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Gebrauchsanweisung für Wien

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Wien, Wien, immer wieder Wien! So geht es Monika Czernin. Einmal pro Saison muss sie da hin. Und immer wieder findet sie Neues in der Donaumetropole. Und endlich hat sie es aufgeschrieben. Und endlich kann jeder es lesen! Muss es lesen! Denn wer Wien besucht und dieses Buch nicht mindestens einmal gelesen hat, findet sich nicht auf der sagenumwobenen Ringstraße wieder, sondern auf der Verliererstraße.

Monika Czernin redet keinen Besucher – sei er zum ersten oder zum wievielten Mal hier zu Gast – aus, die üblichen Verdächtigen zu besuchen. Wien ohne Stephansdom wäre wie Paris ohne Eiffelturm. Das muss man auch hoch. So richtig Appetit auf Wien bekommt man schon auf den ersten Seiten. Klar mit Sachertorte lockt man jeden Neugierigen hinterm Ofen vor. Wer behauptet Wien sei hässlich, unnahbar oder überhaupt nicht besuchswert (echt, solche Leute soll’s geben…), bleibt halt auf Balkonien und regt sich über den Straßenlärm auf. Für den Rest gibt‘s dieses Buch!

Heimlich, still und leise hat sich Wien zu dem gemausert, was man eine Metropole nennt. Die Lebensqualität ähnelt der von San Francisco oder Boston. Berlin als hipper place to be? Existent, aber Wien ist hipperer, eleganter, moderner. Hinweg geblasen der Staub der Monarchie, doch den Charme eben dieser erhalten. Traditionen wie die des Kaffeehauses werden geradezu zelebriert. Doch Vorsicht! „Hallo, ich hätte gern ein Brötchen, Herr Kellner“, führt schnell zu Augenbrauenzusammenziehen. „Herr Ober, eine Semmel bittschön und einen Braunen“, damit kommt man weiter. Und nach unzähligen Besuchen darf man den Herrn Ober sogar beim Vornamen nennen. Kosmopolitik ganz einfach. Darauf versteht sich Monika Czernin.

Nach der geballten Wucht der offensichtlichen Höhepunkte der Stadt, führt die Autorin den Leser ins Wien der Künstler und das der Spione, in die Ecken des roten Wiens, der Stadt Sigmund Freuds und vorbei an den Schaufenstern der besonderen Läden. Dort, wo man das findet, was man eigentlich überall sucht, das man aber nur findet, wenn man sich richtig vorbereiten kann, indem man eben Bücher wie die „Gebrauchsanweisung für Wien“ liest. Unverzichtbar ist dieses Buch! Man kann es sogar ohne Stadtplan beim Herumschlendern aufgeschlagen, mit dem Finger als Lesezeichen herumtragen, immer mal ein paar Zeilen lesen. Und schon ist man wienerischer als so mancher Wiener. Ortsangaben wie „Sechster“ oder „Josefstadt“ gehen einem genauso flott über die Lippen wie Fiaker oder Zentralfriedhof. Würde es einen Einbürgerungstest für Wien geben, wäre dieses Buch die ultimative Vorbereitungslektüre.

Nehmen Sie den unterschwelligen Ratschlag Monika Czernins an, und suchen Sie sich Ihr Lieblingskaffeehaus. Ob nun eines, in dem die Großen der Welt ein- und ausgingen, oder ein uriges mit dem besonderen maroden Charme oder ein Modernes – es lohnt sich sich in Wien heimisch zu fühlen.

Metropolis – Die Stadt in Karten

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Städtereisen haben als eigenständiges Segment des Tourismus durchgesetzt. Mal eben schnell nach Amsterdam – kein Problem. Ein (verlängertes) Wochenende in Paris gehört schon fast zum Standard. Doch so neu wie immer behauptet wird, sind diese Reisen gar nicht. Schon vor tausenden von Jahren reiste man nach Tenochtitlan, Aden oder Damaskus. Ganz ohne technische Hilfsmittel. Die waren, wenn überhaupt vorhanden, nicht mobil. Die Rede ist von Karten, Stadtplänen.

