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Mord, Mystery & History

Da steigt man nichts ahnend in die Pariser Metro und … da liegt eine Frau. Nicht einfach so! Sondern tot. Geschehen am 16. Mai 1937. In ihrem Nacken steckt ein ziemlich langes Messer. Und der Täter! Fort. Hinweg. Verschwunden. Einfach so. Die Ermittlungen – ergebnislos. Zumindest offiziell. Denn die Akten darf niemand sehen. Sind unter Verschluss. Bis 2038, also einhunderteins Jahre nach dem Verbrechen. Denn die Dame – sehr gut aussehend, man wird nicht müde es zu betonen – spielte ein doppeltes Spielchen. Zum Einen das nimmermüde Partygirl, zum Anderen Spionin für die französischen Behörden im Kampf gegen die extreme (und einflussreiche) Rechte. Die Tatwaffe deutet jedoch auf Italiens Machthaber Mussolini bzw. seine willfährigen Helfer. War es vielleicht sogar ein doppeltes Doppelspiel. Ein paar Jahre müssen wir noch warten, dann werden die Akten geöffnet.

Wie wäre es damit? Man selbst ist ein gefürchteter Schlächter. Horden von Mannen stehen unter seinem Befehl. Gilt es jemanden, der der Mafia gefährlich werden könnte, aus dem Weg zu räumen, gibt es nur eine Adresse: Albert Anastasia. Circa tausend Opferkerben zieren seinen Opferstock. Heute steht wieder ein Barbierbesuch auf dem Plan. Es wird der Letzte sein. Gewehrsalven und der finale Kopfschuss bereiten dem Chef der „Murder inc.“ ein jähes Ende. Wer war’s? Mh, keiner weiß es. Vielleicht hätte Albert Anastasia sich mehr an die Gepflogenheiten und Regeln seiner Auftragsgeber halten sollen.

Mit diesen zwei Geschichten beginnt eines der spannendsten true-crime-Bücher. Alle Fälle sind echt. Genauso passiert, oder zumindest annähernd und allesamt tragen das Gütesiegel „Der perfekte Mord“. Einen Mord durchführen ist das Eine. Damit davonzukommen das Andere.

Journalist Ingo Gentner geht den Stories hinter aufsehenerregenden Schlagzeilen auf den Grund. Auch er vermag es nicht die wahren Mörder auf- und anzuzeigen. Doch das bisher Ermittelte ist allein schon Stoff genug für Schauergeschichten, oftmals sogar filmreif. Und so liest man sich durch die kurzen Kapitel und fragt sich selbst, wie es die Täter immer wieder schaffen ungeschoren davonzukommen.

Vielleicht sind sie es aber auch nicht, und ein weiterer Täter, der wiederum ungeschoren davongekommen zu sein scheint, hat Rache genommen … ein Teufelskreis. Doch das ist nur die eine Seite des Buches. Es kommen auch wahre Wunder ans Tageslicht. Wie der Überlebenskampf eines Polizisten aus Arizona. An einer Ampel crasht mit unvorstellbarer Wucht ein Auto ins seinen Streifenwagen. Der Unfallfahrer hatte einen Anfall und war nicht mehr Herr über seinen Körper. Zweieinhalb Monate liegt das Opfer im Koma. Dann kämpfte er sich zurück ins Leben. Sein Gesicht ist bis heute entstellt. Dennoch oder vielleicht deswegen bezeichnet er sich als glücklichen Menschen. Das sind die mysteriösen Seiten des Buches.

Wer sich in wahre Fälle eingraben kann, in ihnen aufgeht, wird dieses Buch lieben. Für alle anderen bleibt die unstillbare Neugier nach dem Unfassbaren, dem Grauenhaften, dem immer noch eine Faszination anhängt.

