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Das Lächeln des Diktators

Der Titel schlägt ein wie eine Bombe! Diktatoren lächeln nicht. Zumindest nicht so, dass man ihnen Sympathie entgegenbringen kann. Wer glaubt schon einem Putin, wenn er lächelt? Alles wird gut? Pah. Wenn die Militärs in Myanmar auf einer Pressekonferenz Lockerungen versprechen und dabei anbiedernd lächeln – wer nimmt das noch ernst? Oder wenn das neue iPhone vorgestellt wird, das noch sichererererer ist. Da lobt man sich doch die offene perfide Lüge à la „niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ – hier stimmte alles: Stimmlage, politische Situation, durchschaubare Machenschaften. Ist doch erstaunlich wie schnell man Diktatoren und Diktaturen aufzählen kann. Im ach so fortschrittlichen 21. Jahrhundert.

Bachtyar Ali nimmt sich Saddam Hussein an. Ein lupenreiner Diktator, den nun wirklich nur ganz Wenige nicht als brutalen Alleinherrscher bezeichneten und bezeichnen. Bachtyar Ali entdeckt den Clown hinter der schnauzbärtigen Fassade des Menschenschlächters. Ein Lächeln als Abwehrreaktion, um der Angst die nicht in Lachfalten gelegte Stirn bieten zu können. Und das bis zum wortwörtlichen Schluss!

Gleich der erste Essay in diesem kleinen Band überzeugt mit Argumenten und Schlussfolgerungen über die Größen vergangener Tage. Auch Ali muss zugeben, dass tatsächlich etwas Menschliches in jedem Diktator innewohnt. Doch all die Zurschaustellung von Menschlichkeit dient einzig allein der Blendung. Ein schwacher Trost für diejenigen, die rund um die Uhr unter der Knute der Diktatur leben müssen.

Die Essays von Bachtyar Ali bestechen durch eine klare Sprache. Er lässt keinen Zweifel an seiner Argumentation. Das wiederum als diktatorisch zu bezeichnen, wäre ein Frevel höchsten Grades. Wenn er von Fortschritt schreibt, der nicht aus einer natürlichen Entwicklung hervorgeht, sondern einzig allein einer überfallartigen Vereinnahmung, nickt man unbewusst schon beim Lesen und Blättern in diesem Buch.

Ist die Welt nun verkommen, weil die offensichtlichen Gegensätze gänzlich ohne Gegenwehr hingenommen und nur im satirischen Sinne aufgedeckt werden kann? Nein! Es sind Bücher wie diese, die wachrütteln. Die sich nicht verstecken. Die sieben Essays aus der Feder Bachtyar Alis, der mit seinen Büchern wie kaum ein anderer seiner kurdischen Kultur ein ums andere Mal Denkmäler im wahrsten Sinne des Wortes baut, sind unumstößliche Monumente für das eigenverantwortliche Denken. Aber Obacht: Nicht jeder, der lächelt, hat etwas zu verbergen! Ein Lächeln zaubert nämlich auch dieses Buch ins Gesicht.

1923. Endstation. Alles einsteigen!

Seit einiger Zeit feiert man in den verschiedensten Bereichen das hundertjährige Jubiläum der Goldenen Zwanziger. Zum ersten Mal ist also nicht ein Tag, eine Woche oder ein Ereignis Grund zum Feiern, Erinnern, Gedenken, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Das Jahrzehnt der ausgelassenen Stimmung, dem Beginn der Gleichberechtigung, aber auch dunkler Jahre – ein paar Milliarden Mark für ein Brot? Was soll daran feiernswert sein?

Hier und da werden Revues „von damals“ aus der Klamottenkiste geholt, in Berlin läuft wieder „Cabaret“ – das Berlin-Musical, Romanreihen über diese Zeit erleben einen echten Boom.