Jeremy Black reist auch, und zwar durch die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. Seine ersten Ziele stehen heute kaum noch in den Programmen der Reiseveranstalter. Denn die Städte, die er kartographisch bereist, sind versunken. Manche wortwörtlich, manche wurden ausradiert, manche sind nur noch rudimentär wahrnehmbar. Einzig allein Karten zeugen von einstiger Größe – und der Fertigkeit ihrer Erschaffer.

War das Zentrum der Welt vor vier- bis zweitausend Jahren noch viel weiter im Osten, so verschob sich dieses mit dem römischen Reich nach links (auf den Karten zumindest, jeder Geographielehrer schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: „Das heißt nach Westen!“). Erstaunlich an dieser Aussage ist jedoch, dass es schon so lange Karten gibt. Kunstvoll sind sie, ein wenig unpräzise, aber durchaus brauchbar. Und vor allem hübsch anzusehen. Sizilien als Oval mit Palermo als Kreis in der oberen (nördlichen) Hälfte. Mit so einer Karte könnte man heute nicht mehr viel anfangen. Aber warum auch? GPS im Smartphone, Reisebände in gedruckter oder digitaler Form ersetzen die detaillierten Karten.

Wer sich die Mühe macht und die alten Karten einmal genauer betrachtet, wird überrascht sein, wie viel von damals heute noch zu bestaunen ist. Beziehungsweise wie lange die vorhandenen Strukturen den Veränderungen der Stadtplaner getrotzt haben.

Städte waren seit jeher Sammelpunkte des Fortschritts. Hier wurde Politik gemacht, der Lauf der Welt beeinflusst. Schon lange bevor in Europa der Begriff Zivilisation von Bedeutung war, gab es in China schon Städte mit über eine Million Einwohner. Seite für Seite wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt. Eine Karte prachtvoller als die andere! Die dazugehörigen Texte verwandeln den Betrachter in einen echten Experten für Geschichte und Kartographie. Phantasien und Vision (Fritz Langs „Metropolis“ gehört genauso zum Stoff wie eine ungewöhnliche Karte der siebzehn Provinzen der Niederlande in Form eines Löwen) finden hier ebenso Gehör wie fast schon nostalgisch anmutende Stadtansichten von Florenz.

Die beeindruckenden Abbildungen, gepaart mit den kenntnisreichen Absätzen zu deren Bedeutung machen „Metropolis – Die Stadt in Karten“ zu einem besonderen Band, den man sich gern immer mal wieder aus dem Regal holt. Wer als Kind gern in Opas Schrank herumschnüffelt und auf Karten mögliche Routen mit den Fingern nachzog, wird an diesem Buch seine bislang ungestillte Freude haben.

Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Hölle und Paradies

Keine Biographie über einen Autor, keine Abhandlung über ein bestimmtes Werk – nein, eine Biographie über einen ganzen Verlag. Man fängt am besten am Ende des Buches an, um dieses Buch zu verstehen. Denn dort stehen die Werke des Querido-Verlages Amsterdam, der so bedeutend ist für die deutsche Literaturszene wie kaum ein anderer. Lion Feuchtwanger, Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Albert Einstein, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Anna Seghers, Bruno Frank, Romain Rolland, um nur einige zu nennen, die in den Jahren 1933 bis 1950 hier verlegt wurden. Anhand der Jahreszahlen ist es offensichtlich, warum. Sie waren in ihrer Heimat verboten, wurden verfolgt, ihre Bücher öffentlich(!) verbrannt. Exil war die einige Möglichkeit zu überleben. Ihr Brot verdienten sie ebenso dort, im Exil, der Querido-Verlag war ihre nicht verborgene Geldquelle.