Nazi-Führer sehen dich an: 33 Biographien aus dem Dritten Reich

In einem Land, in dem Bücher verbrannt werden, wird man niemals das Erinnern auslöschen. In einem Land, in dem Hassschriften verbreitet werden, wird es immer Bücher geben, die dagegenhalten können. Als 1933 das perfide Machwerk „Juden sehen Dich an“ dauerte es fünf Jahre bis das gewiefte Buch „Naziführer sehen Dich an“ veröffentlicht wurde. Anonym, versteht sich. Walter Mehring portraitiert darin 33 Nazigrößen – ob die 33 mutwillig gewählt wurde oder Zufall ist? – die man kennen, um deren Tun man wissen und die man verteufeln muss.

Er kategorisiert diese Bekanntheiten – typisch deutsch – und klassifiziert sie nach Göttern, Halbgöttern, Provinzgötter (die dürfte dieses Buch wohl am stärksten persönlich getroffen haben), Heroen, betrogene Betrüger und Drahtzieher. Letztere Namen klingen bis heute nach … Thyssen. Hjalmar Schacht war in den 60ern Berater von verschiedenen Regierungen, die sich sein Wissen und seiner Ansichten zur Finanzpolitik gern annahmen.

Das Buch hat bis heute nichts an Tragweite verloren. Einzig die Tatsache, dass es im Präsens geschrieben ist, verwirrt anfangs. Schließlich ist es fast neunzig Jahre alt und ist in dieser Ausgabe dahingehend nicht verändert worden.

Man muss an dieser Stelle nicht auf jeden einzelnen eingehen. Das wäre zu viele der Ehre für die Schlächter von Millionen von Menschen und Brunnenvergifter ganzer Generationen. Aber es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es dieses Buch immer noch und wieder gibt.

Der anonyme Mehring geht in seinem Buch auf die Werdegänge der kleinen und größeren Führer ein. Er zeigt ihren Werdegang auf und mit welch drastischen Mitteln sie ihren Aufstieg ebneten. Von Erpressung bis Mord ist da alles dabei, was eigentlich auch im Dunkeldeutschland der Zeit von 33 bis 45 justiziabel gewesen war. Aber manche waren eben doch gleicher als andere…

Es sind vor allem die vermeintlich Unbekannten bzw. nur einem kleineren Kreis bekannten Machthaber, die dieses Buch immer noch so lesenswert machen. Über die Götter weiß man mittlerweile schon so viel, aber wer kennt schon Scheppmann noch? Oder Edmund Heines, Paul Hinkler und Martin Mutschmann? Nicht weniger bedeutend als die Lamettahengste der ersten Garde. Und bei Weitem nicht minder schuldig. Ein Lesebuch, das zusammen mit Klemperers LTI niemals an Aktualität verlieren wird.

Nur einmal mit den Vögeln ziehn

Siv, Aki, Anna Maria, Jens und Ivo – eine verschworene Gemeinschaft. Eine Bande, die zusammenhält und davon träumt, was nie passieren wird. Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden. Ihre Herkunft ist so verschieden wie es nur im richtigen Leben sein kann. Mutter Alki, Onkel Pastor, beide Eltern Zahnärzte, Rebellin, Zweifler, Künstler, Träumer und alle zusammen: Kämpfer.

Das Autorenpaar Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, kurz Sylvia Frank, beschreiben lebensecht eine Jugend in der DDR. Ohne „früher war alles besser“, was es definitiv nicht war, dafür aber mit grandiosem Feingefühl. Das alles umgebende Grau ist der Spielplatz der Jugendlichen, die für das Klettergerüst zu groß und für die Samstagabend-Disco zu jung sind.

Dreizehn Jahre umreißt der Roman, von 1977 bis zum Schicksalsjahr 1990. In diesem Jahr brechen die alten Träume, die bisher nie oder selten ernsthaft ausgesprochen wurden aus der Gruppe heraus und brechen die Gruppe entzwei. Neue Träume entstehen, das War wird barsch in die Ecke gestellt und das Wird übernimmt die Führung. Noch immer nicht ganz erwachsen stellen sich fünf junge Menschen der Herausforderung nun doch „mit den Vögeln ziehn“ zu können.

