater macht.

Das Buch „Als ich ein Vogel war“ erschien bereits 1999, und ist seitdem vergriffen. Salli Sallmann, Freund Pannachs, Liedermacher, Schicksalsgenosse hat als Herausgeber die Texte Pannachs noch einmal zusammengetragen und um einige Variationen vervollständigt. Mit Hilfe der … Stasi. Ja, der verein, der dafür verantwortlich war, dass Pannach und er sowie viele andere ihr Land verlassen mussten, ihnen der Nährboden entzogen wurde. Denn die Genossen hielten penibel fest, was wer wann wie und wo von sich gegeben hat. So konnten sogar alternative Fassungen ans neuerliche Tageslicht gebracht werden.

In ihnen schwebt immer noch aktuell der Geist der Zeit mit. Die Zeilen sind zeitlos, ohne die Zeit angehalten zu haben. Die immer noch vorhandene Allgemeingültigkeit erschüttert, bestätigt und verwundert den Leser ein ums andere Mal. Gerulf Pannach stach mit seinen Texten ins die Gefühlsblase seiner Zeit, ohne zu ahnen, dass das, was heraustrat jeder Ideologie widerstehen wird. Gehofft hat er es, da kann man sich sicher sein. Lieder wie „Zwischen Liebe und Zorn“ eignen sich nicht als Stadionhymnen, als idealistisches Kampflied sind sie fortwährender Bestandteil unserer Kultur. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Was heute unter der Marke Ostrock vermarktet wird, verdient sicher dieses Siegel. Aber es ist nur der Kern, die populäre Essenz dessen, was auf 108.000 Quadratkilometern den Kampf gegen die Zensur gewonnen hat. Die, die keine Medaille um den Hals gehangen bekamen, rücken in den Hintergrund und sind nur noch einem speziellen Publikum bekannt. Dieses Buch öffnet die Türen für die alten Fans, um sich einmal mehr zu erinnern. Und es ist ein Buch, um einen neuen Publikum eine Zeit näher zu bringen, die immer mehr in die Regale der Geschichte gedrängt wird.

Als Erzähler, als einführende Stimme in die einzelnen Kapitel fungiert Christian „Kuno“ Kunert. Er war nach der Ausbürgerung weiter mit Gerulf Pannach unterwegs. Nach der Wende trat er in mehr oder weniger vollständiger Besetzung wieder mit Renft auf.

Wagnerheldinnen – Wagnerian Heroines

Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, der von sich behauptet am Abend in die Oper zu gehen, um Wagner zu genießen. Am frühen Abend sehr wohl, aber ab 20 Uhr. Da ist man ja nicht vor 2 Uhr in der Nacht im Bett! Wagners Opern sind kolossal. Brachial, sie hauen einen um. Und sie sind sehr laaaang. Am Komponisten scheiden sich die Geister. Über die Musik – und da sind sich Publikum und Kritiker einig – kann man nicht streiten. Über seine Gesinnung muss man diskutieren. Als Antisemit – zu Recht! – verschrien, als Komponist verehrt. Weltweit treffen sich Wagnerianer, um dem Meister zu huldigen.

Oft werden darüber hinaus die wahren Helden vergessen. Die Darsteller. Sie stehen stundenlang auf der Bühne, spielen Stücke, die eine Zeitlang als unspielbar galten. Sie strapazieren ihre Stimmen bis zur Belastungsgrenze, dass man meint, dass sie es verdient hätten abzugsfrei in Frührente gehen zu dürfen. Kirsten Liese setzt den Wagnerheldinnen mit diesem Buch ein Denkmal. Frauen, die wohl niemals eine Talentshow von innen gesehen haben. Weil sie es einfach nicht nötig haben, sich von quäkigen Stimmen vorführen zu lassen. Wer Wagner singt, hat naturgegebenes Talent und … hat es geschafft! Und sollte bei seinen Leisten bleiben.

Der Intendant der Metropolitan Opera in New York Rudolf Bing verlängerte 1953 den Vertrag mit Helen Traubel nicht, weil sie in den Jahren zuvor Operetten sang. Als Wagnerheldin, bleiben wir bei der von Kirsten Liese eingeführten Bezeichnung, steht man rund um die Uhr unter Beobachtung. Denn fällt die Erstbesetzung aus, ist es fast unmöglich adäquaten Ersatz zu finden. Nicht jede, der laut singen kann, kann Wagner.