Emanuel Querido ist der Kopf hinter dem Verlag, Fritz Landshoff der geschickte Strippenzieher, der von Emanuel Querido von Kiepenheuer in Berlin nach Amsterdam gelockt wird. Hier soll deutsche Literatur ein neues Zuhause bekommen. In Deutschland wurde ihnen der Boden unter den Füßen entrissen. Mit zunehmender Repression werden ihre Schriften politischer.

Klaus Mann will mit seiner Zeitschrift „Die Sammlung“ über den Querido-Verlag den zu Verstummenden eine Stimme geben. Das Projekt ist ehrgeizig, doch schwer realisierbar.

Als 1940 auch die Niederlande, trotz Neutralitätsbekundungen, annektiert werden, steht es schlecht um den Verlag von Joseph Roth, Vicki Baum und Erich Maria Remarque. Emanuel Querido schafft es nicht den Nazischergen zu entkommen. Er wird ins KZ Sobibor gebracht, wo er wahrscheinlich – genaue Aufzeichnungen gibt es nicht (mehr) – am gleichen Tag mit seiner Frau ermordet wurde.

Bettina Baltschev begibt sich auf Spurensuche nach Hinterlassenschaften eines der wichtigsten Verlage deutscher Literatur und Geschichte. Sie wird findet in Amsterdam noch Bücher des Querido-Verlages, der 2015 sein hundertstes Jubiläum feierte. In kleinen Antiquariaten kommen ihr Kleinode unter, die teilweise eine echte Weltreise unternommen haben. Bis heute zählen die Bücher der im Querido-Verlag betreuten Schriftsteller zu den meistgelesenen Werken überhaupt. Es ist das Vermächtnis zweier Männer, die unerschrocken der Kunst eine Bühne boten. Fritz Landshoff überlebte die Nazizeit. Seine Aufzeichnungen, Interviews sind die Basis für dieses Buch, das so eindrücklich Zeugnis ablegt, dass die Feder oft schärfer ist als das Schwert.

Es sind Bücher wie diese, deren Autoren sich vermeintlich kleine Aspekte der Geschichte herauspicken und in einem großen Zusammenhang stellen. Mutige Menschen wie Emanuel Querido, Fritz Landshoff und ihre „Klienten“ wird in diesem Buch ein leicht zu lesendes Denkmal gesetzt.

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

City impressions Lissabon

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„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Amsterdam – Eine literarische Einladung

Amsterdam - Eine literarische Einladung

Mal ganz ehrlich: Amsterdam ist in den Köpfen vieler eine Aneinanderreihung von Klischees. Überall Fahrräder mit Personal, Coffeeshops mit entsprechender Klientel und das Rotlichtviertel. Ein Schmelztiegel der Kulturen, also auch sehr tolerant. Und man kann in die Wohnungen hineinschauen, weshalb Gardinenverkäufer in Amsterdam im Speziellen und in Holland im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Tja, mit den Klischees ist das so eine Sache. Irgendwas ist immer dran. Doch die Realität zeigt das ganze Spektrum der Problematik. Ja, Amsterdam kann sich rühmen eine Menge Nationalitäten, und somit auch Kulturen, beherbergen zu können.

Robert Vuijsje bringt es in seiner Geschichte der literarischen Einladung in die holländische Hauptstadt auf den Punkt: Ja, es gibt viele Ausländer, noch mehr, die so aussehen … doch auch untereinander ist man sich nicht immer grün. Oft reicht es sogar aus dem falschen Viertel zu kommen, um kruden Vorurteilen entgegentreten zu müssen.

Auch das lockere Bild der radelnden Amsterdamer wird durch die wilde Fahrweise vieler (der meisten) in die Realität gerückt. Anrempeln ist Volkssport. Vorfahrt gewähren deutet auf etwas hin, das neu und unverständlich wirkt.

Doch blättert man weiter, unternimmt mit Charlotte Mutsaers einen Rundgang durch Jordaan. Oder erlebt mit Annie M. G. Schmidt das Amsterdam der Klischees. Die Giebel, die langjährige Amsterdamer kaum noch wahrnehmen, rücken in den Vordergrund, Grachten werden zu Naturschauspielen, die Touristenträume wahr werden lassen und das lockere, freie Amsterdam bahnt sich den Weg ins Gedächtnis.

