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Stadtabenteuer Stockholm

Wenn man schon mal hier ist – dann muss man auch alles mitnehmen, was mitzunehmen ist. Wenn man schon mal hier ist – so lautet auch eine Rubrik am Ende eines jeden Kapitels. Wenn man schon mal hier ist – braucht man dieses Buch.

Stockholm als schlummernde Grazie zu bezeichnen, ist noch richtig. Doch die Hauptstadt Schwedens erwacht immer öfter, immer früher, immer heftiger. Waren noch vor zwanzig Jahren nur eine Handvoll Städte auf der To-Do-List für Cityhopper, so sind es mittlerweile so viele, dass man sie kaum noch zählen kann. Und immer öfter wird die schwedische Hauptstadt genannt. Zu Recht, das wissen auch Antje und Johannes Möhler.

Die den Kinderschuhen entwachsene Buchreihe Stadtabenteuer, geht in eine neue Runde. Und den Auftakt dieser Runde macht Stockholm. Eine zerklüftete Stadt, die aus unzähligen Inseln und Inselchen besteht. Klar, dass man hier noch echte Abenteuer erleben kann. Das Abenteuer beginnt schon auf der ersten Umschlagseite. Sieben Fragen, die natürlich alle im Buch beantwortet werden, führen den Neugierigen auf die richtige Fährte.

Warum nicht mal in einem Museum ein Abenteuer erleben? Klingt auf den ersten Blick nicht besonders dramatisch. Muss es ja auch nicht werden. Aber allein schon die Vorstellung, dass es möglich ist… Die Rede ist vom Schnapsmuseum. Nicht nur gucken lautet hier die Devise. Und wenn man schon mal hier ist … das ist es wieder … um die Ecke kann man dem dicken Kopf, dem Kater, wie auch immer, noch mehr Futter geben. Der Vergnügungspark Gröna ist gleich um die Ecke. Wem dieses Abenteuer doch zu abenteuerlich ist, der nüchtert beim Spaziergang durch die Wälder der Insel Djurgården aus. Auch das Wasamuseum lässt den Kopf schnell das Hochprozentige Abenteuer vergessen.

In Stockholm ist sogar eine Shoppingtour ein Abenteuer. Upplandsgatan und Odengatan lauten die Zauberworte, die die Autoren zum Flanieren verleiten. Retrochic und echte Unikate warten hier nur darauf endlich aus der Versenkung geholt zu werden.

Stockholm als einzigartiger Abenteuerspielplatz? Ja, aber. Natürlich rennt man nicht mit brennender Fackel und Säbel zwischen den Zähnen durch die Stadt, um sich wie ein Abenteurer zu fühlen. Man erobert sie auch nicht, um sie sich Untertan zu machen. Vielmehr lädt dieses außergewöhnliche Reisebuch dazu ein, vieles fernab der festgetrampelten Pfade selbst zu entdecken. Antje und Johannes Möhler halten sich nicht still im Hintergrund, vielmehr stupsen sie den Leser und Besucher der Stadt immer wieder an, den nächsten Schritt zu wagen. Wenn das kein Abenteuer ist?!

Der Tallinn-Twist

Ein erfolgreicher Tag beginnt mit einem frühen Start. Im Fall von Marie Vos begann der erfolgreiche Tag – sinngemäß – schon vor Jahren. In Sonderermittlungsabteilungen der EU in Brüssel hat sie sich einen Namen gemacht und ein kleines Netzwerk geschaffen. Nun sitzt sie im Taxi im Stau, weil ein paar Demonstranten gegen die Privatisierung der Wasserwirtschaft demonstrieren. Im Handgepäck hat sie Haftbefehle gegen Betrüger, die mit EU-Mitteln das dolce vita in vollen Zügen genossen haben. Und schon klingelt ihr Telefon – der erfolgreiche Tag ist noch nicht zu Ende.

