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Der Haschischklub

Der Haschischklub

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es einen kleinen Zeitungsartikel, der vor allem religiöse Fanatiker aufbrachte. Ein junger Mann, betete ein Poster der Band KISS an. Offenbar im Drogenrausch züngelte Gene Simmons vom Poster herab – der junge Mann hörte nie wieder KISS. Blödsinn! Mag man denken. Schon Jahre, Jahrzehnte, weit über einhundert Jahre zuvor brachte Théophile Gautier eine ähnliche Geschichte zu Papier. Auch er sorgte Zeit seines Lebens für Furore. Ein junger Mann, gerade die Schule beendet, verbringt die Zeit bei einem Verwandten. Von einem Gobelin steigt eine rau zu ihm herab, er verehrt sie. Ist verknallt, um die Wahrheit zu sagen. Er muss das Haus verlassen, Jahre später entdeckt er den Gobelin wieder. Hat aber nicht genug Geld in der Tasche, um ihn sich zu leisten. Als er mit der geforderten Summe zurückkehrt, ist der Gobelin schon verkauft. Vorbei, vorbei, vorbei – es bleiben nur die Erinnerungen…

Phantastische Erzählungen ziehen den Leser in ihren Bann. Sie regen die Phantasie an, sorgen dafür, dass die kleinen grauen Zellen, wie sie Hercule Poirot immer so gern bezeichnete, in Bewegung bleiben. Denn Bewegung bedeutet Fortschritt.

Die titelgebende Erzählung „Der Haschischklub“ zeigt die ganze Kraft der Worte. Den Haschischklub gab’s wirklich. Und auch Théophile Gautier war Mitglied. Man traf sich konspirativ, probierte … na was schon?! … und gab sich den eigenen, neuen, fremden Gedanken hin. Schonungslos geht der Autor mit sich und den anderen Beteiligten, zu denen „in echt“ auch Balzac, Flaubert und auch Baudelaire gehörten, ins Gericht.

Obszön waren seine Geschichten als sie erstmals veröffentlicht wurden. Rücksichtslos wie ihr Autor, der die Bohème verkörperte wie kein anderer. Genuss-Sehnsucht und mit jeder der sieben Todsünden auf Du und Du. Immer für einen Skandal gut, wie 1830 bei der Uraufführung von Victor Hugos „Hernani“. Unangepasst war er, und kreativ. Erst vor reichlich hundert Jahren wurden seine Werke ins Deutsche übersetzt. Und das obwohl seine Wurzeln bei einem Deutschen liegen: E.T.A. Hoffmann. Die Anleihen sind besonders im „Haschischklub“ offensichtlich.

Die Magie der Geschichten Théophile Gautiers liegt in ihrer Eleganz, die der leidenschaftliche Außenseiter sich sicher nicht auf die Fahnen geschrieben hätte. Ihm war die Hornhaut an den Händen und handfeste Scherereien näher.

Und wenn einem am Ende des Buches danach ist Théophile Gautier anzubeten – keine Angst. Wenn er zuzwinkert, lüstern, wortreich züngelt – alles nur Phantasie! Ein literarisches Kunststück.

Hotel van Gogh

Hotel van Gogh

Nicht viel los in Auvers-sur-Oise, nordwestlich von Paris. Ein paar Künstler und ab und zu ein Selbstmord. Und genau deswegen ist auch ein junger Mann hier. Sein Bruder hat sich in den Leib geschossen und dabei nur knapp sein Herz verfehlt. Die Kugel steckt noch drin, Täter und Opfer in einer Person leiden. Kurze Zeit später stirbt der Künstler, der unter Depressionen litt. Auch sein Bruder wird kurze Zeit später sterben und in Auvers-sur-Oise beerdigt werden. Sein Name: Theo van Gogh, Bruder von Vincent van Gogh und unermüdlicher Gönner und Förderer der Kunst des Impressionisten.

