Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bonjour

Herrenhäuser in der Normandie

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Verwitterte Fassaden im strahlenden Grau der Sommersonne. Akkurat geschnittene Heckenfronten. Holzschindeln, deren Abnutzungsgrad an Wiederaufbau denken lässt. Geschickte Handwerkskunst an den Fachwerken. Ja, wir sind in der Normandie. Weit ausladende Behausungen mit endlos erscheinenden Dachflächen. Rustikal und dennoch erhaben stehen sie allen Winden trotzend im saftigen Grün der Landschaft: Herrenhäuser.

Manche sind Festungen, die schon ein Jahrtausend lang hier verwurzelt sind und sich schon so manchem Ansturm erwehren mussten. Ein Blick ins Innere lässt Phantasien vom savoir-vivre und vom Leben wie Gott in Frankreich aufkeimen. Auf den Dachböden lagern riesige Fässer, in denen edle Tropfen reifen. Auf dem saftigen Grün geht Federvieh dem Müßiggang nach. Seerosen beschützen Neptuns Gefährten in liebevoll gestalteten Teichen. Wenn man jetzt und hier vom Blitz getroffen wird, man würde nichts vermissen.

Apropos vom Blitz getroffen. Dreihundertsechzig Seiten für unglaubliche zehn Euro. Guter Geschmack muss nicht teuer sein. Schon beim ersten Durchblättern wird die Phantasie beflügelt. Einmal verführerisches Burgfräulein oder mutiger Ritter sein. Ritterspiele in scheinbar unberührter Natur veranstalten. Kein einziges Anwesen wirkt irgendwie gekünstelt. Mutter Natur hat ihrer Vorstellung immer wieder ein neues Gewand verpasst. Doch die anscheinende Belassenheit ist das Ergebnis Jahrhunderte langer Pflege und Weiterentwicklung.

Régis Faucon hat diese architektonischen Erbstücke gekonnt in Szene gesetzt. Yves Lescroart füllt die Wissenslücken gekonnt mit historischen Fakten ohne dabei den schillernden Charakter des Bildbandes zu sehr ins Wissenschaftliche zu ziehen.

„Herrenhäuser in der Normandie“ ist eine Zierde für jeden Bücherschrank. Doch es nur als Vorzeigestück zu bezeichnen, wäre Platzverschwendung. Geballtes Fachwissen trifft auf geschultes Auge. Das Ergebnis ist eine geballte Ladung Fernweh mit Nebenwirkungen wie Reisefieber.

Femme fatale

Martin Walker - Femme fatale

Chef de police und lukullischer Heimatliebhaber Bruno liebt es in seinem Saint-Denis dem Chor bei den Proben zuzuhören. Dann ist für ihn die Welt in Ordnung. Da lässt er sich gern fallen. Doch ein Mord reißt auch ihn aus der idyllischen Mußestunde. Eine blonde Frau treibt nackt und anscheinend tot auf einem Kahn auf dem Fluss umher. Vorbei die Ruhe, vorbei die Erinnerungen an weitaus schönere Zeiten.

Brunos Ermittlungen führen ihn – wieder einmal – in die jüngere Geschichte Frankreichs. Denn die Tote stammte aus einem Adelsgeschlecht der Umgebung, deren Vorfahren mit ihrem blauen Blut eine rote Gesinnung hatten. Die Großmutter der Toten wurde von De Gaulle persönlich mit einer der höchsten Auszeichnungen geehrt. Eine Mauer aus Schweigen und Lügen baut sich vor dem kräftigen Polizeichef auf. Doch Bruno wäre nicht Bruno, würde er nicht auch diese Klippen raffiniert zu umschiffen wissen.

Der fünfte Fall des sympathischen Chef de police im beschaulichen Perigord macht aus einem verzwickten Kriminalfall eine Sommerferien- Abenteuergeschichte: Herumstromern in Flüssen und Höhlen, Geschichte am eigenen Leib erfahren und ein neues Haustier für Bruno, das garantiert in den kommenden Romanen weiter seine Rolle spielen wird. Die ersten vier Romane der Bruno-Reihe waren – so scheint es fast – nur Aufwärmrunden. Mit „Femme Fatale“ dreht Martin Walker so richtig auf. Er und sein Held Bruno sind angekommen im Perigord. Die Beschreibungen werden exakter und nicht mehr so hervorgehoben wie zu vor. Fans und Neueinsteiger sind sofort im Bilde.