Söderberg – in Brüssel kennt man sich – will sie in einer brisanten Sache dabei haben. In ein paar Stunden wird Dennis Bahr verhaftet werden. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, der die Seiten gewechselt hat. Doch welcher Seite nun seine Loyalität gilt, ist unklar. Auch er hat seine Finger bei der Neuordnung der Wasserwirtschaft im Spiel. Marie soll ihn verhören und ihm suggerieren, dass sie seine einzige Chance sei halbwegs ungeschoren aus dem Schlamassel rauszukommen. Bahr trägt einen Peilsender, was er natürlich nicht weiß. Marie und Söderberg verfolgen angestrengt den weißen und die roten Punkte auf dem Monitor. Gleich wird Bahr verhaftet … er telefoniert und … ist komplett aus der computergestützten Überwachung verschwunden! Ein erfolgreicher Tag sieht anders aus.

Auch für Dennis Bahr. Als er wortwörtlich wieder auftaucht, sind seine Lebensgeister erloschen. Und noch ein Wort zur Neuordnung der Wasserwirtschaft. Die Wasser-Konzerne lassen sich von der EU ihre neuen Projekte finanzieren, die Folgekosten tragen dann die Kommunen und der Verbraucher. Um diese Schieflage halbwegs kontrollieren zu können, wurde die Taskforce Neuordnung der Wasserwirtschaft gegründet.

Als ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin, was in Maries Fall nicht anderes bedeutet, als dass sie die Grundausbildung inkl. einiger Kampfsportarten absolviert hat, hat sie einige Einblicke in die Arbeit im Verborgenen erhalten. Eine Fähigkeit, die ihr in der Folge so manches Licht aufgehen lässt.

Sie ist froh als sie ein Ticket nach Tallinn in den Händen hält und ein bisschen Abstand vom trockenen Alltagsjob in Brüssel bekommt. Frontarbeit. Denn hier könnten die Hintermänner sitzen, die Dennis Bahr auf dem Gewissen haben, die mit der Neuordnung der Wasserwirtschaft sich selbst – und nur sich selbst – ein sanftes Ruhekissen aufschütteln könnten. In Tallinn, Estland hat sich eine Gruppierung formiert, die die nationale Keule schwingt, um sich Macht zu sichern. Da spielen monetäre Überlegungen schon fast keine Rolle mehr. Marie lernt Europa, die EU, das ganze System von einer Seite kennen, die man sonst nur aus Romanen kennt. Daheim, in Brüssel, gehen die Untersuchungen auch in Marie Abwesenheit weiter. Söderberg sichert ihr uneingeschränkte Hilfe zu. Doch echte Ergebnisse liefert ihr nicht ihr Arbeitgeber. Private Hilfe ist oftmals viel effizienter…

Korruption, Betrug, und das alles im ganz großen Stil. Und ein Mord: Thomas Hoeps und Jac. Toes – die kongenialen Einzeltäter, die im Team unschlagbar sind – haben den Leser am Haken. Die Aktualität des Stoffes, die Brillanz ihrer Schlussfolgerungen, das unfassbar spannend gestaltete Set fesseln bis zur letzten Zeile.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.

Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

München – Was nicht im Baedeker steht

Wie sich die Zeiten ändern. Wer heute eine Reise plant, sucht sich bei Instagram Hotspots, die er dann besucht und ins rechte Licht rückt. Manch einer greift zum Reisebuch, um sich ereignisreiche Touren zusammenzustellen. Das war vor einhundert Jahren schon so. Also, das mit dem Reisebuch. „Der Baedeker“ war ein geflügeltes Wort. Doch schon damals gab es findige Schreiber, die dem Baedeker Konkurrenz machten. Denn selbst in der Bibel der Reiselustigen konnte bei Weitem nicht alles aufgeführt werden, was die Stadt zu bieten hatte.

Peter Scher und Hermann Sinsheimer machten es sich zur Aufgabe dem Besucher die Seele Stadt anzudienen. Das beginnt beim Franziskaner und hört bei der Weißwurst noch lange nicht auf. Ringelnatz und Valentin gehören ebenso dazu wie Thomas Mann. Dabei vermeiden sie es geschickt den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, wo man die Größen der Stadt antreffen kann. Soweit wollte man dann doch nicht gehen. Man stelle sich vor, dass sie detailliert beschrieben hätten, wann und wo man der Prominenz auflauern kann. Das wäre schon damals – vor fast hundert Jahren – ein Skandal gewesen. Nein, es geht ihnen darum zu zeigen, dass München ohne ihre Charaktere eben nur eine durchaus vorzeigbare Stadt mit mittlerem Charakter ist. Dass dem nicht so ist, davon kann man sich auf den 150 Seiten dieses Büchleins selbst überzeugen.