Über hundert Jahre später stirbt in dem gleichen Zimmer Arthur Heller. Er hatte schon vor Jahren seine Firma verkauft, um sich als Schriftsteller zu verwirklichen. Auch er hat eine Schusswunde, so ziemlich an der selben Stelle. Seine Nichte Sabine Bucher soll ihn identifizieren. Für sie eine komische Situation. Denn zu ihrem Onkel hatte sie seit Jahren keinen Kontakt mehr, er ist für sie mehr Fremder als Familienmitglied. Sie ist Anwältin und eigentlich auf den Weg nach Sylt, um mit ihrem Schatz zu urlauben. Und dann kommt auch noch ein Verleger um die Ecke. Er habe das Manuskript ihres Onkels angenommen und will nun die Vertragsmodalitäten besprechen. Ein Erstling eines Toten, der dazu auch noch im selben Zimmer wie van Gogh starb: Zynisch, aber für die Vermarktung ein unbezahlbares Pfund, mit dem man wuchern muss.

Und eine dritte Sache schiebt Auvers-sur-Oise in den Mittelpunkt des Interesses: Im Ort wurde professionell und erfolgreich eine iranische Terrorzelle ausgehoben. Die amerikanische und europäische Regierungen jubeln lautstark. Auch aus dem Iran wird gratuliert. Der Bürgermeister des knapp siebentausend Einwohner zählenden Städtchens ist wenig begeistert. Denn die iranische Gemeinde war teilweise seit Generation gut integriert.

  1. R. Bechtle spinnt aus diesen drei Geschichten ein spannendes Drama, das mit erstaunlichen Parallelen und verblüffenden Wendungen aufwarten kann. Arthur Heller legt sich insgeheim und liebestrunken mit traditionsbewussten Muslimen an. Die Erfolglosigkeit und der daran zu zerbrechende Mensch scheinen der Grund für die Selbsttötung zu sein. Was bei van Gogh eindeutig war, wird bei Arthur Heller zum Rätsel. Denn er hat sich nicht selbst gerichtet, auf ihn wurde gezielt geschossen.

Wie anno dazumal ist es an den zurückgelassenen Frauen die Geschichte zum Guten zu wenden. Ende des 19. Jahrhunderts war es Johanna van Gogh, die das Vermächtnis ihres Schwagers verwalten und zu Geld machen musste. In der Gegenwart wird Sabine Buchers Lebens gründlich auf den Kopf gestellt. Als Abschluss hält der Autor noch eine weitere kurze Episode aus dem Leben des van-Gogh-Clans parat. Denn ein weiterer van Gogh musste unfreiwillig und medienwirksam wegen seiner Obsession aus dem Leben scheiden…

Warten auf Robert Capa

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Ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er läuft einen Hügel hinunter. Ist im Fallen begriffen. Seine Waffe hat er vor einem Augenblick gerade losgelassen. Ein bekanntes Bild, ein Bild gegen den Krieg. Genau wie „Guernica“ ist es im Spanischen Bürgerkrieg entstanden. Das Foto stammt von Robert Capa, der eigentlich André Friedmann hieß. Zusammen mit drei Freunden und Kollegen gründete er die Fotoagentur Magnum.

Gerta Pohorylle ist – ebenso wie André Friedmann – Jüdin und ist vor dem perfiden Terror der Nazis – ebenso wie André Friedmann – nach Paris geflohen. Sie interessiert sich für Fotografie und nach und nach auch für André. Seine unbekümmerte Art, seine wohlformulierten Träume und Gedanken verzaubern sie. Aus Gerta und André werden Gerda und Robert. Er zeigt ihr wie man fotografiert, sie wird seine Managerin.

Robert Capa verfügt über die einzigartige Gabe zur richtigen Zeit am richtigen Ort (und im richtigen Winkel) abdrücken zu können. Der Krieg ist sein Geschäft. Schon zu Lebzeiten ist er ein gefeierter Fotograf, der der Welt zeigt, dass der Krieg sehr nah ist. Jedem!

Krieg bedeutet Warten, sagte Capa einmal ein Kollege. Für Gerda wird dieser Ausspruch zur Lebensmaxime. Immer wieder ist Robert unterwegs das Grauen der Zeit einzufangen und für die Nachwelt zu konservieren – die Zeiten, in den der Schnappschuss nur dem Lebensunterhalt diente sind jetzt schon vorbei. Und Gerda fiebert jeder Nachricht, jedem Lebenszeichen, jedem kurzen Gruß entgegen. Trotz der Nähe – auch Gerda ist in Spanien als Presseausweisinhaberin „stationiert“ – ist Robert oft nur in seinen Bildern präsent.