Apropos Sich-Heimisch-Fühlen-Im-Perigord: Jedem Buch liegt ein kleines, von Martin Walker gestaltetes Reiseheft über das Perigord bei. Darin gibt er exzellente Urlaubstipps, und gestaltet eine einzigartige Reise.

In diesem Sommer

In diesem Sommer

In diesem Sommer wird “In diesem Sommer“ ein viel gelesenes Buch. Denn es vermengt auf wunderbare Weise Spannung, Familienzerwürfnisse, die Leichtigkeit eines Wochenendes mit der Sprachgewalt Véronique Olmis.

Delphine und Denis sind schon lange ein Paar. Und schon lange veranstalten sie das Vierzehnterjuli-Wochenende in ihrem Sommerhaus in Coutainville in der Normandie. Doch die Idylle trügt. Delphines und Denis‘ Ehe ist am Ende. Es offen auszusprechen, ist der letzte Schritt hin zur Trennung. Zu diesem Wochenende stoßen später noch Tochter Jeanne und Sohn Alex hinzu. Und Nicolas und seine Frau Marie. Und Lola mit ihrem neuen Freund Samuel.

Und Dimitri. Der war gar nicht vorgesehen in der illustren Runde. Plötzlich war er da. Erzählte da ein wenig, unterhielt sich dort ein bisschen. Und immer hatte er eine andere Geschichte parat. Unheimlich. So geheimnisvoll. Und keiner weiß so recht, warum der jetzt gerade hier und nicht woanders ist. Nur Jeanne kann dem geheimnisvollen Fremden etwas abgewinnen. Ihre Eltern lassen ihrer Tochter – wohl auch durch den Druck der Freunde – ihre Freiheit tun zu lassen, was sie will. Und sie will … mit eben diesem Dimitri die Zeit verbringen.

Währenddessen sehnt die Clique dem großen Feuerwerk zu Ehren der Grand Nation entgegen. Wie jedes Jahr spielt man Tennis im Club, geht reiten und unterhält sich angeregt, diskutiert mit gleicher Leidenschaft das Weltgeschehen wie den neuen Freund von Lola. Der Altersunterschied ist kein Grund zum Diskutieren. Vielmehr die Frage, ob er bleibt oder nicht. Es entspinnt sich ein kleiner Wettkampf um die beste Vorhersage.

Würde der Roman in Amerika spielen, würden Wetten abgeschlossen. Aber „In diesem Sommer“ spielt nunmal im Norden Frankreichs. Und er wurde von einer erfolgreichen französischen Schriftstellerin geschrieben. Wer auf einen krachenden Showdown wartet, muss sich gedulden – vielleicht im nächsten Roman. Hier brodelt es unter der Oberfläche. Viel Raum zur Interpretation. Die Autorin macht gibt einige Vorlagen. Die Geschichte auszumalen, überlässt sie dem Leser. Die Warterei auf das große Feuerwerk schmückt sie mit Neckereien bis hin zu perfiden Gewaltphantasien. Sie garniert ihre Zeilen treffsicher mit der Analyse der menschlichen Seele. Das ideale Strandbuch!

Bolero mortale mit Pastis

Bolero Mortale mit Pastis

Was tun, wenn das ganze Leben – immerhin die vergangenen dreizehn Jahre – sich in einen Scherbenhaufen zu verwandeln drohen? Was tun, wenn der Mann, dem man so sehr vertraute sich als Doppeltlebender entpuppt? Den Kopf in den Sand stecken? Das ganze Leben umkrempeln und von vorn beginnen? Oder: Rache üben. Valmira aus Tübingen und Claire aus Südfrankreich entscheiden sich für Letzteres. Denn beide leben mit ein und demselben Mann zusammen, vertrauen ihm. Und er? Er wird zum Spielball der Racheplänen und – phantasien zweier Frauen, die er beide gleichermaßen verehrte und denen er – seiner Meinung nach – nie etwas hätte antun können.