Viele der Portraitierten hat die Autorin kennengelernt. In ihren kurzen Portraits, oder besser Huldigungen, vermittelt sie anschaulich deren besondere Gabe und den Geist der Zeit. Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten bläst Wagners musikalisches Genie dem Publikum entgegen. Immer wieder gab es Widrigkeiten. Die Sporanistin Marie Louise Dustmann-Meyer sollte um 1860 herum die Isolde spielen. Der männliche Part, Alois Ander hustete sich mehr von Auftritt zu Auftritt, so dass nach siebzig Proben die Aufführung endgültig abgesagt wurde. Unaufführbar lautete das Urteil. Wagner selbst war von der Sopranistin sehr angetan.

Viele derartige Anekdoten machen dieses Buch auch für Nicht-Wagnerianer zu einem lesenswerten Buch, das vielleicht den einen oder anderen Unentschlossenen dazu verleitet seinem Sitzfleisch einen echten Ohrenschmaus zu gönnen. Zwei Pausen Minimum inklusive. Mit diesem Buch werden diese Namen bald schon wieder in aller Munde sein: Frida Leider, Martha Mödl, Dame Gwyneth Jones, Nina Stemme. Auch als Zusatzlektüre zum Programmheft sehr zu empfehlen.

Schaurig-schönes Deutschland

Es geht doch jedem so, der schon einmal die Natur um sich herum mit wachem Auge wahrgenommen hat. Bizarre Formen von Bäumen, ein besonderer Lichteinfall, diese eine spezielle Perspektive: Das Hirn schient einem einen Streich spielen zu wollen. Denn mit einem Mal wird die Pelle zur Huckelpiste, Gänsehaut wandert über den Körper, das Blut gerät in Wallung. Denn irgendwie flößt einem der Anblick Angst ein. Nein, es ist nicht Halloween, das ist eine ganz natürlich Reaktion, wenn Phantasie und Realität eine Allianz eingehen.

Marieluise Denecke kennt sicherlich viele solcher Momente. Ihre Mission: Das Gänsehautgefühl in den Bücherschrank zu stellen und bei Bedarf zur vollen Entfaltung bringen. Jede Seite dieses Erlebnis-Reisebandes garantiert, dass sich die Härchen aufstellen. Wer schon einmal – nicht im Kahn mit Dutzenden anderen plappernden Vergnügungssüchtigen – den Spreewald durchquert hat, kennt das Gefühl. Dort hinter dem umzukippenden Baum könnte sich jemand verstecken, der jeden Moment mit einem „Huh“ hervorspringen könnte. Herunterhängende Äste und Zweige tauchen die Landschaft in eine verwunschene Welt. Und wenn dann noch dicker Nebel über dem Boden liegt, ist der Gruselfaktor um einiges höher.

Sagenhaftes taucht Gevatter Rhein in ein mystisches Flair. Angefangen bei der Loreley bis hin nach Worms, wo schon Siegfried um Kriemhild warb. Sagen und Legenden bringen die Phantasie auf Touren.

Und selbst Städte, denen man nicht auf Anhieb eine Mystik zuschreibt, wie etwa der ehemaligen Schwerindustriestadt Riesa in Sachsen, haben für die Autorin eine dunkle Komponente. Dabei ist es der Name der Stadt, der eine Legende vermuten lässt. Der Hügel, auf dem das vor rund neunhundert Jahren errichtete Kloster steht, soll der Sage nach von einem – na, was schon? – Riesen stammen. Der wanderte an der Elbe entlang. Zur Rastzeit entledigte er sich seines Schuhwerkes. Heraus purzelten Steine und Geröll. So entstand der Hügel und später die Stadt.

Schaurig-Schön. Mystich. Sagenhaft. Märchenhaft. Von Ost mach West, von Nord nach Süd, über Stocke und über Stein, durch Flüsse und bezaubernde Landschaften entdeckt Marieluise Denecke Landschaften, die dem geneigten Leser und Beobachter die Synapsen erklingen lassen. Ein Reiseband für besondere Ausflüge, der allein schon durch die Fülle an Zielen – immerhin einhundertfünfzehn – den Leser in Erstaunen versetzen wird.