Wer in der DDR ebenso wie die Fünf groß geworden ist, wird immer wieder auf Eigenerlebtes gestoßen. Wer es nicht kennt, ist baff erstaunt, dass hier nicht schon früher alles umgekehrt wurde. Verständnis für die Fünf wird Hüben wie Drüben aufkeimen, wenn gesponnen, unbeschwert in den Tag hinein gelebt und den Widrigkeiten eine Nase gedreht wird. Beispielsweise wenn auch bei der Asche (so wurde die Nationale Volksarmee genannt, die jeder junge Mann achtzehn Monate aktiv unterstützen musste) Hanf angebaut wird. Oder mit dem Saxophon in eine Welt eingetaucht wird, die universell funktioniert.

Der titelgebende Soundtrack stammt von Tamara Danz, charismatische Frontfrau der Band Silly. Sie schriebe dieses Zeilen als der Krebs von ihr Besitz ergriffen und ihr jede weitere Chance schon genommen hatte. Der Tod als endgültiges Momentum, dem man nur mit einem Lied auf den Lippen begegnen kann.

Der Mann, der die Frauen-Europameisterschaft gewann

Achtung, das ist ein Roman! Geschrieben in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts, angesiedelt Ende der Dreißigerjahre des vergangenen. Schon allein die zeitliche Einordnung macht das Thema – und erst recht der Titel – zu einem spannenden Kapitel.

Wer heute die Ergebnislisten von Sportereignissen sich anschaut, wird mit ein paar Klicks die Brisanz der Story erkennen. Wien 1938. Im Hochsprung triumphiert die Ungarin Ibolya Csák mit übersprungenen 1 Meter 64. Doch im Stadion darf sie noch nicht jubeln. Denn jemand anderes ist sechs Zentimeter höher gesprungen: Dora Ratjen. Weltrekord zur damaligen Zeit.

Zeitsprung. Zwanzig Jahre zuvor ist sich Heinrich Ratjen nicht sicher, ob er sich über einen Jungen oder eine Tochter freuen soll. Denn die äußeren Geschlechtsmerkmale sind nicht eindeutig zuzuordnen. Die Hebamme meint aber es sei ein Mädchen. So ist es protokolliert. Und so wächst Dora wie ein Mädchen auf, wird genauso wie zu dieser zeit üblich als Mädchen erzogen.

Wieder ein Zeitsprung zurück ins Jahr 1938. Im Zug gen Norden sitzt eine Person. Die Medaille aus Wien um den Hals gehangen. Weltrekord. Gold bei den Europameisterschaften der Frauen gewonnen. Doch ein mulmiges Gefühl umgibt sie. Viele Passagiere gaffen sie an. So richtig wissen viele nicht warum. Sie müssen einfach gaffen.

Passkontrolle. Die Frau mit der Medaille wird aus dem Abteil geführt. Hier stimmt was nicht. Das haben die Passagiere schon gewusst. Auch die Frau wusste es. Nur anders.

Petr Manteuffel beschränkt sich nicht auf die Faktenwiedergabe. Die ist so spärlich, dass ein Sachbuch mehr einem Heftchen denn einem Buch ähneln würde. Er webt ein dichtes Netz aus falschem Nationalstolz, Verweigerung, Verschwörung, blindem Gehorsam und Ränkespielen. Bekannte Namen treten auf wie Reinhard Heydrich, Statthalter von Prag und prominentes Opfer der Nazis in den eigenen Reihen, selbst Mitglied der Fechtermannschaft. Aber auch involvierte Ärzte – Hitlers Leibarzt, der selbst nicht frei von den Verlockungen der chemischen Industrie war – kommen zu Wort und schreiten zur Tat.