Die Stadt scheint wie geschaffen für einen Kurztrip. Alles schnell erreichbar, übersichtlich, durchstrukturiert. Doch erst, wer aus den geplanten zwei, drei Tagen ein, zwei Wochen macht, wird die Stadt kennenlernen können. Die Autoren dieses Buches kennen die Stadt – man kann sich auf ihr Urteil verlassen. Schon längst haben sie die rosarote Brille beiseitegelegt und schauen nun, mal mit Tränen in den Augen, mal mit Zorn, mal mit Wehmut auf „ihr Amsterdam“. Als Leser staunt man, welch Spektrum an Möglichkeiten hier schon immer existierten und sich bis heute darbietet. Wenn der Titel schon eine Einladung verheißt, sollte man sie annehmen. Es erwartet einen ein unterhaltsames Menü mit deftigen Fakten, perfekt gewürzten Appetitanregern und entspanntem Plauschen vor einzigartiger Kulisse.

Wird nun durch dieses Buch das Bild Amsterdams zerstört? Nein, alles nur das nicht! Dieses rote Büchlein trägt seine Farbe nicht umsonst. Es zeigt eine Stadt, die nach und nach ihr altes Kleid der Toleranz abstreift, nicht um es gegen die Uniform der Ablehnung zu tauschen, und sich und dem Leser / Besucher ein neues farbenfrohes Kleid der Aufmerksamkeit und Akzeptanz überzustreifen.

Neun Nächte mit Violeta

Neun Nächte mit Violeta

Im Leben eines Autoren kommt irgendwann der Moment, in dem man die Hosen runterlassen muss. Der Moment, in dem er sich einem anderen Genre widmet. Für Leser eine spannende Sache: Reicht er weiterhin an die Qualität des bisher so geschätzten Werkes heran? Im Falle von Leonardo Paduras „Neun Nächte mit Violeta“ kann jedem Leser die Angst vor dem Horrorszenario Qualitätsverlust genommen werden. In diesem Buch sind dreizehn Kurzgeschichten zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Manche sind nur wenige Jahre alt, manche wurden vor einem Vierteljahrhundert geschrieben.

Die Einstiegsgeschichte handelt von einem Mann, einem Journalisten, der als Kubaner in Angola das Land gegen die südafrikanischen Aggressoren absichern soll. Er arbeitet mit der Feder in der Hand, nicht mit der Waffe, was ihn auf besondere Weise sympathisch macht. Er ist nicht ganz freiwillig hier. Und er steht unter Beobachtung, was er allerdings erst kurz vor seiner „Dienstzeit“ erfährt. Was ihn von Anderen abhebt, ist die Sehnsucht, sind die Träume, die er immer noch hat. In Madrid findet gerade eine Ausstellung mit Werken von Velázquez statt. Einmal die Bilder des berühmten Hofmalers sehen – das wäre ein Traum. Der auch gleich in Erfüllung gehen soll. Denn er darf über Madrid (mit kurzem, doch ausreichendem Aufenthalt) zurück in die Heimat. Doch welch Pech: Die Ausstellung ist während seines Zwischenstopps geschlossen! Soll ihm das Pech weiterhin anheften? Zwei Jahre war er weg aus Kuba. Blieb seine Frau ihm treu?

Das Schicksal ist eine launische Diva. Wo Pech, da auch Glück. Denn Frankie, Freund aus Kuba, mutiger Emigrant, läuft ihm über den Weg. Und nach und nach ist die verpasste Ausstellung kein Fluch mehr, sondern Segen. Denn Frankie, der die Freiheit vermeintlich fand, ist weniger frei als er selbst, der im straffen Korsett des nachrevolutionären Kubas eingezwängt ist.