Staatsräson

Was darf der Bürger (wissen)? Was darf Literatur (schreiben)? Was darf der Staat? Keine Fragen, die man mit seinem Nachbarn in der Warteschlange beim Discounter bespricht. Daniel de Roulet stellt sie, nicht in der Warteschlange, sondern in diesem Buch. Dass er anecken wird, ist ihm klar. Genauso wie seinem Ermittler, dem Journalisten Niklaus Meienberg. Gefeierter Reporter, der es in der Vergangenheit einigen zu weit getrieben hat. Beim Tages-Anzeiger in Zürich darf er nicht mehr schreiben. Nun lebt er mehr schlecht als recht in Paris. Zusammen mit Flavia. Sie fotografiert neben ihrem Studium, das ihr ihre Eltern finanzieren. Sie können das. Denn als Bundespräsident hat der Vater durchaus die finanziellen Mittel. Und diesen, Kurt Furgler, will Meienburg, der Ermittler, unbedingt interviewen.

Es ist das Jahr 1977. In Deutschland erreichen die Aktivitäten der RAF ihren Höhepunkt. Seit einigen Wochen ist Arbeitgeber Präsident Schleyer Geisel der RAF. Im Jura wird der seit Wochen verschwundene Offiziersaspirant Flükiger gefunden. Tot. Ebenso wie schon bald darauf der Polizist Heusler, der im Tod Flükigers ermittelte. Flavia findet eine Krawattenspange in der Nähe des Fundortes. Die sieht so aus wie die von Schleyer. Dort werden dann auch zwei RAF-Terroristen verhaftet.

Es bleiben nicht die einzige Leichen in Daniel de Roulets kurzen Romans „Staatsräson“. Denn hier kommt so ziemlich alles zusammen, was einen aufwühlenden, sich an der Realität orientierenden Krimi zusammenzukommen hat. Zu dieser Zeit gewann die Bewegung zur Gründung des Kantons Jura immer mehr Aufwind. Auch durch den bereits erwähnten Kurt Furgler. Mit militanten Aktionen machten die Separatisten Furore. Und Vater Staat? Er muss zusammenhalten, die Form wahren, die Ordnung aufrechterhalten. Alles zusammenkneifen, was zusammenzukneifen ist. Stramm stehen vor dem Erreichten, und einen Weg finden, wie ohne Gesichtsverlust die unabänderlichen Veränderungen durchzusetzen sind. Opfer auf beiden Seiten sind vorprogrammiert.

Auf den ersten Blick scheint es unmöglich zu sein ein derart umfassendes Thema auf so wenigen Seiten, nur knapp über einhundert, abschließend abbilden zu können. Doch wie sein Ermittler Niklaus Meienberg schafft er es komplexe Sachverhalte mit wenigen Worten nicht nur zu umreißen, sondern sie genau so darzustellen wie sie waren. Das ist wahre Schreibkunst! Und so ganz nebenbei: Alle in diesem Buch vorkommenden Personen sind real. Ihre Handlungen legte ihnen Daniel de Roulets Phantasie zu Füßen. Wer nach dem Lesen immer noch der Meinung ist, dass Staatsräson das Nonplusultra sei, liest es noch einmal. Widerstand ja, aber nicht um jeden Preis.

Das Institut in Riga

Idyllische Landschaft, ein Gutshaus, endlose Natur – hier zieht man gern die Kinder groß. So hat es sich Edda einmal gewünscht. Dass ihr Wunsch einmal in Erfüllung geht, blieb lange ein Traum. Hier, vor den Toren Rigas, lebt die Adelige nun mit ihren Kindern auf dem Kleistenhof. Ihr Mann begleitet eine hohe Stellung im Gesundheitswesen. Er leitet das Institut für medizinische Zoologie, und er ist verantwortlich für das Gesundheitswesen in den baltischen Staaten. Die waren Bestandteil des Deutschen Reiches. Als strammer Nazi, der schon früh im Dunstkreis Hitler agierte, dem die Rassentheorien keinen Schauer über den Rücken jagten, ist Herbert Bernsdorff die Kehrseite der Medaille in dieser Idylle. Außerdem sind er und seine Familie inklusive einige seiner eifrigen Mitarbeiter die einzigen Nutznießer. Mit Einsatz forschen sie an einem Impfstoffe gegen das Fleckfieber, auch Kriegspest genannt. In den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Krankheit, an der man mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit sterben konnte. Läuse bieten hier einen brauchbaren Lösungsansatz. Die müssen allerdings gefüttert werden. Mit Blut. Menschlichem Blut. Und das kommt unfreiwillig von jüdischen Gefangenen. Das Institut von Riga, Originalabbildung auf dem Cover, hatte einen guten Ruf. Die Vorgänge im Inneren sind unumstößlich als abscheulich zu betrachten.