In diesem Netz ist der Leser gefangen. So unrealistisch alles klingen mag, so real war die Geschichte, die schlussendlich kaum wahre Sieger kennt. Was steckte hinter dem ganzen Theater um Dora Ratjen? Nur ein geheimer Plan, um mit aller Macht Gold zu erringen? Ein Sportwettkampf als Experimentierfeld für kommende Ereignisse? Der Roman kann keine Fragen beantworten. Aber er kann Fragen stellen. Und die sind es, die das Weiterlesen derart vorantreiben, dass man nach 160 Seiten erst einmal kräftig durchatmen muss.

Pogrom 1938

Man stelle sich vor, dass das Widerwärtigste, was der Mensch anderen antun kann, publik wird. Und dass es trotzdem nicht aufhört. Und dass man nicht mehr daran erinnert werden möchte. Warum? Weil man nicht will, dass es aufhört? Weil die Erinnerung zu schmerzhaft ist? Warum? Es gibt keine Antwort darauf, die auch nur annähernd plausibel wäre. Und deswegen gibt es Bücher wie diese.

Der 9. November hat besonders in der deutschen Geschichte einen ewigen Nachhall. Kriegsende, Mauerfall – das sind die offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Aber auch der Jahrestag zum Gedenken der Opfer der perfiden Pogrome gegen Juden im Jahr 1938. Nein, darüber muss man immer noch reden, lesen, man darf sich sogar darüber aufregen, wenn es die richtigen Gründe sind.

Ja, das Buch ist Propaganda! Aber nicht, um etwas zu verfälschen, zu vertuschen, sondern um die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Teils sogar mahnen. Es fällt schwer in Zusammenhang mit der Thematik von gestalterischer Schönheit zu sprechen. Imposant – ja, unbedingt. Schön hat was Verniedlichendes, und das ist nun wirklich fehl am Platze angesichts von millionenfachem Leid vor, während und nach der wütenden Raserei gegen Menschen, die schon immer (gefühlt) auf der Flucht waren, weil sie einer Religion angehörten, der man … ja was eigentlich?

Michael Ruetz begibt sich auf Spurensuche in Deutschland nach Orten, wo die Pogrome vernichtende Resultate ans Tageslicht brachten. Das Ortsverzeichnis am Anfang des Buches erschrickt wegen der Überzahl an Verbrechensorten. Dass man das nicht mitbekommen hat – auch die Folgen – ist schwer zu glauben. Die Zeitdokumente – Fotos – zeigen Menschenmassen am Straßenrand während des Prangermarsches oder Schandmarsches. Je nachdem ob man Opfer oder Täter war. Egal, ob man es wirklich war. Allein die Darstellung lässt heute noch das Blut in den Adern gefrieren. Das passierte vor nicht einmal hundert Jahren … im modernen Deutschland. Zerborstene Schaufensterscheiben, vernagelte Hauseingänge (weil die Türen herausgerissen wurden), hilfesuchende Kinderaugen, prügelnde Uniformierte, die in der Masse zu einer Stärke fanden, die sie allein niemals aufbringen konnten. Einzelne Bildausschnitte wurden vergrößert, um die Bedeutung des Aktes und des Fotos noch einmal herauszuheben.

Die Frage, ob es immer noch solche Bücher braucht erübrigt sich, solange auch nur eine Nachricht von Angriffen auf Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung über die Bildschirme in höchster Auflösung flackert. Und auch wenn diese Meldungen einmal verschwunden sind, ist es immer noch wichtig, um daran zu erinnern. Dieses Buch leistet mehr als nur einen Beitrag dazu.

Europa erlesen – Leipzig

„Mein Leipzig lob’ ich mir, es ist mein klein Paris“ – ach, immer nur Paris, Paris, Paris, wenn es um Europa geht. Schon olle Goethe wusste die Metropole im Herzen Deutschlands zu schätzen. Wobei viele der Meinung sind, dass er dabei vor allem die lukullischen Spezialitäten im Allgemeinen, und die alkoholischen im Speziellen meinte. Dennoch ist es so, dass wer Leipzig nur einmal besucht, schon vor der Abreise den nächsten Aufenthalt im Kopf hat.