Die namensgebende Geschichte „Neun Nächte mit Violeta“ wird von Träumen getragen. Genauer gesagt von einem Träumer. Ein junger Mann, gerade achtzehn, lernt die Versuchungen des „anderen Havannas“ kennen. Ein schummriger Nachtclub, ein Longdrink, verliebte Paare und … Violeta. Die Nachtclubsängerin, die man im Lexikon unter Verführung finden würde. Lasziv gestaltet sie ihr Programm. Es ist um ihn geschehen. Doch er ist zu jung, um zu verstehen, was mit ihm geschieht. Erst später erlebt er, was es heißt ein liebender und geliebter Mann zu sein. Beziehungsweise, was er dafür hält. Körperliche Anziehungskraft, wobei die Betonung auf „Kraft“ liegt, werden ihm die Konzentration rauben. Sie, Violeta soll es sein, die ihn seine Wurzeln vergessen lassen soll. Neun Nächte verbringt er mit ihr. Neun Nächte, jede anders als die vorangehende, verändern sein komplettes Leben. Denn, wenn auch Träume wahr werden können – das lernt er schmerzvoll – so heißt das nicht, dass alles, was bisher war, vergessen werden kann. Denn auch Träume haben einen Anfang und vor allem ein Ende. Und das kommt für ihn plötzlicher als ihm lieb ist.

Leonardo Padura ist mit seinen etwas über sechzig Lenzen noch nicht in der Verfassung seinen juvenilen Träumereien den Anstrich des lüsternen Alten zu geben. Die Geschichten in diesem Buch strotzen nur so vor Energie! Lustvoll, nachdenklich, gereift erscheinen die Helden seiner Geschichten. Fest im Sattel der eigenen Geschichte verwurzelt, werden sie aus der Muttererde gerissen, um andernorts neue Blüten zu treiben. Diese duften nicht immer lieblich und süß. Oft ist es ein bitterer Beigeschmack, der ihnen angediehen wird. Doch auch die Bitterkeit hat ihre Reize!

Das sizilianische Mädchen

Das sizilianische Mädchen

Diego Galdino ist Barista aus Rom. Da hört man so einige skurrile Geschichten. Da liegt es nah diese zu einem Roman zu verknüpfen. „Das sizilianische Mädchen“ ist so eine Geschichte.

Der Ort Siculiana in Sizilien ist bekannt für ein ganz besonderes Naturschauspiel. Wenn die Schildkröten schlüpfen gibt es ein wildes Gestrampel in feinen Sand. Dann ,wenn die geschlüpften Schildkröten gen Meer streben. Hier ist Lucia aufgewachsen. Wohlbehütet, ohne Sorgen. Weder finanziell noch seelisch. Nonna Marta ist ihre engste Vertraute, Rosario der Mann, den sie einmal heiraten wird. Das steht fest. Auch er aus gutem Hause. Ob arrangiert oder nicht, die Hochzeit wird einmal die ganze Region bewegen.

Doch vorher will Lucia einmal raus aus der gewohnten Umgebung. Raus in die Welt. Rom soll es sein. Und ein Volontariat bei einer Zeitung ist die Fahrkarte in die Freiheit. Voller Neugier und offenen Auges setzt sie behutsam die ersten Schritte in ihr neues, auf drei Monate begrenztes Leben. Die Klatschbasen der Redaktion amüsieren sie mehr als sie sie ernst nimmt. Auch der Chef ist ganz nett. Nur ihren neuen Kollegen lernt sie erst nach einiger Zeit kennen. Clark Kent, heißt er. Wie Superman! Auch dass sie den gleichen Beruf haben – Journalist – verwundert Lucia kaum. Im Gegenteil. Alles passt. Clark ist ein echter Superman. Das muss sie sich eingestehen. Es ist alles so verwirrend, nicht einmal Marta kann sie davon erzählen. Schließlich wartet in der vertrauten Heimat Rosario. Wenn Nonna Marta wüsste… Sie kann Rosario nicht leiden. Beziehungsweise ist sie felsenfest davon überzeugt, dass Lucia einen Besseren verdient hätte. Rosario ist einfach nur langweilig und uninspiriert.