Alle Beteiligten sind verbürgt, Täter wie die Opfer. Sie haben nach dem Krieg geschwiegen, sich offen und lautstark geäußert, haben relativiert und sich von einem Leben gesprochen, das nur selten diesen Namen verdiente. Percy Gurwitz hat in Büchern über seine Zeit hier geschrieben. Er war einer derjenigen, der als „Läusejude“ Nahrungsquelle für die Heilung versprechenden Läuse diente. Er muss höllisch gejuckt haben mit der Kultur auf Beinen und Armen. Die unmenschliche Arbeit kam noch zusätzlich hinzu. Schmerzen waren an der Tagesordnung, für Wochen, Monate und länger.

Uta von Arnim wollte den Dunstschleier um dieses Institut lüften, zumindest aber Klarheit in die Machenschaften der Angestellten bringen. Und sie wollte Licht ihre eigene Familiengeschichte erhellen. Denn sie ist die Enkelin von Herbert Bernsdorff. Er starb als sie vier Jahre alt war. Für sie war er der „schöne Opa“. Das war der Krieg schon lange vorbei, der Großvater wieder als Arzt in Amt und Würden. Seine Frau Edda, der das Gutshaus gehörte, drängte ihn sich um seine Entnazifizierung zu kümmern. Er selbst wollte es nicht, wollte nicht lügen. Aber auch nicht bestraft werden.

Wie man es dreht und wendet, viel Sympathisches kann man nicht finden an Herbert Bernsdorff. Gewissenloser Wissenschaftler oder Menschenschinder – die Fakten sprechen eine klare Sprache. Und nur, weil es weitaus Schlimmeres „Kollegen“ gab, mindert es nicht seine Taten. Zur Aufarbeitung der Nazizeit trägt dieses Buch auf alle Fälle bei. Das stringente System von exakter Aufgabenverteilung trug dazu bei, dass alles dokumentiert wurde. Aber es ist auch der Grund, warum sich so viele von ihrer Schuld teilweise freisprechen konnten.

Wüste Berlin

Nach furiosem Start folgte der jähe Absturz. Ein Ende kann ein Anfang sein. Berlin formierte sich vor einhundert neu. Erfand sich anschließend neu. Und versumpfte braun und dahinsiechend. Als diese Zeit vorbei war, sah man das Ausmaß dieses Kapitel. Landschaftliche Erhebungen bestanden aus Trümmern. Straßenzüge unerkennbar. An ein funktionierendes System konnte man sich nur vage erinnern. Und hier sollte nun etwas entstehen, das heutzutage als „In Berlin ist immer was los“ bekannt ist? Wie soll aus einer Wüste fruchtbares Land gewonnen werden?

Den Kopf in den märkischen Sand stecken, sich unter den Trümmern in Selbstmitleid ergehen – det is nich Berlin. Wie nach einem Vulkanausbruch gedeiht aus dieser Erde Neues. Es wird dauern, aber das Ziel ist klar definiert. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Bürgermeister Ernst Reuter hat es so in die Welt hinausgeschrien. Und bald schon schaute man nicht nur, man kam.

Bis das jedoch geschah, standen Verwaltung und Einwohner, Kultur und Politik vor der größten Herausforderung, die es jemals in der Stadt gab. Und davon berichtet Kai-Uwe Merz in seinem dritten Band über die Kulturgeschichte der deutschen Hauptstadt. Die Literaten gaben der Stadt wieder ein Gesicht. Sie verarbeiteten als Erste die dunkle Zeit und durchleuchteten die Gegenwart, manche warfen einen vagen Blick in die Zukunft. In der DDR wurde Johannes R. Becher Kulturminister. Bertolt Brecht gestaltete im Osten der Stadt mit dem Berliner Ensemble einen Leuchtstern, der über Grenzen hinweg strahlen sollte. Der entnazifizierte Wilhelm Furtwängler gab den Philharmonikern ihren Ruf zurück. Günter Neumann stand auf der Bühne, um kritisch und augenzwinkernd die neue Zeit satirisch unter die Lupe zu nehmen. Architektonisch war die Stadt sichtbar gespalten. Nicht nur wegen der Mauer – die kam erst später. Beton gab es (und gibt es immer noch weithin sichtbar) hüben wie drüben. Während die Stalinallee erst heute ihren durchaus vorhandenen Charme versprüht, war sie anfangs auch und vor allem ein Vorzeigeprojekt, bei dem Namen…