Nun, es sind noch ein paar Jahre bis zum nächsten denkenswerten Jahrzehnt. Und das Jahr 2023 wird also zum Jahr des Erinnerns an 1923. Vielleicht kennt der eine oder andere noch einen Vorfahren, der in diesem Jahr geboren wurde. Erzählen kann der aber auch nicht viel. Und immer nur bei Wikipedia nachschauen …

Peter Süß nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Ende man schon kennt – es war der 31. Dezember 1929. Aber was in den zehn Jahren zuvor passierte, was den Großen und Berühmten „so ganz nebenbei“ widerfuhr, wie sie sich entwickelten – wer weiß das schon bzw. wer weiß das noch?

Bertolt Brecht hat beispielsweise schon einen Namen in der Szene – je nachdem ob man ihn mag, jubelt man ihn in den Himmel oder zerreißt ihn in der Luft. Ein ausgeprägtes Ego hatte er schon immer. Für ihn ist es daher unerlässlich ein eigenes Theater zu haben. Vorerst nur für ihn…

Die Tänzerin Anita Berber wird ihn Wien ausgebuht und schlussendlich aus der von ihr bis dato so geliebten Stadt verjagt. Das Thema Drogen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, war vielleicht doch nicht die richtige Wahl ihr Publikum in Verzückung setzen zu können.

Und in München wagt ein Österreicher mit – heute darf man das ja wohl wieder sagen – außergewöhnlichem Bärtchen den großen Aufstand. Zu seiner Entourage gehörte damals schon ein geckenhaft wirkender, dicklicher Speichellecker, der es liebte sich in Phantasieuniformen zu präsentieren. Was das Netz wohl heute (fast hundert Jahre später) kommentieren würde, ist wohl Stoff für ein spannendes soziologisches Projekt. Es ist wohl klar, um wen und um welches Ereignis im Bierkeller es sich handelt?! Nein? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Apropos Projekt. Lotte Lenya, Dreigroschenoper-Star, Muse, Charakterdarstellerin ersten Ranges, unglücklich Verliebte, verdiente sich ihre Penunzen mit ganzem körperlichen Einsatz. Ein Projekt, das selbst heute noch für Naserümpfen sorgt, das bis hin zu Mitleidsbekundungen reicht.

Monat für Monat seziert Peter Süß das Jahr 1923, das heute wohl kaum noch mit einem besonderen Ereignis eng in Verbindung gebracht wird. Was sicher vor allem daran liegt, dass die bis heute existenten Medien damals noch gar nicht bekannt waren. Außer dem niedergeschriebenen Wort. Da ist es eine logische Schlussfolgerung das Jahr 1923 auch in gedruckter Form noch einmal am geistigen Auge paradieren zu lassen. Es ist eine Vielzahl roter Fäden, die sich nicht nur im gebundenen Buchrücken zu einem großen Ganzen zusammenfinden. Anekdoten und Berichte fließen mit der Kraft der präzisen Worte zu einer Geschichte zusammen, die heute noch Geschichte machten.

Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.

Die Himmelskugel

Berühmte Wissenschaftler sind immer ein gern genommenes Thema für Autoren. Allein über Albert Einstein wurden so viele Bücher geschrieben, dass sie locker ein ganzes Fußballstadion füllen können. Und immer wieder tauchen neue Erkenntnisse über die Protagonisten auf, so dass es sich durchaus lohnt auch immer wieder ein neues Werk zu lesen. Den Fortschritt hält halt niemand auf. Sie ist die Treibfeder des Forscherdrangs.

So muss sich auch Angus fühlen. Der Junge lebt auf St. Helena, eine Insel, die erst über ein Jahrhundert später berühmt werden sollte. Als schlussendliches Exil von Kaiser Napoleon.

Dieser Angus ist ein aufgeweckter Junge. Er beobachtet Vögel: Und weil er zählen kann – keine Selbstverständlichkeit im 17. Jahrhundert – darf/muss er sie auch zählen. Für wissenschaftliche Zwecke. Das ist seine Arbeit bei Tag. Hoch oben in den Bäumen, festgezurrt. Des Nachts hingegen beobachtet er die Sterne. Nicht aus Zeitvertreib. Auch hier wieder: Er kann zählen, und diese Fähigkeit soll er einsetzen.