Lucia nimmt ihr Herz in die Hand und reist nach Sizilien. Nach Siculiana. Zu Rosario. Um ihm zu sagen, dass ihre Zukunft nicht die seine sein kann. Und Clark? Der bleibt zu Hause in Rom. Hält die Füße still. Nur kein Aufsehen erregen. Lucia will und muss das allein durchziehen. Doch die Sehnsucht überwiegt und Clark versucht Lucia anzurufen. Nichts! Keine Reaktion. Kein Lebenszeichen! Also bleibt Clark nur eine Möglichkeit: Selbst in die Höhle des Löwen zu reisen. Mit einer Notlüge kann er sich sogar bei Nonna Marta einnisten. Was ihn allerdings in den nächsten Tagen und Wochen entgegen schwappt, ist mehr als nur das liebliche Planschen der Babyschildkröten. Es ist ein ausgewachsener Skandal, in dem er und Lucia immer mehr zu den Hauptakteuren werden…

Diego Galdino schafft es schon nach wenigen Seiten den Leser für seine handelnden Personen zu begeistern. „Eine Herz und eine Krone“ trifft auf lebendige Urlaubsatmosphäre, so dass man sich schon nach kurzer Zeit im warmen Sand an Siziliens Küste wähnt.

Rendezvous in Paris

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Manchmal reicht ein winziger Moment aus, um das Leben umzukrempeln. Und dann wieder alles in den Originalzustand zu versetzen … ein sinnloses Unterfangen. Das klappt nie!

Es ist Dienstagabend. Irgendwo in Berlin wird getanzt, gelacht, geschmust. Die Tennismeisterschaften sind vorbei, der Sieger gekrönt und mittendrin tanzen Frank, der amerikanische Geschäftsmann, und Evelyn, die Frau des Landgerichtstrates, gedankenverloren miteinander. Nur noch Minuten, dann muss Frank den Zug nach Paris besteigen. Minuten, die beide zwischen Hoffnung, Skepsis und momentanem Glück schwanken lassen.

Soll es das nun gewesen sein? Eine kurze, glückliche, verheißungsvolle Zeit in den Armen eines Fremden? Soll es das nun gewesen sein? Eine kurze, glückliche, abenteuerliche Zeit in den Armen einer Frau, die so sehr nach mehr zu lechzen scheint? Soll der Abend schon zu Ende sein? Droht nun wieder der Alltag mit dem lästigen Prozess, der so zu schaffen macht?

Drei Menschen: Evelyn, Frank und Kurt, Gatte von Evelyn. Alle Drei erleben ein und denselben Tag. Jeder hat seine Sichtweise, auf das Jetzt und die Zukunft. Jeder hat seine eigenen Sorgen und Nöte.

Evelyn wagt den Sprung ins kalte Wasser. Frank hat sie zu sich gelotst. Sie in Paris. Ihr Gatte im Gerichtssaal, die Kinder wohlbehütet daheim. Frank voller Vorfreude in Paris, seine Verhandlungen mit den französischen Geschäftspartnern laufen schwierig, aber sie laufen. Ist Evelyn nur der amüsante Zeitvertreib zwischen Verhandlungen und Vertragsunterzeichnung?

Wie in einem Tagebuch seziert Vicki Baum die wenigen Tage, die Evelyns Leben so stark veränderten. Jeder der Beteiligten – Evelyn, Frank und Kurt – wird zum Chronisten des Zerfalls. Für Kurt ist Evelyn auf dem Lande bei Marianne, der energischen Freundin Evelyns. Frank und Evelyn genießen anfangs die gemeinsame Zeit. Doch sie sind rational genug zu wissen, dass ihre amour fou ein rasch nahendes Ablaufdatum hat. Es sei denn, …

Wer schon immer mal einen echten Liebesroman – mit allen seinen Höhen und Tiefen – lesen wollte, kommt mit „Rendezvous in Paris“ voll auf seine Kosten. Kein Kitsch, sondern ausgefeilte Szenarien umgarnen den Leser und lassen ihn erst wieder los, wenn das Buch zugeklappt wird. Wer Vicki Baums Roman liest, ist versaut für die nachkommenden Werke. Es ist schwer an ihr emotionales Sprachgewitter heranzukommen.