Ganz wichtig: Wie verhält es sich und man selbst mit dem Eingeborenen? Allein schon die Fragestellung deutet darauf hin, dass es bei diesem Buch keineswegs um einen bierernsten Reiseführer handelt, in dem man die wichtigsten Plätze und Sehenswürdigkeiten abarbeitet wie eine Matheprüfung. Zwischen den Zeilen lesen. Sich nicht zwangsläufig als unbedarfter Neuling zu erkennen geben. Im Strom mitschwimmen können. Darum geht es den beiden Autoren. Doch Vorsicht, München ist eine Stadt im Aufbruch. Vielerlei ungute Gesellen tummeln sich des Nachts in den Bierkellern und auf den Straßen. Ein paar Jahre zuvor, zettelte ein Postkartenmaler aus dem benachbarten Österreich einen Aufstand an, bei dem Tote gab. Dass ausgerechnet der einmal Weltgeschichte schreiben soll, konnte man 1928 noch nicht ahnen. Das allerdings hätte millionenfaches Leid verhindert.

Natürlich ist dieses Buch kein Reiseband, den man an der roten Fußgängerampel schnell mal rausholt, um sich des Weges zum nächsten Stop zu versichern. Es ist ein vergnüglicher Ausflug in die bayrische Landeshauptstadt, die immer noch einen Besuch wert ist. Und vielleicht entdeckt man sogar noch Parallelen von Damals und Heute. Wer genau liest, wird sie finden…

In fremden Händen

Noch einen Kaffee, und einen Whiskey … bitte! So geht das schon seit Längerem. Durch Paris streifen – nach dem Plan von Estelle. Flugblätter verteilen – nach Estelles Plan. Auf den Flugblättern ist das Gesicht von Jennifer abgebildet. Seiner Tochter. Jons Tochter. Jons und Estelles Tochter. Seit einer gefühlten Ewigkeit ist die Kleine verschwunden.

Jede Metrostation wird zu der Zeit besucht, zu der die meisten Menschen dort sind. So erhöht sich die Trefferquote, theoretisch. Zuhause hält Estelle Telefonwache. Falls Marceau, der ermittelnde Beamte, falls irgendjemand  anruft, der Jennifer gesehen hat.

Noch einen Kaffee, und einen Whiskey … und wissen Sie wer dieses Plakat da gemalt hat? Jon ist gebannt vom Detailreichtum des Bildes. Alles an diesem Bild scheint nur einem Ziel zu dienen: Die abgebildete Person in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen. Ohne, dass es ihm bewusst ist, fühlt er, dass er die Künstlerin kennenlernen muss. Vielleicht kann sie ihm helfen.

Das Plakat, das sie zeichnet, scheint Erfolg zu versprechen. Die neuen Flyer zeigen eine Jennifer, die so unverwechselbar ist, dass man sie auf Anhieb erkennt. Die Saat für eine gelungene Ernte ist in den Boden gebracht.

Und dennoch sprießen aus dem Boden nur welke, zarte Pflänzchen. Denn alles hat sich von Grund auf geändert. Estelle ist es leid. Sie kann immer noch nicht in Jennifers Zimmer gehen, aus dem nach und nach ihr Geruch verschwindet. Jon hat sich verändert. Das Zusammentreffen mit der Künstlerin hat weiter reichende Folgen als man planen kann. Die Melancholie ist weg. Selbst Marceau ist mit einem Mal zuversichtlich. Nur die vermisste Tochter ist immer noch wie vom Erdboden verschluckt.