Von Edmond Halley hat er gehört. Ein großer Wissenschaftler im weit entfernten England. Heute bekannt und immer wieder aus der Mottenkiste gekramt, wenn der von ihm entdeckte und nach ihm benannte Komet in Sichtweite rauscht. Schon allein die Tatsache, dass der Junge Angus von der Insel St. Helena im weit entfernten England (und damals war das eine fast unüberwindbare Entfernung, wenn man kein Seemann war) anlandet, ist ein echtes Abenteuer. Heute würde man ihn als illegal eingereisten Immigranten brandmarken. Kurzum: Als blinder Passagier reist er nach England, zu Halley. Angus ist am Ziel seiner Träume. Er soll Edmond Halley um Hilfe bitten. Denn auf St. Helena stehen die Zeichen auf Sturm.

Nun beginnt für ihn die aufregendste Zeit seines Lebens.

Olli Jalonen schreibt keine umfassende Biographie über einen der berühmtesten Wissenschaftler. Er seziert einen Teil seines Lebens bis ins Kleinste. Europa ist immer noch im Umbruch. Was in der Renaissance begann, wirkt bis heute nach. Die Allmacht der Kirche ist gebrochen. Wissenschaftliche Denkweisen und technische Errungenschaften lassen jahrhunderte alte Denkstrukturen und Dogmen in sich zusammenbrechen. Ein kleiner Junge als Denkanstoß, ein heller Geist und der Drang nach Erkenntnis kollidieren auf engstem Raum. Wer bisher mit Edmond Halley bisher nicht allzu viel in Verbindung brachte, liest man sich schnell in einen Rausch. Ganz behutsam, kein Detail außer Acht lassend, kreiert Olli Jalonen ein Universum, das in sich geschlossen ist, dennoch unendliche Weiten in sich aufnehmen kann.

Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur

Einen neuen Kollegen kann man nur eine begrenzte Zeit „den Neuen“ nennen. Irgendwann gehört auch der zum Inventar. Da muss man schnell eine Bezeichnung finden, die ihn ein für allemal und für jeden eindeutig erkennbar macht. Das kann ein Vergleich zu einem Film sein. Oder zu einem Tier. Eine körperlich herausstechende Eigenschaft. Oder man bedient sich in der Literatur.

Denn auch die ist gespickt – sozusagen ein wahres Füllhorn an Ideen – mit Spitznamen. Dass es bis heute kein vollständiges Register dafür im Internet gibt, verwundert nach der Lektüre dieses Buches. Autor Guido Fuchs gibt unumwunden zu, dass sein Buch niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Aber es ist mehr als nur eine kleine Exkursion in die Literatur und ihrer einfallsreichsten Namensgebungen. Denn wenn ein Autor sich an die Arbeit macht, muss er seinen Akteuren Namen geben. Am besten welche, die sie sofort charakterisieren. Überspitzt gesagt – und da sind wir schon beim Wesen des Spitznamens – wird ein Held wohl niemals einen Namen tragen können, der in der Allgemeinvorstellung der Gesellschaft nichts mit Heldentum zu tun hat.

Eine Mammutaufgabe. Anders ist das Vorhaben nicht zu beschreiben. Schon allein die Vorstellung diese Spitznamen – also Namen, die einen Charakter unverwechselbar machen, die überspitzen, um eine einzelne Eigenschaft herauszuarbeiten – in Kategorien einzuteilen, ist, wenn man meint sich in der Materie auszukennen, schnell zu Scheitern verurteilt. Doch Guido Fuchs gelingt es scheinbar mühelos. Man fühlt sich wie in einer geselligen Runde, in der man – vielleicht um eine Feuerzangenbowle – sitzt und sich launige Geschichten erzählt. Und Guido Fuchs haut eine Anekdote nach der anderen raus. Liest man das Buch in einem Ritt, klingelt es noch Tage danach im Schädel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch liest sich wirklich flüssig. Es in Dosen zu genießen, verstärkt die Wirkung aber um einiges.