Styleguide Paris

Styleguide Paris

Einen Styleguide zieht man zu Rate, wenn man merkt, dass der eigene Style nicht mehr ganz … mmmh sagen wir mal … passt. Eine Stadt wie Paris, eine Stadt, die für jeden Touristen auf den ersten sich als Selbstläufer darstellt, eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, braucht keinen Styleguide. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Aber was ist mit denjenigen, die „auf der anderen Seite stehen“? Die, die Paris besuchen? Wenn man die tennisbesockten Sandalenträger in der Warteschlange am Eiffelturm sieht, haben die einen Styleguide mehr als nötig.

Dieses Buch ist für alle Parisbesucher, denen das Überangebot an extravaganten Hotspots die Sprache verschlägt. Und für diejenigen, die den Parisaufenthalt als Höhepunkt des Jahres ansehen. Bloß nichts verpassen! Auf gar keinen Fall irgendetwas vermissen müssen in der schönsten Zeit des Jahres.

Da ist man endlich in Paris. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages in Montmartre genießen, am besten mit einem Croissant in der Hand. Doch wo bekommt man die besten Croissants? Wo den besten Café? Am besten frischgebrüht, mit frisch gerösteten Kaffeebohnen. Elodie Rambaud ist Pariserin, Fotostylistin. Dem Namen und dem Beruf nach die ideale Beraterin in Sachen Style und Paris. Sie ist der Styleguide Paris, wenn es um Essen, Einkaufen und Liebe geht. Egal wie lange man in Paris verweilt, mit diesem Buch ist man bestens ausgerüstet, um wirklich nichts zu verpassen.

Gleich zu Beginn des Buches gibt die Autorin eine kleine Anleitung wie man ein Wochenende in Paris verbringen kann. Kann! Elodie Rambaud gibt Ratschläge, keine sie macht keine Vorgaben! Wer länger belieben kann, blättert weiter und hüpft wohlgemut von Tapetenladen Diptyque zum Maison M, einer Boutique mit ausgewählten Schreibwaren, die es sonst nirgends in Paris gibt, um dann im Yveline Kurioses zu entdecken. Unterwegs kann man im Mahatsara allerlei Buntes und Nützliches aus Afrika bestaunen und shoppen. Oder im Pour vos beaux yeux sich von der Brillenvielfalt verzaubern lassen.

Sicherlich sollte ein Urlaub dazu dienen sich zu erholen. Die einen tun dies, indem sie tagelang am Strand faulenzen. Andere kraxeln lieber Berge hinauf und wieder hinab. Als Städtebesucher erliegt man leicht der Versuchung durch die Shops der Stadt zu tingeln und hier und da sich mit dem „Nötigsten“ einzudecken. Und wie überall ist die Gefahr groß sich nichtssagenden Tinnef ins Reisegepäck zu stopfen, den man zuhause eh bloß versteckt. Der Styleguide Paris ist die Präventivmedizin für alle, die gar zu schnell im Rausch der Zeit dem Rausch des Konsums verfallen. Nicht das „mehr“ ist besser, sondern „besser“, „origineller“ lautet das Gebot der Stunde. Globalisierten Mainstream findet man in diesem Buch nicht. Jeder einzelne vorgestellte Ort ist ein Symbol für Paris, seine Eigenständigkeit als Marke stellt Paris auch mit seinen extravaganten, einzigartigen Shoppingaltären, die die Flaniermeilen der Citytripper links und rechts nicht nur füllen, sondern Paris immer wieder neu kreieren.

Die gekonnte, eigenwillige Aufmachung des Buches verführt zu mehr als dem bloßen Herumblättern. Ein Bildband im Taschenformat, der eine zweite Welle der Impressionen in Bewegung setzt.