Elli Sand lässt in ihrem humorvollen Thriller zwei Frauen aufeinandertreffen, die bis vor Kurzem noch nichts voneinander wussten, geschweige denn ahnten, dass es DIE ANDERE überhaupt gibt. Und sie lässt die beiden in einer der schönsten Landschaften Frankreichs aufeinander treffen. Im Languedoc, hier, wo der liebe Gott das savoir-vivre erfunden zu haben schien, schmieden die beiden gehörnten Ehefrauen ihren Racheplan.

Der Leser wird Zeuge wie stark Frauen werden können, wenn sie gefordert werden. Mit Grazie und Zielstrebigkeit planen Valmira und Claire ihren Feldzug. War ihr Leben bisher von Routine mit einzelnen Abwechslungen geprägt, so blühen die beiden jetzt richtig auf. Elli Sand macht es einen unendlichen Spaß dem Untreuen die Gehörnten auf den Hals zu hetzen, ohne dass der etwas merkt. Und als er die Situation realisiert, merkt er ebenso wenig, dass er schon mitten in der selbst verursachten Misere steckt, wie die Tatsache, dass es kein Entrinnen gibt.

„Bolero Mortale mit Pastis“ ist auf den ersten Blick ein Frauenroman. Ein Frauenroman über zwei Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen und sich die unfreiwillig aufgesetzten Hörner abstoßen. Doch der Roman ist auch eine Liebeserklärung an die schroffe und doch so einladende Landschaft im Südwesten Frankreichs.

Wen es also in diese Region verschlägt, und wer noch keine passende Reiselektüre gefunden hat, dem sei dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Selten zuvor trafen eine spannende Geschichte und Landschaftsbeschreibung so energisch aufeinander.

Le Perigord

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Asiaten sind höfliche Menschen – Nordkorea erklärte erst kürzlich seinem Schwesterstaat den Krieg. Araber sind die geborenen Gastgeber – wer im Iran militärische Einrichtungen fotografiert, lebt mehr als gefährlich. Die Menschen im Périgord leben wie Gott in Frankreich – ja, stimmt. Nicht jedes Vorurteil stimmt automatisch. Doch, wer Katja Richters Buch über eine der natürlichsten Regionen (schon wieder ein Vorurteil) liest, kann zu gar keinem anderen Ergebnis gelangen.

Hier ist die Wiege von laissez-faire, savoir-vivre und Leben wie Gott in Frankreich. Alle Männer tragen ein Barrett mit Schnurrbart und sagen den ganzen Tag: „Oui, excellent!“. Alles Vorurteile, die nicht stimmen. Außer vielleicht das mit dem savoir-vivre…

Allein das Kapitel „Markttreiben“ lässt einem schon beim ersten Durchlesen – man muss dieses Buch einfach mehrmals lesen – das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die angebotene Vielfalt, die sorgsam arrangierten Güter, der einzigartige Geschmack – all das versteht Katja Richter einzufangen und zu vermitteln. Immer an ihrer Seite: Die Möpse. Kleine (mops)fidele Vierbeiner, denen das vulkanische Land als großes Spielparadies vorkommt. Sie entdecken jeden Tag was Neues, genauso wie Frauchen und Herrchen, die sich vor Jahren hier eine zweite Heimat schufen.

Nicht zuletzt durch die erfolgreichen Bruno-Krimis von Martin Walker erlebt das Périgord eine Art Renaissance. In den Achtzigern verspeisten wir Frischkäse „mit Kräutern aus dem Périgord“ und fragten uns, wo das denn sei. Danach wurden Atlantikküste und Mittelmeerraum interessanter. Fast schien das Périgord in Vergessenheit zu geraten. Erst nach und nach wird dieses grüne Paradies aus seinem Dornröschenschlaf erweckt (wieder so ein Vorurteil – die Zeit blieb hier niemals stehen).

Die im Untertitel beschriebene Bekanntschaft mit dem Périgord wird sich in Windeseile zu einer innigen Liebe nur mit Höhen entwickeln. Die einst unbekannte Begehrte wächst einem ans Herz, so dass man sie nie mehr loslassen möchte. So erging es auch der Autorin, die nun dort mit Mann, Möpsen und allerlei Tieren lebt. Zum Glück lässt sie uns ein stückweit an dieser Liebe teilhaben.