Das ist keine Erfindung der Moderne. Vielmehr ist es so, dass schon vor Jahrhunderten die Stadt von den modernsten Köpfen in den allerhöchsten Tönen gepriesen wurde. Nachzulesen in diesem Büchlein. Das hellblaue Exemplar der „Europa-erlesen-Reihe“ prahlt mit der bekannten Namensliste der Autoren, die sich im Laufe ihres Lebens mit Leipzig auseinandergesetzt haben. Und das beginnt nicht nur bei Goethe, und hört ebenso noch lange nicht bei ihm auf.

Wer die Inschrift des Leipziger Gewandhauses liest, die übersetzt „Reine Freude ist eine ernste Sache“ (Seneca, 5 v. Chr – 65 n. Chr.) kommt dem Kulturverständnis der Stadt schneller auf die Spur als er einatmen kann. Ja, das Masurleum, wie der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, gebürtiger Ostsachse und leidenschaftlicher Leebz’scher, das berühmteste Wahrzeichen der Stadt nennt, ist der Stolz der meisten der über sechshunderttausend Einwohner. Auch nach vierzig Jahren nach dem Neubau – viele Beiträge im Buch erzählen von den Hindernissen des fast unmöglichen Vorhabens – ist es immer noch ein Synonym für Moderne. Und so geben sich hier in diesem Buch namhafte Größen die Klinke in die Hand. Brecht forderte in einem Brief an Therese Giehse einen Generalintendanten für die Stadt – die Giehse könne das doch machen?!. Lotte Lenya berichtet von Tumulten während und nach einer Aufführung („Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“). Uwe Johnson staunt über den gewaltigen Bahnhof, der ja eigentlich aus zwei miteinander verbundenen Bahnhöfen besteht. Erich Kästner bezeichnet Leipzig als Märchenhauptstadt, und das als gebürtiger Dresdner (die Rivalität zwischen den Städten ist nicht so ausgeprägt wie beim Fußballduell zwischen Dortmund und Schalke, dennoch vorhanden).

Man blättert und blättert und kommt nicht umhin zu sagen, dass, wenn es so viele Leute so gut mit der Stadt meinen, dass da irgendwas dran sein muss an dieser Stadt. Also nichts wie hin … aber Vorsicht: Nicht vergessen dieses kleine Büchlein ins Handgepäck zu nehmen.

Europa im Blick der Kartographen der Neuzeit

Wer schon als Kind mit dem Finger über die Landkarten in Atlanten gestrichen ist, kennt die Wirkung die Grenzen, Flüsse, Erhebungen auf die Reiselust haben. Wenn dann noch ein gehörige Portion Geschichtsinteresse hinzugefügt wird, sind Bücher wie „Europa im Blick der Kartographen der Neuzeit“ ein gefundener Augenschmaus.

Wie sah man die Welt vor beispielsweise rund vierhundert Jahren? Damals war bei Weitem noch lange nicht die ganze Welt erkundet. Geschweige denn kartographiert. Und die Urlaubsorte der Gegenwart existierten im besten Fall schon. Aber sie waren halt einfache Orte, in denen Menschen lebten und ihr Überleben mit Arbeit sicherten. Tourismus war ein Fremdwort. Und so manche Hinterlassenschaft war ein modernes Zeichen des Fortschritts der (damaligen) Gegenwart.

Simeon Hüttel nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Die kann man so nur in diesem Bildband buchen. Die Zusatzleistungen beschränken sich auf beeindruckende Abbildungen, phantasieanregende Reisen mit dem Finger über die Karten und anregende Texte, die Lust machen eventuelle einmal Jahrhunderte nach Entstehen dieser Karten auf dem einen oder anderen gezeichneten Pfad auf Erkundungstour zu gehen.