Der Krieg wütet, viele Schriftsteller und Künstler nahmen aktiv am Kampf gegen das faschistische Franco-Regime teil. Viele überlebten diese Episode nicht. Auch Gerda Taro nicht! Während Robert sich permanent in Gefahr begab, erlitt er seelische Wunden. Sie, die nie bewusst ins Gefecht zog, starb am 26. Juli 1937, kurz vor ihrem 27. Geburtstag, bei einem Panzerangriff. Ein Datum, dass Robert Capa veränderte …

Susanna Fortes verwebt in ihrem Roman historische Fakten mit der Macht der Fiktion. Es ist ihr Verdienst, dass mit jeder Zeile die schönen, aber auch die schrecklichen Zeiten der Verbindung zweier Künstler, so nahbar erscheinen. Die Besuche in den Pariser Cafés, in denen schon die Impressionisten stritten, der harte Broterwerb, die Furcht vor Repressalien und der entbehrungsreiche Kampf sind so eindrücklich dargestellt, dass man sich mittendrin fühlt. Bei all der Rationalität der Fakten lässt sie genügend Raum für Emotionen. So wie die Bilder von Robert Capa und Gerda Taro.

La bohème

La Bohème

Bohème – wie wundervoll altertümlich, vertraut und melancholisch das klingt. Die Betroffenen selbst könnten sich auch ein anderes Leben vorstellen. Rodolfo und Marcelo geht es nicht anders. Arme Künstler, das sind sie. Glücklich? Naja, zeitweise sind sie es. Immer dann, wenn Brennholz da ist. Oder, wenn das Magenknurren wieder einmal gestillt werden kann. Oder, wenn sie mit ihren Liebsten beisammen sind. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen und den auserwählten Damen. Hinzu kommen noch Stolz, falsch verstandene Fürsorge und Eifersucht. Giacomo Puccini verzaubert mit seiner Oper jeden Besucher. Zu Beginn des Jahres 2010 wurde die Oper unter die Top Ten der besten Opern gewählt. Wer den Einstieg ins Opernfach sucht, kommt an „La Bohème“ nicht vorbei. Die gängigen Melodien sind auch für ungeübte Ohren ein Wohlklang.

Und für kleine Opernfreunde und –einsteiger ist diese CD ein wahres Goldstück. Denn zwischen den Gesangspassagen erklären die Darsteller, was nun kommen wird. Kein Lehrerunterton, vielmehr gesprochene Passagen, die das Kommende (wer spricht schon perfekt Opernitalienisch?!) erläutern. Denn gerade Opernneulinge – egal welchen Alters – können sich an den Arien und Melodien erfreuen, der Handlung jedoch kaum folgen. Werdas immer noch als Ausrede benutzt sich Opern zu verweigern, bekommt mit dieser CD ein stimmungsvolles Gegenargument.

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Ein Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Auch 2016 werden wieder zahlreiche Jubiläen begangen. In Frankreich gedenkt man der Toten der Schlacht um Verdun. William Shakespeares Todestag jährt sich zum 400. Mal. Doch es gibt Jubiläen, die kaum Beachtung finden. Zum Beispiel kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Sommer vor neunzig Jahren am Cap d’Antibes der Letzte ohne touristisches Tohuwabohu war. Ein Jubiläum, das die Tourismusmanager vor Ort gern vergessen, und lieber in elf Jahren den Startschuss des Gegenteils feiern wollen und werden.

Und genau in diesem letzten ruhigen Sommer lassen sich einige illustre Gäste nieder, genauer in Juan-les-Pins. Das Ehepaar Gerald und Sara Murphy, die mit ihrem Geld in Frankreich sehr gut leben können, laden Ernest Hemingway, Pablo Picasso sowie F. Scott und Zelda Fitzgerald ein, um einen unbeschwerten Sommer zu verbringen. Alle kommen mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Die Fitzgeralds lebten in New York in Saus und Braus. Mal wie The Who zerstörten sie Hotelzimmer, dann badeten sie wie Anita Ekberg in Brunnen. Berüchtigt waren sie. Und Scott war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Sein Gatsby verkaufte sich, das Broadway-Stück war bei Wind und Wetter ausverkauft und die Filmrechte wechselten schon bald den Besitzer. Hier sollte nun der Nachfolger, der nächste groß Wurf gelingen. „Zärtlich ist die Nacht“ soll hier entstehen. Doch die Rivalität zu Hemingway und das allzu ausschweifende Leben lassen einfach keine Zeilen auf der Schreibmaschine entstehen.