Eine Stadt lebt nicht allein nur durch Literatur oder nur durch Architektur oder nur durch Politik. Das Räderwerk aus allen Bereichen der Kultur verleiht ihr ihren einzigartigen Charakter. Berlin hatte und hat den Vorteil einen Namen in der Welt zu haben. Den galt es nach 1945 wieder herzustellen und nachhaltig zu gestalten. Aus der (Trümmer-) Wüste Berlin keimten zarte Pflanzen, die bis heute ihre Wurzeln in der Stadt haben. Und dieses Buch trägt maßgeblich dazu bei, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Der Oslo-Report

Überall auf und in der Welt gibt es regeln, an die man sich zu halten hat. Man mokiert sich nicht über den Vorgesetzten, wenn er siebzehn Fehler in eine vier Zeilen lange Email einbaut. Oder die Iren beharrlich als Irländer bezeichnet. Andererseits sind Regeln auch manchmal dazu da, um gebrochen zu werden. Wenn perfide Systeme Menschenwohl – und dabei sind die Ausmaße unerheblich – bedroht sind, muss man dem Menschenverstand den Regeln des gesitteten Umgangs den Vorzug geben.

November 1939. Seit zwei Monaten marodiert die braune Kriegsmaschine durch das verschreckte Europa. Menschen werden verschleppt, verprügelt, vergast. Häuser brennen, ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht. Die Wahrheit stirbt bekanntlich zuerst im Krieg. Und so verwundert es bedauerlicherweise wenig, dass ein kriegsentscheidender Bericht mit mehr Skepsis betrachtet wird als mit der freudigen Neugier eines begeisterten Kindes, das als einziges ein Spielzeug in den Händen hält, um das es jeder beneidet.

Die britische Botschaft am Drammensveien 19 in Oslo erreicht ein Umschlag mit mehreren Seiten höchstbrisanten Materials. Da schreibt jemand von Torpedos, die sich an Schiffe heften können, um sie zur Explosion zu bringen. Ferngesteuerte Flugzeuge, präzise Sprengstofflandungen abwerfen können. Radareinrichtungen, die aus bisher ungekannter Entfernung nahende Flieger erkennen. Kriegsschiffe von enormer Größe. Langstreckenbomber, die bald schon in gigantischer Anzahl zur Verfügung stehen können. Und der Absender? Unbekannt! Ist ja klar. Welcher Verräter unterschreibt schon garantiert lebensgefährdende Papiere?! Ist man auf der anderen Seite amused, begeistert, dem „Hurray“ näher als dem „Oh my god!“? Stirnrunzeln, Abneigung, Zweifel bestimmen die Szenerie. Seit wann kommt etwas Gutes aus dem Dunkelreich vom Kontinent? Ja, die Ausführungen sind detailliert. Vielleicht zu detailliert. Zu oft schon ist man vermeintlich gut gemeinten Aktionen auf den Leim gegangen. Erst vor Kurzem wurde eine gut vorbereitete Aktion mit einer schallenden Ohrfeige zunichte gemacht. Das dem Deutschen heutzutage vorgeworfene Übervorsichtigsein greift unter den englischen Lamettagenerälen um sich. Lieber nicht allzu euphorisch sein. Das ist bestimmt eine Falle!