Doch Vorsicht, so mancher Ortsname hat im Laufe der Jahre seinen Namen geändert. Und wer beispielsweise den Ort Cimbri sucht, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Es handelt sich bei Cimbri nämlich um das Volk, nicht einen Ort Cimbri.

Immer wieder werden Details aus den Karten herausgezoomt und erzeugen einen tiefen Einblick in die feine Kunst der Kartenherstellung. Oft waren es Kupferstiche, ein enorm aufwendiges Verfahren, die bis heute den Betrachter verblüffen. Betrachtet man sich diese Details kann man kleinste Linien erkennen, die aus der Ferne erst ihre Wirkung entfalten.

Besonders gravierend sind die Unterschiede zur Gegenwart bei Karten von Ländern, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Grenzen verschoben haben, deren Grenzen verschoben wurden. Wie am Beispiel Polens und Litauens. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die abgebildete Karte entstand, wurden beide Länder von einem gemeinsamen Königreich verwaltet. Dennoch sind Polen und Litauen unterschiedlich dargestellt. Während Polen in die einzelnen Landesteile farbig untergliedert ist, wird das fast gleichgroße Großfürstentum Litauen im einheitlichen Grün präsentiert. Propaganda oder künstlerische Freiheit? Die Kirche, die Christianisierung ist – wie zu oft in der Geschichte – der Schlüssel zur Antwort.

Dieses Buch, im eleganten Pappschuber, zeigt eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Ihre Wurzeln der heutigen Welt zu kennen, ist wichtiger denn je. So farbenfroh und nachvollziehbar wurde Geographie selten dargestellt.

Einmischung unerwünscht

Da entdeckt man fernab der Heimat (vermeintlich fernab der Zivilisation) eine Methode eine Krankheit zu heilen, die fernab von Wissenschaft seit Ewigkeiten funktioniert. Zuhause, in der Zivilisation, legt man dagegen lethargisch die Hände in den Schoß und lässt das Schicksal entscheiden, wer überlebt und wer nicht. Und das alles nur, weil die neue Heilungsmethode (die ja eigentlich verdammt alt ist) von einer Frau propagiert wird. Klingt nur so lange halbwegs lustig bis einen selbst die Krankheit erwischt. Und der rettende Strohhalm von einer Frau gereicht wird.

Lady Mary Wortley Montagu konnte ein Leben lang ein Lied davon singen wie perfide diese Situation ist. Sie lebt im 18. Jahrhundert. Solange ihre Schönheit blühte, war sie begehrt und nicht selten auch verehrt. Dann ereilte sie die Pockenkrankheit, inklusive aller Nebenwirkungen. Die ihrer Schönheit nicht zuträglich waren. Mit ihrem Mann lebte sie in Konstantinopel. Dort wurde sie Zeugin wie man mit einfachsten Mitteln der Pockenseuche Herr (!) wurde. Und somit die Frauen nicht durch die verschandelnden Pockennarben ihren Antlitz verdarben. Variolation hieß das Zauberwort. Pockenviren Gesunden verabreichen und fertig. Die potentiellen Patienten waren von nun an immun. Und hatten keine Pockennarben… Zurück in England wütete die Pockenseuche. Verluste im sechsstelligen Bereich waren normal. Doch Lady Montagus Ideen die Variolation anzuwenden wurden abgeschmettert. Was weiß eine Frau denn schon…?!

Nur ein Beispiel dafür, dass der Kampf von Frauen gegen die Macht der Männer nicht nur ein Hirngespinst der Moderne ist. Es gibt immer einen Weg eine Idee, eine These, einen Lösungsansatz zu diskutieren. Aber sie von vorn herein abzuschmettern, weil die geistige Mutter eben kein geistiger Vater ist, sollte zum Umdenken führen.