Die großen Gönner, die Murphys, fühlen sich auch mehr zu Hemingway hingezogen. Auch der bärtige Prachtkerl wirft mehr als ein Auge auf Sara statt auf seine Frau Hadley. Und sein Nachwuchs leidet jämmerlich an Keuchhusten. Urlaubs-, Sommerstimmung sieht anders aus.

Alle Villen am Cap sind belegt. Hier wird getrunken, fürstlich gespeist, intrigiert, geschmollt, gebadet. Nur künstlerisch tätig sind die Wenigsten.

Erst acht Jahre später soll F. Scott Fitzgerald seinen Roman fertig haben. Seine Ehe ist kaputt, Zelda verfällt immer mehr den Depressionen, Scott dem Alkohol. Die Auszeit an der Côte d’Azur sollte einen Wendepunkt darstellen. Was sie in gewisser Weise auch war. Doch nicht wie es sich die Protagonisten vorstellten. Was den Ruhm und Lebensstandard steigern sollte, Fitzgerald machte nie einen Hehl aus seiner Intention zu schreiben, um gut leben zu können, wird zum Desaster. Zelda ist eifersüchtig auf Scotts Erfolg. Scott ist eifersüchtig auf Ernest, weil er die Murphys in seinen Bann zieht. Ernests Beziehung zu Hadley geht den Bach runter. Und auch die Murphys haben einen harten Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Emily Waltons Buch ist eine echte Urlaubslektüre. Nur wenige können und wollen sich eine ausgiebige Auszeit an einer der schönsten (und teuersten) Meeresgegenden gönnen. Heute regieren hier Zehensandalen und Partygeschrei. Damals herrschte künstlerisches Chaos. Dieser Sommer ist die Ouvertüre auf den Abgesang der Goldenen Zwanziger. Trotz aller gegebenen Umstände, um Großes zu schaffen, wurde der Sommer 1926 für die Gruppe zur Zerreißprobe und zur Zäsur in ihrer aller Leben. Ein nostalgisches Stück, das zum Träumen einlädt.

I love Paris

I love Paris

Paris kulinarisch – ein Gedicht! An jeder Ecke gibt es eine lukullische Entdeckung zu machen. Wozu also ein Restaurantreiseführer durch die Stadt der Liebe? Ganz einfach, weil auch hier vieles der Qualitätsminimierung zum Opfer fällt. Paris hat tausende von Restaurants, Brasserien und ähnlichen Angeboten zu bieten. Mal ein Croque auf die Hand ist ja ganz nett, doch den Tag mit einem ordentlichen Mahl, besser einem Menü, ausklingen zu lassen, hat schon einen ganz anderen Stellenwert. Und schließlich ist man in Paris.

Da hat man ganz automatisch höhere Ansprüche. Doch wie soll man aus der scheinbar unendlichen Menge die Lokalität auswählen, die für einen das magenfreundliche, sinnestimulierende Mahl bereithält? Wen soll man fragen? Warum nicht beim Besten höflich anklopfen? Alain Ducasse gelang was noch keinem zuvor gelang: Dreimal drei Sterne vom Guide Michelin. Er muss es also wissen, wo es am besten schmeckt.

„I love Paris“ – so schlicht und auffallend zugleich, so reicht bestückt und voller Geschmack. Acht Gebiete von Paris, zwanzig Kategorien und fünf Preisklassen. Jedes Lokal mit zahlreichen Bildern und einem kurzen, knackigen Text, der schon beim Lesen Appetit macht. Das ist alles, was das Herz bzw. der Magen bzw. das Auge bzw. die Nase verlangen.

Jedes Restaurant, jede Cafébar, jedes Hotel, jede Vinothek oder Eisdiele bekommt die Würdigung, die es verdient. Und da jeder Paristourist nicht immer über ein flexibles (sprich unendlich dehnbares Portemonnaie verfügt) gibt ein weiteres Piktogramm die ungefähren Preise an. Das reicht von unter zwanzig Euro bis über 250 Euro. Doch wer die Texte aufmerksam liest, und dem dann das Wasser im Munde zusammenläuft, sollte wirklich von oben nach unten lesen. Denn erst am Ende kommt manchmal der monetäre Schock, der den Appetit vor der möglichen facture kapitulieren lässt. Dann sucht man sich eben was Preiswerteres aus dem Buch aus.