Der Verfasser des Oslo-Reports war jahrzehntelang ein Phänomen. Er selbst gab sich nicht zu erkennen. Der Report verschwand in staubigen Archiven. David Rennert zieht mit seinem Buch den Hut vor einer mutigen Tat eines mutigen Mannes, dessen Name mittlerweile bekannt ist, der aber nur wenigen auserwählten Historikern ein Begriff sein dürfte. Der Physiker Hans Ferdinand Mayer spannte mit Handschuhen ein knappes Dutzend Seiten Papier in die Schreibmaschine, die man ihm freundlicherweise im Hotel Bristol in Oslo lieh. Nichts, aber auch gar nichts, sollte auf den Hochverräter hinweisen. Es klappte nur zum Teil. Mayers Wissen um die deutsche Kriegsmaschinerie blieb unentdeckt. Die Chance den Krieg, und somit unerträgliches Leid, bedeutend früher zu beenden, wurde vertan. Erstes war ein Glücksfall, Zweiteres eine Blamage. Dieses Buch gehört in die erste Kategorie: Ein Glücksfall, dass der Autor sich diesem Thema widmete.

Eine seltsame Zeit des Wartens

Bevor man über dieses Buch spricht, muss man die Autorin kennen. Iris Origo stammte aus gutem Haus wie man so schön sagt. Geldnöte kannte man nicht. Ihre Familie zog es in die Toskana, wo Iris Origo in geschichtsträchtigen Mauern, denen der Medici, aufwuchs. Sie heiratete in den 20er Jahren einen Unternehmer. Den aufkommenden Faschismus begegnete sie abwartend, doch genau beobachtend.

Die landwirtschaftlichen Aufbauprogramme begrüßte sie, wünschte sich insgeheim jedoch, dass sie auf andere Landesteile ausgeweitet werden sollen. Im März 1939 zittert Europa bereits. Der drohende Krieg könnte alsbald wahr werden. Oder doch nicht. Täglich überschlagen sich die Gedanken, was nun wird. In Italien vertraut man auf den Duce. Mit ausladender Gestik, inbrünstiger Stimme versucht er sein Volk zu besänftigen. Meist klappt das auch. Die Zweifler legen fast schon schicksalsergeben ein Schweigegelübde ab. Dennoch verstummen sie nicht.

So auch Iris Origo. Sie trifft viele Menschen, die der Situation im Stundentakt Neues abgewinnen können. Doch eine echte Meinung kann sich einfach nicht herauskristallisieren. Diese Ungewissheit ist lähmend und fordernd zugleich.

Im Spätsommer verstummt der Duce fast gänzlich, die Zeitungen berichten nur noch einseitig über die fälligen Krieg. Die Sympathie für die Deutschen nimmt zu. Etwas, was bisher so nicht bekannt war. Des Duces Worte waren die einzige Informationsquelle, der man permanent begegnete, und die man als Leitmeinung vernahm. Iris Origo, ihre Familie, ihr Freundeskreis traute ihm nicht vollends. Dass etwas passiert, schien unausweichlich. Nur was, und wann – da war man sich uneins. Und diese Ungewissheit lähmt den Geist.

Und dann doch! Der Krieg ist da. Zuvor war der Duce – krankheitsbedingt, wie es offiziell heißt – verstummt. Manche unterstellten ihm, dass er sich nach England abgesetzt habe. Nun doch. Die Reservisten werden eingezogen und kämpfen und sterben nicht immer für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Propagandamaschine läuft jetzt noch schneller als zuvor. Das Warten ist zwar zu Ende – aber das wollte nun wirklich niemand.

Normalität in außergewöhnlichen Zeiten zu erlangen, ist unmöglich. Der verzweifelte Versuch ausländische Radiosender zu empfangen, ausländische Zeitungen zu lesen, um sich ein umfassenderes Bild machen zu können, Gespräche mit Freunden, Vertrauten, ja sogar aus dem Umfeld Mussolinis – Iris Origo hat bedeutend mehr Zugang zu Informationen als der grossteil der Bevölkerung. Dennoch ist diese „seltsame Zeit des Wartens“ nervenaufreibend.

In ihrem Tagebuch erfasst sie mit spielerischer Leichtigkeit eine Zeit, ein Land und seine Bewohner, dass man das Gefühl bekommt mittendrin zu sein. Voller Neugier, angepasster Distanz, mit Vorsicht, mit Zuversicht erklärt sie unweigerlich die Situation der Jahre 1939/40 in Italien. Die Faschisten rudern wie wild am Steuerrad der Macht, doch das Volk können sie nicht komplett auf Kurs bringen. Unsicherheit ist oft schwerer zu ertragen als ein feststehendes Ergebnis. Das lehrt uns dieses eindrückliche Tagebuch.