Spitznamen entstammen immer der Phantasie. In Kriegszeiten verteilte man diese vielleicht auch, um dem Grauen eine Brise Humor entgegenzusetzen. Joachim Ringelnatz sei hier genannt. Dieses Kapitel über einen der humorvollsten Autoren der deutschen Literatur bringt in der Kürze das gesamte Thema auf den Punkt. Im Weiteren liest man sich durch die Werke von Erwin Strittmatter, Heinrich Mann, Günter Wallraff, Theodor Fontane und einer undefinierbaren Menge weiterer Autoren. Ihre Akteure sind heute noch vielen ein Begriff, weil … sie Spitznamen hatten.

Noch ein Wort zum Autor. Der Name Guido war in den Fünfzigern, als Guido Fuchs geboren wurde, kein gebräuchlicher Name. Oft musste er ihn buchstabieren. Das änderte sich als im Fernsehen ein weiterer Guido auftauchte. Guido Baumann war der erfolgreichste „Berufeerrater“ bei „Was bin ich?“ – ein echter Fuchs eben. Klar, wie Spitznamen entstehen?!

Das Cottage in Wien

Ja, so ein Cottage in Wien – da lässt’s sich gut leben. Das dachte man sich auch vor mehr als einhundertfünfzig Jahren. Und vor genau einhundertfünfzig Jahren gründete sich der Wiener Cottage Verein. Die Stadt wuchs, wurde aber nicht attraktiver. Als Kaiserstadt natürlich nicht hinzunehmen! Stadtplanerisch orientierte man sich an Paris, Baron Haussmann krempelte die Stadt gerade gehörig um. Stilistisch war man eher in London und England fündig geworden.

Ein ganzes Viertel – damals noch – vor den Toren der Stadt. In Währing, heute der 18. Bezirk von Wien, gleich hinter Alsergrund, wenn man sich von der Donau entfernt. Die Türkenschanze war ein Quartier, von der aus die Belagerer von einst, die Türken, die Stadt ganz gut im Blick hatten. Und hier sollte nun der Wohnungsnot, dem Staub und Gestank der Stadt (immerhin schon eine halbe Million Einwohner) Einhalt geboten werden.

Einzeln stehende Häuser sollten es sein. Viereckiger Grundriss. Zwei Etagen. Und niemand durfte den Blick des Anderen versperren. Oder hier ein die Sinne beeinträchtigendes Gewerbe betreiben. Es sollte also nicht stinken, so wie in der Großen Stadt „da unten“.

Wer heute durch Wien schlendert, tut sich beim ersten Besuch schwer den Ersten überhaupt zu verlassen. Die Pracht der Gebäude im Inneren und am Ring ist einfach zu überwältigend. Doch sind es nur Minuten Fußweg bis in den Achtzehnten. Und schon ist man im „Koteesch“, im Cottage-Viertel. Arthur Schnitzler hat es hier hin verschlagen, „Bambi“ wurde hier auf die Welt gebracht. Historischer Boden.

Norbert Philipp beschreibt sehr anschaulich in seinem Buch wie das Viertel entstanden ist und wie es sich stetig veränderte. Hier trifft man mit Sicherheit weniger Touristen in einem Jahr als am Stephansdom an einem Nachmittag. Und mit genau so großer Sicherheit kann man sich hier ebenso wenig satt sehen. Jedes Häuschen ein Unikat. Nur auf den ersten Blick ähneln sich die Zweigeschosser. Wer innehält, erkennt auch ohne fachmännischen Blick die Unterschiede. Es ist grün hier. Ruhig. Gediegen. Nicht ganz so wie in Hietzing in Nähe des Schlosses Schönbrunn, dennoch nicht minder sehenswert. Im Gegenteil, vielleicht sogar etwas abwechslungsreicher. Und hier stehen nicht alle paar Meter Gedenktafeln. Eine Architekturflaniermeile, die man an vielen Tagen ganz für sich allein haben kann. Wenn man weiß, wo man schauen und innehalten muss. Mit diesem Buch ist das kein Problem.