Wer Paris schon bereist hat, kennt vielleicht das eine oder andere Restaurant. Und er kennt vielleicht auch das eine oder andere Restaurant, das er links (oder rechts) liegen ließ. Das wird nun nicht mehr passieren! Einhundert Adressen, Gourmetadressen – vom Wochenmarkt über Kaffeeröstereien bis zum „stellaren Verwerter“ – lassen die Vorfreude auf eine der schönsten Städte der Welt wachsen. Ein Gummiband hält alles zusammen, ein Lesezeichen erleichtert die Orientierung.

„I love Paris“ ist keine Neuerfindung. Reisebände über Paris gibt es wie Sand am Meer. Aber, und das ist ein großes Aber: Selten zu vor wurde so kompakt und umfassend zugleich, so leidenschaftlich und informativ die Stadt an der Seine als eleganter Futtertrog dargestellt. Ein Futtertrog für die Innentasche, den man immer zur Hand haben sollte. Sonst geht garantiert kein kulinarisches Bonbon verloren!

Im Hotel Régina

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Menschen im Hotel. Das geht es oft chaotisch zu, wenn man Hollywood glauben darf. Im Hotel Régina in Nizza ist die Stimmung auch ziemlich angespannt. Wir schreiben das Jahr 1954. Frankreich will schon länger einen seiner größten Künstler mit einer Medaille ehren. Eine Gedenkmünze für Henri Matisse. Doch alle Entwürfe weist er entschieden zurück. Als die Prägestätte einen neuen Versuch unternimmt den Künstler zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, stimmt der nur unter einer Bedingung zu: Er selbst will den Künstler auswählen. Und ihm schwebt da auch schon ein Name vor. Alberto Giacometti. Wer in den vergangenen Monaten eifrig die Nachrichten verfolgt hat, weiß, dass seine Skulpturen mittlerweile zu den gefragtesten und vor allem zu den teuersten der Gegenwart zählen. Einhundertsechsundzwanzig Millionen Euro bot 2015 ein Sammler für die anderthalb Meter hohe Bronzeskulptur „Man Pointing“.

Und begab es sich, dass der Schweizer Künstler einige Tage im Sommer bei Matisse an der Côte d’Azur zubringen durfte. Matisse saß regungslos auf seinem Stuhl oder am Tisch. Von schwerer Krankheit gezeichnet, ließ er sich portraitieren. Er wollte die Skizzen nicht sehen. Das beeinflusse ihn und den Künstler.

Giacometti ritzte mehr als dass er malte – nach Matisse könne eh niemand malen, auch er nicht. Millionen von Museumsbesuchern sehen das wahrscheinlich anders. Wenige Striche genügten, das kann man heute noch in zahlreichen Museen betrachten, um dem großen Meister gerecht zu werden. Die Kunstfertigkeit erschließt sich nicht jedem auf Anhieb. Die einleitenden und abschließenden Texte von Gotthard Jedlicka, einem Freund Giacomettis, dem Giacometti-Spezialisten Casimiro di Crescenzo und Kunsthistoriker Michael Lüthy geben den abgebildeten Skizzen die passenden Erläuterungen und füllen die Wissenslücken mehr als kenntnisreich auf.

Wer sich noch nicht eingehender mit Matisse und Giacometti beschäftigt hat, kommt bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wissenschaftliche Betrachtungen zu einem Künstler sind oft etwas sperrig zu lesen. Denn jeder Betrachter hat eine andere Sichtweise auf das Kunstwerk. Hier sprechen nun aber echte Experten, die in der Kunst mehr sehen als ein gefälliges Objekt. Sie überlegen nicht, ob es zur Wohnungseinrichtung passt. Sie rücken das Objekt gerade, ziehen Parallelen zum Leben, ordnen es ein. Spannend wie ein Glauser, detailreich wie ein Mosaik, unter der Lupe des Wissens erklärt.

Henri Matisse starb nur kurze Zeit nach der letzten Sitzung am 3. November 1954 in seinem Haus Cimiez. Alberto Giacomettis Todestag jährt sich am 11. Januar 2016 zum fünfzigsten Mal.