Michael Farris Smith wühlt tief in der Seele zweier Menschen, die sich niemals suchten. Als sie sich fanden, konnten sie ihr Glück nicht fassen. Nun wurde ihnen das Wichtigste genommen, das ihnen je passiert ist. Zu keiner Zeit driftet er in den Schlund des Kitsches ab. Niemals rühren Tränen den Leser derart, dass er losrennen und Jennifer selbst suchen möchte. Als Leser ist man Unbeteiligter, und das ist ausnahmsweise etwas Gutes. Man beobachtet wie zwei Menschen sich immer weiter voneinander entfernen, ohne jemals loszulassen. Estelle und Jon sind wie entfernte Freunde, deren selbst auferlegtes Schicksal man nicht teilen möchte. Und sie um Himmels Willen nicht stören möchte. Hier sind zwei Menschen am Werk, die sich niemals mit dem zufrieden geben werden, was ihnen angeboten wird. Sie verschließen sich der Welt und entfernen sich voneinander, um im Moment des Sieges alle und alles in den Arm zu nehmen. Der Weg ist steinig, dornig und voller Fallen. Michael Farris Smith lindert mit faszinierenden Gedankenspielen die Schmerzen.

Wüste Berlin

Nach furiosem Start folgte der jähe Absturz. Ein Ende kann ein Anfang sein. Berlin formierte sich vor einhundert neu. Erfand sich anschließend neu. Und versumpfte braun und dahinsiechend. Als diese Zeit vorbei war, sah man das Ausmaß dieses Kapitel. Landschaftliche Erhebungen bestanden aus Trümmern. Straßenzüge unerkennbar. An ein funktionierendes System konnte man sich nur vage erinnern. Und hier sollte nun etwas entstehen, das heutzutage als „In Berlin ist immer was los“ bekannt ist? Wie soll aus einer Wüste fruchtbares Land gewonnen werden?

Den Kopf in den märkischen Sand stecken, sich unter den Trümmern in Selbstmitleid ergehen – det is nich Berlin. Wie nach einem Vulkanausbruch gedeiht aus dieser Erde Neues. Es wird dauern, aber das Ziel ist klar definiert. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Bürgermeister Ernst Reuter hat es so in die Welt hinausgeschrien. Und bald schon schaute man nicht nur, man kam.

Bis das jedoch geschah, standen Verwaltung und Einwohner, Kultur und Politik vor der größten Herausforderung, die es jemals in der Stadt gab. Und davon berichtet Kai-Uwe Merz in seinem dritten Band über die Kulturgeschichte der deutschen Hauptstadt. Die Literaten gaben der Stadt wieder ein Gesicht. Sie verarbeiteten als Erste die dunkle Zeit und durchleuchteten die Gegenwart, manche warfen einen vagen Blick in die Zukunft. In der DDR wurde Johannes R. Becher Kulturminister. Bertolt Brecht gestaltete im Osten der Stadt mit dem Berliner Ensemble einen Leuchtstern, der über Grenzen hinweg strahlen sollte. Der entnazifizierte Wilhelm Furtwängler gab den Philharmonikern ihren Ruf zurück. Günter Neumann stand auf der Bühne, um kritisch und augenzwinkernd die neue Zeit satirisch unter die Lupe zu nehmen. Architektonisch war die Stadt sichtbar gespalten. Nicht nur wegen der Mauer – die kam erst später. Beton gab es (und gibt es immer noch weithin sichtbar) hüben wie drüben. Während die Stalinallee erst heute ihren durchaus vorhandenen Charme versprüht, war sie anfangs auch und vor allem ein Vorzeigeprojekt, bei dem Namen…

Eine Stadt lebt nicht allein nur durch Literatur oder nur durch Architektur oder nur durch Politik. Das Räderwerk aus allen Bereichen der Kultur verleiht ihr ihren einzigartigen Charakter. Berlin hatte und hat den Vorteil einen Namen in der Welt zu haben. Den galt es nach 1945 wieder herzustellen und nachhaltig zu gestalten. Aus der (Trümmer-) Wüste Berlin keimten zarte Pflanzen, die bis heute ihre Wurzeln in der Stadt haben. Und dieses Buch trägt maßgeblich dazu bei, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.