Thorbeckes Flugzeuge & Luftschiffe Kalender 2023

„Willkommen an Bord, Sitze aufrecht stellen, Anschnallen“ und dann wird man mit Angeboten beschallt, dass man sich die Landung noch sehnlicher herbeiwünscht. Von Nostalgie ist ein heutiger Flug meilenweit entfernt.

In den Anfängen der Luftfahrt, als die ersten Flugversuche von tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten unternommen wurden, stand das Abenteuer im Vordergrund. Und die Flieger sahen auch ganz anders aus! Windkanäle gab es noch nicht. Ganz zu schweigen von steigenden Fluggastzahlen. Und eben auch keine Knallerangebote, die man unbedingt nutzen sollte. Und auch keine Hochglanzfotos von stromlinienförmigen zigarrenähnlichen Massentransportmitteln.

Es war die vielbeschworene „gute, alte Zeit“, die farbenfroh und vielleicht nicht immer ganz wahrheitsgetreu den Traum vom Fliegen versprach, die mit jedem Wochenblatt in diesem Kalender dem Fernweh Futter gibt. Da sitzt einer der Gebrüder Wright in einer Maschine, einer Konstruktion, die kein Mensch mit einer fürsorglichen Mutter jemals betreten dürfte.

Wie farbenfroh schon vor über einhundert Jahren für Luftfahrtshows geworben wurde, hatte wohl wenig mit der Realität zu tun. Immerhin elf Tage im Januar war der Luftraum über Los Angeles im Jahr 1910 azurblau mit ein paar dröhnenden Punkten, die man sich ohne das Plakat – zu sehen im Kalender am Anfang des Jahres 2023 – nicht so einfach erklären konnte.

Konstruktionszeichnungen, Werbeanzeigen, gezeichnete Impressionen – wer sich gern hinwegträumt, wird sich Woche für Woche in einen Rausch schauen können, der nur schwer zu bändigen sein wird.

Die kurzen Texte stehen nur geographisch am Rande des Geschehens, sprich des Kalenders. Wichtige Daten und Jubiläen, Anekdoten und Berichte von anno dazumal setzen die Bilder in den richtigen Rahmen. Einmal rund um die Welt, den Koffer voller Träume, Augen auf und das Abenteuer Luftfahrt kann beginnen! 365 Tage im Jahr, jede Woche ein neuer Traum.

Paris und das Kino

Wer will schon schwer röchelnd mit der Kippe im Mundwinkel auf den Straßen der Stadt der Liebe dahinsiechen? Oder beim Aufstieg auf dem Eiffelturm von einer exotischen Schönheit mit einer exotischen Waffe „geangelt“ werden? Oder mit Handschellen um die Fußfesseln (anatomisch würde es ja passen) humpelnd über Kopfsteinpflaster laufen? Niemand. Aber mal zu schauen, ob Belmondos ikonischer Abgang immer noch vor gleicher Kulisse ablaufen könnte … ist schon einen Abstecher vom Trubel der Großstadt wert. Es muss ja nicht immer gleich das romantischste Wiedersehen an der Seine im Schneefall sein.

Das Bild von Paris ist – wie sollte es anders sein – stark durch das Kino geprägt. Auch wer noch nie da war, weiß, dass es in Montmartre Auf und Ab geht, dass der Eiffelturm so wunderschön erstrahlen kann, dass man direkt neben der Seine rasant Autofahren kann – was auf der Leinwand meist im Desater, im echten Leben im Wasser oder auf der Wache endet – und dass es an jeder Ecke Baguette zu kaufen gibt. Das Paris-Klischee gehört zu den angenehmsten überhaupt.