Auf Godot wartet keiner

Amila - Auf Godot wartet keiner

Kommt der Graf ein zweites Mal zurück? Fortsetzungen waren nie das Ding von Jean Amila. Doch das Schicksal des Grafen aus „Die Abreibung“ gierte sichtlich nach mehr. In „Auf Godot wartet keiner“ tauchen einige Charaktere wieder auf, die dem Leser bekannt vorkommen.

Riton Godot hat nicht nur das Geschäft des – schlussendlich doch – „verstorbenen“ Grafen geerbt. Auch Angèle Maine ist nun seine Frau. Aber auch nur auf dem Papier. Er kümmert sich ums Geschäft, sie darum ihm das Privatleben so schwer wie möglich zu machen. Als ihre Tochter mit dem Zug in Paris ankommen soll, wird sie von Leuten aus Paconis Bande (dem großen Gegenspieler Godots) angegriffen und fast entführt. Nur das entschlossene Eingreifen eines Passanten verhindert Schlimmeres. Doch auch der Passant ist kein Unbekannter: Es ist Felix. Der Vater von Colette.

Es ist kein Zufall, dass Felix auch in der Stadt ist. Colette wuchs in seiner Obhut und der seiner Frau Janine auf. Bis Janine vor einigen Jahren bei einem Kaufhausbrand ums Leben kam. Felix bezweifelt die Theorie eines Unfalls. Jetzt hat er Beweise und will die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen. In Riton Godot scheint er einen willigen Gefährten gefunden zu haben. Doch scheint auch er seine eigenen Interessen zu verfolgen. Es geht um Millionen. Felix hat gute Vorarbeit geleistet – die Schuldigen an den Pranger zu stellen, wird ein Leichtes.

Eine vom eigenen Gatten und vielleicht sogar vom eigenen Leben angewiderte Femme fatale. Ein rachsüchtiger Mann, der die Hintermänner seines Witwertums zur Strecke bringen will. Ein Gangsterboss im Kampf um Machterhalt. Ein junges Ding, dessen Knospen zur zerbersten angespannt sind. Na wenn das kein Plot für einen spannungsgeladenen Thriller ist?! Und dann noch aus der Feder eines der Meister der Série noire…

Jean Amila spinnt ein verzwicktes Geflecht aus Eigennutz und Rachsucht. Der Leser wird immer tiefer in die Geschichte hineingezogen – es gibt keinen Ausweg. Keiner entkommt der Phantasie des genialen Autors der schwarzen Serie. Verschreckt Blicke nach links und rechts. Nichts zu sehen. Doch hinter einem lauert die Gefahr. Spannungsgeladen von der ersten bis zur letzten Seite. „Auf Godot wartet keiner“ ist die gelungene Fortsetzung von „Die Abreibung“. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Fortsetzungen doch spannend sein können.

Bis nichts mehr geht

Amila - Bis nichts mehr geht

Voller Tatendrang reist Marie-Anne nach Nomville. Sie wird dort ihre erste Stelle als Lehrerin antreten. Doch wie ernüchternd ist dieser trostlose Ort mitten in der Normandie. Ernüchternd trifft es vielleicht nicht ganz: Nomville ist die Hochburg der Schwarzbrenner. Calvados ist das Gold der Normandie. Die gesamte Einwohnerschaft scheint in dieser Apfelschnapswolke dahinzudämmern. Selbst die Kinder.

Im Dorfteich ist Francoise ertrunken. Welch ein Unglück! Denn ausgerechnet heute sollte doch gebrannt werden. Da sollte sie helfen. Und die Polizei wird auch erst geholt, wenn die Duftwolke sich verzogen hat. Und in so einem Ort, einem Ort, indem sogar der Pfarrer im Delirium predigt, soll Marie-Anne den Jüngsten etwas beibringen? Na Prost Mahlzeit!

Immer tiefer in den Strudel des Schwarzbrennens und des Alkoholschmuggels gerät sie als ihr Pierrot den Hof macht. Er verfolgt zwei Ziele. Zum Einen will er Marie-Anne beeindrucken. Zum Anderen will er ein erfolgreicher Geschäftsmann werden. Wie? Das ist klar – mit dem Gold der Normandie. Was er nicht weiß: Marie-Annes Cousin ist bei der Polizei.