Arne Molfenter und Rüdiger Strempel stellen in „Einmischung unerwünscht“ Frauen vor, denen allein aufgrund ihres Geschlechts die wissenschaftliche Anerkennung verwehrt blieb. Hedy Lamarr ist im Reigen der Damen sicher die Bekannteste. Doch „nur“ als Schauspielerin, deren Karriere mit einem Leinwandskandal begann. Dass sie auch als Forscherin mindestens genauso viel Ruhm ernten müsste, ist nur Wenigen bekannt. Dem Krieg, der Verfolgung durch die Nazis ist sie durch ihren Umzug nach Hollywood entgangen. Sich dem widerwärtigen Treiben in Europa konnte sie sich nicht entziehen. Sie wollte helfen. Wollte aktiv gegen die Schänder ihres Heimatlandes kämpfen. Kurz gesagt: Wer heute mit WLAN kommuniziert, befindet sich ein Stück weit in Hedy Lamarrs Welt. Denn ihre Entdeckung, dass durch steten Frequenzwechsel die Torpedos der Alliierten von den Deutschen nicht ad hoc lokalisiert werden konnten, ist ihr Verdienst. Und gibt es Denkmäler und Feiertage für die Wissenschaftlerin Hedy Lamarr? Nein? Erinnert man sich an ihren ekstatischen Auftritt im Film? Ja, oh ja.

Die in diesem Buch versammelten Damen kamen – wenn überhaupt – erst nach ihrem Tod zu Ehren, die ihnen zeitlebens verwehrt wurden. Den beiden Autoren ist es zu verdanken, dass sie nicht gänzlich im (männlichen) Schlund des Vergessens verschluckt wurden.

Die Grunewald-Gefährten

Es gehört nicht viel Geschichtsinteresse dazu einen ausgedehnten Spaziergang durch den Berliner Stadtteil Grunewald zu machen. Und dennoch kommt man nicht umhin hier mit jedem Schritt Geschichte zu atmen. Vorbei an den Villen eleganter Diven, gefeierter Bühnenstars bis hin zu … ja meist sind es sogar dieselben Häuser … den machtgierigen Nazigrößen, die Deutschland in den Abgrund trieben.

Hier wohnte wer es sich leisten konnte. Hier wurde Politik für den Fortschritt gemacht. Hier säte man humanes Allgemeingut. Und hier formierte sich auch Widerstand gegen die, die das alles mit ihren Stiefeln traten, mit stolz geschwellter ordenbehangener Brust das Schwärzeste aus sich herauskehrten.

Cornelius Bormann nimmt sich derer an, die humanitäre Grundgedanken nicht nur als Plakat vor sich hertrugen, sondern im Herzen mehr als nur eine Ecke frei räumten. Die Namen sind teils bis heute wohlklingend. Von Dohnányi, Bonhoeffer, Delbrück, Leibholz. Sie drückten gemeinsam die Schulbank. Spielten Tennis. Verliebten sich, heirateten mitunter. Und das in einer Zeit, in der Deutschland seine Söhne in den Krieg trieb, im Anschluss die Korken knallen und gleichzeitig die soziale Verantwortung des Staates schleifen ließ. Dann kamen die marschierenden Stiefel. Ganz langsam, doch unaufhörlich brachen Hass und Perfidität über das Land herein. Und die Idylle des Grunewald wich dem Braun des Kanonendonners.

„Freunde im Widerstand gegen Hitler“ lautet der Untertitel dieses Buches. Es räumt auf mit dem Vorurteil, das, wer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren eher bereit ist sich zu arrangieren als aktiv gegen Missstände vorzugehen. Fünf Menschen, fünf Kämpfer portraitiert Cornelius Bormann. Vier bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Vor allem die Detailtiefe macht dieses Buch zu einem Juwel in der schier endlosen Reihe von Biographien über Widerstandskämpfer der Nazizeit. Mit diesem Wissen im Gepäck wird jeder weitere Spaziergang durch den Kiez zu einer Entdeckungsreise auf bekannten Pfaden.