Einmal mit einem Boot auf dem Canal Saint-Martin am berühmten Hôtel du Nord vorbeischippern und die Atmosphäre der hart arbeitenden Menschen und deren Schicksale noch einmal spüren. Alles Illusion – is ja schließlich Film! Denn die Gegend um das Hôtel du Nord ist heute Flaniermeile, ein Ort zum Niedersitzen und die Seele baumeln lassen. Und die Kulisse – ja Kulisse – ist im Film nur nachgebaut. Denn Regisseur Marcel Carné ließ den Straßenzug komplett nachbauen und dreht in den Studios in Billancourt vor den Toren Paris’. Ein Spaziergang lohnt sich heute im besonderen Maß.

Christine Siebert stellt in ihrem außergewöhnlichen Reiseband Paris immer wieder neu vor. Man kennt alle Orte bereits, aus zahlreichen Filmen. Zählt man alle Film zusammen, kann durchaus die Milchmädchenrechnung aufstellen, dass jeder Erdenbewohner Paris mindestens einmal schon gesehen hat. Und die Orte klingen wie eine süße Verführung: Moulin Rouge, Pigalle, Sacrè-Cœur, Jardin du Luxembourg, Arc de Triomphe … ach man kann sich einfach nicht sattsehen an den Drehorten.

Noch einmal zurück zu Jean-Paul Belmondo. Die Rue Campagne Première ist nicht abgesperrt. Ein Kollege grüßt den Star der Nouvelle Vague. Belmondo schickt ihn weg mit den Worten „ich sterbe gerade“. Nur eine ganz normale Straße. Einer der außergewöhnlichsten Abschlüsse eines Films. Eine Szene, die kultisch verehrt wird. Und dennoch ist hier nur eine Straße. Die man aber gesehen haben muss, wenn man der Anziehungskraft des Mediums Film erlegen ist.

Einmal durch Paris wandeln, und die (Film-)Welt noch einmal bereisen. Gespickt mit Anekdoten und detailreich führen einundzwanzig Spaziergänge durch die Stadt der Liebe, des Lichts und des Films. Vieles kennt und erkennt man auf Anhieb, wie Pont Neuf. Manch anderes muss man suchen. Und findet es auf Anhieb dank dieses einzigartigen Kulturreisebandes.

Toulouse, Albi, Carcassonne

Allein schon wegen der ungewöhnlichen Auswahl des Reiseziels sticht dieser Reiseband sofort ins Auge. Mitten im Südwesten Frankreichs, vor den Höhen der Pyrenäen, in Sichtweite des Mittelmeeres liegt das magische Dreieck Toulouse, Albi und Carcassonne. Toulouse, viertgrößte Stadt Frankreichs, Industriestandort wuchert mit seiner beeindruckenden Architektur. Rot und Weiß dominieren die Aussicht. Gigantische Bauten laden zum Staunen und Verweilen ein, ebenso wie ihr Ruf als Stadt der Künste.

Carcassonne fristete bis vor wenigen Jahren noch einen Dornröschenschlaf. Scheinbar. Die von Weitem schon sichtbare Festungsanlage prägt die Silhouette der Stadt. Besucher waren immer willkommen, doch seit einiger Zeit strömen die Touristen in Scharen durch die alten Gassen. Die meisten Läden sind nur auf Touristen ausgerichtet. Wenn man sich Zeit nimmt, und hier und da abbiegt, wo der Strom strikt geradeaus läuft, wird man überhäuft mit Eindrücken. Nicht umsonst ist die Altstadt seit einem Vierteljahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe. Die Autorin Heike Bentheimer weiß ganz genau, wo man weiterläuft und wo man innehalten sollte.

Albi ist das Kleinod der Region. Regelmäßig gewinnt man höchste Auszeichnungen für die florale Pracht der kleinen Stadt. Auch hier haben die okzitanischen Herrscher ihre Spuren hinterlassen. Nicht so wuchtig wie in Carcassonne. Liebevoller und schmeichelnder möchte man meinen, wenn man schon beim Lesen wie ein gewiefter Besucher auf die Tarn schaut, sich in den Gassen behände fortbewegt und mit traumwandlerischer Sicherheit einen Platz zum Niederlassen aussucht.