Sie selbst ist eine Verfechterin des nüchternen Lebensstils. Als sie entdeckt, dass die Kinder, die sie unterrichtet, ungeniert Schnaps mit Kaffee im Unterricht zu sich nehmen, und sie anschließend auch keine Unterstützung der Direktorin erhält, weiß sie, dass das avisierte Jahr in Nomville kein Zuckerschlecken wird.

Einziger Ausblick: Pierrot. Doch der hat sein Leben auch dem Rauschgold verschrieben. Sein Karriereweg scheint steil nach oben zu zeigen.

Verfolgungsjagden, rigide Lehrmethoden, gewitzte Gauner und clevere Flics sowie ein krachender Showdown – Jean Amila liefert mit „Bis nichts mehr geht“ einen allumfassenden Krimis mit Witz und Charme ab. Knallhartes Kalkül und eine lockere Lebensauffassung der Einwohner von Nomville machen aus einem Krimi der Serie noir einen unterhaltsamen Thriller mit geradlinigen Charakteren, die das Gesetz gern nach ihrem Gutdünken auslegen. Man merkt in jeder Zeile den diebischen Spaß, den Amila beim Schreiben gehabt haben muss.

Die Abreibung

Amila - Die Abreibung

Der Graf ist zurück! Zurück in der Stadt! Zurück aus seinem (nicht ganz) freiwilligen Exil. Keiner seiner ehemaligen Kumpane weiß von seiner Rückkehr. Denn es sind noch ein paar Rechnungen offen. Bedächtig und entspannt lässt sich der Unterwelt Rene Lecomte, den alle nur Comte, den Grafen nennen, von Roger durch die Straßen chauffieren. Es ist abends, nach sieben. „Die Abreibung“ wird sich noch in dieser Nacht vollziehen. Am Morgen werden sich die Wogen wieder geglättet haben.

Der Graf will unvorsichtigerweise einige Schulden eintreiben. Allein. Roger soll im Studebaker ein paar Meter entfernt warten und die Füße still halten. Dann schallen Schüsse durch die wuchtige Stille der Nacht.

Im Krankenhaus gleich nebenan machen sich die Schwesterschülerinnen Thérèse, Aline und Sylvie für ihren Nachtdienst fertig. Säuglingsstation und Bettpfannen wechseln werden die nächsten Stunden ihren Rhythmus bestimmen. Dazu kommen noch die unsäglichen Annäherungsversuche der Ärzte, deren sie sich erwehren müssen. Auch sie werden in den Strudel aus Gewalt und Intrigen hineingezogen.

Als Roger die Schüsse hört, ist er zwischen Neugier und Pflichtgefühl hin und her gerissen. Schließlich verlässt er doch den angewiesenen Warteplatz und macht sich auf die Suche nach seinem Chef. Da ist auch schon die erste Leiche. Es ist nicht Rene Lecomte. Der liegt ein paar Meter weiter. Stark blutend. Roger fackelt nicht lange. Er überlegt und fasst einen Entschluss. Da keiner weiß, dass der Graf zurück ist, sich also alle sicher fühlen, ist das die Gelegenheit das Geschäft im Namen des Grafen weiterzuführen. Der ist schließlich einiges wert. Man munkelt, dass der Graf sogar Milliardär ist.

Einen Verbündeten findet Roger in Riton Godot. Der ist erst skeptisch, doch die Aussicht auf einen riesigen Batzen Geld, lässt ihn in das Geschäft einschlagen. Doch zuerst muss die Leiche verschwinden. Am Tatort ist jedoch kein Graf – weder tot noch lebendig zu sehen. Der hat sich mit seinen letzten Kräften ins nahe gelegene Krankenhaus geschleppt. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Jean Amila, der vor etwas mehr als einhundert Jahren als Jean Meckert das Licht der Welt in Paris erblickte gehört zu den berühmtesten Vertretern der Serie noire. Seine Romane zeichnen sich durch eine schonungslose Ausdrucksweise und exzellenten Geschichten aus der Unterwelt aus. Ab der ersten Zeile ist der Leser mittendrin im Geschehen. Platz für Sympathien gibt es nicht. Die Hauptakteure sind rigoros in ihrem Handeln. Seine Milieuschilderungen sind eindeutig. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden rasch. Die üblichen Liebchen, kaltes Eisen und geschickte Wendungen tragen dazu bei, dass man diese Krimis erst aus der Hand legt, wenn das letzte Wort gesprochen ist.