Immer wieder stößt Cornelius Bormann Türen auf, die lange verschlossen waren. Doch es bleibt nicht beim Schlüsselloch durch das man schaut. Tiefer und tiefer taucht man in eine Welt ein, deren Antrieb nicht weiter als Gerechtigkeit war. Aber eben auch eine Welt voller Zweifel und Angst. Dass diese Angst nicht unterging, ist bis heute ein Vermächtnis, das es zu bewahren gilt. Und wer immer noch Helden braucht, um aufzustehen … bitte sehr! Hier sind fünf Menschen, frei von politischer Verblendung die es wert sind sich ihre Ideen anzueignen.

Mr. Goebbels Jazzband

Ein so kraftvolles Wort wie Propaganda braucht starke Mitstreiter. Und Propaganda treibt zeitlebens gar seltsame Blüten. Wie diese: Mr. Goebbels – das „Doktor“ lassen wir an dieser Stelle getrost außen vor (Politiker und ihr „Titeldrang“ …) – will in Kriegszeiten die Bevölkerung der Gegner mit modernen Melodien und gezielten Texten in seinen Bann ziehen. Was braucht man dafür? Musik – Jazz, das ist modern, das reißt mit. Musiker – die hat er schon gefunden. Unter ihnen Leute, die es ohne die Jazz-Band ein jähes Ende beschert gewesen wäre. Ihre Herkunft oder ganz einfach ihre Liebe zum Jazz gaben ausreichend Grund zu ihrer Vernichtung.

Und was braucht man noch? Ein Sprachrohr, das die Massen einschwört. Denn Propaganda ohne Empfänger ist wie ein Betrunkener, der vor sich hinbrabbelt. Und so wird ein Schriftsteller beauftragt die Band zu begleiten, ihre Erfolge bekannt zu machen, ihr Biograph zu sein. Und jetzt kommt’s … das ist tatsächlich alles so passiert!

Tatsächlich bezahlte das deutsche Propaganda-Ministerium eine deutsche Jazzband, um in England mit entsprechenden Texten Wohlwollen für das widerliche Treiben in Kontinentaleuropa zu gewinnen. Dass diese Geschichte in Vergessenheit geraten ist, spricht für die Perfektion der Handelnden. Dass sie nicht in der Vergessenheit versunken ist, dafür muss man Demian Lienhard danken.

In seinem Roman – historische Romane bieten sich exzellent an, um historische Fakten nahbar zu machen, und in diesem Fall gelingt es vom ersten bis zum letzten Wort – beschreibt er eine Zeit, deren Geschichten doch noch nicht komplett erzählt wurden. Das muss man sich mal vorstellen. In einem Land, in dem das Stigma Jude unweigerlich zum Tod führt (womit nicht gesagt ist, dass Jude zu sein ein Stigma ist, leider aber in dieser Zeit), spielen Menschen zusammen entartete Musik, um dem Feind des Auftraggebers zu schaden, und dem eigenen Feind zu entkommen. Perfider geht es nicht!

Als Sprachrohr fungiert Lord Haw-Haw, ein berüchtigtes Schandmaul, ein englischer Nazi, der keine Gelegenheit ausließ dem Führer und seinen Machenschaften zu huldigen. Sein Ende war nicht weniger kurios als sein unglaubliches Treiben. Er wurde unter falschem Namen angeschossen und gefangen genommen. Und zwar von einem, der auch unter falschem Namen hinter den feindlichen Linien agierte. Lord Haw-Haws Ende war weniger glamourös. Strick um den Hals, Falltür auf, das war’s!

Hat man das Staunen über diese Geschichte einmal im Griff, lässt man sich gern von Demian Lienhard durch selbige treiben. Stellenweise schmunzelt man verlegen, muss sich jedoch beherrschen, weil die Geschichte im Ganzen betrachtet überhaupt nicht lustig ist. Ein menschenverachtendes System ist eben doch nicht komplett in sich geschlossen. Das ist der Lichtblick!