Angereichert wird der Reiseband mit Tipp zu Ausflügen auf dem Canal du Midi, in die Schwarzen Berge – Montaigne Noire – und ins Katharerland. Geschichte allenthalben, die heute so eindrucksvoll immer wieder in den Fokus des Reisenden tritt.

Hier kann man gut zu Fuß sich eine Region erobern. Allerdings muss man gut gerüstet sein. Schon vor Ewigkeiten bissen sich hier Eroberer die Zähne aus. Als moderner Forscher/Tourist kann man sich getrost auf jede einzelne Seite dieses Buches verlassen. Selten zuvor wurde eine fast vergessen scheinende Region so sanft und detailreich in den Fokus gerückt, ohne dabei lautmalerisch nur das Offensichtliche anzukündigen.

Kalender 2023 – Meisterwerke 1923

Auch 2023 wird man sich fragen wie das Jahr wohl verlaufen wird. Die Wünsche und Sehnsüchte sind zu Beginn des Jahres noch allgegenwärtig. Wenn die ersten Tage und Wochen vorüber sind, ist die Gegenwart steter Begleiter.  Dann und wann beginnt man zu sinnieren, warum das Jetzt genauso ist wie es ist.

Am 1. Januar wird beim Blick auf den Kalender schon das erste Nachsinnen über das Jetzt in künstlerischer Hinsicht beginnen. Zumindest, wenn dieser Kalender die Wand verziert. Es gibt nicht mehr viele, die man 2023 fragen kann wie es 1923 so war. Man kann vielleicht den einen oder anderen Kunstexperten fragen, was vor einem Jahrhundert modern war. Aber man wird nur Worte ernten. Ein Blick auf diesen Kalender – und es werden 365 Blicke werden – zeigt, wie sehr Moderne, Expressionismus und Impressionismus den Blick auf die Zukunft lenkten. Noch heute bezeichnen wir diese Gemälde als modern. Und noch immer strahlen sie im hellsten Licht, zaubern ein Lächeln ins Gesicht der Betrachter oder lassen so manchen rätseln, was denn da genau zu sehen.

1923 war ein produktives Jahr für Künstler. Claude Monet – immer hin schon 83 Jahre alt und noch immer ein produktiver Maler – zeichnete immer wieder in seinem Garten in Giverny, westlich von Paris, auf halber Strecke nach Rouen. Bis heute ein mehr als beliebter Ausflugsort für alle, die schon immer mal wissen wollten, wo man die besten Motive findet. Vielleicht findet sich 2023 die Zeit den Ort zu finden, wo ein Jahrhundert zuvor ein weiteres Bild aus dem Garten des großen Impressionisten entstanden ist.

Auch Max Liebermann hat vor einhundert Jahren noch lange nicht den Pinsel beiseite gelegt. Vielmehr hält er einen Spaziergang im Birkenwald in Wannsee (nach Westen, um den kompletten Bildtitel zu nennen) mit eindrucksvollen Pinselstrichen fest.

Das Jahr beginnt dieser Kalender mit einem der namhaftesten Künstler seiner Zeit, Wassily Kandinsky. Zwei schwarze Flecken, wer nur diese auf dem Gemälde erwartet, bekommt mehr als er vermuten konnte. Ein bisschen Blau, einen mehrfarbigen Bogen, ein Viereck, das an Mondrian erinnert. Wenn der Januar wegweisend für das gesamte Jahr ist, kann 2023 nur ein Gutes werden. Man wird mehr bekommen als angekündigt. Nur Zyniker sehen darin eine Schwarzmalerei.

Es ist niemals verkehrt die Zukunft in der Vergangenheit beginnen zu lassen. Es müssen ja nicht immer gleich die Fehler von einst als Referenz herangeholt werden. Manchmal reicht es auch aus einfach mal zu schauen, was es schon gab, um die Gegenwart zu begreifen.